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Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe

Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRestif de la Bretonne
titleMonsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe
publisherGala Verlag GmbH
editorH. Lewandowski
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid2db2326f
created20061018
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6

Ich begann diese freien Verse sofort am nächsten Morgen, am 18., und beendete sie am 22. Sie waren für Madelon Baron bestimmt, die sie am 23. erhielt. Ich gab unter dem Titel »Wache Träume« diesen ekelhaften Unrat einem entzückenden Mädchen, das für mich viel zu gut war. Ich war der, den mein alter und würdiger Vetter Droin des Villages »das bescheidene Mädchen« nannte. Aber dieser Traum war in seinen Grundzügen reine Wirklichkeit, das Feuer meiner Liebkosungen hatte Aimée gerührt. Unter Freunden verschiedenen Geschlechts ist, man mag sagen was man will, die schönste und richtigste Liebesprobe die Vereinigung. Aimée dachte, daß ich noch tugendhaft sei. Sie stellte sich vor, daß ich noch die jugendliche Blüte habe, die man so gern verliert. Sie dachte bei sich: »Dieser arme Junge! Ich muß in Nichtachtung meiner Ehre, meiner Unschuld, in Nichtachtung alles dessen, was ich am meisten liebe, ihm die Kenntnis dessen verschaffen, was er noch nicht kennt.« Sie dachte nicht an das Verbrechen, nicht an die Untreue. Die Gefahr, die ihr von ihrem Gatten drohte, kannte sie recht gut; es war nämlich keine vorhanden. Sie schlief damals nicht mit Tiennette in der Küche, sondern in dem Zimmer des Faktors Bourgoin, der für einige Tage abwesend war. Wir stiegen zusammen hinauf. Sie nötigte mich einzutreten, um über Edmée Servigné zu plaudern. Sie machte sich anheischig, alles in Ordnung zu bringen. Ich erzählte ihr von meinen Kusinen; sie schien mir nachdenklich zu sein. Kurz nachher küßte sie mich. Wir blieben zwei Stunden beisammen, bis ich in meine Kammer hinaufging. Diese Schwäche Aimées war ihre einzige, und ich bin sicher, daß sie nie eine mit einem anderen gehabt hat.

Am Sonntagmorgen, am 20. Januar, wurde ich durch den Anblick Madelons sehr überrascht, die ich noch nie so verführerisch gekleidet gesehen hatte. Wie ich an der Haustür stand, sprach sie zu mir: »Sie gehen nicht ins Hochamt, Sie Ketzer?« Darauf entfernte sie sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten. Ihre Reize, ihr wollüstiger Gang, der etwas Verlegenes hatte, erregten in mir einen Wirbelsturm von Begierden. Ich dachte mir: Wie ist sie doch liebenswert; welches Glück, mit ihr vereint zu sein, ein so schönes Mädchen allein zu besitzen! Ich lief hinein und arbeitete an den Versen für sie mit einer Begeisterung, die ich noch nie gefühlt hatte. Ich beruhigte mich erst, als die Tischglocke ertönte.

Nach Tisch entfernte sich alles, und ich befand mich zwei Stunden ganz allein. Ich erinnerte mich, daß am nächsten Tag das ›Fest der Mädchen‹ sei, bei dem Madelon die Hauptrolle spielen sollte. Mir kam der Gedanke, ihr ein Gelegenheitsgedicht zu machen. Ich suchte ein Versmaß, damit sie das Gedicht auch nach dem Liede singen könnte ›Ich such ein Herz voll Ehrlichkeit‹, das Lied, das den verlöschenden Herbst in so glühenden Farben schildert. Es kam mir die Idee, eine Art Antwort auf dieses Lied durch ein Akrostichon zu geben, mit einem Refrain, dessen immer wiederkehrendes Wort ›Agnes‹ sein sollte.

Kaum war ich zu Ende, das letzte Wort war noch nicht geschrieben, als ich die Haustür gehen hörte. Es war beiläufig drei Uhr nachmittags. Die Vesper in der Pfarre, wo Madelon zu ihrer Heiligen betete, war gerade zu Ende und man begab sich in die Kirche zur heiligen Cordula. Ich glaubte, daß Tiennette zurückkehrte und ließ mich nicht stören. Ich beendigte meine Schreiberei. Jemand stellte sich hinter meinen Stuhl, als ich das Geschriebene gerade laut skandierend durchlas, um zu hören, ob nichts am Versmaß falsch sei. Ich wandte mich um: es war Madelon, noch schöner als am Morgen. Ich stieß einen erstaunten Freudenschrei aus. – »Was, Sie waren nicht in der Vesper?« – »Wenn ich Sie so schön gesehen hätte, wäre ich zu befangen gewesen. Aber ich beschäftigte mich die ganze Zeit mit Ihnen.« – »Was überlesen Sie da?« – »Hier.« Ich überreichte ihr mein Gedicht, das folgende Widmung hatte: »Dem Fräulein Madelon Baron, Akrostichon für »das Fest der Mädchen«, nach dem Liede ... usw.« Madelon errötete und las. Als sie damit fertig war, reichte sie mir das Blatt zurück. »Aber es ist doch schon an seiner Adresse.« – »Ich dachte nicht daran.« Sie legte es zusammen und steckte es zu sich. Ich faßte sie bei der Hand und küßte sie. Sie verteidigte sich nur schwach. »Ich bete Sie an«, sagte ich nach einem heftigen Kuß auf ihre vollen Lippen. »Ich bete Sie an«, wiederholte ich nach zwei neuerlichen Küssen. »Nein, ich glaube es ihnen nicht...« – »Ich bete Sie an, ich liebe Sie mehr als mein Leben! Sie werden in einigen Tagen sehen...« – »Nein«, und mit einer reizenden Miene: »Ich glaube es Ihnen nicht.« Bei jeder Äußerung des Unglaubens drückte ich einen Kuß auf ihre Lippen. Endlich preßte ich sie in meinen Armen. Als ich in ihren Augen einen Nebel voll Wollust sah, verließ ich sie und lief hinaus, die Haustüre mit dem Schlüssel zu verschließen. Im nächsten Augenblick kam ich wieder zu ihr und umarmte sie heftig mit meinen starken Armen. Ich drückte ihren ganzen schönen Körper zusammen. »Ich bete Sie an«, wiederholte ich. »Nein, nein, Diebstahl! Sie lieben mich nicht.« Mit welcher entzückenden Nachsicht drückte sie sich aus. Ihr Mund mied den meinen fast nicht mehr. Madelon war noch nie so schön gewesen, und ihre wiederholten Seufzer lüfteten ihr Brusttuch. Ein tiefer Seufzer kam aus meiner Brust. Die Lippen Madelons preßten sich auf die meinigen. Wir blieben vereint. Wir sprachen nicht, wir erfreuten uns nur einer am anderen. Die Begierde, die durch die Reize, durch die Liebkosungen und durch die aufregende Kleidung von Madelon aufgepeitscht war, erreichte ihr Ziel. Wenn ich einige Augenblicke unbeweglich in meiner Verzückung verharrte, so war es, weil mein Glück so groß war. Ich war wunschlos; aber dieser Zustand kann nicht andauern. Das Glück ist wie der Blitz. Wenn eine Begierde befriedigt ist, folgt ihr eine andere, um wieder nur für einen Moment aufzuleuchten.

Meine Einbildung war nun für mehrere Tage ganz mit Madelon beschäftigt. Sie malte diese Schöne lebhaft mit allen Reizen, die mich noch zu meinen jetzigen Gedichten inspirieren. Indem sie sich mit zärtlichem Ungestüm an meine Brust drückte, sagte sie mit ersterbender Stimme: »Verlassen Sie mich, wenn Sie ein Verführer sind.« – »Dein Geliebter! Ich schwöre dir ewige Liebe«, rief ich außer mir. »Ziel meiner Wünsche, angebetetes Mädchen! Fürchte nichts. Noch im Siege bin ich dein Sklave geworden.« Madelon seufzte; sie gab mir einen Kuß und bot mir nunmehr den Anblick erlöschenden Schamgefühls. Wie war ich glücklich!

Die Vesper bei den Franziskanern dauerte nur dreiviertel Stunde. Man mußte voraussehen, daß die Leute bald zurückkommen würden. Während dieser kurzen Spanne Zeit bis terna Venere fuit locupletata. Ich konnte mich nicht von ihr trennen. Aber die Mädchen sind in solchen Lebenslagen für ihren Ruf vorsichtiger als für ihre Tugend und haben ein feines Ohr. Die große Glocke schlug zwölf kleine Schläge vor der Stunde. Als sie dies hörte, riß sich Madelon los, und als der Hammer erst viermal gegen die Glocke geschlagen hatte, war sie schon in ihrem Zimmer. Sie ließ mich noch verliebter als vorher zurück.

Nach Madeions Verschwinden setzte ich mich hin, um über mein Glück nachzudenken. Gar keine Gewissensbisse? Ich fühlte keine. »Sie ist Mädchen«, dachte ich, »und ich Mann. Ich werde sie heiraten. Meine Eltern werden in ihr eine glückliche und in jeder Beziehung passende Partie sehen; sie ist entzückend; sie werden sie anbeten; sie liebt mich, und ich werde der glücklichste aller Sterblichen sein.« Dann warf ich einen traurigen Rückblick auf mich selbst. »Oh, wenn diese tiefe Leidenschaft in meinem Herzen erlöschen würde.« Doch ich beglückwünschte mich, mich an sie gebunden zu haben (denn ich war damals noch so ehrlich, zu glauben, daß die Gunst Madelons mir sie zur Frau gemacht habe).

Der 11. März ist ein Tag in meinem Leben, der mir das Wohlbefinden und Glück raubte. Nach dreißig Jahren verstimmt er mich noch lebhaft. Am 6. Februar 1784 um ein halb Vier, in meinem Bette, wo ich eben arbeite, empfinde ich den Schlag ebenso heftig wie am ersten Tage. Wenn ich den 11. März schreibe, kann ich die Feder kaum halten. Die Erinnerung erregt mich zu heftig.

Ich sah Fräulein Baron jeden Abend seit dem 20. Januar, aber sie kam nicht mehr, mich Sonn- und Feiertags im Druckereisaal zu besuchen. Ich wurde jedoch durch einen Durchschlupf entschädigt, der zwischen der Kammer und dem kleinen Garten der Maine Blonde lag. Madelon hatte ihr mein Gedicht gezeigt und ihr anvertraut, daß ich auch der Autor der anderen Verse sei. Sie hatte sich so meinen Wünschen gefügig gezeigt. Das in diesen nächtlichen Exkursionen Merkwürdige war, daß meine Frau dabei nie ein Wort sprach, und daß ich sie ihre Feenrolle spielen ließ, ohne sie scheinbar wiederzuerkennen und ohne selbst ein Wort zu sprechen. Dies schien ihr zu gefallen. Wir sahen uns oft während des Karnevals, aber immer in Gesellschaft. In unseren häufigen Abendunterhaltungen oder beim Tanz beschlossen wir, daß, wenn sie nicht schwanger würde, wir das Ende meiner Lehrzeit abwarten wollten. Wenn sie aber schwanger würde, so sollte sie mich beim ersten Anzeichen benachrichtigen, und um sie der Schande nicht auszusetzen, würden wir alles unter einem ganz einfachen Vorwande in Richtigkeit bringen. Der Vorwand war, ich sollte meine Stellung verlassen und eine andere, vorteilhaftere annehmen, die mir ihr Bruder in Dieppe verschaffen würde. Wir nannten uns nunmehr »mein lieber kleiner Mann« und »meine liebe kleine Frau«. Wir teilten uns alle unsere Gedanken, alle unsere Pläne mit. Wir verbargen nichts voreinander. Ich betete sie an. Meine Dankbarkeit war so lebhaft, daß sie mir Liebe zu sein schien. Aber in Wirklichkeit war es, weil Madelon so schön, so zärtlich war. Wenn die Männer unbeständig sind, ist es fast immer ein Fehler der Frau, weil sie entweder zuerst erkaltet, oder weil sie die Gelegenheit, zu gefallen, vorübergehen läßt.

Es war am 7. März. Ich sah Madelon am Mittag vor dem Essen an ihrer Haustüre. Sie machte mir ein Zeichen. Ich lief auf sie zu. »Lieber Freund!« (diese Worte sollten die letzten sein, die sie zu mir sprach), »ich glaube, daß du langsam deine Eltern vorbereiten mußt; ich will deine Frau werden. Mein Bruder in Dieppe hat mir auf meinen Brief geantwortet: ›Wenn du den jungen Mann, von dem du mir geschrieben hast, heiratest, dann habe ich für deinen Mann eine gute Stellung in den Bureaus der Marine in Aussicht.‹ Da ich mich auf dich und deine Fähigkeiten verlassen kann, habe ich ihm geantwortet, er möge sie uns bis nach Ostern offen halten; da würde ich ihm einen Schwager geben, der ihm gut gefallen würde... Ich habe auch deinen Namen genannt; ich habe dein Äußeres genau beschrieben. Vor allem aber habe ich von deinem Charakter gesprochen; von deinen Eigenschaften, von deinen Tugenden; ich bin durch das Mädchen, das bei deiner Ankunft bei den Parangons war und durch Tiennette besser unterrichtet, als du glaubst; ich bin es sogar durch Frau Parangon selbst und durch Herrn Bourgoin... Schreibe an deine Eltern, mein Freund, aber zeige mir den Brief, bevor du ihn wegschickst. Ich will einiges hinzufügen, was ihn aber nicht verderben wird. Ich wüßte kein Ehehindernis. Weißt du eins?« – »Nein, nein, nicht das geringste!« Ich küßte ihr die Hand, obwohl an die dreißig Leute da waren. »Ich will schreiben«, fügte ich hinzu. »Adieu!« rief mir Madelon nach, da ist ja schon Bardet, der dich zum Essen rufen kommt. Adieu, mein lieber Freund!«

Ich verließ sie schweren Herzens oder zumindest in so großer Erregung, daß ich ganz außer mir war. Ich aß wenig. Frau Parangon sagte zweimal zu mir: »Was haben Sie!« Ich senkte die Augen, ohne zu antworten. Als wir fertig gegessen hatten, kehrte ich zur Haustüre zurück. Da ich Madelon, die mit dem Essen noch nicht fertig sein konnte, nicht sah, ging ich schnell wieder an meine Arbeit. Ich hatte im Sinne, gleich an meine Eltern zu schreiben, so nahm ich Feder und Papier und ging in meine Kammer. Kaum hatte ich eine Zeile geschrieben, kam Tiennette: »Madame will Sie sprechen.« Nie waren mir Colettes Befehle lästig gewesen; sogar diesmal waren sie es nicht. Ich lief rascher hinunter, als ich hinaufgestiegen war.

»Was haben Sie denn gehabt, Herr Nicolas?« fragte sie mich. Ich blieb stumm... »Ich weiß alles... Madelon hat Sie vorhin gesprochen?« – »Ja, Madame.« – »Ich weiß alles; sie hat mir alles gesagt... Ich beklage Sie nicht. Aber Sie vergessen rasch, was ich Ihnen sagte!« – »Ich vergessen... Alle Ihre Worte sind in mein Herz eingegraben; und doch ... ich gestehe es Ihnen, die ich nicht für eine Frau, sondern für eine Gottheit ansehe ... trotz allem habe ich mich mit Madelon verlobt... Die Ehre verpflichtet mich, und ich wäre ihrer in Ihren Augen unwürdig, wenn ...« – »Ich verstehe Sie und spreche Sie frei ... Aber mußten Sie ... Doch ich will Ihnen keine unnützen Vorwürfe machen: Sie haben nunmehr eine einzige Möglichkeit, ein ehrlicher Mensch zu bleiben; man muß ... Ich werde jetzt für Sie handeln, wie ich für meinen Bruder handeln würde. Herr Nicolas, ich sehe es jetzt, ich wußte es schon im voraus, daß die Tugend nur an einem dünnen Faden hängt. Man darf sich nicht den kleinsten Seitensprung erlauben, wenn man nicht noch mehr in Fehler verfallen will ... Gehen Sie, verlassen Sie mich ... ich werde mein möglichstes für Sie tun.« Ich zog mich in noch größerer Aufregung zurück als nach meinem Gespräch mit Madelon.

Nach dem Abendessen ging Frau Parangon aus. Ich sah Madelon nicht, auch nicht ihre Schwestern. Ich weiß nicht, warum ich so schüchtern war, mich bei der jungen Marote, ihrer Kammerjungfer, nicht nach ihr zu erkundigen. Die Worte der Frau Parangon beschäftigten und ängstigten mich: ich stellte mir vor, daß sie bei Frau Baron sei. Schließlich zweifelte ich nicht, daß ich Madelon auch heute, wie täglich seit dem 27. Januar, haben würde, seit dem Tage, an dem ich ihr das Lobgedicht, zugleich mit dem für ihre Schwester, übergeben hatte ... Aber ich wollte ja hineingehen, meinen Brief schreiben; es war mir jedoch unmöglich, die Haustüre zu verlassen; beim kleinsten Lärm lief ich wieder hin; ich brannte darauf, Madelon zu sehen ... die ich nie mehr wiedersehen sollte! ... Ich ging auf die Stiege, die zur Druckerei hinaufführt, und stellte mich an das Fenster, von dem aus man das Madelons sehen konnte. Ich sah wohl Licht, aber die Vorhänge waren so dicht zugezogen, daß ich nur die Bewegungen einiger schattenhafter Personen unterscheiden konnte.

In diesem Augenblick kam alles bei uns nach Hause. Ich hätte mein halbes Leben darum gegeben, wenn ich Madelon nur auf einen Moment hätte sehen können, wenn ich ihr hätte sagen können, daß Frau Parangon mit unserer Heirat einverstanden war. Ich ging in der Hoffnung zu Bett, sie bald nach Hause kommen zu hören und schlief nicht ... Trügerische Hoffnung! Ich bekam Herzkrämpfe, eine schreckliche Qual, die ich seither oft durchgekostet habe. Gegen Morgen hatte ich einen Traum. Ich träumte, Maine Blonde auf einem Baume sitzen zu sehen; sie machte mir Zeichen, mit ihr zu gehen. Da sah ich Madelon vom Baume fallen. Gleichzeitig tauchten ihre beiden Schwestern Manon und Berdon in Trauerkleidern und tränenüberströmt auf. Ich stürzte auf den Platz zu, wo Madelon heruntergefallen war, aber sie war verschwunden ... ich erwachte in furchtbarer Angst ... »Es war ein Traum«, sagte ich zu mir selbst. »Es war doch nur ein Traum!« Aber leider sollte es Wirklichkeit werden.

Am nächsten Morgen, dem 8., vermied jeder, mich anzusprechen. Nachmittags ging ich vor die Haustüre, um Madelon zu sehen. Marote stürzte aus der Tür. Ich näherte mich; ich sah niemanden im Laden; die Nachbarn starrten mich an, da ich traurig aussah; sie glaubten, ich wisse schon alles. Am Abend fand ich Frau Parangon nicht bei Tisch. Als wir fertig waren, ging ich vors Haus. Ich traf dort Manon Bardon und ging auf sie zu, um in Gesellschaft zu sein und um mich zu erkundigen. Sie machte mir aber ein Zeichen, nicht näher zu kommen. In meiner natürlichen Schüchternheit folgte ich und ging nach Hause zurück, da ich nur Dinge vermutete, die weit entfernt von der Wirklichkeit waren. Ich wollte meinen Brief schreiben. Da kam mir die Idee, damit zu warten, bis ich mit Frau Parangon gesprochen hätte. Ich ging im Laden und vor der Haustüre einige Male auf und ab, bis alle Leute nach Hause kamen. Ich war in einer Art Betäubung; ich fragte mich immer wieder, warum ich eigentlich Madelon nicht sähe, konnte mir aber keine vernünftige Antwort geben. Als ich wieder in meine Kammer hinaufstieg, beobachtete ich ihr Fenster: die Vorhänge waren ebenso dicht geschlossen wie am Vortage; ich sah wieder nur Schatten, die kamen, gingen, sich bewegten.

Am 9. morgens kam Tiennette, als ich eben hinunterging, auf mich zu: »Fräulein Baron ist seit zwei Tagen sehr krank.« – »O Himmel, krank?« Ich lief hin, ohne auf Tiennette zu hören, die mich zurückhalten wollte. Als mich Frau Bonne-Baron erblickte, kam sie auf mich zu und nahm mich bei der Hand. »Wer ist krank, Madame« fragte ich sie. »Man wird es Ihnen schon sagen, aber Sie können die Kranke nicht sehen.« – »Warum?« – »Sie ist nicht bei Bewußtsein.« – »Nicht bei Bewußtsein?« – »Nein, wirklich nicht.« – »Welche von den Schwestern ist denn krank?« – »Man wird es Ihnen schon sagen. Ich habe Frau Parangon gebeten, es Ihnen mitzuteilen. – »Ha, meine Freundin ist es, Madelon!« – »Beruhigen Sie sich. Gehen Sie jetzt.«

Ich zog mich langsam zurück und drückte die Hand auf die Stirn, meine Augen waren in Tränen gebadet. Ich verbarg dies vor Fräulein Prudhot, küßte ihr die Hand, kam zu unserer Haustüre und wollte ins Haus laufen. Im Druckereisaale traf ich Frau Parangon, aber da sie nicht allein war, grüßte ich sie nur durch eine tiefe stumme Verbeugung. Ich eilte zur Arbeit. Ich lief mit einer Geschwindigkeit, die ans Wunderbare grenzte. Alle meine Lebhaftigkeit lag wegen des Sturmes, der mich durchtobte, in meinen Fingern. Bourgoin, der Faktor, schaute mich sprachlos an. Der Schweiß rann mir von der Stirne. »Sie werden sich töten«, sagte er, »Sie haben doch Zeit.« – »Zeit? Es ist aus!« Ich wußte nicht, was ich sagte.

Zur Essensstunde ging ich hinunter. Ich war vernichtet. Ich ging zu Madelons Haustüre; dort sagte mir Marote: »Sie liegt in den Armen ihrer Schwestern; sie ist jetzt ruhiger ... aber sie ruht oder will ruhen... Oh, die liebe...« – »Nennen Sie sie nicht«, sagte ich, indem ich ihr mit meiner Hand den Mund verschloß. Marote erschrak; denn sie hielt mich für toll. Sie benachrichtigte Frau Baron. »Kann ich sie denn nicht wenigstens sehen, ohne von ihr gesehen zu werden, wenn es nicht anders geht?« sagte ich zur Pflegerin. – »Nein, nein, noch nicht.« Ich ging hinaus, ohne ihr zu antworten.

Um acht Uhr abends flog ich zur Haustüre Madelons. Da ich im Laden niemand erblickte, ging ich hinauf. Ich sah sie auf ihrem Bette ausgestreckt liegen. Die schwarzen Haarlocken beschatteten ihre Stirne. Sie schlief, oder sie war ermattet, oder sie war tot. Die Pflegerin und die Schwestern kamen ganz verstört auf mich zu. Man gestattete mir, Fräulein Baron zu sehen, aber man hinderte mich, mich zu nähern. »Sie ist es, ja sie ist es«, sagte ich zu Frau Baron und zu den beiden Schwestern, die ihre einzigen Beschützerinnen gewesen waren. Ich kniete nieder und hob meine Augen zum Himmel. »Lieber Gott, rette sie. Schenke mir Tränen.« Die Pflegerin wandte sich mir zu. »Wir werden ihr sagen, wie sehr Sie gerührt waren, und sie wird Ihnen danken.« Sie unterdrückte ihr Weinen und verbarg ihr Schluchzen; Berdon und Manon schauten mich wortlos, mit erstaunter und mitleidiger Miene an. »Ha, Sie zerreißen mein Herz«, sagte ich zu ihnen. »Ich möchte ersticken ... aber jetzt kann ich weinen«, und ich zerfloß in Tränen ... Mein zu heftiges Schluchzen zwang mich, mich zu entfernen. Wenn man meinen Besuch vorausgesehen hätte, würde man mich nicht vorgelassen haben.

Ich schlief kaum. Schreckliche Träume quälten mich. Um drei Uhr morgens wachte ich aus meinem Halbschlummer nach Atem ringend auf. Ein Alp lastete auf mir. Ich sah eine Frau mit wachsbleichem Gesicht, die Stirn von schwarzen Haaren beschattet. Es war Madelon! ... Ich stieß einen Schrei aus und stürzte auf sie zu. Ich riß sie in meine Arme ... ich stolperte und stürzte beim Fenster nieder. Leider war es eine Vorspiegelung meiner erhitzten Phantasie!... Oder kam Maine Blonde, mit tiefem Mitgefühl, mir mein Unglück zu verkünden und wollte es mir erleichtern? .. . Ich öffnete das Fenster, wo ich sie an dem Tage gesehen hatte, an dem glücklichen Tage! ... von wo aus ich sie hatte singen hören: »Ich such' ein Herz voll Ehrlichkeit.« Ich sah Licht. Die Schatten kamen und gingen geschäftig, in trauriger Ruhe. Ich konnte nicht hingehen und legte mich wieder in mein Bett. Meine Augenlider wurden schwer, aber ich hörte nur die schrecklichen Worte: »Adieu ... Adieu ... Adieu ... Du wirst mich nicht mehr sehen.« Es war die Stimme von Fräulein Baron der älteren, von meiner Braut.

Ich wachte vollends auf und sprang aus dem Bett. Der Tag graute schon, und ich blieb einige Zeit am Fenster stehen. Die Lichter bei den Fräulein Baron waren erloschen; ein Hoffnungsstrahl folgte dem Schrecken. Der Tag wurde hell, und ich ging an meine Arbeit. Bis Mittag sprach niemand mit mir. Nach dem Essen, bei dem alle Leute traurig und schweigsam waren, ging ich zur Haustür. Ich lugte scheu hinaus, schließlich schaute ich genauer. Die Haustüre der Fräulein Baron war geschlossen. Ich blieb unbeweglich stehen, aber wie es wirklich stand, sah ich noch nicht. Ich ging wieder hinein und stieg zu meiner Arbeit hinauf. Meine Augen starrten wie festgebannt auf das Fenster von Madelon, das offen stand. Ich gab mich einige Zeit, auf das Fensterbrett gelehnt, Betrachtungen hin. Frau Parangon durchschritt den Hof, aber sie sah mich nicht. Ich vermeinte, Tränen bei ihr zu sehen ... Ich erschrak! ... Aber ich glaubte, mich getäuscht zu haben; bis acht Uhr arbeitete ich. Das Abendessen war sehr traurig. Ich wurde von Müdigkeit und Schlaf übermannt. Als wir mit dem Essen fertig waren, sagte ich zu Frau Parangon: »Madame, glauben Sie, daß es ihr ein wenig besser geht?« – »Nein.« – »O Himmel.« – »Ihnen geht es auch nicht gut, gehen Sie, sich ausruhen. Ich gehe an Ihrer Stelle zu ihr ..., es wird besser sein, als wenn Sie hingingen.« Ich konnte nichts antworten und ging in meine Kammer hinauf. Ein tiefer Schlaf, der dem Tode ähnlich war, erquickte meine Sinne bis um sechs Uhr früh.

Es war Sonntag, der 11. März. Meine Aufregung hatte sich etwas gelegt, aber ich war noch niedergedrückter. Da ich mich künstlich beruhigen wollte, machte ich mir folgende Gedanken: »Wenn ihr Zustand hoffnungslos wäre, aus welchem Grunde hätten sie mich gehindert, sie zu sehen? Es wird so wohl besser und schicklicher sein; man fürchtet das Gerede und den Klatsch oder ihr späteres Erröten über das, was sie vielleicht in ihrem Delirium gesagt hätte.« Diese Gedanken gaben meinem Herzen einen heilsamen Trost. Im gleichen Augenblick drang ein klägliches Glockengeläute an mein Ohr. »Welcher Unglückliche ist jetzt gestorben?« dachte ich, »wer ist in den grundlosen Schlund der Ewigkeit gestürzt?« Ich stieg hinunter und suchte jemanden, mit dem ich sprechen könnte. Tiennette schien mich zu fliehen, Frau Parangon lag noch im Bett; Bardet war eben weggegangen und Tourangeot noch nicht zurückgekehrt. Da ich niemanden im Hause sprechen konnte, ging ich weg. Manon Prudhot war an der Haustüre. Als sie mich sah, ging sie hinein, aber das machte sie damals gewöhnlich so. Annette kam aus dem Hause der Fräuleins Baron heraus. Als sie mich sah, lief sie geschwind vorbei. Die junge Marianne Roullot, beinahe noch ein Kind, Maine Blonde und ihre Nachbarin, die schöne Bourdignon, hatten Tränen in den Augen ... Ich überquerte die Straße; zwei Schritte von dem Hause entfernt, sah ich Tourangeot im Hofe des »Palais«, der eben aus dem Magazin trat, wo er manchmal Orgien feierte. Er sah weniger tartarisch aus als gewöhnlich und kam auf mich zu: »Ich beklage Sie«, sagte er und nahm mich bei der Hand. »Sie ist heute um drei Uhr früh gestorben. Man möchte es nicht glauben, aber sie wird begraben werden.« – »Gestorben? – Wer ist gestorben?« sagte ich und erbleichte. Er antwortete mir nichts, aber er wies mit dem Finger auf die Haustür von Madelon und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung (ich glaubte es wenigstens).

Ich weiß nicht mehr, was dann geschah; ich weiß nicht mehr, was aus mir wurde. Er verließ mich, oder verließ ich ihn?... ich weiß nur, daß ich auf die Porte du Pont zueilte, daß ich bis zur Kirche St. Gervais ging, die halb in Trümmern liegt (wo ich damals Marguerite Adieu gesagt hatte), daß ich mich auf ein eingestürztes Gewölbe setzte, daß ich klägliche Schreie ausstieß, die nur von den Vögeln gehört wurden, die erschreckt hin und her flogen ... Leser! Wir schreiben den 11. März 1753. Diese Wunde wird nie heilen, die er mir geschlagen hat. Es war zehn Uhr vormittags, als ich bei der Kirche ankam. Ich blieb dort in einem Zustande von Hoffnungslosigkeit und Betäubung bis vier Uhr nachmittags. Ich fühlte meinen ganzen Verlust, aber gegen drei Uhr kam mir ein trostreicher Gedanke, meine Seele wurde ruhiger. In der Absicht, mich in die Arme der Frau Parangon zu stürzen, empfand ich einen gemäßigteren Schmerz. Ich zog mein Heft hervor und wollte darin einige Verse meiner Hoffnungslosigkeit und dem Andenken Madelons widmen, aber entweder verlöschten meine Tränen die Schrift, oder meine durcheinanderwirbelnden Gedanken hinderten mich am Sehen. Der Gedanke: »Madelon wird diese Verse nicht mehr lesen...« erpreßte mir laute Schreie.

Der Schmerz, den ich fühlte, war mein erster dieser Art: Es war der Schmerz eines Mannes, der seine Frau verliert, eine Zukunft, die sie ihm leicht, angenehm und glücklich gestaltet hätte (und Frau Parangon wußte alles, da sie sich in der letzten Zeit entschlossen hatte, mir zu helfen). Sie war schön, die, die von mir Mutter werden sollte, die mit einem Teil von mir unterging ..., die mir als Geist wiedererschien, um mich von den Fehltritten der Jugend zurückzuhalten..., die mich durch ihr Opfer vor dem schändlichen Schritt bewahrt hatte, Jeanneton zu besitzen, die den Tod finden mußte, nachdem sie mich drei Tage zuvor so glücklich gemacht hatte. –

Da sie die Leiter nicht gut befestigt hatte, war sie am Abend unserer letzten so wichtigen Unterredung gefallen, oder die Eintracht unserer Seelen war so stark gewesen. Ich kannte die Ursache ihrer Krankheit nicht! Gaudet d'Arras erzählte mir lügnerische Fabeln (ohne Zweifel aus Freundschaft). Da kam mir ein schrecklicher Verdacht: »Ha, Frau Parangon hat mir nichts gesagt!« Ich fühlte nun, warum ich sie hatte nicht mehr sehen können, warum man mir verboten hatte, die letzten Grüße meiner Frau entgegenzunehmen, die mir eben mitgeteilt hatte, daß ich Vater sei. »Feigling! Ruchloser!« rief ich aus. »Du hast deine Braut gegen d'Arras nicht zu verteidigen gewußt. Ungeheuer! Entmenschtes Herz!« und ich versank in die traurige Stille, die um die Kirche Notre Dame de la Cité ausgebreitet war. Die Trostsprüche der Frau Parangon schienen mir verdächtig. Ich bemühte mich, hinter das Geheimnis zu kommen; ich rechnete auf Fräulein Fanchette, anstatt mich an Berdon zu wenden, wie man es im Hause dieses Mädchens erwartet hatte, anstatt alle die Vorteile auszunutzen, die mir früher Madelon geboten hatte. Man rechnete dort so sehr darauf, daß Berdon mich, obwohl sie sehr stolz war, zuerst aufsuchte. Als die gewöhnliche Höflichkeit es verlangte, daß ich die beiden Schwestern wieder besuchte, vergaß ich beinahe Madelon. Um mich auszuforschen, fragten sie mich eines Abends unauffällig nach den vielen Gedichten, die ich an ihre Schwester gerichtet hatte, und da ich eine boshafte Neugierde zu bemerken glaubte, tat ich, als ob ich es überhörte. Dies war eine törichte Handlungsweise; denn Berdon war schön, sogar in meinen Augen.

Da Frau Parangon mich prinzipiell keine Folgen aus unseren gefühlvollen Unterhaltungen ziehen ließ, so überließ sie mich zu sehr mir selbst. Ich vertraute mich Gaudet d'Arras und Gaudet de Varzy an und traf oft die Bekanntschaften, die mir Buisson verschafft hatte; ich eiferte diesem nach und wurde vergnügungssüchtig. Die Vergnügungssucht führte mich zur Ausschweifung, und ich kam wieder auf den Gedanken, meine tugendhafte Wohltäterin zu täuschen. Drei Wochen nach dem Tode meiner Freundin, die mir wirklich Freundin und Geliebte gewesen war, (am 30. März) hatte ich einen Traum, der von Annette handelte.

Der Schluß des Traumes war das vollkommene Gefühl der Wollust, und ich wagte es aus Anstand nicht, ihn dieser jungen Person mitzuteilen.

Am 30. April wandte ich mich wieder der liebenswürdigen Laloge zu, gelegentlich eines Traumes, der mich sie sehr reizvoll sehen ließ ... Ich übergab ihr auch gleichzeitig alte Gedichte, die sie noch nicht gesehen hatte, oder die ich nach dem, was sie mir am 20. August 1752 erzählte, verbessert hatte. Schließlich hatte ich Madelon, bevor sie mir ihre Gunst zuwandte, einige Gedichte darüber gemacht, daß ich der Einsamkeit müde sei, was sie wahrscheinlich zu dem großmütigen Opfer bewog, das sie mir, um meine Gesundheit zu erhalten, brachte.

Herr Parangon war am 27. nach Vermenton gereist; ich wußte es nicht. Gaudet d'Arras war da, mich zu besuchen, und hatte mir lächelnd gesagt: »Ist das aber eine schöne Strohwitwe!« Ich achtete nicht auf dieses Wort. Ich war ganz mit dem Gedanken beschäftigt, den er mir erst beibringen wollte: »Wenn diese charmante Frau ihren Mann verloren hätte, würde sie eine schöne Witwe abgeben!« Am Abend war ich mit Frau Parangon beim Essen allein, da der Faktor mit Gaudet d'Arras bei seinem Onkel zurückgehalten war, und vielleicht war auf Betreiben Gaudets auch Bardet mit Herrn Parangon gegangen. Man hatte hergesandt, um die schöne Strohwitwe einzuladen; aber Gaudet d'Arras, der im Hause alles galt, hatte das Dienstmädchen zurückgehalten. Ich hatte von alledem keine Ahnung. Colette und ich plauderten nach dem Essen. Es war fast drei Monate her, daß wir unsere letzte vertrauliche Unterredung gehabt hatten. Colette sagte zu mir: »Jetzt ist es im Gegensatz zum Herbst hier sehr still, nachdem so viele Leute dagewesen sind. Ich hätte Lust gehabt, meine Schwester mit meiner Mutter und der Schwester des Herrn Parangon nach Paris zu schicken. Eine Überlegung hat mich aber davon abgehalten: sie hat dem Neffen Parangons, dem Sohn seines Bruders, sehr schön getan. Ich wünsche diese Verbindung nicht, die man in der Familie Parangon anscheinend begrüßt hätte.« Ich lehnte mich zurück. Nachdem Tiennette abserviert hatte, setzten wir uns ans Feuer. »Meine Schwiegermutter und meine Schwägerin«, fing Colette wieder an, »lieben Sie nicht. Ich sage Ihnen das, damit Sie auf die Unfreundlichkeiten des Herrn Parangon nicht achten. Seine Mutter und seine Schwestern haben ihn gegen Sie ein wenig beeinflußt.« – »Madame, es tut mir leid, daß ich diesen drei Frauen mißfallen habe, aber was soll ich tun!« – »Nichts. Jetzt sind sie ja fort, ohne die Genugtuung mit sich zu nehmen, die sie erhofft hatten ..., Gelegenheit zu einer Unterhaltung zu finden, die ihnen Beweise meiner Zustimmung gegeben hätte ... Aber dies liegt nicht in meinem Charakter . .. Trachten Sie nur, sich mit Herrn Parangon leidlich zu vertragen; Herr d'Arras kann uns dabei behilflich sein; ihn müssen wir um Rat fragen.« – »Ich habe keine Hoffnung, daß es mir gelingt, Madame, es sei denn durch den Ausweg, den Sie mir gerade gezeigt haben. Was Sie anbetrifft, so ist es mir unmöglich, Ihnen nicht immer den Respekt und die Treue entgegenzubringen, die ich in meinem Herzen fühle.« – »Sie täuschen sich«, sagte sie zu mir und errötete ein wenig; ich sah, daß sie mir nicht alles, was sie wußte, gesagt hatte. «Was, Madame ... Ich sollte mich täuschen; ich kann doch nicht...« – »Ich will sagen, daß Sie ... es vermeiden sollen, zu sehr ins Feuer zu gehen, wenn Sie mich loben ... auch wenn Sie einige meiner Befehle ausführen müssen. Überlassen Sie dies Bardet, Tourangeot und Tiennette; es ist meine Pflicht, mich an die zu wenden. Stürzen Sie nicht die ganze Welt um, um dorthin zu gehen, wohin ich Sie nicht schicke; Sie haben eines Tages dabei meine beiden Schwägerinnen umgeworfen, so daß sie beinahe auf meine Mutter gefallen wären.« – »Ich habe es nicht bemerkt, Madame.« – »Ich weiß es.« – »Ich werde mir diese schmerzliche Zurückhaltung auferlegen, Madame ...; da Sie es mir befehlen, muß es wohl sein.« – »Ja«, sagte sie, »es muß sein, aber das ist nicht alles ... Ich will Ihnen jetzt einen Rat geben ... Aber er kostet mich ... Ich ... würde nicht wünschen ... wegen meiner Absichten mit Ihnen, an denen ich unbedingt festhalte, daß Sie eine zweite Madelon fänden, dagegen eine ehrenhafte Unterhaltung, die mehr vorgetäuscht als wahr sein könnte, die die Absichten des Herrn Parangon in bezug auf meine Schwester Fanchette vereiteln würde ...« – »Wenn es sich um eine Ehe handelt, so weiß ich mich zu benehmen.«

Tiennette kam herein. Frau Parangon ließ sie neben sich niedersitzen und fuhr fort, auf mich einzureden: »Ich kenne Ihre Gefühle. Sie sind ehrenhaft und können mich nicht verletzen. Aber weiß Tiennette alles, was ich Ihnen gesagt habe?« – »O lieber Gott, ja, ich weiß es, und ich verstehe es nicht, wie Damen in dem Alter, mit dem Geist solche Ideen haben können! Sie haben eines Tages dem Herrn sogar gesagt: ›Da, sehen Sie nur, Herr Nicolas ist in die Meisterin verliebt!‹ ... Natürlich stimmt das nicht.« (Ich errötete bei dem Gedanken: »Man ist ebenso scharfsichtig wie geistreich«, aber ich nahm mir vor, es mir zu merken und mich besser zu hüten.) »Der Meister hat Ihnen ja auch gesagt«, fuhr Tiennette fort, »er habe zu gute Beweise vom Gegenteil, um es glauben zu können. Er ist ja in drei oder vier gleichzeitig verliebt. Ich kenne drei Mätressen von ihm, ohne die jetzige.« (Hier hielt Frau Parangon der unschuldigen Tiennette den Mund zu, die ihre Meinung wiederholen wollte, ohne ihre Wirkung zu bedenken.) »Ja, Madame, man hat das gesagt, und der Herr hat geantwortet, was ich eben sagte ... Da muß man sehr verdreht sein! ... Schließlich, wissen wir denn nicht, was mit Fräulein Madelon war, als sie noch lebte? Ha, wenn ich nicht Dienstbote wäre, wenn ich es wagen dürfte, zum Herrn zu sprechen, ich wüßte wohl, was ich ihm sagen würde!« – »Sie wissen recht gut, Madame, was meine Wünsche und meine Hoffnungen sind; ich liefere mich Ihrer Gerechtigkeit aus.« – »Seien Sie sicher«, antwortete Colette, »daß ich weiß, woran ich mich halten muß. Aber lesen wir etwas«, und sie gab mir Racine. Ich las die Phädra, die einen sichtlichen Eindruck auf die naive Tiennette machte. Aber ein Gedanke, den sie aus ihrer unschuldigen Seele empfing, erschreckte Frau Parangon: »Eine Frau liebt einen anderen als ihren Gatten?«

Als ich an der Feuchtkammer vorbeiging, hörte ich ein Geräusch. Ich ging um zu sehen was es sei und erblickte Gaudet d'Arras. Ich argwöhnte, daß er uns belauscht habe. Aber da er den Schlüssel hatte, konnte ich ihm nichts sagen. Übrigens tat er so, als ob er gerade käme. Er sagte mir, daß er mir etwas mitzuteilen habe. Es war ein langes Geständnis, das sich auf die schöne Hollier bezog. Es war aber so deutlich, daß ich, als ich ihn verließ, ganz verblüfft war. Ich stieg, ganz in Gedanken versunken, hinauf. Ich glaubte, in den Blicken von Frau Parangon Menschlichkeit gelesen zu haben. Ich war durch den Anblick ihrer Reize entzückt, und vielleicht hätte ich mich ermannt, wenn Tiennette nicht dabeigewesen wäre ... Ich stand in Flammen ... Ich blieb bei meiner Kammertüre stehen und dachte nach, was ich machen könne, solange Herr Parangon fort sei. Ich dachte an meine Unterredung mit Colette, an die Vorlesung von Phädra, an die Worte Tiennettes, an die Schilderungen, die mir Gaudet d'Arras eben gegeben hatte, an sein Wort: »Das ist aber eine schöne Strohwitwe.« »Man muß glücklich sein!« rief ich aus. »Sie ist zu schön, als daß mir jemals Gewissensbisse kämen. Sie will nicht ..., daß ich eine zweite Madelon fände ... aber eine ehrenhafte Unterhaltung ... Ich kann nicht daran zweifeln, daß sie sich meint! ... Ja, wenn es nur so wäre! ... Sie will nicht eine neue Madelon; sie ist ebenso gütig wie Madelon. Sie übertrifft sie sogar. Sie will mich vor geheimen Seitensprüngen und vor der Ausschweifung bewahren. Gehen wir! Sie wartet auf mich. Schonen wir ihr Schamgefühl. Keine Bewegung, die sie verletzen könnte. Besitzen wir diesen angebeteten Gegenstand mit Respekt ... ! Tun wir so, als ob wir nicht glauben, daß sie wach sei ...«

Das waren die Gedanken, die mich zu dem kühnsten aller meiner Abenteuer bewogen. Ich stieg ganz trunken vor Liebe und Hoffnung hinunter. Ich konnte mir nicht gut vorstellen, was geschehen würde ... Nackt, nur im Hemd, trotz der Kälte, durchquerte ich den Hof ... ich brannte. Als ich zur Tür des Schlafzimmers gekommen war, die nur von innen geschlossen werden konnte, drückte ich leise auf die Türklinke, so daß ich kein Geräusch machte. Ich schlich hinein und machte die Tür mit der gleichen Vorsicht wieder zu. Begünstigt durch das schwache Licht der Nachtlampe ließ ich mich langsam bei Colettes Bett auf die Knie nieder. Ich versuchte sie zu berühren. Aber die bescheidene Frau (dies war ein Zeichen, das mich stutzig machte) hatte die Brust und andere Reize sorgfältig verhüllt ... Ich war in einer furchtbaren Situation ... Sie wachte auf, streckte ihre Hand aus und rief: »Eine Katze, eine Katze! Wer ist da?« Dann besann sie sich und fuhr fort: »Tiennette, Tiennette?« Ich legte mich auf den Bauch; ihr Arm erreichte mich nicht, obwohl sie ihn gegen mich ausstreckte. Wenn sie mich gespürt hätte, was wäre geschehen? Ich zittere noch jetzt bei dem Gedanken daran. Sie hätte mich für einen Dieb gehalten. Sie wäre vielleicht sogar gefährlich erschrocken; sie hätte geschrien, wenigstens geläutet! Tourangeot, der Faktor, Bardet, Tiennette und Jean Lelong wären herbeigelaufen. Ich wäre erwischt und für immer verloren gewesen.

Sie deckte sich wieder zu. Ich hörte, daß sie wieder eingeschlafen war, was ich aus ihrem Atem entnahm. Ich trachtete, ihr einen Kuß zu rauben ... Aber ich konnte es nicht erreichen. Ich hätte sie wegen ihrer Lage aufgeweckt. Ein wenig Beruhigung ließ mir die Vernunft wiederkehren. Ich fühlte, daß ich mich zurückziehen müßte, ohne ein Unternehmen versucht zu haben, von dem ich nicht hoffen durfte, daß es mir ein zweites Mal gelingen würde. Ich öffnete wieder die Türe und schloß sie, lediglich dadurch, daß ich mich ganz langsam bewegte, lautlos. Es spricht viel dafür, daß mich Colette gehört hat. Denn sie gab mir Zeit, wieder hinaufzusteigen, bevor sie Tiennette läutete, die in der Küche schlief, die vom Schlafzimmer durch einen Teil des Vorplatzes getrennt war.

Nachdem ich wieder in meine Kammer gekommen war, legte ich mich zu Bett. Trotz der Kälte und meiner Nacktheit drang mir der Schweiß aus allen Poren. Ich deckte mich gut zu, aber ich zitterte erstarrt vor Angst, als ob ich einen Fieberschauer hätte. Mein Zittern war so heftig, daß sogar das Bett sich bewegte.

Endlich beruhigte ich mich und fiel in einen tiefen Schlaf; als ich ein sachtes Knirschen hörte, wie wenn jemand langsam geht und dabei die Sandkörner zertritt, horchte ich auf. Meine durch einen gewöhnlichen Holzriegel verschlossene Tür öffnete sich, jemand trat ein, und das Licht von Tiennette, die gleichzeitig zu Frau Parangon hineinging, warf einen leichten Schimmer, der mich eine junge Person von Colettes Gestalt unterscheiden ließ, nur im Leinwandleibchen ... die Gestalt warf ihren Rock ab und legte sich nur in Strümpfen und Nachtjäckchen in mein Bett.

Ich war nicht der Bursche, der über einen solchen Besuch erschrocken wäre, aber ich war in einer merkwürdigen Verwirrung. Ich sah wohl, daß d'Arras dahinter steckte. Aber mit wem war ich beisammen? Tausend Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, nur der nicht, den man mir scheinbar beibringen wollte. Ich dachte an Frau Linard, an Fräulein Hollier, an Tiennette, sogar an Berdon. Als die Gestalt sich wieder entfernte, erkannte ich Goton Pouillot, das appetitliche Zimmermädchen von Fräulein Hollier. Oh, Gaudet d'Arras! Du benutzest zu viel Gelegenheiten, mich verderbt zu machen; das wäre schon ohnedies geschehen! ...

Am nächsten Morgen sagte mir Colette kein Wort davon, was sich in der Nacht zugetragen hatte. Wenn sie mich auch beargwöhnte, so hatte sie doch zu viel Schamgefühl, um es mich merken zu lassen. Sie teilte sogar Tiennette und Bourgoin nichts mit, selbst Manon nicht, ihrer Freundin. Aber am Abend bat sie letztere in meiner Gegenwart, während der Abwesenheit des Herrn Parangon bei ihr zu schlafen. Sie hatte gut daran getan, Manon Bourgoin zu wählen; denn wenn ich eine neue Unklugheit begangen hätte, so wäre sie uns beiden eine Freundin und außerstande gewesen, jemand anderem etwas mitzuteilen, außer meinem Ratgeber Gaudet d'Arras.

So war der Hergang und das Ende meines ersten Attentats, das mir in der Folge viel schrecklicher erschien, als es mir jetzt war. Ich bestärkte mich an dem Gedanken, daß mich Colette erkannt habe, aber daß sie nachsichtig sei. Am Tage der Ankunft des Herrn Parangon machte ich mir zornige Gedanken, in denen er die handelnde Person war (denn trotz allem kannte ich die abstinente Lebensweise der beiden Eheleute nicht).

Als ich nach Haus kam, war die Haustür geschlossen. Ich hütete mich, anzuklopfen, sondern lief zu Gaudet d'Arras, um mir von ihm den Schlüssel zur Feuchtkammer zu holen. Ich fand ihn aber nicht. Als ich wieder zurückkam, bemerkte ich Gaudet de Varzy, dem eben Marie leise öffnete. Ich klagte ihm meine Verlegenheit ... »Zum Teufel, du wirst bei mir schlafen.« Wir stiegen in sein Turmzimmer hinauf und legten uns hin. Nach einigem Hin und Her schliefen wir ein. Gegen zwei oder drei Uhr morgens wachte ich auf und fand mich allein. Ich wußte nicht, was aus meinem Kameraden geworden war und rief ihn halblaut ... Als ich sicher war, daß ich im Turmzimmer allein sei, erhob ich mich und stieg in den zweiten Stock hinab; ich stieß mit dem Finger an eine Tür, die nachgab. In der Absicht, mich zu unterhalten und über den Schrecken zu lachen, den ich Maria einjagen würde, ging ich hinein. »Sind Sie es?« sprach man zu mir ganz leise. Ich schwieg. Ich ging, geführt von der Stimme, aufs Bett zu. »Ich will nicht«, sagte eine Stimme, die mir ganz unbekannt war. Ich legte mich, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich allein sei, trotz dieser kleinen Redensart ins Bett. Ich glaubte, Gaudet ein schönes Stückchen spielen zu können, und ich versprach mir, mächtig darüber zu lachen, wenn er käme und mich entdeckte. Währenddessen lag ich neben einem Mädchen, das sehr wohlbeleibt war und das nach einigen Küssen die Redensarten beiseite ließ; auch wurde ich wie ein erwarteter, ersehnter Mann behandelt.

Ich kam in Versuchung, mich großmütig zu erkennen zu geben, aber ich wurde durch die Angst, das Mädchen dadurch zu kränken, davon zurückgehalten. Diese Angst war sogar so groß, daß ich Gaudet vollkommen vertrat! ... Ich war über die Vollendung der Reize entzückt, die man mir ganz auslieferte. Jeden Augenblick kam es mir aber in den Sinn: »Mit wem bin ich denn eigentlich zusammen, und wo ist Gaudet?« Ich hatte zuerst gewünscht, daß er mich auf diesem Platz finden würde, aber bald fürchtete ich es. Die Natur sprach kräftig, und ich übte immer wieder die Rechte meines Gastgebers. Ich blieb mehr als eine Stunde bei dieser süßen Beschäftigung. Endlich verließ ich das Mädchen und stieg wieder hinauf. Zu meinem großen Erstaunen war das Bett noch immer leer. Ich hatte, als ich das Mädchen verließ, gedacht, daß mir vielleicht Gaudet zuvorgekommen oder daß seine Abwesenheit nur durch eine dringende Notwendigkeit hervorgerufen sei; da ich ihn bei meiner Rückkehr nicht antraf, war ich überzeugt, daß er anderswo das Glück gefunden hätte. Aber wer war sie? Es gab in dem Hause doch keine anderen Frauen als Marie und die Meisterin.

Als der Tag langsam dämmerte, kam Gaudet zurück. Ich hörte ihn, stellte mich aber schlafend. Er legte sich leise hin, aber einmal im Bett, genierte er sich nicht mehr. »Hast du gut geschlafen?« fragte er mich. – »Ich habe die ganze Nacht durchgeschlafen.« – »Ha, ha, um so besser; ich hatte Angst, die fremde Schlafstelle könnte deinen Schlummer stören.« Er ließ es dabei, und ich war ebenso diskret wie er. Wir standen auf, und ich kehrte nach Hause zurück, um an meine Arbeit zu gehen.

Zu Mittag, nach dem Essen, ging ich zu Frau Minon, um mir dort die Personen auf ihre Physiognomie anzusehen. Kaum war ich dort, so sah ich ein Mädchen mit seiner ziemlich beleibten, aber frischen und schönen Mutter, es erschien mir recht lebhaft, außerdem noch Marie. Ich fragte Gaudet, ob dieses junge hübsche Mädchen im Hause geschlafen hätte. »Ja«, sagte er mit einem Kopfschütteln. Er führte mich etwas auf die Seite: »Dieses Mädchen kommt aus Paris, wo es bei einem Advokaten dient, dem Bruder unserer Meisterinnen, Frau Minon und Frau Parangon. Sie wird hier etwa acht Tage wohnen. Sie hat mir darauf ihr Wort gegeben; aber sie hat sich wohl über mich lustig gemacht; sie hat alles der Marie erzählt, die sehr eifersüchtig ist, warum, das weißt du ja; so sehr, daß sie sogar das Zimmer und das Bett getauscht haben. Das Mädchen aus Paris hat im zweiten Stock geschlafen. Ich wurde gefoppt, wie du siehst, und mußte die ganze Nacht bei meiner Alten schlafen, um ihr zu beweisen, daß ich nicht bei der Neuen sei. Sie hat mir einen Krach gemacht ... als ich sie vier Stunden lang beruhigt hatte, begann sie von neuem.« Ich glaubte ihm darum, weil ich den neuen Ankömmling besessen hatte. Jetzt schaute ich sie mir genau an. Sie war wirklich hübsch. Sie errötete, als sie meine Bewunderung sah, klopfte Marie auf den Arm und sagte: »Siehst du diesen Scheinheiligen dort? Vertrau dich ihm nur nie an!« Ich allein verstand sie.

Dies war auch eines der unerwarteten Abenteuer, die auf die Sitten einen so unheilvollen Einfluß haben, die das Zartgefühl zerstören ... Am Abend erfaßte mich eine leise Regung von Eifersucht. Ich ging zur Haustüre des Herrn Minon. Ich wollte nicht, daß Gaudet das Unglück vom Vortage gutmachen könne; Gunstbezeugungen, die ich erhalten hatte, ließen mich diese Teilung fürchten. Ich ging auf das Mädchen aus Paris zu, die allein an der Türe stand, denn Marie servierte bei Tisch. Aus Angst, diese Gelegenheit zu verpassen, raunte ich ihr rasch zu: »Na, was ist, meine Schöne? Ich weiß, daß Sie es sind, die diese Nacht einen jungen Mann in ihrem Bett empfangen hat, der ...« – »Mein Herr, ich weiß nicht, was Sie sagen wollen und ...« – »Sie wissen es ganz gut, streiten wir nicht; wir werden nicht mehr Zeit haben, uns zu verständigen ... Der junge Mann, den Sie empfangen haben, bin ich. Wir haben es beide nicht zufleiß getan; ich wollte nur Gaudet überraschen, ohne irgendeinen Hintergedanken dabei zu haben. Ich wußte Sie nicht hier; wir haben uns noch nie gesehen. Sie sind schön; das Schwerste ist schon überwunden; vereinigen wir uns doch heute nacht freiwillig. Gaudet wird bei seiner eifersüchtigen Marie schlafen, ich bei Ihnen; wir werden alle zufrieden sein.« Die Freche lächelte, errötete aber trotzdem; ich nahm ihre Hand, sie drückte die meinige, und alles war abgemacht. Marie war von unserer Vereinbarung begeistert – wir konnten sie ihr nicht gut verbergen –, und unterstützt von ihr, verbrachte ich alle acht Nächte des Aufenthaltes der schönen Flipote in ihren Armen ...

Währenddessen ereignete sich aber ein Zwischenfall. Marie, ihres Gaudet sicher, quälte ihn nicht mehr. Eines Nachts (der fünften, während der zweiten Ruhepause) kam dieser ausgelassene Mensch, um an den verbotenen Früchten zu rühren. Flipote und ich waren aber sehr schlau. Ich bemühte mich, mich auf die Seite zu wälzen, an die Gaudet heranschlich. Er näherte sich mit ausgestreckter Hand und fand einen Mann, bebärtet usw.! ... Der Mann schien zu schlafen! ... Gaudet zog sich zurück. Es fiel ihm ein, daß es sein Stellvertreter war. Er bebte vor Zorn; da glaubte er, eine ausgezeichnete Idee zu haben: Er geht hinunter und öffnet die Tür des meisterlichen Schlafgemaches. Er drückt leise auf den Knopf des Holzriegels (denn in allen diesen Häusern verschloß man die Türen gewöhnlich nicht); er schleicht zum Bett und tastet. Die Dame ist allein. – »Ha, lieber Gott, mein Freund, du kommst aber sehr spät nach Haus.« Gaudet antwortet nicht und tut so, als ob er sich ausziehen würde. Man weiß aber nicht, was dieser Unverstand tun wollte, wenn Herr Minon, der manchmal die halbe Nacht durch spielte, leise den Haupttorschlüssel umdrehen würde. Gaudet stellt sich hinter die Tür, und während Herr Minon bei Marie Licht holen geht, steigt er gemächlich in sein Turmzimmer hinauf. Ich erfuhr dies alles am nächsten Morgen von ihm selbst.

Am neunten Tag kam die Herrin Flipotes aus Semur-en-Auxerres, die ihr Mädchen nicht dorthin mitnehmen wollte; der Grund hierfür war ein junger Mann aus Semur, den ihr Mann hatte dorthin zurückschicken müssen, weil er sich in das junge Mädchen verliebt hatte ... Der Advokat wohnte bei seiner lieben Schwägerin Frau Parangon. Aber sein Aufenthalt vor der Rückkehr nach Paris dauerte nur drei Tage. Während dieser Zeit wurde Flipote schwanger; sie bezeichnete mich als Vater. Man schrieb an Frau Parangon, die sich, ohne mir davon etwas mitzuteilen, bei ihrer Schwester erkundigte. Man versicherte ihr, daß ich nie mit Flipote gesprochen hätte.

Ich bedauerte damals, immer noch nicht tanzen zu können. Frau Bonne-Baron begann wieder, kleine intime Tanzereien bei sich zu geben, nachdem die Trauerzeit für Madelon vorbei war.

Ich war sehr beschämt, nicht dorthin gehen zu können, denn ich hatte den Plan gefaßt, Manon Baron zu verführen, die mir mehr Bereitwilligkeit zeigte als Berdon. Manon schien mir übrigens von verliebter Natur und zeigte sich der Ehe sehr abgeneigt. Ich hoffte, während ich auf Fräulein Fanchette wartete, mich gut zu unterhalten. Ich nahm mir einen Tanzmeister, der mir durch Ruttot empfohlen worden war. Er war ein Holländer, der bei Fontenoy oder Berg-op-Zoom in Kriegsgefangenschaft geraten war, und der sich, wie tausend andere, in Frankreich niedergelassen hatte. Er gab mir die ersten Stunden unter vier Augen ... Als ich nach der Violine zu schreiten begann, bat er eine Nachbarin, eine Freundin seiner Frau, mit mir die Figuren zu tanzen. Sie war eine junge Witwe mit braunen Haaren, sehr schön, nicht scheu, kurz eine zweite Flipote. Das Tanzen mit ihr wurde mir, nicht durch sie, so lieb, daß es fast in Leidenschaft ausartete. Vom Anbruch des Morgens an ersehnte ich den Abend, um tanzen gehen zu können. Kaum war ich ein wenig geübt, so führte mich die braune Pernon, meine Partnerin, in den Tanzsaal.

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