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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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22. Vance umreißt eine Theorie

Donnerstag, 20. Juni, 9 Uhr

Punkt neun Uhr war Markham am nächsten Morgen in Vances Wohnung. Er war sehr schlechter Laune. »Vance«, begann er, als sie am Tisch saßen, »jetzt will ich aber endlich wissen, was du gestern gemeint hast.«

»Iß erst mal deine Melone«, riet ihm Vance. »Sie stammt aus Brasilien und schmeckt köstlich. Aber verdirb den Geschmack um Himmels willen nicht mit Salz und Pfeffer! Eine Melone mit Eiscreme vollstopfen ist allerdings noch schlimmer. Die Amerikaner tun mit Eiscreme die verrücktesten Dinge. Sie belegen damit Torten, machen Pasteten daraus, ersäufen sie in Sodawasser, ersticken sie in harter Schokolade oder schieben sie zwischen zwei Bisquits und nennen das dann Eissandwich. Und die Ansichten erst, die manche Menschen über Melonen haben! Es gibt nur zwei Sorten – die Warzenmelone und die Wassermelone. Die Frühstücksmelonen ...«

Markham hörte stoisch den Ausführungen von Vance zu. Ein paarmal versuchte er, das Gespräch auf das Verbrechen zu bringen, aber es gelang ihm nicht. Erst als Currie das Geschirr weggeräumt hatte, kam er auf den Grund für Markhams Besuch zu sprechen.

»Hast du die Alibiberichte mitgebracht?« fragte er.

Markham nickte. »Zwei Stunden brauchte ich allein, um Heath zu finden«, beklagte er sich.

»Traurig, traurig«, meinte Vance und schüttelte den Kopf.

Er ging zu seinem Schreibtisch und nahm aus einem Fach ein engbeschriebenes Doppelblatt. »Ich hätte gerne, daß du dir das einmal anschaust und mir deine gelehrte Meinung dazu sagst«, bat er und reichte Markham das Papier. »Das habe ich gestern nach dem Konzert für heute vorbereitet.«

Ich nahm dieses Blatt später zu den Akten Benson. Hier folgt eine wörtliche Kopie davon:

HYPOTHESE: Mrs. Anna Platz erschoß Alvin Benson in der Nacht des 13. Juni.

ORT: Sie wohnte im Haus und gab zu, zur Tatzeit anwesend gewesen zu sein.

GELEGENHEIT: Sie war im Haus mit Benson allein.

Alle Fenster waren entweder innen verriegelt oder vergittert. Die Vordertür war abgesperrt. Andere Möglichkeiten, die Wohnung zu betreten, gab es nicht.

Ihre Anwesenheit im Wohnzimmer war natürlich. Sie konnte gekommen sein, um Benson eine Frage zu stellen.

Daß sie vor ihm stand, mußte ihn nicht unbedingt veranlassen aufzusehen. Daher seine Lesehaltung.

Wer sonst könnte ihm so nahegekommen sein, daß er erschossen werden konnte, ohne daß er darauf aufmerksam wurde?

Da sie im Haus wohnte, konnte sie den richtigen Moment für das Verbrechen wählen.

ZEIT: Sie wartete auf ihn. Sie leugnete es zwar ab, aber er konnte die Zeit seiner vermutlichen Rückkehr genannt haben.

Er kam allein und zog die Hausjacke an. Da wußte sie, daß er keinen Besuch mehr erwartete.

Sie wählte die Zeit kurz nach seiner Rückkehr, damit es den Anschein hatte, er habe noch einen Gast mitgebracht, der ihn dann erschossen hatte.

WAFFE: Bensons eigene Pistole. Benson dürfte mehr als eine besessen haben. Vermutlich hob er sie im Schlafzimmer auf. Eine Smith and Wesson wurde im Wohnzimmer gefunden, also dürfte im Schlafzimmer eine weitere Waffe gewesen sein.

Als Haushälterin wußte sie von den Waffen. Als er sich im Wohnzimmer zum Lesen hingesetzt hatte, kam sie mit der Waffe unter der Schürze versteckt herein. Nach dem Schuß versteckte sie die Waffe oder warf sie weg. Sie hatte die ganze Nacht Zeit, sich ihrer zu entledigen.

Sie hatte Angst, als sie gefragt wurde, welche Schußwaffen Benson im Haus hatte, denn sie wußte nicht, ob wir von der Waffe im Schlafzimmer wußten.

MOTIV: Sie nahm die Stelle als Haushälterin an, weil sie fürchtete, Benson werde ihrer Tochter gegenüber zudringlich werden. Sie lauschte immer, wenn ihre Tochter nachts zum Arbeiten im Haus war.

Vor kurzem überzeugte sie sich, daß Benson unehrenhafte Absichten hatte und glaubte ihre Tochter in unmittelbarer Gefahr.

Eine Mutter, die sich für die Ehre ihrer Tochter opfert, wird kaum zögern, einen Mord zu begehen, um sie zu schützen.

UND: Der Schmuck. Sie wollte ihn für ihre Tochter verstecken. Würde Benson weggehen und die Juwelen auf dem Tisch liegenlassen? Und wenn, dann konnte sie, die viel Zeit hatte und sich im Haus auskannte, am ehesten das Versteck finden.

ZUSAMMENFASSUNG: Später erklärte sie, Miß St. Clair könne nichts mit dem Verbrechen zu tun haben. Weibliche Intuition? Nein. Sie konnte wissen, daß die St. Clair unschuldig war, weil sie selbst die Schuldige ist. Zu mütterlich, um eine unschuldige Person in Verdacht zu bringen.

Sie hatte Angst gehabt, die Entdeckung des Mutter-Tochter-Verhältnisses zu Miß Hoffman könnte ihr Motiv für den Mord an Benson erklären. Beim ersten Verhör kam deutlich heraus, daß sie Benson nicht mochte. Ihre Abneigung bestätigte sich bei jeder weiteren Vernehmung.

Sie ist dickköpfig, gerissen, zielbewußt. Könnte ein solches Verbrechen sowohl planen als auch ausführen.

GRÖSSE: Fünf Fuß zehn, also die errechnete Größe des Mörders.

Markham las die Zusammenfassung ein paarmal durch, dann blieb er noch mindestens zehn Minuten nachdenklich sitzen. Endlich stand er auf und lief im Zimmer herum.

»Ich weiß, es ist kein amtlicher Bericht«, bemerkte Vance. »Verstehen kann es aber ein kleines Kind. Ich kann es natürlich umschreiben und mit zahlreichen juristischen Floskeln und Fachausdrücken schmücken.«

Markham antwortete nicht sofort. Er blieb am Verandafenster stehen und sah auf die Straße hinunter. »Ja, ich glaube, da hast du deinen Fall. Ungewöhnlich. Außerordentlich. Deine Vernehmung dieser Mrs. Platz hat mich ungemein beeindruckt. Ich gebe zu, daß es mir nie eingefallen wäre, sie zu verdächtigen. Benson muß ihr allerhand Grund gegeben haben.«

Langsam kam er mit gesenktem Kopf auf uns zu. »Aber mir gefällt es nicht, daß ich sie einsperren soll. Komisch. Ich habe sie nie in Verbindung mit diesem Mord gebracht. Und du, Vance, hast du an sie gedacht, als du behauptet hast, du hättest fünf Minuten nach dem Betreten des Hauses gewußt, wer der Mörder ist?«

Vance lächelte verschmitzt und lümmelte sich behaglich in seinen Sessel.

Markham wurde allmählich wütend. »Verdammt! Du sagtest doch auch, eine Frau könne es nicht gewesen sein! Himmel, wie hast du mich damit schikaniert!«

»Stimmt auch.« Vance lächelte noch immer. »Es war auch keine Frau.«

Markhams Adamsapfel hüpfte, so heftig schluckte er.

»Nein, nein! Dieses Exposé ist nur ein kleiner Versuch gewesen. Die arme Mrs. Platz ist völlig unschuldig. Wie ein Lämmchen.«

So wütend hatte ich Markham noch nie gesehen; es war bewundernswert, wie er sich beherrschte.

»Ich wollte dir nur beweisen, wie unsagbar töricht diese Indizien- und Tatsachenbeweise sind. Auf dieses Exposé gegen Mrs. Platz bin ich richtig stolz. Du würdest sie daraufhin glatt verurteilen. Markham, diese Indizienbeweise sind der größte Quatsch, den man sich denken kann. Man häuft dabei nur eine Menge schwacher Beweise aufeinander, um aus unzähligen schwachen Kettengliedern eine starke Kette zu schmieden. Blöd, was?«

»Hast du mich deshalb zum Frühstück eingeladen, um mir einen Vortrag über deine Theorien zu halten?« brummte Markham.

»Nein, nein! Aber ich muß dich doch auf meine Enthüllung vorbereiten, denn ich habe nicht die geringsten Indizien gegen den Täter. Und doch, Markham, weiß ich, daß er schuldig ist. Das weiß ich so genau, wie ich dich hier sitzen sehe und wie du jetzt nachdenkst, wie du mich foltern und umbringen kannst, ohne dafür gehängt zu werden.«

»Wenn du keinen Beweis hast, wie kannst du dann zu deinem Schluß kommen?« fragte Markham giftig.

»Psychologische Analyse, mein Freund. Die Wissenschaft der persönlichen Möglichkeiten. Für einen, der sie zu lesen versteht, ist die psychologische Natur eines Menschen klar wie reines Quellwasser.«

Markham schob sein Kinn vor und warf Vance einen Blick eisigen Zornes zu. »Du scheinst von mir zu erwarten, daß ich dein Opfer an der Hand nehme und es dem Richter vorführe: ›Hier, Herr Richter, ist der Mann, der Alvin Benson erschossen hat. Beweise habe ich zwar keine, aber ich möchte, daß Sie ihn zum Tode verurteilen, denn mein kluger und übergescheiter Freund, Mr. Philo Vance, der Erfinder des gefüllten Barsches, behauptet, der Mann sei ein verrückter Kerl‹!«

Vance zuckte nur andeutungsweise die Schultern: »Ich werde vor Kummer dahinwelken, wenn du den Täter nicht einlochst. Aber ich dachte mir, es sei nur menschlich, wenn ich dir sage, wer es war, schon um dich davon abzuhalten, eine ganze Reihe Unschuldiger nacheinander in Schwierigkeiten zu bringen.«

»Na, schön! Dann sag mir's doch und laß mich endlich wieder an meine Arbeit gehen!«

Ich glaube, auch Markham zweifelte nun nicht mehr daran, daß Vance den Täter kannte.

»Erst möchte ich noch einen Blick auf diese Alibis werfen«, verlangte er.

Markham nahm aus seiner Tasche ein Päckchen maschinengeschriebener Blätter und reichte sie ihm. Vance klemmte sein Monokel ein und las sie aufmerksam durch. »Hm. Der Major ist also der nächste in der Reihe. Was meinst du dazu, wenn wir ihn ein bißchen in Angriff nehmen? Wohnt in der Nähe, und sein Alibi hängt von der Aussage des Nachtportiers in seinem Wohnhaus ab. Na, komm schon!« Er stand auf.

»Woher willst du wissen, daß derselbe Portier jetzt da ist?« wandte Markham ein.

»Ich habe angerufen und mich davon überzeugt.«

»Das ist doch ein ganz verdammter Blödsinn!«

Vance nahm Markhams Arm und schob ihn zur Tür. »Klar«, gab er zu. »Aber ich habe dir ja schon oft gesagt, mein Guter, daß du das Leben viel zu ernst nimmst.«

Es nützte nichts, daß Markham heftig protestierte. Vance war zu einem Besuch bei Major Benson entschlossen. Markham gab daher nach. Was blieb ihm anderes übrig? »Mit dem ganzen Hokuspokus bin ich allmählich fertig«, knurrte er, als er ins Taxi stieg.

»Damit bin ich schon lange fertig«, sagte Vance.

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