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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Der Verschwender

In einer Stadt lebte ein wohlhabender Kaufmann, dem wurde noch in hohem Alter ein einziges Kind, ein Sohn geboren. Diesen verwöhnten die Eltern sehr. Als sie starben, war der Jüngling durch Ausschweifungen verdorben. Bald hatte er sein Vermögen vergeudet und mußte mit Schande die Heimat verlassen. Er begab sich in eine entfernte Stadt und suchte dort einen begüterten Kaufherrn auf, der ein Freund seines verstorbenen Vaters war. Diesem erzählte er, durch einen Schiffbruch sei er um sein ganzes Vermögen gekommen, und aus Gram darüber habe er seine Vaterstadt verlassen.

Der Kaufmann tröstete ihn, ging dann zu seinem Weibe und sprach: »Wenn es dir recht ist, wollen wir diesem verarmten Jüngling, der ein Sohn meines verstorbenen Freundes ist, unsere einzige Tochter zur Frau geben.« Die Gattin war damit einverstanden, und bald wurde die Hochzeit gefeiert.

Nach einiger Zeit überredete der junge Ehemann seine Frau, mit ihm in seine Heimat zu übersiedeln. Sie sowohl als ihre Eltern waren damit einverstanden. Darauf händigte der Kaufherr seinem Schwiegersohn eine große Mitgift aus, und die Neuvermählten zogen in Begleitung einer alten Dienerin von bannen.

Unterwegs mußten sie durch einen Wald, und der Mann sprach zu seinem Weibe: »Hier Hausen Räuber; darum übergib mir deine Kostbarkeiten, damit ich sie in meinem Leibgurt verberge. Vor dem Stadttor kannst du sie wieder anlegen.« Darauf gab sie ihm ihr Geschmeide, ihre Ohrgehänge und Ringe. Er aber entließ die Träger, tötete die Dienerin, warf seine Frau in einen Brunnen und zog davon.

Bald darauf kam ein Händler des Weges, der vernahm leises Wimmern, schritt zu dem Brunnen und erblickte eine weinende Frau. Nachdem er sie ans Tageslicht gezogen hatte, sprach sie auf seine Fragen folgendes: »Ich bin aus der Stadt, die am Saum dieses Waldes liegt, und war mit meinem Manne auf dem Weg in dessen Heimat begriffen, als uns hier Räuber überfielen, die meine Dienerin töteten, mich beraubten und in diesen Brunnen warfen, indes sie meinen Gatten gefesselt mit sich fortführten.« Der Händler brachte die Frau zu ihren Eltern zurück. Der Vater tröstete sie und sprach: »Dein Mann lebt und wird bald zu dir zurückkehren; denn wenn die Räuber ihn umbringen wollten, hätten sie ihn nicht mitgeschleppt.«

Inzwischen hatte jener Mensch die Kleinodien seiner Frau verkauft, und den Erlös verschwendete er zugleich mit der erhaltenen Mitgift in Ausschweifungen. So wurde er ein andermal zum Bettler, der von Stadt zu Stadt irrte. Als er einst auf einer Begräbnisstätte stand und die Vorübergehenden anbettelte, traf es sich, daß seine Frau diesen Platz aufsuchte. Sie erkannte ihn trotz seiner Lumpen und sprach zu ihm: »Ich habe meinem Vater daheim berichtet, Räuber hätten uns unterwegs überfallen und ausgeraubt, meine Dienerin getötet, mich in den Brunnen geworfen und dich gebunden fortgeführt. Wenn du ein anderer Mensch werden willst, dann magst du meinem Vater dieselbe Geschichte erzählen, und ich will dir wieder angehören.«

Da weinte der Verschwender und gelobte ihr Besserung. Darauf lebten sie wieder miteinander, zuerst im Hause ihrer Eltern. Und ein zweites Mal überredete er seine Frau, in seine Heimat zu übersiedeln; denn es gelüstete ihn abermals nach berauschenden Getränken, nach Spiel und ausgelassener Gesellschaft. Als sie unterwegs an dem nämlichen Brunnen vorbeikamen, gedachte er seine Frau zuerst zu töten; aber im Gedenken an den Edelsinn, den sie bekundet hatte, fand er nicht den Mut dazu. So beraubte er sie des reichen Schmuckes, mit dem sie behangen war, und warf sie in den Brunnen.

Während er dann gierig seine Beute zusammenraffte, sprang ein Tiger aus dem Dickicht und zerfleischte ihn. Vorübergehende vernahmen das leise Wimmern der Frau, befreiten sie aus ihrer Lage und führten sie zu ihren Eltern zurück. Unter ihnen war ein Jugendfreund jenes Verschwenders, der hatte als erster das kaum vernehmbare Weinen aus dem Brunnen gehört. Dieser war ein wohlhabender und tugendhafter Mann, und als er sich um die Hand der edelmütigen Frau bewarb, da reichte sie ihm willig die Hand, und sie wurden ein glückliches Paar.

*

 

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