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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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14. Glieder in der Kette

Montag, 17. Juni, 18 Uhr

Pfyfe war so elegant und überlegen wie beim ersten Gespräch. Er trug einen Jagdanzug und Leinenstiefeletten mit Gummizügen und war von einer Wolke aus Wohlgerüchen umgeben. »Welch unerwartetes Vergnügen, die Herren so schnell schon wiederzusehen«, begrüßte er uns salbungsvoll.

Markham war nicht besonders liebenswürdig und begrüßte ihn sogar ziemlich knurrig. Er kam ohne Umschweife zum Thema. »Ich habe erfahren, Mr. Pfyfe, daß Sie Ihren Wagen am Freitagmittag in einer Garage unterstellten und dem Mann zwanzig Dollar gaben, damit er nichts verrät.«

Pfyfe sah deutlich gekränkt drein. »Damit kränkt man mich zutiefst«, beklagte er sich. »Ich gab dem Mann nämlich fünfzig Dollar.«

»Ich bin froh, daß Sie wenigstens diese Tatsache so unumwunden zugeben«, erwiderte Markham. »Aus den Zeitungen wissen Sie ja selbstverständlich, daß man Ihren Wagen in der Mordnacht vor Bensons Haus gesehen hat«

»Weshalb hätte ich sonst so großzügig dafür bezahlen sollen, daß die Anwesenheit meines Wagens in New York nicht bekannt wird?« erwiderte Pfyfe beleidigt.

»Warum haben Sie dann den Wagen überhaupt in der Stadt gelassen?« fragte Markham. »Sie hätten ihn doch nach Long Island hinausfahren können?«

Pfyfe schüttelte sorgenvoll den Kopf und sah recht bemitleidenswert drein. »Ich bin verheiratet, Mr. Markham.« Das sagte er so, als sei diese Tatsache eine besondere Tugend. »Am Donnerstag brach ich nach dem Essen zu meiner Fahrt in die Catskills auf, hatte aber vor, einen Tag in New York zu verbringen, um mich hier von jemandem zu verabschieden. Ich kam erst nach Mitternacht hier an und beschloß, Alvin aufzusuchen. Als ich vor dem Haus stand, sah ich, daß es dunkel war. Ich läutete also nicht einmal, sondern ging zu Pietro in der Dreiundvierzigsten, bei dem ich immer meine eigene Flasche Whisky stehen habe. Ich hatte Pech, denn dort war schon geschlossen. Also kehrte ich zu meinem Wagen zurück ... Wenn ich mir vorstelle, daß während meiner kurzen Abwesenheit der arme Alvin erschossen wurde!« Er nahm sein Monokel aus dem Auge und polierte es.

»Da ich ja von der Tragödie nichts ahnte, fuhr ich zu einem Türkischen Bad und verbrachte dort die Nacht. Am nächsten Morgen las ich dann von dem Mord. In den Spätausgaben wurde auch mein Wagen erwähnt. Da wurde ich ein wenig – wie soll ich mich ausdrücken? – besorgt. Nein, ›besorgt‹ ist nicht das richtige Wort. Ich möchte lieber sagen, mir kam zu Bewußtsein, daß es mich in eine unangenehme Lage bringen könnte, falls man feststellen würde, daß der Wagen mir gehört. Ich fuhr ihn also zu jener Garage, bezahlte den Mann für sein Schweigen und glaubte, es sei besser, das Bild von Alvins Tod nicht durch die Entdeckung des Wagens stören zu lassen.«

Aus dem Ton seiner Erklärung und dem selbstgerechten Blick, mit dem er Markham ansah, hätte man schließen können, daß er den Mann in der Garage einzig und allein aus Rücksicht auf den Staatsanwalt und die Polizei bestochen habe.

»Warum haben Sie dann Ihre Fahrt nicht fortgesetzt?« erkundigte sich Markham. »Damit wäre doch die Entdeckung Ihres Wagens unwahrscheinlicher geworden.«

Pfyfes Miene drückte mitleidiges Staunen aus. »Wenn mein bester Freund heimtückisch ermordet wurde? Wer hätte den Mut, in einem so traurigen Augenblick Zerstreuung zu suchen? Ich kehrte nach Hause zurück und unterrichtete Mrs. Pfyfe davon, daß mein Wagen ... reparaturbedürftig sei.«

»Ich bin der Meinung, Sie hätten auch in Ihrem Wagen nach Hause fahren können«, wandte Markham ein.

Pfyfe bedachte diese Bemerkung mit einem tiefen Seufzer und einem nachsichtigen Blick. »Wäre ich in den Catskills, wo meine Frau mich vermutete, und fern jeder Informationsquelle gewesen – wie hätte ich dann sofort von Alvins Tod erfahren sollen? Verstehen Sie doch, ich hatte es unglücklicherweise unterlassen, Mrs. Pfyfe von meiner Reiseunterbrechung in New York zu erzählen. Mr. Markham, ich hatte sogar einigen Grund, es nicht zu wünschen, daß meine Frau von meinem Aufenthalt in der Stadt erfuhr. Wäre ich also sofort zurückgefahren, so hätte sie, und das muß ich zu meinem Leidwesen feststellen, augenblicklich vermutet, daß ich meine Reise abgebrochen hatte. Mir erschien es daher am zweckmäßigsten, den einmal eingeschlagenen Weg weiterhin zu verfolgen.«

Markham ärgerte sich allmählich über die geschickten Ausreden dieses Mannes, und er fragte ziemlich scharf: »Hat Ihr Wagen vor Bensons Haus in jener Nacht etwas mit Ihrem offensichtlichen Wunsch zu tun, Captain Leacock in die Sache hineinzuziehen?«

Pfyfe hob in schmerzlichem Erstaunen die Brauen. »Aber ich bitte Sie!« Das war eine empörte Zurückweisung der Unterstellung des Staatsanwaltes. »Falls Sie gestern aus meinen Worten einen Verdacht gegen Captain Leacock herausgehört haben sollten, kann ich das nur auf die Tatsache zurückführen, daß ich tatsächlich den Captain vor Alvins Haus sah, als ich dort vorfuhr.«

Markham warf Vance einen vielsagenden Blick zu und sagte dann zu Pfyfe: »Wissen Sie bestimmt, daß Sie Leacock gesehen haben?«

»Ich sah ihn sogar recht deutlich. Ich hätte gestern schon davon gesprochen, wenn ich damit nicht meine eigene Anwesenheit dort zugegeben hätte.«

»Es wäre eine äußerst wichtige Information gewesen, die ich heute früh hätte brauchen können«, erwiderte Markham. »Sie haben Ihre persönliche Bequemlichkeit über die Erfordernisse der Justiz gestellt. Diese Haltung wirft ein sehr fragwürdiges Licht auf das von Ihnen selbst zugegebene Verhalten in jener Nacht.«

»Sie genießen Ihre Strenge jetzt«, seufzte Pfyfe vor Selbstmitleid. »Da ich mich jedoch selbst in eine schiefe Lage gebracht habe, muß ich Ihre Kritik leider akzeptieren.«

»Sind Sie sich darüber klar, daß jeder Staatsanwalt, der weiß, was Sie taten, und von Ihnen so behandelt wurde, wie Sie mich behandelt haben, Sie sofort wegen Mordverdachtes in Haft nehmen müßte?«

»Dann kann ich nur feststellen«, kam die ungemein liebenswürdige Antwort wie aus der Pistole geschossen, »daß ich mit Ihnen ein ganz unerhörtes Glück habe.«

Markham stand auf. »Das wäre alles für heute, Mr. Pfyfe. Sie haben aber in New York zu bleiben, bis ich Ihnen die Rückkehr nach Hause erlaube. Andernfalls werde ich Sie als unentbehrlichen Zeugen hier festhalten müssen.«

Pfyfe machte eine Geste erschütterter Abwehr und wünschte uns sehr zeremoniell einen recht guten Nachmittag.

Als wir allein waren, bedachte Markham Vance mit einem ernsten Blick. »Deine Vorhersage hat sich erfüllt, obwohl ich auf ein solches Glück nicht zu hoffen gewagt hatte. Pfyfes Aussage ist das letzte Glied der Kette gegen den Captain.«

Vance rauchte nachdenklich. »Ich gebe zu, daß deine Theorie paßt, – mit Ausnahme des Captains. Meine psychologischen Vorbehalte sind nicht ausgeräumt. Der Captain paßt einfach nicht in die Geschichte ... Komische Idee, ich weiß.« Vance streckte sich müde. »Was hältst du von einer kleinen Ruhepause auf dem Dach? Dieser unerschütterliche Pfyfe hat mich sehr ermüdet.«

Im Sommerspeisesaal auf dem Dach des Clubs fanden wir Major Benson allein an einem Tisch, und Markham forderte ihn auf, sich zu uns zu setzen.

»Wir haben gute Nachrichten für Sie, Major«, sagte er, als er die Bestellung aufgegeben hatte. »Ich bin überzeugt, daß alles auf ihn deutet. Morgen, so hoffe ich, werden wir das Ende erleben.«

Der Major warf Markham einen fragenden Blick zu. »Ich verstehe nicht ganz. Nach dem, was Sie mir gestern sagten, hatte ich den Eindruck, eine Frau stecke in der Sache.«

Markham lächelte ein wenig schief und wich Vances Blick aus. »Die Frau, die ich meinte, schied in dem Augenblick aus, als wir sie unter die Lupe nahmen«, bemerkte er. »Aber der weitere Verlauf führte mich zu dem Mann. An seiner Schuld ist kaum zu zweifeln. Ich habe eben erfahren, daß er von einem glaubwürdigen Zeugen vor dem Haus Ihres Bruders gesehen wurde, und das fast genau um die Zeit, da der Schuß gefallen sein müßte.«

»Gibt es stichhaltige Gründe, mir nicht zu sagen, wer es war?« fragte der Major.

»Nein, absolut nicht. Die ganze Stadt wird es morgen vermutlich wissen. Es war Captain Leacock.«

Major Benson starrte ihn ungläubig an. »Ausgeschlossen! Nein, das kann ich nicht glauben. Dieser Bursche war drei Jahre lang mit mir zusammen, und ich muß ihn daher doch recht genau kennen. Nein, nein, hier muß irgendwo ein Fehler gemacht worden sein ... Die Polizei wurde wohl auf eine falsche Spur geführt.«

»Nicht die Polizei«, erwiderte Markham. »Unsere eigenen Untersuchungen brachten den Captain ans Tageslicht.«

Darauf antwortete der Major nicht, aber sein Schweigen bekräftigte seinen Zweifel noch.

»Wissen Sie, mir geht es wegen des Captains so wie Ihnen, Major«, warf Vance ein. »Mich freut es, daß mein Eindruck von einem Menschen, der ihn genau kennt, bestätigt wird.«

»Was hat dann Leacock in jener Nacht vor dem Haus zu suchen gehabt?« fragte Markham.

»Vielleicht hat er Benson ein Ständchen gesungen«, erwiderte Vance.

Ehe Markham darauf antworten konnte, wurde ihm vom Ober eine Karte gebracht. Er las sie, gab ein befriedigtes Grunzen von sich und bat darum, den Besucher sofort heraufzuführen. Dann wandte er sich an uns: »Vielleicht erfahren wir jetzt noch etwas mehr. Diesen Higginbotham habe ich schon erwartet. Er ist der Detektiv, der Leacock heute früh von meinem Büro aus gefolgt ist.«

Higginbotham war ein drahtiger, blaßgesichtiger junger Mann mit Fischaugen und schien ziemlich gerissen zu sein. Er trottete zum Tisch und blieb vor dem Staatsanwalt stehen.

»Setzen Sie sich und berichten Sie, Higginbotham«, forderte Markham ihn auf. »Diese Herren arbeiten mit mir an dem Fall.«

»Ich habe mir den Vogel aufgepickt, als er auf den Lift wartete«, begann der junge Mann und sah Markham listig an. »Er ging zur U-Bahn und fuhr zum Broadway. Durch die Achtzigste Straße ging er zum Riverside Drive und in das Haus Nummer 94. Den Portier schaute er nicht einmal an, sondern stieg sofort in den Lift. Droben blieb er ein paar Stunden, kam um ein Uhr zwanzig herunter, stieg in ein Taxi, und ich folgte ihm in einem anderen. Wir fuhren durch den Central Park und weiter nach Osten zur Neunundfünfzigsten Straße. An der Avenue A stieg er aus, und ich folgte ihm zur Queensborough Bridge. Ungefähr auf halbem Weg zum Blackwell's Island lehnte er sich fünf oder sechs Minuten lang über das Geländer. Dann nahm er ein kleines Päckchen aus der Tasche und ließ es in den Fluß fallen.«

»Wie groß war dieses Päckchen?« fragte Markham gespannt.

Higginbotham beschrieb mit den Händen die Größe.

Markham beugte sich ihm entgegen. »Könnte es eine Pistole oder eine Colt Automatic gewesen sein?«

»Klar, das wäre möglich. Genau die richtige Größe. Und schwer war es auch. Das läßt sich daraus schließen, wie er das Päckchen anfaßte und wie es dann auf dem Wasser aufschlug.«

»Schön.« Markham war sehr zufrieden. »Sonst noch etwas?«

»Nein, Sir. Als er die Pistole hineingeworfen hatte, ging er nach Hause. Dort blieb er auch, bis ich wegging.«

Als Higginbotham gegangen war, nickte Markham Vance bedeutsam zu. »Nun, du hast ja selbst gehört – was willst du noch mehr?«

»Oh, eine ganze Menge«, erklärte Vance.

Major Benson sah verwirrt auf. »Ich scheine nicht ganz zu verstehen. Warum mußte Leacock seine Pistole am Riverside Drive holen?«

»Ich habe allen Grund anzunehmen, daß er sie am Tag nach diesem Schuß zu Miß St. Clair brachte, die sie vielleicht verstecken sollte«, erwiderte Markham. »Er konnte doch nicht wünschen, daß man sie in seiner Wohnung fände.«

»Kann er sie nicht schon vor diesem Schuß zu Miß St. Clair gebracht haben?«

»Ich weiß genau, was Sie meinen«, antwortete Markham. Ich wußte es ebenfalls, denn mir fiel ein, daß der Major am Tag vorher der Meinung Ausdruck gegeben hatte, Miß St. Clair sei es eher als dem Captain zuzutrauen, seinen Bruder erschossen zu haben. »Daran dachte ich auch, aber einige Beweisumstände haben sie als Verdächtige ausgeschieden.«

»Selbstverständlich haben Sie sich in diesem Punkt Gewißheit verschafft«, erwiderte der Major, doch er drückte gleichzeitig heftige Zweifel daran aus. »Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, daß Leacock Alvins Mörder sein soll.«

Er machte eine Pause und legte eine Hand auf den Arm des Staatsanwalts. »Ich will keinesfalls undankbar sein für all das, was Sie getan haben, oder überheblich erscheinen, aber mir wäre lieber, Sie würden noch ein wenig warten, ehe Sie diesen Burschen ins Gefängnis werfen. Auch der Sorgfältigste und Gewissenhafteste unterliegt einmal einem Irrtum. Sogar Tatsachen lügen manchmal ganz entsetzlich. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, die Tatsachen haben Sie ziemlich an der Nase herumgeführt.«

Es war deutlich zu erkennen, daß Markham von den Worten seines alten Freundes sehr berührt war, doch sein Pflichtgefühl befahl ihm, einer freundschaftlichen Anwandlung zu widerstehen. »Ich muß meiner Überzeugung gemäß handeln, Major«, antwortete er bestimmt, jedoch sehr freundlich.

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