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Moralische Gedichte

Christian Fürchtegott Gellert: Moralische Gedichte - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleGellerts Dichtungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1891
firstpub1891
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
titleMoralische Gedichte
pages193-222
created20170805
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Freundschaft.

            Sei ohne Freund; wieviel verliert dein Leben!
Wer wird dir Trost und Mut im Unglück geben
Und dich vertraut im Glück erfreun?
Wer wird mit dir dein Glück und Unglück teilen,
Dir, wenn du rufst, mit Rat entgegeneilen
Und, wenn du fehlst, dein Warner sein?

Spricht nicht: Wo sind der Freundschaft seltne Früchte?
Wer hält den Bund, den ich mit ihm errichte?
Wer fühlt den Trieb, den ich empfand?
O, klage nicht! Es gibt noch edle Seelen.
Doch sehn wir auch, wenn wir uns Freunde wählen,
Genug auf Tugend und Verstand?

Aus Eitelkeit für jenen sich erklären,
Weil er vielleicht begehrt, wie wir begehren,
Und weil sein Umgang uns gefällt,
Das Herz ihm weihn, noch eh' wir seines kennen,
Aus Eigennutz ihm unsre Zeit vergönnen:
Dies ist nicht Freundschaft, dies ist Welt.

Um einen Freund von edler Art zu finden,
Mußt du zuerst das Edle selbst empfinden,
Das dich der Liebe würdig macht. 218
Hast du Verdienst, ein Herz voll wahrer Güte
So sorge nichts: ein ähnliches Gemüte
Läßt deinen Wert nicht aus der Acht.

Du mußt für dich und die empfangnen Gaben
Erst Sorgfalt g'nug, g'nug Ehrerbietung haben
Und deinem Herzen nichts verzeihn.
Du mußt dich oft, ohn' Eigennutz zu dienen,
Du mußt dich stets gerecht zu sein erkühnen
Und, daß es andre sind, dich freun.

Ein Herz, das nie sich selbst mit Ernst bekämpfet,
Nie Stolz und Neid und Eigensinn gedämpfet,
Liebt dieses Herz wohl dauerhaft?
Wie bald wird's nicht durch kleine Fäll' ermüden!
Es fühlet sich und stört der Freundschaft Frieden
Durch ungezähmte Leidenschaft.

Hast du das Herz, mit dem du dich verbunden,
Dem deinen gleich, der Liebe wert gefunden,
So thue, was die Weisheit spricht.
Sie heißt in ihm dich jede Tugend ehren,
Wie sehr du liebst, durch Thaten ihn belehren,
Und macht sein Glück zu deiner Pflicht.

Sie legt dir auf, sein Gutes nachzuahmen.
Du ahmst es nach, und du belebst den Samen
Der Eintracht und der Zärtlichkeit.
Du sorgst mit Lust für deines Freundes Ruhe,
Er, ob er g'nug, dich zu verdienen, thue;
Und eure Treu' wächst durch die Zeit.

Dein Freund, ein Mensch, wird seine Fehler haben;
Du duldest sie bei seinen größern Gaben
Und milderst sie mit sanfter Hand.
Sein gutes Herz bedient sich gleicher Rechte,
Begeistert deins, wenn's minder rühmlich dächte,
Und sein Verstand wird dein Verstand.

Wenn, ungewiß bei meiner Pflicht, ich wanke,
Wie stärkt mich oft der selige Gedanke:
Was thät' Arist bei dieser Pflicht? 219
Verfahre so, als wär' er selbst zugegen!
So gibt ein Blick auf ihn mir ein Vermögen;
Und der erst wankte, wankt itzt nicht.

Ein gleicher Zweck, des Geistes höchste Freude,
Der Weisheit Glück, vereint und führt uns beide;
Denn ich und er sind beid' ihr Freund.
Ein gleiches Gut, das höchste Gut der Erden,
Der Tugend Glück, läßt uns zufriedner werden;
Denn nur für sie sind wir vereint.

Ich eile froh, sein Glück ihm zu versüßen;
Doch, daß ich's that, soll er nicht immer wissen;
Mein Herz belohnt mich schon dafür.
Und wenn ich ihm vor seinen Augen diene,
Entzieh' ich doch dem Dienst des Dienstes Miene,
Als nützt' ich minder ihm denn mir.

Teilt er mit mir die Last der größern Sorgen,
So bleibt von mir die kleinst' ihm nicht verborgen
Und schwindet in Vertraulichkeit.
Kaum klag' ich's ihm, was mich im stillen drücket,
So hat sein Blick oft schon mein Herz erquicket,
Eh' mich sein Mund mit Trost erfreut.

Entfernt von ihm wird mir ein Glück zu Teile;
Und wenn im Geist ich's ihm zu sagen eile,
Wird mir dies Glück gedoppelt süß.
Entfernt von ihm drohn mir des Unglücks Pfeile;
Und wenn im Geist ich's ihm zu klagen eile,
So fühl' ich minder Kümmernis.

Wenn wir vertraut mit aufgewecktem Herzen
Nach reifem Ernst die Stund' uns froh verscherzen,
So bildet der Geschmack den Scherz.
Den Witz, den Geist, die uns itzt scherzen lehren,
Beseelt die Lieb'; und daß wir uns verehren,
Vergißt auch nie das muntre Herz.

Sollt' je ein Zwist der Freundschaft Ruhe kränken,
Sollt' übereilt ich ihr zum Nachteil denken
Und meinem Freund ein Anstoß sein, 220
So eil' ich schon, den Fehler zu gestehen.
War's klein von mir, ihn hitzig zu begehen,
So ist es groß, ihn zu bereun.

Mensch, lerne doch dein Leben dir versüßen
Und laß dein Herz von Freundschaft überfließen,
Der süßen Quelle für den Geist!
Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten;
Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten
Erquickend durch die Seel' ergeußt.

Dort werd' ich erst die reinste Freundschaft schätzen
Und bei dem Glück, sie ewig fortzusetzen,
Ihr heilig Recht verklärt verstehn.
Dort werd' ich erst ihr ganzes Heil erfahren,
Mich ewig freun, daß wir so glücklich waren,
Fromm miteinander umzugehn.

 


 

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