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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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16. Eingeständnis und Vertuschung

Dienstag, 18. Juni, nachmittags

Eine Stunde später kam Phelps, den Markham zum Riverside Drive geschickt hatte, vor Befriedigung strahlend zurück.

»Ich glaube, Chef, ich habe das, was Sie wollten.« Seine heisere Stimme verriet einen leisen Triumph. »Ich ging hinauf zu der Wohnung von dieser St. Clair und läutete. Sie machte die Tür auf. Ich ging in die Diele hinein und stellte ihr meine Fragen. Natürlich weigerte sie sich, mir zu antworten. Als ich sie wissen ließ, daß dieses Päckchen die Pistole enthielt, mit der Benson erschossen wurde, lachte sie nur laut, riß die Tür auf und sagte zu mir, ich sei ein scheußliches Individuum und solle sofort ihre Wohnung verlassen.« Er grinste.

»Ich lief also nach unten und kam gerade richtig zur Vermittlung, als sie sich meldete. Ich ließ den Jungen die Nummer wählen und stellte mich neben ihn, damit ich alles hören konnte. Sie redete mit Leacock. ›Sie wissen, daß du die Pistole gestern hier geholt und dann in den Fluß geworfen hast‹, sagte sie, und er schien eine ganze Weile sprachlos zu sein. Dann antwortete er völlig ruhig und wirklich nett: ›Keine Angst, Muriel, aber sage für den Rest des Tages zu keinem Menschen mehr auch nur ein Wort. Morgen bringe ich alles in Ordnung.‹ Sie mußte ihm versprechen, daß sie bis morgen mit niemandem redete, und dann legte er auf.«

Markham brauchte eine Weile, um die Erzählung zu verdauen. »Und welchen Eindruck gewannen Sie aus der Unterhaltung?« fragte er dann.

»Wenn Sie mich schon fragen, Chef, dann wette ich zehn zu eins, daß dieser Leacock schuldig ist, und das Mädchen weiß es auch.«

Markham dankte ihm und schickte ihn weg.

»Diese überzüchtete Ritterlichkeit ist fürchterlich lästig«, meinte Vance. »Aber sollten wir uns nicht allmählich mit dem Mister Pfyfe ein bißchen höflich unterhalten?«

Fast im gleichen Augenblick wurde Pfyfe angemeldet und betrat wenig später als vollendeter Weltmann den Raum. Allerdings war auch seine Verbindlichkeit nicht imstande, sein Unbehagen völlig zu überdecken.

»Setzen Sie sich, Mr. Pfyfe«, befahl ihm Markham brüsk. »Mir scheint, Sie haben mir noch einiges zu erklären.«

Er nahm den braunen Umschlag aus seiner Schublade und breitete den Inhalt so auf dem Tisch aus, daß der andere ihn erkennen konnte. »Würden Sie bitte so gut sein, mir dazu etwas zu sagen?«

»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete Pfyfe, aber seine Stimme hatte alle Sicherheit verloren. Auch seine Haltung war nicht mehr ganz so weltmännisch wie vorher. Als er seine Zigarette anzündete, bemerkte ich in der Art, wie er sein goldenes Feuerzeug handhabte, seine Nervosität.

»Ich hätte natürlich schon früher darüber sprechen sollen«, gab er zu und deutete mit einer großzügigen Geste auf die Papiere. Er stützte sich auf einen Ellbogen und tat sehr vertraulich. Seine Zigarette hüpfte, während er sprach, zwischen seinen Lippen auf und ab.

»Es schmerzt mich zutiefst, diese Angelegenheit überhaupt erwähnen zu müssen. Da es aber im Interesse der Wahrheit geschieht, werde ich mich nicht beklagen. Meine – äh – häuslichen Verhältnisse sind nicht ganz so, wie ich sie mir wünschen würde. Der Vater meiner Frau hat – seltsamerweise, wie ich betonen möchte – eine erklärte Abneigung gegen mich. Es macht ihm ein ganz besonderes Vergnügen, mir selbst die kleinste finanzielle Hilfe zu versagen, obwohl es schließlich das Geld meiner Frau ist, das er sich mir zu geben weigert. Vor ein paar Monaten bediente ich mich eines Betrages – genau gesagt sind es zehntausend Dollar –, der, wie ich später erfuhr, nicht für mich bestimmt war. Als mein Schwiegervater meinen Irrtum entdeckte, hatte ich den vollen Betrag zurückzugeben, um zwischen Mrs. Pfyfe und mir keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, die meine Frau sehr unglücklich gemacht hätten. Es tut mir unendlich leid, zugeben zu müssen, daß ich Alvins Namen auf einen Scheck gesetzt habe. Ich erklärte es ihm allerdings sofort und bot ihm dafür als Beweis meines guten Willens den Wechsel und das Geständnis an. Das ist alles, Mr. Markham.«

»Haben Sie sich darüber vergangene Woche mit ihm gestritten?«

Pfyfe blinzelte erstaunt. »Ah, Sie scheinen von unserer kleinen Meinungsverschiedenheit gehört zu haben? Ja, wir waren uns tatsächlich nicht ganz einig über die Bedingungen der Transaktion.«

»Hat Benson darauf bestanden, daß der Wechsel bei Fälligkeit einzulösen sei?«

»Nein ... Nicht genau.« Pfyfe wurde nun ziemlich salbungsvoll. »Ich bitte Sie, Sir, wegen dieses Gespräches mit Alvin doch keinen Druck auf mich auszuüben. Für die gegenwärtige Situation war es, das kann ich Ihnen versichern, ganz und gar belanglos. Es war sogar von absolut persönlicher und privater Art.« Er lächelte wie ein Verschwörer. »Ich gebe allerdings zu, daß ich in der Nacht, als er erschossen wurde, zu Alvins Haus ging in der Absicht, mit ihm darüber zu sprechen. Wie ich aber schon sagte, fand ich das Haus dunkel, und ich verbrachte die Nacht in einem Türkischen Bad.«

»Verzeihen Sie die Frage, Mr. Pfyfe«, schaltete sich Vance nun ein, »aber hat Mr. Benson Ihren Wechsel ohne jede Sicherheit angenommen?«

»Ja, was glauben denn Sie?« Pfyfes Ton war helle Empörung. »Alvin und ich waren, wie ich ja schon sagte, die besten Freunde.«

»Aber sogar ein Freund könnte, wenn es um einen so hohen Betrag geht, nach Sicherheiten fragen, oder nicht?« meinte Vance. »Wie konnte Benson wissen, daß Sie in der Lage sind, ihn zu bezahlen?«

»Ich kann nur betonen, daß er es wußte«, erwiderte Pfyfe.

»Vielleicht war es das Geständnis, das Sie unterschrieben haben?«

Pfyfe belohnte ihn mit einem Blick begeisterter Zustimmung. »Sie erfassen die Situation haargenau«, erklärte er.

Nun quetschte Markham den weltmännischen Pfyfe noch mindestens eine halbe Stunde lang aus, doch es kam nichts mehr heraus. Pfyfe hielt sich in allen Einzelheiten an seine Geschichte und weigerte sich höflich, über seinen Streit mit Benson zu sprechen, weil er mit dem Mordfall nichts zu tun habe. Endlich ließ man ihn gehen.

»Ist nicht viel dabei herausgekommen«, bemerkte Markham.

»Daß du dich immer nur auf dein eigenes Urteil verlassen willst!« jammerte Vance. »Pfyfe hat dir eben erst den einzigen vernünftigen Hinweis gegeben, und du behauptest, es sei nichts dabei herausgekommen! Hör mir gut zu und merke dir auch, was ich sage. Pfyfes Geschichte von den zehntausend Dollar stimmt zweifellos. Er eignete sich das Geld an und fälschte Bensons Unterschrift auf einem Scheck, mit der er es ersetzen wollte. Ich glaube aber nicht eine Sekunde daran, daß Benson – Freund oder nicht Freund – auf eine Sicherheit zuzüglich Geständnis verzichtet hätte. Er wollte sein Geld, aber nicht, daß einer ins Gefängnis ging. Deshalb fragte ich nach der Sicherheit. Pfyfe leugnete zuerst selbstverständlich und hüllte sich dann in eine Wolke des Schweigens, als ich ihm damit auf den Pelz rückte, daß Benson wußte, er würde bezahlen. Ich mußte als mögliche Erklärung das Geständnis vorschieben, was mir jedoch bewies, daß er noch etwas zurückhielt, was er auf keinen Fall erwähnen wollte. Die Begeisterung, mit der er meine Erklärung bestätigte, stützt meine Theorie.«

»Na, und?« Markham war ungeduldig.

»Siehst du denn nicht, daß noch jemand im Hintergrund lauert? Jemand, der mit dieser Sicherheit in Verbindung steht? Es kann gar nicht anders sein, sonst hätte dir Pfyfe brühwarm den ganzen Streit erzählt, um sich von jedem Verdacht reinzuwaschen. Pfyfe deckt jemanden, und er gehört nicht zu den Ritterlichen. Ich frage mich also: warum?«

Er lehnte sich zurück und sah zur Decke hinauf. »Ich habe die Idee, daß wir nur die Hand auf die Sicherheit zu legen brauchen, um den Mörder zu finden.«

In diesem Augenblick läutete das Telefon, und Markham lauschte amüsiert und ziemlich überrascht. Er traf mit dem Anrufer eine Verabredung für halb sechs Uhr und legte auf. Lachend wandte er sich an Vance. »Deine Vermutung hat sich bestätigt. Miß Hoffman rief mich eben an. Sie habe ihrer Erzählung noch etwas hinzuzufügen, sagte sie. Um halb sechs ist sie da.«

Vance ließ sich davon nicht beeindrucken. »Wahrscheinlich hat sie während ihrer Mittagspause telefoniert«, überlegte er laut.

Markham musterte ihn mißtrauisch. »Ich habe das Gefühl, hier geht etwas verdammt Merkwürdiges vor«, stellte er fest.

»Das ist sogar ziemlich sicher«, gab Vance zu. »Es könnte ja sein, daß sich einige Hypothesen und metaphysische Schlüsse, wie du sagst, nun auswirken. Was meinst du?«

Einige Minuten, bevor sie zum Mittagessen gehen wollten, berichtete Swacker, Tracy sei eben von Long Island zurückgekommen.

»Ist das nicht der Bursche, der in Pfyfes Herzensangelegenheiten wühlen sollte?« fragte Vance. »Wenn er es ist, dann bin ich ganz Ohr.«

»Es war ganz einfach«, berichtete Tracy. »Man kennt ihn gut am Port Washington, und ein bißchen Tratsch über ihn fängt man schnell auf. Das ist vielleicht ein Bursche!«

Er schob seine Brille auf die Nase und sah in sein Notizbuch. »Verheiratet mit einer Miß Hawthorn. Sie ist reich, aber Pfyfe hat nicht viel von ihrem Geld, weil ihr Vater auf den Geldsäcken sitzt.«

»Mr. Tracy«, unterbrach ihn Vance, »die geborene Hawthorn und ihren Geldsackpapa können Sie sich sparen, denn Mr. Pfyfe hat uns persönlich von seinen traurigen Eheverhältnissen berichtet. Erzählen Sie uns lieber etwas über Pfyfes außereheliche Verhältnisse. Gibt es andere Damen?«

Tracy wußte nicht recht, welches Recht Vance hier zugestanden wurde, und sah fragend seinen Chef an. Der nickte. Tracy blätterte in seinem Notizbuch weiter und fuhr fort:

»Ich fand eine Frau. Sie wohnt in New York und ruft oft einen Drugstore in der Nähe von Pfyfes Haus an, um dort eine Botschaft für ihn zu hinterlassen. Er setzt sich auf dieselbe Art mit ihr in Verbindung. Natürlich ist das mit dem Ladenbesitzer abgemacht, aber ich bekam trotzdem ihre Telefonnummer. Über die Auskunft erhielt ich auch Namen und Adresse, und ich hörte mich gleich noch ein wenig um. Es ist eine Mrs. Paula Banning, Witwe, ein wenig leichtlebig, möchte ich sagen.«

Damit war Tracy als Informationsquelle erschöpft. »Viel Treibstoff hat er dir ja nicht geliefert«, meinte Markham und lächelte.

»Ganz im Gegenteil! Er hat genau das ausgegraben, was wir wissen müssen«, widersprach ihm Vance.

»Was wir wissen müssen? Ich habe an wichtigere Dinge zu denken als an Pfyfes Amouren.«

»Aber gerade diese wird das Problem von Bensons Tod lösen«, behauptete Vance, sprach sich aber weiter nicht darüber aus.

Markham, der viel zu tun hatte, ließ sich einen Lunch ins Büro bringen, und ich ging mit Vance weg. Wir nahmen einen Imbiß im Elysée, gingen dann noch in eine Ausstellung und waren kurz vor halb sechs wieder im Büro des Staatsanwaltes. Nur Markham war noch anwesend.

Wenig später war Miß Hoffman da und erzählte den Rest ihrer Geschichte: »Ich habe nicht alles gesagt, was ich wußte, und ich werde es jetzt auch nur unter der Bedingung tun, daß Sie das, was ich Ihnen sage, vertraulich behandeln, da es mich sonst meine Stellung kosten würde«, sagte sie.

»Das verspreche ich Ihnen«, versicherte ihr Markham.

»Als ich heute früh Major Benson von Mr. Pfyfe und seinem Bruder erzählte, sagte er sofort, ich solle mit ihm zu Ihnen gehen und Ihnen berichten. Auf dem Weg hierher schlug er aber vor, ich solle etwas davon auslassen. Das heißt, er bat mich nicht direkt, davon nicht zu sprechen, sondern erwähnte nur, daß es mit dem Mord nichts zu tun habe und Sie höchstens verwirren könne. Ich folgte seinem Vorschlag, dachte dann aber noch einmal darüber nach. Ich beschloß es Ihnen doch zu erzählen.«

Ganz gewiß schien sie sich nicht sicher zu sein, daß sie weise handelte. »Ich hoffe, ich mache damit keine Dummheit. Es ist nur so, daß außer diesem Briefumschlag noch ein ziemlich schweres Päckchen im Safe war und auch die Aufschrift trug Pfyfe – Persönlich. Und um dieses Päckchen schien der Streit zwischen Mr. Benson und Mr. Pfyfe zu gehen.«

»War es heute früh im Safe, als Sie für den Major den Umschlag herausnahmen?« erkundigte sich Vance.

»Nein! Nachdem Pfyfe letzte Woche weggegangen war, legte ich es zusammen mit dem Umschlag in den Safe zurück. Vergangenen Donnerstag nahm es Mr. Benson mit nach Hause, also an dem Tag, an dem er ermordet wurde.«

Markham war an dieser Berichtergänzung kaum interessiert und wollte die Unterredung abschließen, doch Vance schaltete sich wieder ein. »Es war sehr vernünftig, Miß Hoffman, daß Sie uns von diesem Päckchen erzählten. Ich hätte, da Sie schon hier sind, noch einige Fragen zu stellen. Wie kamen Mr. Alvin Benson und der Major miteinander zurecht?«

Sie lächelte Vance ein wenig merkwürdig an. »Sie kamen nicht gut miteinander aus«, erklärte sie. »Die beiden waren so verschieden voneinander. Mr. Alvin Benson war nicht sehr angenehm und auch nicht besonders ehrenhaft, fürchte ich. Man hätte sie niemals für Brüder gehalten. Ständig stritten sie miteinander über Geschäfte, und einer mißtraute dem anderen.«

»Das ist ganz natürlich, wenn sie im Temperament so verschieden waren«, erwiderte Vance. »Wie zeigte sich dieses Mißtrauen?«

»Sie bespitzelten einander. Sehen Sie, ihre Büros lagen nebeneinander, und einer belauschte den anderen durch die Tür. Ich machte für beide die Sekretariatsarbeit und sah sie auch beide oft lauschen. Manchmal versuchten sie mich auch auszuhorchen.«

»Keine sehr angenehme Stellung, fürchte ich«, meinte Vance.

»Oh, mir hat es nicht allzu viel ausgemacht. Es amüsiert mich.«

»Wann erwischten Sie zum letztenmal den einen oder anderen beim Lauschen?«

Jetzt wurde Miß Hoffmann wieder ernst. »An Mr. Alvin Benson letztem Lebenstag sah ich den Major an der Tür stehen. Mr. Benson hatte Besuch. Es war eine Dame, und der Major schien sehr interessiert zu sein. Es war schon Nachmittag, und Mr. Benson ging an diesem Tag früh nach Hause, etwa eine halbe Stunde nachdem die Dame gegangen war. Später rief sie dann noch einmal an, und ich sagte ihr, Mr. Benson sei schon weggegangen.«

»Wissen Sie, wer die Dame war?«

»Nein. Sie sagte mir ihren Namen nicht.«

Nach ein paar weiteren Fragen fuhren wir zusammen mit Miß Hoffman bis zur Dreiundzwanzigsten Straße, wo wir uns von ihr verabschiedeten. Markham war auf dem ganzen Weg schweigsam, und nachdenklich, und auch Vance taute erst im Club wieder auf, als er sich gemütlich im Sessel zurücklehnte und eine Zigarette anzündete.

»Verstehst du nun den feinen seelischen Prozeß, der zu meiner Prophezeiung führte, Miß Hoffman werde sich bald wieder sehen lassen? Siehst du, ich wußte doch, daß Freund Alvin diesen gefälschten Scheck nicht ohne Sicherheit einlösen würde. Ich wußte auch, daß der Streit um die Sicherheit ging, denn Pfyfe schien gar nicht zu fürchten, daß er ins Gefängnis kommen könne. Ich vermute, Pfyfe hat versucht, seine Sicherheit schon vor Einlösung des Wechsels zurückzubekommen, und erfuhr, daß nichts zu machen sei. Unsere kleine Miß Hoffman mag ein nettes Mädchen sein und so weiter, aber kein Mädchen sitzt neben zwei solchen Ekeln, ohne aufmerksam zu lauschen. Ich möchte das nicht entziffern müssen, was sie tippte, als die beiden stritten, und sie hat sicher noch lange nicht alles erzählt, was sie weiß. Warum diese Verschleierungen? Die einzig logische Antwort auf diese Frage ist die: Weil der Major sie vorgeschlagen hat. Und da das gnädige Fräulein eine aufrechte deutsche Seele ist und einen Hang zur Selbstsucht und vorsichtigen Ehrlichkeit hat, kam ich zu der Überzeugung, daß sie, sobald sie der Aufsicht ihres Herrn und Meisters entwischen kann, uns den Rest erzählen würde, um ihre eigene hübsche Haut zu retten, falls die Sache später doch ans Licht kommen sollte. Das leuchtet doch ein, was?«

»Na, schön«, gab Markham mißmutig zu. »Aber wohin führt uns das?«

Vance rauchte eine Weile vor sich hin. »Ich nehme an, du bist dir darüber klar, daß dieses geheimnisvolle Päckchen die Sicherheit enthielt.«

»Man könnte zu einem solchen Schluß kommen«, gab Markham zu. »Trotzdem bin ich nicht sprachlos, falls du darauf gehofft hast.«

»Und dein juristisch geschulter Geist hat das Päckchen natürlich schon als das Juwelenkästchen identifiziert, das Mrs. Platz an jenem fatalen Nachmittag auf Bensons Tisch erspähte.«

Markham setzte sich plötzlich aufrecht hin, ließ sich aber sofort mit einem Schulterzucken wieder zurücksinken. »Und wenn – ich sehe nicht, wie uns das weiterhelfen sollte. Der Major hätte doch nicht vorgeschlagen, das Päckchen nicht zu erwähnen, wenn er nicht gewußt hätte, daß es mit dem Fall nichts zu tun hat.«

»Ah! Wenn der Major wußte, daß das Päckchen nichts mit dem Fall zu tun hat, dann mußte er aber doch über den Fall selbst einiges wissen, oder nicht? Sonst konnte er doch nicht wissen, was wichtig oder unwichtig war. Ich hatte immer das Gefühl, daß er mehr wissen müsse, als er zugab. Vergiß nicht, er selbst setzte uns auf Pfyfes Spur, und er bestand auch darauf, daß Captain Leacock unschuldig sei.«

»Ich verstehe allmählich, wohin du steuerst«, antwortete Markham nach einer Weile. »Dieser Schmuck – er könnte wichtig sein. Hölle und Teufel!« Markham legte seine Zigarre ab und stand auf. »Die Geschichte geht mir allmählich auf die Nerven! Ich werde darüber schlafen und morgen früh weitermachen.«

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