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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Augen des Königssohnes

Dem großen König Asoka wurde ein wohlgebildeter Sohn geboren, dessen Augen waren überaus lieblich. Als der Knabe dem Vater dargereicht wurde, sprach er: »Die Augen meines Kindes sind einer blauen Lotusblume vergleichbar, und sein Antlitz ist schön wie der leuchtende Vollmond.« Hierauf fragte der König seine Höflinge: »Bei wem habt ihr schon einmal solche Augen gesehen?« Sie erwiderten: »Herr, an einem menschlichen Wesen haben wir sie noch nicht bemerkt; aber auf dem König der Gebirge, dem Himalaja, lebt der Vogel Kunala, der die gleichen schönen Augen hat.«

Der König befahl, einen solchen Vogel herbeizuschaffen. Dies geschah, und als er sich überzeugt hatte, daß der Knabe die lieblichen Augen jenes Vogels besaß, bestimmte er, sein Sohn solle Kunala genannt werden. Seitdem wurde dieser Name berühmt.

Der Königssohn wuchs heran, und sein Vater schenkte ihm eine schöne Stadt seines Landes. Er verfügte, daß er dort aufgezogen werde, und er ließ ihn behüten wie sein eigenes Leben. Dann kam die Zeit, wo der Knabe in alle Wissenschaften eingeführt werden sollte. Darum sandte der König ein eigenhändiges Schreiben ab mit dem kurzen Inhalt: »Mein Sohn Kunala möge unterrichtet werden.« Diesen Befehl schrieb der König in der Sprache des Volkes, damit er den Wärtern des Kindes verständlich wäre. Während der König schrieb, saß seine Gattin neben ihm, und als der König sich eine Weile abgewendet hatte, um sich anderer Beschäftigung hinzugeben, las jene, welche die Stiefmutter Kunalas war, das Schreiben, und die Begierde überkam sie, ihrem leiblichen Sohn den Königsthron zu verschaffen. Eilends nahm sie den seinen Pinsel, mit dem sie soeben ihre Augenbrauen gezeichnet hatte, und machte unbemerkt einen Punkt über den Anfangsbuchstaben des Wortes Adhiyan. Dadurch erreichte sie eine furchtbare Täuschung.

Der König nahm den Brief, ohne nochmals einen Blick hineinzuwerfen, siegelte ihn und ließ ihn durch einen Sendboten seinem Sohn Kunala überbringen. Dieser nahm das Schreiben in beide Hände und legte es auf sein Haupt, wodurch er seiner Umgebung zu verstehen gab, daß der Inhalt ihm heilig sei. Dann überreichte er den Brief seinem Schreiber. Dieser prüfte das Siegel, erbrach das Schreiben, las den knappen Inhalt und begann zu weinen. Er vermochte den Wortlaut nicht vorzulesen. Darum nahm der Königssohn ihm das Schreiben aus der Hand, entzifferte es selber und las, so daß jeder der Umstehenden es hörte: »Mein Sohn Kunala möge geblendet werden.«

Der Königssohn sprach zu seinen Wärtern: »Solange das erhabene Geschlecht meines Vaters den Thron dieses Landes ziert, galt ein königlicher Befehl allen Mitgliedern unseres Hauses als heiliges Gebot. Wollte ich hiervon eine Ausnahme machen, dann würde ich unseren Nachkommen das schlimmste Beispiel hinterlassen.« Damit schritt er hinaus, nahm eine Nadel, die er im Feuer glühte, und strich damit über beide Augen.

Der König erfuhr, was geschehen war, und er jammerte sehr, da er annahm, daß er sich verschrieben habe. Am meisten betrübte ihn, daß der erblindete Sohn nunmehr unfähig war, den Königsthron zu besteigen. Schweren Herzens ernannte er den Sohn jener Frau, die dieses Unheil verschuldet hatte, zu seinem Nachfolger. Seinem Sohn Kunala verlieh er die reichste Ortschaft des Landes, damit er von deren Einkünften lebe, und er brachte es nicht über sich, den Unglücklichen nochmals zu sehen.

Dem blinden Prinzen erblühte ein stilles häusliches Glück an der Seite einer Frau aus edlem Geschlecht, die ihn wahrhaft liebte. Kanals Körper war zart und seine Hände zur Arbeit nicht geeignet; wohl aber erlernten sie trefflich das Harfenspiel, und seine Stimme besaß einen angenehmen Klang, der die Herzen der Zuhörer rührte. Als seine Gattin Mutter eines Sohnes geworden war, reifte in dem Vater ein Entschluß; denn längst hatte ein milder Geist ihn aufgeklärt, daß seine Stiefmutter sein Unglück verschuldete. Er sprach zu sich selber: »Jene Frau gedachte die Königswürde für ihren leiblichen Sohn zu gewinnen; ich werde versuchen, sie für mein Kind zu erlangen.«

Er verließ sein Haus, und begleitet von einem Führer, machte er sich auf den Weg nach der Hauptstadt. Unterwegs sang er unerkannt auf den Plätzen der Städte und Dörfer Lieder zu seiner Harfe. Überall strömten die Leute herbei, angelockt wie Gazellen, und lauschten dem blinden Sänger. Dann erschien er vor dem Königspalast und stimmte ein Lied an. Der König vernahm es und sprach zu seinem Kämmerer: »Führe den Spielmann herein, damit er vor mir singe!« Der Kämmerer ging hinaus, hieß den Blinden eintreten und befahl ihm, sich hinter dem Vorhang aufzustellen; denn der Anblick eines Blinden ist keine gute Vorbedeutung für den kommenden Tag.

Der Spielmann begann zu singen, wie er das wahre Sehen erlernt habe, seitdem er blind geworden sei. Diese Worte bewegten den König, noch mehr aber ergriff ihn der Klang seiner Stimme. Er fragte seine Umgebung: »Was dünket euch: ist die Stimme dieses Spielmanns nicht der Stimme meines Sohnes Kunala ähnlich?« Niemand wagte es einzugestehen; denn keiner von allen wollte an den Schmerz seines Vaterherzens rühren. Der König aber sprach zu sich: »Ich bin erregt wie eine Löwin, die ihr Junges verloren hat.«

Der Sänger begann ein Lied zum Preis der Gottheit zu singen, deren Walten unerforschlich ist. Da konnte der König seine Tränen nicht länger zurückhalten. Er ließ die Höflinge hinausgehen bis auf seinen Kämmerer und sprach dann zu diesem: »Ziehe den Vorhang beiseite; denn meine Seele ist bewegt, weil ich beim Klang dieser Stimme meines Sohnes Kunala gedenken muß.«

Dann stieg er vom Throne und redete den Spielmann also an: »Singe nicht weiter; denn dein Gesang zerreißt mein Inneres wie ein scharfgeschliffenes Schwert. Doch ich beschwöre dich, mir zu sagen, wer du bist. Dein feingegliederter Körper verrät dich als Sproß aus einem edlen Geschlecht.«

Darauf begann der Sänger mit geneigtem Haupt und verschleierter Stimme zu sprechen: »Ich hatte einen Vater, der mich liebte, und eine Stiefmutter, die mich nicht liebte, weil ihr Herz an ihrem leiblichen Sohne hing. Weil sie die Königswürde für diesen gewinnen wollte, beging sie einen Frevel an meinen Augen, deren Schönheit meinen Vater und viele andere Menschen erfreute: sie fälschte einen Brief, den mein Vater eigenhändig an meine Wärter schrieb, daß sein Sohn unterrichtet werde, derart durch ein einziges Pünktchen, daß zu lesen war, sein Sohn möge geblendet werden. Ich fügte mich gehorsam dem königlichen Befehl und blendete mit einer glühenden Nadel meine Augen.«

Als der König dies vernommen hatte, sank er bewußtlos vom Thron zu Boden. Der Kämmerer hob ihn auf und benetzte ihn mit Wasser. Als er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, betrachtete er den Blinden prüfend und rief: »Wie ist dein Name, Fremdling?« Da straffte der Spielmann seine gebeugte Gestalt und erwiderte mit fester Stimme: »Herr, ich heiße Kunala; du bist mein Vater, und ich bin gekommen, für den Sohn, der mir geboren wurde, die Königswürde zu erlangen.«

Da umarmte ihn der König, zog ihn auf seinen Schoß und küßte ihm die gemordeten Augen. Dann ließ er seine Höflinge hereinrufen und gleichzeitig die Frau, welche den Frevel an seinem Sohn begangen hatte. Er trat auf sie zu und rief: »Versinkst du noch nicht in die Erde, du Unwürdige?« Sie blickte verwundert, und der König fuhr fort, indem er auf den blinden Harfenspieler wies: »Sieh hier den Edelmütigen, der sein Augenlicht verloren hat durch deine Hand, die mein Schreiben fälschte.« Da fiel sie ihm zu Füßen und wimmerte um Gnade.

Der König wandte sich an seine Umgebung und fragte seine Ratgeber: »Was soll ich tun? Soll ich mit eigener Hand ihr durch Axthiebe das Haupt abhacken? Soll ich selber ihr die Augen ausreißen und dann ihren Leib mit Dolchen spießen? Soll ich sie lebendig pfählen, ihr die Nase absägen und ihr die Zunge ausschneiden?« Die Ratgeber hörten bestürzt das Übermaß seines Zornes, und niemand wagte eine Antwort.

Da verneigte Kunala sich vor seinem königlichen Vater, faltete die Hände auf der Brust und sprach: »Vater, hat sie unedel gehandelt, dann handle du edel und töte kein Weib!« Diese hochherzige Gesinnung gefiel der Gottheit so sehr, daß er in derselben Minute das Augenlicht wiedererlangte. Darüber entstand eine freudige Bewegung bei allen, welche es sahen. Der Großkönig setzte in der nämlichen Stunde seinen geliebten Sohn Kunala als Mitherrscher über sein Reich ein.

Vergebens hatte indessen der Königssohn für seine Stiefmutter um Erbarmen gefleht. Sie wurde in eine Hütte gesperrt, die mit Harz bestrichen war, und diese ward angezündet. Die Gattin und der neugeborene Sohn Kanals wurden in feierlichem Zuge mit Trompeten- und Trommelschlag in die Hauptstadt eingeführt, und der König veranstaltete zu Ehren seines Enkelkindes ein großes Freudenfest, bei dem er die Armen fürstlich beschenkte.

*

 

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