Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Daniel Defoe >

Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Ich hatte verschiedene Briefe an ihn geschrieben und sie auf die gewohnte Weise befördert, fand aber, daß nur zwei oder drei abgeholt worden waren, die übrigen aber nicht. Ich schrieb abermals mit größerem Nachdruck und teilte ihm mit, daß ich nun genötigt sein würde, mich selbst bei ihm einzustellen, die Hausmiete sei fällig, das Kind müßte versorgt werden und mir selbst mangelte es an allem, trotzdem er mir heilig versprochen, mich stets zu versorgen. Von diesem Briefe machte ich mir eine Abschrift, und da ich fand, daß der Brief vier Wochen liegen geblieben war, ohne abgeholt zu werden, ersann ich ein Mittel, um ihm in einem Kaffeehaus die Abschrift in die Hände zu spielen, in dem er viel verkehrte.

Dieser Brief erzwang eine Antwort von ihm, woraus ich sah, daß ich zwar verlassen war, aber daß er mir doch vor einiger Zeit geschrieben hatte, ich sollte wieder nach Bath gehen. Der Inhalt dieses Briefes soll gleich folgen.

Ich muß hierzu noch bemerken und meinen Geschlechtsgenossinnen für solche Fälle mitteilen, daß wenn jemals eine herzliche Reue auf dergleichen Sünden folgt, sie ganz gewiß den Haß gegen die betreffende Person nach sich zieht, denn je größer die Liebe vorher gewesen, desto größer muß der Haß sein.

So war es auch bei mir. Er hatte aus meinem letzten Briefe und aus den andern, die er dann abholte, ersehen, daß ich nicht in Bath gewesen war, auch daß mir sein erster Brief nicht zu Händen gekommen war. Darauf schrieb er mir folgendes:

Madame,

Ich wundere mich, daß Ihr meinen Brief vom achten vergangenen Monats nicht erhalten habt. Ich kann bei meiner Ehre versichern, daß er in Eurer Wohnung ab- und Eurer Magd in die Hand gegeben wurde.

Es wird nicht nötig sein, Euch meinen bisherigen Zustand zu schildern, wie ich durch des Himmels Güte dem Tode entrissen worden bin. Es kann Euch nicht befremden, daß hierbei unser Verhältnis mein Gewissen wie eine große Last bedrückt hat. Ich kann nur sagen, daß alles, was bereut werden muß, auch notwendig wieder gutgemacht werden soll.

Ich wünsche, daß Ihr Euch nach Bath begebt, und lege einen Wechsel von 50 Pfund bei, damit Ihr hier Eure Wohnung auflösen und dorthin gehen könnt. Ich hoffe, Ihr werdet es nicht übelnehmen, wenn ich Euch sage, daß ich Euch aus den oben angeführten Gründen nicht wiedersehen kann. Für das Kind werde ich sorgen, lasset es bleiben, wo es ist, oder nehmt es mit Euch, wie Ihr wollt. Ich wünsche Euch dieselbe Einsicht und Überlegung, die zu Eurem Vorteil ausschlagen möge usw. usw.

Dieser Brief schlug mir tausend Wunden, die Vorwürfe, die ich mir machte, will ich nicht wiederholen, denn ich war gegen meine Missetat nicht blind. Ja ich dachte, daß ich mit weniger Sünde hätte bei meinem Bruder leben können, da wir doch vor unserer Heirat unsere Verwandtschaft nicht gekannt hatten. Ich war auch dessen nicht eingedenk geblieben, daß ich bis zur Stunde noch die Ehefrau eines Leinwandhändlers war, und obgleich er mich aus Not verlassen hatte, daß ich doch keine Macht hatte, mich von den Banden des Ehestands zu lösen, oder mir eine rechtmäßige Freiheit zu erteilen, damit ich wieder eine Heirat eingehen konnte. Ich war also demnach während dieser ganzen Zeit eine Ehebrecherin und Hure gewesen, darum war ich auch gleichsam von allen guten Geistern verlassen und von einer Gottlosigkeit in die andere gefallen.

Mit diesen Betrachtungen beschäftigte ich mich fast einen Monat lang und ging nicht nach Bath, da ich keine Lust hatte, wieder mit der dortigen Wirtin anzubinden, damit sie mich nicht wieder zu einer unanständigen Lebensführung verleitete, und weil ich auch nicht wollte, daß sie etwas von meiner Abtakelung erfahren sollte.

Ich schrieb also meinem ehemaligen Liebhaber einen kurzen Brief, daß ich mich in allem nach seinem Befehl gerichtet hätte, außer betreffs der Reise nach Bath, daß die Wunde, die mir sein Abschied geschlagen, unheilbar sei, daß ich aber einsähe, wie recht er habe, und nichts tun würde, ihn an seiner Buße und Besserung zu hindern.

Dabei schilderte ich ihm mit bewegten Worten meinen jämmerlichen Zustand. Ich sagte, daß dieselbe Ursache, der ich seine Freundschaft zu verdanken gehabt hätte, nämlich meine Notlage, ihn auch wohl nun zum Mitleid zu mir bewegen müßte, um mir solchen Beistand zu leisten, daß mich die Furcht vor der Armut nicht wieder in Versuchung führe. Falls er auch nur die geringste Sorge hegte, daß ich ihm künftig lästig fallen könnte, so bäte ich ihn es mir zu ermöglichen, daß ich wieder nach Virginien zu meiner Mutter zurückkehren könne, woher ich ja, wie er wisse, gekommen sei, dann hätte er weiter nichts von mir zu befürchten. Ich schloß endlich, wenn er mir noch 50 Pfund senden und dadurch meine Abreise befördern würde, so wollte ich mich damit für immer zufrieden geben und ihn nicht weiter beunruhigen, es wäre denn, daß ich es des Kindes wegen täte, das ich ihm gleichfalls abnehmen wolle, falls ich meine Mutter noch am Leben und in guten Verhältnissen antreffen würde.

Dies war aber alles Betrug, denn ich hatte so wenig Lust nach Virginien zu reisen, als ein Dieb gehängt werden möchte, ich wollte ihm diese letzten 50 Pfund noch abzwacken, wenn es möglich wäre, da ich wohl wußte, daß ich ferner keinen Heller mehr von ihm zu erwarten hatte.

Das Versprechen, daß ich auf alle ferneren Ansprüche verzichten und ihn nicht wieder behelligen wollte, hatte seine gute Wirkung. Er sandte mir den gewünschten Wechsel über 50 Pfund durch eine Person, die mir auch zugleich eine Quittung zum Unterschreiben überreichte, worein ich ohne Bedenken einwilligte und meinen Namen darunter setzte. Auf solche Weise nahm diese Sache zu meinem großen Leidwesen ein Ende.

Ich kann hier nicht umhin, über die Freiheiten solcher Leute, wie wir waren, eine kleine Betrachtung einzuflechten und die üblen Folgen daraus abzuleiten. Man redet sich ein, es sei lauter Unschuld und reine Freundschaft und dergleichen, aber das liebe Fleisch und Blut hat allemal solchen Anteil an der sogenannten unschuldigen Liehe und Freundschaft, daß es ein Wunder wäre, wenn die Neigung nicht endlich über die allerfestesten Entschlüsse siegen sollte. Ich will das übrige dem Nachdenken des Lesers überlassen, der vielleicht bessere Betrachtungen darüber anstellen kann als ich, zumal meine Ermahnungen wohl nur wenig Nachdruck haben werden, weil ich sie selber so bald außer acht gelassen habe.

Ich war nun wieder sozusagen eine alleinstehende Person und an nichts gebunden, weder als Frau noch als Geliebte, wenn ich meiner Ehe mit dem Leinwandhändler nicht gedachte, von dem ich nun fünfzehn Jahre lang nichts gehört hatte. Man wird es mir also wohl nicht verdenken, wenn ich mich nicht mehr an ihn gebunden hielt. Er hatte mir ja auch bei seinem Scheiden gesagt, wenn ich nicht öfters Briefe von ihm erhalten würde, so sollte ich nur annehmen, er sei tot, und ich dürfte mich wieder verheiraten, mit wem ich wollte.

Nun setzte ich mich hin und hielt Rechnung mit meinem Geldbeutel. Nach häufigen Briefen und ungestümem Verlangen hatte ich endlich eine zweite Ladung von Gütern aus Virginien erhalten, um den Verlust auszugleichen, den ich bei meiner Ankunft gehabt hatte. Ich sollte gleichfalls eine Schlußquittung ausstellen, doch dies kam mir hart an. Ich drehte die Sache deshalb so, daß ich die Güter in die Hände bekam, ehe ich die Quittung ausstellte, obgleich ich es versprochen hatte. Hernach wußte ich immer neue Ausflüchte zu machen und die Unterschreibung zu umgehen, bis ich zuletzt vorgab, ich müßte erst noch einmal an meinen Bruder schreiben, ehe es geschehen könne, und damit schlief die Sache ganz ein.

Wenn ich nun diesen Zuschuß und alle Habseligkeiten zusammenrechnete, belief sich mein Vermögen auf 450 Pfund oder etwas darüber. Ich hatte zwar außerdem noch 100 Pfund gespart, aber damit erging es mir übel. Ein Goldschmied, dem ich es gegen Zinsen geliehen hatte, machte Bankerott, und ich kam um 70 Pfund bei ihm zu kurz, da er auf 30 Prozent sich mit seinen Gläubigern verglich. Zunächst hatte ich noch ein wenig Silbergeschirr, das aber keinen großen Wert hatte, hingegen war ich mit Kleidung und Leinwand reichlich versehen.

Mit diesem Kapital sollte ich nun ein neues Leben anfangen, allein ich war nicht mehr die Frau, die ich war, als ich noch bei dem Kapitän wohnte. Erstens war ich zwanzig Jahre älter geworden und hatte außerdem an Schönheit nicht zugenommen, wie man wohl leicht aus der langen Zeit und meinem Hin- und Herreisen schließen mag. Obgleich ich nichts unterließ, um mich aufzuputzen – doch brauchte ich keine Schminke, die ich nicht leiden konnte – so fiel doch der Unterschied zwischen 25 und 42 Jahren einem jeden leicht in die Augen.

Ich machte allerhand Pläne wegen meiner zukünftigen Lebensart, kam aber zu keinem Entschluß. Vor allem führte ich meine Sache so, daß mich die Welt für etwas Größeres hielt, als ich wirklich war. Ich ließ aussprengen, daß ich eine reiche Partie sei und mein Vermögen gänzlich zu meiner Verfügung hätte. Das letztere verhielt sich auch so. Es war mein Unglück, daß ich keine Bekannten hatte und folglich auch niemanden, dem ich mich hätte anvertrauen, und der mir hätte raten können. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß es ein schlechter Zustand ist, ohne Freunde zu leben, und daß einem Frauenzimmer außer dem Mangel am täglichen Brot nichts Ärgeres begegnen kann. Ich rede von den Frauen, denn die Männer wissen sich selbst zu raten und zu helfen! Wenn die Frau niemanden hat, mit dem sie ihre Verhältnisse überlegen und beraten kann, so ist es um sie geschehen. Je mehr Geld sie besitzt, desto mehr Gefahr läuft sie betrogen zu werden, und so ging es mir mit den 100 Pfund, die ich dem Goldschmied geliehen hatte, dessen Kredit allem Anschein nach schon vorher sehr gering gewesen war. Weil ich aber keinen Menschen hatte, den ich um Rat fragen konnte, wußte ich von nichts und verlor mein Geld.

Wenn eine Frau so verlassen ist, gleicht sie einem Beutel mit Geld oder einem Edelstein, der auf der Landstraße verloren geht und von dem ersten besten, der vorübergeht, gefunden wird. Findet ihn ein redlicher tugendhafter Mann, so läßt er es ausrufen oder in die Zeitung setzen, damit sich der Eigentümer melde, aber gewöhnlich ist dies nicht der Fall, und er gerät in solche Hände, die sich ihn ohne Bedenken aneignen.

So war es jetzt mit mir, ich war ohne Hilfe, ohne Beistand, ohne Führer. Ich wußte, was ich haben wollte, und was mir dienlich war, konnte es aber durch die richtigen Mittel nicht erlangen. Mein Wunsch war, in einem ruhigen Zustande zu leben, und wenn ich nur einen stillen bequemen Mann angetroffen hätte, würde ich ihm treu wie Gold gewesen sein. Not und Mangel waren die beiden Türen, durch die sich die Laster einschlichen, nicht meine Neigung zum Bösen. Ja, gerade nach dem Verlust einer ruhigen, gesicherten Lebensführung wußte ich sie um so höher zu schätzen und hätte sicherlich nichts angestellt, was diese Ruhe und Glückseligkeit hätte stören können. Ich habe auch während meiner Ehe niemals meinen Männern die geringste Ursache gegeben, sich über meine Aufführung zu beklagen.

Allein es fand sich nichts für mich. Ich wartete, lebte so einfach und häuslich wie nur möglich, aber alles umsonst. Mein Kapital nahm ab, und die herannahende Armut schreckte mich. Etwas Geld hatte ich, aber ich wußte nicht, wo ich es anlegen sollte. Zudem hätten mich die Zinsen nicht ernährt, vor allem nicht, wenn ich in London blieb.

Endlich kam ein neues Ereignis. In dem Hause, in dem ich wohnte, befand sich eine Frau aus dem Norden von England, die immer von dem billigen Leben redete, das man bei ihr zu Lande führen könnte, wie reichlich und wohlfeil alles dort wäre, was für gute Gesellschaft man dort hätte und so weiter. Ich sagte zuletzt, ich hätte beinahe Lust, mich dort niederzulassen, denn obwohl ich als Witwe genug zu leben hätte, so stünde mir doch hier in London, das ein kostspieliger Ort wäre, kein Weg offen, mein Vermögen zu vermehren, zumal ich unter 100 Pfund jährlich nicht auszukommen vermöchte, es sei denn, daß ich mir keine Gesellschaft, keine Magd und sonst nichts leisten und mich gleichsam lebendig begraben würde.

Diese Person glaubte gewiß, mein Vermögen beliefe sich auf wenigstens 3000 bis 4000 Pfund und sei in meinen Händen, sie bezeigte sich deshalb ungemein freundlich, als sie mich willens fand, nach ihrer Heimat zu reisen. Ihre Schwester, sagte sie, wohne nicht weit von Liverpool, und ihr Bruder stünde dort in großem Ansehen, besitze auch Güter in Irland. Nach einem Monate wollte sie dorthin gehen, und wenn ich ihr Gesellschaft leisten wollte, so würde ich auf einen Monat, oder solange es mir gefiele, willkommen sein, ich könnte dann selbst sehen, ob mir das Land gefiele. Bekäme ich dann Lust dort zu bleiben, so würde sie Sorge tragen, daß ich bei guten Leuten unterkäme und nach meinem Vergnügen leben könnte.

Da meine Lage so schlecht war, daß sie nicht viel schlimmer mehr werden konnte, so bekümmerte ich mich nicht groß darum, wie es mir dort ergehen würde, wenn nur meiner Person kein Leid widerführe. Deswegen, obwohl ich mich stark nötigen und mich aller Freundschaft versichern ließ, willigte ich ein und machte mich zur Reise bereit, ohne zu wissen, wohin es ging, und welches Ende es nehmen würde.

Da fragte sichs nun, was ich mit meinem Gelde machen und wo ich es solange sicher unterbringen sollte. Denn das was ich übrig hatte, war bares Geld, ein wenig Silbergeschirr, Kleider und Linnen. Hausgerät hatte ich so gut wie gar nicht, denn ich war zu oft umgezogen. Wem sollte ich meine kleinen Habseligkeiten anvertrauen? Ich dachte an eine Bank, allein ich hatte keinen Freund, der mir geholfen hätte.

Es fiel mir nun ein, selber auf die Bank zu gehen, wo ich oft gewesen war, und Zinsen auf gewisse Verschreibungen abgeholt hatte. Der Kassierer, an den ich gewiesen war, hatte sich mir allemal sehr höflich bewiesen und hatte einmal sehr redlich an mir gehandelt, als ich mich beim Zählen des Geldes geirrt hatte. Ich war schon im Fortgehen, als er mich wieder zurückrief und mir das Fehlende auszahlte, was er doch leicht in seine Tasche hätte stecken können.

Ich ging nun zu ihm und fragte ihn, ob er sich die Mühe nehmen wollte, einer armen alleinstehenden Witwe, die nicht aus noch ein wisse, mit seinem Rate beizustehen. Er sagte, falls ich seine Meinung in einer Sache verlangte, die seine Geschäfte angingen, so wollte er mir gern damit dienen. Er hätte aber einen Bekannten, der auch ein solcher Angestellter sei wie er, wenn auch nicht in demselben Hause, er wolle mich aber an ihn empfehlen, und auf dessen Verstand und Treue könnte ich mich gänzlich verlassen. Denn, fuhr er fort, ich will mich für ihn verbürgen und alles, was er tut, auf mich nehmen, er findet ein Vergnügen daran ehrlichen Leuten in solchen Fällen zu dienen und macht ein Werk der Nächstenliebe daraus.

Diese Rede machte mich ein wenig stutzig, und ich sagte nach einer kleinen Pause, ich hätte mich lieber ihm als einem andern anvertraut, könnte dies aber nicht sein, so wollte ich wohl seinen Vorschlag annehmen.

Ich versichere euch, Madame, sagte er, ihr werdet mit meinem Freunde ebenso zufrieden sein wie mit mir, denn er ist geeigneter euch zu helfen als ich. Er fügte noch hinzu, sein Freund würde nichts für seinen Rat und Beistand verlangen, was mir sehr lieb zu hören war.

An demselben Abend kamen wir alle zusammen, und ich sah den Mann, der mir vorgeschlagen worden war, beim ersten Blick schon für grundehrlich an. Es stand ihm im Gesicht geschrieben, und alle Leute, wie ich nachher erfuhr, stellten ihm ein solches Zeugnis aus, so daß ich kein Mißtrauen gegen ihn hegte.

Nach dieser Zusammenkunft, bei welcher ich ihm mein Anliegen wiederholte, bestellte er mich für den nächsten Tag, indem er sagte, ich möchte unterdes über ihn Nachfrage halten, was mir doch nicht möglich war, da ich nirgends bekannt war.

Ich stellte mich der Verabredung nach wieder in der Bank ein und erklärte ihm meinem Lage etwas freier, daß ich eine Witwe sei, die aus Amerika zurückgekehrt und gänzlich ohne Freunde wäre, daß ich ein wenig Geld, und zwar nur sehr wenig hätte, aber nicht wüßte, wo ich es lassen sollte, damit ich nicht darum gebracht würde, daß ich auch keinen Menschen in der Welt hätte, dem ich es anvertrauen könnte. Ich sagte weiter, daß ich mich nach Nordengland begeben wollte, um dort billiger zu leben, damit ich mein Kapital nicht anzugreifen brauchte, daß ich es zwar gern in eine Bank legen, aber keine Papiere mit mir führen möchte, und daß ich endlich nicht wisse, wie ich es anfangen oder an wen ich mich deshalb wenden sollte.

Er gab mir zur Antwort, ich möchte das Geld in die Bank legen, wo man es eintragen würde, und ich an jedem Orte auf den Bankkassierer Anweisungen geben könnte, und so davon, soviel mir beliebte, jederzeit entnehmen könnte. Allein auf solche Art wäre es nur ein laufendes Konto und die Bank könnte mir darauf keine Zinsen zahlen. Zwar könnte ich auch mit dem Gelde Aktien kaufen und diese bis zu einem vorteilhaften Verkauf aufheben, aber dann müßte ich persönlich zugegen sein, wenn ich sie brauchen oder auf jemanden übertragen wollte, es würde auch Mühe kosten, die halbjährigen Zinsen zu erhalten, wenn ich nicht zugegen wäre oder keinen Freund hätte, auf dessen Namen die Aktien lauten könnten. Er sah mich offen an, lächelte ein wenig und fragte, warum ich mir nicht einen Verwalter zulegen wollte, der mich und mein Geld zugleich zu sich nähme, dann würde ich die Last auf einmal los sein.

Ja, sagte ich, und vielleicht das Geld auch, denn ich finde diesen Weg ebenso gefährlich als alle anderen. In meinem Herzen aber dachte ich, wenn er nur selbst um mich würbe, so wollte ich es mir wohl reiflich überlegen, ehe ich Nein sagte.

Er setzte diese Reden noch eine Weile mit mir fort, ein paarmal dachte ich, es sei ihm Ernst damit, aber bald hörte ich zu meinem Leidwesen, daß er schon eine Frau hatte. Er schüttelte dabei den Kopf und sagte, er habe eine Frau und habe auch keine. Da dachte ich, es ginge ihm etwa so wie meinem letzten Liebhaber, und seine Frau sei entweder mondsüchtig oder es fehle ihr sonst etwas.

Diesmal kamen wir aber nicht weiter, denn er gab mir zu verstehen, daß er sehr viele Geschäfte zu erledigen habe. Wollte ich ihm aber die Ehre antun und bei ihm vorsprechen, wenn seine Arbeit vorbei wäre, so könnten wir weiter überlegen, wie wir meine Sachen in Sicherheit bringen könnten.

Ich fragte ihn, wo er wohne. Er schrieb es mir auf und sagte scherzend, ob ich mich wohl zu ihm hingetrauen würde. Ich antwortete: Warum nicht, der Herr hat eine Frau, und ich bedarf keines Mannes, außerdem vertraue ich demselben ja mein Geld an, also alles, was ich in der Welt hätte. Wenn ich ihm das Geld anvertraue, so traue ich mich auch selbst zu ihm hin.

Er sagte etwas sehr Artiges und Höfliches im Scherz, was mir auch sehr gefallen haben würde, wenn es sein Ernst gewesen wäre. Ich versprach ihm also, mich um sieben Uhr abends in seinem Hause einzustellen.

Als ich bei ihm war, machte er verschiedene Pläne, mein Geld so in der Bank anzulegen, daß ich Zinsen dafür bekäme, doch bald zeigte sich die eine oder andere Schwierigkeit, die eine Unsicherheit mit sich brachte. Ich fand ihn bei allen Überlegungen so ehrlich und unparteiisch, daß ich vermeinte, ich könnte in keine besseren Hände geraten. Ich sagte ihm auch, daß ich bisher seinesgleichen nicht angetroffen hätte und ihm deshalb gern mein kleines Vermögen anvertrauen wollte, damit er nach seinem Ermessen damit schalten könne, falls er geneigt wäre, der Rentmeister einer armen Witwe zu sein, die ihm aber keine Besoldung geben könne.

Er lächelte, machte mir eine tiefe Verbeugung und sagte, er nähme es mit Dank entgegen, daß ich eine so gute Meinung von ihm hegte, er wolle mich nicht betrügen sondern alles, was in seiner Macht stünde, in meinem Interesse tun, auch ohne Besoldung. Doch könnte er sich nicht entschließen, etwas auf sich zu nehmen, das ihn in den Verdacht des Eigennutzes setzen und worüber er, wenn mir etwas Menschliches zustieße, mit meinen Erben in Händel geraten könnte.

Ich sagte ihm, wenn das sein ganzer Einwurf wäre, so wollte ich ihn gleich entkräften und ihm erklären, daß keine Schwierigkeit dabei wäre. Denn was erstens den Verdacht des Eigennutzes beträfe, so wäre jetzt die Zeit ihn zu hegen, und nicht hernach. Da ich es aber jetzt nicht täte sondern ihm alles anvertraute, so fiele dieser Punkt fort. Dann sagte ich ihm, daß ich keine Erben noch Verwandten in England, auch keine andern Erben hätte, es sei denn, daß ich meinen Witwenstand aufgeben würde, was aber noch in weiter Felde läge, alsdann würden mein Vertrauen und seine Mühe zugleich aufhören. Würde ich aber im ledigen Stande sterben, so sollte es ihm zufallen und sein eigen sein, was er durch seine Treue, auf die ich fest baute, auch wohl verdient hätte.

Er errötete bei diesen Worten und fragte mich, wie ich dazu käme, daß ich ihm soviel Gutes gönnte. Um meinetwillen möchte er wünschen, daß er unverheiratet wäre, fuhr er mit großer Liebenswürdigkeit fort.

Ich sagte lachend, weil es nicht der Fall sei, könne mein Anerbieten auch keinen Anschlag auf ihn bedeuten, das Wünschen aber sei unerlaubt, da dadurch seine Frau beleidigt würde.

Er sagte, ich täte ihm hierin Unrecht, denn er sei einer von denen, die eine Frau haben, als hätten sie keine, und es wäre keine Sünde, seine Frau an den Galgen zu wünschen.

Ich wüßte, sagte ich, zwar nichts von seinen Verhältnissen, aber daß er seine Frau an den Galgen wünsche, könnte ich nicht billigen.

Sie ist, erwiderte er, eine Frau und doch keine Frau. Was ich bin und was sie ist, läßt sich nicht so leicht sagen. Damit ich es deutlich sage: Ich bin ein Hahnrei und meine Frau ist eine Hure. Ich bin auch gesonnen, sagte er weiter, mich von ihr scheiden zu lassen, denn ihr müßt wissen, daß ich es nicht dulde und mich aufs höchste dadurch beleidigt fühle. Doch kann ich mir selber nicht helfen, eine Hure wird wohl eine Hure bleiben.

Ich ließ dieses Gespräch fallen und fing wieder von meinen Geschäften zu reden an, merkte aber, daß er nicht zuhörte, deshalb ließ ich ihn in Ruhe damit, worauf er mir seine ganze Geschichte erzählte: daß er einmal von England fortgereist wäre und bei seiner Rückkehr gefunden hätte, daß seine Frau mit einem Offizier verkehrt und zwei Kinder gehabt hatte, daß er sie, da sie um Verzeihung gebeten, wieder aufgenommen und auch sehr gut behandelt habe, dennoch sei sie abermals mit einem Kaufmannsgehilfen davon gelaufen, habe alles mitgenommen, was sie nur hätte mitnehmen können, und lebe noch bis zu dieser Stunde von ihm getrennt. Hiernach, schloß er, ist sie nicht aus Not eine Hure geworden, wie es gewöhnlich zu sein pflegt, sondern aus Mutwillen und der bloßen Lust halber.

Ich beklagte den guten Mann, wünschte, daß er diese Frau bald los werden möchte, und wollte wieder von meiner Sache reden, fand aber kein Gehör.

Er sah mich beständig an und sprach: Ihr seid zu mir gekommen, um euch meines Rates zu bedienen, ich meine es auch so ehrlich mit euch, als ob ihr meine Schwester wäret, aber ich muß das Blatt einmal wenden und Rat von euch einholen. Saget mir, was soll ein armer beleidigter Mann mit einer Hure anfangen? Was soll ich tun, um mir Recht zu verschaffen?

Mein werter Herr, sprach ich, sie ist von euch fortgelaufen, so seid ihr sie ja auf gute Manier los. Was wollt ihr mehr?

Sie ist zwar weg, aber ich bin damit nicht von ihr geschieden, sagte er.

Das ist wohl wahr, sagte ich, sie kann auf euren Namen Schulden machen, aber es gibt auch rechtlich ein Mittel dagegen: ihr müßt es öffentlich bekannt machen.

Darum handelt es sich nicht, sagte er, ich möchte nur von ihr los sein, damit ich wieder heiraten kann.

Dann, sagte ich, müßt ihr euch gerichtlich von ihr scheiden lassen, und dann kommt ihr frei.

Das ist eine langwierige und kostspielige Sache, sagte er.

Vielleicht, sagte ich, könnt ihr eine Frau finden, die euch zusagt und euren Worten glaubt, und ich denke, eure Frau wird euch die Freiheit gestatten, die sie sich selbst genommen hat.

Ich wünschte, sprach er, daß ihr mir eine ehrliche Person vorschlagen könntet, die mich nehmen wollte, ich wollte es gern mit ihr wagen. Was meint ihr, Madame, fuhr er fort, wollt ihr mich haben?

Das ist keine artige Frage, sprach ich, doch damit ihr nicht denkt, ich verlange sie noch einmal zu hören, so antworte ich euch offen mit Nein, ich bin anders geartet und ich habe nicht gedacht, daß ihr euch über meinen trübseligen Zustand lustig machen würdet.

Meine Lage, fiel er ein, ist so trübselig wie eure nicht sein kann, und guter Rat ist mir ebenso teuer wie euch. Denn wenn mir nicht auf die eine oder die andere Art geholfen wird, so muß ich von Sinnen kommen, und ich schwöre euch, daß ich nicht weiß, welchen Weg ich nehmen soll.

Mein Herr, antwortete ich, euch ist leichter als mir zu raten. Da eure Sache ganz klar ist, so könnt ihr dem Gesetze nach gänzlich geschieden werden, und dann werden sich ehrliche Frauen genug finden, um die ihr mit Anstand werben könnt; unter den Frauenzimmern ist niemals teure Zeit, so daß es euch an keiner fehlen sollte.

Es ist mein Ernst, ich will eurem Rate folgen, sprach er, darf ich euch aber vorher noch eine Frage vorlegen?

Fragt nach allem, was ihr wollt, sagte ich, nur nicht dasselbe wie vorhin.

Eben diese Frage wollte ich wieder an euch richten.

Auf jene Frage habt ihr bereits eine Antwort erhalten, wie könnt ihr nur so schlecht von mir denken, kann wohl eine Frau in der Welt annehmen, daß es euch ernst ist? Muß sie nicht vielmehr denken, ihr suchet sie nur zum Narren zu halten?

Ich halte euch keineswegs zum Narren, sprach er, es ist mein Ernst, bedenkt es wohl.

Aber mein Herr, sagte ich etwas ehrbar, ich bin wegen meiner Geldangelegenheiten zu euch gekommen, seid so gut und lasset mich hören, worin euer Rat besteht.

Ich will es mir überlegen, bis ihr wiederkommt, war seine Antwort.

Ihr habt mir ja das Wiederkommen verboten, sagte ich.

Wie? fragte er und sah etwas bestürzt aus, versprecht mir nur wiederzukommen, so will ich kein Wort von meinen Angelegenheiten reden, bis ich geschieden bin, aber ihr sollt mein Ziel sein, sonst will ich nicht geschieden werden.

Er hätte mir nichts Angenehmeres sagen können, doch wußte ich, der rechte Weg, ihn festzuhalten, bestand darin, daß ich die Sache etwas kühl behandelte, zumal es allem Anschein nach noch lange dauern würde, und ich erst Ursache hatte daran zu glauben, wenn er sein Versprechen würde bewerkstelligt haben.

Ich stellte mich am nächsten Abend wieder bei ihm ein und sah zu meinem Vergnügen, daß er ein Abendessen für mich hatte anrichten lassen, fand auch, daß er ein wohleingerichtetes Haus hatte, worüber ich mich sehr freute, denn ich sah bereits alles als mein eigen an.

Wir kamen nun wieder auf die vorige Sache zu sprechen. Er legte es mir sehr nahe und stellte mir seine Gewogenheit vor, an welcher ich auch gar nicht zweifelte. Er gestand, daß ich ihm vom ersten Augenblick an gefallen habe, ehe ich noch mit ihm wegen meiner Geschäfte gesprochen. Ich dachte: am Anfang wäre mir nichts gelegen, wenn nur das Ende gut würde.

Darauf sagte er mir, wie freundlich es ihn berührt hätte, daß ich ihm mein ganzes Vermögen habe anvertrauen wollen. Ich dachte bei mir, das sei eben meine Absicht gewesen, doch hätte ich mir ihn unverheiratet gewünscht.

Nachdem wir gegessen hatten, merkte ich, daß er mich sehr nötigte, einige Gläser Wein zu trinken, ich lehnte aber ab, nachdem ich eins oder zwei angenommen hatte. Darauf redete er von einem Antrag, den er mir machen wollte, mit der Bitte, wenn ich ihn nicht annehmen würde, ihm doch deswegen nicht böse zu sein.

Ich sagte, ich meinte, er könne mir in seinem Hause nichts Unanständiges zumuten, sollte es aber dennoch sein, so möge er lieber damit zurückhalten, damit ich nicht gezwungen wäre, meine Empfindlichkeit darüber merken zu lassen, was sich mit der Hochachtung und dem Vertrauen nicht vereinigen ließe, die ich für ihn hegte. Ich ersuchte ihn deshalb, mir lieber zu erlauben, daß ich mich entfernte, zog meine Handschuhe an und tat so, als ob ich wirklich fortgehen wollte, hatte es aber ebensowenig im Sinn wie er, mich gehen zu lassen.

Er versicherte mir, daß es ihm nie eingefallen wäre, mir etwas Unanständiges anzutragen, und bat mich heftig zum Bleiben, er wolle lieber stillschweigen, wenn ich so üble Gedanken von ihm hegte.

Das gefiel mir indes gar nicht. Deshalb gab ich ihm zu verstehen, daß ich bereit wäre ihn anzuhören unter der Bedingung, daß er nichts vorbrächte, als was uns beiderseits zur Unehre gereichen könnte. Diese Bedingung ging er ein, und sein Antrag bestand darin, daß ich mich mit ihm verheiraten möchte, ehe er von seiner gottlosen Frau geschieden sei, hingegen wollte er mir nicht zumuten, bei ihm zu wohnen oder mit ihm ins Bett zu gehen, bis die Scheidung vor sich gegangen wäre.

Mein Herz antwortete hierauf mit Ja, allein es war nötig, etwas Verstellung zu üben, ich verwarf deshalb den Antrag als etwas Ungehöriges, wurde etwas böse und sagte, dergleichen Dinge könnten nichts anderes bewirken, als uns lange Zeit hinzuziehen, denn wenn er die Scheidung nicht erreichte, so würde doch unsere Heirat unauflöslich und doch so beschaffen sein, daß sie nie vollzogen werden könnte. Er sollte deshalb bedenken, in welches Elend wir beide geraten könnten, wenn die Scheidung nicht ausgesprochen würde. Kurz ich brachte meine Gründe so vor, daß ich ihn überzeugte, daß sein Antrag nichts Vernünftiges an sich hätte. Darauf ergriff er ein anderes Mittel: ich sollte einen Kontrakt unterschreiben, daß ich ihn heiraten würde, wenn er von seiner Frau geschieden sein würde, sollte aber das nicht der Fall sein, so wäre ich frei und an nichts gebunden.

Ich sagte, dies sei schon etwas vernünftiger als sein erster Antrag, aber da dies das erstemal sei, daß er so ernst rede, wollte ich nicht gleich auf die erste Frage Ja sagen und die Sache erst bei mir genau überlegen. Ich spielte mit diesem Liebhaber wie die Katze mit der Maus. Er hing fest genug, darum tändelte ich ein wenig mit ihm und verlangte Aufschub. Ich sagte, er kenne mich ja kaum und wisse nichts von mir, er möge sich nur erst erkundigen. Ich ließ ihn auch mit mir bis an meine Haustür gehen, nötigte ihn aber nicht herein unter dem Vorwande, daß dies nicht anständig sein würde.

Kurz, ich wollte keinen Kontrakt machen. Die eigentliche Ursache war, daß mir die Person, mit der ich nach Lancashire reisen wollte, beständig zusetzte und mir goldene Berge versprach, so daß ich erst hingehen und es dort versuchen wollte. Vielleicht, dachte ich, ist mir dort ein größeres Glück vorbehalten, dann kann ich meinen ehrlichen Bürger ohne Bedenken sitzen lassen, denn ich war nicht so stark in ihn verliebt, als daß ich ihn nicht hätte gegen einen reicheren vertauschen mögen.

Aus dem Kontrakt wurde also nichts. Ich sagte ihm, daß ich nach Nordengland zu reisen gedächte und ihn wissen lassen würde, wie er an mich schreiben könnte, damit ich meiner Gelder wegen Nachricht bekäme. Ich wollte ihm ein genügendes Unterpfand meiner Hochachtung für ihn zurücklassen, indem ich ihm fast mein ganzes Vermögen in die Hände lieferte. Ich trüge auch kein Bedenken, ihm soweit mein Wort zu geben, daß ich, sobald die Scheidung ausgesprochen sei und er mich davon benachrichtigte, nach London zurückkehren und alsdann ernstlich mit ihm über unser Vorhaben reden wollte.

Ich muß gestehen, daß es eine niederträchtige Absicht war, mit welcher ich die Reise antrat, doch hatte man mit mir eine noch weit schlimmere vor, wie die Folge zeigen wird. Ich zog mit meiner Freundin geradenwegs nach Lancashire. Die ganze Reise über erwies sie mir tausend Liebkosungen und dem Anschein nach viele aufrichtige Freundschaftsbeweise. Sie hielt mich auch überall frei, die Miete für die Kutsche ausgenommen. Ihr Bruder kam uns mit einem schönen Wagen entgegen, empfing uns und führte uns nach Liverpool mit soviel Höflichkeit, wie nur zu wünschen war.

Endlich kamen wir auf eines Edelmanns Gut an, wo eine große Familie, ein großer Tierpark und ungemein viel Gesellschaft war. Hier brachten wir ungefähr sechs Wochen zu, worauf mich meine Freundin wieder zurück auf ein Dorf brachte, beinahe sechs Meilen von Liverpool, wo mich ihr Bruder mit seinem eigenen Wagen besuchte und zwei Diener in Livree bei sich hatte. Das erste was er tat, war, daß er mir von Liebe vorredete. Wie die Sache lag, hätte wohl niemand denken können, daß ich betrogen werden sollte, viel weniger befürchtete ich selbst dergleichen, zumal ich noch einen großen Trumpf in Händen hatte, den auszuspielen ich mir fest vorgenommen hatte, es sei denn, daß ich mich verbessern könnte.

Dieser Bruder war nun eine Partie, von der sich hören ließ, denn seine Landgüter wurden zum mindesten auf 1000 Pfund jährliche Einkünfte geschätzt, die Schwester aber sagte, sie wären wohl 1500 Pfund wert und lägen größtenteils in Irland.

Mich hielt man für eine reiche Witwe, es hatte mich aber niemand gefragt, wie groß mein Vermögen sei. Allein meine falsche Freundin hatte schon lange aus meinen 500 Pfund 5000 gemacht, zu der Zeit aber, wo wir auf dem Lande waren, redete sie bereits von 15000. Mein Irländer, denn dafür hielt ich ihn, wollte fast vor Freuden aus der Haut fahren, als er von soviel Gelde hörte. Er warb um mich, beschenkte mich und machte Schulden bis über die Ohren in der Hoffnung, mich besitzen zu können. Alles was recht ist, er sah sehr vornehm aus, war hoch und gut gewachsen und meisterte seine Rede vortrefflich. Er redete so natürlich von seinem Tierpark, seinen Ställen, Pferden, Jägern, Holzbeständen, Pächtern und Knechten, als ob er in seinem Wohnhause säße und mir alles mit dem Finger zeigte.

Niemals fragte er mich wegen meines Vermögens und Reichtums sondern versprach mir, wenn er nach Dublin käme, wollte er mir einen Witwensitz anweisen, der wenigstens 600 Pfund jährlich einbrächte, und er sei bereit, den Kontrakt darüber schon jetzt abzuschließen. Solche Sprache war ich ganz ungewohnt, und ich ließ meine früheren Gedanken fahren. Ich hatte einen weiblichen Teufel bei mir, der lag mir immer in den Ohren. Bald kam sie und fragte, wie ich meine Kutsche bemalt und beschlagen haben wollte. Dann wieder, wie mein Page gekleidet sein sollte. So wurden mir die Augen geblendet, und ich hatte die Kraft verloren Nein zu sagen. Damit ichs kurz mache, ich willigte in die Heirat. Damit wir aber um so weniger gestört werden möchten, reisten wir weiter ins Land hinein und ließen uns von einem katholischen Pfarrer zusammengeben, der uns, wie man mir versicherte, ebenso festbinden konnte wie einer von der Englischen Kirche.

Ich muß gestehen, es ging mir ein wenig zu Herzen, daß ich meinen ehrlichen Bürger in London bei dieser Gelegenheit so schändlich verlassen hatte, der mich aufrichtig liebte und alle Anstrengungen machte, von seiner Hure, die so grausam an ihm gehandelt hatte, loszukommen, um mit mir seiner Hoffnung nach unendlich glücklich zu werden, während ich mit einem andern in den Armen lag auf eine ebenso schändliche Art, wie es jene getan.

Allein der trügerische Schimmer eines hohen Standes und vornehmer Herrlichkeit, welchen mir die Kreatur, die nun meine Verführerin geworden war, täglich vor Augen hielt, nahm mich so gefangen, daß ich keine Zeit fand, an London zu denken oder an dasjenige, was ich dort zurückgelassen hatte, am wenigsten aber an die Dankbarkeit, die ich einer Person schuldete, die sich um mich verdient gemacht hatte.

Die Sache war geschehen, ich ruhte in den Armen meines neuen Gatten, der immer auf dieselbe Weise fortlebte wie zuvor, in lauter Pracht und Herrlichkeit, so daß er nicht unter 1000 Pfd. jährlich brauchte.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.