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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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20. Erklärungen einer Dame

Mittwoch, 19. Juni, 16.30 Uhr.

»Unsere Erleuchtungsfahrt mag ein bißchen anstrengend werden«, meinte Vance, als wir durch die Stadt fuhren. »Ihr müßt eben euren Willen anstrengen und mitspielen. Die Sache ist kitzlig und zudem unangenehm. Ich bin ein bißchen zu jung, um sentimental zu sein, und doch bin ich halb dafür, deinen Sünder laufen zu lassen.«

»Würdest du bitte so nett sein und mir sagen, warum wir Miß St. Clair besuchen?« fragte Markham, der resigniert zu haben schien.

»Natürlich! Mit Vergnügen. Die junge Dame muß einige Punkte klären, die einer Aufhellung bedürfen. Die Handschuhe und die Tasche zum Beispiel. Ihr werdet euch auch daran erinnern, daß Miß Hoffman sagte, Major Benson habe gelauscht, als eine Dame bei seinem Bruder war. Das war an dem Tag, an dem er erschossen wurde. Ich nehme an, diese Dame war Miß St. Clair, und ich möchte wissen, was in dem Büro vorging und weshalb sie später noch einmal anrief. Dann will ich wissen, weshalb sie zu Benson zum Tee ging. Welche Rolle spielten diese Juwelen während ihres kleinen Schwatzes? Es gibt noch andere Fragen, so die: Warum brachte ihr der Captain seine Pistole? Wie kommt der Captain auf die Idee, sie habe Benson erschossen? Er scheint daran zu glauben. Und wieso kam sie auf den Gedanken, er habe geschossen?«

»Glaubst du wirklich, daß sie uns das alles sagen wird?« fragte Markham skeptisch.

»Meine Hoffnungen sind hoch gespannt«, erwiderte Vance. »Mit einem getreuen Ritter, der seines Geständnisses wegen im Kittchen sitzt, hat sie nichts zu befürchten, wenn sie sich das Herz erleichtert. Aber ich sage dir sofort, daß ein Kreuzverhör nach Polizeirezept keinen Eindruck auf die Dame macht.«

»Wie willst du ihr dann die Informationen entreißen?«

»Mit einem ganz zarten Pinsel, würde der Maler sagen. Viel vornehmer, weißt du.«

Markham überlegte einen Augenblick. »Ich überlasse dir die Unterhaltung«, sagte er schließlich.

»Ein brillanter Vorschlag«, bestätigte Vance.

Am Haustelefon erklärte Markham, wir seien in einer lebenswichtigen Sache gekommen und wurden sofort von der jungen Dame eingelassen. Sie sorgte sich um Captain Leacock. Ihr Gesicht war ziemlich blaß, als sie uns in ihrem Wohnzimmer gegenübersaß, und ihre Hände zitterten ein wenig. Von ihrer kalten Reserviertheit war wenig übriggeblieben, und ihre Augen zeugten von Sorge und schlaflosen Nächten.

Vance kam ohne Umschweife auf die Sache zu sprechen. Er schlug einen fast leichtfertigen Ton an, der auch sofort die allgemeine Spannung linderte.

»Captain Leacock hat, wie ich Ihnen leider berichten muß, auf sehr närrische Art den Mord an Mr. Benson gestanden. Wir sind aber nicht recht zufrieden mit seiner Ehrlichkeit. Wir können zu keiner Entscheidung kommen, ob der Captain ein in der Wolle gefärbter Schurke oder ein Ritter ohne Furcht und Tadel ist. Seine Geschichte dieser Missetat scheint erst eine flüchtige Skizze zu sein. Wichtige Einzelheiten hat er vergessen, und das Licht in Mr. Bensons Wohnzimmer drehte er an einem Schalter ab, den es nicht gibt. Mir kam daher der zwingende Gedanke, er habe seine etwas allzu fabelhafte Geschichte nur zu dem Zweck erfunden, einen Menschen zu schützen, den er tatsächlich für schuldig hält.«

Er machte eine Kopfbewegung zu Markham. »Der Staatsanwalt hier stimmt nicht ganz mit mir überein. Mr. Markham ist nämlich der Meinung, Sie hätten etwas mit dem Tod jenes Herrn zu tun.« Er lächelte Markham verschmitzt-vorwurfsvoll an und fuhr dann fort: »Da Sie, Miß St. Clair, die einzige Person sind, die Captain Leacock so heroisch zu schützen bestrebt sein kann und da mindestens ich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, wäre es reizend von Ihnen, wenn Sie einige Punkte klären würden, die Sie in Berührung mit Mr. Benson brachten. Dem Captain kann aus solchen Informationen kein Nachteil entstehen.«

Miß St. Clair starrte Vance lange an. »Ich weiß nicht, weshalb ich Ihnen glaube und sogar vertraue«, erwiderte sie aufrichtig, »da aber jetzt Captain Leacock gestanden hat, wie ich fürchten mußte, sehe ich keinen Grund, Ihre Fragen nicht zu beantworten. Glauben Sie tatsächlich, daß er unschuldig ist?«

»Sicher bin ich davon überzeugt«, sagte Vance. »Mr. Markham wird Ihnen bestätigen, daß wir vor sehr kurzer Zeit über Captain Leacocks Entlassung gesprochen haben. Ich hoffte, daß Ihre Erklärungen ihn von der Weisheit eines solchen Beschlusses überzeugen könnten. Deshalb schleppte ich ihn hierher.«

»Was wollen Sie mich fragen?«

Vance warf Markham wieder einen durchaus vorwurfsvollen Blick zu, und dieser hielt seinen Zorn nur mit Mühe zurück.

»Wollen Sie uns bitte erklären, wie Ihre Handschuhe und Ihre Tasche in Mr. Bensons Haus kamen? Der Staatsanwalt grübelt ständig darüber nach.«

Sie sah Markham ziemlich ungeniert an. »Ich habe mit Mr. Benson zu Abend gegessen, weil er mich dazu einlud. Mein Verhältnis zu ihm war nicht besonders gut, und als wir aufbrachen, hatte es sich noch entscheidend verschlechtert. Am Times Square befahl ich dem Fahrer, er solle halten, und in meinem Zorn und meiner Eile, von ihm wegzukommen, muß ich Handschuhe und Tasche vergessen haben. Das bemerkte ich erst, als Mr. Benson schon weggefahren war, und da ich kein Geld bei mir hatte, mußte ich heimlaufen.«

»Das habe ich auch angenommen, und es ist ein ganz nettes Stück Weg bis hierher, was?« Vance wandte sich mit einem schrecklich boshaften Lächeln an Markham. »Weißt du, Miß St. Clair konnte wirklich nicht vor eins hier sein.« Markham sparte sich eine Antwort. »Und jetzt hätte ich gern gewußt, unter welchen Umständen die Einladung zu dem Essen zustande kam?« fuhr Vance fort.

Ein Schatten flog über ihr Gesicht, aber ihre Stimme blieb gleichmütig. »Ich habe durch Mr. Bensons Firma viel Geld verloren, und mir war plötzlich klargeworden, daß er absichtlich dafür gesorgt hatte, daß ich verlor, und nun sollte er mir helfen, die Verluste wieder wettzumachen. Er hat mich lange Zeit mit seinen Anträgen gelangweilt, aber ich hatte keine Absichten auf ihn. Ich ging also zu seinem Büro und sagte ihm, was ich von ihm hielt, und er meinte, wenn ich mit ihm zu Abend essen würde, könnten wir darüber reden. Ich wußte natürlich, was er von mir wollte, aber ich war so verzweifelt, daß ich zu gehen beschloß, weil ich hoffte, ich könne ihn vielleicht doch umstimmen.«

»Wieso wußten Sie so genau, wann Ihre kleine Party zu Ende sein würde?«

Sie sah Vance erstaunt an, antwortete aber ohne zu zögern: »Er sagte etwas von einer fröhlichen Nacht und so weiter, aber ich erklärte ihm recht nachdrücklich, daß ich, falls ich seine Einladung annähme, Punkt zwölf Uhr gehen würde, denn das halte ich bei jeder Party so. Sehen Sie, ich arbeite sehr hart an meiner Gesangsausbildung, und diese Beschränkung, denn ein Opfer ist es für mich ja nicht, erlege ich mir gern auf.«

»Äußerst klug und empfehlenswert«, bemerkte Vance dazu.

»Das ist also gegenüber allen Ihren Bekannten ein ungeschriebenes Gesetz?«

»Oh, ja. Man nennt mich deshalb ja auch Aschenputtel.«

»Wußten Colonel Ostrander und Mr. Pfyfe auch davon?«

»Ja.«

Vance überlegte kurz. »Weshalb waren Sie dann bei Mr. Benson zum Tee, wenn Sie abends doch mit ihm zum Essen gehen wollten?«

Sie errötete leicht. »Ganz einfach. Mich widerte es an, mit ihm zum Essen gehen zu sollen. Ich ging also, weil er im Büro nicht mehr zu erreichen war, zu seinem Haus, denn ich wollte mein Versprechen rückgängig machen. Aber er lachte nur und bestand darauf, ich müsse mit ihm jetzt Tee trinken. Dann schickte er mich in einem Taxi nach Hause, damit ich mich umziehen konnte. Um halb acht holte er mich ab.«

»Und als Sie ihn baten, Sie aus Ihrem Versprechen zu entlassen, da wollten Sie ihm doch Angst einjagen, indem Sie Captain Leacocks Drohung wiederholten, aber er sagte, es sei nur ein Bluff.«

Miß St. Clair sah ihn erstaunt an. »Ja«, murmelte sie.

Vance lächelte beruhigend. »Colonel Ostrander sagte mir, er habe Sie mit Mr. Benson im Marseilles gesehen.«

»Ja. Ich schämte mich entsetzlich. Er hatte mich erst vor ein paar Tagen vor Mr. Benson gewarnt. Er kannte ihn ja genau.«

»Ich hatte eigentlich den Eindruck, der Colonel und Mr. Benson seien gute Freunde.«

»Früher, ja. Bis vor einer Woche vielleicht. Der Colonel hat noch viel mehr Geld verloren als ich, und er sagte mir, Mr. Benson habe uns absichtlich so schlecht beraten, um seinen Nutzen daraus zu ziehen. Im Marseilles hat er dann nicht einmal mehr mit Mr. Benson gesprochen.«

»Und was ist mit den kostbaren Steinen, die Ihren Tee mit Mr. Benson schmückten?«

»Bestechungsversuch«, erklärte sie ärgerlich. »Dieser feine Herr glaubte, er könne mir damit den Kopf verdrehen. Er bot mir eine Perlenkette an, die ich zum Abendessen tragen sollte, aber ich mochte nicht. Und da sagte er mir dann, wenn ich endlich versuchen wollte, die Dinge im richtigen Licht zu sehen, dann könnte ich Schmuck bekommen, soviel ich nur wollte, sogar vielleicht diesen hier – am Einundzwanzigsten.«

»Natürlich, am Einundzwanzigsten«, sagte Vance grinsend. »Markham, hörst du auch gut zu? Am einundzwanzigsten Juni wird der Wechsel fällig, Pfyfes Wechsel, und wenn er nicht bezahlt wird, ist der Schmuck verfallen.«

Er wandte sich erneut an Miß St. Clair. »Hat Mr. Benson den Schmuck beim Essen bei sich gehabt?«

»Nein! Ich glaube, mit meiner Weigerung, die Perlen zu tragen, habe ich ihm doch den Mut abgekauft.«

Vance sah sie allmählich immer wohlgefälliger und herzlicher an. »Und jetzt erzählen Sie uns noch von dieser Pistole, ja? Mit Ihren eigenen Worten, wenn ich bitten darf.«

»Am Morgen nach dem Mord kam Captain Leacock zu mir und sagte, er sei gegen halb eins zu Mr. Bensons Haus gegangen, um ihn zu erschießen. Als er Mr. Pfyfe vor dem Haus sah, habe er aber die Absicht aufgegeben, da er glaubte, Pfyfe wolle Benson besuchen. Ich fürchtete, Pfyfe habe ihn gesehen, und sagte ihm, seine Pistole sei bei mir sicherer aufgehoben. Er könne behaupten, er habe sie in Frankreich verloren. Sehen Sie, ich glaubte wirklich, er habe Mr. Benson erschossen und er lüge mich jetzt nur an, um meine Gefühle zu schonen. Als er dann die Pistole wieder holte, um sie wegzuwerfen, war ich noch mehr davon überzeugt.« Sie lächelte Markham an. »Deshalb wollte ich ja auch Ihre Fragen nicht beantworten. Ich wollte, daß Sie glaubten, ich habe es getan, damit kein Verdacht auf Captain Leacock fiel.«

»Aber er hat gar nicht gelogen«, sagte Vance.

»Jetzt weiß ich das auch, aber ich hätte es natürlich sofort wissen müssen. Er hätte doch nie die Pistole zu mir gebracht, wenn er tatsächlich schuldig gewesen wäre.« Ihre Augen verschleierten sich ein wenig. »Armer Junge! Er legte ein Geständnis ab, weil er glaubte, ich hätte Benson erschossen.«

»Ja, eine verzwickte Situation«, meinte Vance und nickte. Er ging zu Markham und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Na, alter Knabe, du bestehst jetzt sicher nicht mehr darauf, daß Miß St. Clair oder Captain Leacock schuldig sind? Und jetzt wirst du doch hoffentlich dem Captain seine Ketten abnehmen?« Er breitete in einer Geste theatralischen Flehens die Arme aus.

Markhams Grimm war dem Siedepunkt nahe, doch als Gentleman bezwang er sich und streckte Miß St. Clair die Hand entgegen. »Ich versichere hiermit, daß ich jeden Gedanken an Ihre oder Captain Leacocks Schuld aufgegeben habe und dafür sorgen werde, daß der Captain sofort entlassen wird, sobald seine Papiere unterzeichnet werden können.«

Als wir auf dem Riverside Drive standen, überfiel Markham Vance geradezu mit Vorwürfen. »Was? Ich war derjenige, der deinen kostbaren Captain eingesperrt hielt? Du hättest mich angefleht, ihn doch endlich freizulassen? Du weißt verdammt genau, daß ich keinen von den beiden für schuldig hielt, du ... du ... Salonlöwe!«

Vance seufzte. »Du lieber Himmel! Wolltest du mir in diesem schwierigen Fall denn wirklich überhaupt nicht helfen?«

»Mich vor dieser Frau zum Narren machen!« knurrte Markham. »Ich möchte wissen, wie weit du mit diesen Mätzchen noch kommst! Das wirst du schon sehen!«

»Was? Mein Lieber, das, was du heute gehört hast, wird dir ungeheuer helfen, den Schuldigen zu überführen. Mein Wort darauf! Tröstet dich dieses Wissen denn gar nicht?«

Er blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. »Es ist sehr wichtig, daß die junge Dame uns erzählt hat, jeder wisse, daß sie immer um Mitternacht nach Hause gehe. Nimm das bitte wichtig, alter Knabe, denn es ist wichtig. Ich habe dir schon lange gesagt, daß die Person, die Benson erschoß, auch wußte, daß Miß St. Clair mit ihm zu Abend essen würde.«

»Jetzt wirst du mir auch gleich noch verraten, wer ihn erschossen hat«, spöttelte Markham.

»Ich habe schon lange gewußt, wer den Affen erschossen hat«, erklärte Vance trocken und blies hübsche Rauchringe in die Luft.

»Nein, wirklich? Und wann kam dir die Erleuchtung?« fragte Markham.

»Oh, etwa fünf Minuten, nachdem ich Bensons Wohnung betreten hatte«, erwiderte Vance gleichmütig.

»Schön, schön! Und warum hast du mir das nicht gesagt? Wir hätten uns viel Arbeit damit erspart.«

»Möglich.« Vance zuckte die Schultern. »Du warst noch nicht soweit, daß du mein haarspalterisches Wissen akzeptieren konntest. Ich mußte dich geduldig an der Hand aus dunklen Wäldern und glitschigen Morasten führen, die dich mit magischer Gewalt anzogen. Du hast so verdammt wenig Phantasie, mein Bester.«

Er hielt ein vorbeifahrendes Taxi auf und zog Markham mit sich in den Wagen hinein. »Jetzt machen wir einen kurzen Besuch bei Mrs. Platz. Und dann, mein lieber Freund, werde ich dir meine sämtlichen Herzensgeheimnisse anvertrauen.«

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