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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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11. Ein Motiv und eine Drohung

Sonntag, 16. Juni, nachmittags

Am nächsten Tag, einem Sonntag, aßen wir zusammen mit Markham im Club. Vance hatte dieses Treffen am Abend zuvor vorgeschlagen; denn wie er mir erklärte, wollte er anwesend sein, falls Leander Pfyfe von Long Island zurückkäme.

Ganz wie nebenbei erklärte Markham uns, als wir in den Speisesaal gingen, daß er Heath ein wenig später erwarten würde. Er wartete auf uns, als wir uns nach dem Essen in den Rauchsalon zurückzogen. Sein Gesichtsausdruck verriet uns, daß er ganz und gar nicht mit dem Lauf der Dinge zufrieden war.

»Ich sage Ihnen, Mr. Markham«, begann er, als wir uns in den bequemen Sesseln niedergelassen hatten, »dieser Fall entwickelt sich zu einer harten Nuß für uns. Sind Sie mit der St. Clair irgendwie weitergekommen?«

Markham schüttelte den Kopf. »Sie kommt nicht mehr in Frage.« Und dann erzählte er schnell in Stichworten, was sich am vorangegangenen Nachmittag in Bensons Haus ereignet hatte.

»Nun, wenn Ihnen das genügt«, sagte Heath ein wenig zweifelnd, »dann verlasse ich mich auch darauf. Aber was ist mit diesem Captain Leacock?«

»Seinetwegen habe ich Sie hierher gebeten «, sagte Markham. »Es gibt keine direkten Beweise gegen ihn, aber gewisse verdächtige Umstände scheinen auf eine Verbindung mit dem Mord hinzuweisen. Was die Körpergröße anbelangt, so könnte das bei ihm stimmen; und wir dürfen auch nicht die Tatsache übersehen, daß Benson mit einer Waffe erschossen wurde, wie Leacock sie höchstwahrscheinlich besitzt. Er war mit dem Mädchen verlobt, und in Bensons Aufmerksamkeiten ihr gegenüber könnte man leicht ein Motiv von seiner Seite aus sehen.«

»Und«, sagte Heath, »wir dürfen nicht vergessen, daß er im Krieg gewesen ist.«

»Das einzige, was dagegen spricht«, sagte Markham, »ist die Tatsache, daß Phelps, der den Captain überprüfen sollte, mir berichtete, daß er in der fraglichen Nacht ab zwanzig Uhr zu Hause gewesen ist. In diesem Alibi kann es natürlich noch irgendeine Lücke geben, und ich wollte Ihnen vorschlagen, daß einer Ihrer Leute sich noch einmal mit Leacock beschäftigt. Phelps hatte seine Informationen von einem der Liftboys, und ich halte es für ganz gut, wenn man sich diesen Jungen noch einmal schnappt und ein klein wenig Druck anwendet. Falls wir herausfinden, daß Leacock um null Uhr dreißig in dieser Nacht nicht zu Hause war, hätten wir vielleicht die Spur gefunden, nach der wir gesucht haben.«

»Ich werde mich selbst darum kümmern«, sagte Heath. »Ich werde noch heute abend dort vorbeigehen, und wenn dieser Junge etwas weiß, werde ich es auch aus ihm herausbringen.«

Nachdem wir noch ein paar Minuten gesprochen hatten, kam ein uniformierter Bediensteter, verbeugte sich neben dem Staatsanwalt und erklärte, daß Mr. Pfyfe nach ihm gefragt habe.

Markham bat darum, daß sein Besucher in den Rauchsalon geführt werde, und setzte dann zu Heath gewandt hinzu: »Sie bleiben besser hier und hören sich an, was er zu sagen hat.«

Leander Pfyfe war eine imponierende Erscheinung. Seine sehr langen Beine schienen sich an den Knien etwas durchzudrücken. Darauf ruhte ein kurzer, rundlicher Körper; seine Brust wölbte sich sogar derart vor, daß man sich an einen Tauberich erinnert fühlte. Sein Gesicht war rund, und die Wangen hingen beiderseits ein wenig über den Kragen. Sein spärliches, blondes Haar war ordentlich zurückgebürstet, und die Enden seines schmalen, seidigen Schnurrbartes liefen nadelspitz aus. Er trug einen hellgrauen Flanellanzug, dazu ein türkisgrünes Seidenhemd und eine sehr lebhafte Krawatte. Seine Füße steckten in grauen Wildlederschuhen. Das Batisttaschentuch in seiner Brusttasche verströmte einen durchdringend orientalischen Duft.

Er begrüßte Markham formvollendet und nickte bei Markhams Vorstellung jedem von uns zu. Nachdem er sich in dem Sessel niedergelassen hatte, den der Angestellte für ihn hergebracht hatte, fing er an, sein goldgerahmtes Monokel zu polieren, das er an einem Band trug, und richtete dann seinen melancholischen Blick auf Markham. »Das ist schon ein trauriger Anlaß, dies heute«, seufzte er.

»Wenn man die enge Freundschaft zwischen Ihnen und Mr. Benson in Betracht zieht«, meinte Markham, »muß ich mich um so mehr entschuldigen, daß ich Sie zu diesem Zeitpunkt hierher gebeten habe. Es war übrigens sehr freundlich von ihnen, daß Sie meiner Aufforderung gefolgt sind.«

Pfyfe machte eine leicht wegwerfende Bewegung mit seiner sorgfältig manikürten Hand. Er sei, sagte er mit kaum erträglicher Selbstgefälligkeit, nur zu gern bereit, sich selbst Unannehmlichkeiten zu machen, wenn es um das Wohl der Allgemeinheit ginge.

»Von Major Anthony Benson habe ich erfahren«, begann Markham, »daß Sie seinem Bruder sehr nahe standen und Sie deshalb vielleicht in der Lage wären, uns mehr über sein Privatleben zu erzählen, so daß wir mit unseren Nachforschungen ein Stückchen weiterkämen.«

Pfyfe sah traurig zu Boden. »Ach ja, Alvin und ich standen uns sehr nahe – tatsächlich, wir waren sehr enge Freunde. Sie können sich nicht vorstellen, wie gebrochen ich war, als ich von dem tragischen Ende meines lieben Freundes erfuhr. Und ich war tief beunruhigt, daß ich nicht sofort nach New York kommen konnte, um mich in den Dienst derer zu stellen, die mich brauchen.«

»Sicherlich wäre das seinen anderen Freunden eine Hilfe gewesen«, bemerkte Vance höflich, aber kühl. »Aber unter diesen Umständen wird man Ihnen sicher verzeihen.«

Pfyfe seufzte bedauernd. »Schon, aber mir selbst werde ich niemals vergeben. Erst einen Tag vor der Tragödie hatte ich eine Reise zu den Catskills vor. Ich lud Alvin ein, mitzukommen; aber der Gute hatte zu tun.« Pfyfe schüttelte den Kopf, als verstände er die Welt nicht mehr.

»Sie waren nur sehr kurze Zeit unterwegs«, warf Markham ein.

»In der Tat«, gab Pfyfe unumwunden zu. »Aber das lag an einem höchst unangenehmen Zufall.« Er polierte einige Augenblicke lang sein Monokel. »Mit meinem Wagen stimmte etwas nicht, so daß ich mich gezwungen sah, umzukehren.«

»Auf welcher Straße sind Sie gefahren?« fragte Heath.

Pfyfe klemmte sich umständlich sein Monokel ins Auge und betrachtete damit den Kommissar gelangweilt. »Ich rate Ihnen, Mr. ... ah ... Sneed ...«

»Heath«, berichtigte der andere unwillig.

»Ach ja – Heath. Also ich würde Ihnen raten, Mr. Heath, daß Sie sich an den Automobil Club von Amerika wenden, um eine Straßenkarte zu erhalten, wenn sie eine Fahrt mit dem Auto zu den Catskills vorhaben. Man ist dort sehr zuvorkommend. Dagegen würden Ihnen die Straßen, auf denen ich gefahren bin, sicherlich nicht gefallen.« Damit wandte er sich wieder an den Staatsanwalt und ließ dadurch deutlich durchblicken, daß er sich lieber mit seinesgleichen unterhielt.

»Mr. Pfyfe«, fragte Markham, »hatte Mr. Benson irgendwelche Feinde?«

Der andere schien nachzudenken. »Nicht daß ich wüßte; jedenfalls keinen, der ihn gleich töten würde.«

»Sie lassen immerhin durchblicken, daß er Feinde hatte. Könnten Sie uns nicht ein wenig mehr darüber erzählen?«

Pfyfe ließ seine Fingerspitzen graziös über seine Schnurrbartenden gleiten. »Ihre Forderung, Mr. Markham«, begann er zögernd, »erinnert mich an eine Sache, über die ich eigentlich gar nicht so gern sprechen möchte. Aber vielleicht wäre es doch besser, wenn ich Ihnen davon erzähle – so von Mann zu Mann, verstehen Sie. Alvin hatte – genau wie viele andere bewundernswürdige große Männer – wie soll ich sagen ... eine Schwäche ... sagen wir mal so: für das sogenannte schwache Geschlecht.« Er beobachtete Markham, als erwarte er ein Bravo für seine taktvolle Art, sich ausgedrückt zu haben. »Verstehen Sie«, fuhr er fort, als Markham mit einem Nicken seine Anerkennung angedeutet hatte, »Alvin war nicht der Mann, der auf Frauen besonders attraktiv wirkte. Er war sich seiner physischen Unzulänglichkeit durchaus bewußt, und das Ergebnis war – ich hoffe, Sie verstehen, wenn sich etwas in mir sträubt, darüber zu reden –, aber das Ergebnis war, daß Alvin sich bei seinem Umgang mit Frauen gewisser Methoden bediente. Tatsächlich – wenn es mich auch schmerzt, das zu sagen – er nutzte oft auf unfaire Weise Gelegenheiten aus. Diese Methoden waren alles in allem nicht sehr vornehm.« Er unterbrach sich, offenbar schockiert über diese Unzulänglichkeit seines besten Freundes. »War es eine dieser Frauen, mit denen Benson unfair umging?« fragte Markham.

»Nein, nicht die Frau selbst«, antwortete Pfyfe »aber ein Mann, der gleichfalls an ihr interessiert war. Sie müssen mein Zögern verstehen, Ihnen davon zu erzählen; aber meine Rechtfertigung, es dennoch zu tun, ist die, daß er ganz offen gedroht hat. Außer mir hörten dies noch verschiedene andere.«

»Das entbindet Sie selbstverständlich von jeder Art freundschaftlicher Schweigepflicht«, bemerkte Markham.

Pfyfe nahm das Verständnis des anderen mit einer leichten Verbeugung zur Kenntnis. »Es geschah auf einer kleinen Party, wo ich leider der Gastgeber war«, gab er zu.

»Wer war dieser Mann?« fragte Markham.

»Sie werden meine Zurückhaltung verstehen,« begann Pfyfe. Und dann, als hätte er sich einen Ruck gegeben, beugte er sich entschlossen vor. »Es wäre vielleicht unfair Alvin gegenüber, wenn ich den Namen dieses Mannes nicht preisgeben würde. Es war Captain Philipp Leacock.« Er stieß einen Seufzer aus. »Ich hoffe, Sie fragen mich nicht nach dem Namen der Dame.«

»Das ist kaum notwendig«, versicherte ihm Markham. »Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns von dieser Geschichte noch ein wenig mehr erzählen würden.«

»Alvin interessierte sich sehr für die fragliche Dame, und er überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten, die, wie ich sagen muß, unwillkommen waren. Captain Leacock verübelte ihm diese Aufmerksamkeiten; und auf dieser kleinen Feier, zu der ich ihn und Alvin eingeladen hatte, fielen einige unangemessene und unpassende Worte zwischen ihnen. Ich fürchte, daß auch der Wein zu üppig geflossen war, denn Alvin sah immer genau auf gesellschaftliche Formen; und da hat der Captain – als mit ihm sein Temperament durchging – Alvin gesagt, daß er es mit seinem Leben büßen müßte, wenn er nicht endgültig seine Finger von der Dame ließe. Der Captain ging sogar soweit, aus seiner Hosentasche halbwegs sichtbar eine Pistole zu ziehen.«

»War das ein Revolver oder eine automatische Pistole?« fragte Heath.

Pfyfe lächelte dem Staatsanwalt gequält zu und sagte, ohne den Kommissar auch nur eines Blickes zu würdigen: »Ich habe mich nicht deutlich genug ausgedrückt, verzeihen Sie. Es war kein Revolver. Es war, glaube ich, eine automatische Armee-Pistole.«

»Sie sagen, daß es noch andere Zeugen dieser Drohung gab?«

»Einige meiner Gäste standen herum«, erklärte Pfyfe; »aber mein Ehrenwort, ich könnte sie nicht nennen. Tatsache ist, daß ich dieser Sache nicht allzuviel Wichtigkeit beimaß. Als ich jedoch von dem Tod des armen Alvins in der Zeitung las, erinnerte ich mich sofort an diesen unguten Vorfall und sagte mir: Warum solltest du das nicht dem Staatsanwalt sagen ...«

»Gedanken, die atmen, und Worte, die brennen«, murmelte Vance, der während der Unterhaltung gelangweilt zugehört hatte.

Pfyfe sah Vance fragend an: »Was geruhten Sie soeben zu bemerken, Sir?«

Vance lächelte entwaffnend. »Das war nur ein Zitat. Aber kennen Sie zufällig Colonel Ostrander?«

Pfyfe sah ihn kühl an. »Ich bin mit diesem Herrn bekannt«, sagte er.

»War Colonel Ostrander zufällig auf ihrem entzückenden kleinen Fest anwesend?« fragte Vance weiter.

»Jetzt, da Sie es sagen, scheint es mir fast so, als wäre auch er anwesend gewesen«, gab Pfyfe zu und hob fragend die Augenbrauen.

Aber Vance starrte schon wieder desinteressiert aus dem Fenster.

Markham war über die Unterbrechung verärgert und versuchte, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber Pfyfe schien keine weiteren Informationen zu haben und versuchte dauernd, wieder auf Captain Leacock zurückzukommen. Er maß der Todesdrohung jetzt viel Gewicht bei. Markham unterhielt sich eine volle Stunde mit ihm, ohne etwas Wichtiges aus ihm herauszubekommen.

Als Pfyfe sich erhob, um zu gehen, sprach ihn Vance noch einmal an: »Da Sie nun schon mal in New York sind, Mr. Pfyfe, und so unglücklich darüber waren, nicht eher kommen zu können, nehme ich an, daß Sie sicherlich bis zum Abschluß der Ermittlungen dableiben werden.«

Pfyfes einstudierte Ruhe verschwand, und er sah Vance erstaunt an. »Das lag eigentlich nicht in meinem Sinn.«

»Es wäre außerordentlich wünschenswert – falls Sie es so einrichten können«, stieß Markham nach, obwohl ich sicher bin, daß er nicht vorhatte, ihn zu verhören, außer Vance würde es vorschlagen.

Pfyfe zögerte; dann machte er eine elegante, resignierende Handbewegung und sagte: »Selbstverständlich werde ich bleiben. Sollten Sie meine Dienste weiterhin in Anspruch nehmen wollen, erreichen Sie mich im Ansonia

Er lächelte Markham zum Abschied zu, aber dieses Lächeln kam nicht von innen. Es schien ihm von der unsichtbaren Hand eines Bildhauers ins Gesicht gemeißelt worden zu sein; nur die Mundmuskulatur verzog sich.

Als er gegangen war, warf Vance Markham einen vielsagenden Blick zu. »Unser Freund ist ein ausgesprochener Künstler des Betruges«, sagte er.

»Wenn Sie damit andeuten wollen, daß er schlicht ein guter Lügner ist«, bemerkte Heath, »so bin ich nicht Ihrer Ansicht. Ich halte die Geschichte von der Drohung des Captains für wahr.«

»Ach das! Natürlich ist das wahr. Und weißt du, Markham, der gute Mr. Pfyfe war furchtbar enttäuscht, als du nicht darauf bestandest, den Namen von Miß St. Clair hören zu wollen.«

»Auf jeden Fall hat er uns Material gegeben, mit dem wir etwas anfangen können«, sagte Heath.

Markham fand auch, daß Pfyfes Erklärungen Leacock belasteten. »Ich glaube, ich werde mir den Captain morgen früh in mein Büro kommen lassen, um ihn zu verhören«, sagt er.

Einen Augenblick später betrat Major Benson den Raum, und Markham lud ihn ein, sich zu uns zu setzen.

»Gerade sah ich, wie Pfyfe in ein Taxi stieg«, sagte er, als er sich gesetzt hatte. »Wahrscheinlich haben Sie ihn über Alvins Affären ausgefragt. Hat er Ihnen weiterhelfen können?«

»Ich hoffe sehr«, gab Markham freundlich zurück. »Übrigens, Major, was wissen Sie von einem gewissen Captain Philip Leacock?«

Zu Markhams Überraschung zog Major Benson die Augenbrauen hoch.

»Ja, wußten Sie denn das nicht? Leacock war einer der Captains in meinem Regiment – ein erstklassiger Mann. Er kannte Alvin recht gut, glaube ich; aber ich habe den Eindruck, daß sie sich in der letzten Zeit nicht mehr besonders gut verstanden. Sicherlich bringen Sie doch diesen Mann nicht mit dem Mord in Verbindung?«

Markham überging diese Frage. »Waren Sie zufällig an dem Abend auch auf Pfyfes Party, als der Captain Ihren Bruder bedrohte?«

»Ja, ich erinnere mich, auf ein, zwei dieser Partys von Pfyfe gegangen zu sein«, sagte der Major. »Normalerweise halte ich nichts von dieser Art Zusammenkünften, aber Alvin überzeugte mich, daß es aus geschäftlichen Gründen wichtig sei.« Er hob den Kopf, runzelte die Stirn und starrte angestrengt ins Leere, um sich an diesen Abend zu erinnern. »Ich kann mich jedoch nicht erinnern – mein Gott! Doch, ich glaube, es fällt mir wieder ein – aber wenn Sie das meinen, was mir jetzt gerade einfällt, sollten Sie ihm keine Bedeutung beimessen. Das ist völlig unmöglich. Wir waren alle ein wenig angesäuselt an diesem Abend.«

»Hat Captain Leacock eine Waffe gezogen?« fragte Heath.

Der Major schob die Lippen vor. »Jetzt, da Sie es sagen, fällt nur wieder ein, daß er so eine Bewegung gemacht hat.«

»Haben Sie eine Pistole gesehen?« bohrte Heath weiter.

»Nein. Ich glaube nicht.«

Die nächste Frage stellte Markham: »Halten Sie Captain Leacock für fähig, einen Mord zu begehen?«

»Kaum«, antwortete Major Benson mit Nachdruck. »Leacock ist nicht kaltblütig. Die Frau, um die es hier offensichtlich geht, wäre schon eher dazu fähig.«

Die nachfolgende kurze Stille wurde von Vance durchbrochen. »Major, was wissen Sie über diesen geleckten Pfyfe? Er scheint mir ein seltener Vogel zu sein. Hat er eine Geschichte, oder ist seine Gegenwart das einzige Dokument über sein Leben?«

»Leander Pfyfe«, sagte der Major, »ist ein typisches Exemplar der modernen jungen Nichtstuer – jung sage ich, obwohl er wahrscheinlich um die Vierzig herum ist. Er wurde in seiner Kindheit, glaube ich, maßlos verwöhnt, hatte sicherlich alles, was er wollte; aber er wurde unruhig und schlug verschiedene Pfade ein, bis er ihrer müde wurde. Dann ging er für zwei Jahre nach Südafrika auf Großwildjagd. Nach seiner Rückkehr schrieb er ein Buch über seine Abenteuer. Seither hat er, soviel ich weiß, nichts getan. Dann heiratete er vor einigen Jahren ein reiches Mädchen – nur wegen des Geldes, glaube ich. Aber ihr Vater hielt strenge Wache über die Gelder und gestattete ihm nur ein bestimmtes Fixum im Monat. Pfyfe ist ein Verschwender und ein Faulenzer, aber Alvin schien ihn irgendwie zu mögen.«

Der Major hatte eigentlich nicht boshaft über Pfyfe gesprochen, trotzdem hatten wir alle das Gefühl, als könne er ihn nicht ausstehen.

»Nicht gerade eine umwerfende Persönlichkeit«, bemerkte Vance.

»Und außerdem benutzt er zuviel Parfüm.«

»Aber«, sagte Heath halblaut, »man braucht starke Nerven, um auf Großwildjagd zu gehen. Und da wir gerade von Nerven sprechen – derjenige, der Ihren Bruder erschossen hat, muß schon einen sehr kühlen Kopf haben. Er hat es genau von vorne getan, obwohl sein Opfer hellwach war und oben im Haus noch die Haushälterin war. Dazu braucht man Nerven.«

»Kommissar, Sie sind wirklich großartig!« sagte Vance.

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