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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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17. Der gefälschte Scheck

Mittwoch, 19. Juni, später Vormittag

Heath wartete schon, als wir am nächsten Morgen vor neun Uhr im Büro des Staatsanwaltes ankamen. Er schien sich Sorgen zu machen und konnte einen gewissen Vorwurf für den Staatsanwalt nicht recht verbergen.

»Was ist mit diesem Leacock, Mr. Markham?« fragte er. »Den sollten wir uns bald schnappen. Etwas Komisches ist da im Gange. Gestern früh ging er zu seiner Bank und war eine halbe Stunde im Büro des Kassenleiters. Dann besuchte er seinen Anwalt und blieb eine Stunde bei ihm. Gegen zwei Uhr rief er den Makler an, der das Haus verwaltet, in dem er wohnt. Anschließend besuchte er sechs Freunde und ging nach Hause. Nach dem Abendessen läutete mein Mann an seiner Wohnungstür und fragte nach einem gewissen Mr. Hoozitz – Leacock war beim Packen! Mir scheint, er will abhauen.«

Markham runzelte die Brauen, denn Heaths Bericht machte ihm Sorgen. Vance kam ihm mit der Antwort zuvor: »Warum sind Sie denn gar so ängstlich, Sergeant? Sie bewachen doch den Captain. Ihrem Griff kann er doch wirklich nicht entschlüpfen.«

Markham sah Vance an, dann Heath. »Lassen wir's also dabei. Falls Leacock allerdings die Stadt zu verlassen versucht, müssen Sie ihn schnappen.«

Heath ging ziemlich mißmutig weg.

»Wiedersehen, Markham«, sagte Vance. »Triff bitte heute keine Verabredung für halb eins, denn du hast schon eine, verstehst du. Mit einer Dame.«

»Welch verdammten Blödsinn gibst du jetzt von dir?« knurrte Markham.

»Ich habe heute früh die Dame angerufen und die Verabredung für dich getroffen. Wahrscheinlich habe ich die Ärmste aufgeweckt.« Er hob abwehrend die Hand, als Markham widersprechen wollte. »Du mußt die Verabredung einhalten. Es wäre geschmacklos, nicht zu kommen, mein Freund, denn ich habe ihr gesagt, ich bin du. Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen, denn es ist Mrs. Paula Banning, Pfyfes Herzensdame. Sie wird sicher einige deiner Zweifel zerstreuen.«

»Jetzt hör aber mal, Vance!« knurrte Markham. »Dieses Büro hier wird zufällig von mir geleitet.« Dann sah er ein, wie zwecklos es wäre, grob zu werden. »Gut. Ich werde mich also an die Verabredung halten, nur wäre mir lieber, wenn Pfyfe nicht so eng liiert wäre mit ihr. Bei dem muß man damit rechnen, daß er plötzlich hereinplatzt.«

»Komisch, daran habe ich auch schon gedacht«, murmelte Vance. »Deshalb habe ich ihn gestern abend noch angerufen und ihm gesagt, er könne jetzt nach Long Island zurückkehren.« Markham holte eben tief Atem. »Tut mir schrecklich leid«, entschuldigte sich Vance. »Du warst aber schon zu Bett gegangen, und ich brachte es nicht übers Herz, dich zu stören. Pfyfe war rührend dankbar, wirklich. Auch seine Frau werde äußerst dankbar sein, betonte er. Ich fürchte nur, er wird seine ganze rednerische Begabung aufwenden müssen, um seine Abwesenheit überzeugend zu erklären.«

»Sag mal, was hast du noch alles für mich ausgemacht?« fragte Markham sehr vorsichtig.

»Nichts«, versicherte ihm Vance. »Ich schlage vor, du rufst den Major an und bittest ihn um die Erlaubnis, daß wir ihm einen Mann schicken, der seine Geschäftsbücher beäugt. Sag ihm, du möchtest die Transaktionen von einem seiner Kunden überwachen. Ich habe das Gefühl, daß du dann erfährst, wen er schützen will, und ich ahne auch, daß es ihm sogar paßt, wenn du einen Blick in sein Hauptbuch werfen willst.«

Markham zog nicht recht, doch Vance redete ihm zu wie einem kranken Pferd, bis Markham anrief. »Er war erstaunlich entgegenkommend«, stellte Markham fest, als er den Hörer zurücklegte. »Er hat mir sogar jede Hilfe angeboten.«

»Das dachte ich mir. Weißt du, wenn du selbst entdeckst, wer es ist, sieht er sich der unangenehmen Pflicht enthoben, jemanden hinzuhängen.«

Markham ließ Swacker kommen und beauftragte ihn, Stitt noch vor der Mittagspause zu schicken, da er einen wichtigen Auftrag habe. »Stitt«, erklärte Markham dann Vance, »ist der Leiter einer Bücherrevisorenfirma. Den brauche ich oft für solche Sachen.«

Stitt kam. Er war ein vorzeitig gealterter junger Mann mit einem scharfen, klugen Gesicht und dauergerunzelten Brauen. Es schien ihn zu freuen, daß er für den Staatsanwalt arbeiten sollte. Markham erklärte ihm kurz, was er wollte, und erzählte ihm soviel von dem Fall, wie er wissen mußte. Der Mann erfaßte die Situation ungemein rasch und machte sich einige Notizen.

Auch Vance hatte einige Punkte zu Papier gebracht.

Markham stand auf und nahm seinen Hut. »Jetzt muß ich zu der Verabredung, die du für mich getroffen hast«, brummte er Vance zu. »Kommen Sie, Stitt, ich nehme Sie im Privataufzug des Richters mit hinunter.«

»Wenn es dir nichts ausmacht, dann verzichten Mr. Stitt und ich auf diese Ehre«, lehnte Vance ab. »Wir mischen uns unter den Pöbel im Publikumsaufzug. Unten treffen wir uns dann.« Er nahm den Buchprüfer am Arm und zog ihn mit sich. Es dauerte jedoch zehn Minuten, ehe er wieder zu uns stieß.

 

Mrs. Paula Banning wohnte in einem kleinen Haus an der Ecke der Fünfundsiebzigsten Straße. Als wir vor ihrer Tür standen, schlug uns ein kräftiger Geruch von chinesischem Weihrauch entgegen. »Ah!« schnüffelte Vance. »Sentimentale Damen erleichtern uns die Arbeit.«

Mrs. Banning war eine große, ein wenig zur Fettleibigkeit neigende Dame unbestimmbaren Alters mit strohfarbenem Haar und weißrosa Haut. Ihr Gesicht wirkte, wenn man es so sah, jugendlich und unschuldig, aber der Eindruck war nur oberflächlich. Ihre hellblauen Augen waren hart. Etwas zuviel Fülle über den Wangenknochen und am Kinn zeugten von faul verbrachten Jahren. Auf eine etwas aufdringliche Weise war sie sogar hübsch, und die Art, mit der sie uns in ihren vollgestopften Rokoko-Salon nötigte, war die einer netten Kameradschaftlichkeit.

Markham entschuldigte sich für sein Eindringen, aber Vance übernahm sofort die Rolle des Interviewers. Er hatte sie genau studiert, um sie so fragen zu können, daß er auch möglichst viel an Informationen aus ihr herauszog.

Er bat erst einmal um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen und bot auch Mrs. Banning eine seiner Zigaretten an, die sie akzeptierte. Dann lächelte er sie mit seinem entwaffnenden Charme an und lehnte sich behaglich zurück.

»Mr. Pfyfe bemühte sich redlich, Sie aus dieser Geschichte herauszuhalten«, begann Vance. »Wir erkennen seinen Wunsch auch in vollem Umfang an, wenn uns auch bestimmte Umstände im Zusammenhang mit Mr. Bensons Tod zu ein paar Fragen veranlassen, mit deren Beantwortung Sie sich selbst und natürlich besonders auch Mr. Pfyfe helfen können. Wir sichern Ihnen selbstverständlich unsere Diskretion und unser Verständnis zu.«

Er hatte auf Mr. Pfyfes Namen besonderes Gewicht gelegt, und Mrs. Banning hatte ein wenig unbehaglich den Kopf gesenkt. Als sie wieder aufsah, las man in ihren Augen: Was weiß er? Es war, als hätte sie diese Frage laut ausgesprochen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, was Sie von mir wissen wollen«, erklärte sie in gespieltem Staunen. »Sie wissen doch, daß Andy in jener Nacht nicht in New York war.« Wenn sie den geschniegelten Pfyfe als ›Andy‹ bezeichnete, klang es fast wie eine Majestätsbeleidigung. »Er kam erst am nächsten Morgen gegen neun in die Stadt.«

»Haben Sie in der Zeitung nichts über den grauen Cadillac gelesen, der vor Bensons Haus parkte?« fragte Vance ebenfalls erstaunt.

Sie lächelte selbstbewußt. »Das war nicht Andys Wagen. Er nahm den Achtuhrzug nach New York und sagte noch, er habe Glück gehabt, weil ein Wagen wie der seine vor Bensons Haus gestanden habe.«

Pfyfe mußte sie gründlich angelogen haben, denn sie sprach mit größter Sicherheit, und Vance widersprach ihr auch nicht, sondern gab vor, ihre Erklärung zu akzeptieren.

»Ich meinte etwas anderes, als ich davon sprach, daß Sie und Mr. Pfyfe in den Fall hineingezogen wurden. Ich dachte an eine persönliche Verbindung zwischen Ihnen und Mr. Benson.«

Sie lächelte selbstbewußt. »Das war nicht Andys Wagen. Ein Irrtum, Mr. Benson und ich waren nicht befreundet. Ich kannte ihn ja kaum.«

Der Nachdruck, mit dem sie das sagte, nahm ihrer Behauptung die Überzeugungskraft.

»Auch eine Geschäftsbeziehung kann eine persönliche Seite haben«, erinnerte sie Vance. »Besonders dann, wenn die Mittelsperson ein intimer Freund beider Parteien ist.«

»Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden«, erwiderte sie, aber im gleichen Augenblick verlor ihr Gesicht den Ausdruck der Unschuld und wurde irgendwie berechnend. »Sie nehmen doch nicht an, daß ich mit Mr. Benson Geschäfte hatte?«

»Nicht direkt«, antwortete Vance. »Mr. Pfyfe hatte aber sicher Geschäfte mit ihm. Und eines dieser Geschäfte betraf sicherlich Sie.«

»Mich?« frage sie lachend, doch das Lachen klang gequält.

»Ich fürchte, die Transaktion war etwas heikel«, fuhr Vance fort. »Heikel deshalb, weil Mr. Pfyfe mit Mr. Benson zu verhandeln hatte und unglücklicherweise Sie damit hineingezogen wurden.«

»Und woher wissen Sie das alles?« fragte sie belustigt.

»Ach, das weiß ich ja gar nicht«, ging er auf ihren Ton ein. »Ich gab mich lediglich der Hoffnung hin, Sie würden sich meiner Unwissenheit erbarmen und mir sagen, was ich wissen möchte.«

»Daran denke ich aber nicht. Auch und dann erst recht nicht, wenn diese mysteriöse Transaktion tatsächlich stattgefunden hätte.«

»Wie enttäuschend!« seufzte Vance. »Ist es eine Neuigkeit für Sie, wenn ich Ihnen sage, daß Mr. Pfyfe Mr. Bensons Unterschrift auf einem Scheck über zehntausend Dollar gefälscht hat?«

Sie zögerte und schätzte die möglichen Folgerungen aus ihrer Antwort ab. »Nein, das ist keine Neuigkeit. Andy erzählt mir ja alles.«

»Und wußten Sie auch, daß Mr. Benson, als er davon erfuhr, außer sich war? Daß er einen Wechsel und ein Geständnis von Mr. Pfyfe verlangte, ehe er den Scheck einlöste?«

Die Augen der Frau funkelten wütend. »Ja, auch das weiß ich! Nach allem, was Andy für ihn getan hat! Dieser Alvin Benson hat nichts anderes verdient, als erschossen zu werden. Immer gab er vor, Andys bester Freund zu sein. Man denke nur, er weigerte sich, Andy Geld zu leihen, ohne daß er dieses Geständnis schrieb! Ist das vielleicht ein Geschäft? Es war ein gemeiner, schmutziger, verdammenswerter Trick.« Die Maske der guten Herkunft und Kameradschaft war von ihr abgefallen. Sie schimpfte auf Benson, ohne sich die Worte genau zu überlegen.

Vance nickte. »Wissen Sie, ich stehe völlig auf Ihrer Seite.« Er lächelte sie herzlich an. »Aber man könnte doch Benson fast verzeihen, daß er dieses Geständnis verlangte, wenn er nicht gleichzeitig eine Sicherheit gefordert hätte?«

»Welche Sicherheit?«

Vance erfaßte sofort den neuen Unterton. »Am Tag, an dem Mr. Benson erschossen wurde, nahm er aus seinem Büro ein kleines, blaues Kästchen voll Schmuck mit«, sagte er betont freundlich.

Sie hielt den Atem an. »Glauben Sie, er hat ihn gestohlen?« Aber sofort wußte sie, daß diese Frage eine Dummheit gewesen war.

»Es war wirklich nett von Ihnen, Mr. Pfyfe Ihren Schmuck zu leihen, um ihm die Sicherheit für den Wechsel zu geben«, erklärte Vance.

Sie warf den Kopf zurück. Sie war blaß geworden. »Sie sagten, ich hätte Andy meinen Schmuck geliehen? Ich schwöre Ihnen ...«

Vance hob abwehrend die Hand. Sie spürte, daß er ihr eine Demütigung ersparen wollte, und seine Anständigkeit ließ sie zu ihm Vertrauen fassen. Sie ließ sich in ihren Sessel zurückfallen. »Wieso kommen Sie darauf, ich hätte Andy meinen Schmuck geliehen?«

Ihre Stimme war kaum zu hören, doch Vance verstand ihre Frage. Sie war das Ende aller Verschleierungen und Betrugsversuche. Die nächsten Worte würden die Wahrheit sein.

»Andy brauchte ihn«, antwortete sie. »Benson hätte ihn sonst ins Gefängnis gebracht.« In ihren Worten lag eine aufopferungsvolle Zuneigung für diesen minderwertigen Pfyfe. »Und hätte Benson es nicht getan und sich geweigert, den Scheck einzulösen, dann hätte sein Schwiegervater ihn ins Gefängnis gebracht. Andy ist so unbesorgt, so gedankenlos. Er denkt nie an die Konsequenzen seiner Handlungen. Ich muß ihn dauernd zurückhalten. Aber diese Sache hat ihm eine Lehre erteilt. Davon bin ich überzeugt.«

Ich meinte allerdings, niemand auf der ganzen Welt könne Pfyfe eine Lehre erteilen. Diese Frau war von geradezu blinder Vertrauensseligkeit.

»Wissen Sie, worüber er mit Benson am verflossenen Mittwoch in dessen Büro gestritten hat?« fragte Vance.

»Es war meine Schuld«, seufzte sie. »Der Wechsel wurde allmählich fällig, und ich wußte, daß Andy nicht das ganze Geld hatte. Ich bat ihn also, zu Benson zu gehen, ihm das anzubieten, was er hatte, und zu versuchen, meinen Schmuck zu bekommen. Benson hat sich geweigert. Ich hatte es nicht anders erwartet.«

Vance musterte sie mitleidig. »Ich möchte Sie nicht mehr ängstigen, als notwendig ist, aber würden Sie mir nicht vielleicht doch den wahren Grund für Ihren Zorn auf Benson verraten?«

Sie nickte ihm fast bewundernd zu. »Sie haben recht. Ich hatte gute Gründe, ihn zu hassen.« Sie kniff ihre Augen zusammen, und das sah ziemlich gefährlich aus. »Am Tag nachdem er sich geweigert hatte, Andy den Schmuck herauszugeben, rief er mich an und lud mich ein, mit ihm am nächsten Morgen in seinem Haus zu frühstücken. Er habe den Schmuck bei sich, sagte er. Und dann deutete er an, ich könne ihn vielleicht bekommen. Dieser Teufel! Ich rief Andy in Port Washington an und sagte es ihm, und er versprach mir, er würde am nächsten Morgen in New York sein. Gegen neun Uhr war er hier, und da erfuhren wir aus der Zeitung, daß Benson in der Nacht vorher erschossen worden war.«

Vance schwieg sehr lange. Dann stand er auf und bedankte sich bei ihr. »Sie haben uns sehr geholfen. Mr. Markham ist ein Freund von Major Benson, und da wir das Geständnis und den Wechsel in Händen haben, werde ich ihn bitten, seinen Einfluß auf den Major dahingehend einzusetzen, daß er uns erlaubt, diese Papiere so schnell wie möglich zu vernichten.«

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