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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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19. Vance hält Kreuzverhör

Mittwoch, 19. Juni, 15.30 Uhr

Captain Leacock schien hoffnungslos gleichgültig zu sein. Er ließ Schultern und Arme hängen. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen, und er sah aus, als habe er seit Tagen nicht mehr geschlafen. Als er Major Benson erblickte, riß er sich ein wenig zusammen, ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Den Major schien er als Freund zu betrachten, während er Alvin Benson von Herzen verabscheut haben mochte. Aber dann kam ihm die Situation zu Bewußtsein, und er wandte sich verlegen ab.

Der Major ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Ist schon gut, Leacock«, sagte er leise. »Ich glaube nicht daran, daß du Alvin erschossen hast.«

Der Captain wandte ihm seine traurigen Augen zu. »Natürlich habe ich ihn erschossen. Ich habe es ihm ja auch vorher angedroht.«

Vance deutete auf einen Stuhl. »Setzen Sie sich doch, Captain. Der Staatsanwalt möchte gern Ihre Geschichte hören. Sie verstehen, das Gesetz akzeptiert kein Mordgeständnis ohne ausreichende Beweise, die das Geständnis stützen. Im vorliegenden Fall richtet sich der Verdacht auch gegen andere als Sie, und wir bitten Sie daher, einige Fragen zu beantworten, die Ihre Schuld beweisen sollen. Andernfalls läßt es sich für uns nicht umgehen, daß wir unseren anderen Tatspuren folgen.«

Er setzte sich Leacock gegenüber und nahm das Geständnis zur Hand. »Sie sagen also, Mr. Benson habe Ihnen eine Beleidigung zugefügt, und Sie seien dann am Dreizehnten nachts gegen halb eins zu seinem Haus gegangen. Beziehen Sie die Beleidigung auf seine Annäherungsversuche bei Miß St. Clair?«

Leacock war ganz Abwehr. »Es ist unwichtig, weshalb ich ihn erschoß. Können Sie nicht Miß St. Clair aus der Sache herauslassen?«

»Gewiß«, antwortete Vance. »Ich verspreche es Ihnen sogar. Aber wir müssen doch Ihre Motive kennen.«

Leacock überlegte. »Gut. Das wollte ich ja nur.«

»Woher wußten Sie, daß Miß St. Clair mit Mr. Benson an jenem Abend zum Essen aus war?«

»Ich folgte ihnen zum Marseilles

»Dann gingen Sie nach Hause?«

»Ja.«

»Warum gingen Sie dann später zu Bensons Haus?«

»Ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich sah rot, nahm meinen Colt und ging weg, um ihn zu erschießen.« Seine Stimme klang leidenschaftlich, und es erschien unwahrscheinlich, daß er lügen könnte.

Vance nahm erneut Bezug auf das Geständnis. »Sie haben diktiert: ›Ich betrat das Haus durch die Vordertür.‹ Haben Sie geläutet? Oder war die Haustür offen?«

Leacock zögerte. Er schien sich die Zeitungsberichte ins Gedächtnis zu rufen, denn dort war vermerkt, daß die Haushälterin ausgesagt habe, die Glocke sei nicht geläutet worden. »Ist das so wichtig?« fragte er, um Zeit zu gewinnen.

»Wir möchten es eben wissen, aber es eilt nicht«, erwiderte Vance.

»Nun, wenn es so wichtig ist – ich habe nicht geläutet. Die Tür war auch nicht offen. Als ich zum Haus kam, fuhr Benson eben in einem Taxi vor.«

»Moment noch. Haben Sie zufällig noch einen anderen Wagen vor dem Haus bemerkt? Einen grauen Cadillac?«

»Warum? Nun, ja.«

»Erkannten Sie den Fahrer?«

Leacock zögerte erneut. »Gewiß kann ich es nicht sagen, aber es könnte ein Mann namens Pfyfe gewesen sein.«

»Er und Mr. Benson waren also gleichzeitig vor dem Haus?«

Leacock runzelte die Brauen. »Nein, nicht gleichzeitig. Als ich ankam, war niemand da. Ich sah auch Pfyfe erst wenige Minuten später, als ich herauskam.«

»Er kam also mit dem Wagen an, während Sie drinnen waren?«

»Das muß wohl der Fall gewesen sein.«

»Ich verstehe. Jetzt etwas anderes. Benson kam also in einem Taxi. Und was war dann?«

»Ich ging zu ihm und sagte, ich möchte mit ihm sprechen. Er forderte mich auf, mit hineinzukommen. Er sperrte mit seinem Schlüssel auf.«

»Erzählen Sie uns jetzt, was weiter geschah!«

»Er legte Hut und Stock an der Dielengarderobe ab, und wir gingen in sein Wohnzimmer. Er setzte sich an den Tisch, und ich sagte, was ich zu sagen hatte. Dann zog ich meine Pistole und schoß.«

Vance beobachtete Leacock genau, und auch Markham war äußerst gespannt. »Wie kam es dann, daß er zu dieser Zeit las?«

»Ich glaube, er nahm das Buch in die Hand, während ich sprach. Vermutlich wollte er damit seine Gleichgültigkeit demonstrieren.«

»Und jetzt überlegen Sie einmal ganz genau: Sie und Mr. Benson gingen von der Diele direkt in das Wohnzimmer?«

»Ja.«

»Wie erklären Sie sich dann die Tatsache, Captain, daß Mr. Benson als Toter Hausschuhe und eine Hausjacke trug?«

Leacock wurde sichtlich nervös. Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. »Jetzt fällt mir ein, daß Benson zu erst noch für einige Minuten nach oben ging. Ich war wohl zu aufgeregt, um mich genau an alles zu erinnern.«

»Verständlich wäre es«, meinte Vance. »Fiel Ihnen dann, als er herunterkam, an seinem Haar etwas auf?« Leacock sah ihn fast verwirrt an. »Ich meine an seiner Farbe? Mr. Benson saß ja vor Ihnen unter der Tischlampe. Da müßte Ihnen doch etwas an seinem Haar aufgefallen sein?«

Leacock schloß die Augen, als wolle er sich auf die Erinnerung konzentrieren. »Nein, ich wüßte nicht ...«

»Ist auch unwichtig«, bemerkte Vance gleichmütig. »Und fiel Ihnen etwas an Bensons Sprechweise auf, als er wieder zurückkam? Sprach er undeutlich, nuschelte er oder war sonst etwas?«

Leacock blinzelte nun geradezu bestürzt. »Ich weiß nicht, was Sie damit meinen. Er redete so wie immer.«

»Und haben Sie zufällig ein blaues Schmuckkästchen auf dem Tisch gesehen?«

»Ich habe nichts bemerkt.«

Vance rauchte eine Weile schweigend. »Nachdem Sie Mr. Benson erschossen hatten, drehten Sie doch sicher die Lichter aus, oder?« Da Leacock nicht antwortete, fuhr er fort: »Das müssen Sie getan haben, denn Mr. Pfyfe sagte, das Haus sei dunkel gewesen.«

Leacock nickte. »Ja, das stimmt. Ich konnte mich im Augenblick nicht erinnern.«

»Und wie drehten Sie die Lichter aus?«

»Am Schalter, selbstverständlich.«

»Und wo sind die Schalter, Captain?«

»Ich weiß nicht mehr.«

»Überlegen Sie. Es fällt Ihnen sicher ein.«

»Neben der Tür zur Diele, glaube ich.«

»An welcher Türseite?«

»Wie soll ich das wissen?« fragte er hilflos. »Ich war zu nervös. Ich glaube, es muß rechts von der Tür gewesen sein. Wenn man hinausgeht, rechts.«

»Wo der Bücherschrank steht?«

»Ja.«

Vance schien sehr zufrieden zu sein. »Und nun zur Waffe. Warum brachten Sie die Pistole zu Miß St. Clair?«

»Ich war feige. Ich hatte Angst, man könnte sie in meiner Wohnung finden. Ich dachte ja nicht im Traum daran, daß man sie verdächtigen könnte.«

»Dann holten Sie die Pistole weg und warfen Sie in den Fluß.«

»Ja.«

»Es müßte eine Patrone gefehlt haben, und das wäre natürlich ein verdächtiger Umstand gewesen.«

»Deshalb warf ich ja die Pistole weg.«

»Komisch«, sagte Vance und runzelte die Brauen. »Es muß zwei Waffen gegeben haben. Wir suchten nämlich den Fluß ab und fanden eine Colt Automatic, aber das Magazin war voll. Wissen Sie ganz bestimmt, daß es Ihre Pistole war, die Sie bei Miß St. Clair abholten und in den Fluß warfen?«

Ich wußte, daß man keine Pistole aus dem Fluß gefischt hatte und wunderte mich schon über Vance. Markham ging es ebenso.

Leacock antwortete lange nicht; und dann blieb er stur. »Es gab keine zwei Pistolen. Sie haben die meine gefunden, und das Magazin habe ich selbst wieder aufgefüllt.«

»Aha! Damit erklärt sich einiges.« Vance schien recht zufrieden zu sein. »Nur noch eine Frage, Captain. Warum kamen Sie heute hierher und diktierten Ihr Geständnis?«

Leacock hob energisch sein Kinn, und endlich kam auch wieder etwas Leben in seine Augen. »Warum? Es war die einzige ehrenhafte Möglichkeit. Sie haben zu Unrecht eine unschuldige Person verdächtigt, und ich wollte nicht, daß jemand meinetwegen leiden sollte.«

 

Damit war die Unterredung zu Ende. Markham hatte keine Fragen zu stellen, so daß also der Polizist den Gefangenen abführte.

Eine ganze Weile schwiegen alle. Markham paffte gewaltige Wolken, hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und sah zur Decke hinauf. Der Major sah Vance voll Bewunderung an. Vance beobachtete Markham aus den Augenwinkeln und lächelte dazu ein wenig schläfrig. Die Mienen der drei Männer drückten genau die Reaktion eines jeden auf dieses Verhör aus – Markham war besorgt, der Major zufrieden, Vance zynisch.

Vance brach das Schweigen. »Seht ihr jetzt, wie dumm dieses Geständnis ist? Unser ritterlicher Captain ist ein recht armseliger Kavalier. Soviel Dummheit auf einen Haufen! Und sehr rührend, wie er unbedingt als der Schuldige dastehen wollte. Er meinte, du würdest sein Geständnis in deine Hemdtasche schieben und ihn sofort zum Henker bringen. Mir ist völlig klar, daß er meinte, Miß St. Clair sei die Schuldige, und er wollte eben die Schuld auf sich nehmen.«

»Das ist auch mein Eindruck«, pflichtete ihm der Major bei.

»Trotzdem stört mich der Captain ein wenig. Irgendwie hat er etwas mit dem Verbrechen zu tun, sonst hätte er die Pistole nicht versteckt und schließlich weggeworfen. Weswegen hat er ein schlechtes Gewissen? Das Verbrechen war geplant, aber der Captain plant niemals. Er ist der Typ, der von einer fixen Idee besessen seine Lenden gürtet, einen ritterlichen Kampf austrägt und die Konsequenzen auf sich nimmt. Eine schöne Geste, gewiß. Aber der Captain hätte niemals die Handschuhe und die Abendtasche seiner Herzensdame übersehen, sondern sie mitgenommen. Psychologisch gesehen, wäre es möglich gewesen, daß er Benson erschossen hätte, aber auf gar keinen Fall so, wie er es geschildert hat.« Er zündete sich eine Zigarette an und blies Rauchkringel in die Luft.

»Was wollt ihr jetzt mit dem Captain tun?« fragte Vance nach einiger Zeit. »Ihr brecht ihm das Herz, wenn ihr ihn jetzt entläßt.«

»Tut mir leid, dann bricht es eben«, erwiderte Markham und griff zum Telefon. »Ich werde gleich alles ...«

»Halt!« unterbrach ihn Vance. »Laß ihn noch ein bißchen leiden. Laß ihn noch einen Tag sein bittersüßes Glück genießen. Ich habe eine Ahnung, daß er uns noch recht nützlich sein wird.«

Wortlos legte Markham den Hörer zurück. Mir schien, daß er mit der Zeit Vances Führerrolle akzeptierte. Das war nicht nur eine Folge der heillosen Verwirrung, die in seinem Geist herrschte, sondern rührte wesentlich daher, daß er den Eindruck haben mußte, Vance wisse viel mehr, als er sich anmerken lassen wollte.

»Hast du dir schon einmal überlegt, wie Pfyfe und seine Turteltaube in die Geschichte passen?« fragte Vance.

»Ja, und über etliche andere Rätsel habe ich auch nachgegrübelt. Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto mysteriöser wird die Sache für mich.«

»Na, na, Markham, so viele Geheimnisse gibt es im Menschen gar nicht, höchstens Probleme. Und ein Problem, das von einem menschlichen Wesen ausgeht, kann durch ein anderes menschliches Wesen gelöst werden. Man braucht nur zu wissen, wie der menschliche Geist funktioniert und diese Funktion in die Tat umzusetzen. Einfach, was?«

Der Major verabschiedete sich nun, denn er werde im Büro gebraucht, sagte er. Kaum war er gegangen, als Vance auf die Uhr sah. »Ich möchte ganz gern wissen, wie dein Mr. Stitt mit den Büchern von Benson und Benson zurechtkommt. Ich kann seinen Bericht kaum mehr erwarten.«

Das war zuviel für Markham. Er klatschte wütend mit der Hand auf den Tisch. »Ich habe deine verdammte Überlegenheit verdammt satt!« fuhr er auf. »Entweder du weißt etwas, oder du weißt nichts. Wenn du nichts weißt, dann tu mir den Gefallen, diese verdammten Andeutungen zu unterlassen. Und wenn du etwas weißt, dann hast du's mir, verdammt noch mal, zu sagen! Dauernd diese Anspielungen, seit Benson erschossen wurde. Wenn du zu wissen glaubst, wer ihn erschossen hat, dann will ich es auch wissen!«

Er lehnte sich zurück, nahm eine Zigarre, schnitt sorgfältig die Spitze ab und zündete sie an. Ich glaube, er schämte sich ziemlich, weil er so wütend geworden war.

Vance schien der Ausbruch nichts auszumachen. Er streckte die Beine aus und musterte Markham sehr lange. »Markham, alter Knabe, ich verstehe ja, daß du überkochst. Die Situation verführt ja auch dazu. Aber allmählich kommt, glaube ich, das Finale unserer kleinen Komödie. Aber, weißt du, ich mache dir keinen blauen Dunst vor. Ich habe sogar einige recht interessante Ideen zu diesem Thema.« Er stand auf, gähnte und streckte sich. »Schrecklich heiß heute, was?«

Er reichte Markham seinen Hut. »Komm, Alter. Alles hat seine Zeit. Laß heute dein Büro einmal Büro sein. Sag Swacker, daß du weggehst, ja? Na, fein! Wir besuchen eine Dame, keine geringere als Miß St. Clair.«

Markham wußte natürlich, daß Vance damit nur einen sehr ernsthaften Zweck zu vertuschen versuchte. Und seit Vance das Geständnis Leacocks restlos zerpflückt hatte, neigte Markham dazu, wahllos jedem Vorschlag zu folgen, der auch nur die allergeringste Aussicht bot, der Wahrheit näherzukommen. Er sagte also Swacker, daß er das Büro verlassen werde und am gleichen Tag nicht mehr zurückkomme.

Zehn Minuten später waren wir auf dem Weg zu Miß St. Clairs Wohnung am Riverside Drive.

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