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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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1. Zu Hause bei Philo Vance

Freitag, 14. Juni, 8.30 Uhr

An diesem Morgen des vierzehnten Juni, als der ermordete Alvin H. Benson gefunden wurde, frühstückte ich zufällig bei Philo Vance in dessen Wohnung. Dieser Mordfall war eine Sensation, und er ist es auch heute noch. Es war nicht ungewöhnlich für mich, hin und wieder mit Vance zusammen zu Mittag oder zu Abend zu essen, aber zusammen zu frühstücken war schon außergewöhnlich. Er war ein Spätaufsteher, und es gehörte zu seinen Gewohnheiten, bis zur Zeit des Mittagessens nicht recht ansprechbar zu sein.

Der Grund für dieses frühzeitige Treffen war ein geschäftlicher – oder besser gesagt, ein ästhetischer. Am Nachmittag des Vortages war Vance ein Katalog von Vollard's Sammlung von Cézanne-Aquarellen, die in der Kessler Galerie gezeigt wurden, zugegangen, und da er verschiedene Bilder gesehen hatte, die er besonders gern haben wollte, hatte er mich zu diesem Frühstück eingeladen, um mir über den Ankauf Anweisungen zu geben.

Es ist wohl besser, wenn ich mein Verhältnis zu Vance gleich zu Beginn deutlich mache. In meiner Familie ist die Juristerei schon lange Tradition, und als meine Schulzeit vorbei war, wurde ich selbstverständlich nach Harvard geschickt, um Jura zu studieren. Und eben dort begegnete ich Vance, einem zurückhaltenden, zynischen und sarkastischen jungen Mann, der der Schrecken seiner Professoren und der Alptraum seiner Kommilitonen war. Warum er sich ausgerechnet mit mir einließ, habe ich nie ganz verstanden. Meine Sympathie für Vance ließ sich dagegen leicht erklären: er faszinierte und interessierte mich, und ich bewunderte seinen Verstand. Er mußte jedoch andere Gründe für seine Freundschaft mit mir haben. Ich war damals – und bin es heute noch – ein gewöhnlicher Durchschnittsmensch, mit konservativen und recht konventionellen Ansichten. Aber wie auch immer, jedenfalls waren wir häufig zusammen, und im Laufe der Jahre, entwickelte sich diese Verbindung zu einer untrennbaren Freundschaft.

Wenn ich bis zu dem Zeitpunkt, da Vance mich wegen des Ankaufs der Cézannes sprechen wollte, der Firma Van Dine, Davis and Van Dine nur mit meinen mittelmäßigen juristischen Fähigkeiten gedient hatte, so änderte sich dies schlagartig an jenem bedeutungsvollen Morgen. Angefangen mit dem merkwürdigen Mordfall Benson wurde ich nämlich während eines Zeitraumes von beinahe vier Jahren naher Zuschauer und Beobachter einer Reihe der seltsamsten Kriminalfälle, welche einem jungen Rechtsanwalt je unter die Augen gekommen sein mögen. In der Tat setzten sich aus den makabren Dramen, deren Zeuge ich im Laufe dieser Zeit wurde, die erstaunlichsten Geheimdokumente in der Polizeigeschichte dieses Landes zusammen.

Wegen meiner besonderen Beziehung zu Vance war es so, daß ich nicht nur an all den Fällen teilnahm, mit denen er zu tun hatte, sondern daß ich außerdem auch an den meisten der inoffiziellen Besprechungen teilnahm, die zwischen ihm und dem Staatsanwalt geführt wurden, und da ich eine recht methodische Veranlagung habe, führte ich ein einigermaßen lückenloses Protokoll darüber. Darüber hinaus notierte ich – so korrekt, wie es ein gut ausgeprägtes Erinnerungsvermögen zuläßt – die einzigartigen psychologischen Methoden von Vance, mit denen er die Schuldigen überführte.

Der erste Fall, in den Vance auf diese Weise hineingezogen wurde, war der Mordfall von Alvin Benson. Er erwies sich schließlich nicht nur als einer der berühmtesten New Yorker causes célè-bres, sondern er gab Vance eine ausgezeichnete Gelegenheit, sein seltenes Talent von analysierender Überlegung zu demonstrieren. Dieser Fall war wie kein anderer dazu angetan, sein Interesse an einer Sache zu wecken, mit der er sich nie zuvor befaßt hatte.

Dieser Fall platzte völlig unerwartet und überraschend in Vances Leben.

Tatsächlich überfiel uns das Ganze bereits, bevor wir auch nur unser Frühstück an diesem Morgen im Juni beendet hatten. Damit waren vorübergehend auch alle geschäftlichen Gespräche über den Ankauf der Gemälde von Cézanne zu Ende. Als ich im Laufe des Tages an der Kessler Galerie vorbeiging, waren bereits zwei der Aquarelle, die Vance besonders gern gehabt hätte, verkauft; und ich bin überzeugt, daß er bis heute den Verlust dieser beiden kleinen Skizzen, an die er sein Herz gehängt hatte, nicht verwunden hat, obwohl er den mysteriösen Mordfall Benson so erfolgreich geklärt hat.

An diesem Morgen wurde ich von Currie, einem der seltenen, alten englischen Bediensteten, der sowohl Butler und Diener von Vance, sowie bei besonderen Gelegenheiten auch sein Spezialitätenkoch war, in den Salon geführt. Vance saß in einem großen Sessel, angetan mit einem seidenen Sarong und grauseidenen Pantoffeln. Auf seinen Knien lag aufgeschlagen Vollard's Cézanne-Buch.

»Entschuldige, daß ich nicht aufstehe«, sagte er zur Begrüßung, »aber ich habe das ganze Gewicht der modernen Evolution der Kunst auf meinen Knien.« Er ließ die Seiten durch seine Finger blättern.

»Dieser Vollard«, meinte er schließlich, »ist recht lässig mit unserem kunstfürchtigen Land umgesprungen. Er liefert hier allerdings eine gute Sammlung vom Werk Cézannes. Ich habe es gestern mit dem gebührenden Respekt studiert, aber gleichzeitig nicht zu auffällig, denn Kessler war dabei und beobachtete mich. Ich habe diejenigen Bilder angestrichen, die du für mich kaufen sollst, sobald die Galerie heute morgen aufmacht.« Er überreichte mir einen kleinen Katalog. »Ein unangenehmer Auftrag, ich weiß«, setzte er lächelnd hinzu.

Vances einzige Leidenschaft – wenn man einen rein intellektuellen Enthusiasmus als Leidenschaft bezeichnen darf – war Kunst; nicht Kunst aus enger, persönlicher Sicht, sondern in ihrer weitläufigen, alles umfassenden Bedeutung. Und der Kunst galt sein Hauptinteresse, er beschäftigte sich fast ausschließlich mit ihr. Er war so etwas wie eine Autorität, was japanische und chinesische Drucke anbelangte; er kannte sich aus bei Wandteppichen und Keramik und Porzellan, und einmal hörte ich, wie er einigen Gästen ganz nebenbei einen Vortrag über Tanagrafiguren hielt, der, wäre er schriftlich festgehalten worden, einen entzückenden und höchst instruktiven Aufsatz abgegeben hätte.

Vance verfügte über ausreichende Mittel, um seiner Sammlerleidenschaft nachzugeben, und er besaß eine sehr schöne Sammlung von Bildern und Kunstgegenständen. Die einzelnen Stücke seiner Sammlung hatten nur eines gemeinsam: jedes Stück, das er besaß, paßte entweder in seiner Form oder Linie zu den anderen. Jemand, der sich in der Kunst auskannte, spürte den Zusammenhang aller Gegenstände, mit denen er sich umgab, gleichgültig, wieweit die einzelnen Epochen auseinanderlagen. Ich hatte immer das Gefühl, daß Vance zu den seltenen Kunstkennern gehörte, die ihre Sammlung nach ganz bestimmten philosophischen Gesichtspunkten anlegen.

Seine Wohnung in der Achtunddreißigsten Straße bestand aus den beiden oberen Etagen eines alten Herrschaftshauses. Sie war angefüllt, jedoch nicht überfüllt mit seltenen Exemplaren orientalischer, alter und moderner Kunst. Seine Gemäldesammlung reichte von den italienischen Primitiven bis zu Cézanne und Matisse; und in seiner Sammlung von Originalzeichnungen waren Arbeiten von Michelangelo und von Picasso zu finden. Seine chinesischen Drucke galten als die beste Privatsammlung dieses Landes.

»Die Chinesen«, sagte Vance einmal zu mir, »sind die wirklich großen Künstler des Ostens. Diese Männer waren es, deren Arbeit am intensivsten einen weitläufig philosophischen Geist ausdrückten. Im Gegensatz dazu waren die Japaner oberflächlich. Selbst wenn die chinesische Kunst unter den Manchus degenerierte, finden wir darin eine tiefe philosophische Qualität. Und in den modernen Kopien der Kopien gibt es noch immer Bilder von echter Bedeutsamkeit.«

Viele hätten Vance als Dilettanten bezeichnet. Aber diese Bezeichnung trifft nicht auf ihn zu. Er war ein Mann von ungewöhnlicher Kultur. Durch Geburt und Instinkt ein Aristokrat schirmte er sich ganz bewußt von der gewöhnlichen Menschheit ab. In seiner ganzen Art lag eine ausgeprägte Ablehnung von allem Unwichtigen. Die meisten Menschen, mit denen er in Berührung kam, hielten ihn für einen ausgesprochenen Snob. Und trotzdem war er nicht überheblich. Sein Snobismus war sowohl intellektuell als auch sozial. Dummheit verabscheute er, glaube ich, noch mehr als das Vulgäre oder schlechten Geschmack. Mehrfach habe ich gehört, wie er Fouchés berühmten Satz zitierte: Das ist mehr als ein Verbrechen, es ist ein Fehler. Und das meinte er wörtlich.

Vance war ganz sicher ein Zyniker, aber verbittert war er kaum. Vielleicht könnte man ihn am besten als gelangweilt und hochmütig bezeichnen, aber gleichzeitig war er ein sehr bewußter und genauer Beobachter des Lebens. Er war äußerst interessiert an jeglichen menschlichen Reaktionen; aber es war das Interesse des Wissenschaftlers, nicht die des Humanisten. Alles in allem war er ein Mann von seltenem persönlichen Charme.

Vance sah ungewöhnlich gut aus, obwohl sein Mund sarkastisch und grausam war, wie die Lippen auf einigen der Medici-Porträts. Darüber hinaus lag ein leicht spöttischer Zug in der Art, wie er die Augenbraue hochzog. Seine Stirn war hoch und gewölbt – es war eher die eines Künstlers, denn die eines Schülers. Seine kalten grauen Augen lagen weit auseinander. Seine Nase war schlank und gerade, sein Kinn eng aber energisch mit einem ungewöhnlich tiefen Grübchen darin.

Vance war fast zwei Meter groß, elegant, und man hatte den Eindruck einer sehnigen Strenge und nerviger Ausdauer. Er war ein exzellenter Fechter und war einstmals der Captain seiner Universitäts-Fechtmannschaft. Von sportlicher Aktivität hielt er nicht allzuviel, aber er konnte eigentlich alles, ohne sich sonderlich darum zu bemühen. Trotzdem hatte er eine entschiedene Abneigung gegen das Zufußgehen, und er ging keine hundert Schritt, wenn es eine Möglichkeit gab, zu fahren.

Er war immer sehr modisch angezogen – selbst das kleinste Detail mußte stimmen –, jedoch immer unaufdringlich. Sehr viel Zeit verbrachte er in seinen Clubs: der liebste war ihm der Stuyvesant, weil, wie er mir einmal erklärte, dessen Mitglieder überwiegend Politiker oder Kaufleute waren, so daß er niemals in Gespräche verwickelt wurde, die irgendeinen geistigen Aufwand verlangten. Nur gelegentlich ging er in eine moderne Oper, dagegen besuchte er regelmäßig Symphoniekonzerte und Kammermusikveranstaltungen.

Übrigens war er einer der unfehlbarsten Pokerspieler, die ich je kennengelernt hatte. Diese Tatsache erwähne ich, um zu erklären, daß seine Kenntnisse von der Wissenschaft der menschlichen Psychologie, die beim Poker eine große Rolle spielen, auch bei der folgenden Geschichte von wesentlicher Bedeutung sind.

Er hatte die Gabe, instinktiv die Menschen richtig zu beurteilen, und seine Studien und Nachforschungen ließen diese Gabe immer größer werden. Er hatte natürlich gut fundierte Kenntnisse der Psychologie, und die Vorlesungen, die er auf der Universität besuchte, drehten sich fast ausschließlich um dieses Thema oder waren doch eng damit verbunden. Er befaßte sich außerdem mit dem gesamten Gebiet der kulturellen Entwicklung. Seine Semester setzten sich aus Religionsgeschichte, griechische Klassik, Biologie, Philosophie, Anthropologie, Literatur, theoretischer und experimenteller Psychologie sowie alter und neuer Sprachen zusammen.

Vance führte ein angeregtes, aber keinesfalls ehrgeiziges Gesellschaftsleben. Er war kein Salonlöwe. Ich kann mich nicht entsinnen, je einen Mann mit so geringem Herdentrieb kennengelernt zu haben, und wenn er sich in das Gesellschaftsleben begab, dann meist nur unter Zwang. So hatte er auch eine seiner ›Pflicht‹-Gesellschaften in der Nacht vor diesem denkwürdigen Juni-Morgen hinter sich gebracht; sonst hätten wir uns womöglich schon am Abend vorher über die Bilder von Cézanne unterhalten; und darüber brummte Vance auch eine ganze Weile, während Currie das Frühstück servierte. Später habe ich mich sehr beim Gott des Zufalls bedankt, daß Vance an diesem Morgen um neun Uhr, als der Staatsanwalt kam, mit mir frühstückte, denn sonst wäre ich wahrscheinlich um die interessantesten und aufregendsten Jahre meines Lebens gebracht worden; und viele von New Yorks gemeinsten und schlimmsten Kriminellen würden noch frei herumlaufen.

Vance und ich hatten uns gerade bequem in unsere Sessel zurückgelehnt, um unsere zweite Tasse Kaffee und eine Zigarette zu genießen, als Currie, nachdem er auf das ungeduldige Läuten hin die Haustür geöffnet hatte, den Staatsanwalt in den Salon führte.

»Bei allen Heiligen!« rief er aus und hob in spöttischem Erstaunen beide Hände, »New Yorks führender Kunstkenner ist schon auf den Beinen!«

»Und gleich werde ich erröten wegen des Undanks, den ich dafür ernte«, gab Vance zurück.

Es war jedoch offensichtlich, daß der Staatsanwalt nicht sehr gut aufgelegt war. Plötzlich wurde sein Gesicht ernst.

»Vance, mich bringt eine ernste Angelegenheit hierher. Ich bin sehr in Eile und bin nur vorbeigekommen, um mein Versprechen zu halten. Tatsache ist, daß Alvin Benson umgebracht wurde.«

Vance zog überrascht die Augenbraue hoch. »Tatsächlich«, meinte er. »Wie unangenehm! Aber er hatte es zweifellos verdient. Auf jeden Fall solltest du deshalb nicht so mürrisch sein.«

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