Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > S. S. van Dine >

Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
Schließen

Navigation:

12. Der Besitzer eines fünfundvierziger Colts

Montag, 17. Juni, vormittags

Obwohl Vance und ich im Büro des Staatsanwaltes am nächsten Vormittag bereits kurz nach neun Uhr ankamen, hatte der Captain schon zwanzig Minuten auf uns gewartet; und Markham beauftragte Swacker, ihn sofort hereinzulassen.

Captain Philip Leacock war ein typischer Offizier, sehr groß – mindestens sechs Fuß und zwei Inches –, glattrasiert, aufrecht und schlank. Sein Gesicht war ernst und unbeweglich; und er stand gerade und aufrecht vor dem Staatsanwalt, wie ein Soldat, der von einem ranghöheren Offizier einen Befehl erwartet.

»Nehmen Sie Platz, Captain«, sagte Markham und verbeugte sich förmlich. »Wie Sie wahrscheinlich wissen, habe ich Sie hierher gebeten, um Ihnen einige Fragen bezüglich Mr. Alvin Benson zu stellen. Es gibt da verschiedene Punkte wegen Ihrer Verbindung zu ihm, die ich mir gern von Ihnen erklären lassen würde.«

»Werde ich an diesem Verbrechen der Mittäterschaft verdächtigt?« fragte Leacock. Er sprach mit einem leicht südlichen Akzent.

»Das wird man noch sehen müssen«, sagte Markham kühl. »Das kommt ganz auf den Punkt an, den ich mit Ihnen klären wollte.«

Leacock saß aufrecht in seinem Sessel und wartete. Markham sah ihn an. »Sie haben kürzlich eine Äußerung gemacht, die das Leben von Mr. Alvin Benson bedrohte, soviel ich weiß.«

Leacock fuhr zusammen, und seine Finger krallten sich in die Knie, aber bevor er antworten konnte, sagte Markham: »Ich kann Ihnen die Gelegenheit sagen, bei der diese Äußerung gemacht wurde. Es war auf einer Party, die Mr. Leander Pfyfe veranstaltete.«

Leacock zögerte; seine Wangenmuskulatur arbeitete. »Also gut, Sir. Ich gebe zu, daß ich diese Drohung ausgestoßen habe. Benson war ein Schweinehund – er verdiente nichts anderes, als erschossen zu werden. An diesem Abend war er noch unerträglicher geworden als sonst. Er hatte zuviel getrunken – ich übrigens auch, glaube ich.« Ein gequältes Lächeln überflog sein Gesicht, und er blickte nervös an dem Staatsanwalt vorbei aus dem Fenster. »Aber ich habe ihn nicht erschossen, Sir. ich wußte nicht einmal, daß er erschossen wurde, bis ich es am nächsten Tag in den Zeitungen las.«

»Er wurde mit einer Armeewaffe erschossen – von der Sorte, wie Ihre Leute und Sie sie im Krieg getragen haben«, sagte Markham und ließ den Mann nicht aus den Augen.

»Ich weiß«, antwortete Leacock. »Das stand in der Zeitung.«

»Sie haben eine solche Waffe, nicht wahr, Captain?«

Wieder zögerte der andere. »Nein, Sir«, sagte er so leise, daß man seine Stimme kaum mehr vernahm.

»Was ist aus der Waffe geworden?«

Der Mann warf einen Blick auf Markham, sah dann aber sofort wieder weg. »Ich habe sie verloren – in Frankreich.«

Markham lächelte. »Wie erklären Sie sich dann die Tatsache, daß Mr. Pfyfe gesehen haben will, daß Sie während der Drohung gegen Mr. Alvin Benson eine Waffe gezogen haben?«

»Gesehen hat er die Waffe?« Er sah den Staatsanwalt erstaunt an.

»Jawohl, er sah sie und konnte sie sogar als Armeewaffe erkennen«, beharrte Markham mit ruhiger Stimme. »Außerdem sah auch Major Benson, daß Sie eine Bewegung gemacht hätten, als würden Sie die Waffe herausziehen.«

Leacock holte tief Luft. »Ich sage Ihnen doch, Sir, ich habe keine Waffe. Ich habe sie in Frankreich verloren.«

»Vielleicht haben Sie sie doch nicht verloren, Captain. Vielleicht haben Sie sie jemandem geliehen.«

»Nein, Sir, das habe ich nicht!« platzte er heraus.

»Überlegen Sie mal einige Minuten, Captain. Haben Sie sie wirklich an irgend jemand verliehen?«

»Nein, das habe ich nicht!«

»Sie haben gestern einen Besuch im Riverside Drive gemacht. Vielleicht haben Sie die Waffe da dabeigehabt?«

Vance hatte aufmerksam zugehört. »Verdammt geschickt!« murmelte er jetzt in mein Ohr.

Captain Leacock rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her. Unter der Sonnenbräune seines Gesichts schien er bleich zu werden, und er versuchte, dem festen Blick seines Gegenübers auszuweichen, indem er sich auf einen Gegenstand auf dem Schreibtisch konzentrierte. Als er sprach, schwang deshalb ziemliche Angst mit in seiner Stimme. »Ich hatte die Waffe nicht bei mir. Ich habe sie auch niemandem geliehen.«

Markham beugte sich über seinen Schreibtisch und fragte: »Vielleicht wäre es möglich, daß Sie die Waffe schon vor diesem gewissen Morgen an jemand verliehen haben?«

»Diesen gewissen ...?« Leacock sah schnell auf und stockte, als wollte er die Frage des anderen erst einmal überdenken.

Markham nützte seine Überraschung aus. »Haben Sie Ihre Waffe an irgend jemand verliehen, seitdem Sie aus Frankreich zurückgekehrt sind?«

»Nein, ich habe sie niemals verliehen ...« fing er an, aber plötzlich stockte er und wurde rot. Dann setzte er schnell hinzu: »Wie konnte ich sie verleihen? Ich habe Ihnen, Sir, doch gerade ...«

»Lassen wir das!« unterbrach ihn Markham. »Sie hatten also eine Waffe. Haben Sie sie noch, Captain?«

Leacock öffnete den Mund, um zu sprechen, schloß ihn jedoch wieder, ohne etwas zu sagen.

Markham entspannte sich und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Es war Ihnen natürlich bekannt, daß Benson Miß St. Clair mit seinen Aufmerksamkeiten auf die Nerven ging?«

Als der Name der jungen Dame gefallen war, zuckte der Captain zusammen; sein Gesicht wurde dunkelrot, und er starrte den Staatsanwalt wütend an. Dann atmete er tief ein und sprach zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch: »Könnten wir nicht vielleicht Miß St. Clair aus dieser Geschichte herauslassen!« Er sah aus, als würde er im nächsten Augenblick auf Markham losgehen.

»Unglücklicherweise können wir das nicht«, sagte Markham. »Es gibt zu viele Tatsachen, die sie mit dem Mordfall verbinden. Zum Beispiel wurde ihre Handtasche am Morgen nach dem Mord in Bensons Wohnzimmer gefunden.«

»Das ist eine Lüge, Sir!«

Markham überhörte diese Beleidigung. »Diese Tatsache hat Miß St. Clair selbst zugegeben.« Er hob die Hand, als der andere etwas sagen wollte. »Mißverstehen Sie mich nicht, wenn ich das erwähne. Ich beschuldige Miß St. Clair in keiner Weise, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Ich möchte nur endlich wissen, was Sie mit dem Mord zu tun haben.«

Der Captain sah Markham ungläubig an; offenbar glaubte er dessen Versicherungen nicht so ganz. Schließlich sagte er bestimmt: »Ich habe Ihnen in dieser Angelegenheit nichts mehr zu sagen, Sir.«

»Sie wissen doch, daß Miß St. Clair an diesem Abend mit Benson im Marseilles gegessen hat, oder?« fuhr Markham fort.

»Na, wenn schon«, antwortete Leacock gleichgültig.

»Und Sie wußten auch, daß sie das Restaurant um Mitternacht verließen und Miß St. Clair erst nach ein Uhr früh bei sich zu Hause ankam?«

Ein seltsamer Blick trat in Leacocks Augen. Seine Nackenmuskulatur spannte sich sichtbar, und er seufzte tief. Aber er sagte kein Wort und sah den Staatsanwalt auch nicht an.

»Sie wissen natürlich«, fuhr Markham fort, »daß Benson um null Uhr dreißig erschossen wurde?« Er wartete, und eine Minute lang herrschte Schweigen in dem Zimmer. »Haben Sie mir nichts mehr zu sagen; Captain?« fragte er schließlich.

Leacock antwortete nicht. Er saß da und starrte stumpf vor sich hin; man sah ihm an, daß er nichts mehr sagen würde.

Markham erhob sich. »In diesem Fall wollen wir das Gespräch als beendet betrachten.«

Kaum hatte Captain Leacock die Tür hinter sich geschlossen, klingelte Markham nach einem seiner Sekretäre. »Sage Ben, er soll diesen Mann beschatten. Er soll herausfinden, wohin er geht und was er tut. Ich möchte den Bericht noch heute abend haben.«

Als sie wieder allein waren, warf Vance Markham einen halb ernst gemeinten Blick der Bewunderung zu. »Ausgezeichnet, um nicht zu sagen, kunstvoll.«

»Es sieht so aus, als wären wir jetzt auf der richtigen Spur. Leacock machte nicht unbedingt den Eindruck von unanfechtbarer Unschuld«, stimmte Markham ihm zu.

»Nicht?« fragte Vance, »ja, was sind dann die Zeichen seiner anfechtbaren Schuld?«

»Du hast doch gesehen, wie er blaß wurde, als ich ihn wegen der Waffe befragte. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt – er hatte richtig Angst.«

Vance seufzte. »Weißt du nicht, daß ein Unschuldiger, wenn er in Verdacht gerät, meist nervöser ist als ein Schuldiger, der ja immerhin schon den Mut hatte, ein Verbrechen zu begehen, und dem außerdem klar ist, daß Nervosität bei euch Juristen als Schuldbekenntnis gilt? Du kannst beinahe jedem Unschuldigen die Hand auf die Schulter legen und sagen ›Sie sind verhaftet‹ schon werden sich seine Pupillen erweitern, der kalte Schweiß wird ihm ausbrechen, das Blut wird ihm aus dem Gesicht weichen, er wird zittern und schlottern. Wenn er ein Hysteriker ist oder ein Neurotiker, wird er wahrscheinlich auf der Stelle zusammenbrechen. Nur der wirklich Schuldige wird in einer solchen Situation eine Augenbraue hochziehen und mit gelangweilter Überraschung fragen: ›Das ist doch nicht Ihr Ernst‹«

»Der abgebrühte Kriminelle mag vielleicht so reagieren, wie du es beschreibst«, gab Markham zu, »aber ein ehrlicher Mann, der unschuldig ist, bricht nicht zusammen, selbst wenn man ihn beschuldigt.«

Vance schüttelte den Kopf. »Mein Lieber, Angst ist nichts weiter als eine Hormonausschüttung – weiter nichts. Das einzige, was damit bewiesen ist, ist eine Unterentwicklung der Schilddrüse, oder daß die Adrenalinausschüttung eines Menschen zu gering ist. Ein Mann, dem ein Verbrechen zur Last gelegt wird oder dem man eine blutige Waffe zeigt, mit dem ein solches begangen wurde, wird entweder schwachsinnig lächeln oder schreien, oder einen hysterischen Anfall bekommen, oder in Ohnmacht fallen, oder einfach desinteressiert sein. Das hängt ganz von seinem Hormonhaushalt ab und hat gar nichts mit seiner Schuld oder Unschuld zu tun. Deine Theorie dagegen wäre vollkommen richtig, wenn die Drüsen eines jeden Menschen gleich arbeiten würden. Aber das ist eben nicht der Fall. Du solltest einen Mann nicht auf den elektrischen Stuhl bringen, nur weil seine Adrenalinausschüttung besonders hoch oder niedrig ist.«

Bevor Markham antworten konnte, erschien Swacker in der Tür und sagte, Kommissar Heath sei angekommen. Der Kommissar strahlte vor Selbstzufriedenheit und platzte förmlich in das Zimmer. Zum erstenmal vergaß er, ringsum die Hände zu schütteln.

»Also, es sieht so aus, als hätten wir jetzt etwas Handfestes in den Fingern. Ich bin gestern abend zu dem Haus gefahren, in dem Captain Leacock wohnt. Leacock war zwar in der Nacht des Dreizehnten zu Hause; aber kurz nach Mitternacht ging er aus, Richtung Westen – stellen Sie sich das vor. Und er kam erst um Viertel nach eins zurück!«

»Wie hört sich die Geschichte des Portiers an?« fragte Markham.

»Leacock hatte den Jungen bestochen. Er gab ihm Geld, damit er schwöre, er habe in dieser Nacht das Haus nicht verlassen. Was halten Sie davon, Mr. Markham? Ganz schön kaltblütig, nicht wahr? Der Junge brach zusammen, als ich ihm sagte, ich würde ihn wegen dieses Mordes anklagen. Heath lachte unangenehm. »Und Leacock wird er von der ganzen Sache auch kein Wort sagen.«

Markham nickte. »Was Sie mir da erzählen, Kommissar, deckt sich mit den Schlußfolgerungen, die ich machte, während ich Captain Leacock hier verhörte. Ben hat ihm einen Mann an die Fersen geheftet, und ich werde dessen Bericht noch heute abend bekommen. Morgen sehen wir in der ganzen Angelegenheit vielleicht schon klarer. Ich werde mich morgen früh mit Ihnen in Verbindung setzen, und wenn irgend etwas unternommen werden muß, wird das Ihre Sache sein.«

Als Heath uns verlassen hatte, lehnte Markham sich zufrieden zurück und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. »Ich glaube, ich habe die Antwort«, sagte er.

»Natürlich«, sagte Vance ironisch. »Es grünet die Hoffnung!«

Markham betrachtete ihn einen Augenblick lang nachdenklich. »Hast du jetzt endgültig dem menschlichen Verstand, mit dessen Hilfe man etwas aufklären kann, abgeschworen?« Er sah auf seine Uhr. »Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich mich jetzt an meine Arbeit mache? Ich habe Dutzende von Sachen zu erledigen. Warum geht ihr nicht durch die Halle nach drüben und redet ein wenig mit Ben Hanion und kommt dann um halb eins wieder zurück? Wir können zusammen essen. Ben ist unser größter Fachmann für Auslandsfälle, und die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er damit, den Justizflüchtlingen um die ganze Welt nachzujagen. Er wird euch sicher gern ein wenig Garn vorspinnen.«

»Welch faszinierender Einfall!« rief Vance gähnend aus. Aber anstatt diesen Vorschlag anzunehmen, ging er ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Eine Weile stand er rauchend da, drehte die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie eingehend und kritisch. »Weißt du, Markham«, fing er an, »heutzutage wird alles schlechter. Das kommt von der Demokratie. Selbst der Adel degeneriert immer mehr.«

Markham lächelte. »Um welchen Gefallen willst du mich bitten?«

»Gefallen? Was hat das mit dem Adel zu tun?«

»Mir ist aufgefallen, daß du, wenn du mich um einen Gefallen bitten willst, der irgendwie ausgefallen ist, erst einmal mit der Aristokratie ins Gericht gehst.«

»Gut beobachtet«, sagte Vance. Dann lächelte er. »Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich Colonel Ostrander mit zum Essen brächte?«

Markham sah ihn scharf an. »Bigsby Ostrander meinst du? – Ist er der mysteriöse Colonel, den du während der letzten beiden Tage über verschiedene Leute ausgehorcht hast?«

»Genau der. Ein Angeber und so weiter. Vielleicht wirkt er auf die Dauer ein wenig ermüdend, aber er ist eine richtige Klatschtante.«

»Bring ihn nur mit«, sagte Markham. Dann griff er zum Telefon. »Ich sage jetzt Ben, daß ihr für etwa eine Stunde zu ihm kommt.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.