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Moralische Gedichte

Christian Fürchtegott Gellert: Moralische Gedichte - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleGellerts Dichtungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1891
firstpub1891
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
titleMoralische Gedichte
pages193-222
created20170805
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Reichtum und Ehre.

                    Wie? leb' ich darum nur, daß ich mich lebend kränke?
So ist mein Leben selbst das schrecklichste Geschenke;
So wünscht' ich tausendmal, daß ich, von Einsicht leer,
Unedel wie das Tier, nicht wüßte, daß ich wär'.
Zufrieden will ich sein, gesichert vor den Schmerzen;
Dies wünscht und sucht mein Herz und mit ihm aller Herzen.
Allein wie still' ich ihn, den Trieb, der mich besiegt?
O, wär' ich reich und groß: so wär' ich wohl vergnügt.
Könnt' ich im Überfluß die Güter mir gewähren,
Wovon mich jedes rührt, was würd' ich mehr begehren? 199
Ja, Reichtum wünsch' ich mir. Doch hab' ich auch bedacht,
Ob das der Reichtum ist, wozu der Schein ihn macht?
Kann nicht, durch Wahn verführt, mein Herz für ihn entbrennen?
Ihr, die ihr ihn besitzt, lehrt seinen Wert mich kennen!

Cleant, der reichste Mann, wird der zufrieden sein,
So ruh' ich eher nicht, bis Schätze mich erfreun.
Ich geh' ihm heimlich nach. Er zählt und lacht im Zählen
Und eilt, was er gezählt, in Schlössern zu verhehlen.
Des Kastens Thüre knarrt, vor dem er schmachtend kniet;
Cleant erschrickt, springt auf und sieht sich um und sieht
Die Kammer zehnmal durch, greift zitternd auf das Bette,
Ob sich vielleicht der Dieb darin verborgen hätte.
Er findet nichts und geht, tiefsinnig geht er fort,
Mißtrauisch kehrt er schnell nach dem verlass'nen Ort
Und greift an jedes Schloß und reißt, um zu erfahren,
Ob sie verschlossen sind, wie sie verschlossen waren.
Cleant! Dich ruft dein Weib, der Tisch ist schon bereit.
Man bringt ein halbes Brot; er sieht es an und schreit:
»Wie? gestern schnitt ich's auf, und halb ist's schon verzehret?
Frau! Bettler werden wir, wenn das noch länger währet.«
Er ißt und schielt auf das, was er dem Weibe gab;
Es schmeckt der guten Frau: »Dies ist genug; deckt ab!«
Ein Mann, der mehr besitzt, als oft kein Prinz besessen,
Ißt sich nicht satt und läßt sein Weib nicht satt sich essen?
Nichtswürdiger Cleant, du solltest glücklich sein?
Du, deines Schatzes Knecht? Nein, er ist deine Pein.
Bestraf' mich nicht, o Gott, mit Schätzen dieser Erden,
Um ein Unseliger, um ein Cleant zu werden!

Ich eile vom Cleant zum glücklichern Lupin.
Er glänzt, und alles glänzt in seinem Haus um ihn;
Er führt mich selbst herum. Mehr kann man nicht erblicken.
Mehr Kunst und mehr Geschmack, ersonnen zum Entzücken.
Hier herrscht Bequemlichkeit, vereint mit kluger Pracht.
Was Künstlern witzig glückt, was Maler ewig macht,
Was seine Wollust heischt, dies lachte mir entgegen,
Und nichts gebrach an dem, was Menschen wünschen mögen.
»Wie glücklich«, fing ich an, »wie glücklich sind Sie nicht!«
Und eine Röte stieg Lupinen ins Gesicht. 200
»Was kann man«, fuhr ich fort, »noch mehr als dies begehren?« –
»Ich glücklich?« sprach Lupin, und schon entwischten Zähren,
»Mein Sohn ein Bösewicht, den ich nicht bessern kann,
Mein Weib, das mich nicht liebt – Ich unglücksel'ger Mann!
Was hilft mir mein Palast, was helfen Millionen?
Würd' ich dies Elend los, in Hütten wollt' ich wohnen.«

Alcest ist reich und jung, genießt, was er besitzt,
Und sorgt, man rühmt's ihm nach, daß es auch Freunden nützt.
Kein Geiz, kein Weib, kein Sohn stört ihn in seinen Freuden,
Kein Neid; wie könnte man den, der gerne gibt, beneiden?
Sein Haus ist eine Stadt und jeder Tag ein Fest.
Wenn niemand glücklich ist, so ist's vielleicht Alcest.
Itzt zeigt mir ihn mein Freund. O, welch ein blaß Gesichte!
Wie kraftlos geht der Mann! Sind dies des Fiebers Früchte?
Ja, siech zu sein, dies ist sein Unglück auf der Welt.
Noch siecher machen ihn die Ärzte für sein Geld.
»Ich kenn' ihn«, spricht mein Freund, »die Nacht ist seine Plage,
Und für die Qual der Nacht rächt sich Alcest bei Tage.
Er suchet Freund' und Welt, Zerstreuung, Spiel und Scherz;
Doch weder Freund noch Lust dringt in sein mattes Herz.
Sein Tisch ist reich besetzt, sein Wein ist stets der beste;
Doch beides, Tisch und Wein, vergnügt nur seine Gäste.
Alcest ist mißvergnügt und will es doch nicht sein.
Er ißt, ihm ekelt schon; er trinkt, ihm schmeckt kein Wein.
Doch setzt er denen zu, die bei der Tafel essen,
Und trinkt den Wein mit Zwang, nur um sich zu vergessen.
›Ach!‹ sprach er einst zu mir, ›ich bin mir selbst verhaßt;
Mein Reichtum heißt mein Glück und ist doch meine Last;
Was mich am Tag' erfreut, quält schlaflos mich im Bette.
Siech bin ich; würd' ich's sein, wofern ich minder hätte?‹«
Cleant, Lupin, Alcest, so fehlt, so reich ihr seid,
Euch bei dem Überfluß doch die Zufriedenheit?
Und Tausend, die der Thor bei Schätzen glücklich preiset,
Beweisen tausendfach mir das, was ihr beweiset.
So brauch' ich, um beglückt, nicht eben reich zu sein?
Und zur Zufriedenheit nicht Pracht und Fülle? Nein.
Vernunft! so wehre doch den ungerechten Trieben,
Und nötige mein Herz, die Schätze nicht zu lieben, 201
Die man mit Müh' gewinnt, bald prassend sie verzehrt,
Bald geizig sie bewacht und bald mit Fluch vermehrt!
Wie schwer, wie mühsam ist's, sich Schätze zu erwerben!
Soll ich sie dumm erfrei'n und hinterlistig erben?
Soll ich durch Sklaverei vor Großen sie erstehn
Und niederträchtig sein, um mich bald reich zu sehn?
Soll ich sie, wie Serpil, durch Meineid mir erlügen,
Staat, Mündel und Altar und Gott darum betrügen?
Verwünscht sei so ein Schatz! Verflucht sei der Gewinn,
Durch den ich reich als Thor, reich als ein Räuber bin!

»Dies«, sprichst du, »such' ich nicht. Ich kenne bessre Güter.
Ist nicht der Ruhm das Ziel der feurigsten Gemüter?
Die Achtung vor der Welt, die sucht mein Herz allein.
Welch Glück, im Leben groß, im Tod unsterblich sein!
Das thun, mit Beifall thun, was wenig sich erkühnen!
Ruhm will ich nicht allein, ich will ihn auch verdienen;
Entweder etwas thun, das schreibenswürdig ist;
Wo nicht, selbst dieser sein, den Welt und Nachwelt liest.
Wär' ich die Lust des Volks, der Weisheit erste Zierde,
So würd' ich glücklich sein, beglückt durch Ruhmbegierde.
Mein ganzes Herz entbrennt, o Ruhm, allein für dich!
Dir weih' ich meinen Fleiß, des Lebens Lust und mich.
Mein Nächster liegt und ruht, der träge Thor; er ruhe!
Ich wache diese Nacht, daß ich was Großes thue.
Mir winkt ein lieber Freund. Wie gern wär' ich um ihn!
Doch nein, mein rühmlich Werk – Geht, sagt's, er soll mich fliehn!
Wie heiter lacht der Tag! Ich will – doch nein, er lache!
Was heißt ein schöner Tag, wenn ich mich ewig mache!
Wie matt bin ich durch Fleiß! – Geht, langt mir ein Glas Wein –
Doch er erzeugt den Schlaf. Gut, Wasser gebt herein!
Wie lange hab' ich mich lebendig schon begraben!
Könnt' ich dich, Doris, nicht zum edlern Umgang haben?
In deinem treuen Arm schmeckt' ich des Lebens Ruh':
Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?
Doch kann man, wenn man liebt, auch frei nach Ehre streben?
O nein, die Liebe stört. Gut, ich will einsam leben. –

Viel' Jahre sind vorbei. Wen rühmt man itzo? Mich.
Wer denkt am gründlichsten? Wer schreibt am feinsten? Ich. 202
So warst du, seltnes Glück, denn mir allein beschieden?
Dir, Ehre, sei's gedankt, ich bin nunmehr zufrieden.
Ich bin des Volkes Lust, der Klugen Augenmerk.

Allein, mein Ruhm wird alt. Er braucht ein neues Werk.
Aus, aus, Glückseliger! dein Feuer möcht' erkalten;
Den Ruhm, den du ersiegt, den mußt du auch erhalten.
Aus! wag' es noch einmal! Vergiß den Zeitvertreib,
Schlaf, Freunde, Lieb' und Wein; verleugne dich und schreib'!
Wahr ist's, dein Körper siecht, dein Fleiß ist sein Verderben;
Doch besser, jung mit Ruhm als alt unrühmlich sterben.

Nun liest die Welt von mir ein neues Meisterstück;
Sie liest, liest's noch einmal, erstaunt und wünscht mir Glück.
Nun ist mein Wunsch gestillt. Was könnt' ich mehr begehren?
Mit dem ersiegten Ruhm soll still mein Herz sich nähren.
Wie viel empfind' ich itzt! Wie viel – doch, wie mich deucht,
So seh' ich einen noch, der mir Berühmten gleicht.
Nur einen? Nein, noch viel'. Dies kann ich nicht vertragen,
Nein, neben mir zu stehn, dies muß sich keiner wagen.
Ich will ein Urbild sein. Eh' bin ich nicht vergnügt,
Bis jeden, der mir gleicht, mein größrer Geist besiegt.«

Wie lange läßt du dich, o Thor, vom Ruhm beseelen!
Du siehst's, er quälet dich und wird dich ewig quälen.
Wie bei des Fiebers Glut den Durst, der dich verzehrt,
Der oft genoss'ne Trank nie stillt und stets vermehrt:
So wird durch allen Ruhm, den man für dich empfindet,
Dein Ehrgeiz nicht gestillt, nur immer mehr entzündet.

Betrachte doch den Ruhm, vielleicht verlöscht die Glut.
Ist nicht der größte Ruhm ein klein und flüchtig Gut?
»Ein kleines Gut«, sprichst du, »wenn eine Welt mich ehret
Und, was sie von mir denkt, mich durch Bewundrung lehret?«
O Freund! dieselbe Welt, die deinen Namen preist,
Hat oft in einem Tag ein Wandrer durchgereist.
Was prahlst du mit der Welt? Der kleinste Teil der Erden
War noch nicht klein genug, von dir erfüllt zu werden.
Der Mann, von dem du denkst, daß er dich schätzt und liest,
Weiß wahrlich vielmal kaum, daß du geboren bist;
Und der, auf dessen Gunst du zehnmal stolz geschworen,
Lacht heimlich über dich und zählt dich zu den Thoren. 203
Doch der Bewundrer Zahl, die dich mit Ruhm erfreun,
Sei Millionen stark, wirst du drum glücklich sein?
Wer sind die Willigen, die dich zum Wunder machten?
Ist's meistens nicht ein Volk, das ich und du verachten?
Hat einer oder zween, wenn hundert dich genannt,
Zum Lobspruch g'nug Geschmack, zum Richten g'nug Verstand?
Sei stolz! Zehn lobten dich; allein von eben diesen
Ward, sei nicht länger stolz, bald drauf ein Geck gepriesen.
»Sind denn nicht Kenner da? Was sagen die von mir?«
Sie loben dich; noch mehr, sie sind entzückt von dir.
An dir hat unsre Zeit den feinsten Geist bekommen,
Du bist der klügste Kopf, sie selber ausgenommen.
Fast jeder, der dich lobt, belohnt sich für den Dienst
Und ist sich ingeheim, was du zu sein ihm schienst.
Dein Kenner ist wie du, hat göttlich schöne Gaben,
Doch auch, wie du, den Stolz, sie nur allein zu haben.

Viel' rühmen dich. Warum? Aus Überzeugung? Nein.
Man lehrt durch Höflichkeit dich wieder höflich sein.
Warum hat dich Krispin so vielmal schon erhoben?
Er wird dein Lob, um sich der Welt selbst einzuloben.
Der Redner rühmet dich; nicht, weil du's würdig bist,
Nein, um uns darzuthun, daß er ein Redner ist.
Hier spricht ein Tisch von dir. Wie? schätzen dich die Blöden?
O nein, sie wollten itzt nicht mehr vom Wetter reden.
Sarkast lobt heute dich; warum? dächt'st du das wohl?
Damit sein künft'ger Spott mehr Eindruck machen soll.

Gesetzt, daß tausend sich im Ernst für dich erklären,
Gesetzt, dein Ruhm ist groß, wie lange wird er währen?
Ein Herz, das diesen Tag bei deinem Namen wallt,
Bleibt oft den folgenden bei deinem Namen kalt.
Man wird es heimlich satt, dich immer hoch zu achten,
Und hört schon denen zu, die dich zu stürzen trachten.
Entgeht ein Sterblicher wohl je der Tadelsucht?
Ist nicht des andern Neid selbst deines Ruhmes Frucht?
Der Kluge wird an dir bald wahre Fehler merken,
Und mit erdichteten wird sie der Neid verstärken.
Man hört den Spötter an und liebt ihn noch dazu;
Denn daß du Fehler hast, gehört zu unsrer Ruh'. 204

So sicher ist der Ruhm der Helden und der Weisen.
Und um ein solches Gut willst du dich glücklich preisen?
Du sammelst, was dich flieht, mit Müh' und Zittern ein,
Und wenn du's endlich hast, so ist es noch nicht dein.
Soll man für so ein Gut, noch eh' man es besessen,
Dann auch, wenn man's besitzt, des Lebens Ruh' vergessen?

Erfahrung und Vernunft, o, steht uns beide bei!
Macht von der Ehrfurcht uns wie von dem Geldgeiz frei!
Nicht Ruhm noch Überfluß kann unsre Wünsche stillen;
Von beiden steht auch keins allein in unserm Willen.
Was beides unserm Geist gab und zu geben schien,
Rührt seine Fläche nur und dringt nicht selbst in ihn.
Ein Gut, das glücklich macht, muß, soll's mich wahr entzücken,
Nicht unbeständig sein und für den Geist sich schicken.
Habt Wollust, Ruhm und Macht; ihr habt's und wünscht noch mehr;
Noch immer bleibt ein Teil in eurer Seele leer.
Und dieser leere Teil, für wen ist er beschieden?
O Tugend! gibst denn du vielleicht dem Herzen Frieden?

Ja, Mensch, erwirb dir sie, so wirst du ruhig sein!
Sei weise, lieber Freund, schränk' die Begierden ein!
Wahr ist's, die Kunst ist schwer, sich selber zu besiegen;
Allein in dieser Kunst wohnt göttliches Vergnügen.
Dein Wunsch ist Überfluß; doch eh' du ihn noch stillst,
Verfliegt ein Leben schon, das du genießen willst.
Was suchst du viel? O lern', was du nicht brauchest, meiden!
Und was du hast, genieß'! Die Welt ist reich an Freuden;
Du aber bist zu schwach, die Freuden auszuspähn,
Und glaubst, wo tausend sind, kaum eine nur zu sehn.
Gönn' jedem gern sein Glück; lern' vorteilhaft empfinden
Und in der andern Glück ein Teil von deinem finden!
Dem warf die Schickung viel, dir aber wenig zu.
Ist jener glücklicher, der reicher ist als du?
Du denkst's und lügest dir. Steig' glücklich auf die Thronen,
Du wirst des Thrones Glück doch fühllos bald gewohnen,
Und sehn, daß jener dort, den eine Hütt' umschließt,
Der wenig hat und braucht, drum noch nicht elend ist
Und oft, wenn ihn ein Quell nach strenger Arbeit kühlet,
Mehr Wollust bei dem Quell als du beim Weine fühlet. 205
Entbehrt er eine Luft, die dir der Reichtum schenkt,
So kränkt ihn das auch nicht, was dich als Reichen kränkt.

Such' solche Freuden auf, die still dein Herz beseelen
Und, wenn du sie gefühlt, dich nicht mit Reue quälen!
Was sorgst du, ob dein Ruhm die halbe Welt durchstrich?
Dein Freund, dein Weib, dein Haus sind Welt genug für dich.
Such' sie durch Sorgfalt dir, durch Liebe zu verbinden,
Und du wirst Ehr' und Ruh' in ihrer Liebe finden.
Ein jeder Freundschaftsdienst, ein jeder treue Rat,
So klein die Welt ihn schätzt, ist eine große That.
Auch in der Dunkelheit gibt's göttlich schöne Pflichten,
Und unbemerkt sie thun, heißt mehr als Held verrichten.

Ein Richter sieht in dir stets deiner Absicht zu,
Lohnt, wenn du edel willst, dir mit geheimer Ruh'.
Du streitest wider dich; kaum ist der Sieg gelungen,
So krönt sein Beifall schon das Herz, das sich bezwungen.
Willst du dich an der Welt, an Lieb' und Freundschaft freun,
Gern öffnet er dein Herz und läßt die Freuden ein;
Er schärfet dein Gefühl; da lacht mit reichem Segen
Die prächtige Natur dem heitern Aug' entgegen.
Wohin du gehst, geht auch sein stiller Beifall mit,
Und jeder Ort wird schön, den nur dein Fuß betritt.
Du schleichst durchs bunte Thal, streifst durch die grüne Heide,
Und was du siehst, ist Lust, und was du fühlst, ist Freude.
Dein Aug' erweitert sich und mit ihm selbst dein Geist,
Siehst, wie der stolze Baum Gott, seinen Schöpfer, preist,
Siehst, wie durch Fruchtbarkeit die Saaten ihn verehren
Und des Berufs sich freun, die Menschen zu ernähren,
Siehst, wie das kleinste Gras, das dort in Demut steht,
Den mit verborgner Kunst, der es gemacht, erhöht;
Du siehst's und wirst entzückt. Dir lacht die ganze Fläche,
Dir weht der sanfte West, dir rauschen frohe Bäche,
Dir singt der Vögel Chor, dir springt zufriednes Wild,
Und alles ist für dich mit Wollust angefüllt;
Und du, an Unschuld reich und sicher im Gewissen,
Triffst da viel' Freuden an, wo tausend sie vermissen.

Frei von des Neides Pein, frei von des Geizes Last,
Strebst du nach Wenigem und hast mehr, als du hast, 206
Siehst stets auf deine Pflicht, oft auf dein kurzes Leben,
Nie ohne Freudigkeit auf den, der dir's gegeben.
Du siehst durch dessen Hand, der war, eh' du gedacht,
Den Plan zu deinem Glück von Ewigkeit gemacht,
Den Plan zum Glück des Wurms, der itzt vor dir verschwindet
Und Nahrung und ein Haus im kleinsten Sandkorn findet.

In deines Freundes Arm, an deiner Gattin Brust
Wird oft ein kleines Glück für dich die größte Lust.
Und kömmt ein Ungemach (denn wer hat keins zu tragen?)
So ist's doch schon ein Trost, es ihm und ihr zu klagen.
Du hörst, daß dich dein Feind zu lästern sich erkühnt.
Es schmerzt; doch Trost genug, du hast es nicht verdient.
Ein Unfall raubt dein Gut, ein Räuber hat's entführet.
Es schmerzt; doch Glück genug, daß Gott die Welt regieret.
Du fühlst ein ander Weh'; du fühlst der Krankheit Pein;
Doch Trost genug, nicht krank durch eigne Schuld zu sein.
Dir raubt der Tod dein Weib, den Freund, den einz'gen Erben.
Es schmerzt; doch Trost genug, sie waren wert zu sterben.

So sei dein liebstes Gut ein frommes, weises Herz!
Dies mehre deine Lust, dies mindre deinen Schmerz!
Dies sei dein Stolz, dein Schatz, dein höchstes Ziel auf Erden!
Sonst alles, nur nicht dies, kann dir entrissen werden.
Zu wissen, es sei dein, zu fühlen, daß du's hast,
Dies Glück erkaufst du nicht um aller Güter Last;
Und ohne dieses Herz schmeck' noch so viel Vergnügen,
Es ist ein Rausch, und bald, bald wird der Rausch verfliegen.

 


 

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