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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Madasena und der Gärtner

Ein reicher Mann hatte eine Tochter mit Namen Madasena. Diese wandelte einst allein in dem Garten ihres Vaters; da sah sie an einer einsamen Stelle unerwartet einen Jüngling vor sich stehen, der legte grüßend die Hände auf der Brust zusammen, neigte das Haupt und redete sie also an: »Zürne mir nicht; ich bin der Gärtner deines Vaters. Seit ich zum ersten Male dich erblickte, hat die Gottheit gewollt, daß ich in Liebe zu dir entbrenne. Da ich aber deiner Gegenliebe nicht würdig bin, so möchte ich mein Leben für dich opfern, indem ich in einem sichern Versteck freiwillig Hungers sterbe.« Madasena unterbrach ihn und sprach: »Tue das nicht; es würde mich zeitlebens betrüben. Zudem ist in fünf Tagen meine Hochzeit mit dem Mann, den mein Vater für mich bestimmt hat. Wenn ich diesem in sein Haus folge, wirst du mich nicht mehr sehen, und deine verblendete Leidenschaft wird verblassen wie die Mondsichel im Frühlicht.«

Der Gärtner erwiderte: »Du weißt nicht, wie sehr ich unter der Entsagung leide. Meine Lebensfreude ist verdorrt wie eine Blume, die des Wassers entbehrt. Willst du mir aber einen Wunsch erfüllen, dann wird vielleicht die Blume meiner Jugend wieder erblühen.« Sie sprach, von Mitleid bewegt: »Rede!« Und der Gärtner fuhr fort: »Versprich mir, an deinem Hochzeitsabend mich und meinen Garten ein letztes Mal aufzusuchen, bevor meine Blumen und ich dich für immer verlieren. Tust du es nicht, dann werde ich deinen Hochzeitstag nicht überleben.«

Darauf gab Madasena ihm das Versprechen und bekräftigte es mit einem Eide. Nach fünf Tagen war Madasenas Hochzeit, und als nach der Feier der Ehemann sich anschickte, sie in sein Haus zu führen, bat sie: »Laß mich zuvor nochmals allein für mich durch den Garten meines Vaters wandeln.« Er willigte ein, und sie schritt zu der Stelle, wo sie vor fünf Tagen mit dem Gärtner gesprochen hatte. Sie fand ihn mit einer Lotusblume in der Hand und sprach zu ihm: »Erinnerst du dich, daß du vor fünf Tagen an dieser Stelle mir einen Eid abgenötigt hast, ich möge an meinem Hochzeitsabend nochmals zu dir in deinen Garten kommen, weil du sonst diese Nacht nicht überleben würdest? Siehe, ich bin gekommen, wie ich es dir gelobt hatte!«

Der Jüngling stand vor ihr, die Hände über der Brust gefaltet, und fragte leise: »Hast du deinem Gatten dies alles gesagt oder nicht?«

Madasena antwortete: »Er weiß wohl, daß ich den Garten, nicht aber, daß ich zugleich den Gärtner ein letztes Mal aufsuchen wollte.«

Der Gärtner sprach mit verhaltener Wehmut, als redete er zu sich selber: »Es ist ein rätselhaftes Wesen, das die Gottheit in der Frau geschaffen hat: was sie im Herzen birgt, enthüllt ihre Zunge nicht immer, und was auf ihrer Zunge liegt, verhüllen ihre Worte.«

Da leuchteten Madasenas Augen wie klares Mondlicht, als sie Folgendes erwiderte: »Die Schönheit eines Vogels ist sein Gesang, die Schönheit einer Frau ihre Reinheit, und die Schönheit eines Mannes ist seine Entsagung.«

Und wiederum wie vor fünf Tagen beugte der Gärtner vor Madasena das Knie, neigte das Haupt und bat leise: »Berühre diese Blume hier mit deinen Lippen – es ist der einzige Wunsch, den ich an dich, geliebte Frau, zu richten wage.«

Sie tat, wie er gebeten hatte. Darauf rief er den Segen der Gottheit auf die Neuvermählten herab. Und Madasena verließ ihn so rein wie sie gekommen war. Ihr Mann, der ihr aus besorgter Liebe unbemerkt gefolgt war, trat nach einigen Schritten auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Und Madasena gewahrte abseits den Gärtner, wie er die Lotusblume, die ihren Kuß empfangen hatte, zärtlich an seine Lippen führte.

*

 

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