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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Das Zauberpferd

Zu einem König, der durch seinen persönlichen Mut alle Nachbarn unterworfen hatte, kam eines Tages einer seiner Vertrauten, brachte ihm ein junges Pferd und sprach: »Erweise mir die Gnade, dieses Füllen anzunehmen. Hüte es wie deine Seele; denn es verleiht seinem Besitzer Überlegenheit über alle seine Feinde.« Der König dankte ihm und entließ ihn mit reichen Geschenken. Dann zeigte er das Tier seinem Stallmeister, und dieser sprach: »Herr, dieses Füllen hat wirklich alle glückverheißenden Zeichen eines Pferdes.« Darüber freute der König sich sehr, und er wusch mit eigenen Händen den Leib des Pferdes mit Safranwasser, schmückte es mit kostbarem Geschirr, mit herrlichen Decken und Blumen, bestieg es sodann und zeigte sich allen seinen Höflingen.

Hierauf befahl er, für das Pferd einen besondern Stall herzurichten, dessen Boden war mit weichem Sand bestreut, so daß er einer Sandbank am Gangesufer glich. Der König führte das edle Tier täglich selber am Halfterband auf eine besonders saftige Weide, und wenn er sein Bad nahm, wurde das Pferd in dem erwärmten, duftenden Wasser mit gebadet. Dann prüfte der König Augen und Wimpern des Tieres und erfreute sich an seinem Wohlergehen. Nach dem Bad bestieg er das Pferd und ritt es zu einem nahen See in die Tränke.

Zwischen dem Palast und dem See lag ein kleiner Tempel, und der König unterließ niemals, unterwegs der Gottheit dieses Heiligtums seine Verehrung zu bezeigen, indem er das Bethaus mit zugewendeter Rechten auf dem Hin- und Rückweg dreimal umritt.

Die umwohnenden Fürsten, die jener König unterworfen hatte, sprachen eines Tages zueinander: »Wenn es wahr ist, daß jener nur durch die Zauberkraft dieses Pferdes unbesiegbar wurde, dann ziemt es sich, daß wir dieses Wundertier töten oder rauben.« Einer von ihnen sprach hierauf: »In einigen Tagen findet an jenem Königshof ein großes Freudenfest statt, weil dem Königspaar ein Leibeserbe geboren wurde. Gaukler und Musikanten werden auftreten, alle werden ausgelassen und sorglos sein. Diesen Umstand soll der verwegenste meiner Roßknechte ausnutzen und das Zauberpferd stehlen. Ist es in unserm Besitz, dann hat unsere Unterwerfung ein Ende.« Alle waren mit diesem Plan einverstanden, und sie verhießen dem, der zur Ausführung des Planes bestimmt wurde, beim Gelingen zehntausend Golddenare.

Der Tag des Freudenfestes kam; alles war sorglos und ausgelassen und ergötzte sich an den Speisen und Getränken, die das Königspaar gespendet hatte, und Gaukler und Musikanten belustigten die Menge. Auch die Roßknechte des Königs gingen hin und schauten auf dem Marktplatz zu, als die Frauen der Stadt zu Ehren des Thronerben einen Tanz aufführten. Und sie mischten sich unter das fröhliche Volk.

Als es nun mittlerweile Nacht geworden war, schlich jener Mensch, den die Feinde des Königs gedungen hatten, in den unbewachten Stall, bestieg das Pferd und trieb es an. Das Pferd ging in langsamem Schritt zu dem Tempel, umkreiste ihn dreimal und schritt dann weiter auf den See zu, obwohl der Reiter sich vergeblich bemühte, es nach einer andern Richtung zu lenken. Am See angekommen, blieb das Tier wie angewurzelt stehen. Alsdann schritt es wieder langsam zu dem Tempel zurück, umkreiste ihn wiederum dreimal und wandte sich hierauf seinem Stalle zu. Durch nichts war es von dem gewohnten Weg abzubringen, obschon der fremde Reiter die ganze Nacht hindurch sich mit ihm abquälte.

Beim ersten Hahnenschrei, als er fürchtete, entdeckt zu werden, gab der Reiter erschöpft sein Vorhaben auf und machte sich eilends aus dem Staube. Am Morgen fanden die Stallknechte das edle Pferd abgehetzt im Stall vor und wußten nicht, was sie davon halten sollten. Die unterworfenen Nachbarkönige aber unternahmen seitdem nichts mehr, um die Herrschaft jenes mächtigen Fürsten abzuschütteln.

*

 

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