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Morgenländische Märchen

Wilhelm Ruland: Morgenländische Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
authorWilhelm Ruland
titleMorgenländische Märchen
publisherGeorg Müller
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140313
projectid3c092c45
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Die Vergeltung

Ein König hatte einen Kämmerer, dem war in der Wiege von Sterndeutern geweissagt worden, er werde dereinst, ohne die Königswürde zu bekleiden, königliche Gewalt besitzen. Diese Weissagung ging in Erfüllung; denn er wurde später der erste und angesehenste Mann im Lande nach dem König. Er verwaltete sein hohes Amt eine lange Reihe von Jahren hindurch, bis die Bürde des Alters sich zusehends bei ihm fühlbar machte. Eines Tages sprach er zu seinem Herrn: »Ich bin alt geworden und nicht mehr fähig, mein Amt derart zu versehen, wie du es von deinem ersten Diener verlangen kannst; darum bitte ich dich, mir einen Gehilfen zu bestimmen, der mein Nachfolger werde.«

Der König entsprach seiner Bitte und bestimmte als seinen Nachfolger einen Höfling, den jener ihm empfohlen hatte. Dieser trat alsbald seinen Posten als Gehilfe an. Er konnte es aber nicht erwarten, die Stelle allein zu verwalten. Als er einst mit dem König allein beisammen war, redete er ihn also an: »Herr, ich habe Beweise gefunden, daß dein Kämmerer dein Vertrauen jahrelang mißbraucht hat.« Der König runzelte die Stirn und wünschte Weiteres nicht zu erfahren, weil er edelmütigen Sinnes war. Aber das Mißtrauen gegen seinen Kämmerer fraß seitdem wie Nager an seinem Herzen, und dem alternden Kämmerer blieb es nicht verborgen. Er sprach zu sich selber: »Dieser Undankbare lohnt mir die Empfehlung mit übler Nachrede. Ist auch ohnehin mein Tod nicht mehr fern, so soll er dennoch nicht ungestraft bleiben.«

Er nahm ein Kästchen, legte wohlriechende Spezereien hinein, denen er zauberhafte Kräfte verlieh, und fügte ein Stück Birkenrinde bei, das beschrieben war. Das Kästchen legte er in einen Schrein und verschloß diesen mit sieben Schlössern. Dann verteilte er sein Vermögen unter die Armen, schritt hinaus vor das Stadttor und setzte sich auf einen Düngerhaufen, um nach dem Vorbild großer Männer freiwillig Hungers zu sterben.

Der König erfuhr davon, ging zu ihm hinaus und bat ihn, heimzukehren; aber er verharrte in seinem Vorsatz wie das Meer in seinen Ufern. Darauf ließ der König dessen Nachfolger seinen Zorn fühlen. Da ging auch dieser hinaus und huldigte dem fastenden Greise, indem er Weihrauch vor ihm anzündete. Der Verschlagene hatte unbemerkt eine Weihrauchkohle in den verdorrten Düngerhaufen geworfen. Dieser fing Feuer, und der Greis erstickte, weil er gelobt hatte, diesen Platz nicht mehr zu verlassen. Alles verehrte ihn seitdem wie eine Gottheit.

Dann sprach sein Nachfolger zum König: »Erlaube mir, die Amtswohnung meines Vorgängers zu beziehen.« Er erhielt die Erlaubnis. In der Wohnung erblickte er den Schrein mit den sieben Schlössern und dachte: Darin hat er sein Vermögen aufbewahrt; denn warum hätte er sonst die sieben Schlösser angebracht! Er sprengte den Schrein auf wie eine Kokosnuß, erblickte die duftenden Spezereien und sog gleich einer Biene ihre Wohlgerüche ein. Dann gewahrte er die Birkenrinde und las darauf folgende Worte: »Wer immer die Wohlgerüche dieses Schreines eingeatmet hat und nicht beschließt, den Lebenswandel eines bußfertigen Einsiedlers zu führen, der wird alsbald vom Tod ereilt.«

Da befiel den schuldbewußten Menschen eine große Beklommenheit; denn er war überzeugt, daß ein Zauber dieses Toten nicht unwirksam sei. Allein er konnte sich nicht entschließen, dem Leben des Ansehens und Wohlergehens zu entsagen. Er ließ einen seiner Diener, der schon bejahrt war, die Düfte des Schreines riechen. Der Alte starb nach drei Tagen. Dies ging dem unbußfertigen Manne so zu Herzen, daß er in derselben Stunde die Einsamkeit aufsuchte, um dort den Rest seines Lebens zu verbringen. Also hatte sein Vorgänger für den Frevel, den jener an ihm verübte, über den Tod hinaus heilsame Vergeltung geübt.

*

 

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