Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > S. S. van Dine >

Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
Schließen

Navigation:

24. Die Verhaftung

Donnerstag, 20. Juni, mittags

Markham nahm aus der Wohnung des Majors die Pistole und das Schmuckkästchen mit. Im Drugstore an der Ecke der Sechsten Avenue rief er Heath an, und sagte ihm, er solle sofort ins Büro kommen und Captain Hagedorn mitbringen. Dann telefonierte er mit Stitt, er möge schnellstens zur Berichterstattung kommen.

Als wir im Taxi saßen, um zu Markhams Büro zu fahren, sagte Vance: »Du wirst inzwischen die Überlegenheit meiner Methoden über die deinen festgestellt haben. Wenn jemand von Anfang an weiß, wer ein Verbrechen begangen hat, dann läßt er sich nicht durch Nebensächlichkeiten und Indizien auf einen falschen Weg und in die Irre führen. Ohne dieses Wissen ist man auf Alibis und Indizien angewiesen, die nur allzu leicht trügen können. Ich bat dich nicht deshalb darum, die Alibis mitzubringen, weil ich wußte, daß der Major schuldig ist, sondern weil ich dachte, er habe sich ein ganz erstklassiges Alibi vorbereitet.«

»Wenn du aber von Anfang an wußtest, daß der Major der Täter war, warum hast du mich eine ganze Woche lang auf dem Rost braten lassen, statt mir den ganzen Ärger zu ersparen?«

»Sei nicht gar so arglos, alter Freund«, erwiderte Vance. »Hätte ich den Major von Anfang an des Mordes beschuldigt, dann hättest du mich wegen übler Nachrede in schwerster Form, fast wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis gesteckt. Ich konnte dich gar nicht anders von den Tatsachen überzeugen als so, daß ich dich ein bißchen an der Nase herumführte, gleichzeitig aber auch eine unübersehbare Spur von auffälligsten Finten legte. Angelogen habe ich dich trotzdem niemals. Immer wieder wies ich auf bezeichnende Tatsachen hin, stellte Vermutungen auf und hoffte, du würdest dich davon leiten lassen. Aber du hast alle Andeutungen überhört oder falsch ausgelegt, und das mit einer fast gereizten Perversität.«

Markham schwieg sehr lange. »Ich verstehe, was du meinst«, antwortete er dann. »Aber warum hast du dann ständig Strohmänner aufgestellt und sie dann wieder umgestoßen?«

»Du hast dich mit Leib und Seele an Indizien geklammert. Ich wollte dir damit nur beweisen, daß du so nicht weiterkommst. Es hätte absolut nichts genützt, wenn ich dich mit der Nase auf den Major gestoßen hätte. Gegen ihn lagen ja keine Beweise vor, denn dafür hatte er gesorgt. Keiner zog ihn je in Betracht. Brudermord ist seit den Tagen Kains eine menschliche Ungeheuerlichkeit. Komm, sei ein guter Kerl und gib zu, daß der Major nicht in Verdacht geraten wäre, hätte ich nicht so fleißig daraufhingearbeitet.«

Markham nickte langsam. »Und doch ... Es gibt noch immer einige Dinge, die ich nicht begreife. Warum hat er so heftig widersprochen, als wir den Captain verhaftet hatten?«

»Mein lieber Markham, ich kann dir nur raten, niemals ein Verbrechen zu begehen. Dazu bist du nämlich zu dämlich. Entschuldige schon. Man würde dich im nächsten Augenblick schnappen. Der Major festigte seine Stellung als Unantastbarer doch nur, wenn er gegen die Verhaftung Unschuldiger protestierte. Er hätte gar keinen besseren Schachzug tun können, um jeden Verdacht von sich selbst abzulenken.«

»Ein paarmal hatte ich aber den Eindruck, er halte Miß St. Clair für die Täterin.«

»Ah! Hier siehst du deutlich, wie eine raffinierte Intelligenz eine Gelegenheit ausnützt. Zweifellos hat der Major sein Verbrechen so geplant, daß der Captain in Verdacht geraten mußte. Der Major wußte ja, daß er allein wohnte und es ihm daher schwerfallen müßte, ein lückenloses Alibi vorzuweisen. Siehst du jetzt, wie schlau er war, als er Pfyfe ins Spiel brachte? Er wußte, daß du von der Drohung erfahren würdest, sobald du Pfyfe vernommen hättest. Du darfst auch die Tatsache nicht übersehen, daß er dir nur so ganz beiläufig diesen Pfyfe zum Fraß vorwarf. Gerissener Hund, was?«

Markham war in düsteres Brüten versunken.

»Und jetzt die Sache mit der ausgenützten Gelegenheit. Als du seine Kalkulationen über den Haufen warfst, indem du ihm sagtest, du wüßtest, mit wem Alvin zu Abend gegessen habe, und daß du genug Beweise für einen Haftbefehl hättest, da gefiel ihm diese Idee. Er wußte genau, daß in dieser ritterlichen Stadt niemals eine reizende junge Dame wegen Mordes zum Tode verurteilt werden würde. Er hatte sogar soviel sportlichen Instinkt, zu wünschen, daß kein Falscher für dieses Verbrechen bestraft werden sollte. Er war also durchaus bereit, dir die junge Dame erneut unter die Nase zu halten. Er spielte recht geschickt und stellte es so hin, als sei es ihm recht zuwider, sie hineinziehen zu müssen.«

»Hast du deshalb von mir verlangt, ich solle andeuten, daß ich Miß St. Clair in Verdacht hätte, als du ihn ins Büro batest?«

»Ganz genau.«

»Und die Person, die der Major zu schützen versuchte ...«

»... war er selbst. Er wollte nur, daß du denken solltest, es sei Miß St. Clair.«

»Deiner Theorie entsprechend wäre das Verbrechen also ziemlich überstürzt begangen worden.« Das war eher eine Frage als eine Feststellung Markhams.

»Die Einzelheiten waren überstürzt«, berichtete Vance. »Der Major hat sich zweifellos schon lange mit dem Gedanken befaßt, seinen Bruder zu beseitigen. Nur die Entscheidung, wie und wann er es tun wollte, war noch nicht gefallen. Vielleicht hat er eine ganze Menge Pläne gewälzt und wieder verworfen. Am Dreizehnten kam dann die Gelegenheit. Alle Bedingungen erfüllten sich wie von selbst. Er hörte, daß Miß St. Clair mit seinem Bruder zum Abendessen zu gehen versprach. Deshalb wußte er auch, daß Alvin gegen halb eins zu Hause sein konnte, gleichzeitig aber auch, daß der Verdacht auf Captain Leacock fallen mußte, falls der Mord um diese Stunde ausgeführt werden konnte. Er sah, daß Alvin den Schmuck mit nach Hause nahm, und das war sehr wichtig. Der Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte, war gekommen. Jetzt brauchte er sich nur noch ein Alibi zu zimmern und seine Arbeitsweise festzulegen. Wie er das gemacht hat, das habe ich dir ja schon vorgeführt.«

Markham saß lange mit gesenktem Kopf da und dachte nach. »Du hast mich nahezu von seiner Schuld überzeugt«, gab er endlich zu. »Aber verdammt noch mal, beweisen mußt du sie mir noch! Und die Beweise sind sehr, sehr dünn.«

Vance zuckte die Achseln. »An deinem blöden Gerichtshof und den verstaubten Beweisregeln bin ich doch nicht interessiert. Da ich dich aber überzeugt habe, kannst du mir nicht vorwerfen, ich hätte deine Herausforderung nicht angenommen, oder?«

»Wahrscheinlich hast du damit recht«, gab Markham düster zu. Die Muskeln um seinen Mund spannten sich. »Du hast deinen Teil getan, Vance. Nun muß ich weitermachen.«

 

Heath und Captain Hagedorn warteten schon, als wir ins Büro kamen, und Markham begrüßte sie ein wenig reserviert, wie es seine Art war. Er hatte sich überraschend gut in der Hand, und er ging seine Aufgabe mit der düsteren Entschlossenheit an, die ihn bei der Erfüllung all seiner Pflichten kennzeichnete.

»Ich glaube, wir haben endlich den Richtigen, Sergeant«, sagte er. »Setzen Sie sich. Ich gehe die Sache sofort mit Ihnen durch. Vorher muß ich nur noch ein paar andere Dinge erledigen.«

Er reichte dem Waffenfachmann die Pistole von Major Benson. »Captain, untersuchen Sie diese Waffe sehr genau und sagen Sie mir, ob mit ihr möglicherweise der tödliche Schuß auf Benson abgegeben worden sein konnte.«

Hagedorn ging sofort zum Fenster. Er legte die Pistole auf das Fensterbrett, nahm einige Werkzeuge aus der Tasche seiner ausgebeulten Jacke, klemmte eine Uhrmacherlupe ins Auge und begann eine anscheinend unendlich lange Reihe von Basteleien. Er nahm die Pistole praktisch restlos auseinander, aber dann sah ich, daß ihm nur daran lag, möglichst viel Licht in den Lauf fallen zu lassen. Er hielt nämlich die Pistole gegen das Fenster und legte das Auge an die Mündung. Fast fünf Minuten lang spähte er hinein und bewegte sie nach allen Richtungen, um die Sonne auf verschiedene Stellen des Laufes fallen zu lassen.

Dann machte er sich mit pedantischer Genauigkeit daran, die Waffe wieder zusammenzubauen. Als er damit fertig war, lehnte er sich in seinen Sessel zurück und blinzelte eine ganze Weile.

»Ich will Ihnen etwas sagen.« Hagedorn musterte Markham über den Rand seiner Stahlbrille. »Das hier könnte die richtige Waffe sein. Ganz bestimmt will ich es noch nicht behaupten. Aber als ich neulich das Geschoß sah, da erkannte ich eine ganz bestimmte Rillenmarkierung. Die Rillenmarkierung dieser Waffe scheint mit der am fraglichen Geschoß übereinzustimmen. Ich weiß es noch nicht mit absoluter Sicherheit. Erst möchte ich den Lauf noch in meinem Helixometer untersuchen.«

»Sie glauben aber, es könnte die Waffe sein?« bohrte Markham.

»Ich kann mich täuschen, aber ich glaube es eigentlich schon.«

»Schön, Captain. Nehmen Sie das Ding mit und rufen Sie mich sofort an, wenn Sie die Untersuchung abgeschlossen haben.«

»Das ist schon die Tatwaffe«, äußerte sich Heath, als Hagedorn gegangen war. »Den Vogel kenne ich doch. Wenn der sagt, er glaubt es, dann ist es so gut wie sicher. Wessen Waffe ist es denn übrigens?

»Diese Frage werde ich später beantworten.« Noch immer kämpfte Markham verzweifelt gegen die Wahrheit und vermochte nicht einmal vor sich selbst die Schuld des Majors zuzugeben, ehe er nicht unwiderlegbare Beweise dafür hatte. »Erst möchte ich noch den Bericht von Stitt haben, ehe ich mich äußere. Ich habe ihn zu Benson und Benson geschickt, um die Bücher nachzuprüfen. Er muß jeden Augenblick kommen.«

In der folgenden Viertelstunde machte sich Markham mit anderen Dingen zu schaffen, doch damit versuchte er nur seine innere Unruhe zu überspielen. Endlich kam Stitt. Er nickte dem Staatsanwalt und Heath düster zu, aber als er Vance erblickte, leuchteten seine Augen auf. »Das war aber ein guter Tip, den Sie mir da gegeben haben. Das war unglaublich geschickt. Wenn Sie den Major Benson noch ein wenig länger hätten behalten können, hätte ich noch viel mehr geschafft. Solange er da war, ließ er mich keine Sekunde aus den Augen.«

»Ich tat, was ich konnte«, seufzte Vance und wandte sich an Markham: »Weißt du, gestern beim Mittagessen dachte ich ständig darüber nach, wie ich den Major aus seinem Büro locken konnte, solange Mr. Stitt die Bücher prüfte. Als wir von Leacocks Geständnis hörten, hatte ich die benötigte Entschuldigung. Ich brauchte den Major hier ja gar nicht, aber Mr. Stitt sollte ungehindert arbeiten können.«

»Was haben Sie herausgefunden?« erkundigte sich Markham.

»Eine ganze Menge!« war die lakonische Antwort. Er legte ein Blatt Papier auf den Tisch. »Hier ist ein kurzgefaßter Bericht. Ich hielt mich an den Vorschlag von Mr. Vance, sah die Kassenbücher und die Bestandslisten durch und ging den Transferquittungen nach. Journal und Hauptbuch interessierten mich nicht, sondern ich konzentrierte mich auf die Transaktionen der Firmenleitung. Major Benson, entdeckte ich, hat ständig hypothekarische Sicherheiten auf sich selbst als Mitinhaber übertragen, um sie mit Profit zu veräußern. Außerdem hat er im Börsenfreiverkehr hoch spekuliert. Er hat dementsprechend verloren. Wieviel es ist, kann ich aber nicht annähernd sagen.«

»Und Alvin Benson?« erkundigte sich Vance gespannt.

»Er arbeitete mit den gleichen Tricks, aber er hatte Glück. Vor ein paar Wochen machte er einen ganz schönen Gewinn, und das Geld pökelte er dann sofort in seinem Safe ein. Das hat mir wenigstens seine Sekretärin erzählt.«

»Wenn also Major Benson den Schlüssel zu diesem Safe hatte, dann ist es für ihn ein Glück, daß sein Bruder erschossen wurde«, bemerkte Vance.

»Glück?« erwiderte Stitt. »Er wurde damit vor dem Zuchthaus gerettet.«

Als der Buchprüfer gegangen war, saß Markham wie aus Stein gehauen da und bohrte mit seinen Augen Löcher in die Wand gegenüber. Auch dieser Strohhalm war also vorbeigeschwommen.

Das Telefon läutete. Langsam nahm er den Hörer ab und hörte zu. Resignation zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Dann lehnte er sich erschöpft zurück. »Es war Hagedorn«, sagte er. »Und es ist die Tatwaffe.«

Dann richtete er sich auf und wandte sich an Heath. »Der Besitzer dieser Pistole, Sergeant, war Major Benson.«

Der Sergeant pfiff leise, und dazu riß er die Augen auf. Nur ganz allmählich nahm sein Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck stoischer Ruhe an. »Na, erstaunt bin ich darüber nicht«, behauptete er.

Markham läutete nach Swacker. »Holen Sie den Major Benson ans Telefon und sagen Sie ihm, ich sei dabei, eine Verhaftung vorzunehmen, und er solle sofort herkommen.« Daß er Swacker diesen Auftrag erteilte und nicht selbst telefonierte, wurde von uns allen recht gut verstanden.

Für Heath faßte Markham dann noch einmal den ganzen Fall zusammen. Als er damit fertig war, stand er auf und stellte die Stühle vor seinem Schreibtisch zurecht. »Wenn Major Benson kommt, Sergeant«, befahl er, »dann setzen Sie ihn hierher.« Er deutete auf einen Stuhl gegenüber dem seinen. »Ich möchte, daß Sie rechts von ihm Platz nehmen. Holen Sie Phelps oder einen anderen Beamten, der sich links von ihm hinsetzt. Keiner von euch rührt sich aber, ehe ich das Signal gebe. Dann könnt ihr ihn verhaften.«

Phelps, Heath und wir anderen nahmen unsere Plätze ein. »Sergeant, ich rate Ihnen, seien Sie auf der Hut«, warnte ihn Vance. »In dem Augenblick, wo der Major sich darüber klar ist, daß man ihn in der Falle hat, wird er Sie mit Sicherheit anspringen.«

Heath lachte verächtlich. »Er ist nicht der erste Kerl, den ich verhafte, Mr. Vance. Trotzdem vielen Dank für Ihren guten Rat. Und außerdem ist der Major nicht so. Er ist viel zu kaltblütig.«

»Wie Sie meinen«, erwiderte Vance gleichmütig. »Ich habe Sie aber gewarnt. Sicher hat der Major einen kühlen Kopf. Er greift nach großen Möglichkeiten und kann seinen letzten Dollar verlieren, ohne daß sich ihm ein einziges Härchen aufstellt. Sieht er sich aber in die Ecke getrieben und findet er keinen Ausweg mehr, dann explodiert er, weil er für die gesammelten Enttäuschungen seines Lebens kein Sicherheitsventil hat. Lebt ein Mensch ohne Leidenschaften, ohne Gefühle und ohne Begeisterung, dann muß er einmal durchdrehen. Der eine explodiert, der andere begeht Selbstmord – im Prinzip ist es aber dasselbe: eine psychologische Reaktion. Der Major ist nicht der Typ des Selbstzerstörers, und deshalb sage ich, es zerreißt ihn.«

Heath schniefte. »Wir hier haben ja wenig Ahnung von Psychologie, aber mit den Menschen kennen wir uns auch aus«, meinte er von oben herab.

 

Bis der Major ankam, saßen wir alle schweigend da. Markham rauchte geistesabwesend. Ab und zu warf er einen Blick auf Stitts Bericht; einmal ging er auch zum Wasserkühler und trank einen Schluck. Vance schlug ein juristisches Buch auf, das vor ihm lag und las schmunzelnd den Bericht über einen Bestechungsfall, den ein Richter im Westen abgehandelt hatte. Heath und Phelps, die das Warten gewohnt waren, rührten sich nicht.

Als Major Benson eintrat, begrüßte ihn Markham mit betonter Gleichgültigkeit, er kramte in seiner Schublade, um dem Mann nicht die Hand reichen zu müssen. Heath war jedoch sehr leutselig. Er schob den Stuhl des Majors zurecht und machte eine belanglose Bemerkung über das Wetter. Vance schlug sein Buch zu, setzte sich gerade hin und stellte die Füße unter den Stuhl.

Major Benson war von herzlicher Würde. Er streifte Markham mit einem raschen Blick. Falls er etwas vermutete, ließ er sich nichts anmerken.

»Major, ich möchte Sie bitten; mir ein paar Fragen zu beantworten – falls Sie nichts dagegen haben.« Markham sprach leise.

»Ich habe durchaus nichts dagegen«, erwiderte der andere.

»Sie besitzen doch eine Armeepistole, nicht wahr?«

»Ja. Eine Colt Automatic«, erwiderte er und hob fragend die Augenbrauen.

»Wann haben Sie diese Waffe zuletzt gereinigt und aufgefüllt?«

Kein Muskel im Gesicht des Majors zuckte. »Das kann ich nicht genau sagen. Ich habe sie einige Male gereinigt. Aufgefüllt habe ich sie aber nicht mehr, seit ich aus Übersee zurück bin.«

»Haben Sie die Waffe vor kurzem vielleicht einmal hergeliehen?«

»Nicht, daß ich mich daran erinnern könnte.«

Markham nahm Stitts Bericht in die Hand und überflog ihn noch einmal. »Wie konnten Sie hoffen, Ihre Klienten zu befriedigen, falls jemand die Rückzahlung der Sicherheiten verlangen sollte?«

Der Major zog verächtlich die Oberlippe in die Höhe, so daß er seine Zähne fletschte. »So, und Sie haben also unter dem Deckmantel der Freundschaft meine Bücher durchfilzen lassen!« Ich sah, wie sich sein Nacken dunkelrot färbte und die Welle zu den Ohren weiterlief.

»Zufällig habe nicht ich den Mann geschickt«, erwiderte Markham scharf, denn der Vorwurf hatte ihn getroffen. »Aber ich war heute früh in Ihrer Wohnung.«

»Also, ein Einbrecher sind Sie auch noch?« Dicke Adern schwollen dem Major auf der Stirn.

»Und ich fand Mrs. Bannings Juwelen. Wie kamen sie denn in Ihre Wohnung, Major?«

»Das geht Sie einen nassen Staub an«, erklärte er patzig.

»Warum sagten Sie Miß Hoffman, sie solle den Schmuck mir gegenüber nicht erwähnen?«

»Auch das geht Sie nichts an.«

»Doch, es geht mich einiges an«, erwiderte Markham leise. »Zum Beispiel, daß die Kugel, die Ihren Bruder tötete, aus Ihrer Pistole stammte.«

Der Major sah ihn unbewegt an, aber sein Mund war verächtlich verzogen. »Eine solche Gemeinheit! Ein Betrug ohnegleichen! Mich zu meiner eigenen Verhaftung einladen und mir dann Fragen stellen, mit denen ich mich selbst belasten soll, wenn ich keine Ahnung habe von einem gegen mich schwebenden Verdacht! Sie sind ein ganz hinterhältiger, dreckiger Kerl!«

Vance beugte sich vor. »Sie Narr!« Das sagte er sehr leise, aber es klang wie das Zischen einer Peitsche. »Sehen Sie denn nicht, daß er Ihr Freund ist und diese Fragen in der letzten verzweifelten Hoffnung stellt, Sie könnten unschuldig sein?«

Der Major fuhr heftig zu ihm herum. »Sie halten sich da ganz 'raus, Sie ... Sie ... Sie verdammter Idiot!«

Vance sah ihn lächelnd an.

»Und Sie ...« Er deutete mit einem zitternden Finger auf Markham. »Sie ... Sie lasse ich dafür noch schwitzen!«

Der Mann sprudelte wahllos Flüche und Schimpfnamen aus sich heraus. Er schnaubte wie ein wütender Stier, und seine Augen sprühten Blitze. Er war wie ein Mensch bei einem Schlaganfall – verzerrt, abstoßend und unfähig jeder feineren Empfindung.

Markham ließ alles geduldig über sich ergehen, saß mit geschlossenen Augen da und stützte den Kopf in die Hände. Allmählich steigerte sich der Major in eine immer größere Wut hinein, so daß seine Schimpfworte nicht einmal mehr zu verstehen waren und er mehr oder weniger bellte. Erst jetzt sah Markham auf und nickte Heath zu. Es war das Signal, auf das er gewartet hatte. Ehe Heath aber noch eine Bewegung machen konnte, sprang der Major auf, warf seinen Körper mit einer blitzschnellen Drehung herum und landete einen gewaltigen Haken in Heaths Gesicht. Heath fiel mit seinem Stuhl nach rückwärts um und lag ganz benommen auf dem Boden. Phelps tat einen Satz vorwärts und duckte sich, aber das Knie des Majors schoß schon nach oben und traf ihn in den Unterbauch. Er sank in sich zusammen, krümmte sich auf dem Boden und stöhnte.

Dann wandte sich der Major gegen Markham. Seine Augen flammten wie die eines Irren, und dabei fletschte er sein Gebiß wie ein Totenschädel. Mit jedem keuchendem Atemzug blähten sich seine Nüstern. Die Schultern hatte er nach vorn gezogen, und die Arme ließ er locker hängen. Die Finger waren fast ausgestreckt.

»Du bist der Nächste!« knurrte er, gleichzeitig sprang er. Vance beobachtete aus halbgeschlossenen Augen die Schlacht und rauchte dabei. Ganz plötzlich sprang er auf und war im gleichen Moment am anderen Ende des Tisches. Seine Arme schossen nach vorn. Mit einer Hand fing er das rechte Handgelenk des Majors, mit der anderen den Ellbogen. Dann ließ er sich mit einer drehenden Bewegung nach rückwärts fallen. Dabei wurde der Arm des Majors nach oben zwischen die Schulterblätter gerissen. Benson schrie und ließ sich zusammensinken.

Inzwischen hatte sich Heath wieder erholt. Er kam auf die Beine und im selben Moment klickten auch schon die Handschellen. Der Major ließ sich schwer in einen Sessel fallen und bewegte keuchend seine Schultern vor und zurück.

»Das ist nicht gefährlich«, erklärte ihm Vance. »Nur ein winziger Sehnenriß an der Kapsel. In ein paar Tagen ist es wieder geheilt.«

Heath trat wortlos auf Vance zu und streckte ihm die Hand entgegen. Diese Geste war sowohl eine Entschuldigung als auch ein Akt der Hochachtung. Das gefiel mir an Heath.

Als er mit seinem Gefangenen verschwunden und der arme Phelps in einem bequemen Sessel untergebracht war, legte Markham die Hand auf Vances Arm. »Gehen wir«, bat er. »Ich bin völlig erledigt.«

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.