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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid3c092c45
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Die Brautwerber

Ein König hatte eine einzige Tochter, diese versprach er demjenigen Mann zur Gattin, der eine Kunst besaß, in der er jedermann überlegen war. Daraufhin meldeten sich zu gleicher Zeit vor dem König drei Jünglinge. Der erste von ihnen sprach zu dem König: »Ich besitze die Kunst, in einem entscheidenden Augenblick sogleich dasjenige zu wissen, was in diesem bestimmten Falle zu wissen notwendig ist.« Dann sprach der zweite: »Ich besitze die Kunst, in einem entscheidenden Augenblick Menschen und böse Geister unschädlich zu machen.« Alsdann begann der dritte: »Ich habe ein Pferd, das besitzt die Fähigkeit, seinen Reiter in einem entscheidenden Augenblick sogleich dorthin zu tragen, wohin er immer zu gelangen wünscht.«

Als der König sie angehört hatte, sprach er zu den drei Brautwerbern: Kommet morgen früh wieder, um meine Entscheidung zu vernehmen.« Darauf ging er zu seiner Gemahlin und sprach zu ihr: »Drei Bewerber um unsere Tochter sind vor mir erschienen, und ein jeder von ihnen rühmt sich einer Kunst, in der er wohl jedermann überlegen ist. Welchem von den dreien sollen wir unsere Tochter geben und wem sollen wir sie versagen?« Als die Königin vernommen hatte, wessen die drei Bewerber sich rühmten, wußte auch sie keinen Rat, und das Königspaar verbrachte den Tag unschlüssig bis spät in die Nacht.

Es begab sich aber, daß während der Nacht ein böser Dämon erschien; dieser bemächtigte sich heimlich der schlafenden Königstochter und entführte sie ihren Eltern. Es heißt nämlich, daß alles Übermaß in jeglichen Dingen vom Übel sei: die Königstochter war über alle Maßen schön und reich, die drei Brautwerber über alle Maßen in ihrer Kunst erfahren.

Als die Königstochter frühmorgens von ihren Dienerinnen vermißt wurde, erhoben diese ein Geschrei, und jeder in dem Königspalast gab sich allen möglichen Vermutungen hin. Dann erschienen die drei Bewerber und erfuhren, was sich zugetragen hatte. Darauf sprach der erste zu dem Königspaar: »Eure Tochter ist von einem bösen Dämon droben auf die Spitze jenes Berges gebracht worden.« Der zweite sprach: »In diesem Falle werde ich hingehen und den Dämon töten.« Der dritte aber sprach zu dem zweiten: »Dann besteige mein Zauberpferd, das dich in einem Augenblick dorthin tragen wird, wohin du immer gelangen willst.«

Der Jüngling tat also. Er bestieg alsbald das Pferd, kam auf den Bergesgipfel, tötete den bösen Spukgeist und brachte die geraubte Königstochter ihren Eltern zurück. Darüber herrschte bei allen große Freude. Der König aber fragte nunmehr seine Gemahlin: »Alle drei Bewerber haben ihren gleichen Anteil an der Rettung unserer Tochter; welchem von den dreien soll sie nun angehören?«

Die Königin antwortete: »Sie gehört demjenigen, der den bösen Dämon getötet und sie zurückgeholt hat; denn die beiden anderen haben ihr wohl einen Dienst erwiesen, der uns ihnen zu Dank verpflichtet, dieser aber wagte sein Leben für unser Kind, indem er den Geist bekämpfte und erschlug. Deshalb bin ich dafür, daß es die Gattin dieses kühnen Mannes werde. Den beiden anderen aber schenke zur Belohnung je tausend Münzen mit dem Bildnis deiner Tochter, dem ersten aus Silber, dem zweiten aus Gold.« Der König befolgte den Rat der Königin, und so wurde die Königstochter die Gemahlin des Jünglings, der sie aus der Gewalt des bösen Geistes befreit hatte.

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