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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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23. Ein Alibi wird überprüft

Donnerstag, 20. Juni, 10.30 Uhr

Das Haus, in dem Major Benson wohnte, war ein kleines, ganz exklusives Appartementhaus in der Sechsundvierzigsten Straße, halbwegs zwischen der Fünften und der Sechsten Avenue. Der Eingang lag mit der Straße auf gleicher Ebene, nur zwei Stufen über dem Pflaster. Die Tür führte in einen schmalen Gang mit einem anschließenden Empfangsraum links, der nur vom Gang aus zu erreichen war. Im Hintergrund war der Lift zu sehen. Unter einer schmalen Eisentreppe, die sich um den Liftschacht nach oben wand, befand sich die Telefonvermittlung.

Als wir ankamen, waren zwei junge Männer in Uniform im Dienst. Der eine lehnte in der Lifttür, der andere saß an der Telefonzentrale.

Vance blieb mit Markham bei der Tür stehen. »Einer von diesen beiden Jungen, so erfuhr ich, war in der Nacht des Dreizehnten im Dienst. Du mußt herausfinden, wer es war. Dann jagst du ihm mit deinem Staatsanwaltstitel Angst ein. Anschließend reichst du ihn an mich weiter.«

Widerstrebend ging Markham durch die Halle. Den einen von ihnen nahm er mit sich in den Empfangsraum und erklärte ihm, was er von ihm wolle.

Vance begann ihn mit der Überlegenheit eines Mannes, der genau wußte was der andere wußte, auszufragen. »Um welche Zeit kam Major Benson in der Nacht nach Hause, als sein Bruder erschossen wurde?«

Der Junge riß die Augen groß auf. »Gegen elf kam er, genau nach der Show«, antwortete er und zögerte nur unmerklich.

Zur Erleichterung bringe ich hier den Dialog in eine dramatische Form:

VANCE: Vermutlich sprach er mit Ihnen.

JUNGE: Ja, Sir. Er sagte mir, er sei im Theater gewesen, es sei entsetzlich mies gewesen, und er habe Kopfschmerzen.

VANCE: Wieso erinnern Sie sich so genau an das, was Sie vor einer Woche hörten?

JUNGE: Nun, in der Nacht wurde doch sein Bruder ermordet!

VANCE: Und das war so aufregend, daß Sie sich an alles erinnern, was irgendwie mit Major Benson zusammenhängt?

JUNGE: Klar, er ist doch der Bruder des Ermordeten.

VANCE: Sagte er, als er in jener Nacht nach Hause kam, etwas über den Tag, das Datum?

JUNGE: Nur das, daß sein Pech mit der miesen Vorstellung wohl mit dem Dreizehnten zusammenhängt. Aber dann sagte er, daß der Dreizehnte für mich ein Glückstag sein soll, und er gab mir all das Silbergeld, das er in der Tasche hatte. Drei Dollar und fünfundvierzig Cents.

VANCE: Und dann ging er in seine Wohnung?

JUNGE: Ja, ich habe ihn selbst hinaufgefahren.

VANCE: Ging er später noch einmal aus?

JUNGE: Nein, Sir.

VANCE: Woher wissen Sie das?

JUNGE: Ich hätte ihn ja gesehen. Entweder war ich an der Telefonvermittlung, oder ich hatte den Lift zu bedienen. Er konnte gar nicht heraus, ohne daß ich ihn gesehen hätte.

VANCE: Kann man das Haus nur durch die Vordertür verlassen?

JUNGE: Ja, Sir.

VANCE: Waren Sie allein hier?

JUNGE: Ja, Sir. Nach zehn Uhr macht immer nur einer Dienst.

VANCE: Wann sahen Sie Major Benson dann wieder?

JUNGE ( er überlegte einen Augenblick): Er läutete und bat um Eis. Ich brachte es ihm hinauf.

VANCE: Um welche Zeit?

JUNGE: Moment ... Ja, es war halb eins.

VANCE: Vielleicht hat er Sie auch nach der Zeit gefragt?

JUNGE: Ja, Sir. Ja, das hat er tatsächlich getan. Er sagte, ich sollte auf die Uhr im Wohnzimmer schauen. Als ich nämlich das Eis hinaufbrachte, lag er im Bett. Den Krug mit dem Eis sollte ich im Wohnzimmer stehen lassen, sagte er. Dann fragte er nach der Uhrzeit. Seine Uhr sei stehengeblieben, sagte er, und er wolle sie stellen.

VANCE: Und was hat er dann gesagt?

JUNGE: Nicht viel. Ich sollte auf keinen Fall bei ihm läuten, egal, wer nach ihm verlangte. Er wolle schlafen, sagte er, und nicht aufgeweckt werden.

VANCE: Das hat er sehr nachdrücklich verlangt, nicht wahr?

JUNGE: Ja, natürlich. Er hat es auch so gemeint.

VANCE: Wo war Major Benson, als Sie die Wohnung betraten?

JUNGE: Im Bett. Ich habe ihn gesehen.

VANCE: Sie wissen ganz bestimmt, daß er nicht noch einmal nach unten kam? Könnte er nicht die Treppe heruntergegangen sein, als Sie mit dem Lift nach oben fuhren?

JUNGE: Klar, das wäre schon möglich gewesen. Aber nachdem ich dem Major das gestoßene Eis hinaufgebracht hatte, fuhr ich mit dem Lift erst wieder um halb drei hinauf, als Mr. Montague kam.

VANCE: Und Sie verließen die Halle in der Zwischenzeit auch nicht für eine Minute?

JUNGE: Nein, ich saß immer hier.

VANCE: Als Sie ihn zuletzt sahen, lag er also um halb eins im Bett?

JUNGE: Ja. Erst am Morgen sah ich ihn wieder. Da rief eine Dame an und sagte ihm, sein Bruder sei ermordet worden. Er kam herunter und ging zehn Minuten später weg.

VANCE ( gab dem Jungen einen Dollar): Fein. Das wäre alles. Aber verraten Sie keinem Menschen, daß ich hier war, verstanden? Sonst könnten Sie selbst ins Kittchen kommen, kapiert? Und jetzt marsch, an die Arbeit, junger Mann!

Als der Junge uns verlassen hatte, sah Vance Markham flehend an. »Zum Besten der Gesellschaft, den Anforderungen der Justiz entsprechend, zum Besten des Volkes und so weiter und so weiter mußt du noch einmal deinem innersten Empfinden zuwiderhandeln. Vulgär ausgedrückt – ich möchte sofort und schnell einmal durch die Wohnung von Major Benson schnüffeln.«

»Muß ich? Und warum? Sag' mal, hast du deinen Verstand verloren? Du hast doch die Aussage des Jungen. Ich bin vielleicht ein blöder Hund, aber ich weiß doch, wann ein Mensch die Wahrheit sagt.«

»Klar, er sagt die Wahrheit«, gab Vance überraschend ernst zu. »Deshalb will ich doch hinauf. Komm, mein Freund, komm! Um diese Zeit besteht keine Gefahr, daß der Major überraschend zurückkommt. Und außerdem«, fügte er augenzwinkernd hinzu, »hast du mir versprochen, mir in jeder Beziehung zu helfen.«

Markham wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, doch was nützte es? Wenige Minuten später betraten sie mittels eines Universalschlüssels die Wohnung des Majors.

Eine einzige Tür führte von der oberen Halle in einen schmalen Gang, der direkt im Wohnzimmer im Hintergrund mündete. Rechts am Gang, in unmittelbarer Nähe der Eingangstür, befand sich die Schlafzimmertür.

Vance ging sofort in das Wohnzimmer. An der Wand rechts befand sich ein Kamin, auf dem eine altmodische Mahagoniuhr stand. In der Ecke daneben sah er auf einem kleinen Tisch eine silberne Eiswasserkanne mit sechs Bechern.

»Da ist ja unsere Uhr«, meinte Vance. »Und auch der Eiskrug.«

Dann ging er zum Fenster und sah in den gepflasterten Hof hinunter. »Durch das Fenster konnte der Major sicher nicht entwischen«, stellte er fest.

Dann drehte er sich um und sah den schmalen Gang entlang. »Der Junge konnte natürlich sehen, wie das Licht im Schlafzimmer ausging, falls die Tür offen war. Die weiße Fliesenwand im Gang reflektiert ja das Licht.«

Schließlich betrat er das Schlafzimmer. Es enthielt ein kleines Bett mit einem Baldachin. Daneben stand ein Nachttisch mit einer Lampe. Er setzte sich auf die Bettkante und schaute sich um. Er zog ein paarmal an der Lichtkette und schaltete damit das Licht ein und aus. Dann sah er Markham an. »Siehst du jetzt, wie Benson herauskam, ohne daß der Junge es wußte?«

»Vermutlich flog er davon«, schlug Markham patzig vor.

»Ja, ungefähr. Verdammt geschickt, wie er das gemacht hat. Hör mal, Markham: Um halb eins läutete der Major und bat um gestoßenes Eis. Der Junge brachte es hinauf und sah durch die offene Tür den Major im Bett liegen. Der Major befahl ihm, das Eis in den Krug im Wohnzimmer umzufüllen. Der Junge ging also den Gang entlang und quer durch das Wohnzimmer zum Tisch in der Ecke. Der Major fragte ihn dann, wie spät es sei, und der Junge sah auf die Uhr auf dem Kaminsims. Es war halb eins. Darauf sagte der Major, er wünsche nicht weiter gestört zu werden, wünschte dem Jungen gute Nacht und knipste seine Nachttischlampe aus. Er sprang aus dem Bett und huschte, da er ja voll angezogen war, rasch in die Halle hinaus, ehe der Junge Zeit gehabt hatte, das Eis umzufüllen, und rannte die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus, ehe der Lift hinunterkam. Als der Junge am Schlafzimmer des Majors vorbeikam, konnte er ja nicht sehen, ob der Major noch im Bett war oder nicht, selbst wenn er hätte nachsehen wollen, denn das Licht war ausgeschaltet und der Raum finster. Gerissen, was?«

»Natürlich wäre es so möglich gewesen«, mußte Markham zugeben. »Aber deine blühende Phantasie befaßt sich nicht mit seiner Rückkehr.«

»Die war ja viel einfacher als das Verschwinden. Wahrscheinlich wartete er irgendwo gegenüber auf die Rückkehr eines anderen Mieters. Der Junge sagte doch, ein Mr. Montague kam gegen halb drei nach Hause. Als der Major wußte, daß der Lift eben nach oben fuhr, schlüpfte er rasch hinein und ging die Treppe hinauf.«

Markham lächelte nur ein wenig mitleidig, sagte aber nichts.

»Es kann dir doch nicht entgangen sein, wie ungemein sorgfältig der Major Tag und Stunde festhielt, damit der Junge beides nur ja nicht vergaß«, fuhr Vance fort. »Eigentlich eine ziemlich dürftige Schau, die er da aufzog. Kopfschmerzen, Unglückstag. Warum Unglückstag? Der Dreizehnte, klar. Glück für den Jungen. Eine Handvoll Geld – alles Silber. Komische Art, ein Trinkgeld zu geben, was? Einen Dollarschein hätte man ja leicht vergessen, oder?«

Ein Schatten flog über Markhams Gesicht, aber seine Stimme blieb so unpersönlich wie immer. »Ich ziehe deine Ausführungen gegen Mrs. Platz vor«, erklärte er.

»Ah, ich bin doch noch lange nicht zu Ende!« Vance stand auf. »Weißt du, ich habe sogar einige Hoffnung, die Tatwaffe zu finden.«

Diese Feststellung schien Markham ungeheuer zu amüsieren. »Das wäre natürlich ein außerordentlich wichtiger Faktor. Du glaubst tatsächlich daran, sie zu finden?«

»Es wird sogar recht einfach sein«, versicherte Vance ihm.

Er ging zur Herrenkommode und zog eine Schublade nach der anderen auf. »Unser abwesender Gastgeber hat die Pistole nicht in Alvins Haus gelassen und war viel zu geizig, sie wegzuwerfen. Als Major des letzten Krieges mußte man eine solche Waffe bei ihm erwarten. Es wird sogar eine ganze Reihe von Leuten geben, die wissen, daß er eine hatte. Und wenn er unschuldig ist – er rechnet ja fest damit, daß wir das annehmen –, warum soll sie dann nicht an ihrem richtigen Platz sein? Siehst du, im Augenblick wäre es viel verdächtiger, wäre sie nicht dort, wo sie sein sollte. Auch hier ist, wie du siehst, ein ganz wichtiger psychologischer Faktor zu berücksichtigen. Eine unschuldige Person, die fürchtete, man könnte sie für den Täter halten, hätte sie versteckt oder weggeworfen, wie Captain Leacock zum Beispiel. Ein Schuldiger, der sich mit einer Aura der Unschuld zu umgeben wünschte, würde sie dagegen genau dorthin zurücklegen, wo sie sich vor dem Schuß befunden hatte.«

Noch immer ging er die Schubladen der Kommode durch. Er suchte recht sorgfältig.

»Unser einziges Problem ist infolgedessen das, das normale Versteck zu finden ... Hier in der Kommode ist die Waffe nicht«, stellte er fest und schob die letzte Lade zu.

Am Fuß des Bettes stand eine Reisetasche, die er nun öffnete und rasch durchsuchte. »Hier ist sie auch nicht«, murmelte er fast gleichgültig. »Der Kleiderschrank dürfte der einzig wahrscheinliche Platz sein.«

Er ging quer durch den Raum und öffnete die Schranktür. Gemächlich knipste er das Licht an. Auf der Hutablage lag offen und für jeden sichtbar ein Uniformgürtel mit einem dicken Holster. Vance hob es vorsichtig an und legte es auf das Bett neben dem Fenster.

»Da hast du's alter Junge«, rief er fröhlich und beugte sich dazu hinunter. »Siehst du, Gürtel und Holster sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt – mit Ausnahme der Holsterlasche. Die ist ziemlich sauber, und das beweist, daß sie erst kürzlich geöffnet worden sein muß. Zwingend ist dieser Schluß natürlich nicht unbedingt, aber du bist doch immer so sehr auf solche Schlußfolgerungen aus.«

Ganz vorsichtig zog er die Pistole aus dem Holster. »Hier, schau mal! Auch die Pistole weist keinen Staub auf. Ich nehme an, sie wurde erst kürzlich gesäubert.«

Dann drehte er einen Taschentuchzipfel zusammen und schob ihn in den Lauf. Triumphierend hielt er ihn Markham unter die Nase, als er ihn wieder herausgezogen hatte. »Siehst du? Was siehst du? Sogar innen ist der Lauf makellos sauber. Ich wette meinen Cézanne gegen einen juristischen Doktorhut, daß auch keine Patrone fehlt.«

Er nahm das Magazin heraus und ließ die Patronen auf den Nachttisch fallen, wo sie nun in einer sauberen Reihe vor uns lagen. Es waren sieben, eine vollständige Magazinfüllung für diese Waffe.

»Und jetzt siehst du dich erneut vor einem deiner geliebten Schlüsse, Markham. Patronen, die längere Zeit in einem Magazin sind, laufen ein wenig an, denn der Verschluß ist nicht luftdicht. Eine frische Patronenpackung ist hingegen sehr gut verschlossen, und der ursprüngliche Schimmer bleibt daher auch lange erhalten.«

Er deutete auf die erste Patrone, die aus dem Magazin gerollt war. »Schau dir mal die hier an, die zuletzt in das Magazin kam. Sie glänzt ein wenig heller als alle anderen. Die Folgerung ist also die – und du bist doch ein Fachmann in Folgerungen, wie ich weiß –, daß diese Patrone relativ neu ist und erst vor ziemlich kurzer Zeit in das Magazin eingelegt wurde.«

Er sah Markham an. »Sie wurde eingelegt, um jene Patrone zu ersetzen, die Captain Hagedorn aufbewahrt.«

Markham lächelte recht mühsam und gequält. »Ich bin noch immer der Meinung, daß dein Exposé gegen Mrs. Platz ein Meisterwerk ist.«

»Mein Bild des Majors ist noch lange nicht vollständig«, antwortete Vance. »Die charakteristischen Glanzlichter kommen erst noch. Zuerst einmal ein kleiner Fragebogen: Wieso wußte der Major, daß sein Bruder Alvin um halb eins in der Nacht des Dreizehnten zu Hause sein würde? – Er hörte, wie Alvin Miß St. Clair zum Abendessen einlud. Erinnerst du dich an die Geschichte von Miß Hoffman, daß er immer lauschte? Und er hörte sie auch sagen, daß sie immer und unter allen Umständen um Mitternacht nach Hause ginge. Der Major wußte also, daß Alvin um halb eins ungefähr zu Hause sein würde und daß mit ziemlicher Sicherheit kein Besuch mehr zu erwarten war. Auf jeden Fall konnte er doch auf seinen Bruder warten, oder nicht?

Konnte er nicht auch ein sofortiges Gespräch mit seinem Bruder herbeiführen? Ja, natürlich. Er klopfte an das Treppenfenster, seine Stimme wurde erkannt, und er wurde sofort eingelassen. Vor seinem Bruder genierte sich Alvin ohne Toupet und Zähne sicher nicht.

Ist der Major von der richtigen Größe? Ja. Er ist fast genau fünf Fuß zehneinhalb groß.«

Markham starrte nachdenklich die auf dem Bett liegende Pistole an. Er sagte kein Wort dazu.

»Und jetzt kommen wir zu den Juwelen«, fuhr Vance fort. »Erinnerst du dich daran, daß ich einmal sagte, wenn wir erst die Sicherheit für Pfyfes Wechsel fänden, hätten wir auch den Mörder? Ich dachte dabei daran, daß der Major den Schmuck haben müsse und war dessen sicher, als Miß Hoffman erwähnte, daß er sie gebeten hatte, nichts von dem Päckchen zu sagen. Alvin nahm das Kästchen am Nachmittag des Dreizehnten mit nach Hause, und das wußte der Major. Ich stelle mir vor, daß diese Tatsache ihn veranlaßte, unter Alvins Leben gerade in jener Nacht einen Schlußpunkt zu setzen. Weißt du, Markham, er wollte diese Klunkerchen haben.«

Er sprang auf und ging zur Tür. »Und jetzt müssen wir sie nur noch finden. Der Mörder nahm sie mit. Anders konnten sie ja gar nicht das Haus verlassen. Deshalb müssen sie in dieser Wohnung sein. Hätte der Major sie mit ins Büro genommen, hätte sie ja jemand sehen können. Hätte er sie ins Banksafe getan, dann hätte sich vermutlich der betreffende Bankangestellte daran erinnert. Und hier waren die Steine jedenfalls sicherer als sonst irgendwo. War über die Geschichte erst einmal ein bißchen Gras gewachsen, konnte man sie leicht zu Geld machen. Komm mal mit mir, Markham. Ich weiß, es ist sehr schmerzlich für dich.«

Wie betäubt folgte ihm Markham durch den schmalen Gang. Mir tat er unendlich leid, denn es gab gar keinen Zweifel mehr daran, daß Vance allen Ernstes an den Major als den Täter glaubte und es anscheinend auch beweisen konnte. Nicht daß Markham wegen seiner langen Freundschaft mit dem Major die Wahrheit an sich hätte verdrehen wollen, gewiß nicht; aber er kämpfte noch immer mit der Unausweichlichkeit der Umstände und hoffte entgegen aller Hoffnung, daß er Vance mißverstanden habe, daß er, indem er jedem von Vances Schritten folgte, den Lauf der Welt aufhalten, das Rad der Zeit zurückdrehen könne.

Vance ging zum Wohnzimmer voraus und besah sich genau jedes einzelne Möbelstück. Markham blieb unter der Tür stehen und beobachtete ihn aus halb zusammengekniffenen Augen. Die Fäuste hatte er tief in seine Taschen gesteckt.

»Natürlich könnten wir in einer regulären Haussuchung die ganze Wohnung auf den Kopf stellen lassen«, erklärte Vance. »Ich halte das jedoch für überflüssig. Der Major ist ein unerschrockener, schlauer Mann und völlig unkompliziert. Er muß genau wissen, wie überflüssig es wäre, die Juwelen in irgendeiner geheimen Ecke zu verstecken, und letzten Endes hatte er auch eine so geheime Ecke gar nicht. Daher wollte er sie lediglich aus den Augen schaffen, so daß man sie nicht sehen konnte. Man braucht dazu selbstverständlich ein Schloß und einen Schlüssel, nicht wahr? Im Schlafzimmer gab es kein derartiges Versteck, und deshalb kam ich hierher.«

In einer Ecke stand ein kleiner Rosenholzschreibtisch. Vance zog eine Lade nach der anderen auf; alle waren unversperrt. Dann versuchte er es beim Tisch, aber auch die Lade war nicht verschlossen. Ein kleines spanisches Schränkchen beim Fenster blieb ebenso unbefriedigend.

»Mal sehen«, überlegte Vance laut. »Was raucht der Major? Zigarren! Und dort steht eine silberne Schatulle, in der er sie sicher aufbewahrt. So kostbar sind sie allerdings nicht, daß man sie hinter Schloß und Riegel halten müßte.«

Er nahm ein bronzenes Papiermesser vom Tisch und schob die Spitze in die Schatulle, genau in den winzigen Spalt über dem Schloß.

»Nein, das kannst du doch nicht tun!« rief Markham empört, und in seiner Stimme schwang ziemlich viel Schmerz mit.

Aber ehe er Vance erreichte, klickte es, und das Schloß war aufgeschnappt. In der Schatulle stand ein blausamtenes Schmuckkästchen. »Ah! Da sind sie ja«, stellte Vance befriedigt fest und trat einen Schritt zurück.

Markham sah in die Schatulle. Dann drehte er sich langsam um und ließ sich schwer in einen Sessel fallen. »Guter Gott«, murmelte er. »Ich weiß nicht, was ich jetzt noch alles glauben soll?«

»In dieser Beziehung bist du in der gleichen Klemme wie alle Philosophen«, meinte Vance ungerührt. »Aber du warst doch durchaus bereit, an die Schuld von einem halben Dutzend Unschuldiger zu glauben, oder vielleicht nicht? Warum gefällt es dir jetzt nicht, daß der Major der tatsächlich Schuldige ist?«

Markham stemmte die Ellbogen auf die Knie und legte sein Gesicht in die Hände. Er war nur noch ein Häufchen Hoffnungslosigkeit. »Aber das Motiv!« stöhnte er. »Für eine Handvoll Schmuck bringt doch kein Mensch seinen Bruder um!«

»Gewiß nicht«, pflichtete ihm Vance bei. »Die Klunkerchen da gehörten auch nur ganz zufällig dazu. Sei versichert, daß es ein anderes, lebenswichtiges Motiv gab. Ich stelle mir vor, das erfahren wir, sobald der Bericht des Buchprüfers vorliegt.«

»Deshalb wolltest du also diese Buchprüfung?« Markham riß sich zusammen und stand energisch auf. »Komm. Jetzt möchte ich ganz klar sehen.«

Vance bewegte sich noch nicht sofort. Er studierte sehr interessiert einen kleinen, antiken Kerzenleuchter orientalischen Musters, der auf dem Kaminsims stand. »Na, so was!« murmelte er. »Das ist ja eine höllisch gute Kopie!«

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