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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Die tote Braut

Es lebte einst ein Mann, dem schenkte seine Frau einen Sohn und eine Tochter. Als das Mädchen das jungfräuliche Alter erreicht hatte, waren Vater und Bruder bemüht, einen würdigen Gatten für sie ausfindig zu machen. Es begab sich, daß der Vater zu einer Hochzeit geladen war und der Sohn gleichzeitig einen auswärtigen Lehrer aufsuchte. Mittlerweile meldete sich daheim ein entfernter jüngerer Verwandter zum Besuch an. Dieser Jüngling gefiel der Mutter sehr, so daß sie zu ihm sprach: »Wenn meine Tochter dir gefällt, magst du sie zur Frau nehmen.«

Zu derselben Zeit hatte aber schon der Vater die Tochter einem Hochzeitsgast zugesagt, und ebenso hatte der Bruder einem Freunde, den er bei dem Lehrer angetroffen, die Schwester versprochen. Als nach einiger Zeit Vater und Bruder in Begleitung der beiden Auserwählten heimkehrten, fanden sie bereits einen Verlobten vor.

Es waren aber diese drei Jünglinge an Tugenden, Kenntnissen und Schönheit einander ebenbürtig, und die Wahl fiel den Angehörigen des Mädchens schwer, mehr noch der umworbenen Jungfrau. Da sie sich gar nicht entscheiden konnte, brach ihr Herz, und sie starb. Darauf zogen die drei Brautwerber betrübt von dannen. Sie wanderten eine Strecke Weges gemeinsam. Untertags begaben zwei von ihnen sich abseits in einen Flecken, um Nahrung einzukaufen.

Ein ergrauter Büßer kam an dem Brunnen vorbei, wo der dritte Jüngling auf seine Gefährten bei den Reisebündeln wartete. Der Alte rastete eine Weile und fragte den Jungen nach dem sichtbaren Grund seiner Kümmernis. Darauf erzählte ihm der Jüngling, was sich zugetragen hatte. Der Alte sprach: »Wenn das Mägdlein wirklich plötzlich gestorben ist, dann gibt es ein Mittel, sie ins Leben zurückzurufen. Wer fest daran glaubt, dem ist der Erfolg niemals versagt.«

»Ich bitte dich,« bat der Jüngling, »nenne mir das Mittel, dem geliebten Mädchen das Leben wiederzugeben.« Und der alte Büßer vertraute ihm einen Zauberspruch an, den solle er an dem geöffneten Grabe hersagen, sodann möge er die Tote rütteln und schütteln und sie werde wieder zum Leben erwachen. Der Jüngling dankte dem Greise, der weiter wanderte.

Als die beiden Gefährten zurückkehrten, rief er ihnen schon von weitem zu: »Beeilet euch; denn ich weiß ein Mittel, um das Mädchen, das gestorben ist, wieder zum Leben zu erwecken.« Sie lächelten; als er ihnen aber seine Begegnung mit dem greisen Büßer erzählte, zweifelten sie nicht mehr; denn sie hatten viel über die Wunderkräfte dieser heiligmäßigen Männer der Einsiedlerwälder vernommen. So begaben sie sich wieder nach dem Ort, den sie verlassen hatten.

Als es Abend geworden war, gingen sie zu der Begräbnisstätte, und der erste Jüngling, der mit dem Büßer geredet hatte, begann zu seufzen und begann, zum zweiten gewendet: »Ich bitte dich, schaufle doch du das Grab; denn ich bin allzu traurig, um diese Arbeit zu verrichten.« Der zweite tat, wie ihm geheißen ward, und sprach sodann zu dem dritten: »Ich bitte dich, sage du den Zauberspruch her und rüttle und schüttle die Tote; denn ich bin allzu traurig, um diese Arbeit zu verrichten.« Der dritte tat, wie ihm geheißen ward, und das Mägdlein schlug die Augen auf und erwachte wieder zum Leben.

Nun aber begab sich das Unerwartete, daß alle drei Jünglinge um den Besitz des geliebten Mädchens zu streiten begannen. Nachdem dieses den dreien für die wunderbare Wiedererweckung gebührend gedankt hatte, hub es an, dies zu sprechen: »Euer Streit macht es mir unmöglich, einem aus euch als Gattin zu folgen; hat doch ein jeder von euch seinen vollen Anteil an meinem Wiedererwachen im Grabe. Darum bitte ich euch, ihr möget wieder in eure Heimat zurückkehren, ohne Groll im Herzen; ich aber will mit Dank gegen die Gottheit und euch meine Angehörigen aufsuchen.« Sie hüllte sich in ihr Linnen und schritt heimwärts; die drei Jünglinge kehrten, jeder für sich, in ihre Heimat zurück.

*

 

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