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Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe

Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRestif de la Bretonne
titleMonsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe
publisherGala Verlag GmbH
editorH. Lewandowski
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid2db2326f
created20061018
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4

Am 14. Juli weckte mich mein Vater um 3 Uhr früh auf: »Nicolas (ich glaube ihn noch zu hören). »Nicolas!« – »Was ist?« – »Mein Sohn, ich sehe das erste Morgenrot.« – »Ich stehe schon auf.« Und ich stand zitternd auf, mein Herz schlug: mußte sich doch mit diesem Tag mein Leben gänzlich ändern. Am Abend desselben Tages sollte ich mich nun in einer ganz anderen Lage befinden als am Morgen. Diese Gedanken beschäftigten mich beim Anziehen. Meine Mutter sagte mir: »Liebes Kind, Morgenstunde hat Gold im Munde; man weiß nicht, was einen untertags alles aufhalten kann; es sind von hier bis zur Stadt sieben lange Stunden.« Zu seiner Frau gewandt sagte mein Vater: »Er wird noch vor Mittag ankommen, meine Liebe! Er wird die Mittagshitze vermeiden, der arme Junge; und auch der Esel der Tante wird nicht so müde werden ...«

Ich verschlang als Frühstück zwei frische Eier und stürzte einen großen Becher Weißwein hinunter. Der Vater sattelte mein Grautier selbst; wir befestigten die Köfferchen ..., die Mutter weinte herzzerreißend. Mein Vater begleitete mich bis zum Fuß der Anhöhe Vèzehaut und verließ mich erst, als der Tag ganz angebrochen war. Beim Abschied sagte er mir folgendes:

»Nicolas, du kommst in die Stadt. Du trägst meinen Namen, der wegen meines guten Vaters und wegen aller meiner Vorfahren hier sehr geachtet ist. Erinnere dich immer an diese Tatsache. Es gibt drei Dinge, die mir das Herz brechen würden: Mangel an Redlichkeit, Trunksucht und deine Verheiratung mit einem Mädchen, das sich zum Dienst in der Stadt erniedrigt hat. Vergiß das nie!«

Mein lieber Leser! ... Welch ein Abschnitt in meinem Leben! Es wird dadurch in zwei ganz verschiedene Hälften getrennt! ... Jetzt war ich Herr meiner Taten, der kleinsten Kleinigkeiten meines Lebens. Ich, der ich die Frauen bisher nur scheu angesehen hatte, war nun in einer Stadt, wo die Häuser nicht zerstreut liegen, wie im Kirchspiel von Courgis oder wie in la Bretonne. Die Häuser stehen nebeneinander und sind voll schöner Mädchen (denn bei meiner Ankunft in der Stadt ließ mir die Neuheit der Situation alle Mädchen schön erscheinen). Ich, dessen Begierden noch so leicht zu erwecken waren, war nahe daran, sie alle zu umarmen...

Ich fragte Herrn Chambonnet, der auf meinem Wege wohnte und dessen Adresse ich hatte, nach dem Hause des Herrn Parangon; er gab mir seinen Sohn als Führer mit. Die alte Uhr, bei der wir vorbeikamen, bestaunte ich lange. Der junge Chambonnet zeigte mir eine Kugel, die den Mond vorstellte und je nach den Phasen schwarz oder golden war (sie war so wie die auf der Sorbonne); ich war entzückt!...

Endlich erreichten wir Herrn Parangons Haus. Chambonnet, flinker als ich, meldete mich an und stellte mich einer großen schönen Dame vor, die ich, da ich sie nicht gerade anzublicken wagte, für Frau Parangon hielt; aber ich wurde bald aufgeklärt, als ich in ihr eine meiner Spötterinnen erkannte. Ich schnallte allein meine Koffer ab, ohne daß die Dame mich im geringsten beobachtete. Chambonnet führte den Esel Martin fort. Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte, niemand sprach mit mir. Als der großen Dame meine Koffer im Weg waren, rief sie mir mit einem geringschätzigen Blick zu: »Wollen Sie das hier stehen lassen?« – Ich antwortete stotternd: »Ich weiß nicht, wohin damit.« – »Hierher«! – und sie zeigte auf eine Glastüre, die auf den Vorplatz ging.

Als die Köchin Aimée, eine gute und hübsche Person, mich meine Koffer schleppen sah, half sie mir bereitwilligst. Sie zeigte mir eine Kammer, die neben dem Abort lag, und sagte: »Wir werden sie hier hineintragen; das ist die ›Kammer der Lehrlinge‹.« – Sie rief meinen Kameraden Boudard und den Diener Tourangeot, die hastig herbeieilten. Diese halfen mir meine Koffer aufstellen und erboten sich beim Weggehen, mich in die Druckerei zu führen. Ich lehnte dankend ab; denn Aimée reichte mir, da ich auf das Essen wartete, eine Erfrischung. Die Güte dieses schönen Mädchens rührte mich. Ich zeigte ihr dies auf eine Art, die ihr zu schmeicheln schien. Ich wollte eben dem jungen Chambonnet nachlaufen, der Martin nach Hause führte, als Herr Parangon auftauchte, was mich daran hinderte. Ich beeilte mich, ihn zu begrüßen. Er würdigte mich nur der kurzen Worte: »Sind Sie da? – Denken Sie daran, daß Sie immer Ihre Arbeit tun.« Dann kehrte er sich um.

Als man das Essen auftrug, sagte die große Dame zu mir: »Junge, gehen Sie in die Küche.« Ich ging in die Küche am Ende des Vorplatzes, ohne daß mich Herr Parangon, der sehr höflich mit seinem Schwiegervater sprach, beachtete. Der Lehrling und der Diener setzten sich neben mich. Die Köchin, die uns die Reste des Gemüses brachte, sagte dem letzteren, er solle servieren gehen. Er schluckte seine Suppe hinunter und lief fort. Boudard schimpfte zu mir über Tourangeot. Aimée sagte mir lachend: »Das ist eine Auszeichnung für Sie, Herr Nicolas; Boudard vertraut auf Ihre Verschwiegenheit.« Dieses Wort gab mir von Aimée eine gute Meinung.

Der Tischwein war ganz gut und ich hungrig; mir war es ziemlich gleich, ob ich in der Küche oder am Tische des Meisters aß; im Gegenteil, ich blieb so in meiner guten Laune ungestörter. Boudard stammte auch aus Vermenton, der Sohn des Herrn Boudard-la-Grenouillere, eines Feldmessers, der mit meinem Vater befreundet war; ich fragte ihn während des Essens, wer die große Dame sei, die ich für Frau Parangon gehalten hatte. – »Es ist Fräulein Manon Gauthier, die Schwester des Herrn Gauthier de Prehy; ihre Mutter war eine Quatrevaux; sie ist die Kusine der Meisterin, die momentan in Paris ist.« – »Herr Gauthier de Prehy ist doch mein Vetter vierten Grades.« Tourangeot trat wieder ein. – »Ho, ho, sie weiß aber nichts davon, da sie gerade den Meister gefragt hat: ›Wer ist der Bursche, der eben gekommen ist?‹ Herr Parangon hat geantwortet: ›Es ist nur ein Lehrling, den mir mein Schwiegervater verschafft hat.‹« Was mich betrifft, ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn diejenige, die mich so schlecht empfangen hatte, Frau Parangon gewesen wäre.

Nach dem Essen wollte ich nachschauen, wie man den Esel Martin versorgt hatte. Schüchtern und gutmütig wie ich war, glaubte ich die Erlaubnis von Fräulein Gauthier zu benötigen, und ich bat sie mit folgenden Worten darum: »Mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich nach meinem Esel sehe?« –- »Gehen Sie«, sagte sie höhnisch; »man darf seinesgleichen nicht vernachlässigen.« Ich war ein wenig bestürzt. Man hatte mich bis dahin überall mit viel Höflichkeit behandelt, und Fräulein Gauthier war die erste Person, die die Höflichkeit vernachlässigte. Das Herz war mir schwer, und ich weinte unterwegs beinahe. Nach meiner Rückkehr war es schlimmer. Ich hörte Fräulein Gauthier zu Herrn Parangon sagen: »Da ist ja Ihr Bauer, der mich um die Erlaubnis gebeten hat, seinen Esel zu sehen, ha, ha...« Ich hörte den Schluß nicht mehr.

Ich stieg das erste Mal in die Druckerei hinauf. Boudard empfing mich dort. Mein erstauntes und naives Aussehen machte die Arbeiter lachen. Jeder hänselte mich in der gröbsten Weise, vor allen anderen die Frau des Gehilfen Jeury. (Sie war eine Kusine des Herrn Parangon, eine sehr hübsche, blonde Frau, aber ein wenig leichtsinnig.) Dies tat auch eine gewisse Manon Vernier, eine Pariserin, auch eine Kusine des Herrn Parangon, die Tochter eines Schriftgießers, die zufällig da war. – »Bei dem wird man Geduld brauchen«, sagte die erste. – »Warum das?« fragte ein Arbeiter namens Chenou. –- »Weil er so einfältig aussieht!« antwortete Manon.

Man muß bedenken, daß ich das Kleid eines Landgeistlichen trug, was schon ans Lächerliche streifte. Mein Aussehen war so naiv, daß solche Leute es mit Einfältigkeit verwechseln mußten. Ein gewöhnlicher Bauer erscheint mit seinem einfachen Aussehen als das, was er sein soll, und alles stimmt. Aber das Kleid eines Gelehrten zeigt eine gewisse Aufgeblasenheit, die zu meiner Naivität in Widerspruch stand ... Das ist nicht der einzige Grund, warum ich Demütigendes hörte. In allen Gewerben sehen die Arbeiter nur mit Mißvergnügen den neuen Ankömmling, der ihr Brot teilen soll, und sie suchen ihm jeden möglichen Widerwillen einzuflößen. »Was für Menschen«, sagte ich zu mir selbst; aber Herr Boudard-le-Grenouillère, dessen Frau von Stand ist, hat ja auch seinen Sohn hergegeben. Warum sollte ich nicht hier sein? Sein Vater ist hochgeachtet wie der meine, er ist sogar feiner.«

Ich tröstete und ermutigte mich so, bemerkte aber mit Erstaunen, daß einige Arbeiter an der Presse sehr zerlumpt aussahen. Als Boudard mein Erstaunen bemerkte, flüsterte er mir ins Ohr: »Das sind Trunkenbolde.« Als ich bei der Presse des Chenou vorbeiging, nahm mich dieser Mann, der ein großer Schwätzer, aber ein kleiner Arbeiter war, bei der Hand und sagte zu den anderen: »Er wird ›Eisenhandschuhe‹ brauchen.« Dies ist eine Redensart, die ich aber nicht verstand, und niemand klärte mich auf.

Die erste Arbeit, die mir Boudard gab, schien mir nicht sehr anheimelnd. Boudard war nämlich mein Vorgänger, dem meine erste Instruktion anvertraut war. Ich hatte mir eine vornehmere Tätigkeit in dieser so erlesenen Kunst vorgestellt. Aber diese Arbeit bestand im ›Auflesen‹, das heißt, aus dem Schmutz die Typen heraussuchen, die den Arbeitern heruntergefallen und die dem Auskehrer (dies mußte ich ja sein) entgangen waren; dann mußte ich sie wieder zusammensetzen, ohne Worte daraus zu bilden, sie verteilen und wieder einordnen. So hatte ich bei meinem Debut die Nase im Staub, wie ein Pariser Lumpensammler.

Ich habe schon gesagt, daß die Lehrlinge den Arbeitern unterstellt sind, die auf sie keine Rücksicht nehmen; so hatte ich ebenso viele Meister, als es Arbeiter gab, und kaum war ich eingetreten, mußte ich allen folgen. Ich empfing fast während der ganzen Arbeitszeit unnütze, ungerechte, lächerliche, manchmal sogar verbotene Befehle. Ich mußte nicht nur alle Wünsche der Arbeiter erraten, sondern auch ihre Dummheiten, die von zweiunddreißig Arbeitern, vom Meister, von den zwei Frauen, von meinem Leidensgefährten und selbst vom Diener, der mich sogar Wasser tragen ließ. Ich mußte das Frühstück oder die Vesper holen gehen, den Wein, den Tabak und alles andere. Aber das ist noch nicht alles: Ich mußte auch der Laufbursche dieser ›Herren‹ sein, ihre Briefchen ihren Geliebten bringen, derer ich mich geschämt hätte. Diese Briefchen waren ebenso erotisch wie gemein und lasterhaft-zärtlich. Das schönste war, daß, wenn die Herren der Presse nicht schreiben konnten, wie Billom aus Limousin, oder wenn sie nicht diktieren konnten, wie alle anderen, mit Ausnahme von zweien, ich schreiben oder ihre groben Zärtlichkeiten ausrichten und sie, sei es einer Wäscherin, sei es einer Köchin, verdolmetschen mußte.

Alle diese Leute hatten nicht die geringste Ahnung von guter Sitte. Mein Kamerad Boudard hatte vor seinem Eintritt bei Herrn Parangon einen ausgezeichneten Charakter gehabt, der später, im Alter der vollkommenen Entwicklung seiner Fähigkeiten, wiederkam; jetzt aber war er ein wahres kleines Ungeheuer, das alle Schandtaten in sich verbarg. Der Faktor Tourangeot hatte seinem Meister geholfen, halb Flandern auszurauben und zu vergewaltigen. Er erzählte kaltblütig, wie ihm sein Meister, ein gewisser Jeaurat aus Vermenton, einige gefangene Landmädchen überließ, wenn es ihm nicht möglich war, von den Eltern dieser Unglücklichen ein Lösegeld zu erpressen; wie er eine vergewaltigen wollte und wie er dann, als die Armeen sich entfernt hatten, von der Familie fast erschlagen worden wäre. Tourangeot war der Liebling des Meisters, der ihm sogar das Angebot gemacht hatte, ihn mit Marie, einer früheren Dienerin, zu verheiraten; er hatte sich diese nur gefügig gemacht, indem er ihr diese Aussicht bot. Boudard war von allem unterrichtet, und als erstes erzählte er mir diese ganzen Geschichten; ich war so erstaunt, daß ich ein dummes Gesicht dazu machte.

Kaum hatte sich dieser junge Mann aus der Sklaverei, der unterste zu sein, befreit gesehen, als er sich den anderen Arbeitern zugesellte, um mich auch quälen zu können. Er stöberte meine Schwächen auf, um sie den Arbeitern mitzuteilen und mich so lächerlich zu machen. Sogar der Faktor tat das seinige. Ich war sehr erstaunt, daß die Dummheit wagte, sich über mich zu mokieren, da sie meine Überlegenheit doch spüren mußte. – Man weiß, daß es gewisse Prüfungen gibt, denen, seien es nun grausame oder lustige, jeder neue Ankömmling unterworfen wird. Das ist eine Art Einstandsgeld, das man ihn zahlen läßt. Im Druckereihandwerk war es damals gebräuchlich, den Lehrlingen weiszumachen, daß sie ›Eisenhandschuhe› brauchten. Ohne gerade dumm zu sein, konnte ein junger Mann, der in eine ihm fremde Situation kommt, wo er täglich Hunderte ihm unbekannter Ausdrücke hört, glauben, daß ›Eisenhandschuhe‹ ein terminus technicus sei.

Boudard, dem ich als Sohn des Freundes meines Vaters noch mein volles Vertrauen schenkte, machte mir diesen lächerlichen Scherz glaubhaft. – »Er wird nicht darauf hereinfallen«, sagten die Arbeiter; »ein Junge von dem Alter.« – »Ihr wißt ja nicht, wie kindisch er ist«, fiel mein perfider Kamerad ein. »Er wird sicher darauf hereinfallen.« Dann suchte er mich bei meiner Arbeit auf und sagte: »Nicolas, du mußt zum Schlosser gehen, um diese Eisenrähmchen richten und um dir gleichzeitig das Maß für die ›Eisenhandschuhe‹ nehmen zu lassen, damit, wenn du gezwungen bist, an der Presse zu arbeiten, du dich nicht verletzt.« Er gab mir das Eisenrähmchen und ich entfernte mich. Ich bestellte beim Schlosser die Handschuhe. –- »Ha, ha«, sagte dieser, »dazu muß ich dir doch erst Maß nehmen.« Dann suchte er ein Stück Eisenblech, bohrte in die beiden Enden Löcher, legte es um mein Handgelenk, und ehe ich mich versehen hatte, schlug er Nägel in die Löcher und vernietete sie. »Geh jetzt und laß sehen, ob das so gut ist.«

Ich mußte glauben, daß dieses Armband notwendig sei, da ich das notwendige Werkzeug für mein Handwerk noch nicht angesehen hatte. Ich lief weg, aber unterwegs kamen mir einige Zweifel: »Zu was kann dieser Eisenring am Arm dienen? Er hat ihn vernietet? Das ist sicher ein Scherz, bezeichnend für die Leute, die ihn machen.« Ich brach ihn mit Mühe wieder auf und ging nach Hause zurück, aber ich fürchtete diese brutalen Menschen derart, daß ich mich lieber ihrem dummen Gelächter aussetzen wollte, als irgend etwas Wichtiges falsch zu machen. Ich behielt deshalb das Blech an der Hand. Alle Arbeiter und vor allem der Schlingel Boudard, der mir gefolgt war, ohne daß ich ihn bemerkt hatte, und der gesehen hatte, wie die Nägel vernietet wurden, erwarteten mich am Fenster der Druckerei, das auf den Vorplatz ging. Kaum erschien ich, so klatschten sie in die Hände, wie bei den Volkssängern. Ich zweifelte nicht mehr, sondern trat in die Feuchtkammer und warf das Armband in den Keller. Man konnte nicht sehen, daß ich mich aufgehalten hatte, und ich stieg sofort, die Hände frei, zur Druckerei hinauf. Die Lacher fragten mich aus. Boudard war ganz verdutzt. Ich sagte kein Wort und tat, als ob nichts vorgefallen wäre.

Boudard war ein wirkliches Kind, nur mit Nichtigkeiten beschäftigt. Er ging zum Schlosser, um sich zu erkundigen. Der Handwerker sagte ihm: »Ja, er hat sie; ich habe sie ihm gemacht. Nach einigen Worten, die er mir gesagt hat, glaube ich aber, er ist schlauer als du, mein Freundchen, der den Erfahrenen spielt. Geh und schau, ob er den Ring nicht vielleicht über den Ellbogen hinaufgeschoben hat!«

Boudard kam in heftigem Zorne gegen den Schlosser zurück. Er erzählte seine Unterredung den Arbeitern wieder, die brummten, da sie glaubten, daß der Schlosser mich aufgeklärt hätte. Sie regten sich darüber auf, daß er ihnen den Spaß verdorben hatte. Ich war dann so gutmütig, einzugestehen, daß man mir einen Eisenring um das Handgelenk genietet hatte, aber daß ich, da ich sie bei meiner Rückkunft lachen hörte, diesen in die Feuchtkammer geworfen hätte. »Oh, was ist er für ein Dummkopf,« schrieen alle. »Und noch mehr, weil er es eingesteht«, sagte Jeury. Ich wußte wohl, daß diese Leute den Grund meines Geständnisses nicht verstehen würden. Ein vernichtender Blick war der einzige Ausdruck meiner Gedanken, und ich ging, wieder meine Typen einzuräumen.

Der Zufall rächte mich an Boudard auf drei Arten: Ich hatte schon meine drei Häufchen sortiert und lernte nun die Typen ablegen. Ich hatte sorgfältig die verrosteten und verbogenen Typen herausgesucht. Nachdem ich sie gewaschen hatte, füllte ich während der Frühstückspause die Kästen der Arbeiter. Bei ihrer Rückkunft waren sie entzückt, ihre Kästen voll zu finden; aber als sie die große Zahl der verrosteten und verbogenen Typen sahen, brummten sie und hätten mich trotz der Anwesenheit des Faktors fast mißhandelt, wenn der Meister nicht hereingekommen wäre. Der Irrtum klärte sich bald auf: der faule Boudard, der ein oder zwei Jahre lang aufräumen mußte, hatte dies, um seinen Nachfolger zu belasten, angestellt und wurde allein für schuldig befunden. Er wurde streng bestraft.

Man schaffte mir Arbeit im Magazin, und Boudard fiel aus seiner stolzen Freiheit wieder in seine frühere Sklaverei. Schließlich – und dies war etwas, was ihn noch mehr ärgerte – wurde uns aufgetragen, zusammen lateinische Märtyrergesänge zu setzen, die damals gerade gedruckt werden sollten. Es waren vierundzwanzig Seiten, von denen ich acht setzte, während Boudard sechzehn Seiten schaffen mußte. Meine Arbeit enthielt verschiedene typographische Fehler, da ich einige Buchstaben doppelt oder dreifach gesetzt hatte; alles übrige war jedoch richtig von mir gemacht worden.

Als wir es verglichen hatten, ging Boudard zum Meister hinunter. Sie lasen es. Da der Meister eine Menge Fehler entdeckte, fragte er, wo meine Arbeit sei. Er erkannte sie an den Unregelmäßigkeiten des Anfängers sofort. Nach der Korrektur zeigte der strenge Parangon seinem früheren Lehrling meine acht Seiten, haute ihm eins hinter die Ohren, und als dieser das Zimmer verließ, gab er ihm einen Fußtritt. Mein Kamerad kam weinend wieder zurück. Der Faktor fragte ihn, was er habe. – »Ich bin für dem seine Eseleien geschlagen worden.« – »Das scheint mir nicht ganz richtig. Der Meister weiß recht gut, daß Nicolas zum erstenmal gesetzt hat; er kann nicht damit rechnen, daß er alles richtig macht; aber noch viel weniger kann er dies bei dir annehmen.« Boudard wollte seinen Bürstenabzug nicht herzeigen. Monsieur Parangon kannte aber den kindischen Hochmut des Herrn von la Grenouillère und schlich ihm leise nach. »Nein, nein«, sagte er mit schrecklicher Stimme, »ich habe diesen Lausbuben nicht für die Eselei des Nicolas geschlagen, sondern für seine eigene unverbesserliche Dummheit, seine Unaufmerksamkeit, seine Faulheit.«

Meine eigentliche Lehrzeit würde erst nach zwei Probemonaten beginnen. Da die vier Jahre erst von diesem Datum an gerechnet werden sollten, so bemühte ich mich, diese Probezeit abzukürzen. Man erlaubte mir, meinen Vater zu besuchen. Ich hütete mich wohl, mich hier gleich zu beklagen, da ich fürchtete, man könnte denken: »Er taugt zu nichts«, und daß meine Brüder triumphieren würden. Dieser Gedanke allein hielt mich in der Druckerei, was mein Schicksal entschieden hat, wie man in der Folge sehen wird. Alles was ich an Klagen vorbrachte, bestand nur aus folgenden Worten: »Frau Parangon war leider bei meiner Ankunft in Paris und ist noch dort.« Mein Vater und meine Mutter erwiesen mir viele Zärtlichkeiten, und ich sah, da ich nicht klagte, daß ich nicht besorgt zu sein brauchte, meine Brüder könnten frohlocken.

Zu Monsieur Antoine Foudriat sprach ich etwas offener, worauf der mir trocken folgendes sagte: »Wenn du tust, was die anderen tun und es nicht zurückweisen kannst, ohne zu sehr anzustoßen, so mache nur so weiter; aber fühle das Schlechte aus allem, was du siehst, heraus. Wenn du gezwungen bist, die Schande zu sehen, dann denke daran, daß man sie nur sehen muß, um vor ihr Abscheu zu bekommen.«

Mein Vater bestimmte den Tag, an dem ich in die Stadt zurückkehren müßte, und ich begab mich zum großen Leidwesen meiner Mutter hin, die mich gern ausgefragt hätte. Denn sie sah, daß ich einige Sorgen verbarg, die mein Vater sich nicht scheute, noch zu vergrößern. Ich sah meinem neuen Aufenthalt nicht mit so großem Schrecken entgegen, wie seinerzeit bei meiner Rückkehr nach Vermenton. Ich spürte sogar einige Freude. Leise, ohne daß ich es wußte, begann ich, die Stadt zu lieben.

Die Freude, die ich hatte, da ich meine Probezeit vorbeigehen und meine Lehrzeit beginnen sah, wurde durch die Klagen über meine Faulheit, die M. Parangon vorbrachte, etwas abgeschwächt. Aber als ich meinen Vater ein Stück Wegs zurückbegleitete, der sich wie mich vor dem Notar gebunden hatte, glaubte ich die Wahrheit sagen zu können. Er fragte mich, warum ich nicht vor dem Meister gesprochen hätte. – »Ich wäre verloren gewesen, und ich bitte dich, ihm gegenüber nichts davon zu erwähnen.« –»Ich hätte dich zurückgenommen; ich würde dich noch jetzt zurücknehmen, wenn nur der Kontrakt nicht wäre, der uns bindet.« – »Ja, Vater, der Wein ist nun einmal eingeschenkt, man muß ihn austrinken.« Ich bemerkte, daß dies Wort ihm großen Eindruck machte. Er lobte meinen Entschluß und schien zufrieden. Wie ich schon gesagt habe, begann ich die Stadt zu lieben, und ich zitterte davor, sie verlassen zu müssen. Man muß die Gründe darlegen, lieber Leser: Ich liebte damals noch nicht eine einzelne Frau, sondern die Frauen, und ich wurde durch das Geschlecht mehr entzückt, als durch das Einzelwesen, wenn es auch noch so hübsch war. Ich sah in meinem neuerlichen Aufenthalt tausend Möglichkeiten, einen Trieb zu befriedigen, der von Tag zu Tag wuchs. In unserer Nachbarschaft wohnte auf der einen Seite die schöne Prudhot, die ich am Tage meines ersten Mittagessens mit Marguerite Pâris, unserer Haushälterin, bei Frau Jeury getroffen hatte. Auf der andern Seite lebten die drei Schwestern Baron, von denen ich noch keine vorzog. Dieser Umstand allein festigte schon meinen Entschluß. In kurzer Zeit würde ich andere Bekanntschaften der gleichen Art machen! Ich ahnte wohl schon das Erscheinen einer Edmée Servigné; ich ahnte wohl, daß die göttliche Colette aus Paris zurückkommen würde...

Die Abwesenheit der Frau Parangon dauerte nach meiner Ankunft in ihrem Hause noch drei Monate. Während dieser Zeit – die lang ist für den, der leidet – hat man wohl gesehen, was ich in der Druckerei ausstehen mußte. Hier noch einige Einzelheiten über den Haushalt. Er wurde zuerst von Fräulein Gauthier, meiner Kusine im vierten Grade, geleitet, die mich mit so vollständiger Mißachtung empfangen hatte. Aber ich brauchte nicht lange unter der Laune dieses großen Mädchens zu leiden. Sie hatte, obwohl er verheiratet war, ein Verhältnis mit ihrem Vetter, dem Postmeister Robin. Herr Parangon, welcher sehr liebebedürftig war, wollte diese Schöne erringen, aber eine geheime Liebschaft verteidigt die Unschuld einer Frau besser als ihre Tugend. Als sie sah, daß er sie zu sehr bedrängte, schrieb sie im geheimen an Frau Parangon, ihre Kusine, »daß sie sie nicht mehr vertreten könne, da ihr Gemahl verlange, daß sie sie zu vollständig vertrete.« Frau Parangon, die ihren Mann noch nicht kannte, glaubte, daß er doch seine eigene Verwandtschaft respektieren werde, und sie sandte aus Paris Manon Vernier, von der ich schon gesprochen habe. Sie war eine leibliche Kusine des Herrn Parangon. Nach Ankunft dieses Mädchens zog sich Fräulein Gauthier zurück.

Die Neue war eine kleine Pariserin mit vertrocknetem Gesicht, aber ziemlich hübsch, bedeutend kecker und viel geringschätziger denen gegenüber, die sie ›Bauern‹ nannte. Ich hatte das Unglück, ihr zu mißfallen. Sie machte sich mit der ganzen Offenheit einer kleinen Arbeiterin ohne Erziehung über mich lustig; dabei war sie sogar unfähig, den Minderwert falscher Brillanten abzuschätzen.

Eines Abends nach dem Essen ging sie mit Bourgoin und Boudard spazieren. Tourangeot lief zu seiner Marie und ich blieb allein mit Aimée. Ich nahm ein Buch, das mir bereits aufgefallen war. Es waren die ›Heroiden‹ von Ovid im lateinischen Urtext mit einer schlechten französischen Übersetzung in Versen. Ich las zuerst leise das Lateinische – ich dachte nicht an Aimée, die sich hinter mich gestellt hatte –; dann las ich laut die Epistel der Ariadne an Theseus. Ich war sehr bewegt und meine Stimme hatte den silbernen, sonoren Klang, der alles Gefühl in der Kehle zu vereinigen scheint.

Mitten in meiner Lektüre hörte ich einen tiefen Seufzer; ich drehte mich um: Die gefühlvolle Aimée zerfloß in Tränen. Nachdem ich geendet hatte, schluchzte das Mädchen. »Sie sind wohl sehr ergriffen, Aimée?« sagte ich zu ihr. –»Und Sie wohl auch, Nicolas? Ach wie sind die doch glücklich, die lesen können wie Sie! Sie finden in den Büchern alles das, was andere nur im Herzen fühlen können.« – »Gibt es irgend etwas, womit ich Ihnen helfen könnte? Sprechen Sie, Aimée, denn Ihr Blick zeigt mir, daß Sie mir etwas zu sagen haben.« – »Ja, Nicolas, Sie sind zartfühlend, anständig und kein Spötter«, sprach sie zögernd. »Ich hätte Ihnen eine Eröffnung zu machen..., eine Art Geständnis, das mir sehr schwerfällt. Seitdem Sie hier sind, habe ich mich mit Ihnen beschäftigt; es gibt niemand, der Ihnen gleichkommt, auch der Meister nicht. Ich weiß nur einen: die Meisterin, sie allein verdient es, Sie in ihrem Hause zu haben.« Sie schwieg, doch diese Umschweife beängstigten mich. Sie fuhr fort: »Wegen der Hochachtung, die ich Ihrer Handlungsweise zolle, werde ich Ihnen meine Lage anvertrauen: Ich habe einen Geliebten (ich atmete auf), und er hat mir versprochen, mich zu heiraten.« – »Er wird Wort halten ... Sie sind ein zu schönes Mädchen.« –-»Er ist Faßbinder und nennt sich Châtelain. Er hat mir zu verstehen gegeben, daß, damit sein Vater und seine Mutter einverstanden sind, es notwendig sei, ...« Sie errötete und senkte ihre wunderschönen, blauen Augen. Schließlich brach sie seufzend und schluchzend in Tränen aus. »Ich bin nämlich schwanger.« – »Was kann ich für Sie tun?« – Sie schluchzte. – »Beruhigen Sie sich, meine Liebe, was kann ich für Sie tun?« – »Schreiben Sie an Châtelain, der nach Joigny gegangen ist, und teilen Sie ihm mit, daß es nur von ihm abhänge, ob ich leben oder sterben soll.« – »Ja, ich werde sofort schreiben, und ich kann nichts Besseres schreiben, als was Sie mir sagen.« – »O Nicolas, ich werde Ihnen mein Leben verdanken, wenn er zurückkommt.« – »Liebt er Sie?« – »Ja, dessen bin ich sicher.« – »Ich auch, wenn ich nach Ihren Reizen schließe; aber ein so schönes Mädchen wie Sie sollte wohl etwas zurückhaltender sein.« – »Ja, leider...«; sie sagte es, in Tränen gebadet.

Ich schrieb den Brief, las ihn auf Verlangen dreimal vor und ließ sie ihn auf die Post geben. Châtelain (um dieses Kapitel gleich ganz zu erledigen) war durch den Brief zu gerührt, daß er sofort zurückkam und die Hochzeit vorbereitet wurde.

Wenige Tage nachher spielte Manon der Aimée einen Streich, der zeigt, bis zu welchem Grade diese Pariserin verderbt war. Die schöne Köchin, durch ihre Arbeit sehr ermüdet, schlief nach Tisch auf ihrem Bette. Die Tür schloß schlecht und man konnte die Schläferin sehen. Manon kannte diese Gewohnheit Aimées. Sie spürte eine indezente Situation auf, der sich das junge Mädchen zufällig aussetzte. Nachdem sie sie fast nackt entdeckt hatte, ließ sie die Arbeiter durch Tourangeot benachrichtigen, anstatt Aimée zu wecken, wie sie es ihrer Geschlechtsgenossin doch schuldig gewesen wäre.

Alle mit Ausnahme des Faktors kamen, um ihre Blicke an den Reizen zu ergötzen. Ich kannte zuerst den Grund des Lärms, den ich hörte, nicht, aber bald erfuhr ich ihn. Ungehalten lief ich in mein kleines Zimmer, dessen in die Küche gehende Tür verrammelt war. Ich schlug kräftig dagegen und erweckte so die arme Aimée, die sich schnell in Ordnung brachte. Nachdem sich die lärmende Bande entfernt hatte, ging ich zu ihr, um sie aufzuklären und ihr zu sagen, was ich getan hatte, um sie aufzuwecken. Aimée beugte sich auf meine Hand und küßte sie gegen meinen Willen. »Gott segne Sie, guter Junge«, sagte sie, »der Sie diese Wüstlinge zurückgehalten haben...« – Ich gab ihrem Gedanken, den sie nicht zu Ende sprach, eine andere Wendung: »... das Geschlecht Ihrer Mutter zu schänden.« Einige Tage nachher verließ Aimée das Haus, um sich zu verheiraten.

Auf die gute Aimée folgte ein junges Mädchen, das vielleicht noch besser war, namens Tiennette. Sie war in Avallon geboren. Die Frauen in der Gegend der einstigen Hauptstadt von Atissiodor sind nicht schön. Alle Mädchen aus dieser Gegend sind scheinbar dazu geschaffen, nur bei solchen Taugenichtsen zu dienen, die zu allem fähig sind. Steigt man aber etwas höher, nach der Seite von Morvand, in den Umkreis, der bei Percy-le-Sec, eine Meile von Avallon, beginnt, so sieht man, daß die Jungfern aus Bourgignon wirklich schön sind. Tiennette wenigstens war entzückend, und ich fühlte mich beglückt, sie in meiner Nähe zu wissen.

Durch Aimée vorbereitet, kam sie zu mir und sagte: »Nicolas, ich bin ganz erstaunt, mich in einem Haus mit so vielen Männern zu befinden; aber Aimée hat mir gesagt, daß Sie ein guter und ehrlicher Junge aus Sacy sind, das nur drei Meilen von Avallon entfernt liegt, und obendrein zu anständigen Leuten aus guter Familie gehören. Wenn ich in jemand Vertrauen setzen kann, so sind es nur Sie allein, wegen des Rufs Ihres Vaters, der bei uns gut bekannt ist. Nicolas, ich bitte Sie, mich in allen Dingen zu führen, die nicht zu meinen Pflichten als Köchin gehören, auf die ich mich ausgezeichnet verstehe; denn ich bin auch von ehrenhaften Leuten. Ich nenne mich Dominez. Einer meiner Verwandten ist Advokat in Paris, oder gar Prokurator. Ich möchte Sie deshalb inständig bitten, mich in meiner natürlichen Einfalt zu beschützen: Wenn ich gewußt hätte, daß die Meisterin nicht hier ist, so hätte ich mein Kommen lieber aufgeschoben.«

Ich war von dieser naiven Ansprache entzückt, von der ich nicht eine Silbe geändert habe. »Ich werde Ihnen meine Ratschläge geben«, antwortete ich ihr, »aber es ist nicht gut, wenn man zwischen uns eine Verbindung bemerkt; man würde uns nur auslachen, und das würde uns kränken.« Tiennette war weniger schön als Aimee, aber doch hübsch, jünger, delikater und sehr naiv. Sie war wie ein Fräulein angezogen, mit der Grazie und der Reinheit der Mädchen aus Morvand. Auch machte sie auf alle Leute mehr Eindruck als Aimée. Der Meister, der Faktor, die Arbeiter, der Diener, alle hofften auf ihr Herz oder wollten sie verführen. Die unschuldige Tiennette war daher in sehr großer Verlegenheit. Sie war so einfältig, daß sie fast nicht wagte, ihre Unschuld gegen Herrn Parangon zu verteidigen, aus Angst, gegen den Respekt zu verstoßen. Das hörte ich aus seinen Worten heraus.

Glücklicherweise schützte Tiennette im Anfang die Anwesenheit von Manon, die den Meister flammend anbetete und die sehr eifersüchtig war. Die Gefahr wurde aber manchmal doch riesengroß. Eines Sonntags hatte Herr Parangon mit Fleiß alle Leute außer mir weggeschickt und hoffte, über Tiennette zu triumphieren. Er drückte sie so brutal an sich, daß das arme verängstigte Kind sich losriß, in Tränen ihm zu Füßen fiel und ihn bat, ihre Unschuld zu verschonen. Aber er nahm auf ihre Bitten wenig Rücksicht und befahl ihr, sich zu erheben. Sie folgte dummerweise und er stürzte sich auf sie. Das arme Ding wurde umgeworfen und begann mit durchdringender Stimme zu schreien: »Nicolas, zu Hilfe.« Ich stürzte hin, da ich glaubte, daß Feuer ausgebrochen sei; ich stieß die Tür geschwind auf und wie ein Blitz befand ich mich im Zimmer. Ich war versteinert, als ich den Meister erblickte. Aber er, der natürlich alle schüchternen Bauernjungen sehr gering einschätzte und schlagfertig war wie alle hartgesottenen Sünder, sagte in strengem Tone: »Du bist sehr frech zu mir hereingestürzt. Mach, daß du hinauskommst!« – Ich hatte Lust, ihm ein paar Ohrfeigen herunterzuhauen; aber die Schüchternheit hinderte mich daran, und ich hätte fast die Schwäche gehabt, ihm Tiennette zu überlassen, wenn dieses arme Mädchen nicht den Moment benutzt hätte, ihm zu entwischen; sie stürzte mir nach. Da sie einmal aus dem Zimmer war, fühlte Herr Parangon wohl, daß sie nicht mehr zurückkommen würde. Er dachte wohl auch, daß ich die Familie seiner Frau kannte, ließ uns in Frieden und ging, sich mit Manon zu vergnügen.

Nachdem er weg war, tröstete ich Tiennette. Ich gab ihr gute Ratschläge und festigte dabei meine eigene Tugend. Meine Vernunft machte mich zurückhaltend. Außerdem war Tiennette doch ein Dienstbote und wurde in dieser Eigenschaft mit so wenig Achtung vom Meister und seinen Freunden behandelt, wie eine schwarze Sklavin. Auch hatte sie mir ein Geständnis gemacht: Herr Parangon habe, bevor er Gewalt gebraucht habe, sie mit Schmeichelworten überreden wollen: er habe ihr das Beispiel der Marie vor Augen gehalten, die er an Tourangeot verheiraten würde, vorausgesetzt, daß dieser das Drucken lerne. »Ich habe da gerade jemanden im Auge: den Nicolas. Er ist ein einfacher und gutmütiger Junge. Ich werde dich mit ihm verheiraten, wenn ich mit dir zufrieden bin. Ich sage dir nicht die Mittel, die ich dazu anwende. Ich weiß, wie ich mich benehmen muß; so wird deine Ehre nicht leiden.« Diese Eröffnung machte mich zittern. Ich sagte ihr, daß sie auf sein Versprechen nicht bauen dürfe. – »Oh, ich weiß es recht gut«, sagte das junge, naive, aber nicht dumme Mädchen, »ich vertraue mich Ihnen ganz an. Er hat es mir zwar streng verboten, aber ich verberge Ihnen nichts. Ich würde Sie sehr lieben, Nicolas, aber ich bin nicht dumm und weiß nur zu gut, daß Sie noch jung und ohne ein Auskommen sind. Ich weiß allerdings auch, daß Sie Eltern haben und ein Geschäft in Aussicht. Endlich wollte ich Sie auch nicht als Dienstbote heiraten, da Sie ein zu schöner Junge sind, und noch weniger nach einem Fehltritt. Wenn ich jetzt im Dienst bin, so muß ich es tun, um das zu vermeiden, was ich nicht will, nämlich eine Heirat, die mir mißfällt; ich habe die Meinigen im Groll verlassen.« – »Haben Sie einen Geliebten?« – »Herrgott ja; aber ich will ihn nur dann wiedersehen, wenn ich mein Glück gemacht habe.« Das Geständnis, daß sie einen Geliebten habe, beruhigte mich. Denn Tiennette schien mir auch so hinreichend gefährlich. Ich verließ sie, um mich zu meiner Übersetzung des Terenz zurückzubegeben.

Eine Stunde saß ich ruhig am Platze des Faktors, wo ich gewöhnlich an meiner Übersetzung oder an meinen Versen arbeitete, als ich Tiennette hörte. Sie machte das Bett des Faktors, dessen Zimmer in den Druckereisaal ging, und sang. Nach einigen Minuten hörte ich sie mit erstickter Stimme schreien. »Zu Hilfe, zu Hilfe!« Ich glaubte, daß es wieder unser schrecklicher Satyr sei; aber ich täuschte mich. Ich lief hin; es war der Faktor, ein großer robuster Bursche, der damals mit einem Fräulein Huot ein Verhältnis hatte. Diese war eine starke Person mit Vollmondgesicht, welche der Masse ihres Geliebten nichts nachgab. Bourgoin hatte eben gevespert und wußte nicht, daß ich mich zu der Stunde bei so schönem Wetter im Druckereisaal aufhalten würde. Mein Anblick brachte ihn aus dem Konzept; er ließ ein verzerrtes Lächeln sehen und machte mir ein Zeichen, ich solle schweigen. Nachdem er sich entfernt hatte, passierte mir eine sehr merkwürdige Sache. Ich glaube nicht, daß irgend jemandem jemals ein ähnliches Angebot gemacht wurde; in meinem Leben jedenfalls war der Vorfall einzig dastehend.

Tiennette ordnete ihre Kleider und trat auf mich zu, bevor sie noch das Bett fertig machte. Sie zitterte noch immer. »Ich bin Ihnen Dank schuldig«, sagte sie und preßte meine Hände. »Herr Nicolas, Sie sind mein guter Engel.« Darauf schwieg sie und weinte. Ich tröstete sie; nie erschien mir ein Mädchen interessanter. Nach einigen Augenblicken warf sie sich fast erstickt vor Schluchzen in meine Arme. Ich glaubte zuerst, daß das arme Mädchen in einem der beiden Angriffe unterlegen sei, und dies tat mir sehr leid. »Meine liebe Tiennette«, sagte ich daher zu ihr, »ich weiß, daß es ein großes Unglück ist, wenn Sie... Aber schließlich war es nicht freiwillig. Trösten Sie sich.« – »Ha, lieber Nicolas, sie haben sich sehr bemüht, mir zu verstehen zu geben, was sie von mir wollten; besonders Herr Parangon, der verlangte, ich sollte mich ihm hingeben. Aber keiner von beiden hat es erreicht. Oh, ... ich würde vor Kummer sterben, wenn mich Ihr garstiger Meister oder der grobe, fuchsrote Faktor oder irgendein anderer Arbeiter, die alle Wüstlinge sind, oder gar dieser Unhold von Tourangeot genommen hätte, der auch zu wollen scheint. Ich weiß nur zu gut, daß ich weder hier noch anderswo meine Jungfernschaft werde bewahren können, denn ich werde überall angegriffen. Da ich sie mir so nicht erhalten kann (sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust), so schenke ich sie Ihnen. Nehmen Sie sie; ich bin damit einverstanden; wenigstens wird der, der mich besitzt, ein braver und ehrlicher Junge sein, vor dem ich nicht werde erröten müssen. Wenn ich sie nicht mehr habe, werden sie mich in Ruhe lassen; denn ich werde ihnen, wenn sie mir sagen: ›Tiennette, ich muß dich entjungfern‹, antworten: ›Sucht sie Euch, die Jungfernschaft; ich habe sie nicht mehr.‹ Ja, Nicolas, Sie müssen sie mir nehmen, damit ich nicht vor Kummer sterbe, wenn andere kommen, sie mir zu rauben.«

Ich gestehe es, ich konnte nicht mehr denken. Einen Augenblick kam mir die Idee, daß Tiennette sehr verliebt und schlau sei, daß sie früher unterlegen war und mir nun die Schwängerung in die Schuhe schieben wollte, indem sie mich so täuschte. Ich dachte sogar, daß ihr Herr Parangon diesen Gedanken eingeblasen habe, oder der Faktor oder Comtois Degout, der sie, wie alle anderen, verfolgte.

Aber ich dachte nicht lange so ungerecht. »Tiennette«, sagte ich ihr, »das, was Sie mir anbieten, schmeichelt mir, aber es ist ja eine Todsünde. Bleiben Sie brav; ich werde Ihnen schon die Möglichkeit dazu geben: ich werde nie ausgehen, auch nicht an Festtagen, um Ihnen zu Hilfe kommen zu können, wenn Sie mich rufen; gehen Sie nie ohne Manon zu Herrn Parangon; wenn Sie das Bett des Faktors machen, versichern Sie sich, daß er ausgegangen ist und schließen Sie die Treppenstiege gut ab. Unter der Woche verlassen Sie nie Manon.« – »Oh, was für eine gute Verteidigung! Ich würde vor Schande erröten, wenn ich das wiederholen wollte, was diese gestern bei Tische vor drei Männern gesagt hat.« – »Bis zur Rückkehr von Frau Parangon haben Sie nur diese Mittel. Auch Manon wird Sie schützen, ich versichere es Ihnen.« – »Das ist möglich, denn es wäre ihr eigenes schmutziges Interesse. Sie läßt sich nicht lange bitten, um Herrn Parangon zu Gefallen zu sein. Sie glauben also wirklich, daß ich mich so beschützen kann?« – »Ich versichere es Ihnen, wenn Sie die Vorsichten anwenden, die ich Ihnen angegeben habe.«

Tiennette war begeistert; ihr hübscher Mund stand halb offen. »Ah«, sagte sie endlich, »ich sehe nun, daß ich Ihnen zweifach verpflichtet bin, daß Sie meine Jungfernschaft, die ich Ihnen nur aus Verzweiflung anbot, nicht angenommen haben, ist meine größere Dankesschuld. Oh, ich vertraue Ihnen jetzt noch mehr. Nur um Ruhe zu haben, bot ich mich Ihnen an... Herr Thibaut wird sehr glücklich sein, daß Sie mich beschützt haben, denn ich werde ihm sagen, daß er ohne Sie bei mir nicht hätte der erste sein können.« Daraus ersah ich ihre ganze Unschuld. »Wie nur wegen Ihrer Ruhe? Sie glauben also, daß, wenn Sie mir Ihre ... Blume geopfert hätten, Sie in Ruhe gelassen worden wären?« – »Sicher, denn sie hätten mich wohl in Ruhe gelassen, da sie ja nur das von mir wollen.« – »Oh, mein liebes Kind, wie sind Sie doch einfältig! Wenn Sie einem einmal unterlegen wären, hätte er es weiter erzählt; er hätte sich über Sie lustig gemacht, und alle hätten Sie ihrerseits auch besitzen wollen. Sie wären dann wie die armen unglücklichen Dirnen gewesen, die für alle da sind; Sie haben davon vielleicht schon sprechen gehört.« Tiennette erblaßte und wäre beinahe ohnmächtig geworden. »So wäre Ihnen also«, fuhr ich fort, »bei einem anderen als bei mir alles zum Unglück geworden; man hätte Sie entehrt. Vertrauen Sie das, was Sie mir eben gesagt haben, keinem Menschen an; denn kaum sind Sie hier, so haben Sie sich schon die Flügel verbrannt.«

Ich sah, daß ich mit dem jungen Mädchen, dessen Aufrichtigkeit ich erst leise angezweifelt hatte, offen sprechen durfte. Sie konnte sich gar nicht entschließen, mich zu verlassen, so war sie erschreckt. Ich mußte in den Saal arbeiten gehen, damit ich hören könnte, wenn man sie in der Küche attackieren würde. Diese meine Handlungsweise lehrte mich Tiennette völlig kennen und bestärkte mich in meiner Tugend.

St. Wolfgang fällt auf den 1. September; es ist das Kirchweihfest von Auxerre, das dem Kirchspiel von St. Germain benachbart ist. Auxerre hängt von der Abtei von St. Germain und von der in einem anderen Orte ab, die eine Meile weiter östlich, auf dem südlichen Ufer der Yonne liegt und St. Loup-en-Vaux heißt. An dem prachtvollen Sonntag dieses Festes war ein Markt in Vaux, wohin ganz Auxerre lief, weil die dortigen Einwohner es für ihre Pflicht hielten, mit dem Freund ihres großen Heiligen ein gutes Einvernehmen zu pflegen.

Boudard und Tourangeot schilderten mir diesen Markt in so leuchtenden Farben, daß ich mich entschloß, mit ihnen dorthin zu gehen. Glücklicherweise mußte ich Tiennette nicht mehr beschützen. Wir gingen nach dem Essen weg und hatten jeder ein Zwölf-Sous-Stück ausgegeben. Nach unserer Ankunft in Vaux trafen wir dort die ›Herren‹ (das ist der Name, den man den Druckereiarbeitern gibt). Sie wollten uns bewirten, hauptsächlich wegen Tourangeot, der bei ihnen sehr beliebt war, weil er ihnen das Papier reichen und es nach dem Druck ausbreiten mußte; er konnte ihnen so oft viel Zeit ersparen und viele Fehler verschleiern. Aber im stillen Einverständnis bedankten wir uns und suchten die Einladung zu vermeiden, um allein unter uns zu sein; dies war die erste verständige Idee, die ich bei Boudard bemerkte. Wir hatten Schweinskoteletten zur Vesper bestellt. Man hatte uns einen Krug Wein zu zwei Sous gereicht, und wir warteten auf unser gutes Fleisch, als wir eine Gruppe von Winzern und Winzerinnen sahen, die unter Singsang tanzten. Wir liefen hin. Aimée, die Köchin, nun Frau des Böttchers Châtelain, die in dieser Woche geheiratet hatte, war gerade an der Reihe, ebenso ihr Mann. Wir waren da auf bekanntem Gebiet. Aimée erblickte mich. Sie kam auf mich zu, faßte mich bei der Hand und zog mich in die Mitte des Rundtanzes. Ich sah hier eine junge Winzerin, die mir den Rücken kehrte. Das war doch die Gestalt, die Kleidung von Jeannette! Ich war entzückt. Herrgott, wenn sie es wäre! Ich näherte mich zögernd, um ihr ins Gesicht zu sehen. Leider war es nicht Jeannette, aber es war ihr Ebenbild; es war Edmée Servigne. Ihre Milde, ihre Unschuld, ihre engelhafte Naivität, die rosigen natürlichen Farben, die in einer entzückenden Weise miteinander wetteiferten. Zwei schöne schwarze Augen unter fein geschnittenen ebenholzschwarzen Augenbrauen, ein entzückender kleiner Mund, den ein schalkhaftes Lächeln schmückte, machten sie reizend. Sie hatte eine wunderbare Gestalt, anbetungswürdige Beine, einen schönen Fuß, der nach dem gleichen Geschmack beschuht war, wie bei Jeannette oder Marguerite. So war das junge Mädchen, das mich erbeben gemacht hatte, da ich sie für Fräulein Rousseau hielt; aber mein Herz schlug vor Verlangen, als ich Edmée Servigné sah.

Schüchtern näherte ich mich ihr, mit einer so anderen Miene als Tourangeot, daß sie sofort sah, ich sei aus anderem Holz geschnitzt. Trotzdem wich sie mir errötend aus. Aimée Châtelain sah mein Entzücken über die schöne Servigné. Sie flüsterte Katharina, der älteren Schwester der hübschen Braunen, etwas zu. Diese war eine ungeschlachte, aber fröhliche und sehr appetitliche Person, eine von den Menschen, denen die Offenheit, die lärmende Lustigkeit und die ehrliche Güte des Herzens ins Gesicht geschrieben sind. Ich kannte sie noch gar nicht. Sie kam mir mit großer Höflichkeit entgegen, aber ich nahm nicht viel Rücksicht auf sie, da ich zwar die Frauen ihres Aussehens achte, sie mich jedoch nicht entzücken können.

Ich beschäftigte mich nur mit Edmée, bis meine gute Freundin Châtelain kam und mir ins Ohr flüsterte: »Erweisen Sie doch der älteren Schwester auch Höflichkeiten; sie hat mit Ihnen ja schon zwei- oder dreimal gesprochen.« Bei diesen Worten errötete ich über meine Ungeschicklichkeit. Ich näherte mich Katharinen, und beim ersten Wort, das sie mir sagte, beeilte ich mich, ihr meine Achtung zu bezeugen. Sie schlug mir auf die Achsel, lächelte mit Grazie (ich fand es wenigstens so, seitdem ich in ihr die Schwester Edmées kennengelernt hatte) und sagte mir ganz leise: »Sie sind wohl nur höflich, weil man Sie darauf aufmerksam gemacht hat? Jetzt ist Fräulein Katharina auch für Sie da. Schon gut, es ist besser, keine Ausflüchte zu machen, als zu lügen. Aber ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so nett seien, wenn Frau Châtelain nicht gewesen wäre. Ich glaube nach allem, was ich von ihr weiß, daß sie keine Lügnerin ist; denn wie sie das Verhältnis mit ihrem jetzigen Mann hatte, hat sie mir nichts verborgen.« – »Ha, sie ist ein ausgezeichnetes Mädchen«, rief ich aus. – »Sagen Sie doch ›Frau‹. Wenn Sie, wie ich nicht zweifle, so sind, wie mir Frau Châtelain gesagt hat, so werden Sie von meinem Vater, seinen Söhnen und seinen zwei Töchtern nicht schlecht empfangen werden.« Sie packte mich bei der Hand und führte mich zu ihrem Bruder, dem sie sagte: »Servigné, du kennst diesen Herrn noch nicht?« – »Nein Katharina, ich hatte noch nicht die Ehre.« – »Und du, Schwägerin?«, sagte sie zur Frau ihres Bruders. – »Nein, Catand, ich auch nicht.« – »Nun gut, das ist Herr Nicolas, von dem Frau Châtelain am Tage ihrer Hochzeit und auch später soviel gesprochen hat.« – »Ah, mein Herr«, sagte Servigné zu mir, »es ist mir eine große Ehre, Sie zu begrüßen. Ich bin glücklich, Ihnen sagen zu können, wie sehr wir Sie achten, auch mein Vater, der ein ehrlicher, gottesfürchtiger Mann ist.«

Nachdem ich vorgestellt worden war, führte mich Katharina an der Hand in die Mitte der Runde, die sich zum Tanz aufstellte. Ich war ganz überrascht; Frau Châtelain mußte über mich viel Gutes gesagt haben. Ich merkte wohl, daß der schönste Zug, den sie von mir erzählt hatte, wenigstens nach dem Urteil von Katharina, der war, daß ich die Köchin Aimée gewarnt hatte, als sie in einer undezenten Stellung, den lüsternen Blicken der Männer durch Manon ausgesetzt, schlief. Das hätte sie, wenn sie es überhaupt gewagt hätte, veranlassen können, mir ihre Schwester zur Frau anzubieten. Zu diesem Zug, den sie ihrem Vater, ihren Schwestern, ihren Brüdern und ihrer Schwägerin erzählt hatte, sagte Katharina: »Das ist doch genug; ich würde mich diesem Burschen ganz ohne Furcht ausliefern, bei Tage wie bei Nacht. Meine Schwester Edmée auch. Er ist wirklich ein braver Bursche.« Die gute Katharina stellte mich zwischen sich und ihre Schwester. »Gib doch dem Herrn Nicolas die Hand«, sagte sie zu ihr. Mein Name machte die schöne Braune erröten; sie gab mir schüchtern die Hand und wir tanzten und sangen. Man kennt doch den Rundgesang; er ist ziemlich zweideutig. Aber der zwiefache Sinn wird von uns Leuten aus Bourgignon mit soviel Unschuld gesungen, daß niemand darauf achtgibt.

Die ganze Bande sang unbekümmert mit, ohne die Zweideutigkeit herauszuhören. Châtelain war der Vorsänger. Aber ich bemerkte, daß Edmée bei allen zweideutigen Versen schwieg. Es schien, als ob einige Worte zu grobschlächtig für diesen niedlichen Mund wären.

Nach dem Tanz kam Boudard, der in seiner natürlichen Kälte für die Frauen die Vorbereitungen unseres Mahles nicht aus den Augen gelassen hatte. Wir hatten Hunger, liefen hin und zerrten Herrn und Frau Châtelain, Edmée, ihre Brüder und ihre Schwägerin mit uns. Es war sehr schwer, Edmée dazu zu bewegen. Sie wurde nur durch folgende Worte ihrer Schwester beeinflußt: »Herrgott, Edmée, wenn du nur nicht mehr solch ein mürrisches Gesicht machen würdest, das wäre besser. Herr Nicolas will dich ja doch nicht fressen.« Die schüchterne Schönheit schlug ihre Augen zu Boden. Sie ließ sich von mir bei ihrer zitternden Hand nehmen und sagte nur: »Mein Vater wird kommen, und ich wollte ihn am Weg abpassen.« Sie setzte sich nicht, ohne Umstände zu machen. Sie wollte sich nicht neben mich auf den Rasen setzen, und sie rückte ab. Aber die lüsternen Blicke des Tourangeot, die starken Blicke des Boudard, die pöbelhafte Sprache des Châtelain erschreckten sie, und da der Platz zwischen ihrem Bruder und ihrer Schwägerin durch Katharina eingenommen wurde, war sie gezwungen, doch auf den Platz zwischen Aimée Châtelain und mir zu kommen. Sie blieb noch stehen; Châtelain packte sie hinter seiner Frau bei dem Zipfel ihres Rockes, zupfte sie und sagte: »Ei der Teufel, setzen Sie sich doch!« Diese alarmierende Geste bewirkte, daß Edmée sich schnell wie der Blitz niederließ. »Sie dünken sich doch nicht etwa als etwas Besseres, Sie kleiner Angsthase, Sie«, fügte er hinzu.

Boudard legte vor. Der Anblick Edmées schien sein eisiges Herz zu erwärmen. Er war höflicher, viel bescheidener. Die Liebe erinnert uns an unsere gute Erziehung. Bei Tourangeot war das Gegenteil der Fall. Dieser prinzipienlose Tartar sprühte vor zotigen Witzen. Er hatte aber doch seine Marie (obwohl sie nicht anwesend war) und ich fürchtete ihn nicht mehr als seinen Rivalen Boudard. Ich trug auf und begann bei Edmée, aber mit undurchdringlicher Miene, scheinbar nur bei ihr, weil sie meine Nachbarin war. Dann bot ich die Platte ihrer Schwester, dann ihrer Schwägerin. Tourangeot bediente Frau Châtelain, ihren Mann und Servigné. Boudard zahlte eine Runde mit der freigebigen Lustigkeit der Leute aus Bourgignon, selbst wenn sie Unbekannte bewirten, und wir aßen. Wir hatten leider nur drei Zinnbecher. Ich verteilte sie so, daß wir nicht gezwungen waren, weder mit Tourangeot, noch mit Boudard zu trinken, der für brustkrank galt. Aimée Châtelain bemächtigte sich unseres Bechers und trank immer nach Edmée Servigné, die ihrem Wein drei Viertel Wasser aus dem Bach, an dessen Rand wir vesperten, beimischte. Ich machte es auch so. Frau Châtelain beugte sich hinter mich und sagte zu Edmée: »Das ist seine Gewohnheit«, wobei sie sie küßte. Dieser Moment war entzückend. Edmée senkte ihre Augen, aber ich glaubte wohl zu bemerken, daß sie erfreut war, neben mir zu sein. Ich sagte ihr nur gefühlvolle, dezente und angenehme Dinge. Tourangeot erlaubte sich im Gegensatz zu mir ungeschlachte Bemerkungen, wenn er auf Frau Châtelain einsprach; er tat dies unter dem Vorwande, daß sie Frau sei.

Das Frühstück war zu Ende; Katharina schlug ebenso wie Frau Châtelain vor, ein Pfänderspiel zu spielen, das jedermann kennt. Alle unterhielten sich dabei. Frau Châtelain mußte, um ihr einziges Pfand zu lösen, singen. »Was soll ich singen, Mann?« sagte sie zu ihrem Gatten. – »Alles was du willst, liebe Frau, vorausgesetzt, daß es nicht zu alt ist. Singe uns:

»›Welch finstere Laune!‹«

»Ho, nein, das ist ein Erntelied und ich liebe es nicht.« – »Singe uns doch:

›Mein erster Geliebter war braun.‹«

– »Pfui Teufel, ich werde nie einen haben wie dich.« – »Also singe was du willst. Oder ...« Aimée Châtelain hatte große Mühe, ihrem Mann den Mund zu verstopfen, und sie sagte: »Nein, nein, nicht das! Glaubst du, daß ich das will? Wenn du fortfährst, so werde ich böse. Wie wäre es mit ›la jolie chose‹ ... Sei ruhig oder ich bin böse.« – »Na, also los.« – »Aber ich singe es nur dir zuliebe.« Und sie sang.

»Ha, das ist gut«, rief Boudard. – »Ich habe es recht gut verstanden«, rief Tourangeot; auch ich verstand es, weil ich es zum zweitenmal hörte. »Wer noch«, fragte Katharina mit einem Blick auf ihre Schwester. – »Es stammt von Fräulein Manon«, sagte die Sängerin, »die gesagt hat, daß es ganz neu sei, und die es bei Tisch eines Abends vor sehr achtbaren Damen gesungen hat.«

Am Morgen nach diesem Ausflug wurde Châtelain nach Joigny zurückgerufen, um dort zu arbeiten. Er nahm seine Frau mit, welche nicht böse war, die Stadt verlassen zu können, in der ihr Zustand bekannt war. Ich selbst kannte die Wohnung Edmées nicht, dieser neuen Jeannette, die ebenso schön war wie die erste. Aber ich lernte sie in einem Tage besser kennen, als die der anderen in vier Jahren.

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