Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Daniel Defoe >

Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Es waren ungefähr zwanzig Tage nach meiner Niederkunft verflossen, da bekam ich ein abermaliges Schreiben von meinem Freunde an der Bank mit der unerwarteten Nachricht, daß er ein Endurteil der Scheidung gegen seine Frau erhalten habe. Besagte geschiedene Frau, der es seit einiger Zeit leid geworden sei, daß sie ihm so übel mitgespielt, sobald sie vernommen, daß er seinen Zweck erreicht, hätte sich, zu seinem großen Leidwesen, noch an demselben Abend ums Leben gebracht.

Er gab sein Mitleid hierüber zu erkennen, rechtfertigte sich aber von allem Argwohn, als ob er schuld daran wäre, zumal er nichts getan habe, als sich sein Recht verschafft in einer Sache, darin ihm Gewalt und Unrecht widerfahren sei. Doch gestand er, daß ihm dieser Vorfall sehr zu Herzen ginge, und er hätte keinen andern Trost in der Welt als die Hoffnung, daß ich bald kommen und ihm durch meine Gegenwart Mut zusprechen würde. Darauf setzte er mir sehr zu, ich sollte ihm doch wenigstens die Hoffnung gönnen, daß er mich bald in der Stadt sehen würde, dann könnten wir weiter von der Sache reden.

Diese Nachricht machte mich sehr bestürzt. Ich dachte über meine Lage ernstlich nach, was es für ein großes Unglück sei, ein Kind auf dem Halse zu haben und nicht zu wissen, wohin damit. Zuletzt eröffnete ich mein Anliegen von ungefähr meiner Hofmeisterin, indem ich mich einige Tage recht betrübt stellte, während sie beständig darauf drang zu erfahren, was mir fehle.

Ich konnte ihr unmöglich sagen, daß ich einen Heiratsantrag erhalten hätte, weil ich schon so oft hatte verlauten lassen, ich hätte einen Mann, ich wußte deshalb wirklich nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich gestand ihr zwar, daß ich etwas auf dem Herzen hätte, aber daß ich es keinem Menschen sagen könnte.

Sie plagte mich täglich, aber ich war zu nichts zu bringen. Mein Widerstand vermehrte ihre Ungeduld, sie hielt mir vor, man habe ihr die größten Geheimnisse dieser Art anvertraut, es sei ihre Gewohnheit, alles zu verhehlen, denn wenn sie das nicht täte, würde es ihr Untergang sein. Was ich ihr entdecken würde, sei so gut als wenn ich es zu den leeren Wänden sagte, sie sei verschwiegen wie das Grab. Es müsse gewiß etwas recht Seltsames sein, wenn sie mir nicht sollte helfen können. Kurz ihre Überredungskunst war so stark und ihre Beredsamkeit so bestrickend, daß man ihr nichts verbergen konnte.

Ich erzählte ihr darauf, was mir angeboten worden, zeigte ihr meines Freundes Brief, worin er mich nach London einlud und in welchem viele aufrichtige Liebesbeweise enthalten waren, löschte aber den Namen aus und sagte nichts von dem Unglück seiner Frau, nur daß sie tot war.

Sie lachte mich aus, daß ich Bedenken trüge mich wieder zu verheiraten, und sagte mir, die vorige Ehe sei null und nichtig, weil es ein Betrug von beiden Seiten gewesen sei, und da wir uns auch mit beiderseitiger Einwilligung getrennt hätten, so sei alle Verbindung dadurch ganz und gar aufgehoben. Sie bewies mir solches an so vielen Beispielen, die sie an der Hand hatte, daß mir keine Widerrede mehr übrig blieb, zudem war es auch mein eigener Wunsch.

Nun kam der schwerste Punkt wegen des Kindes. Das müsse fortgebracht werden, sagte sie, und zwar so, damit kein Mensch wisse, wo es hingekommen. Ich wußte wohl, daß aus der Heirat nichts werden könnte, wenn das Kind nicht verborgen würde, denn aus seinem Alter hätte mein Freund schließen können, daß es nach unserer letzten Abmachung gezeugt und geboren war, und das hätte die ganze Sache wohl verdorben.

Allein es ging mir so nahe, das Kind im Stich lassen zu müssen, weil es vielleicht umgebracht werden oder verhungern könnte. Es ist kein Zweifel, die Natur hat dem mütterlichen Herzen eine solche starke Neigung zu ihren Kindern eingepflanzt, weil sie sich sonst zu der großen Sorge, zu solchen Beschwerlichkeiten nicht verstehen würden, die mit dem Aufziehen des Kindes verbunden sind.

Wird diese Pflicht versäumt, so ist es ebenso gut, als wenn man die Kinder umbringt. Nun wird sie aber im höchsten Grade verletzt, wenn man die Kinder solchen Leuten gibt, welche die den Müttern von der Natur eingegebene Neigung und unverdrossene Güte nicht besitzen noch besitzen können. Bei einigen ist es sogar so, daß beabsichtigt wird, die Kinder möchten auf gute Manier die Augen schließen, was nichts anderes als vorsätzlicher Mord ist.

Alles dieses stellte ich mir in Gedanken vor. Da ich nun frei und offenherzig mit meiner Hofmeisterin, die ich jetzt meine Mutter nannte, verkehrte, sagte ich ihr auch diese Gedanken. Hierbei wurde sie ernst und fragte mich, ob sie nicht so zärtlich und sorgfältig mit mir umgegangen wäre, wie wenn ich ihr eigenes Kind wäre. Das mußte ich freilich zugeben.

Wenn ihr nun von mir fort seid, sprach sie, was geht ihr mich dann noch an, und was würde ich danach fragen, ob ihr auch am Galgen hinget. Meint ihr, daß es keine Frauen gibt, die sich fremder Kinder mit derselben Sorgfalt annehmen, als ob es ihre eigenen wären? Schon deshalb, weil sie damit ihr Brot haben. Bekümmert euch nur darum nicht. Wie sind wir, fuhr sie weiter fort, großgezogen worden? Seid ihr sicher, daß eure Mutter euch selbst gesäugt hat? Dennoch seht ihr fett und schön aus, sagte die Alte und streichelte mir mit der Hand übers Gesicht. Laßt euch das nicht anfechten, ich halte mir keine Mörder, sondern habe die besten Ammen zur Hand, die zu finden sind, und bei denen weniger Kinder ins Gras beißen, als wohl geschehen würde, wenn sie an ihrer Mutter Brüsten hingen.

Es tat mir weh, als sie mich fragte, ob mich meine Mutter selbst groß gezogen hätte, denn ich wußte zu gut das Gegenteil, zitterte darum und schauderte bei diesen Worten. Ich will hoffen, dachte ich bei mir, daß ich es hier nicht mit einer Hexe zu tun habe, die mit Geistern umgeht, welche ihr sagen, was ich gewesen, ehe ich mich selbst bekannte. Ich sah sie also ganz erschrocken an; als ich aber bedachte, daß dies etwas Unmögliches war, verging meine Angst nach und nach, so daß ich wieder ruhig wurde.

Sie merkte meine Verwirrung, wußte aber nicht, woraus sie entsprang. Danach fuhr sie fort, meiner Schwachheit zu spotten, weil ich dächte, alle Kinder würden ums Leben gebracht, welche nicht von ihrer eigenen Mutter großgezogen würden, redete mir dabei vor, daß alle Kinder, die sie verpflegte, ebenso gut aufgehoben wären, als ob sie in Abrahams Schoß lägen.

Es mag wohl sein, sagte ich, doch habe ich starke Gründe für meinen Argwohn. Fürs erste gebt ihr den Leuten eine Summe Geldes, die den Eltern das Kind abnehmen mit der Bedingung, daß sie auf Lebenszeit dafür sorgen. Wir wissen nun aber, liebe Mutter, daß dies alles arme Leute sind, deren ganzer Gewinn darin bestellt, daß sie sich der Last je eher je lieber entledigen, wie kann ich dann zweifeln, daß sie keine überflüssige Sorge an das Kind verschwenden, aus dessen Tode sie den besten Vorteil haben.

Das ist lauter Einbildung, sagte die Alte, ich sage euch, der guten Leute ganze Wohlfahrt und das Vertrauen, das man zu ihnen hat, beruht einzig und allein auf des Kindes Leben, deswegen gehen sie so behutsam damit um, wie nur eine natürliche Mutter es tun kann.

Ach, liebe Mutter, sagte ich, wenn ich nur versichert wäre, daß mein kleiner Knabe wohl in acht genommen würde und ihm kein Leid geschähe, so würde ich glücklich sein, aber ich kann mich unmöglich in diesem Stücke zufrieden geben, es wäre denn, daß ich es mit meinen eigenen Augen sehen könnte, und das kann unter den gegenwärtigen Umständen nicht ohne die größte Gefahr geschehen.

Das ist klug geredet, sprach die Hofmeisterin, ihr wollt das Kind zugleich sehen und es auch nicht sehen, ihr wollt zugleich verborgen und entdeckt sein. Das sind unmögliche Dinge, mein liebes Kind, ihr müßt es machen, wie es andere gewissenhafte Frauen vor euch gemacht haben, das heißt, ihr müßt die Dinge nehmen, wie sie sind, und nicht wie sie nach eurem Sinne sein sollten.

Ich merkte wohl, daß sie mit gewissenhaften Frauen gewissenhafte Huren meinte, sie wollte mich aber damit nicht kränken, denn ich war auch in diesem Fall keine Hure, sondern rechtmäßig verheiratet, die Gültigkeit meiner früheren Ehen noch ungerechnet.

Gut, sagte sie endlich, ihr müßt aber einige jährliche Unkosten nicht scheuen, denn es wird sich etwas höher belaufen, als der gewöhnliche Preis ist.

Von Herzen gern, sagte ich, wenn es nur geheim bleibt.

Das soll es bleiben, sagte sie, denn die Amme wird sich niemals unterstehen, nach euch zu fragen, und ihr sollt das Jahr ein- oder zweimal mit mir hingehen und das Kind besuchen, damit ihr selbst sehet, ob es gut gehalten wird und in guten Händen ist. Indes soll niemand erfahren, wer ihr seid.

Ich will der Amme verbieten mit jemandem davon zu sprechen, sagte die Alte, noch das geringste merken lassen, bei Verlust der Bezahlung und des Kindes.

Hiermit war ich zufrieden und in der folgenden Woche kam eine Bäuerin aus Hertford zu uns, die das Kind für zehn Pfund gänzlich zu sich nehmen wollte, so daß sich niemand mehr darum zu kümmern hätte. Wenn ich aber jährlich fünf Pfund dazu legen würde, so wäre sie verpflichtet, das Kind, so oft es verlangt würde, nach der Hofmeisterin Haus zu bringen, oder wir könnten zu ihr kommen und es besuchen, damit wir sehen würden, ob es gut gehalten würde. Es war eine gesunde starke Frau, gut mit Kleidern und Leinenzeug versehen. Ich überantwortete ihr mein Kind mit bedrängtem Herzen und vielen Tränen. Ich war in Hertford gewesen, hatte ihre Wohnung und ihre Verhältnisse untersucht, welche mir ganz gut gefielen. Ich versprach ihr schöne Dinge, wenn sie gut mit dem Kinde sein würde, und da erfuhr sie denn gleich, daß ich die Mutter war. Es schien mir aber ihre Wohnung so abgelegen, und sie selbst bezeigte so wenig Lust nach weiteren Umständen zu fragen, daß ich es für sicher genug hielt und ihr das Kind samt den zehn Pfund überließ, welche ich meiner Hofmeisterin gab, die sie der armen Frau in meiner Gegenwart zustellte, mit der Bedingung, daß sie mir das Kind nicht wiederbringen und nichts mehr von mir für seinen Unterhalt fordern dürfe. Nur versprach ich ihr, wenn sie es gut pflegen würde, wollte ich ihr allemal etwas mitbringen, so oft ich hinkäme, um es zu besuchen. Demnach war ich auch an die fünf Pfund jährlich nicht gebunden, machte mich aber bei der Hofmeisterin deswegen anheischig. So war mir eine große Sorge vom Halse, nicht so wie ich es wohl gewünscht hätte, aber doch so gut, wie es sich damals machen ließ.

Hierauf schrieb ich an meinen Freund an der Bank etwas höflicher als früher und gab ihm im Juli Nachricht, daß ich etwa im August nach London kommen würde.

Seine Antwort war sehr treuherzig, er bat mich, ihm doch zeitig genug von meinem Aufbruch Kundschaft zu geben, da er mir zwei Tagereisen weit entgegenkommen wolle.

Ich dachte bisweilen daran, mich mit einer Landkutsche nach Chester zu begeben, damit er nur sehen möge, daß ich wirklich daher käme. Zuletzt kam noch ein anderer Grund dazu, nämlich daß ich durch meine Reise aufs Land meiner alten Hofmeisterin einen schönen blauen Dunst vormachen und ihr den Einblick in meine Verhältnisse benehmen konnte, denn sie wußte nicht im geringsten, ob sich mein neuer Liebhaber in London oder Lancashire aufhielt, ja sie glaubte das letztere, als ich ihr mein Vorhaben entdeckte. Nachdem ich nun alles zur Abreise eingerichtet hatte, sagte ich es ihr und schickte eine Magd, die mir von Anfang an aufgewartet hatte, um einen Platz für mich in der Landkutsche zu belegen. Die Alte wollte haben, die Magd sollte mich begleiten und dann mit der Kutsche wieder zurückkommen, ich aber überredete sie, daß sich das nicht schicken würde. Als ich von ihr Abschied nahm, wollte sie wegen unseres Briefwechsels keine Verabredung treffen, sondern sagte, daß sie sicher sei, ich würde aus Liebe zu meinem Kinde schon aus freien Stücken an sie schreiben und sie besuchen, wenn ich wieder in die Stadt käme.

Ich versprach ihr das auch und zog guten Mutes meiner Wege, denn wer war froher als ich, auf so gute Manier aus einem solchen Hause gekommen zu sein, obwohl man mich dort sehr gut behandelt hatte.

Ich hatte meinen Platz in der Kutsche nur bis zu einem Ort in Cheshire, der Stone hieß, genommen, wo ich nicht nur nichts zu tun, sondern auch nicht einen Bekannten hatte. Ich wußte aber, daß man mit Geld überall zu Hause ist und wartete daher in einer guten Herberge zwei bis drei Tage, bis eine andere Kutsche kam, in welcher ich Platz fand, um wiederum nach London zu gehen, ließ aber vorher, ehe ich einstieg, einen Brief an meinen Freund abgehen mit dem Bericht, daß ich an dem und dem Tage zu Stony-Stratford eintreffen würde, wo die Kutsche still liegen mußte.

Es fügte sich, daß die Kutsche, in der ich mich befand, eine Gelegenheitsfuhre war, die einige nach Irland reisende Herren für sich allein nach Chester gemietet hatten, woher sie jetzt zurückkam und sich deshalb nicht genau an Zeit und Ort hielt. Da wir nun den Sonntag über still lagen, hatte dadurch mein Freund in London Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Die Zeit war aber doch so kurz, daß er mir nicht ganz bis Stony-Stratford entgegenkommen konnte, sondern mir am folgenden Morgen an einem Ort, Brickill genannt, begegnete, als wir eben nahe bei der Stadt waren.

Ich muß gestehen, es freute mich sehr ihn zu sehen, denn ich hatte die Nacht vorher seines Ausbleibens wegen schon wunderliche Gedanken gehabt. Er gefiel mir doppelt wegen des Aufsehens, das er machte: in einer schönen Herrenkutsche mit vier Pferden und einem Diener.

Er nahm mich sofort aus dem Mietswagen, der zu Brickill vor einem Wirtshause hielt. Dort kehrte er auch mit mir ein, ließ ausspannen und zur Mahlzeit Anstalten machen. Ich fragte ihn, was das bedeuten sollte, denn mein Sinn stünde nach London.

Er sagte, ich hätte wohl nötig, hier ein wenig auszuruhen, dies sei ein gutes Haus, obwohl die Stadt klein sei, deshalb bäte er mich, mit ihm dort über Nacht zu bleiben und mich um nichts weiter zu kümmern.

Ich drang nun nicht sehr darauf nach London zu gehen, denn da er meinetwegen so weit herausgekommen war und solche Unkosten gehabt hatte, war es ja billig, daß ich ihm wiederum einen kleinen Gefallen erwies. Also blieb ich.

Nach der Mahlzeit gingen wir ein wenig im Städtchen umher, besahen die Kirche und was sonst sehenswert war, wie es die Fremden zu tun pflegen. Unser Wirt führte uns in die Kirche, und ich bemerkte, daß mein Freund nach dem Prediger fragte, was mich gleich auf den Gedanken brachte, er wolle sich hier mit mir trauen lassen, wozu man mich nicht lange bitten brauchte, denn um die Wahrheit zu sagen, meine damaligen Verhältnisse waren nicht derart, daß ich hätte Nein sagen können, ich hatte nunmehr auch keine Ursache, mich deswegen in Gefahr zu begeben. Währenddessen mir diese Gedanken durch den Kopf herumgingen, zog der Wirt meinen Freund auf die Seite und sagte, doch nicht so leise, als daß ich nicht die Worte hörte: Mein Herr, wenn ihr eines – – – – das übrige verstand ich nicht mehr, aber es schien mir, als ob es etwa so gelautet hätte: Wenn ihr eines Geistlichen benötigen solltet, so habe ich nicht weit von hier einen Freund, der euch dienen und, wenn es euch lieber ist, auch schweigen kann.

Mein Liebhaber antwortete so laut, daß ich es hören konnte: Gut, gut, ich glaube, es wird einer nötig sein.

Sobald wir nun in die Herberge gekommen waren, bat er mich mit bewegten Worten, da er nun doch die Ehre gehabt hätte, mich anzutreffen, daß ich endlich seine Glückseligkeit beschleunigen und die Sache mit ihm zum rechten Ende bringen möchte.

Was meint ihr, fragte ich errötend, in einem Wirtshause? auf der Reise? Gott behüte mich, wie könnt ihr so sprechen?

Ich kann gar wohl so sprechen, ich bin eigentlich hierhergekommen, um so zu sprechen, und ich will es euch auch beweisen. Dabei zog er einen Haufen Schriftstücke hervor.

Ihr macht mich bange, sprach ich, was sind das für Schriftstücke?

Seid nicht bange, mein Schatz, sagte er und küßte mich – dies war das erstemal, daß er sich diese Freiheit nahm – seid nicht bange, ihr sollt alles sehen! Darauf legte er mir die Papiere vor. Das erste war ein Urteilsspruch wegen der Ehescheidung mit seiner Frau und ein völliger Beweis ihres Ehebruchs. Dann zeigte er mir die Zeugnisse des Predigers und des Kirchenvorstehers aus dem Kirchspiel, in das er gehörte, welche die Todesart sowohl wie ihr Begräbnis bewiesen. Ferner war die Abschrift einer Vollmacht dabei, welche den Ausspruch enthielt, daß die Verstorbene nicht bei Verstande gewesen sei, nachdem über den Selbstmord Gericht gehalten worden war. Dieses alles sollte mir Genüge leisten, obwohl ich, beiläufig erwähnt, kein so zartes Gewissen hatte und ihn auch ohne alle diese Umstände gern genommen hätte.

Dennoch sah ich die Papiere, so gut ich konnte, durch und sagte, es sei alles hell und klar, aber er hätte die Sachen doch nicht mit hierher zu nehmen brauchen, denn dazu wäre ja noch Zeit genug gewesen.

Es mag wohl Zeit genug für euch sein, antwortete er, aber für mich ist keine Zeit mehr zu verlieren.

Es waren noch andere zusammengerollte Papiere darunter, und ich fragte, was diese zu bedeuten hätten.

Diese Frage wollte ich eben von euch hören, sagte er. Darauf zog er ein kleines Etui hervor und nahm daraus einen sehr schönen Diamantring, steckte ihn mir sogleich an den Finger, worauf ich ihm meinen Dank bezeigte. Dann nahm er einen andern Ring heraus, steckte ihn in seine Tasche und sagte, der müsse noch zu etwas dienen.

Aber laßt mich ihn wenigstens ansehen, sagte ich, ich errate schon, was es ist, ich glaube, ihr seid nicht klug.

Ich würde wohl nicht klug gehandelt haben, meinte er, wenn ich es unterlassen hätte. Danach nahm er das aufgerollte Papier und fing an, es mir vorzulesen, wobei es sich als eine Vollmacht auswies, nach welcher wir uns an jedem Orte des Landes trauen lassen könnten.

Waret ihr denn eurer Sache schon so gewiß, daß ich mich auf das erste Wort hin mit euch einlassen würde? Oder seid ihr entschlossen, keine abschlägige Antwort anzunehmen?

Nein, ich kann und will keine abschlägige Antwort annehmen, – dabei fiel er mir um den Hals und küßte mich so, daß ich ihn nicht wieder loswerden konnte.

Als wir unter solchen Umständen in dem Zimmer auf und nieder gingen, nahm er mich plötzlich in die Arme und warf sich mit mir auf das Bett, das in dem Zimmer stand, hielt mich dort fest, doch ohne das geringste Unanständige an mir zu tun.

Hier beschwor er mich bei Himmel und Erde, ich möchte ihm doch zu Willen sein, er liebe mich ja so inbrünstig und wolle mich nicht eher loslassen, als bis ich ihm die Einwilligung gegeben. Er trieb es so lange, daß ich endlich sagte: ich sähe wohl, daß er sich fest vorgenommen, keine abschlägige Antwort zu bekommen, so solle es denn auch nicht geschehen, aber er möge mich nun aufstehen lassen, wobei ich ihn küßte.

Meine Einwilligung und die Art, wie ich sie gab, erfreuten ihn so, daß ich dachte, er würde sogleich die Brautnacht feiern und nicht erst warten, bis die Form erfüllt wäre, allein ich tat ihm hierin Unrecht, denn er nahm mich bei der Hand, half mir auf, küßte mich einige Male und bedankte sich, daß ich ihm seine Bitte gewährt hatte, ja es ging ihm seine Freude so ans Herz, daß ihm die Freudentränen in den Augen standen.

Ich wandte mich ab, denn mir war auch das Weinen darüber angekommen, und bat ihn, er möge mir erlauben, daß ich für kurze Zeit in mein Zimmer ginge. Hatte ich jemals einen Funken Reue über mein 24jähriges gottloses Leben empfunden, so geschah es jetzt. Welch ein Glück ist es doch, daß wir Menschen einander nicht ins Herz sehen können! Wie gut würde ich daran gewesen sein, wenn ich von Anfang an einen so ehrlichen und liebevollen Mann gehabt hätte.

Darauf stellte ich mir vor, welch ein abscheuliches Geschöpf ich sei, und wie ich diesen ehrlichen Mann hinters Licht führte. Er denkt wohl nicht in seinem Herzen, daß er von einer Hure geschieden worden ist, um eine andere zu bekommen, daß er sich mit einer Person trauen lassen will, die bei zwei Brüdern geschlafen hat, mit ihrem eigenen Bruder drei Kinder gezeugt hat, die in Newgate geboren ist, deren Mutter eine Hure war und nun eine landesverwiesene Diebin ist, mit einer Frau, die schon bei sechs Männern geschlafen, und seitdem sie ihn kannte, wieder ein Kind abgelegt hat. Was würde der arme Mann nur anfangen, wenn er es wüßte, dachte ich. Als aber diese Gedanken verflogen waren, kam ich zu dem Entschluß, wenn ich einmal seine Frau werden sollte, und Gott mir gnädig sein würde, daß ich ihm dann auch ein getreues Weib sein und ihm seine große Liebe mit derselben Gegenliebe lohnen würde. Das Gute, das er an mir finden würde, sollte das Böse ersetzen, das er nicht sehen konnte.

Er wurde zuletzt ungeduldig, daß ich so lange in meinem Zimmer allein blieb, deswegen ging er hinunter und sprach mit dem Wirt wegen eines Geistlichen.

Der Wirt, ein diensteifriger Mann, hatte schon den Geistlichen holen lassen. Als nun mein Bräutigam mit ihm darüber sprechen sollte, teilte er ihm mit, daß sein Freund schon im Hause wäre. Ohne viele Worte führte er die beiden zusammen und mein Bräutigam fragte den Geistlichen, ob er wohl zwei fremde Personen, die willens seien, eine Ehe zu schließen, hier trauen würde.

Der Geistliche antwortete, der Hauswirt hätte ihm schon etwas davon gesagt, aber er hoffe, es sei keine verbotene Heimlichkeit, der Herr Bräutigam käme ihm wie ein verständiger ernsthafter Mann vor, und die Braut würde wohl auch kein Kind mehr sein, daß die Einwilligung der Angehörigen nötig sein würde.

Damit ihr außer allem Zweifel seid, sagte mein Bräutigam, leset diese Vollmacht.

Das ist ausreichend, sprach der Geistliche, darauf kam er zu mir herauf.

Man mochte ihm erzählt haben, daß wir uns hier zufällig begegnet wären, daß ich mit der Land- und mein Bräutigam mit seiner eigenen Kutsche gekommen wäre, daß wir uns den Abend vorher in Stony-Stratford treffen wollten, der Bräutigam sich aber verspätet hatte.

Nun, kein Ding ist so schlimm, sagte der Geistliche, daß es nicht zu etwas gut wäre. Wenn es euch geglückt wäre, mein Herr, an dem bestimmten Ort zur Zeit einzutreffen, so hätte ich nicht die Ehre gehabt, euch hier zu trauen. Herr Wirt, habt ihr ein Gebetbuch?

Ich fuhr auf, wie wenn ich erschrocken wäre. Mein Herr, sagte ich, was meint ihr damit? Wollt ihr die Trauung in einem Wirtshause vornehmen und in der Nacht?

Frau Braut, sprach der Geistliche, verlangt ihr, daß es in der Kirche geschehe, so soll es sein, doch versichere ich euch, eure Ehe ist ebenso gültig, wenn sie hier geschlossen wird, die Kirchenvorschrift bindet an keinen Ort, was aber die Zeit betrifft, so kommt es darauf noch weniger an, zumal unsere Könige und Prinzen sich in ihren Gemächern um acht oder zehn Uhr abends trauen lassen.

Ich weigerte mich lange, anderswo als in der Kirche getraut zu werden, aber nur zum Schein, endlich gab ich denn nach. Da wurden der Wirt, die Wirtin und ihre Tochter herbeigerufen. Der Wirt war Brautvater, Küster, alles miteinander, und so wurden wir getraut.

Diesen Abend brachten wir in voller Freude zu, wobei jedoch alles im Hause so still war, daß keine Magd etwas davon merkte, zumal unsere Wirtin und ihre Tochter uns selbst bedienten und nicht zugeben wollten, daß jemand anderes zu uns heraufkäme. Die Ursache, weshalb der Wirt die Trauung so geheim hielt, war hauptsächlich diese, daß es dem Stadtpfarrer nicht zu Ohren kommen sollte, allein die Sache wurde doch ruchbar, und am andern Morgen ganz früh läuteten die Glocken, und uns wurde unter unserm Fenster ein Ständchen gebracht. Unser Wirt verbreitete aber in der ganzen Stadt, wir seien schon verheiratet gewesen, ehe wir dorthin kamen, und hätten als seine früheren Gäste Lust bekommen, ein Abendessen in seinem Hause zu halten.

Am nächsten Tage konnten wir nicht aus den Federn finden. Die Glocken hatten uns im Morgenschlaf gestört, die Nacht über hatten wir wenig ans Schlafen gedacht, und als es Tag wurde, waren wir so schläfrig, daß wir erst um Mittag aufstanden.

Ein seltsamer Zufall aber störte für einen Augenblick mein Glück. Das Zimmer, in welchem wir waren, sah auf die Straße hinaus. Weil es so schönes warmes Wetter war, öffnete ich ein Fenster. Da sah ich drei Reiter vorbeireiten und in einer Herberge einkehren, die der unsrigen gerade gegenüber lag.

Ich konnte keinen Augenblick daran zweifeln, daß der zweite von ihnen mein Mann aus Lancashire war. Ich bekam eine Todesangst, wie ich sie noch nie ausgestanden hatte. Es war mir, als wenn ich in die Erde sinken sollte, das Blut erstarrte mir in den Adern, und ich zitterte, wie wenn mich ein kaltes Fieber überfallen hätte. Zweifeln konnte ich nicht daran, denn ich erkannte seine Kleidung, sein Pferd und sein Gesicht.

Das erste, was mich dabei tröstete, war, daß mein neuer Mann gerade nicht zugegen war, so daß er mein Entsetzen nicht sah. Die drei Reiter waren nicht lange in der Herberge, als sie auch schon an das Fenster kamen, das meinige hatte ich natürlich zugemacht. Doch sah ich ihn durch die Scheiben, hörte ihn nach einem Knecht rufen und erhielt dadurch die grausame Bestätigung, daß ich mich nicht geirrt hatte.

Zunächst hätte ich gern gewußt, was er hier täte, doch das war unmöglich zu erfahren. In meinen Gedanken stellte sich mir bald dieses bald jenes Furchtbare vor. Bisweilen glaubte ich, er hätte mich ausgekundschaftet und käme nun, um mir meine Untreue und meinen Undank vorzuhalten, es schien mir sogar einige Male, als käme er schon die Treppen herauf, um mich zur Rechenschaft zu ziehen. Unzählige Gedanken gingen mir durch den Kopf. Zwei Stunden lang steckte ich in solcher Furcht und wandte kein Auge von der Tür noch von dem Fenster des Hauses, in dem sie waren. Zuletzt hörte ich viel Geräusch und sah zu meinem Vergnügen, daß sie alle drei davonritten und den Weg nach Westen einschlugen. Hätten sie die Richtung nach London genommen, so würde ich immer die Angst gehabt haben, er könnte mir begegnen und mich erkennen, so aber beruhigte ich mich einigermaßen.

Wir nahmen uns vor am andern Tage abzureisen, allein abends entstand ein großer Lärm in allen Gassen und fremde Leute ritten umher, wie wenn sie von Sinnen wären. Auf unser Befragen brachte ich heraus, daß sie hinter drei Straßenräubern hersetzten, die zwei Kutschen und einige Reisende bei Dunstable beraubt hatten, und von denen man erfahren hatte, daß sie in Brickhill in der Herberge, die uns gegenüberlag, gesehen worden waren.

Die Herberge wurde sogleich besetzt und durchsucht, aber es fanden sich genug Leute, die bezeugen konnten, daß die drei Reiter schon vor drei Stunden aufgebrochen waren. Das Volk lief zusammen, und wir erfuhren bald, was vorging. Nun hatte ich noch eine Sorge auf der Seele, von der ich mich auf folgende Weise befreite:

Ich sagte den Leuten im Hause, das wären sicher keine Straßenräuber, sondern ehrliche Kavaliere gewesen, einer wäre mir bekannt, ein rechtschaffener Edelmann, der stattliche Güter in Lancashire besäße.

Der Ortsvorsteher, der mit dem Pöbel gekommen war, erhielt bald Nachricht von dem, was ich ausgesagt hatte, und kam zu mir herüber, um es aus meinem eigenen Munde zu hören. Ich erzählte ihm, daß ich an dem Fenster die drei Reiter gesehen hätte und später noch einmal durchs Fenster in ihrer Stube, wo sie gespeist hatten, daß ich sie hätte fortreiten sehen und ihm versichern könne, der eine von ihnen sei mir wohlbekannt, er habe sehr schöne Güter und lebe in großem Ansehen in Lancashire, woher ich soeben käme.

Die freie Art, mit der ich das alles vorbrachte, machte den Pöbel stutzig und befriedigte den Ortsvorsteher so, daß er sofort zum Abzug blasen und ausrufen ließ, es seien nicht die, welche sie suchten, sondern drei redliche Kavaliere, über die er Nachricht bekommen habe. Darauf ging die Menge auseinander. Was nun Wahres daran war, wußte ich nicht, soviel stand fest, daß die Kutschen beraubt und daraus 560 Pfund an Geld genommen waren, ohne das, was noch die Spitzenhändler, welche dieselbe Straße zogen, dabei verloren. Von den drei Kavalieren aber werden wir später hören.

Indes hatte uns dieser Lärm noch einen Tag länger aufgehalten, trotzdem mein Mann behauptete, es sei niemals sicherer zu reisen, als wenn ein großer Raub geschehen sei, denn danach verschwänden die Diebe gewöhnlich weit fort, nachdem sie das ganze Land in Aufregung versetzt hätten. Ich aber war unruhig und fürchtete, daß mein voriger Mann noch irgendwo unterwegs sein und mich sehen könnte.

Vier angenehmere Tage als diese hatte ich noch nicht erlebt bisher, ich war eine Braut, und mein neuer Mann gab sich alle erdenkliche Mühe, mir zu Gefallen zu leben.

Diese Hochzeit auf dem Lande war das glücklichste, was mir hätte begegnen können, denn wenn ich ungetraut nach London gekommen wäre, hätte ich meinen Mann um Quartier bitten oder auch ihm entdecken müssen, daß ich in der ganzen Stadt nicht einen einzigen bekannten Menschen hatte, bei dem eine arme Braut mit ihrem Bräutigam einkehren konnte. Nun aber trug ich nicht das geringste Bedenken, mit ihm geradenwegs nach seinem Hause zu fahren, wo ich sogleich Besitz von allen seinen Gütern nahm und ein glückliches Leben vor mir sah, wenn ich es gut auszunutzen verstand. Ich hatte auch Muße genug, um allerhand nützliche Betrachtungen darüber anzustellen, wie nämlich ein solches ruhiges Leben von meinem vorigen Herumschwärmen gänzlich verschieden war, und wie viel glücklicher ein tugendhaftes, sittsames Leben macht als ein sogenanntes lustiges.

Ich lebte mit diesem Manne in dem schönsten Frieden, denn er hatte ein ruhiges Wesen, war klug, sittsam, tugendhaft, bescheiden, aufrichtig, in seinem Beruf fleißig und gewissenhaft. Seine Tätigkeit war nicht weitläufig, mit seinen Einkünften konnte man sehr gut auskommen, zwar nicht Staat machen und eine Rolle spielen, wie die Welt es nennt.

Ich hielt mir keinen Verkehr, ging nicht auf Besuch, hielt mein Haus in Ordnung, ging meinem Manne um den Bart und tat es sehr freudig.

Fünf Jahre hatte dies angenehme Leben ohne Zwischenfall gedauert, als plötzlich ein Streich wie von unsichtbarer Hand meine ganze Glückseligkeit vernichtete.

Mein Mann hatte jemandem eine große Summe Geld anvertraut. Der Schuldner machte Bankerott, und mein Mann empfand es schmerzlich. Nun war zwar der Verlust nicht so groß, daß er, wenn er nur Mut gefaßt und dem Unglück tapfer ins Auge gesehen hätte, bei seinem Kredit den Schaden leicht hätte gut machen können. Ich hielt ihm dies auch immer vor, denn wer unter der Last des Unglücks zusammenbricht, verdoppelt es nur, und wer sich einbildet, ein Unfall werde ihm das Leben kosten, dem geschieht es auch gewöhnlich.

Es war umsonst, ihn aufzurichten und ihm Trost zu bringen, dieser Schlag hatte ihn ins Herz getroffen, er wurde traurig und mutlos, bekam die Schlafsucht und starb.

Nur zwei Kinder hatte ich mit ihm gehabt. Es kam aber die Zeit heran, da ich aufhören mußte die Welt zu vermehren. Ich war 48 Jahre alt und glaube wohl, daß ich keine Kinder mehr bekommen hätte, auch wenn er am Leben geblieben wäre.

Nun befand ich mich in einem sehr trostlosen Zustande, und in mancher Hinsicht stand es ärger mit mir denn je. Meine Blütezeit war zu Ende, und ich konnte nicht mehr hoffen als Freiliebste auszugehen, da die Schönheit und Anmut meines Gesichts seit einiger Zeit dahin waren, und nur noch Überbleibsel an die frühere erinnerten. Zum andern hatte ich gar keinen Lebensmut mehr, auch keine Freunde noch Hilfe in der Welt, und dann hatte uns der erlittene Verlust sehr heruntergebracht, obwohl keine Schulden da waren, so daß ich voraussehen konnte, daß mein Vermögen nicht weit reichen, sondern auch meine täglichen Unterhaltskosten beständig abnehmen und in kurzer Zeit nichts mehr übrig sein würde. Dieses bevorstehende Elend stellte ich mir so lebhaft in Gedanken vor, daß es mir schon da zu sein schien, ehe es soweit kam, ich bildete mir ein, jedes Groschenstück, das ich für mein Brot bezahlte, sei das letzte, das ich besäße, und ich müßte morgen fasten und endlich Hungers sterben.

Ich saß und weinte, härmte mich ab Tag und Nacht, rang die Hände und raste bisweilen, wie wenn ich wahnsinnig wäre. Ich habe mich wirklich oft gewundert, daß mich dieser Zustand nicht um meinen Verstand gebracht hat. Zwei Jahre hielt ich es aus, zehrte alles auf, was ich hatte, und bejammerte mein Unglück, daran ich mich gleichsam zu Tode bluten mußte ohne die geringste Hoffnung auf Hilfe. Darauf folgte bald die Verzweiflung, denn die Armut sah schon aus allen Löchern heraus.

Niemand möge dieses ohne Nachdenken lesen. Jeder erwäge, was er in einem solch armseligen Zustande tun würde, ohne Freunde und ohne Brot, und er wird gewißlich an des weisen Mannes Worte denken: Wenn ich arm wäre, würde ich stehlen! Die Zeit des Unglücks ist eine Zeit der schlimmsten Versuchungen, wo uns alle Kraft zum Widerstande genommen ist. Die Armut drückt, und die Seele verzweifelt vor Kummer.

Eines Abends, als es mit mir ganz auf die Neige ging, war es nicht anders, als wenn ich von einem Geist getrieben würde. Ich kleidete mich an – denn ich hatte noch ziemlich gute Sachen – und ging aus. Ich hatte gar kein Vorhaben im Sinne, als ich aus dem Hause ging, allein da mich der Teufel führte und mir einen Köder zubereitet hatte, so brachte er mich bestimmt an den richtigen Ort, denn ich wußte nicht, wohin ich ging, noch was ich tat.

Bei diesem Hin- und Hergehen kam ich an eines Apothekers Laden, wo ich auf einem niedrigen Stuhl dicht am Kontor ein Bündlein, in weißes Tuch eingewickelt, bemerkte, auf der andern Seite stand eine Magd, die mir den Rücken zukehrte und in den Laden hineinsah, wo des Apothekers Gehilfe mit einem Licht in der Hand die Leiter hinaufstieg und mir auch den Rücken zuwandte, um etwas von dem obersten Fache herunter zu holen. Sie waren beide sehr geschäftig, und es war sonst niemand im Laden. Ich trat ein, kehrte der Magd den Rücken zu, als ob ich nur einem vorüberfahrenden Karren aus dem Wege ginge, ergriff das Bündlein von hinten her und ging damit fort, ohne daß es die Magd oder der Bursche oder sonst jemand bemerkte. Als ich herauskam, war ich so klug nicht zu rennen, ja nicht einmal schneller als sonst zu gehen. Ich fühlte den Boden kaum, je weiter ich aus der Gefahr kam, desto geschwinder ging ich, bis ich endlich ganz außer Atem kam und aus Müdigkeit auf einer kleinen Bank vor einer Tür ausruhen mußte. Ich saß eine kleine Weile still und machte mich hernach wieder auf die Beine, das Blut kochte in meinen Adern, und mein Herz klopfte vor großer Angst und plötzlicher Furcht. Nachdem ich nun ordentlich müde geworden war, weil ich einen großen Umweg gemacht hatte, nahm ich endlich den nächsten Weg nach Hause.

Als ich das Bündel öffnete, fand ich darin Leinenzeug zum Wochenbett, sehr schön und fast neu, mit sehr feinen Spitzen besetzt, außerdem eine kleine silberne Schale, ein silbernes Becherchen, sechs Löffel, ein gutes Frauenhemd, drei seidene Taschentücher und in Papier eingewickelt 18 Schillinge und 6 Pfennige an Geld.

Ich setzte mich nieder und weinte sehr und sagte mir: bei der nächsten Gelegenheit werden sie dich beim Kragen nehmen, nach Newgate führen und zum Tode verurteilen. So arm ich auch war, so hätte ich doch ganz gewiß die gestohlenen Sachen wieder hingetragen, wenn ich nicht zu große Furcht gehabt hätte. Vielleicht, sagte ich mir, hat eine arme Witwe, wie ich selbst eine bin, dieses Bündlein irgendwo versetzen oder verkaufen wollen, um sich und ihren Kindern Geld zu verschaffen, nun leiden sie vielleicht Hunger und grämen sich zu Tode, daß ihnen die Mittel gestohlen sind.

Aber meine eigene Not ging endlich allem andern vor, und das Hungertuch, an dem ich zu nagen hatte, rückte mir täglich näher, so daß sich nachgerade mein Herz verhärtete.

Einige Male fiel ich auf die Knie nieder und bat Gott, so gut ich es konnte, um Erlösung, ich muß aber gestehen, es war kein Vertrauen und keine Hoffnung bei meinem Gebet. Ich wußte nichts anzufangen, nach außen hin hatte ich große Furcht und im Innern war lauter Finsternis. Der böse Ratgeber, den ich im Herzen hatte, trieb mich immer wieder an, meiner Not durch die allerschlimmsten Mittel abzuhelfen.

Ein anderes Mal ging ich am hellen Tage aus, wanderte umher, ohne zu wissen wohin. Als ich durch die Aldersgatestraße ging, begegnete mir ein artiges kleines Mädchen, das in einer Gesellschaft gewesen sein mochte und nun allein nach Hause ging. Ich redete sie an, und sie gab mir höflich Bescheid. Ich nahm sie bei der Hand und führte sie so lange umher, bis sie sagte, daß dies nicht der richtige Weg für sie sei.

O doch, mein liebes Kind, antwortete ich, ich will dir den Weg zeigen! Das Mädchen hatte aber eine Schnur goldener Perlen um den Hals, nach diesen stand mir der Sinn. In einem finsteren Gange bückte ich mich, als wollte ich dem Kinde die Schuhe festmachen, die aufgegangen wären, nahm ihr dabei aber die Halskette so sachte ab, daß sie es nicht merkte, sondern immer weiter mit mir ging. Ich kehrte danach mit dem Kind um und hieß es wieder zurückgehen, weil dies wirklich nicht der rechte Weg nach ihrem Hause wäre. Das Kind gehorchte mir auch und ging seiner Wege.

Die eben erzählte Tat hinterließ bei mir kein Reuegefühl, da ich dem Kinde kein Leid zugefügt hatte, ich war sogar der Meinung, ich hätte den Eltern damit einen guten Verweis erteilt wegen ihrer Nachlässigkeit, damit sie fernerhin das arme Kind nicht so allein laufen lassen, sondern besser auf die Kleine acht geben sollten.

Diese goldene Perlenschnur war 12 bis 14 Pfund wert. Ich glaube, sie gehörte der Mutter, denn sie war dem Kinde zu weit. Da jene aber den Hochmut hatte, daß ihre Tochter auf dem Tanzboden prunken sollte, so hatte sie ihr vielleicht deswegen die Kette umgetan. Ohne Zweifel hatte das Kind auch wohl eine Magd bei sich gehabt, die aber, wie es gewöhnlich geschieht, vielleicht einem Kerl nachgelaufen war und das Jüngferchen im Stich gelassen hatte, so daß es mir in die Hände fiel.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.