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Ludwig Thoma: Moral - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMoral
authorLudwig Thoma
year1990
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10297-2
titleMoral
pages3-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Sechste Szene

Ströbel: Nehmen Sie doch Platz, Herr Beermann! Beermann setzt sich auf das Sofa; Ströbel nimmt gegenüber auf einem Stuhle Platz.

Beermann trocknet sich die Stirne: Eine Frage, Herr Assessor: Sind Sie verheiratet?

Ströbel: Nein.

Beermann: Ich dachte mir's. Wenn Sie Familie hätten, würden Sie nicht so von Egalsein reden.

Ströbel: Wenn ich Familie hätte, würde ich mich zunächst nicht kompromittieren.

Beermann: Aber...

Ströbel: Ich stünde nicht in dem Tagebuch der Frau Hochstetter.

Beermann: Das kann man nie wissen.

Ströbel: Erlauben Sie mir! Wo ist da überhaupt noch 'n Familienleben, wenn solche Geschichten passieren?

Beermann: Wieso? Wenn es niemand erfährt?

Ströbel: Man lebt doch nicht fortwährend unter Lügen!

Beermann: Herr Assessor, wenn in der Ehe die Lügen aufhören, dann geht sie auseinander.

Ströbel: Nanu!

Beermann eindringlich: Glauben Sie mir! In jeder glücklichen Ehe lügt man einander vor, daß sich die Gefühle nicht verwandeln.

Ströbel: Aber man bleibt sich treu.

Beermann: Keine Idee!

Ströbel: Na, hören Sie, das ist doch selbstverständlich!

Beermann: Aber keine Idee! Wenigstens nicht buchstäblich! Ein Mann ist treu, auch wenn er... und so weiter.

Ströbel: Ihre Ansichten überraschen mich...

Beermann: Ich meine, er ist treu in seiner Art. Er bleibt immer noch wohlwollend gegen seine Frau, er sorgt für die Familie, und das ist die Hauptsache. Das andere, was Sie meinen, das ist bloß 'n Ideal.

Ströbel: Und Ideale befolgt man.

Beermann: M-ja! Aber wenn man sie nicht befolgt, schont man sie wenigstens.

Ströbel: Ich muß sagen, ich wundere mich. Sie sind doch Vorstand des Sittlichkeitsvereins?

Beermann: Was konnte ich machen, wenn man mich wählt?

Ströbel: Aber jedenfalls vertreten Sie die Ansichten Ihres Vereins, und ich dachte, Sie seien deshalb hierher gekommen?

Beermann: Weshalb?

Ströbel: Um Ihrer Befriedigung Ausdruck zu geben, daß wir das Treiben dieser Person aufgedeckt haben.

Beermann: Deshalb bin ich hierhergekommen?

Ströbel: Nicht?

Beermann hält sich das Taschentuch vor die Stirne: Verzeihen Sie, Herr Assessor, ich bin noch angegriffen von dem vielen Treppensteigen. Ich kann Ihnen nur nicht so schnell folgen. Nicht wahr, Sie erwähnten doch vorhin ein Tagebuch?

Ströbel: Ja.

Beermann: Und das Tagebuch, das haben Sie gelesen?

Ströbel: Nein; ich habe noch keine Zeit gehabt.

Beermann: Aber Sie sagten doch etwas von scherzhaften Bemerkungen, die darin stehen?

Ströbel: Was ich so beim Durchblättern gesehen habe.

Beermann erleichtert: So?

Ströbel: Übrigens, der Inhalt des Tagebuchs wird Ihnen ein Geheimnis bleiben, Herr Beermann. Ich darf Ihnen nichts darübersagen.

Beermann: Nein, nein, ich will nichts davon wissen.

Ströbel: Sie erfahren später alles, wenn die Gerichtsverhandlung ist.

Beermann bestürzt: Ja, wird es da verlesen?

Ströbel: Selbstverständlich. Heute kann ich Ihnen nicht mehr sagen, als daß wir rücksichtslos vorgehen werden. Darüber kann Ihr Verein beruhigt sein.

Beermann aufstehend: Ich bin aber gar nicht beruhigt, wenn ich an die Folgen denke.

Ströbel ebenso: Was kümmern Sie die Folgen? Sie haben sich ein hohes Ziel gesteckt in Ihrem Verein. In Ihrem Programm heißt es, daß Sie mit eiserner Energie die Auswüchse beseitigen wollen. Jetzt erleben Sie die Genugtuung.

Beermann: In unserm Programm heißt es, daß wir für die Erhaltung der Ehe eintreten unter nationalen, sittlichen und sozialen Gesichtspunkten. Und die Ehe wird untergraben, wenn das alles bekannt wird!

Ströbel: Was sind das für sittliche Gesichtspunkte?

Beermann: Aber soziale! Weil gerade die besitzende Klasse kompromittiert wird!

Ströbel: Das wird sich die selbst zuschreiben.

Beermann: Es ist einfach unmöglich! Es muß sich ein Ausweg finden lassen.

Ströbel: Aus dem Bereiche des Gesetzes gibt es keine Auswege.

Beermann: Wem sagen Sie das? Dann gibt es eben Umwege.

Ströbel verweisend: Herr Beermann!

Beermann: Jawohl! Ich bin alt genug, um das zu wissen. Die Polizei hat – weiß Gott! – nicht die Aufgabe, einen solchen Riesenskandal zu provozieren. Da geht Autorität verloren. Da wird bei den Massen der Respekt erschüttert.

Ströbel: Den Skandal haben diese Herren, auf das Tagebuch klopfend, provoziert.

Beermann: Das ist kein Skandal, wenn zwischen vier Wänden sich einer mal gehen läßt. Ein Skandal wird es erst, wenn man die Geschichte vor Krethi und Plethi breit tritt. Aber – das geht einfach nicht!

Ströbel: Herr Beermann, ich ehre die humane Idee, welche Sie offenbar leitet. Sie müssen jedoch zugeben, daß wir vollständig im Einklang handeln mit den Klassen, von denen Sie sprechen.

Beermann: Aber nein!

Ströbel: Aber ja! Die gute Gesellschaft hat hier vor zwei Wochen einen Verein gegründet, weil sie eine größere Strenge gegen die Unsittlichkeit für notwendig hält.

Beermann: Gegen die Unsittlichkeit in den unteren Schichten, wo sie leicht in Zügellosigkeit ausartet. Als Präsident muß ich am Ende wissen, was wir wollen.

Ströbel: Auch die Frau Hochstetter gehört zu den unteren Schichten. Wenn jetzt Berührungspunkte zutage treten, so tut's mir leid.

Beermann: Die Polizei soll nichts tun, was ihr leid tut. Herrgott! Wenn mich nur der Präsident angehört hätte! So was behandelt man doch nicht bloß geschäftsmäßig!

Ströbel: Der Herr Präsident hätte das nämliche gesagt. Er kann auch nichts ändern.

Beermann: Man kann alles.

Ströbel: Hier liegen die Beweise. Deutet auf das Tagebuch. Kein Mensch kann sie mehr aus der Welt schaffen. Auch der Herr Präsident nicht.

Beermann: Und was geschieht damit?

Ströbel: Sie gehen an den Staatsanwalt. Die Lawine ist im Rollen.

Beermann: Und was sie erschlagen wird, das sollen wir einfach abwarten? Es läutet am Telephon.

Ströbel: Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Geht nach rechts zum Telephon.

Während Ströbel am Telephon spricht und ihm den Rücken kehrt, geht Beermann zum Schreibtisch und versucht, in das Tagebuch einen Blick zu werfen. Er öffnet es furchtsam und schließt es mehrmals, wenn er glaubt, daß sich Ströbel umwendet.

Ströbel am Telephon: Hier Amtszimmer des Assessor Ströbel... Wer dort... Hier Amtszimmer... Jawohl... Assessor Ströbel... ach, Pardon, Herr Präsident... Pause ich habe verstanden, gewiß. Ich werde im Bureau bleiben... Pause ich habe die Hochstetter vernommen... die Frau Hauteville ja... Pause ich bleibe im Bureau, bis Herr Präsident kommen, ich habe die Ehre. Ströbel läutet ab.

Beermann schließt hastig das Buch und bemüht sich, gleichgültig auszusehen.

Ströbel: Da sehen Sie selbst, Herr Beermann, daß der Präsident die Sache im Gang hält. Er will heute noch mal mit mir darüber konferieren.

Beermann: Man muß also hilflos zusehen, wie das Unglück kommt?

Ströbel: Sie müssen konsequent sein...

Beermann: Da können Bekannte dabei sein, Verwandte.

Ströbel: Sie müssen konsequent sein. Die Gründung Ihres Vereins ist doch jetzt glänzend gerechtfertigt.

Beermann wütend: Ach, lassen Sie mich in Ruhe mit dem dummen Sittlichkeitsverein! Man bleibt doch 'n Mensch!

Ströbel: Ich begreife Sie nicht.

Beermann: Sehen Sie, ich habe die schwersten Gewissensbisse. Heute nacht, wie ich mir das so vorstellte, was kommen wird, dieses Familienunglück, da habe ich mich gefragt, was ist wichtiger: daß man Moral besitzt, oder daß man an unsere Moral glaubt?

Ströbel: Und Sie haben die Antwort nicht gefunden?

Beermann: Doch, ich bin mir vollständig klar darüber geworden, daß es viel wichtiger ist, wenn das Volk an unsere Moral glaubt.

Ströbel: Dazu hätten Sie keinen Verein gebraucht.

Beermann: Erst recht. Moralisch sein, das bringe ich in meinem Zimmer allein fertig, aber das hat keinen erzieherischen Wert. Die Hauptsache ist, daß man sich öffentlich zu moralischen Grundsätzen bekennt. Das wirkt günstig auf die Familie, auf den Staat.

Ströbel: Ich muß sagen, von der Seite habe ich die Sache noch nicht betrachtet.

Beermann: Denken Sie bloß nach! Mit der Moral ist es genau wie mit der Religion. Man muß immer den Eindruck haben, daß es eine gibt, und einer muß vom andern glauben, daß er eine hat. Meinen Sie denn, daß es noch eine Religion geben würde, wenn die Kirche unsere Sünden öffentlich verhandeln würde? Aber sie vergibt sie im stillen, und so schlau sollte der Staat auch sein.

Ströbel: Es klingt manches richtig von dem, was Sie sagen.

Beermann: Es ist richtig. Sie können sich darauf verlassen.

Ströbel: Theoretisch vielleicht. Aber das hilft uns nichts. Solange das Gesetz es vorschreibt, werden diese Sünden, auf das Tagebuch klopfend, öffentlich verhandelt.

Beermann: Auch wenn man weiß, daß der Staat Schaden leidet?

Ströbel zuckt die Achseln: Tja!

Beermann: Nehmen wir an – ich weiß es ja nicht – aber nehmen wir an, nur ein angesehener Mensch hätte mal 'ne schwache Stunde gehabt und stünde in dem Buch...

Ströbel energisch: Dann wird er vorgeladen, ohne Gnade und Barmherzigkeit.

Beermann schreit: Aber das ist ja der helle Blödsinn!

Ströbel verweisend. Es ist Pflichterfüllung. Lehrhaft: Sehen Sie, Herr Beermann, Sie sind Laie. Bei Ihnen darf das Gefühl eine Rolle spielen. Wir Beamte dagegen stoßen mit unsern Empfindungen an die eherne Mauer der Pflicht.

Beermann hält sich die Ohren zu: Hören Sie auf!

Ströbel: Darüber weg tragen uns keine Schwingen.

Beermann zornig: Wenn man schon Federvieh ist, soll man auch fliegen können. Ich will Ihnen was sagen. Wissen Sie, was wir seit drei Wochen tun? Die Zungen reden wir uns aus den Hälsen, um eine regierungsfreundliche Wahl zu ermöglichen. Nichts wie Vaterland und Staat und Religion seit drei Wochen! Und das ist der Dank! Ins Teufels Namen, stellen Sie sich vor, es würde einer kompromittiert, der in dreißig Versammlungen staatsfeindliche Ideen bekämpft hat!

Ströbel zuckt die Achseln: Tja!

Beermann: Liefert die Regierung ihren eigenen Gegnern den Mann aus?

Ströbel: Wir würden ihn bedauern, aber wir müßten ihn vorladen.

Beermann: Ohne Gnade und Barmherzigkeit – Am Telephon läutet es sehr heftig.

Ströbel: Entschuldigen Sie einen Augenblick! Ströbel geht zum Telephon und wendet Beermann den Rücken zu. Hier Amtszimmer – – jawohl, Herr Präsident, ich bin selbst am Telephon kleine Pause... bei der Verhaftung?... bei der Verhaftung war der Kommissär anwesend und ein Schutzmann... kleine Pause und ein Schutzmann... Pause gewiß, Herr Präsident, ich habe verstanden... ich soll den Kommissär Schmuttermaier kurze Unterbrechung... ich soll den Esel Schmuttermaier sofort hierher zitieren... Pause und soll selbst warten... jawohl, Herr Präsident.

Während des Telephongespräches ist Beermann wieder an den Schreibtisch getreten. Er nimmt mit zitternder Hand das Tagebuch, legt es wieder hin, nimmt es wieder und schiebt es hastig mit energischem Ruck in die Brusttasche. Ströbel geht in deprimierter Stimmung vom Telephon weg. Beermann stellt sich so vor den Schreibtisch, daß ihn Ströbel nicht überblicken kann. Er ist verstört und hustet, um seine Unruhe zu verbergen. Ströbel drückt auf eine Glocke, die auf Reisachers Tisch steht.

Beermann unter Hustenanfällen: Ich sehe ein, daß nichts mehr zu machen ist, und will Sie nicht länger stören.

Ströbel hastig: Nein, bitte, bleiben Sie! Im Augenblick kommt der Präsident, da können Sie mit ihm selbst sprechen.

Beermann: Sie sagten doch, daß es nichts hilft...

Reisacher kommt durch die Mitteltüre.

Ströbel dringlich: Reisacher, suchen Sie sofort den Kommissär Schmuttermaier! Wenn er nicht im Hause ist, schicken Sie nach ihm! Oder telephonieren Sie! Er muß sofort hierher kommen.

Reisacher: Jawoll, Herr Assessor. Rasch ab durch die Mitteltüre.

Beermann: Sie sagten selbst, daß es nichts hilft, und ich empfehle mich Ihnen.

Ströbel unruhig: So warten Sie doch auf den Präsidenten!

Beermann: Es hat keinen Zweck. Ich... ich habe getan, was ich konnte... und wenn es nichts nützt... also... adieu!

Will ab nach links. Die Türe wird jedoch heftig aufgerissen; der Polizeipräsident erscheint, läßt Baron Schmettau eintreten und zieht die Türe zu.

 
Siebente Szene

Präsident zu Schmettau: Darf ich bitten, Herr Baron... zu Beermann: Ah das ist ja der Herr Präsident des Sittlichkeitsvereins? Beermann verneigt sich. Höhnisch: Haben Sie Ihre Mission beendigt? Beermann verneigt sich. Sind Sie mit der Verhaftung zufrieden, oder wünschen Sie noch mehr? Zornig. Herr, ich verbitte mir ein für allemal Ihre Kontrolle. Predigen Sie Ihre Grundsätze wo Sie wollen, aber nicht hier! Beermann schleicht sich unter tiefen Verbeugungen hinaus.

 
Achte Szene

Präsident zu Schmettau: Diese Moralprediger pfuschen uns ins Handwerk...

Schmettau mit einem Blick auf den Assessor. Darf ich bitten, mich vorzustellen?

Präsident: Assessor Ströbel – Freiherr von Schmettau, Adjutant Seiner Hoheit, des Prinzen Emil. Ströbel schlägt die Hacken zusammen und verbeugt sich tief. Schmettau dankt kurz.

Präsident in scharfem Tone: Herr Assessor, ich habe Herrn Baron Schmettau ersucht, mit mir zu kommen, weil ich in seiner Gegenwart eine Taktlosigkeit korrigieren will, die zu meinem größten Bedauern und gegen meine Intentionen von diesem Kommissär Schmuttermaier begangen wurde.

Schmettau: Es war scheußlich.

Präsident: Ich will wissen, welchen Auftrag der Mann hatte.

Ströbel ängstlich: Herr Präsident meinen den Fall mit der Hochstetter?

Präsident: Mit Frau von Hauteville – ja. Wer hat die Recherchen geleitet?

Ströbel: Die Recherchen?

Präsident: Man hat hoffentlich vor der Verhaftung sich genau informiert, mit wem man es zu tun hatte?

Ströbel: Gewiß, Herr Präsident...

Präsident: Und das Ergebnis?

Ströbel: Ich erhielt die Gewißheit, daß die Frau in Konflikt mit der Moral stand.

Präsident: Ich muß im dienstlichen Verkehr um klare Antworten bitten. Was haben die Recherchen ergeben?

Ströbel: Daß sie auffälligen Herrenbesuch empfing.

Präsident: Auffällig? Dann weiß der Kommissär, wer die Herren waren?

Ströbel: Das nicht...

Präsident: Nicht? Er forschte nicht nach, wenn ihm was auffällig war?

Ströbel: Er wollte nur konstatieren, daß die Besuche der Hauteville galten.

Präsident: So? – – Ich habe recht genügsame Beamte. Um das Wer und Was kümmerte sich der Mann nicht?

Ströbel: Ich dachte auch, das würde sich hinterher finden.

Präsident: Es gibt Dinge, die man nicht sucht und noch weniger findet. Sie haben die Sache angefaßt, als hätten Sie einen Taschendieb fangen müssen. Zu Schmettau: Es ist, wie ich Ihnen sagte... Der Mann hat keine Ahnung gehabt. Zu Ströbel: Hat dieser Schmuttermaier von Besuchern etwas gehört oder gesehen in der Wohnung?

Ströbel: Nein, Herr Präsident.

Präsident zu Schmettau: Wie ich Ihnen sagte...

Ströbel: Übrigens war jemand in der Wohnung, wie ich jetzt weiß...

Präsident rasch: Wer?

Ströbel: Das habe ich noch nicht eruiert. Die Hauteville hat nur Andeutungen gemacht, als habe sich jemand in einen Kleiderschrank geflüchtet.

Präsident: Hat sich allerdings – hat sich leider – zu Schmettau: zu meinem aufrichtigen Bedauern – Seine Hoheit, unser gnädigster Erbprinz Emil.

Ströbel bestürzt: Ich... ich hatte keine Ahnung...

Präsident: Man hat einfach die Ahnung. Wenn dieser Schmuttermaier Talent hätte, wäre das nicht passiert. Aber es ist die alte Geschichte; von selbständigem Takt keine Spur!

Ströbel: Ich weiß nicht, wie ich mich entschuldigen soll.

Präsident: Ich auch nicht. Übrigens hat Herr Baron Schmettau den ganzen unliebsamen Vorfall mitgemacht.

Schmettau spricht sehr korrekt, doch scharfes st: Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich verstehe so etwas nicht. Stellen sich das mal vor... Gott ja!... ich war und bin der Ansicht, daß unsere junge Hoheit das Leben kennen lernen muß... und ich habe doch nicht die Aufgabe, als Pastor zu wirken...

Präsident: Aber ich bitte, Herr Baron, das ist ja selbstverständlich...

Schmettau: Es ist das nun mal meine Ansicht. Ich stehe im Leben und bin Kavalier, und ich halte das für das Richtige, daß Hoheit das Leben kennen lernen soll...

Präsident: Ich teile vollkommen Ihre Ansicht.

Schmettau: Aber es ist vorhin der Ausdruck Moral gefallen. Ich kann in meiner Stellung solche Worte mal von der Kanzel hören, aber außerhalb der Kirche muß ich sie entschieden zurückweisen.

Präsident zum Assessor: Sie haben den Ausdruck gebraucht.

Schmettau: Wenn jemand behaupten will, daß meine Erziehung nicht vollständig ist, muß er das mit der Pistole in der Hand beweisen.

Ströbel: Ich dachte nicht, daß Sie das Wort verletzen würde.

Schmettau: Es hat mich verletzt. Solche Ausdrücke gehören in Asyle für Verwahrloste, aber man wendet sie nicht auf kavaliermäßige Vergnügungen an.

Präsident: Darf ich für meinen Assessor ein gutes Wort einlegen? Er hat sicher nicht daran gedacht, Sie zu beleidigen.

Schmettau: Er hat nicht daran gedacht? Zum Assessor. Dann will ich annehmen, daß der Ausdruck nicht gefallen ist. Ströbel schlägt die Hacken zusammen. Ich bin etwas gereizt, aber das ist kein Wunder. Sie können sich denken, mit welcher Sorgfalt ich zu Werk gegangen bin. Man hat mir von berufener Seite Frau von Hauteville empfohlen; sie hat gute Manieren, ist diskret.

Präsident: Sicher eine sehr anständige Person in ihrer Art.

Schmettau: Absolut. Nachdem ich mal auf dem Standpunkt stehe, daß Hoheit das Leben kennen lernen muß, konnte ich nicht besser disponieren. Zum Präsidenten: Wir verstehen uns?

Präsident: Gewiß!

Schmettau: Jede Garantie gegen Taktlosigkeiten; alles tipp topp. Nun stellen sich vor, von meiner Seite geschieht alles Menschenmögliche, und dann kommt es zu einem solchen unglaublichen Skandal!

Präsident: Es ist die alte Geschichte. Die Leute haben keinen Takt.

Schmettau: Das hilft mir nichts. Ich rede Ihnen nicht in Ihr Ressort hinein. Das liegt mir sehr ferne, aber ich muß Ihnen sagen, das hilft mir nichts. An mir bleibt die Sache hängen. Man sagt mir ganz einfach, so was durfte nicht passieren. Das ist eine unmögliche Situation!

Präsident zu Ströbel. Die Sie geschaffen haben.

Schmettau: Wenn ich das hätte ahnen können, dann hätte ich Sie vorher avisiert.

Präsident: Hätten Sie nur!

Schmettau: Wer denkt an so was? Ich muß doch annehmen, daß die Polizei in erster Linie Diskretion wahrt!

Ströbel: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Baron, daß ich nicht im Traume an eine solche Begegnung dachte.

Schmettau zieht die Achseln hoch: Ist das so schwer zu denken?

Präsident: Dasselbe, was ich sage. Wenn man seinen Dienst kennt, weiß man so was. Aber wenn man in Volksverbesserung arbeitet, hat man die Nase in der Luft.

Schmettau: Dieser Kommissär oder was der Kerl ist, hat sich überhaupt benommen, als wenn er Stoff für eine sozialdemokratische Zeitung sammeln müßte. Hoheit waren noch nicht fünf Minuten im Hause, da läutet es heftig, und jemand stößt mit den Stiefeln gegen die Türe wie'n betrunkener Fuhrknecht. Madame stürzt in das Zimmer und ruft: »Hoheit sehen mich unglücklich, die Polizei ist hier!« »Lassen Sie nur!« sage ich; »sie wird rasch verschwinden.« »Unmöglich!« sagt sie, »ich kann nicht zugeben, daß man Hoheit förmlich attrappiert; ich nehme die Sache auf mich.« Die Frau hat den Takt, das zu sagen. »Unmöglich«, sagt sie, »daß man Hoheit attrappiert.«

Präsident: Wirklich anständig!

Schmettau: Absolut. Und mir leuchtet sofort ein, daß sie recht hat. Die Situation ist scheußlich. Der Kerl verlangt womöglich 'n Militärpaß von Hoheit! Was tun? Madame sagt: »Verstecken Sie sich um Gottes willen in den Schrank!« Draußen macht der Kerl Radau, klopft, stößt, brüllt, läutet, von links und rechts wird die Nachbarschaft lebendig, und mitten in diesem Tohuwabohu steht – – Hoheit! Was tun? Ein paar Sekunden später stecken Hoheit neben mir in einem Schrank zwischen Kleidungsstücken und holen nur mühsam Atem.

Ströbel: Wenn ich nur eine Ahnung gehabt hätte!

Präsident zornig: Wissen sollen Sie! Nicht ahnen!

Schmettau: Und was nun kam! Das ging mit genagelten Stiefeln durch die Zimmer, Türe auf, Türe zu, und immer grob und flegelhaft, und steht drei oder viermal vor unserm Schrank, und ich fühle effektiv, wie Hoheit schwitzen. Stellen sich mal die Situation vor, wenn der Mensch den Schrank öffnet! Stellen sich das vor, und dann wissen Sie, wie mir zumut war.

Präsident: Sie müssen furchtbar gelitten haben!

Schmettau: Was liegt an mir? In solchen Momenten denkt man nur an Hoheit. Es war infam! Endlich entfernten sich die Schritte. Madame, die sich übrigens tadellos benahm, wird abgeführt, und Hoheit können den Schrank verlassen, in dem Sie hoch zwanzig Minuten zugebracht haben. Und jetzt frage ich noch einmal: Wie war das möglich?

Präsident zu Ströbel: Die Antwort werden Sie finden.

Schmettau: Obendrein ist die Frau noch in Haft. Die Zeitungen schreiben darüber; Hoheit leiden unter den Möglichkeiten, die es noch geben kann.

Präsident: Darüber können Sie beruhigt sein, Herr Baron! Jetzt wache ich über den Verlauf. Zieht die Uhr und spricht mit affektierter Ruhe: Wir haben ein Viertel vor eins. Heute abend acht Uhr ist Frau von Hauteville auf freiem Fuß, und es ist alles so arrangiert, daß ihre Entlassung keinen Verdacht erregt.

Assessor: Aber wie...?

Präsident: Details sind Ihre Sache.

Vorhang

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