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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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13. Der graue Cadillac

Montag, 17. Juni, 12.30 Uhr

Als Markham, Vance und ich um halb eins den Grill vom Bankers Club betraten, saß Colonel Ostrander bereits an der Bar und unterhielt sich mit Charlie über seine Cocktails. Vance hatte ihn angerufen und ihn gebeten, zusammen mit uns im Club zu essen; und der Colonel schien diese Einladung gern angenommen zu haben.

»Hier habt ihr New Yorks buntesten Hund«, sagte Vance, indem er Markham den Colonel vorstellte (ich kannte ihn schon). »Er schläft bis mittags und verabredet sich nie vor fünfzehn Uhr. Ich habe ihn rausgeläutet und ihm mit der Hohen Gerichtsbarkeit gedroht, sonst wäre er nicht bereit gewesen, zu dieser frühen Stunde schon zu uns zu kommen.«

»Stehe gern zu Ihren Diensten«, versicherte der Colonel Markham. »Schockierende Geschichte! Mein Gott! Ich konnte es kaum fassen, als ich darüber in den Zeitungen las. Ich habe ein, zwei Ideen zu der Angelegenheit. Wollte mich eigentlich schon von mir aus bei Ihnen melden, Sir.«

Als wir unsere Plätze am Tisch eingenommen hatten, fing Vance an, ihn zu befragen. »Sie kennen doch alle Leute, die so zu Bensons Bekannten gehörten, Colonel. Erzählen Sie uns mal etwas über Captain Leacock. Was ist das für ein Mensch?«

»Ach! Sie haben also ein Auge auf den galanten Captain geworfen?« Colonel Ostrander zupfte intensiv an seinem weißen Schnurrbart. Er hatte ein großes, rosiges Gesicht und buschige Augenbrauen, seine Augen waren winzig und blau; in seiner Art und wie er sich gab, erinnerte er an einen General auf der Bühne. »Kein schlechter Gedanke. Könnte es gewesen sein. Ein Hitzkopf. Furchtbar verliebt in eine Miß St. Clair – nettes Mädchen, diese Muriel. Und Benson war auch in sie verliebt. Wenn ich selbst nur zwanzig Jahre jünger wäre ...«

»Sie faszinieren die Frauen auch so, Colonel«, unterbrach ihn Vance. »Aber erzählen Sie uns doch über den Captain.«

»Ach ja – der Captain. Geboren wurde er wohl in Georgia. Dann war er im Krieg – hat auch irgendwelche Auszeichnungen. Er machte sich nichts aus Benson, ganz im Gegenteil, er verachtete ihn. Schnell erregbar und dann wieder einspurig denkend, dieser Mensch. Auch eifersüchtig. Na, Sie kennen diesen Typ schon. Stellt die Frauen auf ein Podest. Er würde für die Ehre einer Dame ins Gefängnis gehen, wenn's sein müßte. Ein Beschützer der Weiblichkeit. Sentimental, voller Galanterien; mit einem Wort, genau der Mann, der einen Rivalen aus dem Weg schaffen würde, ohne lang zu fragen. Ein gefährlicher Bursche. Benson hat sich wie ein Idiot benommen, als er sich mit dem Mädchen einließ, das mit Leacock verlobt war. Spielte mit dem Feuer. Ich kann es ruhig sagen, denn ich habe ihn gewarnt.«

»Wie gut kannte denn Leacock Benson eigentlich?« fragte Vance. »Ich meine, wie eng befreundet waren sie miteinander?«

»Überhaupt nicht eng befreundet«, antwortete der Colonel. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: »Ich würde sagen, daß ihre Beziehungen nicht über die Formalitäten hinausgingen. Aber sie kamen doch recht häufig hier und da zusammen. Da ich sie beide gut kannte, lud ich selbst sie oft zu kleinen Festen in meinen vier Wänden ein.«

»Sie würden nicht behaupten, daß Captain Leacock ein guter Spieler war – so mit kühlem Kopf und all dem?«

»Ein Spieler – nein! Der schlechteste, den ich je gesehen habe. Poker zum Beispiel spielte er schlechter als eine Frau. Regte sich zu schnell auf – konnte seine Gefühle nicht verbergen.«

Und dann, nach einer kurzen Pause: »Jetzt weiß ich, worauf Sie hinaus wollen – und Sie haben vollkommen recht. So jungen aufgeregten Kerlen – denen sieht es ähnlich, Leute, die sie nicht mögen, einfach über den Haufen zu schießen.«

»Soweit ich erfahren habe, ist der Captain in dieser Beziehung ganz anders als Ihr Freund Pfyfe«, bemerkte Vance.

Der Colonel überlegte. »Ja und nein«, meinte er schließlich. »Pfyfe ist ein kühler Spieler, das gebe ich zu. Einmal hatte er einen privaten Spielclub unterhalten, unten in Long Island. Und dann hat er mal eine Weile lang Tiger und wilde Bären in Afrika geschossen. Aber Pfyfe hat auch einen sentimentalen Punkt. Ein wissenschaftlicher Spieler ist er nicht. Geht seinen Gefühlen nach. Ich gebe aber gern zu, daß er sehr wohl einen Mann erschießen könnte – und es nach fünf Minuten vergessen hat. Aber er müßte erstmal gehörig provoziert werden – vielleicht wurde er das.«

»Pfyfe und Benson waren sehr enge Freunde, nicht wahr?«

»Sehr eng. Ich sah sie immer zusammen, wenn Pfyfe in New York war. Sie kannten sich schon seit Jahren. Busenfreunde, wie man damals sagte. Sie wohnten sogar zusammen, bevor Pfyfe heiratete. Eine anspruchsvolle Frau, die von Pfyfe; macht ihm das Leben zur Hölle. Hat aber Geld wie Heu.«

»Da wir gerade bei den Damen sind«, sagte Vance, »wie war die Situation zwischen Benson und Miß St. Clair?«

»Wer weiß das schon?« fragte der Colonel zurück. »Muriel war nicht verliebt in Benson – das ist sicher. Und trotzdem – Frauen sind doch seltsame Wesen.«

»Zweifellos«, sagte Vance resignierend. »Aber wissen Sie, eigentlich wollte ich nicht in die Intimsphäre der jungen Dame eindringen. Ich dachte, Sie wüßten vielleicht etwas über ihre sonstigen Beziehungen zu Benson.«

»Ich verstehe. Hätte sie sich, kurz gesagt, zu einer Handlung wie dieser hinreißen lassen können? Das ist vielleicht so eine Idee!« Der Colonel überlegte eine Weile. »Also, Muriel ist ein Mädchen mit starkem Charakter. Arbeitet hart. Sie ist Sängerin – und ich muß schon sagen, eine sehr gute. Und sehr fähig. Nimmt ihre Chancen wahr. Ich selbst wäre ihr nicht gern im Weg, wenn sie wohin will.« Er nickte heftig. »Frauen sind da schon komisch. Überraschen einen immer wieder. Haben einfach keinen Sinn für bestehende Werte. Selbst die Friedlichste könnte einen Mann kaltblütig ermorden.«

Plötzlich setzte er sich auf, und seine kleinen blauen Augen schimmerten wie Porzellan. »Mein Gott!« sprudelte er los. »Muriel war an dem Abend, als Benson erschossen wurde, mit ihm zusammen. Ich selbst habe sie im Marseilles gesehen.«

»Tatsächlich, was Sie nicht sagen!« murmelte Vance gelangweilt. »Aber ich denke, wir müssen alle essen. Übrigens, wie gut kannten Sie Benson?«

Der Colonel sah überrascht aus. »Ich? Mein lieber Freund. Ich kannte Benson schon fünfzehn Jahre lang. Mindestens fünfzehn vielleicht sogar länger. Habe ihm die Sehenswürdigkeiten dieser alten Stadt gezeigt, bevor sie verschandelt wurde. Mein Gott, was waren das für herrliche Zeiten. Sind nie vor der Frühstückszeit zurückgekommen.«

Vance unterbrach ihn schon wieder. »Wie eng sind Ihre Beziehungen zu Major Benson?«

»Das ist etwas anderes. Uns trennen Welten. Unterschiedliche Geschmacksrichtungen. Wir sahen uns sehr selten. Der Major hielt nichts von Vergnügungen. Mischte sich nicht in unsere kleine Gruppe. Betrachtete mich und Alvin als zu frivol. Ein Mann großer Ernsthaftigkeit.«

Vance saß eine Weile schweigend da, dann fragte er wie nebenbei: »Haben Sie viel spekuliert bei der Firma Benson und Benson?«

Zum erstenmal schien der Colonel mit der Antwort zu zögern. Er wischte sich ostentativ den Mund mit seiner Serviette ab. »Ach ja, so ein bißchen. Aber nicht mit sehr viel Glück ... Wir alle flirten hier und da mal mit der Göttin Fortuna bei Benson.«

Während der ganzen Mahlzeit überfiel ihn Vance mit Fragen, aber nach dem Verlauf einer Stunde schien er nicht sehr viel weitergekommen zu sein als am Anfang.

 

Als wir wieder in dem Büro des Staatsanwalts waren, warf Vance sich zufrieden in einen der bequemsten Sessel. »Höchst unterhaltsam, nicht wahr? Der Colonel hat doch sein Gutes, wenn es darum geht, verschiedene Verdächtige aus dem Rennen zu nehmen.«

»Aus dem Rennen?« gab Markham zurück. »Es ist nur gut, daß er nicht bei der Polizei ist: er würde ja die halbe Stadt für die Erschießung Bensons verhaften.«

»Er ist tatsächlich ein wenig blutrünstig«, gab Vance zu. »Er will unbedingt jemanden im Kittchen sehen für dieses Verbrechen.«

»Nach diesem alten Krieger waren alle Bekannten von Benson Revolverhelden – wobei man die Frauen nicht vergessen darf. Ich konnte mich gegen diesen Eindruck nicht wehren, während er sprach, daß Benson märchenhaftes Glück gehabt hat, nicht schon längst von Kugeln durchsiebt worden zu sein.«

»Mir ist völlig klar«, wandte Vance ein, »daß du die erhellenden Blitze in dem Donner des Colonels verpaßt hast.«

»Gab es sie?« fragte Markham. »Ich kann jedenfalls nicht behaupten, daß sie mich mit ihrer Helligkeit geblendet hätten.«

»Und du hast keinerlei Trost aus seinen Worten geschöpft?«

»Nur in denen seines Abschieds, als er uns ergriffen Adieu sagte. Diese Trennung brach mir nämlich nicht gerade das Herz. Was der alte Knabe allerdings über Leacock sagte, könnte man als eine bestätigende Meinung bezeichnen.«

Vance lächelte zynisch. »Ganz sicher. Und was er über Miß St. Clair gesagt hat, hätte den Fall gegen sie verdichtet – jedenfalls noch am letzten Sonntag. Auch das, was er über Pfyfe gesagt hat, hätte ihn noch mehr in die Klemme gebracht, falls du ihn gerade verdächtigen würdest.«

Vance hatte kaum ausgeredet, als Swacker hereinkam, um zu sagen, daß Emery von Heath geschickt worden war und daß er, sollte es zu ermöglichen sein, gern auch den Staatsanwalt sehen würde.

Als der Mann hereinkam, erkannte ich ihn sofort als denjenigen, der in Bensons Kamin die Zigarettenkippen gefunden hatte.

Nach einem schnellen Blick auf Vance und mich wandte er sich gleich an den Staatsanwalt: »Wir haben den grauen Cadillac aufgefunden, Sir, und Kommissar Heath meinte, daß Sie darüber sicher sofort informiert sein wollten. Er steht in einer kleinen Garage in der Vierundsiebzigsten Straße. Seit drei Tagen steht er schon dort. Einer der Leute vom Revier in der Achtundsechzigsten Straße hat den Wagen gefunden. Es ist das richtige Auto – komplett mit Angelutensilien und allem –, nur die Angelruten fehlten. Deswegen glaube ich, daß diejenigen, die im Central Park gefunden wurden, tatsächlich dazu gehören. Alles spricht dafür, daß ein Mann den Wagen am Freitag um die Mittagszeit in die Garage gefahren hat und dann dem Garagenmann zwanzig Dollar gegeben hat, damit er seinen Mund hält. Der Mann ist ein Südeuropäer und sagt, daß er keine Zeitungen liest. Jedenfalls kam er sofort mit allem heraus, als ich ihm die Schrauben anlegte.«

Der Detektiv zog ein kleines Notizbuch hervor. »Ich habe mir die Autonummer herausgesucht. Der Wagen gehört einem gewissen Leander Pfyfe.«

Markham nahm diese überraschende Information mit einem perplexen Stirnrunzeln auf. Er entließ Emery recht kurz angebunden und saß dann da und trommelte mit den Fingerspitzen auf seinem Schreibtisch.

Vance beobachtete ihn mit einem amüsierten Lächeln. »Es ist in Wirklichkeit kein Irrenhaus, weißt du«, bemerkte er tröstend. »Erfreuen dich denn die Worte des Colonels nicht, jetzt, wo du weißt, daß Leander sich zur genau richtigen Zeit – nämlich als Benson ins Jenseits befördert wurde – in der gewissen Gegend herumgetrieben hat?«

»Ach, zum Teufel mit deinem alten Colonel!« fuhr Markham auf. »Was mich jetzt interessiert, ist die Frage, wie das neue Material in die Situation paßt?«

»Es paßt ausgezeichnet«, sagte Vance. »Es rundet das Mosaik sozusagen ab. Bist du tatsächlich beunruhigt, zu wissen, daß dieses seltsame Auto unserem Pfyfe gehört?«

»Da ich nicht deine Gabe des Weit- und Klarblicks besitze, muß ich gestehen, daß mich das beunruhigt.«

Markham zündete sich eine Zigarre an – immer ein Zeichen von Unruhe bei ihm. »Du hast wohl selbstverständlich noch bevor Emery kam, gewußt, daß es Pfyfes Auto ist.«

»Ich habe es nicht gewußt«, berichtigte Vance ihn, »aber ich hatte den starken Verdacht. Pfyfe hat zu sehr übertrieben bei seinem Ärger über die Panne auf dem Weg zum Fischen in den Catskills. Und die Frage von Heath über sein Umherziehen hat ihn sehr aus der Fassung gebracht. Sein Theater war zu melodramatisch.«

»Nachher weißt du immer alles«, sagte Markham. Dann rauchte er eine Weile schweigend.

»Ich glaube, ich werde mich mal um diese Angelegenheit kümmern«, sagte er schließlich und läutete nach Swacker. »Rufen Sie mal im Ansonia an«, befahl er ärgerlich; »finden Sie Leander Pfyfe und sagen Sie ihm, daß ich ihn um achtzehn Uhr heute abend im Stuyvesant Club zu sprechen wünsche. Und sagen Sie ihm, daß es äußerst wichtig sei.«

»Mir scheint«, sagte Markham, nachdem Swacker gegangen war, »daß sich diese Autogeschichte schließlich doch noch als brauchbar erweisen könnte. Pfyfe war in der fraglichen Nacht ganz sicher in New York, und das wollte er aus irgendwelchen Gründen verschleiern. Warum, frage ich mich? Er wies uns nachdrücklich auf Leacock hin. Und jetzt, da wir über das Auto Bescheid wissen, wird er uns vielleicht endlich die Wahrheit sagen.«

»Irgend etwas wird er uns sicherlich erzählen«, sagte Vance. »Er ist genau der Typ eines aalglatten Lügners, der jedem alles und so lang wie gewünscht erzählen würde, solange es nicht ihm selbst unangenehm berührt.«

»Du kannst mir sicherlich schon jetzt verraten, was er mir sagen wird.«

»Er wird dir erzählen, daß er diesen unausstehlichen Captain in dieser Nacht vor Bensons Haus gesehen habe.«

Markham lachte. »Hoffentlich tut er das. Du wirst ihn dir wohl anhören wollen, nehme ich an.«

Vance war schon an der Tür, als er sich noch einmal zu Markham umwandte. »Ich muß dich schon wieder um einen kleinen Gefallen bitten. Kümmere dich um Pfyfe – das wäre gut. Schicke einen deiner unzähligen Bluthunde nach Port Washington. Er soll das Leben dieses Herrn erforschen. Dabei soll er sich besonders auf Weibergeschichten konzentrieren. Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.«

Markham war überrascht über diese Bitte. Aber nach einigen Augenblicken lächelte er und drückte auf den Knopf unter seinem Schreibtisch.

»Dein Wunsch ist mir Befehl«, sagte er. »Ich werde sofort einen meiner Männer auf Pfyfe ansetzen.«

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