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Mordakte Benson

S. S. van Dine: Mordakte Benson - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleMordakte Benson
publisherWilhelm Heyne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151224
projectid3493274e
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9. Die Größe des Mörders

Samstag, 15. Juni, 17 Uhr

Als wir vor Bensons Haus ankamen, lehnte ein uniformierter Polizist verträumt am Gitter des Vorgartens. Als er uns bemerkte, grüßte er stramm. Er beobachtete Vance und mich hoffnungsvoll, denn er betrachtete uns zweifellos als zwei Verdächtige, die an den Tatort gebracht wurden, um vom Staatsanwalt verhört zu werden. Ein Mann aus dem Morddezernat öffnete uns; er war damals bei der ersten Spurensicherung bereits im Haus gewesen. Markham nickte ihm zu. »Geht alles voran?« fragte er.

»Selbstverständlich«, antwortete der Mann ruhig. »Die alte Dame ist so pingelig wie eine Katze – und eine ausgezeichnete Köchin.«

»Wir wollen für eine Weile allein sein, Snitkin«, sagte Markham, während wir in den Salon gingen.

Der Salon hatte sich kaum verändert, nur war er gut aufgeräumt worden. Die Jalousien waren heraufgezogen, und die Sonne des Spätnachmittags flutete in das Zimmer.

Vance sah sich um und schauderte: »Ich hätte fast Lust, wieder umzukehren«, bemerkte er. »Was der Innenarchitekt in diesem Raum getan hat, grenzt an Mord.«

»Mein lieber Ästhet«, drängte Markham ungeduldig, »sei doch so nett und begrabe deine künstlerischen Vorurteile, damit wir endlich zu deinem eigentlichen Problem kommen. »Natürlich«, setzte er mit einem zynischen Lächeln hinzu, »wenn du Angst vor dem Ergebnis hast, darfst du noch immer einen Rückzieher machen, so daß deine charmanten Theorien in ihrem jungfräulichen Zustand verbleiben.«

»Um zuzulassen, daß du ein unschuldiges Mädchen auf den elektrischen Stuhl bringst?« rief Vance mit gespielter Entrüstung.

Markham knirschte mit den Zähnen und sah Vance blitzend an. »Langsam fange ich an zu denken, daß vielleicht doch etwas an deiner Theorie ist, daß ein jeder Mensch einige Motive dafür hat, andere umzubringen.«

Vance ging zur Tür und rief Snitkin: »Sagen Sie, würde es Ihnen etwas ausmachen, zu Mrs. Platz zu gehen und sich von ihr ein Bandmaß und einen Knäuel Bindfaden auszuleihen? Der Staatsanwalt braucht sie«, setzte er hinzu, indem er sich ein wenig spöttisch in Markhams Richtung verbeugte.

»Ich darf wohl nicht hoffen, daß du dich aufhängst, oder?« fragte Markham.

Die Tür öffnete sich, und der Detektiv brachte Vance das Bandmaß und den Bindfaden.

Vance beugte sich über den Teppich und schob den großen Schaukelstuhl in genau die Position, in der er stand, als Benson darin erschossen wurde. Die Stelle war leicht zu finden, denn die Beine des Stuhls hatten sich auf dem tiefen Teppich leicht erkennbar eingegraben. Dann fädelte er den Bindfaden durch das Geschoßloch in der Lehne des Sessels und bat mich, das eine Ende des Bindfadens gegen die Stelle zu halten, an der die Kugel in die Holzvertäfelung eingedrungen war. Als nächstes nahm er das Maßband und maß an dem Bindfaden entlang eine Entfernung von fünf Fuß und sechs Inches, indem er dort anfing, wo Bensons Stirn gewesen sein mußte, als er in dem Sessel saß. Er machte einen Knoten in den Bindfaden, um die Entfernung festzuhalten, dann zog er den Bindfaden stramm. Jetzt ergab sich eine gerade Linie von der Stelle in der Holzvertäfelung durch das Loch in der Sessellehne zu einem Punkt, der fünf Fuß und sechs Inches entfernt vor Bensons Kopf lag.

»An diesem Punkt des Bindfadens«, erklärte er, »ist jetzt genau die Stelle, an der sich der Revolverlauf befand, der Bensons Karriere ein Ende gemacht hat. Du verstehst mich doch, oder? Wenn man zwei gegebene Punkte in der Schußlinie einer Kugel hat – nämlich das Loch in dem Sessel und der Punkt in der Holztäfelung –, und wenn man dazu noch die ungefähre vertikale Linie der Explosion weiß – und die war zwischen fünf und sechs Fuß entfernt von der Stirn des Herrn –, braucht man nur noch die gerade Linie des Geschosses mit der vertikalen Linie der Explosion in Einklang zu bringen, um den genauen Punkt, von dem der Schuß losging, berechnen zu können.«

»Theoretisch sehr hübsch«, kommentierte Markham, »aber warum du dir so große Mühe machst, um diesen Punkt festzustellen, kann ich mir nicht vorstellen. Es spielt zwar keine Rolle, aber du hast die Möglichkeit eines Querschlägers nicht in Betracht gezogen.«

»Entschuldige, wenn ich dir widersprechen muß«, sagte Vance, »aber gestern habe ich mich mit Captain Hagedorn unterhalten und habe erfahren, daß die Kugel in keiner Weise verformt war. Hagedorn hatte die Wunde bereits untersucht, bevor wir kamen; und er war sich über diesen Punkt absolut sicher: erstens hat die Kugel den Knochen von vorn in einem solchen Winkel getroffen, daß ein Abprallen praktisch unmöglich war, selbst wenn die Pistole ein kleineres Kaliber gehabt hätte, und zweitens hatte die Pistole, mit der Benson erschossen wurde, Kaliber fünfundvierzig und die Mündung des Laufes daher so groß, daß das Geschoß eine gerade Flugbahn haben mußte, selbst wenn es aus größerer Entfernung abgefeuert worden wäre.«

»Und wie«, fragte Markham, »konnte Hagedorn wissen, welche Geschwindigkeit das Geschoß hatte?«

»Dieser Punkt hat mich auch interessiert«, antwortete Vance. »Er erklärte mir, daß die Größe und Art des Geschosses sowie die Hülse desselben für dieses Wissen genügten. Daher wußte er auch, daß die Waffe ein automatischer Armeecolt war – ich glaube, er nannte es einen U. S. Regierungscolt – und kein gewöhnlicher automatischer Colt. Das Gewicht der Geschosse aus diesen beiden Waffen unterscheidet sich leicht. Hagedorn hat wahrscheinlich auf Anhieb den Unterschied festgestellt. Jedenfalls konnte er mir mit Sicherheit sagen, daß es sich um eine Kugel aus einem automatischen fünfundvierziger Armeecolt handelte.«

»Dieses Thema ist nicht gerade faszinierend«, sagte Markham gequält. »Also nehmen wir ruhig mal an, du hättest jetzt den genauen Punkt, von dem aus der Revolver abgeschossen wurde, herausgefunden. Wie geht's jetzt weiter?«

»Während ich hier den Bindfaden ganz gerade halte«, sagte Vance, »sei du doch so gut und miß die genaue Entfernung vom Fußboden bis zum Knoten. Dann wirst du mein Geheimnis kennenlernen.«

»Das finde ich ebenfalls nicht gerade faszinierend«, protestierte Markham.

Trotzdem führte er den Auftrag von Vance aus und maß. »Vier Fuß und achteinhalb Inches«, verkündete er gelangweilt.

Vance legte eine Zigarette auf den Teppich, und zwar genau unter den Knoten. »Jetzt wissen wir auch die genaue Höhe, aus welcher der Schuß abgefeuert wurde. Du verstehst schon, wie ich zu dieser Schlußfolgerung komme, nehme ich an.«

»Es sieht ganz logisch aus«, antwortete Markham.

Wieder ging Vance zur Tür und rief nach Snitkin. »Der Staatsanwalt möchte sich für einen Augenblick Ihre Dienstpistole ausleihen«, sagte er. »Er möchte einen Test machen.«

Snitkin ging zu Markham und händigte ihm verwundert seine Pistole aus. »Sie ist gesichert, Sir; soll ich sie entsichern?«

Markham wollte die Waffe gerade zurückweisen, als Vance sich einmischte. »Das ist schon in Ordnung so. Mr. Markham hat nicht die Absicht, die Waffe abzufeuern – das hoffe ich wenigstens.

Als der Mann wieder gegangen war, setzte sich Vance in Bensons Schaukelstuhl und brachte seinen Kopf genau vor die Durchschußstelle in der Sessellehne. »Und jetzt, Markham,« forderte er diesen auf, »würdest du dich bitte genau an die Stelle stellen, wo der Mörder Bensons gestanden haben muß; und halte die Waffe genau über die Zigarette am Boden; und dann zielst du auf meine linke Schläfe. Aber sei vorsichtig«, setzte er verbindlich lächelnd hinzu, »daß du nicht aus Versehen abdrückst, sonst erfährst du nämlich nie, wer Benson umgebracht hat.«

Zögernd gehorchte Markham. Als er in der angegebenen Position dastand, forderte Vance mich auf, die Höhe des Pistolenlaufes über dem Fußboden zu messen. Es waren vier Fuß und neun Inches.

»Genau«, sagte er und erhob sich. »Siehst du, Markham, du bist fünf Fuß und elf Inches groß, deshalb muß der Mann, der Benson erschossen hat, so ziemlich deine Größe haben – jedenfalls nicht unter fünf Fuß zehn. Das ist doch ganz einleuchtend, oder?«

Seine Demonstration war einfach und klar gewesen. Markham war sichtlich beeindruckt; er war ernst geworden. Er sah Vance einen Augenblick lang an, runzelte die Stirn und sagte dann: »Das ist alles schön und gut, aber derjenige, der den Schuß abgefeuert hat, kann doch zum Beispiel die Pistole um einiges höher gehalten haben als ich.«

»Nicht sehr wahrscheinlich«, antwortete Vance. »Ich habe selbst oft genug geschossen, um folgendes zu wissen: Wenn ein guter Schütze mit einer kleinkalibrigen Pistole auf ein kleines Ziel anlegt, dann tut er das mit steif ausgestrecktem Arm und leicht erhobener Schulter; nämlich um sein Ziel, die Waffe und seine Augen auf eine gerade Linie zu bringen. Die Höhe, also, in der er den Revolver hält, läßt ziemlich klare Schlüsse auf seine Körpergröße zu.«

»Deine Behauptungen basieren auf der Annahme, daß der Schütze, der Benson umbrachte, ein Fachmann auf diesem Gebiet war?«

»Das ist keine Behauptung, sondern eine Tatsache«, erklärte Vance. »Überlege doch mal: wenn dieser Mann nicht ein ausgezeichneter Schütze gewesen wäre, hätte er sich doch aus dieser Entfernung, nämlich fünf oder sechs Fuß, ein anderes, größeres Ziel gesucht als die Stirn, nämlich zum Beispiel den Brustkorb. Außerdem, wenn er auf die Brust gezielt hätte, hätte er ganz sicher mehr als nur einen Schuß abgegeben, nämlich drei oder vier.

»Ich will zugeben, daß deine Theorie auf den ersten Blick ganz einleuchtend erscheint«, entgegnete Markham. »Andererseits könnte unser Mann fast jede Größe über fünf Fuß zehn haben; denn der Schuldige könnte sich auch vorbeugen.«

»Sicher«, gab Vance zu. »Aber vergiß nicht, daß die Haltung des Mörders in diesem Augenblick völlig normal war. Sonst hätte er unweigerlich Bensons Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dann wäre der Tod nicht so völlig unerwartet auf ihn zugekommen. Daß er unerwartet erschossen wurde, ließ sich aus seiner entspannten Haltung ablesen. Natürlich kann sich unser Mann ein wenig vorgebeugt haben, ohne damit gleich Bensons Aufmerksamkeit zu erregen. Sagen wir deshalb ruhig mal, unser Mann war zwischen fünf Fuß zehn und sechs Fuß zwei Inches groß. Bist du einverstanden?«

Markham schwieg.

»Unsere entzückende Miß St. Clair, weißt du«, bemerkte Vance lächelnd, »kann unmöglich größer als fünf Fuß fünf oder sechs groß sein.«

Markham grunzte und rauchte gedankenvoll weiter.

»Dieser Captain Leacock ist, soweit ich verstanden habe, über sechs Fuß groß, oder?« fragte Vance.

Markhams Augen verengten sich. »Wie kommst du darauf?«

»Du selbst hast mir das gerade erzählt.

»Ich – dir?«

»Nicht mit so vielen Worten freilich«, gab Vance zu, »aber nachdem ich die ungefähre Größe des Schuldigen erklärt habe, und diese nicht mit der Größe unserer jungen Dame übereinstimmt, die du ja immer noch im Verdacht hast, wußte ich, daß dein wacher Kopf sich sofort damit beschäftigte, und sich nach anderen Möglichkeiten umsah. Und ich nahm an, daß du sofort an den Captain dachtest. Wenn er also unsere errechnete Größe gehabt hätte, hättest du nichts gesagt; aber als du den Einwand machtest, daß sich der Mörder vielleicht auch vorgebeugt haben könnte, um den Schuß abzufeuern, schloß ich daraus, daß der Captain ausnehmend groß sei. Deshalb, als von dir nur noch nachdenkliches Schweigen kam, mein Lieber, hielt dein Geist eine nette Unterhaltung mit dem meinigen und sagte mir, daß dieser Herr nicht unter sechs Fuß sein kann.«

»Ich sehe, daß du auch noch Gedankenlesen kannst«, sagte Markham. Er klang irritiert, und das lag daran, daß er sich zögernd von einer vorgefaßten Meinung lösen mußte.

»Du stellst doch sicherlich nicht meine Demonstration über die Größe der schuldigen Person in Frage?« fragte Vance.

»Nicht unbedingt«, antwortete Markham. »Aber ich frage mich, warum Hagedorn das alles nicht herausgefunden hat, wenn es so einfach ist.«

»Anaxagoras sagte, daß diejenigen, die die Gelegenheit haben, sich eine Lampe zu beschaffen, diese mit Öl versorgen. Ein richtiger Einwand, Markham. Einige dieser harmlosen Aussprüche enthalten unter Umständen eine Menge Wahrheit. Denn eine Lampe ohne Öl ist sinnlos. Die Polizei hat immer viele Lampen, aber oft kein Öl. Deshalb findet die Polizei nie etwas, außer im grellen Tageslicht.«

Markhams Gedanken liefen schon wieder in eine andere Richtung. Er erhob sich und fing an, auf- und abzugehen. »Bis jetzt war mir der Gedanke an Captain Leacock als Hauptfigur in unserem Mordfall noch gar nicht eingefallen.«

»Und warum hast du an ihn noch nicht gedacht? Etwa weil einer deiner Spürhunde berichtet hat, daß er um die fragliche Zeit ganz brav zu Hause war?«

»Ich glaube schon«, sagte Markham und wanderte weiter gedankenvoll auf und ab. Plötzlich wirbelte er herum. »Nein, das war es auch nicht. Sondern es war die überwältigende Zahl von Hinweisen, die in Richtung dieser St. Clair wiesen. Und, mein lieber Vance, trotz deiner eindrucksvollen Demonstrationen eben hier, hast du doch kein einziges dieser Beweisstücke entkräften können.«

»Ach Gott!« seufzte Vance. »Du bist schon ein schwieriger Patient. Aber vielleicht sollte ich mal etwas Licht auf diese beunruhigenden Zigarettenkippen werfen.«

Wieder ging er zur Tür, rief Snitkin und gab ihm die Pistole zurück. »Der Staatsanwalt dankt Ihnen«, sagte er. »Und würden Sie so gut sein und diese Mrs. Platz zu uns hereinschicken. Wir würden gern ein wenig mit ihr plaudern.«

Er kam in den Raum zurück und lächelte Markham freundlich zu.

»Ich möchte alle Fragen selbst an diese Frau stellen, wenn du einverstanden bist. Es gibt da einige Möglichkeiten, die du vollkommen übersehen hast, als du sie gestern verhörtest.«

Markham war interessiert, wenn auch sehr skeptisch. »Du hast freie Bahn«, sagte er.

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