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Leopold Sacher-Masoch: Mondnacht - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleGalizische Geschichten
authorLeopold von Sacher-Masoch
year1985
publisherBouvier Verlag
addressBonn
isbn3-416-01896-6
titleMondnacht
pages103-158
created20010525
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1875
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Leopold von Sacher-Masoch

Mondnacht.

Novelle.

Motto:
Beethoven Mondscheinsonate.
Oeuvre 27, 2.

Statt eines Vorwortes.

Aus einem Brief des Verfassers an die Herausgeber des »Salon.«

Da haben Sie endlich die »Mondnacht.« Wenn ich etwas spät damit komme, so werden Sie es mir vergeben. Die Novelle ist etwas ganz Anderes geworden, als ich zuerst beabsichtigte und mit der Idee und dem Vorwurfe wuchs auch der Umfang. Erlauben Sie mir, ehe Sie dieselbe lesen, mit Ihnen eingehender von meiner Dichtung zu sprechen.

Ich fürchte, daß dieselbe dem Rahmen einer eleganten Zeitschrift beinahe entwachsen ist; aber der »Salon« ist auch ein Organ für alle ernsten Interessen der Nation, der Gesellschaft und so hoffe ich wieder nicht ganz Unwillkommenes zu bieten.

Eben ein Blatt wie das Ihre, denke ich, müßte vor Allem jener Prüderie, jener Heuchelei den Rücken kehren, welche noch auf unserem ganzen Leben lastet und im Norden mehr wie im Süden. Es hat mich oft schon mit Bitterkeit erfüllt, daß dem deutschen Dichter nicht gestattet werden will, gleich dem französischen oder russischen, die tiefen Probleme des Menschenlebens und der Gesellschaft in den Kreis seiner Darstellung zu ziehen, daß Bücher wie der Faust, Werther und die Wahlverwandtschaften, welche den anderen Nationen vorzugsweise Achtung vor dem deutschen Genius einflößen, in der deutschen Literatur so entsetzlich vereinsamt dastehen.

Es darf freilich verlangt werden, daß diese Fragen, welche gleichsam in den Eingeweiden jedes Menschen wühlen, nur mit wirklichem Ernst behandelt werden, daß da jede Frivolität bei Seite gelassen wird; aber eine Nation, welche einen Schopenhauer hervorgebracht hat, kann sich auch in der Poesie nicht für die Dauer einer strengen und tiefen Erörterung der socialen Fragen verschließen.

Ich habe eine solche zuerst in meinem »Don Juan von Kolomea« gewagt und ich glaube sagen zu dürfen: mit Glück. Aus allen Theilen Deutschlands wurden mir Kritiken voll warmer Zustimmung, kamen mir zustimmende Briefe zu, von den namhaftesten Schriftstellern, von hochachtbaren Frauen wie von einfachen Lesern, und es war nicht allein die Form, der Realismus der Darstellung, welcher Beachtung fand, sondern gerade der Inhalt, die Weltanschauung, die leitenden Ideen.

Die »Mondnacht« gehört ebenso wie »Don Juan von Kolomea« einem von mir beabsichtigten Cyklus von Novellen an, welche das Verhältniß von Mann und Weib behandeln sollen.

Diese Dichtung, ich weiß es selbst am besten, schneidet in das Fleisch der Gesellschaft; aber sie ist gewiß ebenso wenig frivol wie die Novelle, die ihr vorausging und gleich dieser – um Kürnbergers Worte zu citiren – »ein Stück Naturgeschichte des Menschen.« Das Ungewöhnliche liegt wohl nicht so sehr am Sujet, als in den Ideen und der Darstellung. Die Lebensanschauung der großen slawischen Welt im Osten wird freilich auf den ersten Blick für den deutschen Leser etwas Ungewöhnliches haben; aber entspricht sie nicht in ihren Grundzügen ganz den Ideen Schopenhauers? Findet man nicht da wie dort denselben gesunden Pessimismus, dieselbe rückhaltlose Anerkennung der Naturgesetze, dasselbe Gefühl der Nothwendigkeit, dieselbe Resignation, dieselbe Strenge des Pflichtgefühls, dieselbe tiefe Natur-, Thier- und Menschenliebe?

Wenn Turgènjew sagt: »Das Leben ist kein Scherz, kein Spiel, das Leben ist auch kein Genuß, das Leben ist eine schwere Arbeit. Entsagung, beständige Entsagung: das ist sein geheimer Sinn, das ist sein Räthselwort; nicht auf Verwirklichung seiner Ideale, sondern auf die Erfüllung seiner Pflicht soll der Mensch bedacht sein,« – meint man da nicht Schopenhauer zu hören? – Dieselbe Lebensanschauung finden Sie auch bei mir, in dem »Don Juan,« im »Capitulanten,« in der »Mondnacht,« nur vielleicht noch etwas prononcirter.

Erlauben Sie mir schließlich noch ein Wort über das Wunderbare, scheinbar Phantastische, das in der Novelle liegt. ich bin auf Zweifel gefaßt. In diesem Sinne habe ich das Vorwort an Grafen Stadion geschrieben. Die Somnambule ist vollkommen nach der Natur gezeichnet, jeder Zug ihrer Geschichte ist wahr und erlebt.

 

An Emerich Grafen Stadion in Venedig.

Lieber Emerich!

Du bist vielleicht der Einzige, der meine Geschichte ganz verstehen, ganz glauben wird, denn es war ja das kleine Haus mit den düsteren Bäumen, in dem wir uns das erstemal trafen und die Hand drückten. Du kennst die schöne bleiche Frau mit dem offenen dunklen Haar und dem kranken Herzen, die in der Mondnacht mit geschlossenen Augen ein anderes wunderbares Leben lebt, Du weißt, daß nur die Decoration und die Staffage hie und da etwas verändert, daß jeder Zug in meiner Geschichte erlebt ist; Du erinnerst dich gewiß noch auf alles ebenso genau wie ich, auf die pelzbesetzte Sammetjacke, die abgegriffene Ausgabe des Faust und die kleinen braunen Fauteuils, und Du weißt auch, daß sie mit geschlossenen Lidern schärfer sah als wir mit unseren offenen Augen, daß sie Jedem gleichsam das Herz aus der Brust nahm und es lächelnd vorwies wie ein anatomisches Präparat! Du hast gewiß noch den lieben kindlichen Ton im Ohre, mit dem sie zu mir sprach, mit dem sie mir im tiefen somnambulen Schlafe ihre Schicksale erzählte, so klar, so fließend, so schalkhaft oft, so bis in das kleinste Detail lebendig und gegenwärtig, wie wenn sie dieselbe aus einem höchst trefflichen Buche herauslesen würde. Du allein wirst alles verstehen, alles, deßhalb schreibe ich Deinen Namen über diese Geschichte, die Dir ein herzlicher Gruß sein soll und eine wehmüthige Erinnerung.

Dein

Graz, 12. März 1868.

Leopold.


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