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Morgen, Mittag und Abend

Ottilie Wildermuth: Morgen, Mittag und Abend - Kapitel 1
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authorOttilie Wildermuth
titleMorgen, Mittag und Abend
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesOttilie Wildermuth's Werke
volume V. Band
year1862
correctorreuters@abc.de
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I. Am Morgen

Als hoch am Himmelsbogen
Des Frühlings Sonne stieg,
Ging hoch mein Herz in Wogen
Und pochte stolzen Sieg.

Mit jedem stillen Triebe
Der Knosp' hab' ich gestrebt,
Und jedes Weh' der Liebe
Der Rose durchgelebt.

Rückert.

*

Ich weiß nicht, ob andere Nationen so reich sind an Sprüchwörtern, die mißtrauisch gegen frühes Glück machen, wie wir bedachtsamen Deutschen.

Ein Deutscher war Eulenspiegel, der weinte, wenn's bergab ging, im Gedanken an die nahe Mühe des Bergansteigens.

Morgenroth, Abend Koth. Das erste Gewinnen ist nichts nutz. Wer zuletzt lacht, lacht am Besten; wer zuerst den seidenen Rock verträgt, muß nachher den wollenen tragen. Man muß den Tag nicht vor dem Abend loben. Das sind lauter deutsche Sprüchwörter, die uns am Ende wünschen lassen, nur bald möglichst alles erdenkliche Drangsal durchzumachen, um damit eine Freikarte auf späteres Glück zu gewinnen.

Und doch ist ein heller Morgen so schön; glücklich sein erscheint ein so natürliches Vorrecht der Jugend, daß einem ein trübseliges junges Mädchengesicht wie eine Sünde gegen den Schöpfer vorkommt, und nur ungern möchte man der Jugend das lichte Morgenroth verbittern mit Hinweisungen auf einen trübseligen Abend.

Le ciel s'colaireit au couchant ist eine tröstliche französische Sentenz; und es ist auch meines Erachtens viel weniger der Abend, für den wir bangen dürfen bei einem hellen Morgen, als der Mittag.

Der Abend hat wieder seine eigne Poesie: die Luft ist kühler, man ist ein wenig müde, leichter zufrieden gestellt, man denkt an's Schlafengehen.

Aber der Mittag, der schwüle heiße Mittag, der trockne prosaische, arbeitsvolle Mittag, der ist zu fürchten, und wo ihr morgenhelles Glück sehet, da fragt nicht bedenklich: wird's auch am Abend noch so aussehen? fragt lieber: wie wird wohl der Mittag sein?

Der Mittag ist's, der die rosigen Morgenwölkchen zerstreut, sein unerbittliches Licht macht die Täuschungen der duftigen, oft nebelumhüllten Frühe klar, der Mittag des Lebens zerstört seine Morgenträume. Aber am Mittag gilt's auch, sich muthig durchzuschaffen und zu ringen, und statt sich in die Morgendämmerung zurückzuträumen, lieber voraus zu blicken nach der Ruhe des Abends; und wohl dem, der sich durchgerungen hat, zu einem klaren friedevollen Tagesschluß.

Das Amthaus.

Ein heller Lebensmorgen und eine fröhliche Jugend war denn auch den Kindern des Amthauses zu Bernheim beschieden, und mit ihnen noch Vielen, denen es unter dem gastlichen Dache wohl geworden ist.

Nicht umsonst ist die Gastfreundschaft, die so ganz weltlicher Natur scheint, in der Bibel schon als eine schöne Tugend gepriesen; eine edle Tugend ist sie, denn sie ruht nicht auf der Grundlage praktischen Nutzens, die freie, heitre Gastlichkeit, auch da, wo sie nicht Wohlthätigkeit ist, wo sie auf Gegenseitigkeit beruht. Wirthe und Gäste würden wohl mehr ersparen, wenn sie hübsch zu Hause blieben, aber ein gastliches Haus gibt unendlich mehr als Essen und Trinken und Herberge, es gibt den Reiz und das Behagen des eignen Hauses ohne seine Mühen und Sorgen, es gibt den Gästen das erwärmende Gefühl, lieb und willkommen zu sein, auch wo man nicht nöthig ist, es gibt guten Muth für die eigne Heimath, und Frische und Kraft zu der Rückkehr in's Alltagsleben.

Man klagt, und das mit Recht, daß die Gastlichkeit in unsern Tagen so im Abnehmen sei.

Das ist die Noth der schweren Zeit,
Das ist die schwere Noth der Zeit,
Das ist die schwere Zeit der Noth,
Das ist die Zeit der schweren Noth.

Sie stellt andre Forderungen, und verlangt schwerere Opfer als das fröhliche Geben der Gastlichkeit, das zugleich Genießen ist. Bringt sie immerhin diese Opfer mit willigem Herzen! Laßt die Schmäuse und Gastereien, die Spanferkel und Truthühner, die Aufsatztorten und Schmalgebäcke der guten alten Zeit untergehen und kauft statt dessen Brod für die hungernde Armuth; nehmt, wenn es sein muß, in Gottes Namen Zimmerherrn und Kostfräulein in Eure Stuben, und verkauft so das Heiligthum Eures eignen Herdes; aber Schande einer Zeit, wo bald der Bruder keinen Raum mehr findet am Tisch seines Bruders, wo Geschwister sich vom Gasthof aus die Aufwartung machen, wo an die Stelle der sorgsamen Hausfrau, des schüchternen Töchterleins, deren freundliches Gesicht die Speisen würzt, der vornehme Oberkellner des Hotels tritt, wo die Enkel desselben Ahnherrn sich nimmer kennen! Wenn es an dem ist, daß man dem Gaste mit Aengstlichkeit die Bissen in den Mund zählen muß, dann laßt uns dem Monsieur Proudhon folgen, die Familie aufheben, die Heimath schließen und die Menschheit in ungeheure Kosthäuser sperren.

Diese Abschweifung über Gastfreundschaft trifft nun das Amthaus nicht; zwar hat man damals auch schon über schlimme Zeiten geklagt, aber es war damit so böse nicht gemeint, und die Frau Amtmännin, die auch für die Armuth stets ein Tischchen gedeckt hielt, machte sich gar keine Skrupel aus der gutbesetzten Tafel, mit der sie bei ihren Gästen heitre Gesichter und klägliche Lamentationen über die großen Umstände hervorrief.

Die Tafel allein war es aber nicht, die das Haus so sonnig machte, es war die herzliche, ruhige Freundlichkeit, mit der man Jedes willkommen hieß, wenn es nicht gerade am Bügeltage kam, die unbeschränkte Freiheit, mit der man treiben durfte, was man wollte, die unendliche Behaglichkeit und unzerstörbar gute Laune, mit der der Herr des Hauses oben in seinem Lehnstuhl saß, zur Rechten seine Dose, zur Linken die Zeitung, seine Serviette umgebunden; wie er mit freundlichem Blick seine Kinder und Gäste überblickte, je mehr, desto lieber. Viel Worte waren eben seine Sache nicht, auch konnte er niemals die Namen seiner Neffen und Nichten behalten; er war manchmal so schweigsam, daß die junge Welt seiner gänzlich vergaß und sich eifrig in Gespräche vertiefte, bis er einen trocknen Brocken dazwischen warf, der zeigte, daß er alles wohl vernommen und in seiner Weise beurtheilt habe.

Der Amtmann, das einzige Kind eines reichen Vaters, hatte in jungen Jahren studirt, aber wenig Geschmack an der Jurisprudenz gefunden. Nach des Vaters Tode hatte er dessen Gut übernommen, zugleich die Schultheißenstelle des Orts mit dem Ehrentitel Amtmann; er verwaltete Amt und Güter getreulich und guten Muthes und nahm zu der Amtsverwaltung mehr seinen gesunden Menschenverstand, als die anstudirten juridischen Kenntnisse zu Hilfe.

Sein ältester Sohn, Karl genannt, wie alle braven Knaben, sollte dereinst das Gut übernehmen und wollte es noch mit einer Bierbrauerei erweitern, der war auf Reisen; Eduard, der jüngste, studirte Theologie, es freute den Vater, daß er Lust zum Studium hatte. Er selbst hatte dazu nicht viel mehr beigetragen, als daß er ihn von seinem achten Jahr an, wo er in die Kostschule kam, bis jetzt, wo er flotter Student war, nach den Ferien jedesmal mit der Ermahnung entließ: »lern' nur brav, man trägt an nichts schwer.« Aber er hatte dem Sohn seine volle Liebe gezeigt, alle Freude und Hoffnung, die er auf ihn setzte, und das wurde diesem ein mächtigerer Sporn und Halt, als bogenlange Ermahnungsbriefe.

Am gesuchtesten war das Amthaus als häusliche Bildungsstätte für junge Mädchen, und es war das eine vergnüglichere Lehrzeit als in einer französischen Pension. Die Frau Amtmännin nahm's mit dem Unterricht nicht eben so genau: »plagen kann ich mich nicht mit dem Mädchenvolk, meinte sie, »wenn sie aufmerken, so lernen sie von selbst, passen sie nicht auf, so wird ja doch nichts aus ihnen.«

So zogen denn Manche ab, ohne daß sie im Amthause mehr gelernt hätten, als Gemüse putzen und Kartoffel schälen; strebsame Geister drangen bis zum Buttertaig, bis zum Geflügel zurüsten, ja bis zum Schmalzbacken vor, was der höchste Gunstbeweis der Hausfrau war und von Friederike, dem ältesten Töchterlein, meist mit etwas scheelen Augen angesehen wurde. Alle aber ließen sich's in Haus und Garten und Umgegend recht von Herzen wohl sein, und wie die Nachkur bei Bädern, so wirkte die Erinnerung an die fröhliche, freudige Thätigkeit des Amthauses oft nachträglich mehr, als der Unterricht selbst.

Ein Sommerabend.

An dem schönen klaren Sommerabend, an dem wir endlich und endlich zum eigentlichen Beginn unserer Geschichte kommen, saßen denn zwei Mädchen unter der großen Linde beisammen, in deren Schatten gewöhnlich im Sommer Frühstück und Abendessen eingenommen wurde. Ein schöner Abend war's, und so oft auch schon Geschichten mit schönen Abenden begonnen haben, so wird man nicht umhin können es zu erwähnen, so lang es noch ein leuchtendes Abendroth gibt und einen goldenen Sonnenuntergang. Die Linde stand in voller Blüthe und herrlichem Duft, die Blüthenblättchen fielen mitunter in die große Milchschüssel, in die eben Mathilde, der neueste Zögling des Amthauses, Brod einbrockte, was zu den Elementen des Unterrichts gehörte. Mathilde war die Tochter einer Jugendfreundin der Amtmännin, die nach beendigten Kursen in der höhern Töchterschule, nun Haushaltung und Kochkunst studiren sollte. Minna, die jüngste Tochter des Hauses, Wilhelmine getauft, sonst Mine genannt, war mit Salatlesen beschäftigt; die Gedanken der Beiden flogen aber weit, weit hinaus über die prosaische Arbeit, was ihnen in so schöner Abendzeit gar nicht zu verdenken war.

»Es wäre denn doch oft hübsch, wenn man in die Zukunft sehen könnte,« meinte Minna, und schüttelte die braunen Locken zurück, die heute, weil es trocken Wetter war, noch schön geringelt das feine lebensvolle Gesichtchen umgaben, »ich wollte, es begegnete mir einmal eine Zigeunerin, aber eine von den rechten.«

»Ganz unnöthig,« sagte Mathilde, eine kräftige, blühende Blondine mit braunen Augen, »mir könnte Keine etwas Neues sagen, ich weiß vorher, wie mir's geht.«

»Oh! wie kann das ein Mädchen wissen?« rief Minna.

– »Vortrefflich, wenn sie überhaupt weiß, was sie will,« entgegnete Mathilde. »Ich kann freilich nicht wissen, ob ich lange lebe oder bald sterbe, oder so was, ob Krieg und Pestilenz kommt und dergleichen, aber ich weiß doch, daß ich nicht heirathen werde.«

»Du?« fragte Minna ungläubig.

»Ja ich,« sagte Mathilde mit großer Bestimmtheit, »ich will der Welt zeigen, daß ein Mädchen keinen Mann braucht, um glücklich und brauchbar zu sein. Ich will ein Musterexemplar von einer alten Jungfer abgeben! – was mir allein leid thut, ist: daß ich nicht hunderttausend Gulden habe.«

– »So, weiter nichts?« fragte lachend Friederike, die hoch aufgeschürzt mit der umgebundenen Küchenschürze im Geschäftsschritt herbei kam, um die Milchschüssel in Empfang zu nehmen: »na, so kluge Wünsche haben noch andre Leute.«

»Ach, nicht des Besitzes wegen,« sagte Mathilde geringschätzig, »wer wird darauf Werth legen! nein, nur deshalb möcht' ich reich sein, daß man ganz gewiß wüßte, daß ich nicht heirathen will, daß es noch ein Mädchen gibt, das seinen Werth kennt, und sich nicht für eine Null hält, die nur durch vorgesetzte Zahlen Geltung bekommt.«

»Es wäre aber doch auch schön, solchen Reichthum zu theilen mit einem edlen Herzen,« meinte Minna schüchtern. »Mit einem edlen Herzen,« lachte spöttisch Mathilde, »dem du deine Seele und dein Leben und deinen Besitz zu Füßen legst, das dann dein Vermögen in Verwaltung nimmt und dich betteln läßt um jeden Kreuzer, mit dem du die Haushaltung und die Bedürfnisse des Pascha zu befriedigen hast! Nein, so lang die Stellung der Frauen eine so unwürdige ist, werde ich mich nie so weit vergessen. Wenn ich je heirathen würde, was aber nie geschieht, so dürfte bei uns gar nie die Rede sein von Geld, der Mann müßte mir's heimlich in die Kommode legen, eh sie leer würde. Gut verwalten wollt' ich's dann schon.«

»Wenn du nur so lang gesund bleibst, bis du so Einen findest,« meinte Friederike, die sich mit großer Sachkenntniß des Salats angenommen hatte, von dem Minna in der Zerstreuung die gelben Blätter auf den Boden, die grünen in die Schüssel gelesen hatte, »und das sag' ich dir, so große Brocken in die Milch darfst du auch einmal nicht machen, wenn du einen Mann hast.« – »O, die Männer essen ja gar keine saure Milch,« sagte Mathilde, und warf trotzig den Kopf auf, »sie würden sie sehr gern essen, aber ihr Magen erträgt sie nicht, oder sie haben Bier getrunken, – das ist für die Frau gut genug; dem Herrn bringt man dann Schinken, oder brät ihm einen jungen Hahnen, und die Frau sieht zu und ißt Milch, natürlich! Nein, behüt' mich Gott vor solcher Herabwürdigung!« »Es singt ein Vogel von fern, von fern: »Was ich veracht', das hätt' ich gern.«

sang halblaut eine ziemlich rauhe Stimme im Hintergrund; die Mädchen fuhren erschrocken zusammen, man sah aber niemand; nur der Amtmann kam nach einer Weile vom Feld heimwärts und ging an den Mädchen vorbei, ohne sie zu bemerken; der war aber nicht als Sänger bekannt, und hatte auch eben nicht, was man ein musikalisches Gesicht heißt.

Das Gespräch aber war dadurch unterbrochen und die Mädchen verschüchtert; Friederike nahm den Salat und rief: »so, ihr großen Geister, bringt die Milchschüssel nach, es ist noch Suppe einzuschneiden.«

Den Beiden eilte es damit nicht sehr, es war zu schön da draußen und sie waren zu glücklich im jungen Gefühl der ewigen Freundschaft, die sie seit vorgestern geschlossen hatten, als daß sie gern in die dumpfe Küche zurückgegangen wären.

»Sieh nur, Friederike, den wundervollen Sonnenuntergang!« rief Minna dieser nach. »Hab' keine Zeit dazu, sie kommt jetzt alle Tage,« rief Friederike eifrig und ging hinein. Die Mädchen sahen ihr lachend nach; »die würde den Mond noch zur Küchenampel machen,« sagte Mathilde; »vielleicht bleibt sie darum glücklicher.« – »Nein, o nein!« rief Minna mit feuchten Augen, »Gott behüte uns vor solchem Glück! je heller Licht, je tiefer sind freilich die Schatten, aber möchtest du darum immer unter grauem Himmel wohnen? Ach das Leid hat gewiß seine tiefe Schönheit.« – »Mag sein, wir wollen's aber abwarten, rufen wir's nicht herbei,« meinte Mathilde.

In dem Augenblick ließen sich fröhliche Stimmen hören. Bruder Eduard und zwei Vettern, die elternlos sich hier im Amthaus, ihrer zweiten Heimath, zusammenfanden, kamen von einem Ausflug in der Nachbarschaft zurück. »Nun guten Abend!« rief Eduard, »so fleißig? sorgt nur für etwas Gutes, wir sind hungrig.« – »Hungrig!« sagte Mathilde ironisch, »das ist also der einzige Gedanke, den ihr von einem so herrlichen Waldgang nach Hause bringt!« – »Nun, nun, nicht gleich wieder satyrisch!« rief Vetter Otto, »das leere Körbchen zur Seite zeigt doch, daß die Damen auch nicht allein von Himmelsluft und Blüthenduft gelebt haben. Wilhelm ist schuldig, daß wir so hungrig und müde sind, er hat uns um ein paar Schafe im ganzen Wald herumgejagt. Wir, Eduard und ich, stellten nämlich im Walde in der Erinnerung an unsere Knabenzeit eine Hetzjagd dramatisch dar, da wurde eine Schafheerde von unserm Jagdruf und Herabspringen dermaßen erschreckt, daß sie nach allen Seiten auseinander rannte und Philar, der treue Hund, sie nimmer zusammen brachte. Nun nöthigte uns Wilhelm, der redliche Vikar, die Lämmlein in allen Büschen zusammenzusuchen, er schloß sich dann dem biedern Schäfer an und hörte ein Privatissimum über Stallfütterung und Schafraude, da ist's denn kein Wunder, wenn wir prosaisch geworden sind.«

»Wir haben aber doch an Euch gedacht,« sagte Eduard, und ein Programm für morgen gemacht: Morgens eine Wasserfahrt auf die grüne Insel, mit Musik und Gesang, Mittags Familientafel, Nachmittags Kaffee im Walde, Abends Hausball.«

Eben kam Friederike mit Milchtöpfen im Sturmschritt, wies Minna, die reuig über ihre Vergeßlichkeit ihre Hilfe anbot, trocken zurück, und rührte, unbewegt von Otto's und Eduards Spässen, die Milch mit einer stummen, entschlossenen Energie an, die ein schwerer Vorwurf für die zwei saumseligen Mädchen sein sollte.

Die Abendtafel wurde arrangirt; zu Mathildens innerer Indignation wurde den Herrn Schinken und Salat servirt, während die Damen sich mit Milch begnügten; es versöhnte sie nicht, daß man ihr, als dem Gaste auch anbot, sie trauerte nicht um sich, nur um ihr mißhandeltes Geschlecht.

Das Programm auf morgen wurde dem Papa vorgelegt und die Wasserfahrt vor der Hand genehmigt. Auch die Mutter hatte nichts dagegen, wenn man Pfarrers Emma dazu einlade; Friederike aber, die überall Schwierigkeiten fand, wußte, daß der Kahn keine Sitze mehr hatte.

»Thut nichts, wir legen ein Brett querüber,« sagte Eduard. – »Und Morgen früh sollten die Nudeln gewellt werden,« warf Friederike wieder ein, »wobei Mathilde helfen will, wir haben schon drei Tage auf sie gewartet, es muß nun sein: übermorgen kommt der Herr Oberamtmann.« – »Nun diesmal muß dann eben die Greth noch einmal helfen,« beruhigte die gute Mutter, »ich und die Mägde werden mit den Zurüstungen wohl allein fertig, du kannst wohl mit gehen, Rikchen.« – »Ich? gewiß nicht,« sagte diese entschlossen, »ich weiß, wie viel es noch zu thun gibt. Und tanzen dürft Ihr gar nicht, in dem Saal muß morgen schon der Tisch gedeckt werden.«

»Nur ruhig, Jungfer Schwierigkeit!« rief Eduard, »wir putzen ihn selbst wieder.« – »Das nicht, aber wir,« versicherte Minna, »und wir decken ihn dann übermorgen in aller Früh, es fehlt gewiß nicht!« – »Nun ja, in Gottes Namen, wir wollen sehen,« meinte die Mutter, während Friederike kopfschüttelnd den Tisch abräumte.

»Wie lang bleibt denn der Herr Oberamtmann hier?« fragte Otto. »Sein Geschäft dauert wenigstens drei Tage,« sagte der Vater, »ich habe morgen noch der Hände voll zu thun, bis ich alles vorbereite.«

»O weh, drei Tage mit so einem Pascha!« seufzte Eduard. – »Nun, ein so grimmiger Pascha ist er nicht,« beruhigte ihn die Mutter, »es ist ja nimmer der Alte, dieser ist noch ledig und eigentlich ein junger Herr, Wenn er gleich nicht so aussieht; »er macht gerade nicht viel.« – »Nur Rauch,« lachte Minna, »das wäre Einer für dich, Mathilde, und deine Ideen von Chevalerie!« – »Pfui, Mädchen, wer wird so ungescheidt sprechen,« zankte die Mutter, »so kleine dumme Mädchen wie Ihr, und der Herr Oberamtmann!«

»Wie wir?« und Mathilde warf wieder trotzig den Kopf in die Höh.

»Aber wie wird sich unser poetischer Nordstern mit dieser Beamtenprosa vertragen, Eduard?« fragte Vetter Otto. »Gar nicht,« lachte Eduard, »wir setzen den Oberamtmann zwischen Papa und Wilhelm, letzterer kann ihn dann über entlassene Strafgefangene unterhalten, und den Nordstern lassen wir den Mädchen.« – »Was für einen Nordstern?« fragte der Amtmann, der indeß in der Zeitung gelesen hatte, seine Brille hinaufschiebend.

»Ach, ich vergaß, Onkel,« sagte entschuldigend Otto, »Sie zu fragen, ob es Ihnen nicht unangenehm ist, wenn unser Freund, der Dichter Arwed Nordstern, Ihr gastliches Haus auf einige Tage besucht?« – »Nordstern? woher?«

– »Aus Welsburg nicht allzuweit von hier.« – »Nordstern? ist mir Keiner des Namens daselbst bekannt.« – »Ach,« sagte Otto, mit einiger Verlegenheit, »sein eigentlicher Name ist Haberstock, da er aber unter dem Namen Nordstern schreibt, so hört er sich lieber mit diesem nennen.«

»Na, hör, ich Hab' meinetwegen nichts gegen deinen Herr Haberstock, hab' schon allerhand Kostgänger gehabt, aber was den verstellten Namen betrifft, damit bleibt mir vom Leibe, wenn vollends der Oberamtmann da ist, das könnt' eine schöne Geschichte geben. Was studirt der Haberstock?« – »Eigentlich Kamerale, aber seit sein poetisches Talent erwacht ist, widmet er sich mehr allgemeinen Studien.«

»Gefällt mir nicht,« meinte kopfschüttelnd der Onkel, »habe noch niemals von einem poetischen Kameralverwalter gehört.« – »Der wird auch kein Kameralverwalter, Onkel, darauf kannst du dich verlassen, der macht seine Karrière! Und ein Redner ist er, solltest hören, was der famose Reden auf unsrer Kneipe hält! Ja, Onkel, der wird noch von sich reden machen!«

»Soll mir lieb sein,« sagte der Onkel phlegmatisch und schloß damit die Unterhaltung.

Der Ueberfall.

Recht goldig klar war der nächste Morgen und Minna, die gar wohl im Hause angreifen konnte, wenn es einmal über sie kam, hatte fröhlich singend das Frühstück besorgt, etwas kalten Küchenvorrath für die Seereise gerüstet, der Mutter bei den ungeheuren Anstalten für den Herrn Oberamtmann geholfen und harrte bereits reisefertig im Hut mit wehenden Bändern am Rande des Flusses, zu dem ein Pfad aus dem Garten führte, wo Eduard und Otto emsig mit der Zurüstung des Kahns beschäftigt waren; Friederike in Hauskleid und Küchenschürze stand bereits hinter dem Nudelbrett, würgte und wellte mit verzweifelter Entschlossenheit.

»Ein göttlicher Morgen!« rief Mathilde zu ihr herein. – »Ach ja, es ist Schade, daß wir nicht heut die Wäsche haben!« entgegnete Friederike.

»Gehst du nicht mit, Bäschen?« fragte Vetter Wilhelm unter der Küchenthüre. »Gewiß nicht,« sagte sie etwas patzig, »das wäre mir unmöglich, bei solchem Geschäft Schiff zu fahren!« Wilhelm versuchte vergeblich sie zu bereden und eilte hinab, wo das schon segelfertige Schiff eben von den Mädchen noch mit Blumen bekränzt wurde.

Eduard brachte Pfarrers fünfzehnjährige Emma herbei, die glühend roth vor Freude und Verlegenheit sich ins Schiff führen ließ, um ihren Platz neben den Mädchen einzunehmen, Vater und Mutter sahen wohlgefällig lächelnd zu, wie hübsch sich die junge Gesellschaft in dem bekränzten Kahn gruppirte, da – keuchte athemlos der alte Amtsbüttel herbei, sein entsetzliches Gesicht ließ das Schlimmste fürchten, noch eh er im Stande war, ein Wort hervorzubringen. »Der Herr Oberamtmann!« stieß er endlich hervor, als er zu Athem kam. – »Was, wie, wo?« schrie der Amtmann, diesmal auch außer Fassung, und packte den Alten am Rockkragen.

»Heut! eben angefahren! Der Schreiber hat's falsche Datum gesetzt!« Und die Mutter sah von weitem Friederiken allerlei verzweifelte telegraphische Zeichen machen und bemerkte, daß das Gefährt bereits oben am Hause hielt, ja, daß der Herr Oberamtmann in höchst eigener Person auf die Gesellschaft zuschritt.

Eduard und Otto hatten große Lust, schleunig mit dem Schifflein in See zu stechen und so allen Wirren zu entfliehen, Minna's Tochterherz ließ aber nicht zu, daß sie die Mutter in solch kritischer Lage verließ, sie sprang wieder an's Land, eben als der Oberamtmann, die Pfeife im Mund langsam vom Haus herabspazierend am Ufer ankam.

Es war soweit ein stattlicher Herr, der Herr Oberamtmann, vorne in den dreißigen, noch jung für die hohe Staffel im Leben, die er bereits erstiegen, nur etwas zu umfangreich für seine Jugend. Der Amtmann war allerdings durch seine Ankunft in schweren Schrecken versetzt, faßte sich aber bald wieder; der Fehler des Schreibers war ja nicht der seinige. »Ja was thun wir, Herr Oberamtmann? meine Vorarbeit zu Ihrer heutigen Verhandlung könnte ich etwa den Vormittag zu Ende bringen, aber früher können Sie nichts vornehmen. Wenn sich der Herr Oberamtmann sonst unterhalten könnten? ....« Dieser hatte, wie es schien, mit einigem Wohlgefallen den bekränzten Kahn, das jugendliche Schiffsvolk betrachtet, obwohl er das durch nichts ausdrückte, als durch gelindere Rauchwölkchen, die er aus der Pfeife blies. »Weiß wirklich nicht, ob Sie Liebhaber von Wasserfahrten sind?« fragte der Amtmann zum Entsetzen seiner Frau, der das eine ganz freche Zumuthung vorkam. »Hab's noch nie versucht, wäre nicht abgeneigt,« ließ sich zum Schrecken der jungen Gesellschaft der Oberamtmann vernehmen, »ist das Brett fest?« – »Wir haben starke eichene Dielen!« bemerkte mit geheimer Ironie der Amtmann, geh', Eduard, hol eine herunter.« So mußte es denn sein; die Diele ward auf den Kahn gelegt, ihre Festigkeit probirt, die Frau Amtmännin hatte einstweilen in aller Eile den Mundvorrath noch reichlich vermehrt, namentlich mit einigen vielversprechenden Flaschen, was die jungen Leute wieder in etwas versöhnte mit dem aufgedrungenen Passagier, und hatte in lauterem Respekt ihren rothen Shawl, vierfach zusammengelegt, auf die Diele gebreitet, um den Sitz weicher zu machen, zu Mathildens großer Empörung.

Endlich war der Kahn segelfertig, Eduard und Otto, die sich insgeheim schämten, daß sie sich von dem Philister so verblüffen ließen, stimmten das allbekannte Schifferlied an und die Barke stach in See.

Du Land der süßen Wonne,
O Heimath, lebe wohl!

klangen die frischen jungen Stimmen herüber, die Mama vergaß einen Augenblick Respekt und Schrecken und Gastmahl in der Freude über den lieblichen Anblick, und der Amtmann lachte herzlich, als er den schwerfälligen Oberamtmann mit seinem Meerschaum unter den schlanken jungen Gestalten sitzen sah. »Der ist gut versorgt,« lachte er, »jetzt muß ich aber an's Geschäft. Wenn sie mir nur nicht meinen Oberamtmann über Bord werfen, er war ihnen grausig ungeschickt!« – »Ich mußte nur staunen über deiner Keckheit,« sprach die Frau, »du fürchtest auch gar niemand, du würdest den Kaiser von China spazieren schicken.« – »Närrchen,« sagte lächelnd der Amtmann, – »die Zeiten sind vorbei, wo ein Beamter so ein ungeheures Thier war, wir lassen ihm deshalb doch nichts abgehen.«

Friederike erschien wieder, ihre junge Stirn in die bedenklichsten Matronenfalten gelegt: »zu Nudeln ist's jetzt natürlich zu spät, ich denke: gebackne Suppe; der Schinken ist am Feuer und der Backofen angezündet.« Eilig folgte die Amtmännin ihrer umsichtigen Tochter und der Amtmann ging in seine Schreibstube.

Die Wasserfahrt.

Minna hatte alles Ernstes der Mutter und Schwester zum Beistand dableiben wollen, aber die gute Mutter gönnte ihr die Freude gar zu Wohl und hätte auch nicht passend gefunden, die jungen Leute allein fortzulassen, ohne das verbindende Mittelglied einer Schwester. Der Gesang und die herrliche Morgenluft, die wehenden Pappeln und Weiden der grünen Ufer, die frische helle Fluth, auf der sie hinglitten, wirkten mit all ihrem Zauber aus sie, sie vergaß den gegenwärtigen Oberamtmann, die verlassene Küche, alles ging unter in dem reinen süßen Gefühl des jungen Lebens; und nur die Tagträume, die flüchtigen Kinder, die da leben von Morgenluft und Blüthenduft, von Sternenglanz und Mondenlicht, wurden wach und umschwebten sie auch mit leisen Schwingen.

Es war wirklich viel, wenn man den Oberamtmann vergessen konnte, denn der saß recht breit auf seiner Diele, den Damen gerade gegenüber, er sah ganz behaglich und wohlhäbig aus, beurkundete auch seinen chevaleresken Sinn dadurch, daß er den Rauch seiner Pfeife möglichst auf die Seite blies, ja, er ging noch weiter: als er bemerkte, wie eng die Damen saßen, so daß Emma beinahe in Gefahr war hinabzugleiten, so deutete er, gegen sie gewandt, auf den leeren Raum neben sich und sagte: »Gefällig? Platz nehmen?« Unter heimlichem Kichern schoben die Mädchen die schüchterne Emma hinüber, die eigentlich jetzt erst aus lauter Verlegenheit nur halb saß und gar nicht aus dem Erröthen hinauskam, daneben aber doch in der Stille sich freute, bis sie diese wichtige Begebenheit und unerhörte Aufmerksamkeit, die ihr widerfahren, der Mutter daheim mittheilen konnte.

Vetter Wilhelm half überall auf dem Schiff, wo zu helfen war, besonders seinem Bäschen Minna, die seine Aufmerksamkeit kühl aufnahm, löste abwechselnd die zwei Ruderer ab und bewies sich viel ausdauernder als diese, auch sang er einen guten Baß, der dem Gesang wohl anstand, der sich mehr und mehr belebte. All' die hübschen alten und neuen Schifferlieder wurden angestimmt: ›das Schiff streicht durch die Wellen‹, – ›das Wasser rauscht‹ – man glaubte sogar den Oberamtmann leise im Takt mitbrummen zu hören. Man fuhr durch unbekanntere Gegenden des Flusses, wo er von dichten Weidengebüschen eingefaßt, stiller hinzieht, wo das Schiff zwischen den glänzenden Blättern der Seerosen durchglitt und die Vöglein verwundert verstummten vor dem nie gehörten menschlichen Gesang. Minna schloß sachte die Augen und gab sich dem süßen träumerischen Reiz des Augenblicks hin. Da weckte sie Mathilde unsanft aus den lieblichen Träumen, indem sie sie in die Seite stieß und ihr zuraunte: »du, das ist doch unausstehlich!« – »Was?« – »Nun, jetzt hat er noch nichts als die vier Worte gesprochen.« – »Wer?« – »Ach, Euer dummer Oberamtmann.« – »Nun, so laß ihn schweigen, wenn's ihm Freude macht.« – »Nein, es ist unerträglich, und er ist ja noch gar nicht so alt, um sich so von allen Gesetzen des Anstandes dispensiren zu dürfen! Könnte er denn nicht mit der armen Emma ein paar Worte reden?« – »Ei, die Emma ist in sich hinein vergnügt ...« – »Hol' über!« rief's vom Ufer drüben, und verwundert sah die ganze Gesellschaft auf. Drüben, wo das Ufer wieder lichter geworden, stand eine schlanke Jünglingsgestalt in schwarzem Sammtrock mit fliegenden Haaren. »Ah, da ist er!« rief Eduard und Otto. – »Wer?« fragte sogar der Oberamtmann. »Unser Freund, Arwed Nordstern, ein junger Dichter,« beschied ihn Otto kurz, und sie stießen eilig hinüber, ohne auf die kurz ausgestoßnen dichten Rauchwolken zu achten, in denen der Herr Oberamtmann sein allerhöchstes Mißbehagen ausdrückte über diesen unverhofften Zuwachs.

»Aber woher kommst denn du in aller Welt?« fragten die Studenten den Nordstern, der leicht vom Ufer in das Schiff gesprungen war, ohne das Anlanden zu erwarten. »Ich kam im Amthause an, bald nachdem Ihr abgefahren waret,« berichtete dieser, »die Dame vom Hause war so gütig, mir den nächsten Weg zu weisen, auf dem ich Euch einholen könnte, und da bin ich!«

»Mein Freund, Arwed Nordstern,« begann nun Otto trotz des Verbotes des Amtmanns die Vorstellung: »meine Cousine, Minna Reinfeld, Fräulein Mathilde Berg, Fräulein Emma Müller, Herr Oberamtmann« – »Fürst,« ergänzte dieser kurz angebunden, »Und nun, mein lieber, du hast wie ich sehe die Guitarre bei dir, das soll unsern Gesang beleben, wir sind bald am Ziele. – ›Auf dem Meer bin ich geboren‹, stimmten sie wieder an, und unter den wohlvertrauten Klängen flog, mit frischer Kraft gelenkt, das Schifflein der grünen Insel zu, die das Ziel der Fahrt war.

Die Herrn legten an und halfen galant den Damen an's Ufer, der Oberamtmann stieg mit einiger Beschwerde selbst heraus; die Mundvorräthe wurden ausgeladen, wobei Mathilde bemerkte, daß Eduard eine leere Flasche in die Fluthen warf, die er und Otto heimlich hinter dem Rücken des Oberamtmanns ausgetrunken.

»Sahst du, wie widerwärtig er sich bei der Vorstellung benahm?« flüsterte Mathilde wieder zu Minna, er ist doch wahrhaftig nicht der große Mogul! und jetzt hat er sich den bequemsten Platz auf einem Baumstumpf ausgesucht, ohne ihn uns anzubieten; nein, so unkultivirt ist mir noch niemand vorgekommen.«

Minna hatte ganz andres zu denken, als an den unkultivirten Oberamtmann, hatte sie doch heute zum erstenmal einen Dichter gesehen, einen rechten, lebendigen Dichter! und dazu noch einen mit schönen schwarzen Augen und dunklen Haaren, die um eine edle bleiche Stirne flatterten,

Wie das Laub von Trauerweiden
Um die bleiche Marmortafel
Ueber den begrabnen Freuden.

Und er ließ sich an ihrer Seite nieder und trank aus dem Glas, aus dem sie genippt, und sprach so wunderschön über den Zauber eines solchen Morgens, und auf Eduards Bitte erhob er sich und rezitirte sein neuestes Gedicht, das Thränen in die jungen Augen trieb. Arwed war der Held der Stunde, und der Oberamtmann gänzlich vergessen, obwohl er nicht ganz ohne Wohlgefallen zu der malerischen Gruppe hinüber dampfte: die Mädchen, in ihren weiten hellfarbigen Gewändern auf den Rasen hingegossen, die jungen Leute mit den oftgehobnen Gläsern, und vollends Arweds malerische Gestalt mit der Guitarre.

Der Oberamtmann selbst saß auf einem Baumstumpf wie der östreichische Beobachter und wäre am Ende fast um Speise und Trank gekommen, die doch großentheils um seinetwillen waren mitgegeben worden, wenn nicht Wilhelm, der heute gar wenig Gehör bei seinem Bäschen fand, sich seiner angenommen hätte.

Man hatte geschmaust und beschloß nun, einzeln kleine Entdeckungsreisen auf der Insel zu machen und sich Blumen zu suchen. Minna und Mathilde gingen zusammen. »Nein, ich bitte dich, jetzt bleibt der Klotz sitzen,« begann die aufgebrachte Mathilde wieder, »und hast du nicht gesehen, wie er Alles behielt, was man ihm gab, ohne an uns zu denken.« – »Nun, warum sollte er nicht?« – »Nein, ihr Landmädchen seid doch gar zu demüthig und haltet nicht auf die Würde unsers Geschlechts.« – »Ach, die hängt nicht am Anbieten eines Tellers!« – »Die hängt an Allem!« eiferte Mathilde immer heftiger, »gerade diese Kleinigkeiten sind es, die die Frau erheben oder allmählich unterdrücken. Ich glaube, du würdest wie Ottilie in den Wahlverwandtschaften den Herrn aufheben, was sie zu Boden fallen ließen!« – »Warum nicht, wenn mir's gerade näher liegt als ihnen?« – »Nein, du hast viel zu wenig Haltung, ich wollte einmal einen solchen Pascha in die Kur nehmen!« – »So nimm!« – »Ja, ja, ich wollt' ihm die Meinung sagen, ich wollt' ihn lehren, galant zu sein!« Da durchbrach Arwed das leichte Gebüsch: »erlauben Sie nicht, daß ich mich Ihrer Expedition anschließe? – ich glaube, daß wir dort in dem dichten Gehölz die schönsten Blumen finden.« Wilhelm, der seither gutmüthig eine einseitige Unterhaltung mit dem Oberamtmann geführt, kam eben mit einem Strauß schöner Anemonen, als er aber sein Bäschen bereits am Arm des jungen Dichters sah, trat er bescheiden zurück.

Mathilde wollte nach Emma sehen, und Minna, verlegen,mit dem interessanten Gast allein zu bleiben, lud den Vetter ein, mit zu gehen. Da ging denn der gute Wilhelm voran auf den ungebahnten Pfaden, die das fröhliche junge Paar einschlug, bog die Zweige zurück und räumte die Dornen weg, die ihnen im Wege waren, und als er einmal zurückblickte und sah, mit welch strahlendem Ausdruck Minna ihr Gesicht in eifrigem Gespräch zu dem Nordstern erhob, da flog ein trauriges Lächeln über das seine.

»Der Herr Oberamtmann wollen abfahren!« schrie Eduard mit einer Löwenstimme über die Insel hin. Minna fuhr zusammen: »ach, ich vergaß ganz ... und die gute Mutter daheim und Friederike, die sich so abmüht.« – »O, lassen Sie keinen Mißlaut den reinen Klang dieses Morgens stören!« bat Arwed, »das ist Sünde.« – »Aber, wenn ich eine Pflicht versäume?« sagte schüchtern Minna. »Pflicht!« rief Arwed. »Pflicht ist, unser Leben auszuleben, rein und schön und voll und ganz, die Stunde zu genießen, die Freude in uns zu saugen mit allen Fühlfäden unseres Wesens und uns die Prosa fern zu halten; es gibt immer noch Erdwürmer genug, die mit Lust im Staube wühlen: der Adler fliege in die Lüfte, der Schmetterling schwebe über Blumen! Ist es auch Bestimmung der Rose, daß sie Oel aus sich pressen läßt?« – »Aber es ist Bestimmung des Blüthenbaums, daß er Frucht bringt,« warf Wilhelm ein. »Nun ja, dazu ist's Zeit, wenn die Blüthe abgefallen ist!« rief Arwed, »indeß:

»Vivez, aimez, c'est la sagesse,
Hors le plaisir et la tendresse
Tout est mensonge et vanité!«

Indeß hatten sie das Ufer erreicht, wo das Schiff bereits wieder segelfertig war. Mathilde flüsterte Minna noch in höchster Empörung die neue Unthat des Oberamtmanns zu, daß er sich nur ohne Weiteres wieder in's Schiff gesetzt und dadurch das Zeichen zum Aufbruch gegeben habe, ohne sie, die Damen, nur im Mindesten um ihre Meinung zu fragen.

Minna hatte nicht Zeit, ihre Entrüstung zu äußern, sie setzte sich, Arwed, mit der Guitarre zu ihren Füßen, der Oberamtmann wandte sich fragend an ihn: »Musikus?« – »Literat, mein Herr, und Studierender im Augenblick,« sagte Arwed, glühend roth, in aufbegehrendem Ton.

»Hab' nichts dagegen,« lautete des Oberamtmanns trockene Antwort, nach der er wieder in sein Schweigen versank und ziemlich starke Rauchwolken von sich blies.

Das Schiff ging nun stromabwärts leicht und leise, die Ruderer hatten es nur zu lenken, und überließen sich behaglich hingestreckt der Ruhe, man sang noch: ›Ein Schifflein ziehet leise,‹ dann verstummte allmählich der Gesang, die Schiffer schliefen ein, der Oberamtmann doste, Emma saß wieder ganz in sich vergnügt, Eduard hatte sie um ihr Sträußchen gebeten und hatte es jetzt in's Knopfloch gesteckt, darüber erröthete sie nun einmal über's andre, so oft ihr's einfiel, und besann sich, ob sie auch recht gethan, es ihm zu geben, und ob sie das auch daheim der Mutter sagen solle; Wilhelm blieb wach und lenkte das Schifflein, wo es drohte aus dem Geleis zu kommen, Minna vermied gern seinen Blick, der ihr heute so traurig vorkam, und vertiefte sich in eifrige Gespräche mit Arwed.

Plötzlich fuhr Mathilde, die indeß still dagesessen, hastig auf und faßte den Oberamtmann beim Arm, mit dem Ruf: »Sie fallen ja in's Wasser!« Wirklich war er in seinem Schläfchen nahe daran gewesen, das Uebergewicht zu bekommen und über Bord zu stürzen. Etwas ärgerlich richtete er sich auf, setzte sich wieder fester und brummte: »Dumme Anstalt!« Gegen Fräulein Mathilde aber lüftete er den Hut und sagte in einem Ton, den man ihm nicht zugetraut hätte: »Sehr verbunden.«

Das Land war erreicht, nur für die Minderzahl der Passagiere zu früh, man stieg aus, und es ereignete sich dabei zu männiglichem Erstaunen, daß der Oberamtmann Mathilden die Hand bot, freilich, als sie eben ausgeglitten war und gefallen wäre. Dann aber schritt er, unbekümmert um die Gesellschaft, dem Hause zu, Emma ließ es mit großer Verlegenheit geschehen, daß Eduard sie nach Hause begleitete, nur weil sie zu schüchtern war, es abzulehnen, Minna eilte, so schnell sie konnte dem Hause zu und suchte durch doppelte Geschäftigkeit ihre lange Versäumniß gut zu machen, wobei sie von Friederike, die im vollsten Feuer stand, etwas schnöde zurückgewiesen wurde.

Der Waldgang

Das improvisirte Gastmahl machte der Frau Amtmännin und Friederike alle Ehre, auch die Unterhaltung war lebendig und der neue Gast wurde mit der gemüthlichen Höflichkeit des Hauses in den Kreis aufgenommen; nur der Amtmann brachte ihn dadurch etwas außer Fassung, daß er ihn beharrlich »Herr Haberstock« anredete, und sich, da er in Welsburg bekannt war, in ausführliche Erörterungen über die Familie Haberstock mit ihm einließ.

Der Oberamtmann war nichts weniger als ein Polizeispion und froh, wenn man ihn außeramtlich mit Amtsgeschäften in Ruhe ließ; bei dieser Namensveränderung wandte er aber doch ein aufmerksames Ohr hinüber und fragte: »Haberstock?«

»Allerdings, Herr Kameralis Studiosus Haberstock aus Welsburg,« stellte der Amtmann förmlich vor, und fügte halblaut gegen den Oberamtmann entschuldigend bei: »Der Name Nordstern ist nur so eine Art von Cervisname oder Unnamen, wie sich die jungen Leute als zum Spaß geben.« – »Hab' nichts dagegen,« sagte der Oberamtmann; selbst Minna nahm den Namenwechsel nicht zu hoch auf, ihr war er ein Nordstern und ein Südstern, ein Morgen- und Abendstern geworden, ein Stern, der allenthalben an ihrem Himmel stand.

Die Tafel war aufgehoben, der Kaffee unter der Linde getrunken, der Oberamtmann hatte auf dem Sopha der Visitenstube ein ruhigeres Schläfchen gemacht, als auf dem trügerischen Element, und sich dann mit dem Amtmann auf's Rathhaus begeben. Die Jugend trat den Waldspaziergang an, zu dem sich diesmal auf eifriges Zureden der Mutter auch Friederike bewegen ließ, nicht ohne ein umfangreiches Strickzeug: leinene Socken mit zweierlei Garn, in die Tasche zu stecken.

»Zum Wald, zum Wald! da steht mein Sinn«

wurde nun angestimmt, und die grüne Dämmerung, mit ihren lockenden Pfaden, mit ihrem Wehen und Rauschen, mit den fernen, blauen Bergen, die sich zwischen die hohen Eichen stehlen, mit all ihrem vielbesprochenen und vielbesungenen und doch so unergründlichen Zauber, nahm sie auf.

Sie suchten die letzten Maiblumen und die ersten Erdbeeren, sie banden Kränze von jungem Eichenlaub und entdeckten heimliche und unheimliche Plätzchen und Verstecke; nur die arme Mathilde ließ heute das Gefühl der beleidigten Würde ihres Geschlechts nicht zum reinen Genuß der Gegenwart kommen. »Nun bitte ich dich, wie war's denn möglich, nach einem solchen Dejeuner noch so zu essen, wie dieser Oberamtmann, und immer wieder zuerst genommen!« – »Aber so gönne ihm doch, wenn's ihm schmeckt!«

»Nein, und die Umstände, die ihr mit ihm macht! Ein Oberamtmann ist ja gar nichts so Großes! Mein Vater war doch Medizinalrath, das ist immerhin noch mehr, und es ist uns noch nie eingefallen, darauf Ansprüche zu begründen.« – »Ich weiß aber wirklich nicht, was du auf den armen Oberamtmann hast, er ist ein harmloser Mann und guter Beamter, und du hast ihm dazu noch heute das Leben gerettet! Und als du diesen Mittag den Tisch verlassen, sah er dir noch nach und sagte zu der Mutter: ›artiges Frauenzimmer!‹ das ist vom Oberamtmann schon unerhört.« – »In der That! ihr seid doch recht bescheiden!« sagte Mathilde mit einigem Erröthen. »Nun freilich, was das Essen betrifft, so hat der Nordstern für einen Dichter auch einen recht gesunden Appetit gezeigt.«

»Das habe ich nicht bemerkt, bin auch nicht gewöhnt, unsern Gästen die Bissen in den Mund zu zählen,« sagte Minna höchlich piquirt. – »Nun, nun, Minchen, sei zufrieden, wir wollen darüber nicht unsern ersten Streit bekommen, schau, da geht dein Nordstern aus!«

Während Minna und Arwed sich Kränze von Eichenlaub flochten, saß Friederike auf einer Steinbank und strickte so eifrig, als bedürfte heute noch jemand besagter leinener Socken, um seine Heimath zu erreichen. Der gute Wilhelm leistete ihr Gesellschaft. »Hättest du denn nicht Lust, Rikchen, auch ein wenig tiefer in den Wald zu gehen?« fragte er sie. »Ach nein, es kommt mir unnöthig vor, wir sind ja durch den Wald heraufgekommen und hier ist mir's schön genug.«

»Gewiß, aber vielleicht finden wir noch einige Maiblumen.« – »O, man wird von den Bettelkindern so mit Sträußen überlaufen, ich wüßte nicht wohin mit neuen!«

»Sieh, wie hübsch!« rief Wilhelm, als Arwed und Minna mit Eichlaubkränzen den grünen Pfad herabkamen, auch Emma erschien hoch erröthet mit einem Kranz um ihren Strohhut und Eduard trug nach Jägerart einen Zweig an der Mütze, Mathilde hatte mit Otto ein nothgedrungenes Bündniß geschlossen und sarkastische Bemerkungen über die anwesenden Paare und den abwesenden Oberamtmann ausgetauscht, auch sie hatte einen Kranz um ihre blonden Haare nicht verschmäht. »Nun müssen wir uns doch auch bekränzen,« meinte Wilhelm, eifrig Eichenlaub pflückend. »Ich danke, um den Kopf thue ich keinen Kranz,« sagte Friederike trocken, »die Leute halten uns ja für Narren, wenn wir so heimgehen.«

»Immerhin!« rief Arwed, »eine Stunde glücklicher Narrheit ist ein ganzes, langes, vernünftiges Leben werth!«

Friederike ließ sich denn doch noch bewegen, ein Sträußchen anzustecken, packte dann eifrigst ihr Strickzeug zusammen und erklärte, sie müsse heim, die Andern könnten thun was sie wollten.

Die Paare setzten sich in Bewegung, die Guitarre hatte Arwed daheim gelassen, deklamirte aber dafür ein Waldlied, eigene Dichtung, mit dem Refrain:

O du grüne Nacht, du heimliche Nacht,
O du süße, du herrliche Waldespracht!
Ich trage mein tiefes, unendliches Leid
In deine stillheilige Einsamkeit.

Mathilde, die heute recht bösartig sein konnte, unterbrach ihn nach einer Strophe: »Aber, Herr Nordstern, worin besteht denn eigentlich Ihr tiefes Leid? Sie haben uns ja erst diesen Morgen gesungen:

»Die Erd' ist eine Schaale Von grünem Edelstein, Draus schlürf ich froh das Leben, Den glüh'nden Feuerwein!«

Ein zorniger Blick traf sie, dessen man Minna's sanfte Augen nicht fähig gehalten hätte, Arwed aber ließ sich nicht niederschlagen und erwiederte der Spötterin aus dem Stegreif:

»Was ist des Dichters Freude?
Nur eine schimmernde Thräne,
Was ist des Dichters Leide?
Ach nur ein seliges Sehnen.«

»Hat einen Buchstaben zu viel,« flüsterte die boshafte Mathilde, der Minna beinahe die Freundschaft aufgekündigt hätte.

Man näherte sich indeß dem Amthause. Die Bauern, die dem kleinen Zug begegneten, sahen etwas verwundert auf die bekränzten Paare, ein kleines Mädchen fragte zu Minna's tiefem Erröthen: »Mutter, ist dehs a Hauzig?« Hochzeit. weßhalb Friederike darauf bestand, daß sie die Kränze ablegen müßten. Vergeblich! Otto raubte ihr ihr Strickzeug, spießte es auf seinen Stock und trug es im Triumphe voran, als Zeichen, wie er sagte, daß auch solide Leute nachkommen. Beleidigt darüber, machte sie sich trotz alles Widerstands von der Gesellschaft los, und stand bereits, Cottelets klopfend, in der Küche, als die andern singend zum Hause einzogen, nur der gutmüthige Wilhelm war ihr nachgeeilt und hatte ihr ihr Strickzeug ausgeliefert.

Der Hausball war natürlich unstatthaft, und der inhaltreiche Tag endete mit einem Souper on famille ohne weiteres Ereigniß, als daß der Oberamtmann Mathilden eine Platte mit Waffeln angeboten, Notabene, nachdem er sich selbst zuvor genommen hatte, und daß er einigemal, namentlich mit Wilhelm, etliche Worte mehr gesprochen hatte, als seine gewöhnliche Phrase: »Hab' nichts dagegen.«

Das Ständchen.

Es war schon ziemlich spät in der Nacht. Minna war darauf bestanden, Friederiken in, der Küche zu helfen, bis sie beide zusammen zu Bette gehen konnten. Friederike war mit der Mahnung: »Lösch gleich das Licht!« alsbald in gesunden Schlaf gesunken, Minna aber war noch so wach! sie öffnete das Fenster und sah in die helle Mondnacht hinaus, – da legte sich leise Mathildens Hand auf ihre Schultern, die aus ihrem Stübchen daneben herübergekommen war. »Bist du böse, Minchen?« fragte sie gutmüthig. »Ich? o nein, warum denn?« – »Nun, weil ich deinen Nordstern so angegriffen.« – »Ach gewiß nicht, aber es that mir doch weh, daß du...« in Minna's Augen glänzten Thränen. »Aber Kind, Kind!« sagte Mathilde, lächelnd mit dem Finger drohend, »du wirst doch nicht so thöricht sein und auf einem Regenbogen deinen Weg durch's Leben machen wollen!«

»O geh,« sagte Minna, jetzt in Thränen ausbrechend, »Wer denkt denn an so etwas! er ist mir ja fremd und ganz, ganz gleichgültig, – aber es thut mir nur weh, daß auch du das Schöne und Ideale herabziehen willst...« – »Ganz, ganz gleichgültig, Minchen?« fragte Mathilde.

Minna konnte nicht antworten, drunten aus der nächtlichen Stille tönte der leise Klang einer Guitarre, eine schöne männliche Stimme begann in etwas gedämpftem Ton zu singen:

O gib vom weichen Pfühle
Träumend ein halb Gehör.
Bei meinem Saitenspiele
Schlaft! was willst du mehr!

Beim ersten Klang waren die Mädchen unwillkührlich an's Fenster geeilt, da lehnte im Schatten eine schlanke, edle Gestalt mit der Guitarre im Arm. Minna zog sich leise zurück, sie kniete nieder an dem Stuhl am Fenster, um nicht gesehen zu werden, und barg ihr Gesicht in die Hände, aber Mathilde konnte sehen, wie ihre Brust sich hob und senkte in heftiger Bewegung, wie sie die glänzenden Augen hie und da erhob, um besser zu lauschen; es war ja das erstemal!

»Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer...«

begann der Sänger wieder, da streckte ein Stockwerk weiter unten der Herr Amtmann seinen Kopf in der weißen Nachtmütze aus dem Fenster: »darf keine Musik da drunten gemacht werden! schickt sich nicht.«

Plötzlich erstarb der Ton, und man hörte nur das leise Geräusch eines sachte Abziehenden. Mathilde lachte herzlich über die Unterbrechung, Minna erhob langsam ihr glühendes Gesicht und sagte leise: »aber du solltest nicht lachen, du mußt dich morgen entschuldigen.« – »Ich! warum?« – »Nun, es hat doch dir gegolten,« sagte Minna noch verlegner. »Mir! o du dummes Kind, wie magst du so lügen! und weißt doch so gewiß, wem es galt! Steck immerhin den Kopf in den Busch, man sieht dich doch!« – »Ach nein, aber es wäre mir doch gar zu unangenehm, wenn es ja sonst jemand gehört hätte! und der Papa! meinst du, Arwed habe es wohl übel genommen?« – »Ach nein, deinen Vater kennt ja jedermann.« – »Vielleicht hat er auch nur zufällig da unten noch gesungen,« meinte Minna. »Ganz zufällig,« lachte Mathilde und küßte ihre heißen Wangen: »gute Nacht, Minchen!

Schlummre süß,
Träume dir dein Paradies!«

Mathilde hatte ihr Licht schon gelöscht und war am Einschlafen, da flüsterte ihr noch eine leise, leise Stimme in's Ohr: »meinst du, es habe mir gegolten?« und sie fühlte Thränen an ihrer Wange; ehe sie sich aber aufrichten konnte, war Minna hinübergeschlüpft, um schlummerlos seligere Träume zu träumen, als der süßeste Schlaf bringen kann.

So schloß ein Tag, – ein sonnenheller Tag. Wie manchen Baum sehn wir in voller Blüthe; der Herbst muß zeigen, ob die Blüthe eine gesunde war.

Nach drei Jahren

Mathilde an Minna

Liebste Minna!

Ihr habt immer behauptet, ich komme nie in Verlegenheit, und ihr habt mir damit sehr Unrecht gethan, denn gerade jetzt bin ich in der allergrößten Verlegenheit, wie ich Dir eine Neuigkeit mittheilen soll, die Du doch erfahren mußt. Nun, ich sehe aber auch gar nicht ein, warum mich's verlegen machen soll, habe ich doch auch ein Recht, zu thun was ich will, so gut wie andre Leute. Also, jetzt sag' ich's gerade heraus und Du brauchst dich gar nicht zu wundern, hörst Du's! Seit gestern Abend bin ich Braut mit dem Regierungsrath Fürst, nun ja, mit Eurem Herrn Oberamtmann vor drei Jahren. So, jetzt weißt Du's, und am Ende überrascht Dich's nicht einmal.

Wie es eigentlich gekommen, das ist schwer zu sagen, ich weiß es selbst nicht so recht. Du weißt ja, daß er als Regierungsrath hieher befördert wurde und daß der Zufall es fügte, daß er sich in demselben Haus einmiethete, wo wir wohnten. Er wußte natürlich nichts davon; als ich ihm aber einige Tage nach seiner Ankunft im Hausgang begegnete, erkannte er mich zu meiner Verwunderung und sagte mit einer kurzen Verbeugung: »Fräulein Berg? schon 'mal das Vergnügen...« Du weißt, das ist schon viel von ihm.

Er machte der Mutter einen Anstandsbesuch, und da er sehr solid lebt und viel zu Hause ist, so kam er noch manchesmal, meist nach Tisch zum Kaffee. Du weißt, er spricht nie viel, und ich kann nicht ertragen, wenn nichts gesprochen wird, so habe ich denn vielleicht manchmal unnöthig viel geredet. Das erstemal rauchte er nicht bei uns, sah aber so unbehaglich aus, daß ich das nächstemal fast froh war, als er seine Pfeife herauszog und die Mutter fragte: »genirt nicht?« Es war zwar unartig, daß er mich nicht auch gefragt, aber, was wollt' ich machen? es freute mich doch zu sehen, wie es ihm nun behaglich wurde, und man sagt mir, daß der Tabakrauch gut für meine Blumenstöcke sei.

Nun, daß ich's kurz mache, wie ich einmal heimkam, sagte mir die Mutter, daß der Regierungsrath bei ihr um mich geworben (ich wäre gar zu gern dabei gewesen, da muß er doch mehr als drei Worte gesprochen haben!), und morgen wolle er kommen und meine Antwort holen. Ich fiel wie aus den Wolken. Die Mutter wünschte, daß ich Ja sage, denn er ist sehr geschickt (und auch gescheidt und gebildet, ich versichere Dich, obgleich er so wenig spricht), aber sie ließ mir ganz freie Wahl. Nun, zuerst wollt ich gar nicht, dann wollt' ich mich besinnen, aber lange, recht lange; das Warten würde ihm gar nichts schaden. Dann beschloß ich endlich, ihn doch am nächsten Tage kommen zu lassen, aber nur um ihm all meine Bedenken wegen seiner Schweigsamkeit, seines Mangels an chevalereskem Benehmen, überhaupt meinen Zweifel, ob er ächte wahre Liebe für mich empfinde, auseinander zu setzen; das Jawort, wenn ich mich je dazu entschlöße, wollt' ich ihm noch recht sauer machen!

Wie er nun am nächsten Tag die Treppe herauf kam, versteckte ich mich, und war erst auf Zureden der Mutter zu bewegen, herein zu gehen. Da saß er: mit der Pfeife, die legte er aber bei Seite, das war schon viel von ihm, nicht wahr? Ich erwartete mit klopfendem Herzen, er werde nun seine Werbung bei mir selbst anbringen, und ich gestehe, ich war recht begierig, wie er das machen würde. Er aber sprach kein Wort, er sah mich nur an, als ob er von mir eine Erklärung erwarte, und als ich schwieg, fragte er endlich: »Mutter gesprochen?« Nun konnte ich's doch nicht ignoriren, ich sagte also, daß ich durch die Mutter von seinem ehrenvollen Antrag wisse, daß ich aber fürchte, unsre Naturen stimmen nicht zusammen... »Gerade,« warf er ein. – »Daß ich fürchte, es sei nicht tiefe innige Liebe, die ihn zu mir führe«... »was sonst?« fragte er: das machte mich etwas verlegen und – »daß ich fürchte, er verstehe und achte die tieferen Herzensbedürfnisse, die zarteren Rechte und Ansprüche meines Geschlechtes nicht genug,«... ich verwickelte mich wirklich ein wenig; es brachte mich so aus der Fassung, daß er auch kein einziges Wort erwiderte. Als ich still blieb, stand er langsam auf und fragte: »also nein?« Ich versichere Dich, Minna, er sah dabei recht traurig aus, da dauerte er mich doch, und ich sagte etwas vorschnell in meinem Mitleid: »nun, das nicht gerade.« – »Ja?« fragte er und bot mir die Hand hin. »Nun, verachte mich nicht, Minchen, ich gab ihm die meinige, und eh ich wußte wie? stand ich als seine Braut vor der Mutter. Es ärgert mich jetzt noch, daß ich's ihm nicht ein Bischen schwerer gemacht, und daß er mich eigentlich erschwiegen hat, nicht errungen; aber ich kann nichts mehr ändern, es ist geschehen, und ich versichere Dich, er fühlt sich sehr glücklich, wenn man's ihm auch kaum anmerkt. Ich fürchte, daß ich ihn noch ein wenig verwöhne, aber das gibt sich mit der Zeit; als Braut muß man doch sachte thun mit Reformen. Die Pfeife bin ich nun schon gewohnt, ich kann mir Ludwig gar nicht mehr ohne sie denken. Denke, er spricht schon von Hochzeit; richte nur den Brautjungfernstaat.

Deine Herzensangelegenheit, meine arme liebe Minna, habe ich nicht vergessen. Ludwig muß mir versprechen, für Deinen Arwed ein kleines Amt aufzufinden, das er ohne das leidige Examen erlangen kann, da Dein Vater nun eben darauf besteht, Deine Zukunft auf festern Boden als die Schwingen eines Pegasus zu gründen. Ludwig, der sich's selbst mit seinen Studien sauer werden ließ, denkt zwar etwas streng und reell, und ich weiß noch nicht, wie ich's ihm beibringe, aber ich sorge gewiß dafür. Da ich nun einmal meine goldne Freiheit verscherzt, kann ich nichts Besseres thun, als mich in der Gefangenschaft glücklich fühlen, und dann darfst Du, meine Liebe, auch nicht unglücklich sein.

Und nun lebe wohl, beklage mich nicht zu sehr, ich schicke mich ordentlich in mein Loos; um nicht zu viel auf einmal zu sagen, unterschreibe ich mich inzwischen

Deine
zufriedene Mathilde.

Noch eins! Bitte Friederike, mir eine Sammlung erprobter Kochrezepte, hauptsächlich zur Bereitung von Braten und Ragouts zu schicken, Ludwig ißt alle Sonntag Abende mit uns, da möcht' ich doch einige Abwechslung in unser gewöhnlich so einfaches Souper bringen.

Sechs Jahre später

Minna an Mathilde

Endlich am Ziele! Endlich darf ich Dich, wenn auch nicht mehr als Brautjungfer, so doch als ehrbare Brautfrau, als meine liebe theilnehmende Gefährtin zu meiner Hochzeit einladen. Wir wollen sie am zwölften Juni feiern, acht Jahre nach jenem sonnigen Tage, wo wir uns zum erstenmal gesehen. Acht Jahre! ach sie dünken mir nicht lauter einzelne Tage, wie dem Erzvater Jakob seine sieben, es sind lange schwere Jahre darunter.

Ich bin so müde von dem sauren Wege, den wir zu durchlaufen hatten, daß ich mich noch nicht recht des Zieles freuen kann, und ich muß mir die schönen ersten Zeiten recht lebendig zurückrufen, um meines Glücks wieder froh zu werden. Jene Wasserfahrt, weißt Du's, Liebe, und das erste Ständchen? O, es kamen noch schöne Stunden nach diesen: im Walde, im Garten, selige Überraschungen, wo er oft rasch angesprengt kam auf seinem schäumenden Roß, wo er mich suchte auf meinen lieben einsamen Gängen, und wo in der Laube zum erstenmal unsre Herzen Worte fanden; – Du weißt ja längst schon alles. Es war so einzig schön bis zu dem Augenblick, wo ich mich dem Vater entdeckte und dieser von Arwed ernste Rechenschaft forderte: worauf er die Zukunft seines Kindes gründen wolle. Ach, wir hatten so glückselig im Augenblick gelebt, und Sorge für die Zukunft ist so gar nicht unsre Sache!

Und dann kamen die langen, trüben Zeiten, der schmerzliche Kampf zwischen Liebe und Pflicht, o es ist ein schweres Gefühl, zu lieben ohne Elternsegen, das erste Leid, den ersten Zwiespalt in eine bis dahin so friedliche und frohe Heimath zu bringen! Und wie peinlich war mir wieder die Sorge, mit diesen Forderungen an eine solide Existenz ein Bleigewicht an Arweds hochstrebende Talente zu hängen, so oft mich auch der Vater versicherte: wenn etwas Rechtes in ihm ist, so muß es herauskommen dir zu Liebe. Dann der Zweifel an dem Geliebten selbst, an dem Ernst seiner Liebe, die geheime Furcht, mit der ich seine Worte, seine Blicke beobachtete, ob sich kein leiser Ueberdruß darin zeige! O Mathilde, Arwed muß mir unendlich viel Liebe und Treue erweisen, er muß mich auf den Händen tragen durchs Leben, um mir alles zu vergüten, was ich für ihn gelitten!

Vor zwei Jahren, am Sterbebett der Mutter, bot ich den Eltern an, meiner Liebe zu entsagen; die gute, ach, die zu gute Mutter nahm mein Opfer nicht an. »Du sollst nicht in der Bewegung des Augenblicks deine Wünsche hingeben,« sagte sie, »bitte Arwed, daß er dir Vater und Mutter sein soll, und versprich du mir, daß du glücklich mit ihm sein willst, meinen Segen sollst du haben, liebes Kind, von hier und von dort.« Die gute Mutter! kann man auch versprechen, daß man glücklich sein wolle?

Doch warum mich quälen mit dem, was nun vorüber ist? wir sind ja im Hafen, und wir werden so glücklich sein! Gewiß, gewiß, Arwed wird mir alles, alles ersetzen! eine selige Stunde für jede Thräne hat er mir verheißen. Es ist ein bescheidenes Loos, das uns gefallen, aber

ein Herz nur ach! und eine Hütte!

mehr haben wir ja nie gewünscht. Die Bedienstung, um die sich Arwed mir zu liebe bemühte, und die uns die Güte Deines Mannes verschafft, reicht gewiß für alles Nöthige, und einmal bahnt sich Arweds Talent sicher noch den Weg; hat er doch die Herausgabe seiner Gedichte erlangt, wenn auch zunächst noch mit Opfern; und eine Rezension von seinem Freund Woldemar ist recht günstig. Er dichtet, Dir im Vertrauen gesagt, an einem großen Epos: Otto der Thatenlose; das muß unser Glück begründen, wenn es vollendet ist.

Wir haben eine allerliebste Wohnung in einem Garten gemiethet, etwas theuer und entlegen, aber die Heimath muß uns ja Alles sein, darum richte ich mich auch in der Einrichtung ganz nach Arweds Wünschen. Eine schöne harmonische Umgebung ist für einen Dichter Bedürfniß, daran kann ich nicht sparen, nachher wollen wir denn schon recht einfach leben. Eine kleine Reise wollen wir uns auch nicht versagen, ich bin so lange nur in Gedanken gereist, und Arwed möchte mir gerne die schönen Stellen zeigen, wo er zuerst erfaßt wurde vom Hauch der Poesie. Nur wenige Wochen in die Schweiz, eh wir uns einspinnen in unsre Hütte und Arwed auf die Kanzlei muß; – trostloser Gedanke!

Wilhelm, dem guten Vetter Wilhelm, haben wir zunächst für des Vaters Nachgiebigkeit zu danken. Es ist ein treues Herz, so oft wir auch über seine Philisterhaftigkeit gelacht haben. Es hätte ihn nur ein Wort von seiner Liebe, die ich so wohl errathen, bei dem Vater gekostet, so hätte es mir schlimmes Spiel gemacht, denn des Vaters Wünsche waren unschwer zu errathen; aber die gute Seele hätte lieber dem Vater weis gemacht, er verabscheue mich, nur um mir nichts zu erschweren. Ich glaube, er ist aus purer Güte noch im Stand und wirbt um Friederike, die, soweit ihr Herz nicht im Küchendampf aufgegangen ist, ein sichtliches Interesse an ihm nimmt.

Was diese mir in den letzten Jahren mit ihrem nüchternen Gutachten, ihrer Geringschätzung Arweds, zu Leide gethan hat, das vergütet sie jetzt durch ihre umsichtige Fürsorge für Aussteuer, Hochzeit u. dgl., wiewohl es lauter Wettrennen mit Hindernissen sind.

Also komm gewiß, wenn es Dein gestrenger Herr erlaubt; ihn selbst einzuladen hätte ich nicht den Muth, da unsre Hochzeit nicht zu den Weltereignissen gehört, die ihn bewegen könnten, einen Tag Urlaub zu nehmen.

Komm, meine Liebe, und bringe mir die Erinnerung der alten Tage mit und mein junges hoffnungsreiches Herz. O zweifle nicht, daß ich mich glücklich, überglücklich fühle! Aber Liebste, wenn ich nimmer leben sollte bis Deine Lina erwachsen ist, so sag' ihr als Vermächtniß ihrer Pathe: sie soll nie, nie ein Glück erzwingen wollen gegen der Eltern Willen. Lebe wohl, zum letztenmal

Deine
Minna Reinfeld.

Etwas später

Friederike an Eduard

Lieber Eduard!

Obgleich Du ja bald zu Minens Hochzeit hieher kommst, so meint der Vater doch, ich solle Dir vorher noch mittheilen, daß ich seit gestern mit unserm Vetter Wilhelm, der, wie Du weißt, Pfarrer in Waldburg ist, versprochen bin. Ich bin recht glücklich, einen so rechtschaffenen Mann zu bekommen, auch der Vater ist sehr vergnügt darüber. Die nahe Verwandtschaft hat uns einiges Bedenken gemacht, aber Du weißt, daß Wilhelms Mutter ja nur eine Halbschwester von unsrem Vater war. Auch ist in Wallburg Wassermangel, was ich gar nicht leicht nehme, aber Wilhelm meint, man werde einen Brunnen im Pfarrhof graben können; ich denke, die Kosten übernimmt die Herrschaft.

Mit der Hochzeit eilt es natürlich nicht, ich sehe noch gar nicht hinaus, wie wir mit den Sachen der Mine fertig werden, da alles auf mir allein liegt. Du könntest vielleicht einen Kalbsschlegel zur Hochzeit bestellen, ein Schwein schlachten wir selbst.

Mine ist für gar nichts, ich weiß nicht, was die für eine Hausfrau geben soll, sie schreibt die schönsten Briefe in einer Stube so voll Gruft, daß ein Reiter sammt dem Pferd darin verloren gehn könnte; ich muß allein für alles sorgen.

Nun behüte Dich Gott; Wilhelm grüßt Dich recht schön als seinen neuen Schwager; schicke Deine Waschkiste nimmer vor der Hochzeit, ich halte die große Wäsche nachher.

Wir grüßen Dich Alle

Deine treue Schwester
Friederike.

N. S.

Die verwittwete Frau Pfarrer Müllerin kann dem Vater die Haushaltung führen, wenn ich nimmer daheim bin.

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