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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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6. Vance bietet eine Meinung an

Samstag, 15. Juni, 14 Uhr

Wir saßen noch eine Weile schweigend da und rauchten. Vance sah auf den Madison Square hinaus, Markham blickte stirnrunzelnd auf das verblichene Ölporträt des alten Peter Stuyvesant, das über dem Kamin hing. Dann wandte sich Vance um und sagte lächelnd zu dem Staatsanwalt: »Ich war immer schon überrascht, Markham, wie schnell ihr Ermittler von dem in die Irre geführt werdet, was ihr als Spur bezeichnet. Ihr findet einen Fußabdruck – und der Fall ist für euch geklärt. Begreift ihr denn niemals, daß man Verbrechen nicht durch das bloße Vorhandensein von sichtbaren Spuren aufklären kann?«

Ich glaube, Markham war so überrascht wie ich über diese Kritik, aber wir kannten Vance beide gut genug, um zu wissen, daß er es trotz seines lässigen Tonfalls ernst meinte.

»Würdest du uns also raten, alle offensichtlichen Beweismittel nicht zu beachten?« fragte Markham.

»Ja«, erklärte Vance ruhig. »Sie sind nicht nur wertlos, sondern sogar gefährlich. Das Unglück ist, daß du und deine Leute bei jedem Verbrechen fest und unerschütterlich davon überzeugt seid, daß der Verbrecher entweder ein Halbidiot oder zumindest ein blutiger Anfänger ist. Ist euch denn eigentlich noch nie der Gedanke gekommen, daß ein Anhaltspunkt, der von einem Detektiv gefunden werden kann, von dem Verbrecher auch bemerkt wird? Der Verbrecher wird ihn also entweder entfernen oder so verändern, daß er auf die falsche Spur führt. Und habt ihr noch nie darüber nachgedacht, daß jemand, der gerissen genug ist, ein Verbrechen zu planen und auszuführen, auch durchaus in der Lage ist, so viele Spuren zu legen, wie er für richtig hält? Ihr Detektive weigert euch hartnäckig einzusehen, daß der erste Eindruck, den ein Verbrechen macht, eine bewußte Täuschung sein kann und die Fingerzeige, die gefunden werden, bewußt als falsche Spuren ausgelegt sein können.«

»Ich fürchte«, sagte Markham ironisch, »daß wir mit deiner Methode nicht sehr viele Kriminelle hinter Schloß und Riegel gebracht hätten. Du mußt wissen, daß Verbrecher gemeinhin nicht von Außenstehenden beobachtet werden.«

»Das ist eben euer fundamentaler Irrtum«, bemerkte Vance lässig. »Jedes Verbrechen kann von Außenstehenden wahrgenommen werden, genau wie jeder schöpferische Akt in der Kunst. Es stimmt einfach nicht, daß kein Mensch den Kriminellen oder den Künstler tatsächlich bei seiner Arbeit sieht. Der moderne Detektiv würde sich zweifellos weigern zu glauben, daß Rubens die Kreuzabnahme in der Kathedrale von Antwerpen gemalt hat, wenn er genug Beweise hätte, daß Rubens zu dieser Zeit verreist war, beispielsweise in einer diplomatischen Mission. Und doch, mein Lieber, wäre eine solche Annahme sehr voreingenommen. Selbst wenn die Beweise des Gegenteils überwältigend wären, würde das Bild selbst zur Genüge beweisen, daß es von niemand anderem als von Rubens sein kann. Es trägt die unauslöschlichen Züge seiner Persönlichkeit und seines Genies – und zwar nur seines.«

»Ich bin kein Ästhet«, erinnerte ihn Markham, »ich bin nur ein schlichter, praktischer Staatsanwalt, und wenn es darum geht, hinter ein Verbrechen zu kommen, ziehe ich eben greifbare Beweise metaphysischen Hypothesen vor.«

»Deine Vorliebe, mein lieber Freund«, entgegnete Vance, »wird dich unausweichlich in viele peinliche Irrtümer verwickeln.« Langsam zündete er sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke.

»Betrachten wir zum Beispiel deine Schlüsse in diesem Mordfall«, fuhr er fort, ohne sich im geringsten aufzuregen. »Du arbeitest unter der schwerwiegenden falschen Voraussetzung, daß du die Person kennst, die Benson umgebracht hat. Soviel hast du immerhin dem Major gegenüber durchblicken lassen. Und du sagtest, daß du fast genug Beweise hast, um eine Verurteilung herbeizuführen. Zweifellos besitzt du etwas, was wie ein überzeugender Beweis aussieht. Aber in Wirklichkeit hast du die schuldige Person überhaupt noch nicht im Auge, weißt du. Du bist dabei, ein armes Mädchen zu verteufeln, das überhaupt nichts mit dem Fall zu tun hat.«

Markham wirbelte herum. »So!« schnaubte er. »Ich bin also dabei, eine unschuldige Person zu verteufeln, wie? Da meine Assistentin und ich die einzigen sind, die das Material kennen, das ihre Schuld beweist, bist du vielleicht so freundlich, mir mitzuteilen, durch welche okkulten Umstände du von der Unschuld dieser Frau erfahren hast?«

»Weißt du, das ist ganz einfach«, antwortete Vance. »Du hast den Mörder deshalb nicht im Blick, weil die Person, die dieses Verbrechen begangen hat, klug und gerissen genug ist, sich darum zu kümmern, daß kein Beweismaterial herumliegt, das du oder deine Assistenten finden könnten.« Sein Ton war von einer Selbstverständlichkeit, die keine Widerrede duldete.

Markham lachte spöttisch auf. »Kein Gesetzesbrecher«, orakelte er, »ist raffiniert genug, um alle Spuren zu vertuschen. Selbst der geringste Anlaß kann dazu führen, daß etwas aufgedeckt wird, was unweigerlich auf seine Spur führt. Ganz gleich, wie lange und gründlich er sein Verbrechen planen mag – irgendwo ist immer ein loses Ende, was ihn schließlich überführt.«

»Eine feststehende Tatsache?« meinte Vance. »Nein, mein lieber Freund – nur ein konventioneller Aberglaube, der sich auf die kindischen Vorstellungen der unfehlbaren, ausgleichenden Gerechtigkeit gründet. Ich kann mir denken, wie diese Vorstellung der Öffentlichkeit gefällt; das ist wie Wahrsagen, weißt du. Aber – und darauf gebe ich dir mein Wort – es erschreckt mich, wenn ich daran denke, wie du, alter Freund, dich für solche Märchen hergibst und dich ihnen sogar verschreibst.«

»Laß es dir nicht den Tag verderben«, meinte Markham zynisch.

»Sieh dir nur mal die ungelösten, also erfolgreichen Verbrechen an, die jeden Tag geschehen«, fuhr Vance fort, ohne sich um die beißende Ironie des anderen zu kümmern. »Verbrechen, welche die besten Detektive verblüffen, nicht wahr? Tatsache ist, daß nur solche Verbrechen gelöst und aufgedeckt werden, die von Dummköpfen geplant und durchgeführt werden. Wann immer ein Mann von mittlerer Intelligenz deshalb ein Verbrechen vorhat, führt er es mit nur sehr geringen Schwierigkeiten durch und kann sich ziemlich sicher darauf verlassen, daß er nicht entdeckt werden wird.«

»Unaufgeklärte Verbrechen«, warf Markham unwillig ein, »gibt es dann, wenn die Polizei kein Glück hat. Dabei ist es völlig unwichtig, ob sich der Verbrecher besonders klug verhielt.«

»Unglück« – Vances Stimme war beinahe süßlich – »ist kein Argument. Ein Mann mit einem klaren Kopf und genügender Intelligenz wird nicht vom Pech verfolgt. Nein, Markham, ungelöste Verbrechen sind ganz einfach solche Verbrechen, die intelligent geplant und durchgeführt wurden. Und der Benson-Mord fällt eben in diese Kategorie. Wenn du deshalb nach einigen Stunden Nachforschungsarbeit behauptest, du wüßtest ziemlich sicher, wer ihn begangen habe, muß ich dir einfach widersprechen.« Er unterbrach sich und sog nachdenklich an seiner Zigarette. »Die Nachforschungsmethoden, die von euch benützt werden, können euch fast überall hinführen. Als Beweis dieser These nenne ich nur die unglückliche junge Dame, die du gerade um ihre Freiheit bringen willst.«

Markham, der seinen Ärger hinter einem Lächeln verborgen hatte, fuhr herum, und giftete Vance an: »Zufällig ist es so, daß ich sehr stichhaltige Beweise gegen deine ›unglückliche junge Dame‹ habe.«

Vance war ungerührt. »Und doch«, bemerkte er trocken, »kann es eine Frau unmöglich gewesen sein.«

Ich sah, daß Markham wütend war. Als er sprach, nahm er sich eisern zusammen. »So, eine Frau kann es nicht gewesen sein – ganz gleich, welche Beweise wir haben?«

»Genau – ganz gleich« stimmte Vance zu. »Sie hätte es nicht einmal dann getan, wenn sie den Mord zugeben würde.«

Der Sarkasmus in Markhams Stimme war nicht mehr zu überhören: »Habe ich das so zu verstehen, daß du sogar Geständnisse als wertlos betrachtest?«

»Jawohl, mein Lieber«, antwortete der andere lässig, »du solltest es so verstehen. Und du sollst auch wissen, daß Geständnisse nicht nur wertlos sind, sondern geradezu in die Irre führen. Die Tatsache, daß hin und wieder ein Geständnis sich als richtig erweist, läßt die anderen um so unzuverlässiger erscheinen.«

Markham schnaufte mißbilligend. »Warum sollte jemand irgend etwas zugeben, was ihn belastet – außer er weiß, daß die Wahrheit herausgefunden wurde oder sehr bald gefunden werden wird?«

»Also wirklich, Markham, du überraschst mich! Gestatte mir, daß ich dir folgendes in dein nichtsahnendes Ohr flüstere: es gibt ungeheuer viele andere Motive für Geständnisse. Ein Geständnis kann aus Angst gemacht werden, oder aus Wichtigtuerei, oder aus Mutterliebe, oder aus Depressionen heraus, einem mißverstandenen Pflichtgefühl, aus pervertiertem Egoismus – oder einfach nur so. Und es gibt noch hundert andere Motive. Geständnisse sind das Unzuverlässigste und Verhängnisvollste, was man sich vorstellen kann und ganz sicher kein Beweismaterial. Und selbst die dummen, in Paragraphen verstrickten Gesetzgeber lassen in einem Mordfall ein Geständnis allein nicht gelten, wenn sonstige Beweise fehlen.«

»Du bist umwerfend; du schaffst mich«, sagte Markham. »Aber wenn das Gesetz auf alle Geständnisse und alle Beweise verzichten wollte, wie es dir am liebsten zu sein scheint, dann könnte die Gesellschaft alle Gerichte schließen und die Gefängnisse abschaffen.«

»Das ist eine typische Verdrehung der Logik«, sagte Vance.

»Aber wie willst du dann die Schuldigen finden und verurteilen?«

»Es gibt eine unfehlbare Methode, um menschliche Schuld und Verantwortung festzustellen«, erklärte Vance, »aber bis heute hat die Polizei sorgfältig vermieden, sich um diese Tatsache zu kümmern und ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Wahrheit kann man nur durch die Analyse der psychologischen Fakten eines Verbrechens herausfinden. Die einzigen wirklichen Spuren sind die psychologischen – nicht die materiellen. Ein wahrer Kunstexperte beurteilt und identifiziert Gemälde beispielsweise nicht dadurch, daß er die Signatur unter die Lupe nimmt, sondern indem er den Künstler studiert und kennenlernt. Und dessen Persönlichkeit drückt sich in der Art des Gemäldes aus. Der Experte fragt sich: Wird durch dieses Kunstwerk, durch die Art der Ausführung, der Konzeption und der geistigen Einstellung die und die Persönlichkeit ausgedrückt?«

»Mein Geist, fürchte ich«, sagte Markham, »ist immer noch primitiv genug, sich mit den schlichten Tatsachen zufrieden zu geben. Und in unserem derzeitigen Fall besitze ich eine ganze Anzahl solcher Tatsachen, die alle in die gleiche Richtung weisen, nämlich in die einer gewissen jungen Dame, die ein kriminelles Werk mit dem Titel Der Mord an Alvin Benson geschaffen hat.«

»Würdest du mir bitte – in aller Vertraulichkeit, versteht sich – von diesen Tatsachen erzählen?« fragte Vance.

»Gern«, willigte Markham ein. »Zuerst einmal, die Dame war im Haus zur Zeit, als der Schuß abgegeben wurde.«

Vance war überrascht. »Ach, tatsächlich? Sie war wirklich da?«

»Die Beweise für ihre Gegenwart sind unerschütterlich«, versicherte Markham. »Wie du weißt, lagen die Handschuhe, die sie während des Abendessens trug, und die Handtasche, die sie bei sich hatte, auf dem Kaminsims in Bensons Wohnzimmer.«

»Oh!« murmelte Vance mit einem zynischen Lächeln, »dann war also nicht die Lady da, sondern ihre Handschuhe und die Handtasche – zweifellos ein kleiner und unwichtiger Unterschied. Und mein laienhafter Verstand ist einfach nicht bereit, dies als Beweis anzuerkennen. Dann müßte ich nämlich auch in der Reinigung sein, wenn meine Hose dort gereinigt wird. So ist es doch?«

»Ist das für einen Laien vielleicht kein Beweis, wenn die notwendigsten und intimsten Sachen einer Frau, die sie den ganzen Abend bei sich getragen hat, am nächsten Morgen in den Räumen ihres Begleiters gefunden werden?«

»Selbst wenn es so wäre«, gab Vance zu, »ist doch die juristische Art des Vorgehens völlig unzulänglich.«

»Aber darf ich dich mal fragen, wie diese Sachen in das Haus gekommen sind, wenn sie sie nicht selbst dort hingebracht hat?«

»Mein Ehrenwort, ich habe nicht die leiseste Ahnung«, lenkte Vance ein. »Die Dame könnte es dir sicherlich verraten. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten. Benson kann sie in seiner Manteltasche mit nach Haus gebracht haben – Frauen stecken Männern alle Augenblicke etwas zu, was sie für sie tragen sollen. Es besteht auch die Möglichkeit, daß der tatsächliche Mörder diese Dinge an sich gebracht hat und sie vorsätzlich auf den Kaminsims gelegt hat, um eine falsche Spur für die Polizei zu legen. Weißt du nicht, daß Frauen ihre Sachen niemals richtig aufräumen, sondern ihre Handtasche grundsätzlich in deinen Lieblingssessel werfen?«

»Und ich nehme an«, warf Markham ein, »daß Benson auch ihre Zigarettenkippen in der Manteltasche nach Hause trug, oder?«

»Es sind schon seltsamere Dinge geschehen«, gab Vance zurück, »obwohl ich Benson das in diesem Fall nicht vorwerfen will. Die Zigarettenkippen könnten auch schon vorher dagewesen sein.«

»Selbst dein verhaßter Heath«, informierte Markham ihn, »ist intelligent genug von der Haushälterin zu erfahren, daß sie jeden Morgen gründlich aufräumt.«

Vance seufzte. »Ihr seid so gründlich, nicht wahr. Aber sage mal, das ist doch wohl nicht etwa das einzige Beweismaterial, das du gegen diese Dame hast?«

»Bestimmt nicht«, versicherte ihm Markham, »denn – trotz deines gründlichen Mißtrauens – haben wir gut zusammengearbeitet.«

»Wenn man so miterlebt, mit welcher Leichtfertigkeit unschuldige Leute heutzutage in unseren Gerichten verdonnert werden ...« meinte Vance. »Aber erzähl weiter.«

Markham fuhr völlig selbstsicher fort. »Mein Assistent hat also erfahren, daß Benson allein mit einer Dame im Marseilles gegessen hat, einem kleinen Restaurant; zweitens, daß sie gestritten haben; und drittens, daß sie gegen Mitternacht aufbrachen, sie stiegen beide in ein Taxi. Also, der Mord geschah nachts um halb eins, aber da die Dame am Riverside Drive wohnt, konnte Benson sie eigentlich kaum nach Hause begleiten – was er sicher getan hätte, wenn er sie nicht mit zu sich nach Hause genommen hätte. Wir haben auch sonst noch Beweise, daß sie in Bensons Haus war. Meine Leute haben erfahren, daß sie erst kurz nach ein Uhr zu ihrer Wohnung zurückgekehrt ist. Außerdem hatte sie keine Handschuhe und keine Abendtasche bei sich und mußte sich von dem Hausmeister ihre Wohnung aufsperren lassen. Sie sagte dem Hausmeister, daß sie ihren Schlüssel verloren habe. Wie du dich wohl erinnerst, fanden wir den Schlüssel in ihrer Handtasche. Und dann – um alles besonders schön abzurunden: Sie raucht die Zigaretten, von denen Kippen im Kamin lagen.« Markham steckte sich eine Zigarre an.

»Soviel über diesen Abend«, sagte er schließlich. »Als ich wußte, wer diese Dame ist, setzte ich noch zwei Leute von uns auf sie an, die ihr Privatleben ausleuchten sollen. Ich wollte heute mittag gerade das Büro verlassen, als die Leute mir telefonisch ihren Bericht durchgaben. Sie haben herausgebracht, daß die Dame einen Verlobten hat, ein Bursche namens Leacock. Er war Captain in der Armee, und es ist gut möglich, daß er einen Revolver von genau dem Kaliber besitzt, mit dem Benson erschossen wurde. Außerdem hat dieser Captain Leacock am Tag des Mordes mittags zusammen mit der Dame gegessen; und am Morgen danach hat er sie in ihrer Wohnung besucht.«

Markham beugte sich leicht vor. Seine nächsten Worte unterstrich er eindringlich, indem er mit den Fingern auf seiner Sessellehne trommelte. »Wie du siehst, haben wir das Motiv und die Gelegenheit. Willst du jetzt immer noch behaupten, daß ich nicht genügend erdrückende Beweise besitze?«

»Mein lieber Markham«, entgegnete Vance ruhig, »du hast keinen einzigen Punkt hervorgebracht, den nicht ein etwas intelligenter Schuljunge widerlegen könnte.« Er schüttelte den Kopf. »Und auf Grund solcher ›Beweise‹ werden Leute um ihre Freiheit gebracht! Glaube mir, du beunruhigst mich! Ich zittere um meine persönliche Sicherheit.«

Markham war höchst verärgert. »Würdest du vielleicht so freundlich sein und mir erklären, welche Irrtümer mir bei meinen Ausführungen unterlaufen sind.«

»Soweit ich das beurteilen kann«, antwortete Vance gleichmütig, »sind deine Ausführungen bezüglich der Schuld dieser jungen Dame völlig falsch. Du hast einfach eine Reihe unzusammenhängender Tatsachen aneinandergereiht und bist sofort zu einem falschen Schluß gekommen. Ich weiß, daß dieser Schluß falsch ist, weil alle psychologischen Anzeichen dieses Verbrechens dagegen sprechen – das heißt, daß der einzige wirkliche Beweis in dieser Angelegenheit unfehlbar in eine andere Richtung weist.«

Er machte eine alles umfassende Handbewegung, und sein Ton wurde auf einmal sehr ernst. »Und wenn du irgendeine Frau des Mordes an Alvin Benson beschuldigst, wirst du damit nur noch ein weiteres Verbrechen begehen – ein Verbrechen von vorsätzlicher und unverzeihlicher Dummheit. Und zwischen der Erschießung eines alten Querulanten wie Benson und dem Ruin des Rufes einer unschuldigen jungen Frau besteht wirklich ein großer Unterschied.«

Ich konnte beobachten, wie Markham zusehends wütender wurde, aber er behielt sich in der Gewalt. Man muß sich vor Augen halten: diese beiden Herren waren sehr enge Freunde und trotz ihrer unterschiedlichen Natur verstanden sie sich und respektierten einander. Ihre Offenheit war eigentlich nichts anderes als das Ergebnis aus diesem gegenseitigen Respekt.

Einen Augenblick herrschte Schweigen; dann zwang Markham sich zu einem Lächeln. »Du erfüllst mich mit böser Vorahnung«, sagte Markham, aber trotz seines leichten Tones spürte ich, daß er es halb ernst meinte. »Ich hatte jedoch auch nicht vor, die junge Dame sofort zu verhaften.«

»Du zeigst bemerkenswerte Zurückhaltung«, sagte Vance. »Aber ich bin sicher, daß du ihr schon ein oder zwei Schatten angehängt hast und nur darauf wartest, daß sie etwas tut, was dir in deinen Plan paßt. Jeder normale, aber nervöse und hochsensible Mensch wird im Kreuzverhör nicht mehr normal reagieren und schon als schuldig erscheinen. Jemanden ›schmoren‹ lassen, sagt man ja wohl dazu – eine höchst passende Bezeichnung übrigens. Am liebsten würdet ihr eure Opfer verbraten, nicht wahr?«

»Also, verhören werde ich sie ganz gewiß«, antwortete Markham fest und sah auf seine Uhr. »Und einer meiner Leute bringt sie in etwa einer halben Stunde in mein Büro; deshalb muß ich auch diese entzückende kleine Plauderei jetzt abbrechen.«

»Du erwartest dir von diesem Verhör tatsächlich etwas Neues?« fragte Vance. »Weißt du, ich würde sehr gern dieser Beschämung beiwohnen. Aber ich nehme an, daß so etwas zum juristischen Handwerk gehört.«

Markham hatte sich erhoben und ging zur Tür, aber Vances Worte ließen ihn innehalten. »Ich sehe eigentlich keinen besonderen Grund, warum du nicht dabei sein solltest«, sagte er, »wenn du es tatsächlich möchtest.«

Kurz darauf saßen wir alle im Taxi.

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