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Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
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Während anderer Leute Glück zunahm, ging es mit mir immer schlechter, es fand sich nichts für mich als zwei oder drei Steuerleute. Unter den Schiffskapitänen aber waren erstens solche, die sich gut standen, das heißt, die ein gutes Schiff besaßen und die sich nicht anders als vorteilhaft zu verheiraten gedachten. Die andern waren solche, die nichts zu tun hatten und nur eine Frau suchten, die ihnen ein Schiff mitbrächte, nämlich eine Frau, die ihr Geld einschießen konnte, um dadurch andere Besitzer anzuregen, sich zu beteiligen, oder eine Frau, die wenigstens Verbindungen hätte, die dem jungen Manne weiterhelfen konnten. Aber alles das paßte nicht auf mich, und ich saß da wie eine Braut, die niemand holen will.

Durch Erfahrung lernte ich hier so viel, daß bei dieser Art von Leuten der Ehestand nur eine Absicht habe: nämlich ihre Vermögensverhältnisse dadurch zu verbessern und damit ein Geschäft zu machen, und daß die Liebe wenig oder gar nichts dabei zu bedeuten hatte.

Ich erinnerte mich der Worte, welche meine Schwiegermutter zu Colchester einst gesagt hatte, nämlich daß Schönheit, Witz, Höflichkeit, Verstand, Freundlichkeit, gutes Benehmen, Erziehung, Tugend, Frömmigkeit, kurz alle Geistesgaben und körperlichen Vorzüge keine Macht hätten, uns emporzubringen, sondern daß das Geld allein ein Frauenzimmer angenehm mache, daß die Männer sich zwar eine Geliebte nach ihrer Neigung wählten, und daß eine solche schön, ansehnlich und liebreich sein müsse, aber bei der Ehefrau käme es weder auf Häßlichkeit noch auf schlechte Eigenschaften an, nur Geld sei die Losung, ein reicher Brautschatz sei nie krumm oder lahm, sondern immer angenehm, die Frau mag beschaffen sein wie sie wolle.

Andererseits spielen die Männer die Herren, so daß wir Frauen das Recht verloren haben, zur rechten Zeit Nein zu sagen. Es ist gleichsam eine Gnade, wenn wir gefragt werden, und wenn sich eine sträubt und Nein sagt, so darf sie nicht darauf hoffen, daß sich ihr die Gelegenheit zum andern Male bieten werde. Die Männer dagegen haben überall soviel Auswahl, denn sie finden überall Zutritt, und wenn einer in einem Hause abgewiesen wird, so kann er sicher sein, in dem nächsten aufgenommen zu werden. Außerdem gehen die Männer auf gute Partien aus, um einen guten Fang zu tun, auch wenn sie selbst nichts Gutes an sich haben. Sie bringen es so weit, daß es einem Frauenzimmer kaum möglich ist, sich nach ihres Freiers Verhältnissen und Wesen zu erkundigen. Die Welt ist so gottlos und das männliche Geschlecht ist durchgehends einem so liederlichen Leben ergeben, daß die Anzahl der Männer, mit denen sich ein ehrliches Frauenzimmer abgeben kann, sehr klein ist, zumal man nur ab und zu einen Menschen antrifft, der es verdient, daß eine rechtschaffene Frau es mit ihm wagt.

Hieraus geht hervor, daß ein Frauenzimmer vorsichtig zu Werke gehen muß. Würde sie dies immer tun, so würde sie leicht jeden Betrug entdecken. Denn heutigen Tages sind wenige Männer zu finden, denen man etwas Gutes nachsagen könnte, und wenn wir nur ein wenig nachfragen wollten, würde sich alles selbst verraten. Solche Frauen aber, die in ihrem ledigen Stande unzufrieden und schon froh sind, wenn sie in den Ehestand fallen wie die Fliegen in die Buttermilch, solche Frauen betrachte ich für kranke Leute, für die man beten müßte, weil sie gleich denen sind, die ihr Hab und Gut in eine Lotterie setzen, wo hunderttausend Nieten auf einen Gewinn gehen.

Kein verständiger Mann wird deshalb eine Frau gering achten, wenn sie nicht gleich beim ersten Angriff um Quartier bittet, oder wenn sie seinen Antrag nicht annimmt, ohne sich vorher seiner Person und seines Vermögens wegen erkundigt zu haben, vielmehr müßte er sie bei Unterlassung solcher Vorsicht für die schwächste Kreatur ansehen.

In dieser Sache möchte ich gern die Aufführung des weiblichen Geschlechts etwas reformieren, denn wir kommen meistens zu kurz. Nichts als Mangel an Mut ist schuld daran; die Furcht, gar keinen Mann zu bekommen und eine alte Jungfer zu werden, macht die meisten unglücklich. Könnten sie diese Furcht einmal bemeistern und ihre Sache weiser führen, so würden sie dem Fallstrick viel sicherer entgehen, festen Fuß fassen und sich nicht so hingeben, wie sie es jetzt tun. Wenn sie dann auch nicht so früh verheiratet sein würden, so könnten sie doch später mit um so größerer Zuversicht in den Ehestand treten. Die einen bösen Mann bekommt, hat allemal zu früh geheiratet, die aber einen guten bekommt, macht ihre Hochzeit nie zu spät. Kurz es gibt keine Frau in der Welt, ausgenommen Mißgestaltete und Ehrvergessene, die nicht, wenn sie vorsichtig zu Werke geht, einen guten Mann bekommen könnte; übereilt sie sich aber, so läuft sie Gefahr unglücklich zu werden.

Ich komme jetzt zu meiner eigenen Angelegenheit, bei welcher damals die größte Vorsicht geboten war. Meine Lage erforderte es, daß sich ein guter Mann finden mußte, aber ich merkte bald, daß es nicht der richtige Weg war, sich anzubieten und wohlfeil zu machen. Sie entdeckten sogleich, daß die Witwe kein Geld hatte, und dies gab den Ausschlag. Wohlerzogen, schön, klug, bescheiden und angenehm zu sein, das alles wurde mir zugestanden, aber es kam nichts dabei heraus, es hieß immer wieder: die Witwe hat kein Geld.

Deswegen entschloß ich mich, eine andere Wohnung zu suchen und mein Aussehen, ja wenn es nötig wäre, meinen Namen abermals zu verändern.

Ich überlegte dies mit meiner vertrauten Freundin, die den Kapitän geheiratet hatte und der ich so treulich beigestanden hatte. Sie war geneigt, mir hierbei zu helfen, wie ich es nur verlangen konnte. Mein Besitztum war nur klein, ich hatte ungefähr noch 460 Pfund, einen Haufen schöner Kleider, eine goldene Uhr, einige Juwelen, die aber keinen großen Wert hatten und für etwa 30 oder 40 Pfund Leinwand.

Meine treue Freundin war so dankbar gegen mich wegen der Dienste, die ich ihr ehemals geleistet hatte, daß sie mir zuweilen etwas schenkte, wenn sie Geld in die Hände bekam, und ich konnte mich damit über Wasser halten, ohne daß ich das meinige anzugreifen brauchte. Zuletzt gab sie mir den unglücklichen Gedanken ein, man müsse es den Männern gleichtun und womöglich die Betrüger wiederum betrügen.

Sie gab mir die Versicherung, daß wenn ich ihrem Rate folgen wollte, ich ganz gewiß einen reichen Mann bekommen würde, ohne daß er mir Mangel an Gütern vorzuwerfen hätte. Sie schlug mir vor aufs Land zu gehen, wo sie mich an eine ihrer Verwandten empfahl. Dahin brachte sie ihren Mann und besuchte mich. Sie wußte es so zu wenden, daß ich von beiden sehr inständig gebeten wurde, mit nach London zu fahren, wo sie jetzt in einer andern Straße wohnten als vorher. Hierauf machte sie ihrem Manne weis, ich hätte mindestens 1500 Pfund Mitgift und würde bald noch mehr erben.

Dies genügte ihrem Manne, ich durfte nichts sagen, sondern mußte nur stille sitzen und abwarten. Es wurde bald in der ganzen Gegend ruchbar, daß die junge Witwe im Hause des Kapitäns eine reiche Partie sei, die mindestens 1500 Pfund und vielleicht noch mehr habe. Es sei ganz gewiß wahr, denn der Kapitän hätte es selbst gesagt. Wenn er gefragt wurde, versicherte er es auch ohne Bedenken, obwohl er nichts weiter wußte, als was ihm seine Frau berichtet hatte. Er glaubte auch wirklich, daß sich die Sache so verhielt. Das Gerücht von dieser guten Partie verschaffte mir bald eine Menge Freier, und ich hatte nun die Wahl. Die Sache war aber nicht einfach und mußte mit Klugheit angefangen werden. Das erste war, daß ich mir unter den Freiern denjenigen aussuchte, der mir der geeignetste erschien. Das heißt einen solchen, der sich aufs Hörensagen verließ und nicht viel nachfragte. Alles würde umsonst gewesen sein, wenn ich es nicht auf diese Weise bewerkstelligt hätte, denn in meiner Lage blieb mir nichts anderes übrig.

Ich wählte mir ohne große Mühe einen aus und beurteilte ihn nach der Art, wie er seine Bewerbung vorbrachte. Ich ließ ihn immer mit seinen Beteuerungen fortfahren, daß er mich über alles in der Welt liebe, daß es ihm genug sei, wenn ich ihn nur mit meiner Person glücklich machen wollte und dergleichen mehr. Alles dies tat er nur auf seine bloße Mutmaßung von meinem Reichtum hin, denn ich selbst sagte ihm kein Wort davon.

Dieser war mir gerade recht, aber ich mußte ihn sehr gründlich prüfen, weil davon mein ganzes Glück abhing, denn wäre er auf den Grund gegangen, so wäre es um mich geschehen gewesen. Ich mußte mich sorgfältig nach seinen Verhältnissen erkundigen, denn sonst hätte ich ihm Gelegenheit gegeben die meinigen zu verdächtigen. Zuerst stellte ich mich, als ob ich an seiner Aufrichtigkeit zweifelte, und fragte ihn, ob er nicht mehr nach meinem Gelde als nach mir selbst trachte. Ein ganzes Gewitter von Schwüren und Beteuerungen ließ mich verstummen, aber ich setzte mein Spiel fort. Eines Tages, als wir beide allein waren, zog er einen Diamantring vom Finger und schrieb auf die Fensterscheibe:

Dich lieb ich, ja, nur dich allein.

Ich las es, nahm den Ring und schrieb darunter:

Das scheint ein Männerspruch zu sein.

Gleich ergriff er seinen Ring und schrieb:

Wo Tugend ist, steht Geld zurück.

Ich nahm den Stein abermals und schrieb:

Doch Geld ist Tugend, Gold ist Glück.

Er wurde feuerrot, als er sah, daß ich ihm so Bescheid zu geben verstand. Darauf sagte er mit Eifer, er wolle mich doch übertreffen und schrieb dazu:

Auch ohne Geld kann Liebe stehn.

Auf den letzten Reim kam nun alles an, ich setzte demnach kühn hinzu:

Nun, ich bin arm, laß Liebe sehn.

Das war für mich nur reine Wahrheit, ob er sie glaubte, weiß ich nicht. Mir kam es damals so vor, als wenn er daran zweifelte. Indes umarmte er mich mit aller Inbrunst, küßte mich sehr herzlich und hielt mich fest, bis er Tinte und Feder nahm, weil ihm das Schreiben mit dem Diamant zu lange dauerte, zog ein Blatt Papier aus der Tasche und schrieb darauf:

O holde Armut, komm, sei mein!

Im nächsten Augenblick nahm ich die Feder und setzte hinzu:

In Hoffnung, daß es Lügen sei'n?

Das ist unbarmherzig, sagte er, denn es wird mir zu nahe getreten und könnte mich zum Widerspruch reizen, wenns nicht die Höflichkeit verbieten würde. Da ich ihn aber zu dieser Reimerei gebracht hatte, so bat er mich, sie nicht abzubrechen, und schrieb abermals:

O schöner Streit, den Liebe treibt.

Und meine Antwortzeile hieß:

Die wahre Liebe ewig bleibt.

Dies nahm er als eine Gunst auf und legte die Waffen, das heißt die Feder beiseite. Ich sagte, er nahm es als eine Gunst auf, und es war doch bei Licht besehen alles andere als das. Indes dachte er so, weil er es gern so haben wollte, nämlich, daß ich gesinnt sei, seine Bewerbungen weiter anzunehmen. Und ich hatte wohl Grund dazu, denn er war der artigste und aufgeräumteste Kopf, den ich je gefunden hatte. Ich hielt mir zwar oft vor, daß es doppelt sündhaft sei, einen solchen Menschen zu betrügen, allein die Not, die mich trieb, mein Bestes zu suchen, galt mir als Entschuldigung, und sicherlich waren seine Liebe und Güte, so sehr sie auch meinem Vorhaben im Wege stehen mochten, doch ein starker Grund, darauf ich mich um so mehr verlassen konnte, wenn dereinst alles ans Licht kommen mußte. Wenn er nun später sagen konnte, er sei betrogen worden, so konnte er doch nicht sagen, daß ich ihn betrogen hätte.

Hierauf hatte ich ihn immer auf dem Halse, und als ich sah, daß keine Gefahr vorhanden war ihn zu verlieren, tat ich sehr kalt, vielleicht kälter als sonst klug und ratsam gewesen wäre. Ich dachte aber daran, wie gut mir diese Gleichgültigkeit zustatten kommen müßte, wenn es so weit wäre, daß ich ihm reinen Wein einschenken müßte. Ich trieb dies mit um so größerer Bedachtsamkeit, weil ich merkte, daß er durchaus den Schluß zog, ich sei entweder reicher als ich gesagt hatte, oder ich hätte mehr Verstand und wollte gar nicht heiraten.

Einstmals nahm ich mir die Freiheit ihm zu sagen: Es sei wahr, ich habe seine Bewerbung angenommen und gesehen, daß er mich nehmen wolle, ohne nach meinen Verhältnissen zu fragen, ich wäre also gesonnen, ihm diese Großmut mit gleichem zu vergelten und mich so wenig wie nur möglich nach seinen Verhältnissen zu erkundigen, hoffe aber, er werde mir ein paar Fragen beantworten oder nicht beantworten, wie er es für gut hielte. Eine von diesen Fragen betreffe unsere künftige Lebensweise und den Ort, an dem wir wohnen wollten, denn ich hatte gehört, daß er eine große Plantage in Virginien habe, wobei ich bemerkte, daß ich von einer Übersiedlung nicht entzückt sein würde.

Diese Einleitung gab ihm Gelegenheit, mir über seine Verhältnisse Aufschluß zu geben und alles treuherzig zu erzählen, woraus ich entnahm, daß er in guten Verhältnissen lebte, nur daß sein Vermögen zum größten Teil in den Pflanzungen in Virginien steckte, woher er jährlich ungefähr 300 Pfund bekam. Wenn er sich aber dort niederlassen würde, könnten sie ihm viermal soviel einbringen. Gut, dachte ich, so sollst du mich hinführen, sobald du nur willst, aber ich darf es dir jetzt noch nicht sagen.

Ich fragte ihn nach der Lebensführung, die er in Virginien halten wollte, und fand, daß er alles tun wollte, was ich verlangte. Deswegen änderte ich meine Rede und sagte, die gesunde Vernunft verbiete mir, mit ihm nach Virginien zu reisen und dort zu wohnen, denn wenn seine Plantagen soviel einbrächten, wie er sagte, würde es sehr kümmerlich aussehen, wenn ich ihm nicht das gleiche Kapital einbrächte.

Er antwortete, er frage nicht nach meinem Vermögen, habe mir es auch von Anfang an gesagt, daß er dies nicht tun, sondern sein Wort halten würde. Es möge nun ausfallen wie es wolle, ich könnte versichert sein, er würde mich niemals nötigen, mit ihm nach Virginien zu reisen, noch würde er ohne mich hingehen, es sei denn, daß ich das eine oder das andere ausdrücklich verlangen würde.

Das war alles so, wie ich es mir gewünscht hatte, und es hätte mir nichts Angenehmeres begegnen können. Bis hierher hatte ich die ganze Sache mit so viel Kaltblütigkeit betrieben, daß er sich oft darüber wunderte. Dieses erwähne ich um so lieber, damit die Frauen daraus ersehen, daß allein der Mangel an Mut sich kaltblütig zu stellen die Ursache ist, warum die Frau so wenig gilt und so schlecht behandelt wird. Wenn sie bisweilen einem eingebildeten Gecken, der sich gar zu sehr mit seinen eigenen Verdiensten brüstet, den Abschied geben würde, so würde sie nicht verspottet, sondern mehr gesucht werden. Ich hatte ja nicht gestanden, wie hoch sich mein Kapital belief, ich konnte keine 500 Pfund zusammenbringen, während mein Bräutigam 1500 erwartete, dennoch fesselte ich ihn solange an mich und reizte ihn, bis ich merkte, er würde mich nehmen, auch wenn ich weniger hätte. Mir war nicht die geringste Schuld beizumessen, denn ich hielt mit meiner Kaltblütigkeit stand bis zum letzten Augenblick.

Endlich machten wir Hochzeit. Ich zog das große Los, was meinen Mann betraf, denn ich hätte mir keinen besseren aus dem Glückstopf greifen können. Allein seine Vermögensverhältnisse waren nicht so gut, wie ich mir vorgestellt hatte, und sein Plan, sie durch mein Vermögen aufzubessern, war ihm nun auch mißlungen.

Nach der Hochzeit kam es mir hart an, ihm das Wenige zu bringen, was ich noch hatte, und ihn sehen zu lassen, daß es nicht mehr war. Die Notwendigkeit aber erforderte es, deshalb fing ich eines Tages, als wir uns allein befanden, ein Gespräch mit ihm darüber an.

Mein Schatz, sagte ich, wir sind nun vierzehn Tage verheiratet, ist es nun nicht bald Zeit, daß du erfährst, ob deine Frau etwas besitzt oder nicht?

Er antwortet: Mein Engel, das hat keine Eile, ich bin froh, die Frau zu besitzen, die ich liebe, ich habe dich ja auch nie deswegen gedrängt.

Das ist wahr, sagte ich, aber es fällt mir doch ein Umstand dabei ein, daß ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich habe erfahren, daß der Kapitän dir gesagt habe, ich besäße einen Haufen Geld, was ich aber nicht habe. Ich habe ihn aber nie so etwas zu sagen geheißen.

Nicht nur der Kapitän, sondern auch verschiedene andere Leute haben mir dies versichert, was schadet das weiter. Ist es nicht soviel, so mögen sie es verantworten. Du hast mir nie gesagt, wie groß dein Kapital sei, und so ist dir also keine Schuld daran beizumessen, wenn du auch nicht einen Heller hättest.

Das ist gerecht und großmütig gesprochen, sagte ich, aber es verdoppelt nur meinen Kummer, daß mein Besitz nur klein ist.

Je weniger du hast, sagte er, je schlimmer ist es für uns beide, doch hoffe ich, daß du dich darüber nicht bekümmern wirst, daß ich dir wegen mangelnden Geldes zürnen könnte. Gestehe mir nur aufrichtig, wieviel es auch sei. Vielleicht kann ich dem Kapitän vorwerfen, daß er mich betrogen, aber von dir kann ich das nicht sagen, denn du hast es mir schriftlich gegeben, daß du arm seiest, und so muß ich es auch wohl annehmen.

Nun, es ist mir lieb, sagte ich, daß ich dich vor der Hochzeit nicht betrogen habe, sollte ich dich später betrügen, so kann es doch nicht schlimmer werden als es ist. Daß ich arm bin, ist nur zu wahr, aber ich bin doch nicht so arm, daß mir gar nichts übrig geblieben wäre. Darauf zog ich einige Banknoten hervor und gab ihm ungefähr 160 Pfund. Ich hatte ihm dermaßen alle Hoffnung genommen, daß diese kleine Summe ihm doppelt willkommen war, da er gar nichts erwartet hatte. Er gestand es mir und sagte, er hätte geglaubt, meine schönen Kleider, meine goldene Uhr und ein paar Diamanten wären all mein Hab und Gut.

Zwei bis drei Tage ließ ich ihn sich an den 160 Pfund ergötzen. Dann ging ich aus, als ob ich etwas besorgen wollte, und brachte ihm noch 100 Pfund in Gold nach Hause und sagte: da sei noch ein bischen Mitgift für ihn. Dann nach acht Tagen gab ich ihm noch 180 Pfund an Geld und etwa 60 Pfund in Leinwand, wobei ich ihm weis machte, ich hätte die Leinwand auf die 100 Pfund Gold für eine Schuld von 600 Pfund in Zahlung nehmen müssen.

Nun, mein Schatz, sagte ich, es tut mir leid, aber das ist jetzt mein ganzes Vermögen. Ich fügte hinzu, wenn diese Person, die meine 600 Pfund auf Zinsen genommen habe, mich nicht hinters Licht geführt hätte, so hätte ich ihm 1000 Pfund zugebracht, aber wie die Sache läge, wäre ich ehrlich gegen ihn gewesen und hätte nichts zurückbehalten, sondern würde ihm gern mehr gegeben haben, wenn es mir möglich gewesen wäre.

Er war mir sehr verbunden für die Art, wie ich es ihm gab, und so zufrieden mit der Summe, als ich nur wünschen konnte. Er nahm es mit vielem Danke an, denn er hatte gefürchtet, daß gar nichts da sein würde. So hatte ich das Kunststück fertiggebracht, eine reiche Partie ohne Geld zu sein und darauf einen Mann zu bekommen. Trotzdem ist es ein kühnes Unterfangen für eine Frau, denn sie läuft dabei die größte Gefahr, hinterher übel deswegen behandelt zu werden.

Mein Mann, damit ich ihm gerecht werde, war ein frommer, umgänglicher Mann, doch kein Narr dabei. Da er nun merkte, daß seine Einkünfte nicht ausreichen würden so zu leben, wie er es sich wohl vorgenommen hatte, wenn ihm seine Hoffnung bei mir nicht zu Wasser geworden wäre, und auch weil seine Gelder aus Virginien nicht regelmäßig eingingen, ließ er durchblicken, daß er gern nach seiner Pflanzung gehen und dort wohnen möchte, wobei er die dortige Lebensweise gehörig herausstrich, wie wohlfeil, wie reichlich und wie lustig alles dort sei.

Ich verstand ihn sofort und gab ihm eines Tages zu verstehen, daß ich wohl sähe, daß seine Güter nicht soviel einbrächten, als wenn er selbst an Ort und Stelle wäre. Es käme mir vor, als habe er Lust dorthin zu gehen, und da ich die unschuldige Ursache gewesen, daß er sich in seinen Hoffnungen nun betrogen sähe, so wäre ich bereit, die Sache wieder gutzumachen und mit ihm nach Virginien zu gehen.

Tausend verbindliche Sachen folgten dieser Erklärung. Er sagte, daß ihn zwar die Hoffnung auf eine große Mitgift betrogen habe, daß aber die Frau, die er bekommen hätte, so recht nach seinem Sinne wäre, ich sei für ihn alles, was eine Frau überhaupt für einen Mann sein könnte; die Freude, die ihm aber mein jetziges Anerbieten bereitet hätte, könne er gar nicht in Worten ausdrücken.

Kurz, wir wurden wegen der Reise einig. Er sagte mir, sein Haus in Virginia sei recht gut und wohl versorgt. Seine Mutter und Schwester wohnten darin, und dies wäre seine ganze Verwandtschaft. Sobald er nun hinkommen würde, sollten sie sich in ein anderes Haus begeben, das der Mutter auf Lebenszeit gehörte, nach ihrem Tode aber auch an ihn fallen würde. Demnach könnte ich das ganze Haus allein bewohnen und würde niemanden als ihn bei mir haben. Es war auch alles so, wie er sagte.

In das Schiff, in dem wir hinüberfuhren, luden wir eine große Menge Hausgerät, Leinwand und andere notwendige Sachen, nebst einer guten Ladung, die zum Verkauf bestimmt war, und segelten ab.

Eine Reisebeschreibung ist hier nicht nötig, obgleich wir lange Zeit unterwegs waren und viel Gefahr ausstanden. Ich führte aber sowenig wie mein Mann ein Tagebuch darüber.

Endlich kamen wir in Virginia an, wo uns meines Mannes Mutter auf der Pflanzung mit tausend Freuden empfing. Hier lebten wir alle zusammen, und meine Schwiegermutter mußte bei uns im Hause bleiben, denn sie war eine gute Frau, die man nicht gerne gehen ließ. Mein Mann war anfangs auch recht zufrieden, ich hielt mich für die glückseligste Person auf der Welt, bis ein seltsamer und unerwarteter Ausgang alle meine Freude in einem Augenblick vernichtete und mich in einen bejammernswerten Zustand versetzte.

Meine Schwiegermutter war eine gut aufgeräumte alte Frau. Ich nenne sie alt, denn ihr Sohn war schon über dreißig. Sie war sehr lebhaft in Gesellschaft, pflegte mir auch im besonderen sehr viele Geschichten zu erzählen, sowohl von dem Lande, in dem wir uns befanden, als von den Einwohnern daselbst.

Unter anderm erzählte sie mir, auf welche Art der größte Teil der Bevölkerung von England aus dorthin gekommen wäre. Nämlich auf zweierlei Art. Die einen seien von Schiffern als Knechte und Mägde dahin verkauft worden, die andern aber hätte man dahin verschickt, nachdem sie durch verschiedene Verbrechen in England ihr Leben verwirkt hätten. Dort werde aber kein Unterschied gemacht: sie würden von den Pflanzern gekauft und müßten miteinander auf dem Felde arbeiten, bis die Zeit ihrer Strafe zu Ende ist. Hernach ermuntert man sie, sich selbst anzubauen, denn es wird ihnen eine gewisse Anzahl Morgen Land gegeben, das sie dann bearbeiten und für ihre eigene Rechnung Tabak und Korn darauf pflanzen. Da ihnen die Kaufleute allerhand Geräte und andere notwendige Sachen auf Kredit geben mit der Bedingung, sie aus dem Ertrage ihrer künftigen Ernte zu bezahlen, so können sie alles, was ihnen nötig ist, auf die bevorstehende Ernte hin erhalten. Daher, mein Kind, sagte die Mutter, wird mancher hier ein großer Mann, der früher in Newgate gesessen, und wir haben verschiedene Beamte und obrigkeitliche Personen hier in unsern Städten, die einstmals ein Brandmal in die Hand bekommen haben.

Dann kam sie auf sich selbst zu sprechen und vertraute mir in ihrer Gutmütigkeit an, daß sie auch eine solche sei, die dem Galgen verfallen gewesen. Hier ist der Beweis, mein liebes Kind, fuhr sie fort, und zeigte mir ihren schönen Arm und ihre weiße Hand, in welcher aber das Brandmal zu sehen war.

Diese Erzählung bewegte mich sehr, allein meine Schwiegermutter sprach: Mein Kind, laß dich dies nicht befremden, die vornehmsten Leute hierzulande sind so gezeichnet und schämen sich dessen nicht. Unser Bürgermeister war ein tüchtiger Beutelschneider, der Richter hat manchen schönen Laden geplündert, sie wurden alle beide gebrandmarkt, und solche könnte ich dir noch viele nennen.

Nach einiger Zeit, als sie mir wieder eine solche Geschichte erzählte, bat ich sie, mir doch im Vertrauen einiges aus ihrer eigenen Lebensgeschichte zu berichten.

Darauf erzählte sie so weitläufig und so genau, daß ich es nicht länger anzuhören vermochte. Als sie aber auf einen gewissen Umstand kam, und ihren Namen sagte, wäre ich bald in die Erde gesunken. Sie merkte es und fragte, ob mich etwas ankäme.

Ich sagte, die traurige Geschichte sei mir so zu Herzen gegangen, daß ich ohnmächtig geworden sei.

Dessentwegen, mein liebes Kind, sagte sie freundlich, hast du nicht nötig, dich so zu erregen. Die Sache ist vor so langer Zeit geschehen und sie verursacht mir nicht die geringste Beunruhigung mehr, vielmehr sehe ich auf sie mit besonderem Vergnügen zurück, weil ich dadurch in dieses Land gekommen bin.

Darauf fuhr sie fort mir zu erzählen, wie sie hier an eine gute Familie geraten sei, wo sie sich sehr gut geführt, und nachdem die Frau gestorben, den Witwer geheiratet habe, mit welchem sie zwei Kinder, meinen Mann und seine Schwester, gehabt, daß sie durch Fleiß und gute Haushaltung nach ihres Mannes Tode die Pflanzung in den gegenwärtigen Zustand gebracht, so daß sie das meiste selbst erworben habe, nicht ihr Mann, der nun schon über sechzehn Jahre tot sei.

Diesem Teile ihrer Geschichte hörte ich mit geringerer Teilnahme zu, weil mich nur verlangte, meinen Gedanken in der Einsamkeit nachzuhängen. Jeder kann wohl beurteilen, wie mir zumute sein mußte, als ich aus allen Umständen schließen mußte, daß diese Frau meine eigene leibliche Mutter war, daß ich nun zwei Kinder mit meinem leiblichen Bruder gezeugt hatte, und das dritte schon unterwegs war, und daß ich jede Nacht bei ihm schlief.

Es lag mir eine solche Last auf dem Herzen, daß ich immer wach blieb. Soll ich es entdecken? Was würde das helfen? Soll ich es verschweigen? Wie machte ich das möglich? Ich zweifelte nicht daran, daß mir das Geheimnis einmal im Schlafe entschlüpfen und meinem Manne dadurch entdeckt würde. Offenbarte ich es, so war das wenigste, was ich zu erwarten hatte, der Verlust meines Mannes, denn er war zu gewissenhaft und ehrlich, mein Mann zu bleiben, wenn er mich als seine Schwester erkannt hätte. Kurz, ich war auf den höchsten Grad der Verwirrung gekommen.

Indessen, da ich gleichwohl mehr als zuviel um die Wahrheit der Sache wußte, lebte ich in Blutschande und zwar unter dem Schein einer ehrlichen Frau. Obgleich mir die Missetat selbst nicht so zu Herzen ging, so war es doch etwas gegen die Natur und verursachte mir vor meinem Manne einen rechten Abscheu. Nichtsdestoweniger entschloß ich mich nach reiflicher Überlegung, alles auf das sorgfältigste zu verhehlen, weder meiner Mutter noch meinem Manne das geringste davon zu entdecken. In solchem Zustande lebte ich noch drei Jahre, mit welch bekümmertem Herzen vermag ich nicht zu sagen.

In dieser Zeit pflegte mir meine Mutter sehr oft die alte Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen, die mir keineswegs angenehm zu hören war. Denn ich konnte daraus entnehmen, wenn sie es auch nicht deutlich sagte, daß sie in ihrer Jugend eine Hure und Diebin gewesen war, doch glaube ich sicherlich, sie hat dafür rechtschaffen Buße getan und ihr Leben so geändert, daß man sie für eine fromme stille und gottesfürchtige Frau halten konnte, die sie auch wirklich war.

Es mag nun ihr voriges Leben gewesen sein, wie es sein wollte, genug, das meinige kam mir jetzt sehr überflüssig vor, denn ich brachte es wie gesagt in der allerärgsten Hurerei zu, und es kam auch nichts Gutes dabei heraus als Elend und Jammer. Es dauerte zwar eine Zeitlang, ehe es soweit kam, doch endlich ging alles mit uns rückwärts und was das schlimmste war, es änderte sich meines Mannes Gemüt ganz und gar, er wurde zänkisch, eifersüchtig und unfreundlich, so daß ich über dieses Betragen desto ungeduldiger wurde, je ungerechter und unvernünftiger es mir vorkam. Wir gerieten so aneinander, daß ich mich auf ein Versprechen berief, welches er mir willig gegeben hatte, als ich mich entschloß England zu verlassen, nämlich, daß ich, wenn mir die Lebensweise in Virginien nicht zusagte, die Freiheit haben sollte, nach England zurückzukehren und ihm dies nur ein Jahr vorher anzukünden, damit er sich danach einrichten und mit mir gehen könnte.

Dieses Versprechen wollte ich nun erfüllt haben und muß gestehen, daß ich mit etwas großem Ungestüm darauf drang, doch diente mir zu meiner Entschuldigung, daß er mir selbst übel begegnete, daß ich von meinen Freunden entfernt war, mir selbst kein Recht verschaffen konnte, und daß er ohne Ursache eifersüchtig war, zumal niemand mir etwas vorwerfen konnte, und er auch nicht den geringsten Anlaß dazu hatte.

Ich bat ihn derart inständig darum, daß er nicht umhin konnte, entweder sein Wort zu halten oder zu brechen, trotzdem er alles aufbot und auch seiner Mutter Vermittlung brauchte, um meinen Entschluß zu ändern. Der ganze Grund lag in mir, denn mein Herz hatte sich ganz von ihm abgewandt. Ich hatte Abscheu mit ihm zu Bette zu gehen und fand tausend Vorwände als Krankheit, Unmut und dergleichen, damit er mich nicht berühren sollte, weil ich nichts so sehr fürchtete als wieder schwanger zu werden, und dadurch wäre meine Reise nach England, wenn auch nicht aufgehoben, so doch wieder hinausgeschoben worden.

Indes reizte ich ihn dadurch dermaßen, daß er den unvorsichtigen und betrüblichen Entschluß faßte, ich dürfte überhaupt nicht nach England gehen. Hätte er es mir auch versprochen, so wäre doch die Sache an sich unvernünftig und könne ihn nicht binden, da es seinen Geschäften unzuträglich sein würde, die Familie auseinander zu bringen, und das würde ihn ins Verderben stürzen. Deshalb könnte ich es mit gutem Recht nicht von ihm verlangen, zumal keine Frau in der Welt, die ihre Familie und ihres Mannes Wohlergehen schätze, auf dergleichen zu bestehen fähig wäre.

Die boshafte Welt sagt vom weiblichen Geschlecht, wenn eine Frau sich etwas in den Kopf gesetzt hat, sei es unmöglich sie davon abzubringen. Ich war nun Tag und Nacht darauf bedacht, wie ich die Mittel finden möchte, meine Reise zu bewerkstelligen, und kam zuletzt mit meinem Mann so sehr in Streit, daß ich ihm erklärte, ohne ihn nach England gehen zu wollen. Dies erzürnte ihn aufs heftigste, er schalt mich ein grausames Weib und eine Rabenmutter, da ich solche Gedanken hegen und meine beiden Kinder verlassen könnte, um sie nicht mehr wiederzusehen. Es ist wahr, wenn alles seine Richtigkeit gehabt hätte, wäre es ein Unrecht von mir gewesen, aber nun ging mein Verlangen eben dahin, weder die Kinder noch ihn mein Lebtag wiederzusehen. Was den Titel einer Rabenmutter betrifft, darüber mußte ich schon mit mir fertig werden, zumal da das ganze Verhältnis im höchsten Grade widernatürlich war.

Wir hatten viel Streit darüber, der endlich bis zu einer gefährlichen Spitze gelangte. Denn da ich ihm nicht im geringsten mehr gewogen war, so legte ich auch meine Worte nicht mehr auf die Goldwage, sondern fuhr ihn bisweilen dermaßen an, daß er in Harnisch gebracht wurde. Kurz ich wandte alles an, um ihn zu überreden, daß er mich nach England gehen ließe, und dies verlangte ich mit aller Heftigkeit.

Er nahm mir mein Benehmen gegen ihn sehr übel, und er hatte wohl auch Ursache dazu, zuletzt wollte ich nicht mehr bei ihm schlafen, sondern trieb unsern Streit immer weiter, bis er mir endlich sagte, er glaube, ich sei toll, und er werde mich ins Irrenhaus bringen.

Ich muß bekennen, das Wort Irrenhaus hatte mich sehr erschreckt, denn wenn ich hineingebracht worden wäre, so hätte die Wahrheit ganz gewiß unterliegen müssen, da mir dann kein Mensch mehr geglaubt hätte, ich hätte sagen können, was ich wollte.

Hierdurch kam ich zu dem Entschluß, sollte es auch Kopf und Kragen kosten, nicht länger mehr hinter dem Berge zu halten und alles ans Licht zu bringen. Wie ich es aber anfangen sollte, wußte ich nicht. Inzwischen fielen neue Händel mit meinem Manne vor, die mich bald dahin gebracht hätten, ihm alles ins Gesicht zu sagen, und obgleich ich noch nicht alles sagte, so äußerte ich doch so viel, daß es ihn bestürzt machte.

Er fing an, in aller Gelassenheit mit mir von meinem Vorhaben zu reden, daß ich so heftig darauf bestünde nach England zu gehen. Ich verteidigte meinen Entschluß, ein Wort gab das andere, wie das gewöhnlich bei den ehelichen Zänkereien der Fall ist, bis er mir sagte, ich ginge gar nicht mit ihm um, als ob er mein Mann wäre, und nicht wie die Mutter von meinen Kindern, deshalb verdiente ich auch nicht, als seine Frau behandelt zu werden. Er habe sich aller erdenklichen Mittel bedient, um mich zur Vernunft zu bringen, habe mir in aller Ruhe und Freundlichkeit seine Gründe angegeben, während ich ihm so unbescheiden begegnet wäre und ihn wie einen Hund behandelt hätte und nicht wie einen Ehemann. Er wollte zwar ungern Gewalt bei mir anwenden, aber er sei jetzt fast dazu entschlossen, solche Mittel zur Hand zu nehmen, die mich an meine Pflicht erinnern würden.

Das Blut erstarrte mir hierüber, und er hätte mir nichts Empfindlicheres sagen können. Ich antwortete, daß es mir ganz gleich sei, ob er gute oder böse Mittel anwenden würde, ich verlachte sie doch. Nach England zu gehen sei ich fest entschlossen, es möge daraus werden, was da wolle. Begegnete ich ihm aber nicht wie meinem Ehemanne, und meinen Kindern nicht wie eine Mutter, so möge er daraus entnehmen, daß mehr dahinter stecke, doch ich wollte ihm nur soviel verraten, daß er nicht mein rechtmäßiger Gatte noch die Kinder meine rechtmäßigen Kinder seien, und daß ich Ursache hätte, sie nicht anders anzusehen als ich es täte. Ich muß bekennen, es tat mir leid, als ich ihm dies gesagt hatte, denn er wurde blaß wie eine Leiche und verstummte, wie wenn er vom Donner gerührt wäre. Ein paarmal schien es auch, als ob er in die Erde sinken wollte. Es war, als ob ihn der Schlag getroffen hätte, er zitterte und bebte, der Schweiß lief ihm übers Gesicht, und dabei war er doch eiskalt, so daß ich etwas holen mußte, um ihn am Leben zu erhalten. Als er wieder zu sich kam, wurde ihm übel und er mußte sich erbrechen, worauf wir ihn zu Bette brachten, und am andern Morgen stellte sich heftiges Fieber ein.

Es ging endlich vorüber, und er erholte sich, wenn auch sehr langsam. Als er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, sagte er mir, ich hätte ihm eine tödliche Wunde mit meiner Zunge geschlagen, und er wollte mich nur eines fragen, ehe er weitere Erklärungen verlangte.

Ich fiel ihm ins Wort und sagte ihm, daß es mir sehr leid täte, daß ihm meine Worte so zu Herzen gegangen wären, ich bäte ihn aber, von einer näheren Erklärung abzusehen, da wir dadurch das Übel nur größer machen würden.

Dies vermehrte seine Ungeduld und versetzte ihn in einen wirklich unerträglichen Zustand. Denn nun fing er an zu argwöhnen, daß ein Geheimnis dahinter stecke, konnte aber nicht ergründen, was es wohl sein möchte. Alles, was er sich denken konnte, war, daß ich vielleicht noch einen andern Mann am Leben hatte. Aber ich versicherte ihm das Gegenteil. Denn mein voriger Mann war für mich in der Tat schon tot und hatte mir selbst gesagt, ich sollte ihn nicht mehr für lebend halten, darum hatte ich seinetwegen nicht die geringste Unruhe.

Nun waren wir so weit gekommen, daß es nicht länger mehr verborgen bleiben konnte. Mein Mann gab mir auch selbst Gelegenheit mein Herz zu erleichtern. Er hatte sich drei bis vier Wochen lang geplagt, ob die Worte, die ich gesprochen, nur im Eifer gefallen wären, oder ob sie im Grunde eine Bedeutung hätten. Ich aber wollte nichts erklären, es sei denn, daß er mir die Erlaubnis gäbe nach England zu gehen, was er aber, wie er sagte, seiner Lebtag nicht tun wollte.

Hiergegen wandte ich ein, es läge in meiner Macht, ihn zur Einwilligung zu zwingen, ja ich könnte es sogar machen, daß er mich bitten würde fortzugehen. Das machte ihn immer begieriger den Grund zu wissen.

Endlich erzählte er alles, was er wußte, seiner Mutter und trieb sie an, das Geheimnis aus mir herauszulocken, worauf sie denn auch ihre ganze Sorgfalt wandte, aber ich brachte sie bald zum Schweigen und sagte, es läge das ganze Geheimnis in ihr selbst, daß ich es aus Hochachtung für sie verbergen müsse und daß ich nichts weiter tun könne, als sie inständigst bitten nicht weiter in mich zu dringen.

Dieser Einwurf machte sie stumm, so daß sie nicht wußte, was sie denken oder sagen sollte. Doch bat sie mich, daß ich doch nur mit ihrem Sohne in Frieden und Einigkeit leben möchte, wozu sie gern das ihrige beitragen wollte.

Ich sagte ihr, dies sei unmöglich, und wenn ich ihr den Grund mitteilen würde, wie sie es verlangte, so würde ihr die Unmöglichkeit dann selbst klar werden und alle Lust vergehen, zwischen uns ferner ein gutes Einvernehmen zu stiften. Zuletzt stellte ich mich, als wäre ich durch ihr stetes Zusetzen überwunden und sagte, ich könnte ihr das größte Geheimnis der Welt anvertrauen, welches sie bald als ein solches erkennen würde, wenn sie mir feierlichst versprechen wolle, es ihrem Sohne ohne meinen Willen niemals zu entdecken.

Es war schwer sie dazu zu bewegen, da sie aber doch das Geheimnis erfahren wollte, versprach sie es mir, und nach vielen Umschweifen entdeckte ich ihr die ganze Sache. Zuerst stellte ich ihr vor, wieviel Anteil sie selbst an dem Mißverständnis habe, das zwischen ihrem Sohne und mir herrschte, indem sie mir ihre eigene Geschichte erzählt und ihren rechten Namen genannt habe, wodurch sie mich damals in große Bestürzung versetzt. Darauf erzählte ich ihr meine eigene Geschichte und sagte ihr meinen Namen, überzeugte sie auch durch andere Zeichen, daß sie nicht leugnen konnte, daß ich ihre leibliche Tochter sei, geboren zu Newgate, dieselbe, die sie damals vom Galgen errettet, und die sie in den und den Händen zurückgelassen hatte, als man sie nach Virginien verschickte.

Unmöglich ist es, das Erstaunen zu beschreiben, in das die gute Frau geriet. Sie wollte die Geschichte nicht glauben, denn sie sah wohl, welche Verwirrung daraus in ihrer Familie entstehen würde, dann fiel sie mir um den Hals, küßte mich und weinte bitterlich, so daß sie lange Zeit kein Wort sagen konnte. Endlich brach sie aus: Unglückliches Kind, welch ein Zufall hat dich hierher geführt, und dazu noch in die Arme meines Sohnes! Ach, wir sind alle verloren. Mit deinem leiblichen Bruder zwei Kinder, alle von einem Fleisch, von einem Blut! Mein Sohn und meine Tochter schlafen beieinander wie Mann und Frau! Welche Schande und Unnatürlichkeit! Was soll nun werden?

So redete sie eine lange Zeit. Ich hatte nicht den Mut den Mund zu öffnen, wußte auch nichts zu sagen, denn jedes Wort tat mir von neuem weh. Meine Mutter war weit bestürzter als ich, denn es war mir nicht mehr so neu wie ihr. Trotzdem versprach sie nochmals, ihrem Sohne nichts davon zu sagen, bis wir wieder darüber gesprochen hätten.

Es währte nicht lange, so sprachen wir wieder zusammen darüber. Sie stellte sich, als ob sie mir ihre Geschichte nicht richtig erzählt hätte, als ob mir der eine oder andere Umstand entfallen wäre, deshalb fing sie von neuem an, ließ vieles aus und änderte das meiste darin. Allein ich half ihrem Gedächtnis in manchen Dingen nach, wie wenn sie es vergessen hätte, und brachte den ganzen Zusammenhang so heraus, daß sie sich nicht herausreden konnte. Darauf ging das Reden und Weinen wieder los, und wir beklagten unser entsetzliches Schicksal. Nachdem sich dies ein wenig gelegt hatte, hielten wir Rat, was nun anzufangen sei. Doch was halfen uns alle Beratschlagungen? Keine von uns wußte aus diesem Labyrinth einen Ausweg noch eine Weise, wie wir es meinem Manne wohl beibringen könnten. Es war unmöglich vorherzusehen, wie er es auffassen oder was er dann tun würde. Sollte er sich so wenig beherrschen können, und die Sache ruchbar werden, so folgte ganz gewiß der Untergang der Familie danach. Wollte er aber dem Gesetze nach handeln, so könnte er mich mit Schande von sich fortjagen, da mir dann nichts weiter übrig blieb, als wegen meines eingebrachten Gutes einen Prozeß mit ihm zu führen, vielleicht alles an die Advokaten zu wenden und an den Bettelstab zu kommen. Er nahm sich dann wohl in ein paar Monaten eine andere Frau, und ich würde die elendigste Kreatur sein.

Meine Mutter sah dies auch ein, doch wußten wir nicht, was wir anfangen sollten. Wenn wir endlich zu einem Entschlusse gekommen waren, so waren wir doch wieder ganz verschiedener Meinung. Sie wollte haben, ich sollte die ganze Sache bei mir vergraben sein lassen und weiter mit ihm als meinem Ehemanne leben, bis sich eine günstigere Gelegenheit bieten würde ihm alles zu entdecken. Inzwischen wollte sie alle Mühe anwenden, uns zu versöhnen und den Frieden wieder herzustellen, damit wir wie früher zusammen schlafen, das Geheimnis aber bei uns behalten könnten. Denn, meinte sie, kommt es heraus, so sind wir verloren.

Damit ich darauf um so leichter einginge, versprach sie mir goldene Berge: daß sie mir nach ihrem Tode alles vermachen und meinen Mann von der Erbschaft ausschließen wolle, so daß ich, wenn es doch herauskäme, später eine reiche Frau sein und wohl auskommen könnte.

Dies wollte mir aber nicht in den Kopf, denn obwohl es von seiten meiner Mutter treu und gut gemeint war, so waren doch meine Gedanken auf etwas ganz anderes gerichtet.

Ich sagte, es sei unmöglich, daß wir alles im alten Zustande ließen. Wie könnte sie glauben, daß ich weiter bei meinem eigenen Bruder schliefe. Mein Herz hatte sich wirklich in diesem Punkte ganz von ihm abgekehrt, ja ich hatte auf ihn als Ehemann einen tödlichen Haß: es war ja auch ein unrechtmäßiges blutschänderisches Zusammenleben mit ihm, daß ich fast lieber mit einem Hunde als mit ihm zu tun gehabt hätte.

Ich kann nicht sagen, daß ich recht daran getan habe mich ihm zu widersetzen, ehe ich ihm das Geheimnis offenbart hatte, aber ich erzähle die Sache so, wie sie sich verhielt, und nicht, wie sie von Rechts wegen hätte sein sollen.

Bei dieser Ungewißheit blieb es noch lange, bis ich endlich meiner Mutter eröffnete, ich würde ihm selber alles entdecken.

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