Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Daniel Defoe >

Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Eines Abends saßen wir zusammen in einer Laube, die am Eingange unseres Gartens lag. Er war so aufgeräumt, daß er mir viel Angenehmes sagte, was unsere Versöhnung betraf, und daß er hoffe, wir würden solche Zwistigkeiten nie wieder erleben.

Ich tat einen tiefen Seufzer und sagte ihm, es würde niemandem angenehmer sein als mir, mit ihm in einem guten Einvernehmen zu bleiben, es schwebe aber ein Unglück über uns, und ich wüßte nicht, wie ich es ihm beibringen sollte. Dadurch wäre aber alle meine Freude gehemmt, und mir alle Lust verdorben.

Er drängte heftig in mich, es ihm zu eröffnen, bis ich sagte, ich hätte ihm das Geheimnis bisher verschwiegen, aber es brenne mir sehr auf der Seele, so daß ich zuletzt ersticken müßte.

Hierüber entsetzte er sich und verdoppelte seine Bemühungen, um es zu erfahren. Er sagte, ich könne ihm nicht in Liebe gewogen, ja nicht treu sein, wenn ich es ihm ferner vorenthielte. Er sei entschlossen alles zu vergessen, was vorher gewesen, und es als eine bloße Verwirrung anzusehen.

Ich wünschte, erwiderte ich, ich könnte es auch vergessen, allein die Wurzel sitzt gar zu tief, es ist etwas Unmenschliches. Dabei verlangte ich nur, daß er weiter in mich drängen sollte, damit ich nachgeben und dasjenige beichten möchte, was zu verhehlen mir eine tödliche Marter bereitete.

Ich will mein Äußerstes tun, sprach er, unter der Bedingung, daß du mich nichts länger im Zweifel lässest, denn diese lange Vorbereitung jagt mir schon Schrecken ein.

Nun es sei, sagte ich. Gleichwie ich dir in Wut und Aufregung gesagt habe, ich sei nicht dein rechtmäßiges Weib, noch unsern Kindern eine rechtmäßige Mutter, so werde ich dir jetzt in aller Sanftmut und Freundlichkeit doch betrübten Herzens mitteilen, daß ich deine leibliche Schwester bin, und daß du mein leiblicher Bruder bist, und wir alle beide Kinder unserer Mutter sind, die hier im Hause lebt und die auch von der Wahrheit dessen überzeugt ist, was nicht mehr zu leugnen ist.

Er wurde ganz blaß und seine Augen rollten. Da rief ich einen Knecht, der mußte ihm ein Glas Rum bringen als Herzstärkung, denn er wollte unter meinen Händen in Ohnmacht fallen.

Als er wieder zu sich kam, sagte ich: Du kannst dir wohl denken, daß diese Geschichte einer langen Erklärung bedarf, habe deshalb Geduld mir zuzuhören, ich will es möglichst kurz machen. Hierauf erzählte ich ihm alles, was nötig war, wie meine Mutter sich selbst unschuldigerweise verraten hätte. Und nun, schloß ich, wirst du einsehen, daß ich keine Schuld daran habe noch haben konnte, da mir vorher nichts davon bekannt war.

In dieser Sache, sprach er, bin ich nun befriedigt, aber meine Bestürzung ist sehr groß, doch weiß ich ein Mittel dagegen, auch ohne daß du nötig hast nach England zu gehen.

Das wäre seltsam, sagte ich.

Nein, nein, sprach er, ich will es kurz machen, ich bin allein derjenige, der dir im Wege ist. Bei diesen Worten sah er etwas verstört aus, ich befürchtete aber damals nichts, weil ich glaubte, was er auch selbst immer gesagt hatte, daß derjenige, der solches vorhat, nie davon redet, oder daß derjenige, der davon redet, es niemals tut. Aber es war noch nicht so weit, ich bemerkte nur, daß er in Gedanken vertieft ganz traurig umher ging, und wie es mir schien, etwas verstört im Kopfe war. Ich ließ es mir angelegen sein, ihn auf gute Gedanken zu bringen und einen Plan zu entwerfen, nach welchem wir künftig uns einzurichten hätten, bisweilen nahm er es auch gut auf und bezeigte Interesse, aber die Last war zu schwer für ihn, so daß er zweimal sich umbringen wollte. Einmal hatte er sich wirklich schon aufgehängt und wäre auch gewiß gestorben, wenn nicht die Mutter in dem Augenblick in die Kammer gekommen wäre und ihn mit Hilfe eines Negers abgeschnitten und wieder zu sich gebracht hätte.

Mein Mitleid mit ihm weckte wieder meine frühere Gewogenheit, und ich bestrebte mich Tag und Nacht die Wunde zu heilen. Aber sie saß zu tief, sie schwächte seine Lebenskraft und führte zu einer langwierigen Auszehrung. In diesem Jammer wußte ich mir weder zu helfen noch zu raten. Sein Leben schien nur an einem Faden zu hängen. Nach seinem Tode hätte ich eine reiche Partie machen können, deswegen war es aller Vernunft nach das Beste für mich im Lande zu bleiben. Allein der Sinn stand mir immer nach England, dagegen half nichts mehr.

Kurz, mein Mann, der es allem Anschein nach nicht lange mehr machen würde, gab endlich meinen wiederholten ungestümen Bitten Gehör, so daß der Weg frei wurde, auch meine Mutter trug das ihrige dazu bei, daß ich auch ein gutes Reisegeld zu meiner Überfahrt nach England bekam.

Als ich von meinem Bruder Abschied nahm, denn so werde ich ihn künftig nennen müssen, kamen wir überein, daß er bekanntmachen solle, ich sei gestorben, damit er sich rasch wieder verheiraten könnte, wenn er es wollte. Er versprach es mir fest, solange ich lebte, mir Hilfe und Beistand zu leisten. Sollte er eher sterben als ich, so wollte er seiner Mutter genug hinterlassen, mich immer wie seine Schwester zu versorgen, und diesem Versprechen kam er auch gewissenhaft nach, obgleich es wunderlich genug damit zuging.

Im August segelte ich von Virginia ab, nachdem ich acht Jahre dort zugebracht hatte. Nun stand mir ein neues Leben bevor, das nicht sehr aussichtsreich war. Ich hatte Virginien gleichsam die letzte gute Nacht gesagt; was ich mit herübergebracht hatte, war zwar wertvoll, wenn es heil angekommen wäre, und ich hätte damit wohl eine ziemlich gute Partie machen können, aber nach einem auf der Reise erlittenen Verlust belief sich mein ganzes Vermögen nur auf 200 bis 300 Pfund. Ich war gänzlich ohne Freunde, sogar ohne die geringste Bekanntschaft, denn ich fand es höchst notwendig, die alten nicht wieder zu erneuern. Meine listige Freundin, die mich damals als reiche Partie ausgegeben hatte, war tot, ihr Mann auch.

Meine Ladung nötigte mich bald darauf, nach Bristol zu gehen, und weil ich dort die Sache abwarten mußte, nahm ich eine Vergnügungsreise nach Bath vor, denn da ich noch jung an Jahren war, fand sich auch mein lustiges Gemüt wieder, und ich dachte immer, es würde mir wohl noch ein Glück begegnen, das meine Lage verbessern könne.

Die Stadt Bath ist ein eleganter Ort, wo das Leben teuer und an Fallstricken kein Mangel ist. Ich begab mich wirklich nur dahin, um zu sehen, ob nichts zu fangen sei. Doch muß ich zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich mir niemals vorgenommen hatte, auf dergleichen Dinge zu verfallen, wozu ich mich hernach doch verleiten ließ.

Hier blieb ich die ganze Nachzeit, wie man sagt, und machte eine oder die andere Bekanntschaft, die mich in den folgenden Torheiten zu meinem Unglück eher bestärkt als davon abgehalten hat. Ich lebte vergnügt genug, besuchte gute, das heißt schöne lustige Gesellschaften, allein ich konnte es auf die Dauer nicht aushalten, denn mein Vorrat nahm schnell ab, und da ich keine festen Einnahmen hatte, war es dasselbe, wie wenn man sich zu Tode blutet. Das machte mir zwar Sorgen, aber ich ließ sie bald wieder fahren und bildete mir ein, es würde mir bald ein Glück begegnen.

Allein ich befand mich am unrechten Orte. In einem Londoner Vorort wäre es mir eher geglückt, wenn ich mich dort leidlich eingerichtet und gewartet hätte, bis etwa ein ehrlicher Schiffskapitän mir einen Antrag gemacht hätte, aber Bath, wo die Männer zwar oft eine Beischläferin, doch niemals oder selten eine Frau suchen, war der rechte Ort nicht. Deswegen hat auch jede Bekanntschaft, die eine einzelne Frau dort macht, eine üble Bewandtnis. In der ersten Zeit hielt ich mich dort wohl, und obgleich ich mit einem Edelmanne, der nach Bath kam, um sich zu belustigen, Bekanntschaft geschlossen hatte, so war ich doch in keinen verdächtigen Handel verwickelt. Einigen Versuchungen hatte ich widerstanden und mir in diesem Punkte nichts vergeben; ich war noch nicht gottlos genug, um mich der reinen Lust wegen in Schande und Laster zu stürzen, und es fand sich eben niemand, der sich mit Geld, so wie ich es wünschte, um mich bemühte.

Nichtsdestoweniger kam ich so weit, daß ich mit meiner Hauswirtin Freundschaft schloß, die, obgleich sie kein verdächtiges Haus führte, doch keine von der besten Zunft war. Ich hatte mich immer so betragen, daß man mir nicht das geringste nachsagen konnte, und alle Männer, mit denen ich verkehrte, hatten einen so guten Namen, daß ihre Bekanntschaft mir keinen Nachteil brachte, es unterstand sich auch keiner, mir etwas Ungehöriges anzutragen. Darunter war eben der erwähnte Edelmann, der mich allzeit wegen meiner liebenswürdigen Art den andern vorzog, weil er sich ungemein, wie er sagte, an meiner Gesellschaft erfreute, allein es wurde nichts weiter daraus.

Als alle Freunde abgereist waren, brachte ich in Bath manche einsame Stunde zu, denn obwohl ich meiner Geschäfte wegen nach Bristol reiste, um dort meine Waren zu verhandeln und meinen Geldbeutel wieder zu füllen, so kam ich doch immer nach Bath zurück, weil ich mit meiner Wirtin gut stand und den Winter über dort billiger leben konnte als anderswo. Ich brachte also hier den Winter ebenso traurig zu, wie mir der Herbst angenehm gewesen war, und da ich mit der Zeit immer vertrauter mit meiner Wirtin wurde, so entdeckte ich ihr etwas von dem, was mir auf dem Herzen lag, besonders, daß Schmalhans bei mir Küchenmeister wäre. Ich sagte ihr auch, daß ich eine Mutter und einen Bruder in Virginien hätte, welche in Wohlstand lebten. Ich hatte auch wirklich an meine Mutter geschrieben und ihr meine Lage und den erlittenen Verlust vorgestellt, darum ließ ich meine Freundin wissen, daß ich von dorther einen Zuschuß erwartete, was ja auch nach der Wahrheit war. Ferner sagte ich ihr, weil die Schiffe von Bristol schneller nach Virginien kämen als von London, so dächte ich, es wäre besser für mich, in der Nähe von Bristol die Antwort abzuwarten.

Meine Freundin schien Mitleid mit mir zu haben und war so gütig, das Kostgeld für mich den Winter über so billig zu berechnen, daß ich sicher war, sie konnte nichts dabei verdienen, was aber die Miete betraf, so zahlte ich den Winter über für meine Kammer gar nichts.

Als der Frühling ins Land kam, war sie mir noch ebenso gewogen und tat mir, was sie nur konnte, zu Gefallen. Ich blieb auch so lange bei ihr, bis es anders kam. Es stiegen verschiedene vornehme Leute bei ihr ab, auch jener Edelmann, der mich, wie gesagt, den vorigen Herbst so bevorzugt hatte. Er stellte sich mit zwei Dienern und noch einem andern Herrn ein und kehrte in dem Hause ein, wo ich wohnte. Ich glaubte, meine Wirtin hätte ihn eingeladen und ihn wissen lassen, daß ich noch bei ihr wäre, aber sie leugnete es ab.

Unsere Bekanntschaft wurde wieder aufgefrischt, und dem Edelmann war meine Gesellschaft, ebenso wie früher, sehr angenehm. Er war ein artiger Herr und war mir auch nicht zuwider. Er hegte für mich eine unbegrenzte Hochachtung und hatte dabei eine so gute Meinung von meiner Tugend, daß er mir oft gestand, er glaube sicherlich, ich würde ihn mit Verachtung strafen, wenn er mir etwas Ungehöriges zumuten würde. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich eine Witwe sei, die aus Virginien gekommen wäre und in Bath auf die Ankunft der nächsten Flotte wartete, bei welcher ich große Frachten hätte. Er sagte mir, daß er verheiratet, daß seine Frau aber gemütskrank sei, daher habe er sie zu ihren Verwandten in Pflege übergeben, damit sie ihm keine Nachlässigkeit vorwerfen könnten. Inzwischen käme er nach Bath, um sich hier seine betrübten Gedanken hierüber ein wenig aus dem Sinn zu schlagen.

Meine Wirtin, die aus eigenem Antrieb unsern Umgang sehr förderte, lobte diesen Herrn sehr, sowohl wegen seiner Tugend und Redlichkeit, als wegen seines Reichtums. Ich hatte auch Ursache ihn zu rühmen, denn da wir beide in einem Stockwerk wohnten und er oft zu mir, wenn ich noch im Bette lag, in meine Kammer trat, so verlangte er doch nichts als höchstens einen Kuß von mir, ja er hatte mich auch sonst um nichts ersucht.

Ich redete mit meiner Wirtin oft von seiner übergroßen Zurückhaltung, und sie sagte darauf, es schiene ihr, sie sei ihm wohl angeboren, doch meinte sie, er sollte sich mir doch irgendwie erkenntlich zeigen, weil er meine Gesellschaft so sehr beanspruche. Ich sagte, er hätte keine Ursache zu denken, daß ich Geld oder sonst etwas von ihm annehmen würde.

Sie antwortete, das wollte sie wohl auf sich nehmen, und fing es auch so listig an, daß er mich, als wir das nächstemal wieder zusammenkamen, fragte, ob ich auch auskäme, und ob ich Geld nötig hätte.

Ich hielt mich zurück und sagte, obgleich meine Ladung Tabak schadhaft geworden sei, so wäre sie darum doch nicht ganz verloren; der Kaufmann, an den ich gewiesen wäre, hätte so wohl für mich gesorgt, daß ich keinen Mangel gelitten hätte, ich hoffte es auch mit meiner Sparsamkeit so lange aushalten zu können, bis mit der nächsten Flotte mehr ankommen würde; inzwischen hätte ich meine Ausgaben vermindert: voriges Jahr hätte ich ein Mädchen gehalten, nun hielte ich keines, ich hätte damals eine Stube und Kammer im ersten Stock gehabt, jetzt nur eine Kammer zwei Treppen hoch, und dergleichen mehr. Doch lebte ich jetzt ebenso vergnügt wie früher, als ich noch mehr hatte, seine Gesellschaft hätte mir die Zeit besser vertrieben, als es sonst geschehen wäre, wofür ich ihm besonders erkenntlich wäre. Auf solche Art benahm ich ihm diesmal alle Gelegenheit mir etwas anzubieten.

Nicht lange darauf kriegte er mich wieder vor und sagte, er merke wohl, daß ich Bedenken trüge, ihm das Geheimnis meiner Lage zu entdecken, was ihm sehr leid täte, indem er mir versicherte, daß seine Nachfrage nicht aus Neugierde geschähe, sonder nur, damit er mir beispringen könnte, wenn es nötig wäre. Da ich aber nicht eingestehen wollte, daß ich einer Hilfe bedürfe, so bäte er mich nur um eins, nämlich ihm zu versprechen, wenn ich etwa Mangel leiden sollte, ihm es rund heraus zu offenbaren und mich ohne Zier seiner zu bedienen.

Ich unterließ nicht, ihm meine Verbindlichkeit zu bezeugen, und schien von der Zeit ab nicht so verschlossen als zuvor, doch blieben wir beide genau in den Grenzen der Tugend. So frei unser Umgang auch war, so vermochte ich es doch nicht über mich zu gewinnen, ihm meinen Geldmangel zu gestehen, obgleich mir im Grunde sein Anerbieten sehr wohl gefiel.

Einige Wochen vergingen, ehe ich das geringste merken ließ, dann brach meine listige Wirtin endlich das Eis, indem sie einmal in meine Kammer trat, als er bei mir war, und mir etwas, was sie sich selbst ausgedacht hatte, vermeldete:

Ich habe euch eine böse Nachricht zu bringen, sagte sie.

Was denn? fragte ich. Haben etwa die Franzosen unsere Virginische Flotte weggenommen? Denn davor hatte ich Furcht gehabt.

Nein, nein, sprach sie, aber der Mann, den ihr gestern nach Bristol geschickt habt, ist wiedergekommen, hat aber nichts mitgebracht.

Dieser Streich gefiel mir gar nicht, es sah aus, als ob wir ihn gar zu sehr nötigen wollten, da er doch bereit genug war; ich sah auch, daß ich nichts dabei verlieren würde, wenn ich mich noch ein wenig länger zurückhielte.

Deswegen antwortete ich ihr kurz: ich könne mir den Grund nicht denken, warum der Mann das sage; denn ich versichere euch, fuhr ich fort, er hat mir alles gebracht, worum ich ihn hingesandt hatte, hier ist es – dabei zog ich meinen Beutel mit zwölf Guineen hervor –, das meiste davon sollt ihr bald haben.

Mein fremder Herr schien es der Wirtin übel auszulegen, denn es war etwas frech herausgekommen. Als er aber meine Antwort hörte, war er wiederum zufrieden. Am folgenden Morgen redeten wir wieder über diese Sache, und da fand ich denn, daß alles gut war.

Er sagte lächelnd, er hoffe, ich würde meiner Zusage nachkommen und ihm frei heraus sagen, wenn es mir an Gelde mangelte.

Ich antwortete darauf, daß mir die Rede meiner Wirtin gar nicht gefallen hätte, doch glaubte ich, es sei darum geschehen, damit sie die acht Guineen bekäme, die ich ihr schuldig gewesen und die ich ihr gestern abend gegeben hätte.

Es gefiel ihm sehr wohl, daß ich die Wirtin bezahlt hatte, und wir sprachen hernach von andern Dingen.

Am folgenden Morgen, als er hörte, daß ich schon aufgestanden war, rief er mich und bat mich, in seine Kammer zu kommen; ich traf ihn noch im Bette an. Ich mußte mich auf sein Bett setzen, denn er wollte mir etwas Besonderes sagen. Nach einigen freundlichen Worten fragte er mich, ob ich ihm eine aufrichtige Antwort geben wollte auf das, was er von mir zu wissen verlangte.

Ich versprach es, nachdem ich über das Wort aufrichtig noch vorher einige Bemerkungen gemacht hatte, als ob ich jemals anders als aufrichtig an ihm gehandelt hätte.

Sein Verlangen war, ich sollte ihm meinen Beutel zeigen. Ich tat es lachend und gab ihm den Beutel, in dem sich dreiundeinehalbe Guinee befanden.

Er fragte mich, ob dies alles sei, was ich hätte.

Ich sagte: nein, weit gefehlt – und lachte fortwährend. Nun so tut mir die Liebe und holt all euer Geld bis auf den letzten Heller her.

Ich ging hin und brachte ihm aus meiner Kammer eine kleine Schublade, in welcher etwa sechs Guineen und etliche Schillinge waren, warf ihm alles aufs Bett und sagte, das wäre mein ganzer Reichtum, mehr hätte ich nicht.

Er besah es eine Weile, zählte es aber nicht, sondern warf alles durcheinander wieder in die Schublade, langte in seine Tasche, zog einen Schlüssel heraus und ersuchte mich, ein kleines Nußbaumschränkchen, das auf dem Tische stand, zu öffnen und ihm eine bestimmte Schublade herauszubringen. In dieser Schublade war ein Haufen Gold, meiner Mutmaßung nach wohl 200 Guineen. Er nahm meine Hand, steckte sie in die Lade und ließ mich eine Handvoll herausnehmen. Ich wehrte mich und wollte es nicht, aber er hielt mich bei der Hand fest, bis ich sie so voll Guineen hatte, als ich nur halten konnte.

Zunächst mußte ich die Guineen in meinen Schoß legen, er aber nahm meine Schublade, schüttete mein Geld heraus zu dem seinigen dazu und bedeutete mir, ich möchte es nun in meine Kammer tragen.

Ich erzähle diese Begebenheit um so umständlicher, weil man daraus entnehmen kann, wie freundschaftlich und vertraulich wir miteinander verkehrten, und mit welchem edlen Gemüt ich es zu tun hatte. Nicht lange danach fand er täglich an meinen Kleidern, an meinen Spitzen, an meinen Hüten etwas auszusetzen und nötigte mich, etwas Besseres zu kaufen, wozu ich zwar gern bereit war, es ihn aber nicht merken ließ.

Schöne Kleider liebte ich wohl über alles, sagte ich ihm, aber ich müsse mit dem Gelde, das er mir geliehen, sparsam umgehen, weil ich sonst nicht imstande sein würde, es ihm zurückzuzahlen. ^

Darauf sagte er mir mit kurzen Worten, er hege zwar eine aufrichtige Hochachtung für mich und wisse, wie meine Lage beschaffen sei, er hätte mir das Geld demnach nicht geliehen sondern geschenkt, wohl erwägend, daß ich es um ihn verdient hätte, da ich ihm meine Gesellschaft so ganz und gar gewidmet.

Darauf mußte ich ein Mädchen annehmen und seinen Haushalt führen, und als sein Freund fort war, speiste ich täglich mit ihm. Ich tat es auch gern, da weder die Frau im Hause noch ich dabei zu kurz kamen.

So hatten wir bereits ein Vierteljahr zugebracht, als sich die Badegäste wieder ziemlich verloren; er machte sich ebenfalls zur Abreise bereit und hätte mich gern mit nach London genommen.

Dies leuchtete mir nicht ein, da ich nicht wußte, auf welche Art ich dort leben sollte, oder wie er es mit mir halten würde. Mittlerweile wurde er sehr krank. Sein Fieber hielt so stark an, daß er fünf Wochen das Bett hüten mußte, während welcher Zeit ich ihn pflegte und ihn wartete, als ob ich seine Frau gewesen wäre. Ja, keine Frau hätte mehr für ihn tun können, ich wachte so lange und so oft bei ihm, daß er es zuletzt nicht mehr leiden wollte; deshalb ließ ich mir ein Ruhebett in seine Kammer bringen und schlief darauf zu Füßen seines Bettes. Seine Schwäche ging mir sehr zu Herzen, da ich an ihm einen großmütigen Freund verloren hätte, der mir viel Gutes erwiesen hatte. Ich saß und weinte manche Stunde bei ihm. Endlich wurde es besser mit ihm, und ich konnte auf seine Genesung hoffen, es ging aber nur sehr langsam damit vorwärts.

Würde es sich anders verhalten haben, als ich es erzähle, so würde ich es frei von der Leber heruntersagen, aber ich versichere, daß, obgleich wir uns im Bett sahen und ich ihm die bei einer Krankheit notwendigen Handreichungen leistete, nicht das leiseste Wort noch die geringste Tat vorfiel, die gegen die Sitte verstoßen hätten

Nach einiger Zeit kam er wieder zu Kräften. Da wollte ich mein Ruhebett hinausnehmen, er begehrte aber, ich sollte es so lange in seinem Zimmer lassen, bis er imstande wäre sich selbst zu helfen.

Er nahm jede Gelegenheit wahr, mir seine Erkenntlichkeit zu beweisen; als er aufstand, schenkte er mir 50 Guineen für meine Mühe, da ich, wie er sagte, meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt hätte, um die seinige zu erhalten.

Er versicherte mir seine aufrichtige Gewogenheit, doch in aller Tugend und Ehrbarkeit. Ich war davon völlig überzeugt, und erging so weit, daß er sich vermaß, wenn er gleich nackend bei mir im Bette wäre, so wollte er doch meine Keuschheit heilig halten, wie er sie auch gegen jeden Räuber meiner Ehre verteidigen würde. Ich glaubte ihm und sagte es ihm auch. Doch das war ihm nicht genug, er wollte davon bei der ersten Gelegenheit eine Probe sehen lassen.

Kurz darauf war ich genötigt, meiner Geschäfte wegen eine Reise nach Bristol zu machen; er mietete mir einen Wagen und fuhr mit mir. Hier wurde unsere Vertraulichkeit bald größer. Von Bristol brachte er mich nach Gloucester, doch das war nur eine Lustreise. Hier fanden wir in dem Gasthause keine andere Unterkunft als ein großes Zimmer mit zwei Betten.

Der Wirt wies es uns an und sagte: Mein Herr, es steht mir nicht an zu fragen, ob die Dame Ihre Gemahlin ist. Sie können aber im Notfalle ebenso in diesen zwei Betten schlafen, als ob sie getrennte Zimmer wären. Darauf zog er einen Vorhang, welcher das ganze Zimmer in der Mitte teilte, so daß man sich in den Betten nicht sehen konnte.

Prächtig, sagte mein Freund, das wird schon angehen, wir sind im übrigen so nahe verwandt, daß wir auch in einem Bette schlafen könnten. Dadurch gewann die Sache einen ehrenhaften Anschein. Als es nun Zeit war zu Bette zu gehen, begab er sich aus Bescheidenheit solange hinaus, bis ich mich niedergelegt hatte; darauf kam er wieder herein und nahm von dem andern Bette Besitz, erzählte aber noch lange Zeit mit mir.

Zuletzt wiederholte er wieder seine Rede, daß er nackend bei mir im Bette liegen könne, ohne mir das geringste zuzumuten.

Darauf sprang er aus seinem Bette und verfügte sich zu mir mit den Worten: Nun sollt ihr sehen, wie ich mein Wort halten kann.

Ich widerstrebte ein wenig, aber ich muß bekennen, ich würde mich nicht lange geweigert haben, wenn er auch nichts versprochen hätte. Nach einigem Widerstand lag ich still und ließ ihn zu mir ins Bett kommen, wo er mich in die Arme nahm und die ganze Nacht zubrachte, aber ohne das geringste mit mir vorzunehmen. Am Morgen stand er auf, zog sich an und ließ mich so unschuldig und unberührt, wie ich zuvor gewesen war.

Ich wunderte mich darüber, und es werden sich auch vielleicht noch andere wundern, die das Spiel der Natur kennen. Er war ein starker Mann, dem es nicht an Kraft fehlte. Auch enthielt er sich nicht aus Frömmigkeit, sondern aus reiner Liebe und Zuneigung, indem er sagte, obwohl ich ihm die liebste Person von der Welt wäre, so könnte er eben darum, weil er mich so liebte, mir nichts zuleide tun.

Ich gestehe, daß dies sehr edelmütig von ihm gehandelt war, aber da ich doch dergleichen noch nie erlebt hatte, machte es mich etwas betroffen. Wir reisten zurück nach Bath, wo er alle Freiheit hatte, zu mir zu kommen und die vorige Probe, so oft er wollte, zu wiederholen. Obwohl wir auch sonst wie Mann und Frau miteinander umgingen, kam es doch niemals weiter, als ich erzählt habe. Ich kann nicht sagen, daß er mir damit einen so großen Gefallen tat, wie er vermeinte, denn ich war viel leichtsinniger als er.

Dennoch dauerte dieses Spiel zwei Jahre lang, währenddessen er dreimal in dieser Zeit nach London reiste und einmal vier Monate fortblieb. Aber das muß ich zu seiner Ehre sagen, er ließ mich niemals ohne Geld, ich litt keinen Mangel, sondern lebte recht gut.

Wäre es so fortgegangen, so hätten wir uns vielleicht etwas darauf einbilden können, aber der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. So ging es auch mit uns, doch um die Wahrheit zu sagen, es war nicht seine, sondern meine eigene Schuld. Wir lagen wieder einmal zusammen im Bette warm und lustig, hatten auch alle beide wohl ein Glas Wein mehr als gewöhnlich getrunken, da fielen allerhand kleine Torheiten vor, die ich nicht nennen kann, und ich sagte unter anderm – zu meiner Schande und zu meinem Schrecken steht es hier – ich hätte wohl Lust, ihn für diese einzige Nacht von seiner Verpflichtung loszusprechen.

Er nahm mich sogleich beim Wort, und ich widerstrebte ihm auch nicht weiter.

So war nun unsere Tugend über den Haufen geworfen, und ich vertauschte die Stelle einer Freundin mit dem häßlich klingenden Titel einer Hure. Am Morgen stellte sich bei uns die Reue ein. Ich weinte herzlich, und ihm ging es auch sehr nahe, aber das war auch alles, was wir dabei tun konnten, denn nachdem der Weg einmal gebahnt, und die Schranken der Tugend und des guten Gewissens durchbrochen waren, hielt uns weiter nichts zurück.

Unser Verkehr hatte etwas Scheues während der folgenden Wochen und unser Gespräch war einsilbig. Ich konnte ihn nicht ohne Erröten anblicken und brach oft in die Worte aus: Wenn ich nun schwanger werden sollte, was soll ich dann tun?

Er tröstete mich, daß er mir treu sein wolle, solange ich ihm treu wäre. Denn da es nun soweit gekommen wäre, wie er es nie im Sinn gehabt hätte, und ich schwanger werden sollte, so wollte er nun auch für Mutter und Kind sorgen.

Dies machte uns beide fest. Ich versprach ihm, daß ich lieber aus Mangel an einer Hebamme sterben wollte als ihn als Vater des Kindes angeben, wenn es dazu kommen sollte.

Er dagegen versicherte mir, es solle mir dann an nichts fehlen.

Diese Zusagen machten uns neuen Mut, so daß wir kein Bedenken trugen das Spiel lustig weiterzuführen, bis es zuletzt zu einer Schwangerschaft kam.

Als ich das fühlte und es ihm auch zu verstehen gegeben, hielten wir Rat, was in der Sache ferner zu tun sei. Ich war der Meinung, unsere Wirtin ins Vertrauen zu ziehen und zu hören, was sie dazu sagen würde. Er war damit einverstanden.

Meine Wirtin schien an dergleichen gewöhnt zu sein und sich nichts daraus zu machen. Sie sagte, sie hätte sich wohl gedacht, daß es endlich soweit kommen würde, und hieß uns nur guter Dinge zu sein.

Sie wußte mit allem Bescheid und versprach eine Hebamme zu bestellen, die uns mit Ehren davon helfen würde, was sie auch wirklich tat.

Als meine Zeit kam, mußte sich mein Geliebter auf ihren Rat aus dem Staube machen, oder zum wenigsten so tun, als ob er nach London ginge. Als er fort war, ging sie zum Kirchenvorsteher und meldete ihm, es logiere in ihrem Hause eine Dame, die bald niederkommen würde, sie kenne ihren Eheherrn gar gut und könne ihm sagen, daß es der Baron Walter Cleave sei, ein braver Edelmann, dafür könne sie einstehen, und so weiter. Hiermit war der Kirchenvorsteher zufrieden, und ich kam mit so großem Ansehen nieder, als ob ich wirklich die hochwohlgeborene Frau Baronin Cleave wäre. Drei bis vier der angesehensten Matronen der Stadt waren bei meiner Entbindung zugegen, wodurch indes etwas mehr daraufging. Ich gab meinem Galan zu verstehen, daß mir dies sehr leid täte, er aber hieß mich guten Mutes sein und mich nichts anfechten zu lassen.

Er hatte mir Geld genug gegeben, daß ich ein gutes Wochenbett halten konnte, und ich bekam alles, was ich verlangte, doch hielt ich das Geld zusammen, denn ich kannte die Welt und wußte, daß es oft nicht lange dauert mit solchen Dingen, deshalb sparte ich, soviel als möglich war, damit ich im Notfalle nicht ganz ohne Mittel wäre. Ich ließ es ihn aber nicht merken sondern sagte, es sei alles draufgegangen.

Hierdurch und mit dem, was er mir schon vorher geschenkt hatte, besaß ich zu Ende meines Wochenbettes eine Kasse von 200 Guineen im Rückhalt, das meinige mit eingerechnet.

Ich brachte einen schönen Knaben zur Welt. Als der Vater es erfuhr, schrieb er mir einen sehr verbindlichen Brief und sagte, er hielte es für besser, daß ich nach London käme, sobald ich wieder zu Kräften gelangt sei, er habe schon Zimmer für mich bestellt, als ob ich nur aus London käme, es sollte aber nicht lange dauern, so wollten wir wieder nach Bath gehen.

Dieser Vorschlag gefiel mir nicht übel, ich mietete eine Kutsche, nahm die Amme und das Kind sowie eine Magd mit mir und fuhr nach London.

Er kam mir bis Reading mit seinem Wagen entgegen, nahm mich zu sich in seine Kutsche, während das Kind und die Bedienten im andern Wagen blieben, und führte mich so in meine neue Wohnung, mit der ich sehr zufrieden sein konnte, denn es waren sehr schöne Zimmer.

Ich befand mich nun auf der höchsten Stufe des Glücks, und es fehlte mir nichts, als daß ich verheiratet gewesen wäre, aber das konnte in diesem Falle nicht angehen. Deshalb nahm ich meinen Vorteil wahr, sparte, was ich nur konnte, damit ich einen Notgroschen zurücklegen konnte; zumal die Männer ihrer Geliebten sehr oft überdrüssig werden, sich eine andere suchen, Eifersucht hegen, oder sich aus irgendeinem andern Grunde von ihnen zurückziehen, woran bisweilen die Geliebten selbst schuld sind, daß es ihnen so geht, da sie nur zu oft Klugheit und Treue außer acht lassen.

Hierin war ich meiner sicher, denn ich hatte weder Trieb noch Gelegenheit zur Veränderung. Alle meine Bekannten waren in dem Hause, wo ich wohnte, und eines Geistlichen Frau nebenan. Wenn mein Geliebter abwesend war, besuchte ich keinen Menschen, und er fand mich immer zu Hause, wenn er zu mir kam. Fuhr ich aber spazieren, um frische Luft zu schöpfen, so war er immer bei mir.

Er beteuerte mir oft, daß er nie daran gedacht hätte, es soweit kommen zu lassen, seine Liebe zu mir sei so aufrichtig gewesen, doch ohne jenes Begehren, das zu tun, was er nun doch getan hätte. Ja sogar in der letzten Nacht, als er über die Stränge gehauen, sei es nicht seine Absicht gewesen. Ich versicherte ihm dagegen, es sei nur eine Verwirrung gewesen, bei der wir unserer Neigung nur allzusehr nachgegeben hätten.

Es ist wahr, vom ersten Moment an, als ich diesen Menschen kennen lernte, hätte ich mich ihm zu Willen gegeben, wenn er es verlangt hätte, und aus keiner anderen Ursache, als weil ich seiner Hilfe bedurfte, und keinen andern Weg wußte solche zu erlangen. Als wir aber in der erwähnten Nacht zusammen waren, und er sich schon große Freiheiten herausgenommen hatte, fühlte ich meine Schwäche und konnte der Lust unmöglich widerstehen, ja ich fühlte mich sogar gedrängt alles preiszugeben, noch ehe er es verlangte.

Doch war er so gütig, daß er es mir nicht vorwarf, sondern in allen Fällen an meiner Aufführung großes Gefallen fand und beteuerte, es sei ihm in meiner Gesellschaft noch ebenso wohl wie in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft.

Er hatte zwar sozusagen keine Frau, denn sie war ja krank, aber die Gewissensbisse entreißen gar oft einen Mann den Armen seiner Geliebten, und so ging es zuletzt auch mir.

Obwohl ich heimlich diese Sorge im Herzen trug und oft bei dem höchsten Vergnügen in der Zukunft nichts als Hunger und Kummer für mich erblickte, so trieb mich doch eben diese Furcht vor der Armut an, die Lebensweise, in die mich die Not gebracht hatte, weiter fortzusetzen. Trotzdem war ich oft fest entschlossen, alles zu verlassen und ein anderes Leben anzufangen, wenn ich nur Geld genug gehabt hätte, mich zu ernähren und zu erhalten. Allein diese Gedanken zerfielen in sich zusammen, sobald ich nur meinen Geliebten wiedersah, denn der Verkehr mit ihm war mir so lieb und angenehm, daß keine Traurigkeit aufkam, wenn er sich nur sehen ließ, und wenn ich zum Überlegen und Nachdenken kam, so geschah es nur, wenn ich allein war.

Sechs Jahre verflossen so in diesem glücklichen Zustande, in welcher Zeit ich ihm drei Kinder schenkte, von denen aber nur das erste am Leben blieb.

Eines Morgens versetzte mich ein zwar höflicher, doch trauriger Brief meines Liebhabers in große Besorgnis, durch den er mich wissen ließ, daß er sich gar nicht wohl fühle und befürchtete, es stecke wieder eine schwere Krankheit in ihm. Da aber die Freunde seiner Frau bei ihm im Hause seien, würde es sich wohl nicht schicken, mich zu ihm zu begeben. Das täte ihm sehr leid, zumal er nichts so sehr wünschte, als daß ich ihn pflegen möchte, wie ich es damals getan.

Diese Nachricht betrübte mich sehr, und ich wünschte sehr zu wissen, wie es mit ihm stünde. Es vergingen vierzehn Tage, ohne daß ich etwas von ihm hörte. Die größte Schwierigkeit bestand darin, daß ich nicht wußte, wo er wohnte; zuerst dachte ich, er sei im Hause seiner Schwiegermutter, allein als ich nach London kam, fand ich aus der Aufschrift der Briefe, die ich an ihn verwandte, daß er sich mit der ganzen Familie in Bloomsbury niedergelassen hatte, daß auch seine Frau und seine Schwiegermutter in demselben Hause wohnten.

Hier erfuhr ich auch, daß er in den letzten Zügen lag, was mich fast in denselben Zustand versetzte. Um aber Gewißheit zu erlangen, verkleidete ich mich eines Tages als Dienstmagd. Mit einem Strohhut auf dem Kopfe ging ich nach seinem Hause, als ob mich einer seiner früheren Nachbarn geschickt hätte, die ihn freundlichst grüßen und anfragen ließen, wie es dem Herrn ginge und wie er die vergangene Nacht zugebracht hätte. Dies verschaffte mir Gelegenheit, mit einer von den Mägden zu sprechen, mit der ich eine lange Unterhaltung hatte und dabei alle Umstände seiner Krankheit erfuhr, welche in Seitenstechen mit Husten und Fieber bestand. Die Magd sagte mir auch, wer alles im Hause und wie es mit der Frau beschaffen sei, von der sie hofften, daß sie bald wieder zu Verstande kommen würde. Was den Herrn beträfe, so hätten die Arzte ihn schon aufgegeben, man habe heute morgen schon den Tod erwartet, und es sei auch nicht besser mit ihm geworden, so daß er die folgende Nacht wohl nicht mehr erleben würde.

Dies war eine schlimme Kunde, die mir das Ende meines Wohllebens vor Augen stellte. Es kam mir nun gut zustatten, daß ich sparsam gewirtschaftet hatte, denn nach seinem Tode hätte ich keinen Weg gesehen durch die Welt zu kommen. Es beunruhigte mich auch nicht wenig, daß ich einen Sohn hatte, ein liebes schönes Kind von fünf Jahren, für den niemand sorgte. Mit solchen Betrachtungen und betrübten Herzens ging ich an jenem Abende nach Hause.

Man kann wohl verstehen, daß ich nicht lange säumte, mich wieder nach ihm zu erkundigen. Da ich es aber selbst nicht wieder wagen wollte, ließ ich es durch alle möglichen Boten verrichten, die bald dieses bald jenes Anliegen vorgeben mußten. Das dauerte etwa vierzehn Tage, bis ich erfuhr, daß wieder Hoffnung vorhanden, obschon er noch sehr krank sei. Darauf schickte ich nicht mehr hin, sondern es wurde mir in der Nachbarschaft gesagt, daß er wieder im Hause umherginge, und bald darauf, daß er wieder ausgehen könne.

Ich zweifelte nun nicht, daß ich ihn baldigst sprechen würde, und tröstete mich dabei mit seiner Genesung. Allein es verging erst eine, dann die zweite Woche und schließlich zu meiner größten Verwunderung gingen beinahe zwei Monate hin, ohne daß ich etwas von ihm hörte, als daß er aufs Land gezogen sei, um in der frischen Luft sich zu erholen. Darauf vergingen wieder zwei Monate, bis ich erfuhr, daß er wieder in die Stadt gekommen sei, aber sonst hörte ich nichts.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.