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Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe

Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRestif de la Bretonne
titleMonsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe
publisherGala Verlag GmbH
editorH. Lewandowski
year1961
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid2db2326f
created20061018
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3

Meine Neigung zu den Frauen war längst kein Geheimnis mehr für mich. Hatte Marie Fouard mein Herz schon gefesselt, so hatte ich bei ihr doch nur an eine Heirat gedacht, wie sie auf dem Lande üblich ist. Nannette hatte nur meine Sinne entflammt, Julie auch meine Seele besessen; bei Ursule hatten vorwiegend verwandtschaftliche Gefühle sich geregt; Edmée Boissard war von mir bewundert worden; Melanie und Rosalie hatten meine Sinnlichkeit erregt; bei Esther hatte mich das Neuartige dieses Erlebnisses gereizt; in Courgis aber sollte ich die wahre Liebe kennenlernen. In diesem Flecken entwickelte sich der Mann in mir zu seiner vollen Stärke. Ich war sanft, zaghaft, aber zu leidenschaftlich, um treu zu sein.

Schon dreiundeinenhalben Monat lebte ich in Courgis, Ostern war nahe, und noch immer hatte ich unter den jungen Mädchen keine gesehen, die mich Julie hätte vergessen lassen. In diesem Zeitraum hatte sich mein Körper vollständig entwickelt, und meine Phantasie, welche durch das Bewußtwerden der Manneskraft entzündet war, arbeitete mehr als je.

Da sie noch rein war, schuf sie sich ein liebenswertes Vorbild, dem sie alle Vollkommenheiten des Geistes und des Herzens verlieh, und hielt es mir unaufhörlich als die Quelle meines Glückes vor. Dieses Vorbild glich keiner der weiblichen Gestalten, die bisher in mein Leben getreten waren; aber es hatte etwas von Marie Fouard, etwas von Julie Barbier, etwas von Edmee Boissard, etwas von Ursule Simon und besonders etwas von einer neuen Schönheit aus Laloge, Marie-Jeanne; allein es war vollkommener als jede von diesen.

Am Osterfeste ward meine Seele erregt durch die Erhabenheit der Feierlichkeiten. Die jungen Mädchen trugen ihre schönsten Kleider, das Gotteshaus war mit Weihrauchduft erfüllt; das Hochamt, von Diakon und Subdiakon (dem Kaplan und Abbé Thomas) zelebriert, war von imposanter Majestät; ich befand mich in einer Art Rausch.

Die jungen Kommunikantinnen schritten bei der Wandlung an mir vorüber, und als die hübscheste unter ihnen erschien mir eine junge Nolin, frisch und blühend wie eine Rose, die Tochter einer hübschen Frau namens Chevrier, und ein anderes junges Mädchen, ein Patenkind und Kusine von Marguerite, namens Marianne Taboue.

Ihr Anblick ließ mich vor Wonne erschauern, denn sie kam meinem Ideal am nächsten. Als der Augenblick der Kommunion herangekommen war und die Männer sich zurückzogen, um den Frauen und Mädchen den Platz einzuräumen, bemerkte ich unter ihnen eine, die ich noch nicht gesehen hatte und die alle anderen übertraf. Sie war bescheiden, schön, groß; sie offenbarte ein jungfräuliches Wesen, ihre Wangen waren von zarter Farbe, deren Wirkung sich durch künstliche Mittel nicht erreichen läßt und die ihre Unschuld nur noch mehr hervortreten ließ. Sie war gewachsen wie eine Nymphe, geschmackvoller gekleidet als ihre Gefährtinnen, und außerdem besaß sie für mich einen allmächtigen Reiz, dem ich niemals widerstehen konnte, einen schönen Fuß.

Ihre Haltung, ihre Schönheit, ihr Geschmack, ihr Putz, ihr jungfräuliches Antlitz, alles dies zeigte mir das angebetete Gebilde meiner Phantasie in lebendiger Wirklichkeit. »Das ist sie! Sieh da!« sagte ich laut vor mich hin, denn ich dachte zu lebhaft, um es nicht auszusprechen. Sie bemächtigte sich meiner ganzen Aufmerksamkeit, meines ganzen Herzens, meiner ganzen Seele, aller meiner Gedanken, aller meiner Wünsche; ich sah nichts mehr als nur sie ... Ich wußte ihren Namen nicht.

Die Messe ging zu Ende. Ich entfernte mich. Die himmlische Schönheit ging einige Schritte vor mir. Marguerite Pâris ging zu ihr und sprach sie an: »Guten Tag, Mademoiselle Rousseau!« Und sie umarmte sie, indem sie fortfuhr: »Meine liebe Jeannette, Sie sind an Leib wie an Seele ein Engel ... Waren Sie nicht bei der Kommunion?« – »Ich habe meine Großmutter besucht«, antwortete eine Stimme, die ebenso süß war wie dies schöne Antlitz.

Diese Jeannette Rousseau, dieser Engel hat, ohne es zu wissen, mein Schicksal bestimmt. Ich habe alles getan, um dieses Mädchen zu verdienen, das ich niemals besessen, niemals gesprochen habe; sein Name läßt mich Sechzigjährigen noch erbeben, nach sechsundvierzigjähriger Trennung. Ich habe es dennoch nie gewagt, mich nach ihrem Schicksal zu erkundigen, aber ich bete sie noch immer an...

Ich ging jeden Tag in die Kirche; meine Augen suchten nur Jeannette; ich war glücklich, wenn ich sie erblickte. Wenn sie einige Tage nicht kam, wurde ich mutlos und mein Lerneifer ließ nach. Ich verlor meine innere Sammlung und spielte lieber mit meinen Kameraden, meine Gedanken wurden weniger keusch.

Andere junge Mädchen erregten in mir keine zärtliche Neigung, sondern weckten meine Begierden, wie es Nannette aus Percy-le-Sec getan hatte; meine entzündete Phantasie verirrte sich in Gedanken der Genußsucht... Aber Jeannette erschien wieder, und wie eine strahlende Sonne verscheuchte sie alle unreinen Vorstellungen und ließ in meiner Seele nur ein einziges zärtliches, lebhaftes, ungestümes Gefühl, das aber rein war wie ihr Herz; mein Geist fühlte sich angefeuert und ich schämte mich, in meinen guten Vorsätzen nachlässig gewesen zu sein...

War ich lange ihres Anblicks beraubt, so brauchte man nur in meiner Anwesenheit ihren Namen zu nennen, um meinen Eifer anzuspornen. Sehr oft sprach Marguerite Pâris, die Mademoiselle Rosseau sehr liebte, von ihr.

Während meines Aufenthaltes in Courgis führte ich öfters für meine Brüder Aufträge auf dem Lande aus. Außerdem gingen wir jeden Sonntag in der Frühe nach Saint-Cyr, um für die ganze Woche das Fleisch einzukaufen. Von all den kleinen Ausflügen, die ich unternahm, war mir der nach Saint-Cyr der liebste. Im Winter machte ich ihn am Samstagnachmittag und beschloß damit die Arbeit der Woche, aber im Sommer brach ich Sonntags um zwei Uhr in der Frühe auf. Wenn ich Courgis verließ, sah ich Aurora die Pforten des Tages öffnen. Ich mußte ein tiefes, aber schmales Tal durchschreiten, in welchem der Vater Jeannettes Pappelbäume stehen hatte. Ich liebte diese großen Bäume leidenschaftlich, denn sie gehörten Jeannette. Ich begrüßte sie, denn sie erinnerten mich an sie. In diesem Augenblick, der die tiefste Schönheit des Tages enthüllt, erhob sich die Sonne über den Rand des Horizonts und wandte mir ihr strahlendes Antlitz zu. Bebend, erregt, sank ich auf die Knie und rief: »Oh, Sonne! Wie bist du schön!« Unbeweglich verharrte ich so einige Augenblicke... »Ach, wenn Jeannette hier wäre! Dann sähe ich hier das Schönste, das es auf der Welt gibt!«

Ein anderer Ausflug, den ich häufig unternahm, angenehmer noch als der nach Saint-Cyr, war der in mein väterliches Haus. Ich liebte und schätzte meine Eltern und wurde von ihnen wiedergeliebt, die Liebe, die Jeannette mir einflößte, beeinflußte diese Gefühle nicht; sie, die Quelle aller Tugenden, konnte nur solche wieder in mir erregen.

Auf einem dieser Ausflüge hatte ich ein Abenteuer mit einer Nachbarin von La Bretonne, ein Abenteuer, das ich nicht verschweigen kann, obwohl es mir den Vorwurf zuziehen muß, ›unmoralisch‹ zu sein, ein Wort, das ich neuerdings von allen Seiten höre, aber ich will aufrichtig oder gar nicht sein.

Ich erwähnte schon einmal das Mädchen Marguerite Mine, die in dem letzten Hause des Fleckens nahe bei La Bretonne wohnte. Wir hatten immer gute Nachbarschaft gehalten. Als ich einmal mehr als acht Tage in Sacy weilte, um mir einen neuen Anzug machen zu lassen, sah ich Marguerite. Man hatte mir erzählt, daß sie einen ehemaligen Soldaten namens Covin heiraten werde; er war ein großer, stattlicher, drolliger Bursche, der gut zu erzählen verstand. Marguerite war hübsch; Monsieur Covin nahm sie nur aus Liebe, denn er war reicher als sie, sie besaß nämlich für einhundertzwanzig Livres bebaubares Land, er aber für sechshundert Livres. Covin besaß außerdem sein Haus und einen Garten. Er war daneben noch Weber; seine Frau sollte ihm bei der Arbeit helfen. Als ich sie traf – es war zwei Tage vor ihrer Hochzeit – war sie voller Freude und Hoffnungen.

»Guten Tag, Marguerite! Du willst also heiraten?« – »Ja, Monsieur Nicolas!« – »Bist du sehr zufrieden?« – »Ich bedaure es nicht!« – »Marguerite ... Erinnerst du dich, wir sind doch immer gute Freunde gewesen? ...« – »Ja, Monsieur Nicolas, und sind es noch.« – »Würdest du mir wohl einen Wunsch erfüllen?« – »Gern, Monsieur Nicolas; ich bin ja deine nächste Nachbarin!« – »Du wirst dich verheiraten; dann wirst du wissen, was die Ehe ist ... willst du es mir dann sagen?« – »Einem andern würde ich es nicht sagen«, antwortete Marguerite, »aber dir will ich es erklären.« Wir sprachen dann von etwas anderem.

Marguerite sollte übermorgen heiraten, in schwarzem Kleide, denn auf dem Lande ist es üblich, daß das Hochzeitskleid ohne irgendeine Veränderung auch als Trauerkleid verwendet wird, wenn einer der Gatten stirbt; der ganze Unterschied besteht darin, daß das Hochzeitskleid mit Bändern und einer rosafarbenen Gürtelschleife geschmückt ist. Ich sah Marguerite als Braut und fand sie sehr hübsch.

Dies war dienstags, ich sollte bis zum folgenden Mittwoch in Sacy bleiben. Am Sonntag holte man in La Bretonne das Heu von den Wiesen herein, und es war Sitte, daß man dazu die Jugend einlud. Diese Feier fand am Sonntag nach der Vesper statt, die der gute Pfarrer etwas früher als sonst begonnen und beendet hatte.

Meine Mutter hatte während der ganzen Woche alles vorbereitet und tischte Rahm und Galotes auf, ein kleines Backwerk aus Teig, der in Milch geknetet und dann in einer Art Brühe gekocht worden war. Ein vorzügliches Mahl, das satt macht, denn bei uns auf dem Lande war man immer gut bei Hunger.

Auch Marguerite kam, und ich leistete ihr treulich Gesellschaft. Als die Arbeit beendet war, brachte ich ihr einen Napf mit Milch und eine Schüssel voll Galotes, und ich setzte mich an ihre Seite in einen Speicher; sie aß und wir plauderten. Ich wiederholte ihr meine Bitte, und sie erwiderte mit einer Unschuld, die mich noch heute in Erstaunen setzt: »Gern, denn ich habe dich immer lieb gehabt; aber du bist nicht für mich, ich bin nicht für dich. Schau nach, ob niemand im Speicher ist!« – »Niemand; die Burschen und Mädchen und auch dein Mann sind beim Essen!« Wir waren in einem versteckten Winkel. »Ich will dir alles erklären!« sagte sie.

(Ich bin sicher, daß sie alles in vollkommener Unschuld tat; aber ich mit meiner erheuchelten Unwissenheit, meiner Frömmigkeit und mit einer andern Liebe im Herzen war dreifach schuldig.)

Ich erwartete, daß sie mir mündlich eine ins einzelne gehende Schilderung geben würde, aber Marguerite fing an, mich praktisch in alles einzuweihen. Ich war sehr überrascht, und meine Sinnlichkeit flammte auf. So wurde ich mit den Anfangsgründen der Verderbnis vertraut gemacht, indem ich mich Schritt für Schritt auf die Laufbahn der Wollust führen ließ. Marguerite ging von Einzelheit zu Einzelheit bis ans Ende, das für mich glücklicher war als in einem der anderen Fälle. Ich war außer mir vor Freude, und ich dachte dabei (wird man es mir glauben) an Jeannette. »Nun bin ich endlich Mann! Und ich brauche nicht mehr vor mir selbst zu erröten!« Rosalie und Melanie hatten mich nämlich verspottet, obwohl ihnen mein Unfall nicht unerwünscht war.

Ich konnte indessen nur diese eine Lektion erhalten. Wir trennten uns, sie ging durch den Garten weg, ich über den Hof. Sie kam eben in dem Augenblick zu ihrem Gatten zurück, als er sich, gesättigt, wegen ihrer Abwesenheit beunruhigte. Marguerite sagte, sie habe mit mir noch etwas in Ordnung zu bringen gehabt und schon gegessen.

Indessen hatte ich nicht ganz das Vergnügen genossen, das man sich etwa vorstellt: die Erschütterung war noch zu heftig, und das, was ich empfunden, dem Schmerz noch zu ähnlich. Diese Akte frühzeitiger Mannbarkeit trieben mich nicht in ein Wüstlingsleben; ich glaube, daß sie mich vielmehr davor zurückhielten. Ich fand die Frauen nicht minder begehrenswert, aber mein Herz war mehr in Anspruch genommen als die Sinne, besonders Jeannette gegenüber, in der ich nie das Weib geliebt, sondern die ich angebetet habe wie eine Göttin. Nicht Liebe allein flößte sie mir ein, sondern auch Zärtlichkeit, Ergebenheit, Anbetung.

Indessen flößten mir, wie man bald sehen wird, auch andere Frauen als Jeannette Begierden ein (oder vielmehr, Jeannette flößte mir keine Begierden ein; anwesend, erfüllte ihr Anblick meine Seele ganz; war sie abwesend, ersehnte ich nur ihren Anblick). Meine heftigsten Wünsche richteten sich auf ein Weib, das ich stets vor Augen hatte: sie war die erste, die mich eine tiefe Reue kennen lehrte. Ja, ich empfand das quälende Gefühl, das uns martert, wenn wir uns Ausschweifungen hingegeben haben, die durch eine große, lebhafte Leidenschaft hervorgerufen werden. Aber die Sinnlichkeit riß mich mit sich fort. Mein letztes Abenteuer in Sacy hatte meine Organe zu voller Entwicklung gebracht und die Richtung meiner Gedanken bestimmt. Ich litt, ich fieberte, ich war aufgewühlt von den Stürmen der Leidenschaften.

In dieser Zeit der Gärung hatte der Abbé Thomas zufällig ein Kästchen offen gelassen, in dem er einige Bücher wie den lateinisch-französischen Phädrus, Tibull, Catull, Martial, Ovid, Juvenal und andere Autoren zu verschließen pflegte. Ich griff zu und erwischte daraus... Terenz. Ich versteckte mich während der Erholungsstunden und las diesen Autor. Er bereitete mir großes Vergnügen. Ach, welch ein Unterschied zwischen den Erbauungsschriften, die ich bisher gelesen, und diesen kecken, kühnen Komödien eines Sohnes des alten Rom! Ich las, ich verschlang drei Akte des ersten Stückes ›Andria‹. Ich fand darin meine Gefühle für Jeannette geschildert; ich bewunderte die Ungezwungenheit und Natürlichkeit, die sich mir hier bot, denn, die Bibel ausgenommen, hatte ich bisher nichts als einfältigen Schwulst oder idealisierte Schilderungen gelesen. Ich war überrascht, bestürzt durch diese schöne Natürlichkeit. Eine neue Welt erschloß sich mir und enthüllte mir die Schönheiten des reinsten Lateins. Indem ich Terenz las, betete ich ihn an. Ich bewunderte sein Genie und fragte mich, wie der menschliche Geist solches zu schaffen vermöge.

Am nächsten Tage nahm ich heimlich wieder meinen göttlichen Terenz vor und las weiter. Meine Bewunderung steigerte sich mit meinem Interesse für das Drama. Eine edle Begeisterung entflammte mein Herz. »Ich werde es ebenso machen!« rief ich, »studieren wir! Ja, wenn ich ein solches Stück geschaffen hätte, so brauchte ich mich nicht mehr zu schämen und nicht mehr schüchtern zu sein. Ich würde die Eltern Jeannettes aufsuchen und ihnen sagen: Seht, dies habe ich vollbracht! Ich bitte euch um eure Tochter, die ich liebe, wie Pamphilus seine Glyceria liebte. Sie wird glücklich sein mit mir, denn ich werde sie anbeten und euch Ehre machen!«

Diese edlen Gedanken erfüllten mich derart mit Begeisterung, daß ich nichts sah und nichts hörte und nicht bemerkte, daß Abbé Thomas sich mir von hinten näherte. Er sah, daß ich las, erkannte seinen Terenz, den ich nicht von ihm erhalten hatte, riß mir das Buch aus den Händen und rief: »Was! Du hast die Bücher gefunden, die ich wegschließe!« Er nahm das Buch mit, während ich, starr vor Schmerz, meinen angebeteten Autor entführt sah, das Vorbild, das mir den Weg weisen sollte. Man entzog mir einen Gegenstand, der mir das lebhafteste Interesse einflößte, da der Dichter alle meine Leidenschaften angeregt hatte. Ah, wie ungeschickt war Abbé Thomas! Wie wenig kannte er das menschliche Herz! Hätte er mich die Lektüre der ›Andria‹ beenden lassen, so wären meine Wünsche nicht unbefriedigt geblieben.

Dies erinnert mich an einen Fall, der sich unter meinen Augen zutrug: eine unvorsichtige Mutter, die die ›Liaisons dangereuses‹ hatte herumliegen lassen, ertappte ihre Tochter bei der heimlichen Lektüre dieses abscheulichen Romans und nahm ihn ihr, die mitten im dritten Bande war, ab.

Die eben fünfzehnjährige Tochter wünschte mit aller Heftigkeit, daß ein Mann von fünfundvierzig Jahren von ihr die letzte Gunstbezeugung erlange, unter der Bedingung, daß er sie in den Künsten der Liebe unterweise. Sie führte ihre Absicht aus. Ihr Wunsch erfüllte sich, sie war erschüttert, entsetzt, als sie sich ihres Vergehens bewußt wurde, und wenig fehlte, so hätte sie sich selbst den Tod gegeben. O Mütter, seid vorsichtig! Ich sah mit tiefem Schmerz, wie die Scheinheiligkeit meinen geliebten Dichter in das verhängnisvolle Kästchen einschloß. Tag und Nacht träumte ich nun von ihm. Ich wußte nichts von der weiteren Entwicklung und vom Ausgang des Stückes. Ich verschmolz die Geschichte Jeannettes mit der Glycerias und die Leidenschaft des Pamphilus rechtfertigte die meinige...

Es gab in unserer Pfarre zwei wohlhabende und fromme Mädchen, die man ›Schwestern‹ nannte, weil sie unentgeltlich die Mädchenschule leiteten und die armen Kranken besuchten. Schwester Droin, die eine von ihnen, erzählte einmal Marguerite Pâris, daß ich während der Predigt fortwährend zu Mademoiselle Rousseau hinüberblicke. Die gütige Marguerite teilte es mir mit und versicherte mir, daß auch andere Leute dasselbe beobachtet hätten. Ich errötete, dann erblaßte ich; in diesem Augenblick fürchtete ich nicht so sehr, daß meine Brüder es erfahren könnten, als daß man Jeannette hinterbringe, ich wage es, die Augen zu ihr zu erheben.

Ich war vollkommen entwickelt; die zwar nicht ständige, aber doch ziemlich häufige Betätigung meiner Mannbarkeit hatte mir Erfahrung gegeben und meine Sinnlichkeit glühend gemacht. Oft blieb ich eine ganze Woche lang ohne den Anblick meiner vergötterten Gebieterin, die allein mir die Liebe zur Tugend einflößte; wenn ich mittags die Glocke läuten ging und an ihrem Platz in der Kirche vorüberkam, entflammte meine Phantasie sich für sie, aber kehrte ich ins Haus zurück, so sah ich Marguerite, die zwar vierzig Jahre alt, doch noch frisch wie eine Jungfrau war, oder vielmehr wie ein Mädchen, das ein sorgenloses Dasein gelebt und keinen Mangel gelitten hat.

Übrigens weiß man, daß dieses Alter der Frauen die Begierden junger Leute in der Zeit ihrer geschlechtlichen Reife stets anlockt. Es scheint sogar, daß die Natur sie mit Vorliebe zu reifen Frauen drängt, nicht um dort zärtliche Liebe zu suchen, sondern nur Genuß.

Marguerite Pâris war gut gebaut, sauber an sich und in allem, was sie tat; sie frisierte sich mit Geschmack und ebenso wie Mademoiselle Rousseau; sie trug Schuhe aus Paris und sie waren zierlich wie die der dortigen hübschen Frauen. Auch ihre Hausschuhe waren gut gemacht und hatten hohe Absätze.

Am Tage des Himmelfahrtstages trug sie neue weißbestickte Pantoffel aus schwarzem Maroquin mit hohen Stöckeln, die den Reiz ihrer Beine noch erhöhten. Bekleidet waren sie mit feinen Baumwollstrümpfen, die blaue Zwickel hatten. Meine Augen hingen an den hübschen Füßen Marguerites; ich vermochte sie nicht abzuwenden... Es war sehr heiß; nach der Vesper kleidete sich die Wirtschafterin um und trug nun ein weißes Kleid. Ihr kurzer Rock ließ mich ihre Waden sehen. Ich befand mich in demselben Zustand, in den mich vor vier Jahren Nannette bei Madame Rameau versetzt hatte; er war noch entscheidender, da ich das Alter, in dem sich die Stimme bricht, hinter mir hatte; ich brauchte schon das Rasiermesser...

Marguerite bemerkte die Aufmerksamkeit, die ich ihr widmete, und dieses gute Mädchen fühlte sich dadurch geschmeichelt. Sie wußte, daß eine Leidenschaft in meinem Herzen wohnte; sie betrachtete dies als ein Unglück für mich und fürchtete, ich könne in meiner Anbetung für die Tochter ebenso leiden, wie sie in ihrer Liebe für den Vater gelitten hatte. Eine Ablenkung schien ihr von Vorteil für mich und sie nahm es nicht übel, daß sie es sein sollte, die dazu beitrug.

Wir waren allein; meine Kameraden spielten; Abbé Thomas war beschäftigt; ich studierte an dem kleinen Tische, der am Fenster stand. In meiner nächsten Nähe reinigte Marguerite Salat; sie hatte die Beine übereinandergeschlagen, so daß ich bis zu den Waden ihre Beine sehen konnte; einer ihrer hübschen Pantoffel baumelte an ihrer Fußspitze. Meine erhitzte Phantasie, meine entflammten Sinne ließen mir keine Ruhe auf meinem Platz... Ich konnte dem unwillkürlichen Drang nicht mehr widerstehen, sei es, daß die Natur eine notwendige Erleichterung herbeiführte, sei es, daß der Reiz allein sie veranlaßte. Ich erhob mich in einer glühenden Trunkenheit der Sinne, ich ging auf Marguerite zu... Sie erschrak nicht. »Mein liebes Kind,« sagte sie sanft, »was hast du denn? Nun, nun, was ist dir?«

Ich erwiderte nichts, aber ich umklammerte ihre Hände und preßte sie in den meinen, ohne etwas weiteres zu unternehmen. Sie geriet in Verwirrung, als sie meine starren Blicke sah. »Monsieur Nicolas, ist dir nicht wohl? Ich will dir Wasser bringen.«

Ich hielt sie fest, ohne ihr zu antworten, und drückte sie in meinen Armen, daß sie fast erstickte. Sie fürchtete, ihr Widerstand werde meine Anstrengungen noch verdoppeln und sie preßte mich an ihre Brust ... Mir schwanden die Kräfte, es wurde dunkel vor meinen Augen, meine Arme sanken wie gelähmt herunter; hätte Marguerite mich nicht aufgefangen, so wäre ich zu Boden gestürzt.

Es war dies das erstemal, daß ich einen solchen Anfall erlitt, ohne daß eine fleischliche Vereinigung stattgefunden und ohne daß ich das Bewußtsein dabei vollständig verlor. Höchst zufrieden mit mir sagte ich: »Endlich bin ich Mann geworden!« Und der Gedanke an Jeannette war das vorherrschende Motiv meiner Freude, denn ich sagte mir: »Nun könnte ich der Gatte Mademoiselle Rousseaus werden!«

Ich erholte mich von meiner heftigen Erregung, und da Marguerite mich wieder ruhiger werden sah, machte sie mir Vorwürfe, obschon sie (ich bildete es mir wenigstens ein) nicht alles wußte, was mir widerfahren war. Ich entgegnete ihr, ich müsse in einer mir unbegreiflichen Verwirrung gehandelt haben, ich sei ganz außer mir gewesen und habe ihr nicht mit Absicht weh tun wollen.

Meine Worte schienen sie zu überzeugen, und sie fragte mich mit einem sanften Lächeln: »Was hat dich denn in diesen Zustand versetzt?« – In meiner Unschuld antwortete ich: »Es muß wohl der Anblick Ihres Pantoffels und Ihres Beines gewesen sein, denn ich konnte meine Blicke nicht davon abwenden, und so bekam ich den Anfall; es war, als wenn eine Schlange einen Vogel mit ihrem Blicke fesselt; er fühlt die Gefahr und kann doch nicht fliehen.« – »Aber wenn du doch Jeannette Rousseau liebst?« ... Dies Wort war ein Blitzschlag für mich. Ein kalter Schauer überlief mich; wie erstarrt ging ich davon. Und ich errötete über das, was ich getan, ohne daß ich es eigentlich gewollt.

Dieser Maria-Himmelfahrtstag bildete einen neuen Abschnitt in meinem Leben. Nach diesem Anfall, dem ersten, den ich mit vollem Bewußtsein erlebte, liebte ich Jeannette reiner und ohne von ihren Gunstbezeugungen zu träumen; ich liebte sie und suchte keine andere Wonne als diese Liebe. Aber nach acht Tagen der Selbstbeherrschung flößten andere Frauen mir wieder Wünsche und Begierden ein. Marguerite war ständig vor meinen Augen, immer sah ich ihren reizenden Fuß, und so verzehrte mich das Verlangen, ihre Gunst zu genießen.

Dieses brave Mädchen, das besser als ich selbst in meinem Herzen las, war weder eine Leichtfertige noch eine fromme Heuchlerin; sie war eine treue Seele, sittlich rein und aufrichtig; sie behandelte mich wie eine Mutter. Ihr Herz war empfänglich; sie hatte geliebt, war geliebt worden, ohne zu lieben, denn sie hatte in ihren Lenzjahren einem jungen Manne eine so heftige Leidenschaft einzuflößen vermocht, daß er daran gestorben war, weil er seinen Rivalen, den Vater Jeannettes, in ihrer Gunst nicht verdrängen konnte.

Sie kannte das neue Gefühl, das mich ergriffen, doch behandelte sie mich mit der äußersten Schonung. Der Unterschied unseres Alters gab ihr Sicherheit, ihre Erfahrung Nachsicht, denn sie beweinte den Geliebten, den sie nicht bekommen hatte, und den Liebenden, der um ihretwillen gestorben war, sie beweinte den einen aus Liebe, den andern aus Güte.

Eines Tages, beim ›Gruß des Engels‹, bemühte ich mich, der jungen Jeannette untreu zu werden; meine Blicke wanderten zu Marianne, und ich begann, mir eine Heirat mit ihr auszumalen. Die Wirtschafterin beobachtete mich. Mademoiselle Taboue war groß und schlank wie eine Sechzehnjährige, von auffallender Blässe, sittsam wie Mademoiselle Rousseau. Sie erregte meine Begierden und flößte mir obszöne Vorstellungen ein. Ich fühlte, daß, wenn sie meine Frau würde, ich sie nur um der Liebesfreuden wegen lieben würde. Dachte ich dann an meine Dankbarkeit gegen Marguerite, so verknüpfte ich meine unkeuschen Gedanken, sie zu besitzen, mit dem, Marianne zu verführen ...

Einige Zeit war ich vollkommen flatterhaft, verzehrt von Begierden nach allen hübschen Frauen des Ortes, die ich schon nannte. Meine entflammte Phantasie zeigte mir öfters ein Serail, das alle diese Frauen vereinigte: Marianne, die junge Bourdillat und ihre noch hübsche Mutter, Mlle Droin, Mme Droin, Mme Chevrier, ferner eine junge Nolin, eine Jeannin, eine Adine, eine Cady, eine Pinon und andere, insgesamt zwölf, denn weniger hätten meinem gewaltigen Appetit nicht genügt.

Meine Einbildungskraft verirrte sich in ein Labyrinth von Unzüchtigkeit, sobald ich mich mit diesen Odalisken beschäftigte. Demoiselle de Courtives aus Chablis, ein Beichtkind meines Bruders, erregte vor allem durch ihre Frische meine schlüpfrigen Gedanken; ihre Kleidung, die Blässe ihrer Haut und eine an ihr versuchte Vergewaltigung machten mich oft rasend vor Wollust. Aber das Herz war dabei in keiner Weise beteiligt, und ich würde es für unnütz halten, von diesen Schändlichkeiten zu sprechen, wenn es nicht notwendig wäre, um das zu enthüllen, was in den Tiefen meines Herzens vorging, das doch von der Leidenschaft für Jeannette erfüllt war, einer Leidenschaft, so verschieden von jenen Begierden, daß ich es keinem glauben würde, wäre es nicht mein Herz, in dem diese Dinge wohnten ...

Aber noch mehr als diese Frauen meines imaginären Serails erregte meine Begierden ein Weib mit den Resten einstiger Schönheit, mit Geschmack, mit Sauberkeit, mit seinem hübschen Schuhwerk, mit seiner Frische, mit seinem gewinnenden Ton, seiner Neigung für mich, durch die häufige Gelegenheit, sie allein zu sehen, und dadurch, daß sie zu mir über meine Gefühle für Jeannette und Marianne sprach: dies war Marguerite.

Eines Abends kam sie aus Auxerre, wo sie Einkäufe für den Haushalt gemacht hatte; man hatte mich ihr entgegengeschickt, damit ich ihr bei der Führung ihres Reittieres behilflich sei, eines sehr störrischen, starken und in seiner Art sehr schönen Esels. Ich eilte meiner mütterlichen Vertrauten entgegen wie ein liebevoller Sohn. Ich begegnete ihr im Tale von Montalery, und ich half ihr beim Erklettern eines jäh ansteigenden Hügels. Oben angelangt bat ich Marguerite, ihren ›Martin‹ wieder zu besteigen; dabei mußte sie sich auf mich stützen. Ich fühlte einen leichten Schauer der Wollust. Sie saß auf und ich ordnete ihre Röcke über ihren Beinen; dabei berührte ich ihren Fuß; mein Herz klopfte... Schwester Marguerite sah meine Erregung; sie lächelte. Sie sprach von Jeannette; sie versicherte mir, daß es Mlle Rousseau sei, die ich liebe. Mit vollem Vertrauen entgegnete ich ihr; ich zeigte ihr meine Seele ganz nackt, erklärte ihr die Art meiner Liebe für die schöne Rousseau, die Art meiner Neigung für Marianne; ich ging sogar so weit, ihr von den Begierden zu sprechen, die mir die andern Frauen einflößten. Sie schien ein wenig überrascht zu sein von diesem unbegrenzten Vertrauen. Endlich, als ich auf sie selbst zu sprechen kam, wurden meine Worte glühend. Wir stiegen den Hügel hinab; da er sehr steil war, mußte ich den Korb auf der einen Seite des Tieres halten, während Marguerite ihre Füße auf den Korb an der anderen Seite stützte. Zuweilen mußte ich sie um die Taille fassen, um sie zu halten, wenn ›Martin‹ stolperte. Ihr Gesicht war sanft erglüht wie eine Rose. Sie konnte mir nicht mehr antworten, denn plötzlich tauchte Abbé Thomas unvermutet neben uns auf, der nach den Feldern der Pfarrei schaute...

Nach dem Abendessen gingen alle hinaus, um im Garten noch etwas frische Luft zu schöpfen; Marguerite begab sich in das Zimmer des Pfarrers, um mit ihm abzurechnen, und ich benutzte diesen Augenblick... Es sind Ausschweifungen, die man nicht erzählen kann; aber wenn ich sie nicht ahnen ließe, würden manche Vorkommnisse unwahrscheinlich oder als Wirkung des Wahnsinns erscheinen. Es war das hübsche Schuhwerk, welches mich an den Füßen Marguerites so entzückte, daß ich es nahm...

Zu der Zeit, wo die Wünsche, die mir das gute Mädchen einflößte, ihren höchsten Grad erreichten, mußte sie wieder eine Reise in die Stadt machen. Meine Brüder befahlen, daß einer von uns sie begleiten solle. Ich war es, zu dem man sich entschloß. Die Schwester putzte sich in einer Weise, welche mir bewies, daß alternde Frauen, wenn sie hübsch gewesen sind, ihren Vorteil wahrzunehmen wissen und sich um zehn oder fünfzehn Jahre jünger zu machen verstehen.

Marguerite, mit einem das Gesicht nur halb bedeckenden Schleier aus feinem Musselin, die Taille in ein Mieder eingeschnürt, das ihre alabasterweiße Brust nur knapp bedeckte, mit einer Schürze aus rotkariertem Leinen, einem taubenhalsfarbenen Seidenrock, Schuhen aus schwarzem Maroquin, mit feinen hohen Absätzen und schmucken Schnallen, erschien nicht älter als dreißigjährig. Ihr angenehmes Gesicht war durch ein Lächeln verjüngt, das eine interessante Mattigkeit nicht ausschloß; ihre großen schwarzen Augen waren weich und glänzend... Und ich stand in einem Alter, wo einem dies alles nicht entgeht...

Ich hatte einen Stuhl vor die Türe gestellt, von dem aus sie ›Martin‹ bequem besteigen konnte. Ich schritt ihr zur Seite, um den Korb, auf den sie die Füße stützte, im Gleichgewicht zu halten. Als wir am Abhang des Tales von Montalery ankamen, mußte sie absteigen, wobei ich sie um die Taille faßte und beinah in meinen Armen trug. Während wir durch das Tal schritten, sah ich sie mit Vergnügen in jener verführerischen und wollüstigen Art, die hohe Absätze bei gut gebauten Frauen hervorrufen, dahinschreiten. Sie stieg wieder auf, indem sie sich von der Böschung eines ausgetrockneten Weihers aufschwang. Wie das erstemal ordnete ich ihre Röcke; meine glühenden Hände irrten auf ihren Füßen und auf dem Saum ihres Kleides herum, und wenn ich sie wegzog, kehrten sie wieder dahin zurück. Wir plauderten, der Weg bis zur Stadt bot keine Schwierigkeiten mehr.

Die Unterhaltung, die Marguerite anschlug, und das Gebet, das wir beim Beginn der kanonischen Stunde sprachen, ließ uns in aller Unschuld in die Stadt gelangen.

Marguerite besorgte zuerst die Geschäfte, die ihr der Pfarrer aufgetragen, dann wollte sie ihre eigenen Einkäufe erledigen. Zu diesem Zweck gingen wir zu einer Händlerin, einer Jansenistin, bei der die Wirtschafterin Kundin war. Diese Händlerin, Mme Jeudy, lud uns zum Mittagessen ein; es gab eine harte Probe für meine Schüchternheit, denn Mme Jeudy besaß eine entzückende Tochter, die erst unlängst einen jungen Jansenisten von Clamecy geheiratet hatte, und eine große, schön gewachsene Nichte.

Die jungen Eheleute lebten im Hause unter den Augen der frommen Mutter und durften ohne deren besondere Erlaubnis weder miteinander sprechen, noch zusammen schlafen. Ich hatte meinen Platz zwischen der jungen schönen Sophie Jeudy und ihrer Kusine, Marguerite saß an der andern Seite Sophiens, dann folgte Mme Jeudy und zuletzt kam der arme Gatte. Eine junge hübsche Köchin bediente uns; sie hieß Marianne Cuisin. Sophiens Schönheit zwang mich zur Bewunderung, aber sie verwirrte mich immer mehr. Ich zitterte vor Begierde, ihre zarten Reize zu betrachten, so daß ich fast nichts essen konnte. Obwohl verheiratet, nannte man Sophie doch noch Mlle Jeudy oder einfach Sophie. Ich fand diesen Namen entzückend! Meine Einbildungskraft arbeitete, arbeitete! Ich flammte wie ein offenes Feuer, das die Anmut Sophiens entzündet hatte. »Wie hübsch ist sie!« dachte ich, aber ich fühlte nur Begierden...

Endlich endeten das Mahl und meine Schüchternheit, aber damit auch das Vergnügen, die verführerische Sophie ungestört betrachten zu können. Nachher, als wir durch die Stadt gingen, sah ich in der Nähe des Uhrturms vor einer Haustüre ein junges Mädchen stehen, noch schöner als Sophie; es glich Jeannette und flößte mir dieselben Gefühle ein wie diese. Es war ein großes junges Mädchen, schlank und blaßhäutig, aber ihre Gesichtszüge hatten eine gewisse Lieblichkeit und waren von unaussprechlicher Anmut. Ihre Lebhaftigkeit, ihr bestrickendes Lächeln, ihre städtische Art, die für den Landbewohner ebenso berückend ist, wie die höfische für den Städter oder wie ländliche Einfalt oft für den Höfling, bezauberten mich. »Ach, wie schön sind die Mädchen hier!« dachte ich, »aber ... Jeannette ist ein Engel!...« Die hübsche junge Person ließ mich Sophie vergessen, aber der wollüstige Reiz in mir blieb.

Wir brachen gegen vier Uhr von Auxerre auf, damit wir gegen sieben Uhr in Courgis sein konnten. Marguerite erzählte mir von Mme Jeudy, von ihrer Tochter Sophie und ihrer Nichte. Letztere, die sechsundzwanzig Jahre alt war, war beauftragt, ihre Kusine und deren Mann scharf zu überwachen. Die gute Wirtschafterin verurteilte das Benehmen der Mutter. Der arme Gatte blieb, weil er seine Frau liebte. »Ach! ja«, sagte ich naiv, »er hat recht! Auch mir würde wenig daran liegen, wenn ich Jeannettes Mann wäre, ob ich mit ihr reden könnte, wenn sie nur meine Frau wäre, wenn man uns nicht trennen und sie keinem andern geben dürfte.« Ich sagte dies mit großer Lebhaftigkeit.

Bald fühlten wir einen tüchtigen Hunger. Ich half Marguerite beim Absitzen. Wir lagerten uns auf dem Rasen, sie breitete unsere Vorräte aus und ich füllte unsere Flasche mit frischem Wasser; dann verzehrten wir unser behagliches Mahl... Als der Hunger befriedigt war, blieben meine Blicke an Marguerite haften; die Erinnerung an die verführerische Sophie, der Gedanke an die reizenden Mädchen in der Stadt, die mit ihrem Schmuck die Wollust anstachelten, endlich Marguerite selbst, auf der mein Auge ruhte, dies alles vereinigte sich, um meine Begierden zu entflammen; ich fühlte ein verzehrendes Feuer in meiner Brust.

»Wie mich dünkt«, sagte ich zu meiner Begleiterin, »kann es keinen schöneren Fuß geben...« Marguerite lächelte und antwortete: »Wir wollen gehen!« – »Einen Augenblick noch!« rief ich und hielt sie mit Gewalt zurück. »Doch, doch! Ich will es! Plaudern wir noch etwas!« Ich schlang den Arm um ihre Taille; ihre Augen funkelten; ich wagte es, sie zu küssen. Sie erschrak: »Monsieur Nicolas! Monsieur Nicolas! Gehen wir!« – »Nein, nein!« sagte ich in einem so erregten Ton, daß ihre Angst noch stieg. Ich küßte sie von neuem mit ungewöhnlicher Heftigkeit... »Was tust du ... was willst du, böser Junge?« sagte sie. – »Ich will ... ich will ...« (Ich wagte es auszusprechen, was ich wollte.) – »Nein, nein, mein Kind! Nein, Monsieur Nicolas! Das ist eine Sünde... Eines Tages, wenn du Jeannette heiraten solltest...« Durch ihren gütigen Ton besänftigt, hörte ich auf brutal zu sein und wurde zärtlich; ich küßte sie und sagte: »Meine liebe Marguerite, ich weiß nicht ... aber ... ich sterbe daran ...! Wenn Sie wüßten!... Nein, es ist keine Sünde; was ich empfinde, ist nicht zu überwinden!...« – »Mein liebes Kind, es widerstrebt meinem Gefühl... Höre mich an: möchtest du, daß eines Tages, wenn du vielleicht die Hand Mlle Rousseaus erhalten könntest, sich dir ein Hindernis in den Weg stellte?...« Von diesen Worten verwirrt und bestürzt, ließ ich ab, sie zu bedrängen. Marguerite bestieg wieder ihren ›Martin‹ und ich sah mich gezwungen, ihr zu folgen.

Es war beinah neun Uhr, als wir zu Hause ankamen, denn mein Angriff hatte unsere Reise verzögert. Man erwartete uns schon beim Abendessen und erst um zehn Uhr konnten wir uns zu Bett begeben...

Das Pfarrhaus bestand aus vier Räumen zu ebener Erde, dem Zimmer des Pfarrers mit einem Kabinett, das nach dem Garten hinaus ging, einem großen Mittelzimmer, in dem wir Zöglinge aßen, studierten und schliefen (es enthielt vier Betten, das des Abbé Thomas im Hintergrund, das meine neben der Küchentüre, dahinter die Himmelbetten Huets und Melins), die Küche, in der Marguerites Bett stand... Man weiß, daß Leute mit sitzender Lebensweise, wenn sie sich lange in frischer Luft aufgehalten haben, den Reiz der Wollust stärker fühlen; außerdem bedenke man, was ich alles an diesem Tage gesehen und empfunden hatte. Ich war außer mir...

Mitten in der Nacht, als ich aus den tiefen Atemzügen meiner Zimmergenossen schloß, daß alles unter Morpheus' Herrschaft stehe, erhob ich mich leise. Ohne die Gefahr zu bedenken, der ich mich aussetzte, trat ich in die Küche, deren Tür nicht verschlossen war: Ich schleiche mich zu dem Bette der Wirtschafterin hin, ich finde es, ich horche... Sie schläft... Ich schlüpfe an ihre Seite... Marguerite träumt. Sie flüstert traumumfangen: »Laß mich, mein lieber Denevres, laß mich!« Gereizt von diesen Worten, von der Natur und meiner Erfahrung geleitet, versuche ich, ihren Traum sanft zu verwirklichen... Marguerite erwacht zu spät; sie kann nur noch meine Entzückung teilen... Nachdem meine Liebesraserei mich erschöpft hatte, blieb ich wie tot in ihren Armen liegen. Sie schalt mich nicht, sondern versuchte, mich, ohne Aufsehen zu erregen, wiederzubeleben, denn sie glaubte, ich sei bewußtlos geworden.

Wieder zu mir gekommen, schickte sie mich fort. Meine Seele war wie aufgelöst, und ich befand mich in einem Zustand höchster Erschöpfung. Ich schlief bis tief in den Tag hinein. Nachdem ich aufgestanden war, benutzte ich den ersten freien Augenblick, um in die Küche zu eilen, wo ich Marguerite in Tränen auf den Knien fand. Ich küßte sie, und dieses gute Mädchen, dessen Frömmigkeit keine Heuchelei war, stieß mich nicht von sich. »Könnte ich doch«, sagte sie, »allein die Beschwerde eines solchen Vergehens tragen! ... Monsieur Nicolas, es tut mir leid, daß du dein Leben so befleckt hast! Du bist noch so jung und wirst also lange zu bereuen haben! Du hast dir vor der Zeit das vergiftet, was einmal dein Glück sein sollte! Ich zittere davor, daß ein junger Mensch, dessen Herz so gut und zartfühlend war, eines Tages ein Wüstling wird und daß ich dazu beigetragen habe! ... Mein liebes Kind, du hast mich grausam gekränkt! Vermindere meinen Schmerz dadurch, daß du dir deine ersten Empfindungen für Jeannette Rousseau bewahrst, denn diese Liebe ist die einzige reine in deinem Herzen.« Tief durchdrungen von ihren Worten zog ich mich zurück, aber die guten Gefühle, die Marguerite in meinem Herzen erweckt hatte, waren nicht von langer Dauer.

Dies Erlebnis mit Marguerite machte meinen noch jungen Geschlechtstrieb nur um so stärker, und wenn ich auch die keusche Schönheit Jeannettes weiterhin wunschlos verehrte, so begehrte ich doch jetzt andere Frauen und Mädchen wilder als zuvor. Wollüstige Vorstellungen erfüllten meine Phantasie, und ich vermochte sie weder durch Arbeit noch durch Religionsübungen zu verscheuchen. Allein die Gelegenheiten, mir die ersehnte Empfindung des Wollustgenusses zu verschaffen und meine heftigen Triebe zu befriedigen, waren äußerst selten, und da ich keine materielle Befriedigung finden konnte, trat an Stelle der körperlichen Ausschweifung die geistige.

Eines Abends, als ich bei meinem Schwager Miche Linard zu Besuch war und mit ihm plauderte, fiel mein Blick auf seine kleine Bibliothek. Auf Bücher versessen, musterte ich die seinen, und ich fand darunter einige sehr freie Werke. Ich bat ihn um diese Bücher, und er lieh sie mir. Am besten gefielen mir die Dichtungen des Abbé de Montreuil, die mir zum erstenmal eine Vorstellung von der französischen Galanterie gaben. Ich konnte mich nicht davon losreißen!

In meinen wollüstigen Ausschweifungen hatte ich oft verheiratete Frauen begehrt, aber ich konnte mir nicht denken, daß man in der Hauptstadt meines Vaterlandes den Ehebruch als eine angenehme Unterhaltung pflegte. Ich machte mir diese neue Erfahrung, die nicht zur Verbesserung meiner Sitten beitrug, unverzüglich zunutze. Ein anderes Buch, das ›Theater der Welt‹, das in einem eintönigen kläglichen Stil geschrieben war, langweilte mich. Einen Band sehr freier Anekdoten und die Dichtungen des Abbé de Montreuil konnte ich zum Glück unbemerkt meinem Schwager Linard, als er einmal nach Courgis kam, wieder zurückgeben.

Wäre es meine Bestimmung gewesen, auf dem Lande zu bleiben, so würde dieses Buch des Abbé de Montreuil, das ohne Wirkung auf die Seele und die stumpfen Sinne Miche Linards geblieben war, gewiß sehr gefährlich für mich geworden sein! Es hätte mich zu einem gefährlichen Verführer von Frauen und Mädchen gemacht, wie jenen jungen Pariser Lenain, der nach Sacy gekommen war. Vielleicht wäre ich auch wie jener alte Champenois geworden, der ein junges Mädchen, das sich von ihm nicht vergewaltigen lassen wollte, mit einer Stange niederschlug und tötete.

Die Lektüre Montreuils verstärkte in mir die Neigung für die französische Dichtung; ich fand diese Sprache schön und außerordentlich geeignet, meine überschwenglichen Gefühle auszudrücken. Ich versuchte mich in Stanzen, Rondeaux, Sonetten und andern Dichtungsarten, wobei ich mich streng an mein Vorbild hielt, aber ich hatte das Buch leider zu früh zurückgegeben.

Seit dem Erfolg meines verwegenen Überfalls auf Marguerite war ich ein Wüstling geworden, ohne meine Naivität, ja, ich könnte sagen, meine Unschuld zu verlieren ... Ich war noch immer aufrichtig, wahrheitsliebend und einer niedrigen Handlung unfähig; mein einziges Laster, wenn es eines ist, war meine hemmungslose Begierde nach den Frauen; denn jedes andere Vergnügen schien mir wertlos.

Schon ehe ich Jeannette gesehen hatte, lebte in mir der Gedanke, ich müsse viele Frauen besitzen, um meine Sinnlichkeit zu befriedigen; aber das liebenswürdige Mädchen verdrängte diese seltsame Veranlagung in mir; erst als mein leidenschaftliches Temperament nicht befriedigt wurde, stellte sie sich wieder ein. Wäre Jeannette meine Frau geworden, so wären meine Sinne durch ihren Besitz zur Ruhe gekommen, und ich wäre wohl monogam geworden; nachdem dies aber nicht geschah und Marguerite, einmal überfallen, ihre Türe verschlossen hielt und damit keine Gelegenheit mehr bot, wurde meine Phantasie ausschweifend; nicht sie war es, die meine Sinne gären machte, es war die Sinnlichkeit, die meine Phantasie ausschweifen ließ.

Eines Tages, als wir von der Katechismusprüfung aus der Kirche kamen, zupfte Marguerite mich am Ärmel und sagte: »Nach der Vesper werde ich aufs Feld gehen, um mir die lebende Hecke anzusehen; ich bitte dich, mich zu begleiten, denn ich habe dir etwas zu sagen.«

Diese wenigen Worte ließen mich das Ende der Vesper mit großer Ungeduld erwarten. Als der Gottesdienst beendigt war, suchte ich meinen Kameraden vorauszueilen, allein Abbé Thomas folgte mir. Die Wirtschafterin ließ mich holen, ihr schlug man niemals etwas ab. Unterwegs sprachen wir zunächst von gleichgültigen Dingen. Als wir aber auf den Feldern der Pfarrei angekommen waren, ließ Marguerite sich an einer Stelle, wo die Hecke am dichtesten war, nieder. Sie war sonntäglich gekleidet und sah reizend aus. Mein Herz pochte. Ich wollte mich in ihre Arme werfen. Sie stieß mich nicht zurück, sondern preßte mich an ihre Brust: »Du hast in meinem Herzen die Erinnerung ausgelöscht, Monsieur Nicolas! Ach, wie teuer du mir bist!« – »Beweisen Sie es mir«, entgegnete ich ihr, »indem Sie mir gewähren, was ich von Ihnen begehre.« – »Ja, ich will es dir beweisen, aber nicht in der Weise, wie du denkst; ich fürchte Gott und will ihn nicht beleidigen ... Aber du bist jetzt das Wesen, das ich am meisten liebe ... Ich bin schwanger ...«

Das war etwas, was ich nicht erwartet hatte; ich erblaßte, nicht aus Angst, Marguerite nun heiraten zu müssen; in diesem Augenblick, im Banne ihrer Gegenwart, gezwungen durch ihre Reize und durch meine Pflicht, hätte ich ohne Zögern eingewilligt. Aber ich sah eine Wolke von Vorwürfen sich über meinem Haupte zusammenballen und unter meinen Füßen einen Abgrund der Vernichtung... Wie sollte ich, verheiratet, weiterstudieren? Das war mein erster Gedanke voller Bangen; an Jeannette dachte ich nicht, bis im Laufe des Gesprächs ihr Name fiel. »Du bist verwirrt«, sagte Marguerite, »scheust du es, mich zu heiraten?« – »Nein, nein!« rief ich, »nein, Marguerite, du bist mir teuer; du bist es mir durch deine Schwangerschaft noch mehr. Du bist mir, was Glyceria ihrem Pamphilus war!« – »Ich bin beruhigt«, antwortete Marguerite, »daß der Vater meines Kindes ein gefühlvolles Herz hat... Geh, mein Freund, ich würde eine solche Heirat von dir nicht fordern. Ich liebe dich zärtlich; aber ich liebe dich ohne eigennützige Gedanken. Fürchte nicht, daß man etwas von meinem Zustand bemerke! Fürchte nicht, daß ich dir eine Frau geben will, die mehr als doppelt so alt ist wie du und die verblüht wäre, wenn du in der vollen Kraft deiner Jahre stehst! Nein, mein teurer Freund, denke an Jeannette und suche sie zu erringen. Möge sie eines Tages dein Weib sein, denn allein mit ihr kannst du glücklich werden...« Dann fuhr sie fort: »Beruhige dich, mein Freund, ich mache dir keine Vorwürfe. Ja, ich bin dir sogar dankbar dafür, daß du mich zur Mutter gemachst hast. Von allen Trostgründen ist dies der wirksamste und ihn verdanke ich dir. Du gibst mir etwas, das ich in aller Unschuld für den Rest meiner Tage lieben kann, ein Kind, das ganz mir gehört, über das ich allein verfügen darf, ein Glück, das ich noch nicht genossen habe.

Mein junger Freund, höre meine weiteren Entschlüsse! Wenn ich meinen Zustand nicht mehr verheimlichen kann, werde ich sagen, daß ich meinen Bruder besuchen will, der im königlichen Mundbäckeramt zu Versailles in Dienst ist, und ich werde nach Paris gehen. Dort will ich meinen Zustand einer verschwiegenen Verwandten anvertrauen, ohne deinen Namen zu nennen, werde dort mein Kind zur Welt bringen und gebe dann den Sohn oder die Tochter in Pflege. Dann kehre ich für zwei Jahre hierher zurück, bis zur Entwöhnung des Kindes, das ich nie mehr verlassen werde.

Ich will dir nicht schreiben, weil es unser Geheimnis verraten könnte. Wenn ich zurückkehre, bezeichne ich dir das Geschlecht unseres Kindes und die Maßregeln, die ich getroffen, damit du es eines Tages finden kannst. Sobald du bemerkst, daß mein Zustand auffallend wird, sollst du es mir sagen ... Trennen wir uns nun: wenn die Mauern Ohren haben, sind die Hecken noch weniger taub.«

Ein Sturm der Gefühle tobte in mir, während Marguerite so zu mir sprach. Meine Gedanken wirbelten und überstürzten sich. Die Freude, Vater zu sein in meinem Alter (ach, ich war es schon seit dem 14. Mai 1746, ohne es zu wissen!), der Edelmut Marguerites, das Bild Jeannettes, das vor mir auftauchte, meine Ängste, die Wirtschafterin möge sein wie alle andern Frauen, das Glück, das ich hatte, im Beginn meines Leben so gute Menschen zu finden, was den Haß meiner Brüder und meine eigenen Fehler wieder gutmachte, alles dies schoß mir durchs Hirn und versetzte mich in eine gewisse Betäubung. Als ich wieder zu mir kam, krampfte mein Herz sich schmerzlich zusammen. Ich küßte Marguerite ohne ein Wort, Tränen in den Augen, die auch die ihren füllten ... Allein ging ich die Hecken entlang weiter, während die Wirtschafterin den Heimweg antrat.

Ein Monat verging. Inzwischen beobachtete ich Schwester Marguerite; ich bemerkte, daß ihre Röcke vorn etwas kürzer wurden, und sagte es ihr in folgenden Worten: »Ihre Röcke fangen an, sich nach der Mode von Nitry zu richten.« Sie verstand mich ohne weiteres, denn man weiß in der ganzen Gegend, daß die Frauen von Nitry die Röcke vorne etwas kürzer tragen, während sie sie hinten ein wenig schleppen lassen, was fast herausfordernd aussieht. Marguerite wußte diese auffallende Erscheinung aber noch einige Zeit zu verbergen und fing an, von ihren Geschäften in Paris zu sprechen. Sie ließ sich sogar von ihrem Bruder einen Brief schreiben, in dem dieser sie aufforderte, zu ihm zu kommen. Der Tag ihrer Abreise wurde festgesetzt; aber sie versprach dem Pfarrer, zurückzukehren, sobald ihre Angelegenheiten erledigt seien, da sie, wie sie sagte, »ein bescheidenes und einfaches Leben auf dem Dorfe einem genußvolleren und abwechslungsreicheren in der Stadt vorziehe.«

Sie brach an einem Mittwoch in aller Frühe auf, damit ich die Möglichkeit hätte, sie ein Stück zu begleiten und rechtzeitig wieder zurück zu sein; sie bat mich, ihren ›Martin‹ zu führen, auf dem sie ritt, während ein anderer Esel ihr Gepäck trug ... Unsere Unterhaltung war mehr herzlich als interessant; ich war ergriffen von Marguerites Verhalten; sie betete mich an, seitdem ich sie zur Mutter gemacht hatte. Sie empfahl mir Klugheit und Sittsamkeit; sie sprach mir von unserem Kinde und sagte, sie werde ihm, wenn es am Leben bleibe, alles zuwenden, was sie besitze ... Sie küßte mich und drückte mich an ihre Brust. So schieden wir voneinander und ich habe sie nie mehr wiedergesehen.

Es war gegen Pfingsten, als meine Brüder mich zu meinem Vater schickten. Sie gaben mir einen Brief mit, dessen Inhalt ich vermutete. Sie hofften nämlich, mein Vater werde mich, wenn er ihn gelesen, wieder in das väterliche Haus zurückholen oder wenigstens mich von ihnen fortnehmen. Ich wollte wissen, welche Verleumdungen sie gegen mich anführten, öffnete den Brief und las ihn. Er war voller Abscheulichkeiten. Man offenbarte darin meine Gefühle in einer entstellenden Art und Weise, und man erweckte durch diese Enthüllungen die verschiedensten verabscheuenswerten Vermutungen. Ich schauderte; ich fühlte mich versucht, den Brief zu zerreißen. Da ich aber auf dem Felde am Fuße eines Weißdornstocks ein Loch fand, warf ich den Brief hinein und deckte ihn mit Erde zu. Dann setzte ich in heftiger Gemütsbewegung meinen Weg fort.

Als ich mich Laloge gegenüber befand, bemerkte ich in das noch weiche Erdreich eingedrückt die Spur eines Frauenschuhs ... Mit einemmal war meine Wut verflogen. »Welch himmlischer Engel«, rief ich, »ist herabgestiegen zu dieser öden Stätte!? ....« Ich verdoppelte meine Schritte, ich lief, ich flog.

In jenem Tälchen, in dem eine Quelle entspringt, sah ich plötzlich vor mir ein junges Mädchen, das einer Nymphe gleich leichtfüßig dahineilte. Ich holte sie bei den Nußbäumen meines Vaters ein, dort, wo sich die Täler vereinigen. Ich blickte sie an, sie errötete und grüßte mich, indem sie mich beim Namen nannte. »Wer sind Sie, liebenswürdige Reisende?« fragte ich. »Ich kenne Sie recht gut«, erwiderte sie, »aber Sie kennen mich nicht; ich war noch ein kleines Mädchen, als Sie unser Dorf verließen. Ich bin Marie-Jeanne Leveque aus Laloge und ich gehe nach Sacy.«

Ich erkannte sie wieder. O mein Gott, welche liebenswürdige Offenherzigkeit, welche Grazie, welche Bescheidenheit, welche Unverdorbenheit und Frische! Sie war noch nicht älter als fünfzehn, aber sie war groß, gut gewachsen, von einer ausgesuchten Sauberkeit und zeigte das Wesen der hübschen Mädchen von Nitry. Ich fand sie charmant, aber ich wurde nicht untreu; ich dachte an Jeannette, die noch hübscher, köstlicher, nymphenhafter war als die schöne Marie-Jeanne .... Ich begleitete das liebenswerte Mädchen unter angeregtem Geplauder bis dorthin, wo der Weg von Laloge ins Dorf einbiegt.

Mit meinen Gedanken an Marie-Jeanne angenehm beschäftigt, ging ich nach dem Hause meines Vaters. »Niemals«, dachte ich, »werde ich Jeannette erringen; dieser Hoffnung muß ich entsagen; es hat keinen Sinn, weiter zu studieren. Ich will Bauer werden; Marie-Jeannes Vater ist reich; aber mein Vater ist auch ein Ehrenmann ... Marie-Jeanne ist liebenswürdig; sie wird mir Jeannette ersetzen!... So werde ich denn also hier bleiben, auf diesen Feldern leben, wo ich meine Kindheit verbracht habe!«

Ich fühlte einen inneren Trost. Freudig betrat ich das Haus meines Vaters, fast bedauernd, daß ich den Brief meiner Brüder nicht aufgehoben hatte, denn er würde meinen Vater zweifellos bestimmt haben, mich bei sich zu behalten. War dieser Brief doch geeignet, ihn ebenso gegen sie wie gegen mich einzunehmen, denn sie hatten die Kühnheit gehabt, ihm darin vorzuhalten, daß der Kummer, den ich ihm durch mein Benehmen bereite, eine Strafe für seine Wiederverheiratung sei. Es schien, daß man zu Hause etwas vermutete, denn mein Vater fragte mich, ob ich keinen Brief für ihn habe. »Nein, mein Vater!« antwortete ich kühl, »ich habe keinen Brief!« Er lächelte und sprach nicht mehr davon.

Als wir bei Tisch saßen und meine Mutter die Suppe auftrug, trat Marie-Jeanne ins Zimmer. Sie wurde wie die Tochter eines guten Freundes empfangen. Man hieß sie, sich an die Seite meiner Mutter setzen, während ich meinem Vater zur Seite saß; so saßen sie und ich einander gegenüber. Ihre naive Anmut, ihre Bescheidenheit, der gewinnende Klang ihrer Stimme, in der ein leises Zittern die Leidenschaft verriet, alle diese Reize fesselten mich.

Nach dem Essen führte meine Mutter sie in den Garten; ich begleitete sie und zeigte Marie-Jeanne die verschiedenen Bäume, die ich in meiner Kindheit gepflanzt hatte, denn ich hatte immer an das Nützliche und Dauernde gedacht. Marie-Jeanne war so gütig, alles zu bewundern, was ich geschaffen hatte und aus meiner Hand die schönsten Blumen anzunehmen. Meine Mutter betrachtete meine Aufmerksamkeit mit Wohlgefallen. Es war ein angenehmer Abend für mich und, wie ich glaube, auch für die junge Leveque; denn sie verabschiedete sich erst, als die anbrechende Nacht sie dazu zwang. Ich hätte sie gern begleitet, aber diese Höflichkeit ist auf dem Lande nicht üblich und hätte nur Anlaß zum Gerede gegeben.

Ich blieb zwei Tage im Hause meines Vaters, am dritten kehrte ich morgens zurück. Als ich von meiner Mutter Abschied nahm, vertraute ich mich ihr an und ließ sie wissen, daß ich jenen Brief meiner Brüder an den Vater geöffnet hatte. Ich erzählte ihr seinen Inhalt und sie versprach mir, nachdem sie mir schmerzlich bewegt Vorhaltungen gemacht hatte, sich für mich bei meinem Vater zu verwenden und seine Verzeihung zu erwirken. Wir hatten eine große Unterredung mit meinem Vater, in deren Verlauf er einige meiner Aussagen bezweifelte, aber meine Mutter versicherte ihm gütig lächelnd, daß ich ihm die Wahrheit sage.

»Können Sie von ihm verlangen«, fügte sie hinzu, »daß er selbst Ihnen einen Brief bringt, in dem man Schlechtes von ihm sagt?« – »Wenn er es getan hätte«, antwortete der tugendhafte Mann, »so würde er damit wenigstens sein Vertrauen in unsere Güte bewiesen haben, liebe Frau. Es ist eine gefährliche Sache, Briefe zu zerreißen, die er uns überbringen soll. Aber ich will ihm seine Handlungsweise vergeben und nicht nachtragen.«

Diese ermutigenden Worte waren notwendig, um mich zu verteidigen und mich zu hindern, irgendwelche unklugen Ausflüchte zu machen. Ich gewann mir das Wohlwollen meiner Eltern wieder zurück und war fest entschlossen, ein anderes Mal alles zu bringen, was man schrieb.

Man wunderte sich bei meiner Rückkehr, daß ich allein war und mein Vater nicht mit mir kam. Ich entgegnete, daß er wahrscheinlich später kommen werde, aber er habe nicht bestimmt gesagt, wann. Diese doppelsinnige Antwort befriedigte meine Brüder, denn sie ließ durchblicken, daß mein Vater nicht gut mit mir stehe. Am Abend meiner Rückkehr erkundigte sich der Pfarrer nach der Gesundheit meines Vaters, ohne aber das Wort an mich zu richten. Abbé Thomas sprach zu ihm, indem er mir Fragen stellte, die ich knapp und einsilbig beantwortete.

Am nächsten Tage war alles wie gewöhnlich, mit dem einzigen Unterschied, daß ich mich eifrig mit Gartenarbeit beschäftigte. Ich betrachtete dies als eine Übung in der Landwirtschaft, für die ich mich bestimmt hatte und der mein zukünftiges Leben gewidmet sein sollte.

Der übernächste Tag wurde mir für immer denkwürdig, denn ich sprach an diesem Tag mit Jeannette Rousseau. Ich befand mich allein im Zimmer; Schwester Pinon (die Nachfolgerin Marguerites) war abwesend, meine beiden Kameraden waren zum Brunnen gegangen, Abbé Thomas befand sich im Garten und der Pfarrer in der Kirche. Jeannette klopfte ans Hoftor.

Ich war in diesem Augenblick ganz von ihr eingenommen und meine Leiden überfielen mich wieder; ich weinte. Es klopfte erneut, ich trocknete meine Tränen und ging, um zu öffnen. Das Wort erstarb mir auf den Lippen; ich errötete erst, dann erblaßte ich, ward so verwirrt, daß ich mich an einen Baumstamm anlehnen mußte, um nicht umzusinken. Auf solche Weise verriet ich meine innere Bewegung, dies war meine Sprache vor dem Gegenstande meiner geheimen Anbetung. Jeannette lächelte, während sie errötete. Wie schön war sie!... Der süße Klang ihrer Stimme rief meine fliehende Seele wieder zurück. »Monsieur«, sagte sie, »mein Vater schickt mich, um zu fragen, ob Mlle de Courtives heute beim Herrn Pfarrer sei.« – »N...ein, M...ademoiselle!« Niemals sprach ich mehr als diese beiden Worte zu dem Gegenstande meiner mehr als glühenden Liebe ... Schon diese Anrede: Mademoiselle kostete mich ungeheure Anstrengung; denn die erste Silbe dieses Wortes, dies ›Ma‹ ließ mich erschauern. Es war mir, als sei ich nicht würdig, dieses ›Ma‹ vor ihr auszusprechen ... Ach, diese ungeheure innere Bewegung, die Herzen, welche nicht lieben, unbekannt bleibt, verrät mehr als alles andere, wie inbrünstig ich liebte!... Mlle Rousseau grüßte mich und ging, ohne ein weiteres Wort. Ich atmete erst wieder, als sie schon fern war; ich trat vors Tor und verfolgte sie mit den Blicken bis zur nächsten Straßenecke, zitternd und wünschend, daß sie sich noch einmal umwende. Aber sie blickte nicht zurück, und ich fühlte mich gedemütigt; wenn sie sich umgedreht hätte, hätte sie mich vernichtet.

Meine Brüder schickten mich noch verschiedentlich in der Gegend umher, um ein so hassenswertes Geschöpf wie mich aus ihrer Nähe zu entfernen. Eine dieser kleinen Reisen führte mich nach Vermenton zu Monsieur Collet. In dem Augenblick, da ich bei ihm eintrat, war Mme Collet eben in Gesellschaft zweier ihrer Töchter und einiger anderer junger Personen.

Als sie mich wie einen großen Einfaltspinsel dastehen sahen, der die Augen niederschlug und nicht aufzublicken wagte, der errötete und dem das Wort in der Kehle erstickte, sprachen sie untereinander: »Wer ist denn dieser Bursche?« Mme Collet sagte zu ihnen: »Er ist ein junger Restif aus Sacy und wohnt bei seinem Bruder, unserem ehemaligen Vikar, der jetzt Pfarrer in Courgis ist, ein achtbarer Mann.« Eines der Mädchen, eine Collet, erhob sich und ich hörte, daß sie in ein benachbartes Zimmer hineinrief: »Komm doch, hier kannst du einen Schüler des Pfarrers von Courgis sehen ...« Die Angeredete trat ein, und einen Augenblick später bemerkte ich Colette oder Mme Parangon, deren ernste Miene ein Lächeln erheiterte, als sie mich sah. Sie blickte mich an, als erwarte sie, daß ich zu ihr spräche, aber ich wagte es nicht. Das Mädchen, welches Colette benachrichtigt hatte, rief seine beiden Brüder und die zwei Schreiber ihres Vaters. Es waren drei große Spottvögel, die mich anschauten und spotteten, indem sie riefen: »Was für ein Lausbub!« – »Er steht da wie ein Schaf!« sagten die beiden Schreiber. Kaum hatte ich diese beleidigenden Worte gehört, so richtete ich meine Augen auf sie, und die Glut, die darin aufzuckte, war alles andere als Scham. Der ältere Collet erschien; ich ging ungezwungen auf ihn zu und erklärte mich ihm, der mir viel Hochachtung bewies. Dieses mein Benehmen überraschte Mme Parangon; sie schickte ihren jüngeren Bruder und die beiden Schreiber weg, indem sie zu ihnen sagte: »Wenn er ein Dummkopf wäre, könnte er sich in seiner Familie nicht halten.« Dann richtete sie das Wort an mich, mit einer besonderen Art von Güte, wie sie ihr eigen war: »Sie studieren bei Ihren Brüdern, Monsieur Nicolas?« fragte sie mich. »Ich studierte bei ihnen, Mademoiselle«, antwortete ich und blickte sie an ... Großer Gott! Das war die Schönheit Jeannettes, ihre Taille, der Klang ihrer Stimme; die gleiche Anmut strahlte aus allen ihren Zügen, ich zitterte von neuem, »Sie sind meinem Geschlecht gegenüber so schüchtern; haben Sie solche Hochachtung vor ihm?« fragte Colette. »Ja, Mademoiselle«, antwortete ich, »ich achte Ihr Geschlecht unendlich!«

Und da ich bemerkte, daß die beiden Schreiber mir eine Nase drehten, fuhr ich fort: »Aber ich bin nicht schüchtern, wenn es sich um junge Burschen meines Alters handelt; und ... ich ... habe sie es schon verschiedentlich fühlen lassen ...« Die hübsche Dame lachte von Herzen über diesen Ausspruch. – »Kommt, kommt, Messieurs!« Sie kamen wieder herein, und ich blickte sie ohne Zorn an. »Er ist ein gutes Kind«, sagte der eine, »aber schade, daß er vor jungen Damen so verlegen ist!« – »Ach!« rief der andere, »ist es nicht Monsieur Nicolas, den ich hier als Schüler gesehen habe? ... Sind sie noch immer so menschenscheu? ... Eine Händlerin hat mir erzählt, daß er in seinem Dorf davonläuft, wenn die Mädchen ihn umarmen wollen.« Man brach in Lachen aus, an dem nur Colette nicht teilnahm. »Daran ist wohl seine Ehrfurcht schuld!« sagte Mlle Jacquette, die jüngere Schwester Colettes. »Was?« rief eine der jungen Compagnots, »wenn ich Sie küssen wollte, würden Sie davonlaufen?« – »Ja, ja«, sagte einer der beiden Schreiber, bevor ich selbst antworten konnte. »Ich glaube nicht daran!« sagte Mme Collet. »Verzeihung, Madame«, antwortete ich, »ein Mädchen, das mich küssen will, erschreckt mich durch seine Dreistigkeit!« Diese Antwort gefiel Vater Collet und seiner Frau sowie seinem jungen Sohne. Colette sagte zu den beiden älteren Leuten: »Er ist euch gewachsen, meine Herren!«

Ich verließ unterdessen ein wenig gedemütigt dieses Haus, wo der Anblick Colettes, die verheiratet war, ohne daß ich es wußte, mir nichts als eine schmerzliche Gemütsbewegung verursacht hatte.

Einige Zeit später sah ich eines Morgens meinen Vater mit drei Pferden ankommen. Ich begriff sofort, daß er mich mitnehmen werde. Er sagte es mir mit frostiger Kürze vor meinen Brüdern, worauf sie sich zusammen ins Zimmer des Pfarrers zurückzogen. Angesichts meiner sicheren Abreise fühlte ich, daß ich ungeachtet meiner Leiden, mit ganzem Herzen an dieser Stätte hing, wo ich Jeannette und Marguerite kennengelernt hatte. Mein Herz krampfte sich zusammen, kaum vermochte ich die Tränen zurückzuhalten: alles, was ich um mich sah, erweckte Abschiedsschmerz in mir.

Während des ganzen Heimwegs ging ich einsam für mich dahin, denn mein Vater, der ausgezeichnetste aller Menschen, schritt tüchtig aus, um nicht mit mir sprechen zu müssen. Wir durchquerten ein Gehölz und kamen an Laloge vorüber, ohne daß ich an Marie-Jeanne dachte. Erst nach meiner Ankunft im Elternhause kehrte mir die Erinnerung an dieses junge Mädchen zurück. »Ach!« seufzte ich schmerzbewegt, »ich liebe nur Jeannette!« Mein Vorsatz wurde später trotzdem zunichte, indem ich mich an Marie-Jeanne anschloß und Jeannette Rousseau vergaß, da sie abwesend war.

Doch ganz vergessen habe ich Jeannette eigentlich niemals; die Erinnerung an sie war unauslöschlich, aber ich wollte Marie-Jeanne lieben. Jeden Sonntag, wenn sie mit den Ihrigen in die Messe kam, wußte ich es so einzurichten, daß sie bei uns zum Essen eingeladen wurden. Sie nahmen die Einladung auch öfters an. Da sie aber viele Verwandte in Sacy hatten, konnten sie nicht immer zu uns kommen.

Eines Tages ließ man uns beide, Marie-Jeanne und mich, vom Mittagessen bis zur Vesper allein. Ich wurde sehr zärtlich, und Marie-Jeanne ward es noch mehr. Dann, um mich unwiderruflich zu binden, verlangte ich ... sie zu meiner Frau zu machen. Sie weigerte sich kaum. Während der nächsten sechs Monate, vom November 1750 bis zum April 1751, war ich so glücklich, als es mir die Erinnerung an Jeannette erlaubte. Aber dann änderten sich die Dinge ...

Es wollte weder meinem Vater noch meiner Mutter in den Kopf und in die Gedanken gehen, daß ich Ackerbauer werden sollte. Sie überlegten es sich hin und her, sie betrachteten es von allen Seiten, bis der Zufall oder vielleicht auch die Aufmerksamkeit, die ich Madame Parangon bewiesen und von der ich erzählt hatte, ihnen einen unerwarteten Ausweg eröffnete.

Ehe man die Sache mit mir besprach, sagte mein Vater zu mir: »Ei nun, Nicolas, was sagst du zur Landarbeit?« – »Sie ist hart, aber man gewöhnt sich daran, mein Vater.« – »Es ist nicht zuviel Mühe, aber es liegt nicht in meiner Absicht, dich in diesem stillen Winkel abgeschlossen zu halten. Ich werde dir deine jugendlichen Fehler nicht zum Vorwurf machen; hättest du diese Fehler nicht gehabt, so würden deine älteren Brüder dich weiterhin unterrichtet haben. Sie hatten schon die Genehmigung erwirkt, dich deine Studien im Seminar beendigen zu lassen. Und nun, mein Sohn Nicolas, laß dir sagen, daß man erst daran denken kann, eine Frau zu nehmen, wenn man ein Mann ist und sie auch ernähren kann. Marie-Jeanne ist ein liebenswertes Mädchen, aber sie ist noch zu jung und du bist es auch.

Meine Absicht geht dahin, dich nicht in der Landwirtschaft zu lassen, sondern dich irgendwo in die Lehre zu schicken, sei es im Handel, sei es in irgendeinem Handwerk, in Auxerre oder selbst in Paris, doch vor allem denke ich an Auxerre. Eines Tages würdest du bei einem Mädchen vom Lande Manieren entdecken, die nicht zu dir passen. Ich bin in den Städten gewesen und kenne ihre Lebensart, und ich weiß, wie groß der Unterschied ist zwischen hier und dort.

Ich habe vor kurzem mit Monsieur Ladrée, dem Gerichtsdiener von Vermenton, von dem Buchdrucker Parangon gesprochen. Zu ihm möchte ich dich in die Lehre geben; er ist mit der Tochter eines Freundes von mir verheiratet. Bei ihm würdest du gut aufgehoben sein. Es ist ein angesehener Beruf und du würdest das, was du bisher gelernt hast, dabei verwenden können. Mein Kind, du liebst zwar die ländlichen Arbeiten, aber du hast hier noch drei Brüder, die jünger sind als du und drei Schwestern, abgesehen von den älteren; ich würde in dir kaum eine große Stütze bei dieser mühseligen Arbeit finden, die mein würdiger Vater nicht ertrug und die mich vor der Zeit alt gemacht hat. Du hast die jüngere Schwester der Mme Parangon gesehen; sie ist viel begüterter als ihre Schwestern; sie ist hübsch, vor allem aber gut erzogen, und ich glaube, daß du hoffen darfst, eines Tages diese jüngere Schwester heimzuführen, vorausgesetzt, daß etwas Tüchtiges aus dir geworden ist. Also, mein Sohn, schlage dir die Gedanken an die Landwirtschaft aus dem Kopfe! Ich bin Vater, ich muß meine Erfahrung nützen, um meine Kinder danach zu leiten und ihnen den Beruf zu geben, der für sie paßt. Die Fähigkeiten, die du besitzest, werden dir auf dem Lande nichts nützen oder nur sehr wenig; Leute, die gern lesen oder sich geistig beschäftigen, kümmern sich wenig um ihre Felder und lassen sie brach liegen, denn sie werden der Arbeit bald überdrüssig.

Ich achte Marie-Jeanne und Mlle Rousseau mehr als ich sagen kann; ich kenne sie besser als du, durch die Personen, die ihnen nahestehen. Wenn es Gottes Wille gewesen wäre, daß du vom Vater her reich wärest, so würde ich sagen: wähle dir von beiden, die am meisten nach deinem Herzen ist, denn mit einer schönen Frau, die fromm und gut ist, geht alles vortrefflich. Aber wenn man in der Stadt lebt, tut man gut, ein Stadtmädchen zur Frau zu nehmen.

Es bietet sich nun eine Gelegenheit, dich in der Stadt in eine gute Lehre zu geben. Mme Parangon hat dich in Vermenton gesehen, als du bei Monsieur Collet warst, um ihm meinen Brief zu bringen und um mit seinem ältesten Sohne zu sprechen. Bei Mme Parangon, der Tochter meines Freundes, wirst du dich wohlfühlen und es besser haben als sonst die Lehrlinge in der Stadt. Aber trotzdem mußt du darauf gefaßt sein, mancherlei Unbill zu erdulden; bedenke immer, daß die Lehrzeit vorübergeht. Sei also klug und verständig, mein Sohn Nicolas, und denke an nichts anderes, als tüchtig und vollkommen zu werden in deinem Berufe, in den du nun eintreten wirst, denn es ist ein vornehmer und angesehener Stand, in dem man es zu großen und nützlichen Kenntnissen bringen kann!«

Zwei Tage, nachdem mein Vater mir seine Absichten eröffnet hatte, begleiteten mich meine Eltern nach Vermenton zum Vater Colettens, um mich Monsieur Parangon vorzustellen. Ich war sehr schüchtern. Dort sah ich Mlle Fanchette, die zwölf Jahre zählte und mir sehr schön erschien! ... In diesem Augenblick trat Colette ins Zimmer, von fünf oder sechs Nymphen umgeben, von denen eine, die sehr aufgeweckt war, aus Paris stammte, eine andere mit imposanter Figur aus Auxerre, während die andern vom Lande waren. Ich erblickte Mme Parangon und empfand für sie alle Gefühle, die mir bisher nur Jeannette eingeflößt hatte, Mme Parangon aber erregte auch meine Begierden. Ich fühlte mein Herz zu ihr hingezogen. Sie sah mich an: ihre schönen Augen ruhten auf mir und ich fühlte mein Dasein veredelt durch diesen Blick. Mein Gott, welches majestätische Wesen!

Ich vergaß Marie-Jeanne und alles, was sie mir an Wünschen eingeflößt hatte. Jeannette ging auf in dem himmlischen Bilde, das sich tief in mein Herz eingegraben hatte. Ich zitterte vor Wonne; nichts fürchtete ich mehr, als ihr zu mißfallen. Zum Erstaunen meiner Eltern benahm ich mich männlich und verständig, als mich die sechs Mädchen umringten. Die Pariserin allein brachte mich ein wenig aus der Fassung durch ihre kecken Blicke und ihre zweideutigen Fragen. Ich errötete und schlug die Augen nieder. Die jungen Mädchen lachten; Mme Parangon sagte leise zu ihnen: »Ei, wenn ihr von ihm bestochen seid, weiß ich nicht, was ich von euch denken soll! Eines Tages vielleicht werdet ihr unter den Sarkasmen eines kleinen unverschämten Herrn seufzen!« ... Unterdessen war Monsieur Parangon eingetreten und ich wurde ihm vorgestellt. Nach dem, was seine Frau ihm von mir erzählt hatte, schätzte er mich auf dreiundzwanzig Jahre, aber man sagte ihm, daß ich erst sechzehnundeinhalb zählte. Mein ganzes Benehmen, meine Worte, alles was ich tat, alles was ich sagte, verriet einen gewissen Ernst. Colette hatte einen andern Menschen aus mir gemacht, und das in einer Sekunde, mit einem Blick aus ihren Augen!...

Beglückende und unheilvolle Leidenschaft, nenne ich dich Liebe? Bist du ein noch edleres Gefühl? ...

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