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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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5. Informationen werden gesammelt

Samstag, 15. Juni, vormittags

Der Mord an Alvin Benson gehörte zu jenen Verbrechen, für die sich die Öffentlichkeit brennend interessiert, denn es war ein geheimnisumwitterter Fall. Benson war sehr bekannt gewesen. Er gehörte zu den oberen Zehntausend von New York, er war ein aktiver Sportler, ein wilder Spieler und ein Partylöwe, über den die Zeitungen oft und gern berichtet hatten.

Bis zur Zeit des Mordes hatte Benson zusammen mit seinem Bruder Antony ein Maklerbüro in der Wall Street unterhalten. Beide wurden von den anderen Maklern der Stadt als gerissene Geschäftsleute betrachtet, vielleicht hielt man sie sogar für ein wenig unseriös. Sowohl im Temperament als auch im Geschmack unterschieden sich die Brüder ganz außerordentlich, und außerhalb des Büros sahen sie sich fast nie. Alvin Benson verbrachte seine ganze Freizeit auf der Jagd nach dem Vergnügen. Dagegen führte Anthony Benson, der etwas älter war und im letzten Krieg als Major gedient hatte, ein konservatives, ruhiges Leben und verbrachte die meisten Abende still in seinen Clubs. Aber beide waren in ihren jeweiligen Kreisen sehr angesehen, und gemeinsam betreuten sie ihre vielen Kunden.

Die Zeitungen beschäftigten sich eingehend mit diesem Fall. In allen Artikeln wurde immer wieder der graue Cadillac erwähnt, die perlmutterverzierte Smith and Wesson wurde oft abgebildet. Auch der große Tisch im Wohnsalon und die Geheimschublade waren fotografiert worden. Ein Sonntagsblatt ging sogar so weit, einen Experten einen Aufsatz über Geheimfächer schreiben zu lassen.

Für die Polizei war der Fall Benson ein Problem. Da es keinen Anhaltspunkt gab – außer der Damenhandtasche und der Handschuhe –, konnte man nichts weiter tun, als die Freunde und Geschäftspartner von Benson befragen. Heath hoffte, so weiterzukommen und gleichzeitig etwas über die Besitzerin der Handtasche zu erfahren. Zunächst ergaben sich jedoch keine Anhaltspunkte. Benson hatte offenbar keine Feinde, er hatte sich mit niemandem ernstlich gestritten, auch seine geschäftlichen Angelegenheiten schienen in Ordnung zu sein.

Als interessanteste Person wurde natürlich zunächst der Major Anthony Benson verhört. Markham hatte noch am selben Tag, an dem das Verbrechen entdeckt wurde, mit ihm zusammen zu Mittag gegessen, und der Major gab bereitwillig jede gewünschte Auskunft. Er erzählte Markham, daß er zwar die meisten Bekannten seines Bruders auch flüchtig kannte, sich aber nicht vorstellen könnte, daß einer von ihnen eines solchen Verbrechens fähig wäre. Er gab jedoch auch offen zu, daß die Damenbekanntschaften seines Bruders oft recht unkonventionell waren, und er meinte, daß es vielleicht eine Chance gäbe, hier ein Motiv für die Tat zu finden.

Im Anschluß an diese unbefriedigenden Aussagen des Majors hatte Markham zwei der besten Leute aus dem Detektivbüro für die Staatsanwaltschaft angefordert. Sie sollten sich um die Frauenbekanntschaften von Benson kümmern, aber möglichst so, daß sie nicht den Leuten des Kommissars ins Gehege kämen. Einen der beiden Männer beauftragte er außerdem, sich mit dem Leben und der Vergangenheit von Mrs. Platz zu beschäftigen. Das geschah sicher deshalb, weil sich Vance während der Vernehmung für sie interessiert hatte.

Es stellte sich heraus, daß Mrs. Platz in einer kleinen Stadt in Pennsylvanien als Tochter deutscher Eltern geboren worden war. Ihre Eltern waren inzwischen tot, und sie war seit mehr als sechzehn Jahren Witwe. Bevor sie zu Benson gekommen war, hatte sie zwölf Jahre lang bei einer Familie gearbeitet. Diese Stellung hat sie aufgeben müssen, weil die Hausfrau in ein Hotel gezogen war. Ihre frühere Arbeitgeberin erklärte auf Befragen, daß Mrs. Platz ein Kind, vermutlich eine Tochter, habe. Auch diese Tatsachen brachten Markham nicht weiter, und er legte den Bericht zu den Akten.

Heath hatte inzwischen eine stadtweite Suche nach dem grauen Cadillac eingeleitet, obwohl er kaum an einen direkten Zusammenhang glaubte. Bei dieser Suche erwiesen sich die Zeitungen durch ihre Berichte und Veröffentlichungen als sehr nützlich. Ein Hinweis brachte die Polizei allerdings zu der Vermutung, daß der Cadillac tatsächlich etwas mit dem Verbrechen zu tun haben könnte. Ein Straßenkehrer, der von den Angelruten gelesen oder gehört hatte, die aus dem Kofferraum des Cadillacs herausragten, meldete, daß er zwei zusammenpassende Angelruten in gutem Zustand gefunden habe, und zwar im Central Park. Die Frage lautete: Waren diese Angelruten ein Teil der Ausrüstung, die McLaughlin in dem Cadillac gesehen hatte? Der Besitzer des Wagens könnte die Angelruten auf der Flucht verloren oder weggeworfen haben; aber andererseits konnten sie auch von jemand anderem auf der Fahrt durch den Central Park verloren worden sein. Sonst gab es keine Hinweise.

 

Am Vormittag dieses Tages kam Markham ein wenig verspätet zu seiner Verabredung mit Vance und mir in den Club. Wir saßen bereits an unserem Lieblingstisch in der Ecke, als er erschien.

»Nun, mein Lieber«, begrüßte ihn Vance, »offensichtlich werden so viele neue Spuren verfolgt, daß die Öffentlichkeit bald mit der Lösung des Falles rechnen kann – aber wie sieht es in Wirklichkeit aus?«

Markham lächelte. »Wie ich sehe, hast du die Zeitungen gelesen.«

»Sie lassen sorgfältig alle wichtigen Details aus«, antwortete Vance.

»Tatsächlich?« sagte Markham. »Und was, wenn ich fragen darf, hältst du für die wichtigen Einzelheiten?«

»Weil ich ein dummer Amateur bin«, sagte Vance, »halte ich beispielsweise Alvin Bensons Toupet für wichtig.«

»Sonst noch etwas?«

»Nun, da waren der Kragen und die Fliege auf dem Bett.«

»Und«, setzte Markham spöttisch hinzu, »man sollte auch nicht die falschen Zähne auf dem Nachttisch übersehen.«

»Volltreffer!« rief Vance aus. »Jawohl, auch die gehören dazu. Und ich wette, der unvergleichliche Heath hat sie nicht einmal bemerkt. Aber den anderen Beamten ist bei der Spurensicherung auch nicht mehr aufgefallen.«

»Du bist also von den gestrigen Nachforschungen nicht sonderlich beeindruckt, wie ich sehe«, sagte Markham.

»Im Gegenteil«, versicherte Vance. »Ich war sehr beeindruckt – und zwar von der Dummheit, mit der sie betrieben wurden. Es war ein unglaubliches Meisterstück. Alles, was wichtig und klar zu erkennen war, wurde sorgfältig übersehen. Es gab mindestens ein Dutzend Hinweise, die alle in die gleiche Richtung führten, aber nicht einer wurde bemerkt, weil man sich so eingehend mit der Suche nach Zigarettenkippen beschäftigte.«

»Man kann sich ruhig auf die Polizei verlassen, Vance«, sagte Markham. »Sie schaffen es fast immer.«

»Ich kann dein Vertrauen nur bewundern«, murmelte Vance. »Aber sage mir: was weißt du über Bensons Mörder?«

Markham zögerte. »Das ist jetzt ganz vertraulich«, sagte er schließlich. »Heute morgen berichtete einer meiner Männer, den ich auf Bensons Damen angesetzt hatte, daß er die Frau gefunden hat, die ihre Handtasche und ihre Handschuhe in der Nacht im Haus gelassen hat. Die Initialen im Taschentuch führten ihn auf die richtige Spur. Und er hat einige interessante Tatsachen erfahren. Wie ich annahm, hat sie an diesem letzten Abend mit Benson zu Abend gegessen. Es ist eine Sängerin. Sie heißt Muriel St. Clair.«

»So ein Pech«, flüsterte Vance. »Ich hoffte, deine Bluthunde würden diese Dame nicht entdecken. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, ihre Bekanntschaft zu machen, sonst würde ich ihr eine Beileidskarte schicken. Jetzt wirst du sie sicher furchtbar hernehmen?«

»Ich werde sie selbstverständlich verhören, wenn du das meinst.«

Markham wirkte verärgert, und während des Mittagessens sprach er nur sehr wenig.

Als wir später im Rauchsalon saßen und nach dem Essen unsere Zigaretten genossen, erblickte Major Benson, der in der Nähe an einem Fenster gestanden hatte, Markham und kam herüber zu uns. Er war ein großer Mann, etwa fünfzig Jahre alt. Er begrüßte Vance und mich mit einem leichten Kopfnicken und wandte sich dann an den Staatsanwalt.

»Markham, seit unserem gestrigen Essen geht mir die ganze Sache nicht mehr aus dem Kopf. Dauernd habe ich darüber nachgedacht«, sagte er. »Und ich glaube, ich muß Ihnen noch etwas erzählen. Da gibt es einen Mann namens Leander Pfyfe, der sehr eng mit Alvin befreundet war; es ist immerhin möglich, daß er Ihnen sachdienliche Hinweise geben kann. Er war mir gestern nicht eingefallen, denn er wohnt nicht in der Stadt. Er lebt irgendwo auf Long Island glaube ich. Es war nur ein Gedanke. Es ist einfach so, daß ich bei dieser schrecklichen Geschichte zu keinem einzigen Anhaltspunkt komme.« Er seufzte kurz auf. Es war offensichtlich, daß er tief bewegt und erschüttert war.

»Das war ein guter Einfall, Major«, sagte Markham und machte sich eine Notiz. »Ich werde mich sofort darum kümmern.«

Vance, der während dieser kurzen Unterhaltung geistesabwesend aus dem Fenster gesehen hatte, wandte sich um und sprach den Major an. »Was ist mit Colonel Ostrander? Ich habe ihn mehrfach in Begleitung Ihres Bruders gesehen.«

Major Benson machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nur eine flüchtige Bekanntschaft. Von ihm haben wir nichts zu erwarten.«

Dann wandte er sich wieder an Markham: »Ich nehme an, daß es noch entschieden zu früh ist, zu hoffen, daß Sie schon weitergekommen sind.«

Markham nahm seine Zigarre aus dem Mund und drehte sie gedankenvoll zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. »Immerhin haben wir herausgefunden, mit wem Ihr Bruder seinen letzten Abend verbracht hat; und ich weiß, daß diese Person mit ihm zusammen nach Haus zurückkehrte, kurz nach Mitternacht.« Er zögerte, wie um abzuwägen, ob es klug sei, weiterzusprechen. Dann sagte er: »Tatsächlich liegen die Dinge bereits so, daß ich kaum noch mehr Beweise brauche, um eine Verurteilung zu erreichen.«

Ein Ausdruck von überraschter Bewunderung flog über das Gesicht des Majors. »Gott sei Dank, Markham!« sagte er. Und dann legte er dem Staatsanwalt seine schwere Hand auf die Schulter und sagte: »Fordern Sie die Höchststrafe – meinetwegen! Wenn Sie mich später noch brauchen, ich werde ziemlich lange im Club sein.« Damit wandte er sich um und verließ den Raum.

»Es kam mir ein wenig kaltblütig vor, den Major so kurz nach dem Tod seines Bruders mit Fragen zu belästigen«, meinte Markham. »Aber immerhin, das Leben geht weiter.«

Vance unterdrückte ein Gähnen. »Warum bloß – zum Teufel noch mal?« murmelte er vor sich hin.

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