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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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10. Ein Verdächtiger wird ausgeschaltet

Samstag, 15. Juni, 17.30 Uhr

Als die Haushälterin eintrat, warf sie mir einen fast feindseligen Blick zu. Markham nickte ihr nur zu, aber Vance erhob sich und wies auf einen gepolsterten Sessel nahe am Kamin, von dem aus man auf die vorderen Fenster sah. Sie setzte sich ganz vorn auf die Kante.

»Ich muß Ihnen einige Fragen stellen, Mrs. Platz«, fing Vance an, »und es würde für alle das Beste sein, wenn Sie sich an die ganze Wahrheit hielten. Sie verstehen mich doch, oder?« Die ironische Art, die er Markham gegenüber angeschlagen hatte, war völlig verschwunden.

Bei seinen Worten hob sie den Kopf. Ihr Gesicht war ausdruckslos, aber ihr Mund drückte ihren inneren Trotz aus; in ihren Augen konnte man die unterdrückte Angst lesen.

Vance wartete einen Augenblick und fuhr dann fort, indem er jedes einzelne Wort besonders betonte: »Zu welcher Zeit kam die Dame an dem Tag, als Mr. Benson umgebracht wurde, hier an?«

Die Frau sah ihn weiterhin fest an, aber ihre Pupillen verengten sich. »Es war niemand hier.«

»Doch, es war jemand hier, Mrs. Platz.«, sagte Vance ruhig und sicher. »Um welche Zeit kam sie?«

»Ich sage Ihnen doch, daß niemand hier war«, beharrte sie.

Vance zündete sich langsam und umständlich eine Zigarette an, ohne sie aus den Augen zu lassen. Er rauchte behutsam, bis sie die Augen niederschlug. Dann trat er näher an sie heran und sagte fest: »Wenn Sie uns die Wahrheit erzählen, wird Ihnen nichts passieren. Aber wenn Sie uns irgendwelche Informationen vorenthalten, werden Sie Schwierigkeiten bekommen. Das Zurückhalten von Informationen oder Beweisen ist ein Verbrechen, wissen Sie, und das Gesetz macht keine Ausnahme.« Er warf Markham einen kurzen Blick zu, der dem Verhör mit Interesse folgte.

Der Frau war es jetzt nicht mehr sehr wohl in ihrer Haut. Ihr Atem wurde schneller. »In Gottes Namen, ich schwöre, daß niemand hier gewesen ist.«

»Wollen wir doch nicht gleich die Götter bemühen«, schlug Vance vor. »Zu welcher Zeit war die Dame hier?«

Sie schob trotzig die Lippen vor, und eine volle Minute lang herrschte Schweigen im Salon. Vance rauchte ruhig, aber Markham hielt seine Zigarre bewegungslos zwischen Daumen und Zeigefinger.

Wieder fragte Vance mit beinahe gelangweilter Stimme: »Zu welcher Zeit genau war sie hier?«

Die Frau rang die Hände und stieß den Kopf nach vorn: »Ich sage Ihnen doch ... ich schwöre ...«

»Muß der Staatsanwalt sich bemühen, für Sie einen Platz im Untersuchungsgefängnis zu bekommen?«

»Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt!« wiederholte sie.

Vance drückte betont langsam seine Zigarette in dem Tischaschenbecher aus. »Also gut, Mrs. Platz. Nachdem Sie sich weigern, mir von der jungen Dame zu erzählen, die an jenem Nachmittag hier war, werde ich Ihnen von ihr erzählen.«

Die Frau beobachtete ihn voller Mißtrauen, und er gab sich so zynisch wie meistens. »Spätnachmittags, als Ihr Arbeitgeber erschossen wurde, läutete die Hausglocke. Vielleicht hatte Mr. Benson Sie informiert, daß er jemanden erwarte. Jedenfalls öffneten Sie und ließen eine charmante junge Dame ein. Sie führten sie in diesen Raum, und – was meinen Sie, meine Gute –, sie setzte sich in eben den Sessel, in dem Sie jetzt sitzen und sich so gar nicht wohlfühlen.« Er schwieg einen Moment und lächelte böse.

»Und dann«, fuhr er fort, »servierten Sie der jungen Dame und Mr. Benson den Tee. Nach einer Weile ging sie wieder, und Mr. Benson ging nach oben, um sich für das Abendessen umzukleiden. Sie sehen, Mrs. Platz, ich weiß alles.« Er zündete sich eine neue Zigarette an. »Erinnern Sie sich an etwas Besonderes bei der jungen Dame? Falls nicht, werde ich sie Ihnen beschreiben. Sie war ziemlich klein, sie hatte dunkles Haar und dunkle Augen und war sehr schlicht und geschmackvoll gekleidet.«

Auf einmal veränderte die Frau ihre Haltung. Ihre Wangen waren aschgrau, und sie starrte Vance fassungslos an; ihr Atem ging so schnell und laut, daß wir ihn hörten.

»Also, Mrs. Platz«, sagte Vance schärfer, »was haben Sie dazu zu sagen?«

Sie atmete tief. »Es war niemand da«, murmelte sie. Fast war ihre Beständigkeit zu bewundern.

Vance überlegte eine Weile. »Ihre Haltung ist verständlich«, bemerkte er schließlich. »Sie kannten die junge Dame sehr gut und Sie hatten gewiß Gründe dafür, daß keiner erfuhr, daß sie hier war.«

Bei diesen Worten setzte sie sich steil auf und starrte Vance voller Angst an. »Ich habe sie niemals vorher gesehen!« rief sie aus; dann hielt sie abrupt inne.

»Ah!« rief Vance und lächelte sie spöttisch an. »Sie haben die junge Dame also niemals vorher gesehen – na und? Das ist durchaus möglich – aber es ist unwichtig. Sie ist ein nettes Mädchen, da bin ich sicher – selbst wenn sie mit Mr. Benson eine Tasse Tee in seinem Haus getrunken hat.«

»Hat sie Ihnen gesagt, daß sie hier war?« In der Stimme der Frau drückte sich aus, daß der Widerstand gebrochen war. Apathisch saß sie da.

»Nicht direkt«, antwortete Vance. »Aber das war auch nicht notwendig. Ich wußte auch so Bescheid. Aber wann ist sie nun angekommen, Mrs. Platz?«

»Ungefähr eine halbe Stunde später, nachdem Mr. Benson aus dem Büro gekommen war. Aber er hat sie nicht erwartet, das heißt, mir jedenfalls hat er nicht gesagt, daß sie kommen würde; und den Tee hat er erst bestellt, als sie schon da war.«

Markham beugte sich vor: »Warum haben Sie nicht schon gestern morgen gesagt, daß die Dame hier gewesen ist, als ich Sie danach fragte?«

Die Frau schwieg und sah sich unruhig um.

»Ich könnte mir vorstellen«, sagte Vance freundlich, »daß Mrs. Platz befürchtete, du könntest diese junge Dame völlig zu Unrecht verdächtigen.«

Sie nahm seine Worte gierig auf. »Ja, Sir, ja, so war es. Ich hatte Angst, daß Sie denken könnten, sie – hätte es getan. Und dabei war sie doch so ein ruhiges, süß aussehendes Mädchen. Das war der einzige Grund, Sir.«

»Genau«, sagte Vance beruhigend. »Aber sagen Sie einmal, hat es Sie nicht erschreckt, zu sehen, daß eine so nette, gutaussehende junge Dame raucht?«

hier folgen 3 Varianten einer Antwort auf den vorigen Absatz:

Variante a:

Ihre Angst wandelte sich in Erstaunen. »Ja, Sir, tatsächlich. Aber sie war kein schlechtes Mädchen – das sah ich gleich. Und die meisten Mädchen rauchen. Da ist heute nichts mehr dabei.«

 

Variante b:

Ihre Angst wandelte sich in Erstaunen. »Ja, Sir, tatsächlich. Aber trotzdem sollten diese jungen Damen ihre Zigarettenkippen nicht in anderer Leute Kamine werfen, nicht wahr?«

Variante c:

Die Frau sah ihn unsicher an. Sie fürchtete, daß er nicht ernsthaft sei. »Hat sie das getan?« Sie beugte sich vor und sah in den Kamin. »Ich habe gestern keine Kippen gefunden.«

wie der folgende Absatz zeigt, dürften Varianten a und b verworfen worden sein. joe_ebc

 

»Nein, das konnten Sie auch nicht«, erklärte ihr Vance. »Einer der Assistenten des Staatsanwalts hat gestern früh alles fein sauber gemacht.«

Sie warf Markham einen fragenden Blick zu. Wieder wußte sie nicht, ob Vances Bemerkung ernst zu nehmen sei oder nicht; aber seine ruhige Stimme und Art bewirkten, daß sie sich entspannte.

»So, jetzt verstehen wir einander doch schon besser, Mrs. Platz, nicht wahr?« sagte Vance vorausschickend, »nun erzählen Sie mir doch bitte, ob Ihnen sonst noch etwas Besonderes aufgefallen ist in der Zeit, als die junge Dame hier war. Sie würden ihr einen guten Dienst erweisen, wenn Sie uns das sagen würden, weil nämlich der Staatsanwalt und ich wissen, daß sie unschuldig ist.«

Sie warf Vance einen langen, kritischen Blick zu. Offensichtlich war das Ergebnis ihrer Überlegungen positiv, denn ihre Antwort ließ keinen Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit. »Ich weiß nicht, ob es Ihnen helfen wird, aber als ich mit dem Toast hereinkam, sah Mr. Benson aus, als hätte er mit der jungen Dame gestritten. Sie schien sich Sorgen zu machen über etwas, was geschehen könnte, und sie bat ihn, sie nicht an ein Versprechen gebunden zu halten, das sie einmal gegeben hatte. Ich war kaum eine Minute in dem Raum, und deshalb hörte ich nicht viel. Aber gerade als ich das Zimmer verließ, lachte er und sagte, alles sei nur ein Bluff gewesen, und es würde nichts passieren.« Sie hielt inne und wartete gespannt.

»War das alles?« fragte Vance.

Die Frau zögerte. »Mehr habe ich nicht gehört – aber da lag ein kleines Schmuckkästchen auf dem Tisch.«

»Na, wunderbar – ein Schmuckkästchen! Wissen Sie, wem es gehörte?«

»Nein Sir, das weiß ich nicht. Die Dame hat es jedenfalls nicht mitgebracht, und ich habe es niemals vorher irgendwo im Haus gesehen.«

»Woher wußten Sie, daß Schmuck darin war?«

»Als Mr. Benson nach oben ging, um sich für den Abend umzukleiden, bin ich hereingekommen, um das Teegeschirr abzuräumen, und da stand das Kästchen immer noch auf dem Tisch.«

Vance lächelte. »Und da haben Sie schnell einen Blick hineingeworfen, nicht wahr? Verständlich – ich hätte auch nicht anders reagiert.«

Er trat einen Schritt zurück und verbeugte sich höflich. »Das war's dann, Mrs. Platz. Und über die junge Dame brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Es wird ihr nichts geschehen.«

Als sie das Zimmer verlassen hatte, beugte Markham sich vor und fuhr mit seiner Zigarrenspitze auf Vance los. »Warum hast du mir nicht gesagt, daß du Beweise in unserem Fall hast, von denen ich noch nichts weiß?«

»Mein lieber Freund«, sagte Vance und zog die linke Augenbraue in die Höhe, »worauf spielst du an?«

»Woher wußtest du, daß diese St. Clair an diesem Nachmittag hier im Raum war?«

»Wußte ich gar nicht; ich habe es nur vermutet. Da waren einmal ihre Zigarettenkippen im Kamin; und als ich wußte, daß sie nicht hier war, als Benson erschossen wurde, nahm ich an, daß sie irgendwann am späten Nachmittag hier gewesen sein mußte. Und da Benson nicht vor vier Uhr nachmittags aus seinem Büro nach Hause zu kommen pflegt, flüsterte mir eine kleine Stimme ins Ohr, daß sie irgendwann zwischen sechzehn Uhr und dem Augenblick, wo sie zum Abendessen ausgingen, gekommen sein mußte. Eine ganz einfache Überlegung, nicht wahr?«

»Woher willst du wissen, daß sie nicht während der Nacht hier war?«

»Die psychologischen Aspekte dieses Verbrechens ließen darüber keinen Zweifel zu. Wie ich dir schon sagte, hat es keine Frau getan. Denn ich stand gestern morgen an der Stelle, von der aus der Schuß abgefeuert wurde. Da wanderte mein Auge entlang der Schußlinie, indem ich Bensons Kopf und den Einschuß in die Holzvertäfelung als Orientierungspunkte nahm. Da wurde mir selbst ohne Vermessung klar, daß der Mörder ziemlich groß sein muß.«

»Nun gut, aber woher wußtest du, daß sie an diesem Nachmittag vor Benson das Haus verlassen hat?«

»Wie sonst hätte sie sich für den Abend umkleiden sollen? Weißt du, Damen laufen wirklich nicht schon am Nachmittag mit großen Abendkleidern herum.«

»Du nimmst also an, daß Benson selbst ihre Abendhandschuhe und Handtasche mit hierher zurückgebracht hat?«

»Irgend jemand war es – aber Miß St. Clair war es ganz bestimmt nicht.«

»Auch gut«, gab Markham zu, »und was ist mit diesem Sessel am Kamin? Woher wußtest du, daß sie darin Platz genommen hatte?«

»In welchem anderen Sessel hätte sie wohl sitzen sollen, wenn sie ihre Zigarettenkippen in den Kamin warf? Frauen treffen schlecht und können ganz sicher ihre Kippen nicht quer durch den Raum werfen.«

»Einverstanden«, sagte Markham. »Aber jetzt erzähle mir doch noch, woher du wußtest, daß sie hier zusammen mit ihm Tee getrunken hat?«

»Das zu erklären, schäme ich mich wirklich. Aber die nackte Wahrheit ist, daß ich diese Information vom Samowar habe. Gestern bemerkte ich, daß er gebraucht worden ist, denn er war noch nicht gereinigt und geleert worden.«

Markham nickte zufrieden. »Du scheinst doch auf das von dir so verachtete Niveau der materiellen Hinweise herabgesunken zu sein.«

»Deshalb schäme ich mich ja so furchtbar, aber psychologische Schlußfolgerungen allein genügen nicht, um den Tatsachen auf den Grund zu kommen. Auch die Gegebenheiten müssen beachtet werden. Im vorliegenden Fall diente der Hinweis aus dem Samowar nur als Grundlage für eine solche Schlußfolgerung, wie ich sie aus der Haushälterin herausbekommen habe.«

»Nun, ich kann nicht bestreiten, daß du Erfolg hattest«, sagte Markham. »Jetzt hätte ich nur gern noch gewußt, was dir durch den Kopf ging, als du der armen Frau unterstelltest, ein persönliches Interesse an dem Mädchen zu haben?«

Vances Gesicht wurde ernst. »Markham, ich gebe dir mein Wort«, begann er ruhig, »mir ging überhaupt nichts durch den Kopf. Ich sagte das und dachte, es sei falsch. Eigentlich wollte ich sie nur in einer Widersprüchlichkeit fangen. Und sie ging in diese Falle, nur eben ganz anders. Denn – zum Teufel nochmal – ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, nicht wahr? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, warum sie so große Angst hatte. Aber das ist auch nicht so wichtig.«

»Vielleicht nicht«, murmelte Markham. »Was hältst du von dem Schmuckkästchen und dem Streit zwischen Benson und dem Mädchen?«

»Bisher noch nichts. Sie passen irgendwie nicht ins Bild, nicht wahr? Jedenfalls mußt du aber zugeben, daß ich durch die Aufklärung der Sache mit den Zigarettenkippen Miß St. Clair sozusagen als Verdachtsperson ausgeschieden habe, oder?«

Markham antwortete nicht sofort. Zweifellos hatte ihn die Entwicklung der letzten beiden Stunden sehr beeindruckt. »Du hast In den letzten beiden Stunden viel Klarheit geschaffen«, sagte er schließlich, »und ich bin bereit, das demütig anzuerkennen. Danke.«

Vance ging zum Fenster und sah hinaus. »Ich freue mich zu erfahren, daß du in der Lage bist, ungewöhnliche Beweisführungen anzuerkennen.«

Markham ignorierte die ironische Herausforderung von Vance. »Hast du vielleicht ein paar Vorschläge anzubieten, wer darin der Mörder sein könnte?« fragte er.

»Ziemlich viele!« sagte Vance.

»Könntest du mir einen besonders guten Vorschlag machen?« ging Markham auf den spielerischen Tonfall von Vance ein.

Vance schien nachzudenken. »Nun, ich würde mit einem ziemlich großen Mann anfangen, ein kühler Kopf, einer, der ausgezeichnet mit Waffen umgehen kann und recht gut mit unserem teueren Verblichenen bekannt war – ein Mann, der wußte, daß Benson an diesem Abend zusammen mit Miß St. Clair zu Abend essen würde, oder der doch mindestens Grund genug hatte, dies zu vermuten.«

Markham sah Vance einige Augenblicke aus zusammengekniffenen Augen an. »Ich glaube, ich verstehe. Wirklich keine schlechte Theorie. Weißt du, ich werde Heath sofort vorschlagen, sich gründlicher damit zu beschäftigen, was Captain Leacock in dieser Nacht getan hat.«

»Ja, das solltest du tun«, sagte Vance und ging zum Piano. Markham schaute ihm fragend nach. Gerade wollte er etwas fragen, als Vance anfing, ein französisches Lied zu spielen.

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