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Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
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Wo ist denn, redete er sie an, das kranke Mädchen, kann man sie nicht einmal zu sehen bekommen?

Warum nicht, sprach die Schwester, ich glaube wohl, daß du sie sehen kannst, aber laß mich vorausgehen, ich will dir Bescheid bringen.

Sie kam in meine Kammer, meldete den Bruder an und rief ihm zu: Du darfst kommen, wenn dirs beliebt. Er kam herein und war ganz unbefangen.

Wo ist die kranke Verliebte, sagte er, wie gehts, Jungfer Betty?

Ich bemühte mich zwar, von meinem Stuhl aufzustehen, war aber so schwach, daß ich es nicht fertigbringen konnte, deshalb sagte sie zu mir, ich sollte mir keine Mühe geben, ihr Bruder verlange keine Komplimente, zumal in meiner jetzigen Schwäche.

Nein, Jungfer Betty, sagte er, sitzet stille, ich will mich hier euch gegenüber setzen, und dies tat er auch, und stellte sich dabei sehr lustig.

Er redete mit mir und seiner Schwester viele heitere Dinge, sprach bald von diesem, bald von jenem, damit er nur Zeit gewänne, unter anderm kam er auf die alte Sache und sagte: Arme Jungfer Betty, es ist wohl ein schlimmes Ding, verliebt zu sein, es hat euch mächtig untergehabt!

Zuletzt sprach ich auch ein wenig und sagte: Mein Herr, ich bin froh, daß ich euch so lustig sehe, aber ich denke, der Doktor hätte wohl etwas Besseres tun können, als mit seinem Patienten zu scherzen. Hätte mir sonst nichts gefehlt, so wäre er sehr überflüssig gewesen, denn ich kenne das Sprichwort sehr gut:

In Trübsal, das die Liebe macht,
Wird aller Ärzte Kunst verlacht.

Es scheint doch, fuhr er fort, daß eure Krankheit von der Liebe herrührt, die Wirkung hats erwiesen. Der Arzt hat wenig geholfen, eure Besserung geht sehr langsam vonstatten, wie ich höre, man sollte fast glauben, Jungfer Betty, daß ihr eine unheilbare Krankheit habt.

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Dergleichen Reden führten wir noch viele, die ebensowenig bedeuteten. Nach einer Weile verlangte er von mir, ich sollte ihm eine Arie vorsingen. Darüber lächelte ich wieder und sagte, meine Singtage wären vorüber.

Endlich fragte er mich, ob er mir etwas auf der Flöte vorspielen solle, worauf seine Schwester einwendete, sie glaube, mein Kopf könne dies nicht vertragen.

Ich machte eine Verbeugung und sagte, sie möge es doch nicht hindern, ich hörte Flöte sehr gern spielen.

Er zog den Schlüssel zu seinem Kabinett heraus und sagte: Liebe Schwester, ich bin etwas bequem, hole mir doch meine Flöte, sie liegt in der untersten Schublade. Er wußte aber, daß dort die Flöte nicht lag, sondern wollte nur, daß die Schwester recht lange danach suchen sollte.

Sobald sie draußen war, erzählte er mir, was sein Bruder über mich gesagt hätte, und daß er sehr bestürzt darüber sei, und daß er diese Besprechung beabsichtigt habe.

Ich versicherte ihm, daß ich meinen Mund gegen niemanden, weder gegen seinen Bruder noch sonst jemanden, geöffnet hätte. Ich stellte ihm den Grund meiner Krankheit vor, nämlich meine Liebe für ihn und sein Verlangen, ihn zu vergessen und einen andern zu lieben, daß ich mir tausendmal lieber den Tod als das Leben wünschte und als wieder in solche Unruhe zu geraten. Ich fügte hinzu, daß es nun bald besser mit mir werden, und ich das Haus würde meiden müssen, und was die Heirat mit seinem Bruder beträfe, so grauste mir davor, wenn ich nur daran dächte, er möchte sich nur darauf verlassen, daß ich seinen Bruder nimmer sehen wollte, er möge nur seinen Sinn ändern. Wollte er alle Gelübde, Schwüre und Versprechungen, die er gegen mich geäußert, in den Wind schlagen, so möge er es vor seinem Gewissen verantworten, aber er dürfe nicht sagen, daß ich, die er überredet, mich seine Frau zu nennen, und die ihm alle Freiheit gewährt hätte, ihm nicht die Treue gehalten, die einer Frau zukäme, wenn er mir auch untreu werden sollte.

Er antwortete mir darauf, daß es ihm leid täte, daß ich seinen Rat nicht befolgen wollte, und er hätte noch weiter geredet, aber wir hörten seine Schwester wieder heraufkommen, und ich konnte nur noch sagen, ich würde mich nie dazu bringen lassen, den einen Bruder zu lieben und den andern zu heiraten.

Er schüttelte nur den Kopf und sprach: So bin ich ein ruinierter Mann!

In dem Augenblicke trat die Schwester herein und sagte, sie könne die Flöte nicht finden. Ich sehe wohl, sagte er, es geht nicht ohne mich, sprang auf und ging hinaus und suchte selbst, kam aber auch mit leeren Händen wieder, nicht weil er die Flöte nicht zu finden vermochte, sondern weil er keine Lust mehr zum Spielen hatte. Er hatte mit mir zu sprechen gesucht, wie er gewollt, aber es war nicht zu seinem Vergnügen gewesen.

Mich befriedigte es hingegen sehr, daß ich Gelegenheit gefunden hatte, ihm frei heraus meine Meinung zu sagen, und obwohl es nicht die Wirkung hatte, die ich verlangte, nämlich ihn noch fester an mich zu knüpfen, so benahm es ihm doch alle Möglichkeit mich zu verlassen, wenn er nicht alle Ehre und Redlichkeit außer acht lassen wollte.

Einige Wochen danach ging ich wieder im Hause umher, es besserte sich mit mir, ich war aber stets betrübt und einsam, worüber sich die ganze Familie wunderte, derjenige ausgenommen, der die wahre Ursache kannte. Doch es währte lange, bis er meinen Kummer bemerkte, ich meinerseits wollte ihn auch nicht anreden, sondern war immer sehr ehrerbietig gegen ihn und sagte kein einziges Wort, woraus man etwas entnehmen konnte. Dieses dauerte ungefähr drei bis vier Monate, ich erwartete täglich meine Verabschiedung wegen des Mißvergnügens, das ich in der Familie ohne meine Schuld angerichtet hatte, und hegte auch keine Hoffnung mehr meinen Liebhaber ferner zu sehen, sondern meinte, von ihm verlassen und vergessen zu sein.

Zuletzt bot sich mir selbst eine Gelegenheit zum Weggehen. Ich redete einmal ganz ernsthaft mit der gnädigen Frau wegen meines Zustandes, daß mir nach meiner Krankheit beständig solcher Schwermut anhinge.

Ich bin bange, Betty, sprach sie, daß es dir so nahegegangen ist, was ich über meinen Sohn mit dir geredet habe, du bist vielleicht darüber so traurig. Ich bitte dich, laß mich wissen, wie die Sachen zwischen euch beiden stehen, denn Robert scherzt und spottet nur, wenn ich mit ihm darüber spreche.

Wenn ich die Wahrheit reden soll, gnädige Frau, sagte ich, stehen die Sachen so, daß ich es mir gern anders wünschte. Ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Herr Robert hat mir verschiedene Male die Ehe angetragen, welche Ehre ich in Ansehung meiner Armut nie vermutet hätte, aber ich habe mich ihm allzeit widersetzt und vielleicht mit größerer Standhaftigkeit, als es meinem Stande zukommt in Anbetracht der Hochachtung, die ich einem jeden in dieser Familie schuldig bin. Indes – ich habe die Verpflichtung Ihnen gegenüber nie so weit aus den Augen gelassen, daß ich meine Zustimmung zu einer Sache gegeben hätte, die Ihr Mißfallen erregt haben würde. Und ich habe Herrn Robert auch gesagt, ich könnte in Ewigkeit nicht daran denken, es sei denn, daß er die Genehmigung Eurer Gnaden und des Herrn Vaters dazu hätte.

Ist das möglich, sagte die gnädige Frau, so hast du großmütiger an uns gehandelt als wir an dir. Denn wir haben immer gedacht, du hättest unsern Sohn in deinen Netzen, und wir waren sogar deswegen schon auf deine Entfernung bedacht, obwohl ich mir nichts davon dir gegenüber merken ließ, aus Besorgnis, es möchte dich zu traurig machen und dich wieder aufs Krankenbett werfen, denn wir meinen es noch immer gut mit dir, wenn auch unser Sohn nicht unglücklich werden darf. Verhält sich die Sache aber so, dann haben wir dir alle miteinander Unrecht getan.

Um die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, zu beweisen, gnädige Frau, sagte ich, brauchen Sie nur Ihren Herrn Sohn selbst zu fragen; wenn er redlich an mir handeln will, so muß er die Sache genau so erzählen, wie ich es getan habe.

Darauf ging die gnädige Frau zu ihren Töchtern und ließ sie wissen, was sie von mir gehört hatte. Diese wurden darüber bestürzt, wie ich mir leicht denken konnte. Die eine sagte, sie hätte das nicht erwartet, die andere meinte, Robert sei ein Narr. Dann wollten sie wieder kein Wort davon glauben, sondern meinten, Robert würde die Sache ganz anders erzählen, aber die Mutter, die klar sehen wollte, ehe ich Gelegenheit gehabt hätte, mich mit Robert zu verständigen, ließ ihn unverzüglich rufen. Er war in der Nähe bei einem Advokaten und kam sogleich herbei.

Als alle versammelt waren, sagte die Mutter: Setze dich, Robert, ich habe etwas mit dir zu reden.

Ich stehe zu Diensten, Frau Mutter, antwortete Robert, ich hoffe, Sie werden mir vielleicht eine gute Frau antragen, denn es ist mir sehr darum zu tun.

Wie könnte ich das tun, sagte die Mutter, hast du nicht gesagt, du wolltest Jungfer Betty heiraten?

Allerdings, sprach Robert, aber es hat mich jemand daran gehindert.

Wer sollte das sein? fragte die Mutter.

Jungfer Betty selbst, antwortete Robert.

Wie geht das zu, fragte die Mutter, hast du denn um sie geworben?

Freilich habe ich um sie geworben. Ich habe sie fünfmal in aller Form angesprochen, während sie krank war, und bin allemal abgewiesen worden. Sie ist so starrköpfig, daß sie weder nachgeben noch sich auf andere Bedingungen einlassen will als auf solche, die ich wirklich nicht eingehen kann.

Erkläre dich deutlicher, sprach die Mutter, denn ich bin bestürzt und kann dich nicht verstehen, ich hoffe, das ist nicht dein Ernst.

Meine liebe Frau Mutter, die Sache ist deutlich genug und bedarf keiner weiteren Erklärungen. Sie will mich nicht haben, hat sie mir gesagt. Ich meine, das ist sehr deutlich und ziemlich grob dazu.

Aber, sprach die Mutter, du redest von Bedingungen, die du nicht eingehen könntest. Verlangt sie etwa einen Witwensitz? Ihre Ausstattung sollte wohl nach ihrer Brautgabe eingerichtet sein, und was bringt sie dir mit?

Was das anlangt, so ist sie reich genug. Ich bin mit ihrer Mitgift völlig zufrieden, aber es liegt eben an mir, ich kann ihrem Begehren kein Genüge leisten, und wenn ich das nicht tue, will sie mich nicht haben.

Hier gaben die Schwestern auch ihre Weisheit dazu: Mutter, sagte die jüngere, es ist unmöglich, ein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, er gibt keinem Menschen richtigen Bescheid. Das beste ist, wir lassen ihn gehen und reden nicht mehr davon. Es wird ja wohl ein Mittel geben, ihm das Mädchen aus den Augen zu bringen.

Diese Grobheit seiner Schwester verdroß Robert, er gab sie ihr zurück und sagte zur Mutter: Es gibt zweierlei Leute, mit denen man nicht disputieren soll: mit Klüglingen und mit Narren, es ist aber etwas zuviel, daß ich zu gleicher Zeit mit beiden streiten soll.

Darauf erwiderte die jüngere Schwester: wir müssen wohl rechte Närrinnen sein, wenn wir uns weis machen ließen, daß unser Bruder der Jungfer Betty die Ehre angetragen habe sie zu heiraten, und daß sie sich geweigert hätte.

Du magst antworten oder nicht antworten, schreibt Salomo, sagte Robert, es bleibt dasselbe. Ich sollte meinen, wenn euer Bruder versichert, daß er der Jungfer Betty fünfmal die Ehe angetragen und sie ihn abgewiesen habe, daß dann eine jüngere Schwester an der Wahrheit nicht zweifeln sollte, wenn selbst die Mutter es nicht tut.

Da siehst du nun, sprach die Schwester, daß die Mutter dich nicht verstanden hat.

Es ist ein Unterschied, sagte Robert, sich eine Sache erklären zu lassen und – sie nicht glauben wollen.

Aber mein Sohn, fing die alte Dame wieder an, wenn du gesinnt bist uns das Geheimnis zu offenbaren, so laß einmal die harten Bedingungen hören, von denen du gesprochen hast.

Von Herzen gern, sprach Robert, ich hätte sie schon längst gesagt, wenn mir diese Hausplagen nicht immer ins Wort gefallen wären. Die Bedingungen sind, daß ich Sie, verehrte Frau Mutter, und den Herrn Vater zur Einwilligung bewege, denn wenn das nicht stattfindet, so will Jungfer Betty nichts davon hören. Nun aber glaube ich, daß es nimmer in meinen Kräften steht diese Bedingungen zu erfüllen, und hoffe, meine hitzigen Schwestern werden nun zufriedengestellt sein und sich wohl ein wenig schämen.

Diese Antwort machte die Bestürzung noch größer, nur der Mutter waren sie nichts Neues, weil ich ihr eben dasselbe gesagt hatte. Die Töchter verstummten eine Weile, aber die Mutter sagte etwas hastig: Ich habe dieses schon vorhin gehört, aber nicht glauben können, wenn es sich indes so verhält, so haben wir alle der guten Betty Unrecht getan, und sie hat sich besser betragen, als zu vermuten war.

Wenn dem so ist, sprach die ältere Tochter, so hat sie gewiß redlich gehandelt.

Ich muß bekennen, sprach die Mutter, daß ihr die Schuld nicht beizumessen ist, wenn sich mein Sohn so heftig in sie verliebt, aber daß sie ihm eine solche Antwort gegeben hat, beweist mehr Hochachtung gegen uns, als ich sagen kann; ich werde das Mädchen nun um so lieber haben.

Ich nicht, sagte Robert, es wäre denn, daß die Frau Mutter mir ihre Genehmigung erteilt.

Das will ich mir noch überlegen, sagte diese. Doch kann ich dir versichern, wenn sonst nichts im Wege stände, daß ihr gutes Betragen schon viel bei mir erreichen könnte.

Ich wünsche, sprach Robert, daß es glücken möge. Trüge die Frau Mutter soviel Sorge, um mich vergnügt, als sie darauf verwendet, um mich reich zu machen, so würde sie bald ihre Zustimmung geben.

Robert, sprach die Mutter, ist es wirklich dein Ernst, sie zur Frau zu nehmen?

Gewiß und wahrhaftig, antwortete er, es ist ein grausames Verfahren, mich abermals danach zu fragen. Es ist mein Ernst, niemals eine andere zu heiraten als sie, wenn ich es durchsetzen kann.

Es war mir schrecklich zu hören, daß die Mutter anfing nachzugeben. Robert bestürmte sie Tag und Nacht. Sie zog auch den ältesten Sohn zu Rate, der natürlich alles daran setzte, ihre Einwilligung zu erhalten. Er berief sich auf seines Bruders heftige Liebe und meine so hohe Hochachtung für seine Familie, daß ich deswegen sogar meinen eigenen Vorteil hatte außer acht lassen wollen.

Was den Vater betraf, so war dieser zu sehr in seine Geschäfte vertieft und trachtete nur, Geld auf Geld zu häufen, er befand sich selten zu Hause und dachte nur an die hauptsächlichsten Angelegenheiten und stellte alles andere seiner Frau anheim.

Es ist leicht zu verstehen, wo nun der Fuchs zum Loche heraus war, daß es für den älteren Bruder weder schwer noch gefährlich war, weil ihn niemand verdächtigte, freieren Zutritt als vorhin bei mir zu haben. Ja die Mutter, welche sich sehr nach seinen Wünschen richtete, gab ihm selbst Gelegenheit dazu und verlangte, er sollte mit Jungfer Betty reden.

Vielleicht, mein Sohn, sagte sie, hast du mehr Geschick für die Sache als ich selbst, du kannst besser ergründen, ob sie so standhaft gewesen ist, wie Robert sagt, oder nicht. Das war Wasser auf seine Mühle, und er stellte sich, als ob er der Mutter zu Gefallen mit mir reden wolle, sie brachte mich selbst zu ihm in ihr eigenes Gemach, indem sie sagte, ihr Sohn habe auf ihren Wunsch etwas mit mir zu besprechen, ließ uns allein und machte die Tür hinter sich zu.

Er wandte sich zu mir, nahm mich in die Arme und küßte mich herzlich, sagte mir dann, es sei nun so weit, daß ich mich entweder elend oder glücklich fürs ganze Leben machen könne. Wenn ich seinem Verlangen kein Gehör geben wollte, so wären wir beide verloren. Darauf erzählte er mir die ganze Geschichte zwischen Robert, seiner Mutter, seinen Schwestern und ihm selbst, wie oben berichtet worden. Nun bedenke, mein Engel, sagte er, was es zu bedeuten hat, einen Edelmann aus gutem Hause zu heiraten, der gut dasteht, mit Einwilligung der ganzen Familie, und daß du alle Lust genießen kannst, die es nur in der Welt gibt.

Betrachte andererseits, was es für ein Elend ist, wenn eine Frau ihren guten Namen verloren hat, und wenn ich auch dein heimlicher Freund sein will, solange du lebst, so können wir doch leicht in Verdacht kommen, so daß du wirst Bedenken tragen müssen mit mir zusammenzukommen, und daß ich mich deiner nie werde öffentlich annehmen können.

Er ließ mir keine Zeit zu antworten, sondern fuhr fort: Was zwischen uns vorgefallen ist, mein liebes Kind, kann in völlige Vergessenheit getan werden, wenn wir uns nur darüber einig sind. Ich werde stets dein aufrichtiger Freund sein und nichts weiter von dir verlangen, wenn du erst meine Schwägerin bist. Alsdann soll zwischen uns ein ehrlicher Umgang sein, ohne daß wir daran denken, daß wir einstmals über die Stränge geschlagen haben. Ich bitte dich inständigst, erwäge es wohl und stehe dir nicht selbst im Wege. Damit du aber an meiner Aufrichtigkeit nicht zweifelst, so gebe ich dir hiermit eine Verschreibung auf 500 Pfund als Entgelt für die Freiheit, die ich mir mit dir herausgenommen habe, die wir von jetzt ab als eine Jugendtorheit ansehen und bereuen wollen.

Er sagte dies alles mit viel eindringlicheren Worten, als ich es wiederholen kann, denn er redete mit mir über anderthalb Stunden, beantwortete alle meine Einwürfe und bekräftigte seine Rede mit allen Gründen, die menschlicher Witz und menschliche Kunst nur erdenken kann.

Dennoch kann ich nicht sagen, daß mich dies alles irgendwie beeinflußte, oder daß ich dadurch andern Sinnes geworden wäre. Endlich erklärte er mir offen, wenn ich mich widerspenstig bezeigte, so müßte er mir zu seinem Bedauern gestehen, daß er unmöglich mit mir in dem vorigen Verhältnis weiterleben könne, denn obwohl er mich noch ebenso lieb hätte wie vordem, so habe ihn doch die Tugend nicht ganz verlassen, daß er sich entschließen könnte, eine Frau zu umarmen, die sein Bruder zur Frau begehrte. Sollte ich ihn nun mit einer abschlägigen Antwort gehen lassen, so würde ich es ihm nicht übel deuten können, wenn er, ausgenommen daß er für meinen Unterhalt sorgen würde, wie er versprochen, mich ferner nicht mehr sehen würde, wie ich es auch von ihm wohl nicht anders erwarten könnte.

Dies versetzte mich in große Aufregung, und ich hatte genug zu tun mich aufrecht zu halten, denn ich liebte diesen Mann mehr als ich es mir nur gestehen wollte. Er aber bemerkte meine Unruhe und bat mich, die Sache ernstlich zu erwägen, da dies der einzige Weg sei, unsere gegenseitige Zuneigung zu erhalten. Wir könnten uns ja wie gute Freunde lieben und zwar mit aller erlaubten Zärtlichkeit, die eine Verwandtschaft gestattet, frei von allem Argwohn. Er würde mir sein ganzes Glück verdanken, würde mein Schuldner bleiben, solange er lebe, und dieser Schuld bis zum letzten Atemzuge gedenken. Auf solche Art brachte er mich zuletzt so weit, daß ich wankend wurde, da er mir die Gefahr so deutlich vormalte, welche sich in meiner Phantasie noch vergrößerte, nämlich daß ich eine verworfene Hure sein und der ganzen Welt als Scheusal vorgestellt werden würde, daß ich wenig zum Lebensunterhalt, auch keinen Freund, keine Bekannten auf der Welt hätte, außer in der Stadt Colchester, wo ich natürlich unter solchen Umständen nicht länger bleiben könnte. Alles dies schreckte mich aufs äußerste, und mein Liebhaber machte sich meine Schwachheit zunutze und stellte mir die Gefahr riesenhaft dar, wogegen er allen Fleiß darauf verwandte, mir die Lebensweise, wozu er mich überreden wollte, als die glückseligste und vergnügteste vorzuführen.

Die Einwürfe, die ich wegen unserer Liebe und ehemaligen Verbindung machte, beantwortete er damit, daß uns die Not jetzt zwinge, andere Mittel zu ergreifen. Was aber das Heiratversprechen anlange, so habe sich die Sache jetzt geändert, weil ich aller Wahrscheinlichkeit nach seines Bruders Frau sein würde, ehe er noch imstande sein würde seine Zusage zu erfüllen.

So nahm er meine Vernunft durch Vernunftgründe gefangen, warf alle meine Einwendungen über den Haufen und machte mich noch auf eine Gefahr aufmerksam, die ich noch nicht beachtet hatte, nämlich daß ich einmal von allen beiden verlassen werden könnte und dann für mich selbst sorgen müßte. Dieser Grund und seine Überredung vermochten endlich so auf mich einzuwirken, daß ich mich darein ergab, jedoch mit solchem Widerwillen, daß es leicht zu ersehen war, ich würde zur Trauung gehen wie ein Lamm zur Schlachtbank. Außerdem befürchtete ich, daß mein neuer Bräutigam, für den ich nicht die geringste Liebe hegte, schlau genug sein würde, mich auf eine gewisse Probe zu stellen, wenn wir das erstemal beieinander schlafen würden. Ob es nun mit Absicht geschah oder durch Zufall, kann ich nicht sagen, kurz der ältere Bruder ließ es sich angelegen sein, den jüngeren rechtschaffen betrunken zu machen, ehe er zu Bette ging, so daß ich die Ehre hatte, in der ersten Nacht einen betrunkenen Beischläfer zu haben. Wie es zugegangen ist, weiß ich nicht, aber ich glaube, es ist mit Absicht geschehen, damit der ehrliche Robert außerstande sein möchte, den Unterschied zwischen einer Jungfrau und einer Frau zu erkennen, er schien aber nicht einmal daran zu denken. Es hätte mir auch in meiner Lage nichts Günstigeres begegnen können, als daß mein Mann so betrunken zu Bette kam, daß er am folgenden Morgen nicht wußte, ob er etwas mit mir getan habe. Gleichwohl hielt ich es für nötig ihm zu sagen, daß er mich wirklich entjungfert hätte, damit er sicher wäre und keine weiteren Untersuchungen anstellte. So listig betrog ihn mein Liebhaber und ließ sich noch dafür vielen Dank sagen, daß er seine Hure dem Bruder als Weib zugeschanzt hatte. So natürlich ist es den Männern, Ehre, Redlichkeit, ja ihre Religion hinzugeben, wenn sie nur ihre Rechnung dabei finden. Allein Robert wollte mich haben, und ich war nicht verpflichtet ihm zu sagen, daß ich seines Bruders Freiliebste gewesen war, obwohl ich nun keinen Vorwand mehr hatte ihn abzuweisen.

Es hat wenig mit der gegenwärtigen Geschichte zu tun, was in den fünf Jahren, die ich mit diesem Manne gelebt habe, vorgefallen ist. Nur soviel will ich sagen, daß ich zwei Kinder von ihm hatte, und daß er am Ende des fünften Jahres unserer Ehe gestorben ist. Er ist mir ein sehr guter Ehemann gewesen, und wir lebten sehr vergnügt miteinander. Weil er aber wenig Zuschuß von seinen Eltern bekam und auch in der kurzen Zeit seines Lebens nicht viel ersparen konnte, so hinterließ er mir nicht sonderlich viel, und ich war danach nicht in sonderlich guten Verhältnissen.

Ich hatte aber des älteren Bruders Schriftstück über 500 Pfund noch, die er mir für meine Einwilligung in die Heirat mit dem jüngeren Bruder gegeben hatte. Diese Summe, dazu was ich sonst noch von früher her erspart hatte, und vielleicht noch einmal soviel aus meines seligen Mannes Nachlaß machten mich zu einer Witwe mit 1200 Pfund baren Geldes. Das war mein ganzes Vermögen.

Zu meinem Glück nahmen sich meine Schwiegereltern der beiden Kinder an, was mir eine große Erleichterung war – soviel hatten sie nun von Jungfer Betty gehabt!

Ich gestehe, daß mir meines Mannes Tod nicht sonderlich zu Herzen ging, kann auch nicht sagen, daß ich ihn so geliebt habe, wie er es verdient hätte. Denn er war der zärtlichste, liebenswürdigste Mann, den sich eine Frau nur wünschen kann. Allein, daß sein Bruder immer in meiner Nähe war, besonders wenn wir auf dem Lande waren, brachte mich in manche Versuchung, und ich befand mich niemals im Bette bei meinem Manne, daß ich nicht gewünscht hätte, in seines Bruders Armen zu liegen, obwohl mir dieser nicht die geringste Gunstbezeugung solcher Art bewies, sondern sich seit der Hochzeit nur wie ein Bruder gegen mich benahm. Trotzdem beging ich täglich Ehebruch und Blutschande mit ihm in meinen Gedanken und im heftigen Verlangen, und dies war ohne Zweifel ebenso sündhaft, wie wenn ich es mit der Tat begangen hätte.

Ehe noch mein Mann starb, hatte auch sein älterer Bruder geheiratet. Wir waren damals in London, und die Mutter schrieb uns aus Colchester, daß wir hinkommen und der Hochzeit beiwohnen möchten. Mein Mann reiste hin, ich aber schützte eine Krankheit vor und blieb zu Hause, denn obgleich ich wußte, daß er doch niemals mein werden konnte, war es mir doch unerträglich, daß ich zusehen sollte, wie er einer andern angetraut würde.

So war ich sozusagen wieder auf freien Fuß gesetzt, war jung und schön, wie mir jedermann sagte, und wie ich auch selbst glaubte, hatte dazu etwas Vermögen in Händen und wußte nicht, wie hoch ich hinaus wollte. Verschiedene angesehene Kaufleute bewarben sich um mich, besonders ein Leinwandhändler, in dessen Hause ich seit meines Mannes Tode wohnte, da ich mit seiner Schwester bekannt war. Hier fand ich alle Freiheit und Gelegenheit, lustig und guter Dingen zu sein. Ich hatte so viel Gesellschaft, wie ich nur verlangte, denn meines Hauswirts Schwester war das wildeste, frechste Mädchen von der Welt und bei weitem nicht so tugendhaft, wie ich anfangs annahm. Sie brachte mich in allerhand lose Gesellschaft, führte auch verschiedene Personen, denen sie gern etwas zugute tun wollte, ins Haus, damit sie die schöne Witwe kennen lernten. Da nun große Narren und große Torheiten gern beisammen sind, so wurde ich hier sehr verwöhnt, hatte viele Anbeter und zwar solche, die verliebt zu sein vorgaben. Ich hatte zwar viele Freier, jedoch keine Werber. Aber ich verstand ihre Absicht zu wohl, als daß ich mich hätte auf solche Art wieder fangen lassen sollen. Es hatte nun eine andere Bewandtnis mit mir, meine Tasche war voll Geld, und ich scherte mich nicht viel um die Männer. Die Liebe hatte mich einmal betrogen, also war es damit für immer vorbei.

Ich mochte zwar gern mit witzigen und lustigen Leuten verkehren, hatte auch oft solche um mich versammelt, aber ich fand durch verschiedene Beobachtungen, daß die, welche das größte Wesen von sich machen und viel reden, am wenigsten taugen, nach meinem Begriff wenigstens; hingegen waren andere, die mit ganz ehrbaren Anträgen angezogen kamen, einfältige dumme Tröpfe und ganz unansehnliche Gesellen. Ein Kaufmann war mir gerade nicht zuwider, aber es sollte einer sein, der etwas vom Edelmann an sich hätte, so daß er, wenn er mich in Gesellschaft oder ins Theater führen würde, mit Degen und schöner Perücke wohl anzusehen wäre, nicht aber ein solcher, auf dessen Rock man sehen konnte, wo das Schürzenband gesessen hatte, oder an dessen Perücke der Eindruck eines Hutes wahrzunehmen gewesen wäre. Nicht einen, der aussähe, als ob er an seinem Degen befestigt wäre und nicht der Degen an ihm, und dem man an den Augen ansehen konnte, mit welchen Waren er handelte.

Endlich traf ich solch einen Zwitter an, der zugleich den Kaufmann und den Edelmann in sich vereinigte. Es geschah meiner Torheit ganz recht, daß ich in dem Netz gefangen wurde, das ich selbst für mich ausgelegt hatte.

Dieser Glückliche war ein Leinwandhändler, denn obgleich meine Hausgenossin gern für ihren Bruder den Kauf abgeschlossen hätte, war es doch genau betrachtet, nur auf eine Freiliebste abgesehen, wogegen ich die Meinung hatte, daß sich ein Frauenzimmer niemals als Geliebte brauchen lassen solle, wenn sie Geld genug hat eine Frau zu werden.

Es war demnach mein Stolz und nicht mein guter Grundsatz, mein Geld und nicht meine Tugend, die mich bewogen, meine Ehre zu wahren. Dennoch ergab es sich zuletzt, daß ich weit besser daran getan hätte, mich durch meine Hausgenossin an ihren Bruder verkuppeln zu lassen, als daß ich mich selbst an einen Kaufmann verhandelte, der ein liederlicher Tropf, ein Halbkavalier, ein Budenkrämer, dazu ein Bettler, alles auf einmal war. Allein ich folgte meiner unverständigen Neigung und brachte mich dadurch ins Verderben. Denn als mein neuer Mann mit einem Male zu einem solchen Haufen Gelde kam, ließ er sich zu solcher Verschwendung hinreißen, daß alles Meinige und alles Seinige nicht ausreichen konnte, solch ein Leben auch nur ein Jahr lang zu führen.

Er hielt ein Vierteljahr lang große Stücke auf mich, und alles was ich davon hatte, war die Freude, daß das meiste von meiner Habe auf mich selbst verwendet wurde.

Komm, mein Schatz, sagte er eines Tages zu mir, laß uns eine Reise aufs Land machen.

Ja, mein Engel, sagte ich, wohin wollen wir denn reisen?

Es ist mir gleich, sagte er, aber ich möchte gern eine Woche lang wie eine Standesperson leben. Wir wollen nach Oxford fahren.

Auf welche Art, sprach ich, ich kann mit dem Reiten nicht zurechtkommen, und es ist zu weit, um eine Kutsche zu nehmen.

Zu weit? fragte er, kein Ort ist zu weit, wenn man eine Kutsche mit sechs Pferden hat. Wenn ich mit dir reise, soll es fürstlich hergehen.

Sachte, sachte, sprach ich, es wäre schon ein ganz hübscher Streich, und hast du im Ernst Lust dazu, so will ich mirs schon gefallen lassen.

Der Tag wurde bestimmt, und wir nahmen eine vergoldete Kutsche, recht schöne Pferde, einen Kutscher, einen Vorreiter und zwei Lakeien in Livree. Zu einer Seite des Wagens ritt ein Kavalier und zur andern ein Page mit einer Feder am Hut. Die Diener nannten meinen Mann gnädiger Herr und mich die hochgeborene Gräfin. Auf solche Art trabten wir nach Oxford und hatten eine sehr lustige Reise. Denn das muß ich diesem Manne nachsagen, daß kein Ritter auf Erden bessere Anlagen haben konnte als er, den großen Herrn zu spielen. Wir besahen alle Sehenswürdigkeiten von Oxford, sprachen mit einigen Professoren wegen eines Neffen, den wir ihnen auf der Universität anvertrauen wollten. Wir belustigten uns ferner mit einigen Studenten, denen wir wer weiß was vorredeten und ihnen Hoffnung machten, daß sie gräfliche Kaplane werden und seidene Schärpen tragen sollten. Nachdem wir also an diesem Orte, was die Ausgaben betraf, recht standesgemäß gelebt hatten, ging der Weg nach Northampton, und wir schwärmten also zwölf Tage umher, ehe wir wieder nach Hause kamen, wo denn nach aufgestellter Rechnung befunden wurde, daß wir nicht mehr und nicht weniger als 93 Pfund ausgegeben hatten.

Mein Mann hatte die Eigenschaft, daß er das Geld nicht ansah, und das wird dem Leser als Grund genügen, daß er nach zwei Jahren Bankerott machte und seiner Schulden halber in Arrest gesetzt ward, weil er keinen Bürgen stellen konnte.

Es befremdete mich dies um so weniger, als ich dies schon lange vorausgesehen hatte, daß alles zusammenkrachen würde. Aber als er mich zu sich kommen ließ an dem Orte, wo er gefangen saß, benahm er sich doch weit besser, als ich vermutet hatte. Er sagte mir offen, daß er wie ein Narr gehandelt habe. Es wäre sein Wille, daß ich mich nach Hause verfügen und in der folgenden Nacht alles ausräumen, was von Wert wäre, und in Sicherheit bringen sollte. Dann riet er mir auch, wenn ich für 100 oder 200 Pfund Waren aus dem Geschäft bekommen könnte, so sollte ich das an mich nehmen, sollte ihn aber nicht wissen lassen, wohin ich es gebracht hätte. Denn, sagte er, ich bin entschlossen, aus diesem Loche zu entwischen und weit genug zu entfliehen. Wenn du also weiter nichts von mir hören solltest, so will ich dir hiermit Lebewohl sagen und nichts so sehr bereuen, als was ich dir angetan habe. Er sagte mir noch viele schöne Dinge beim Abschied, denn er war ein Kavalier durch und durch, und das war der einzige Vorteil, den ich von ihm gehabt hatte. Er ging sehr gut mit mir um bis zum letzten Augenblick, nur daß er all das Meinige durchbrachte und meinen künftigen Unterhalt darauf gründete, daß ich die Gläubiger bestehlen sollte.

Ich tat, wie er mir geheißen, und ich habe ihn in meinem Leben nicht wiedergesehen. Er fand Mittel, in derselben oder in der folgenden Nacht auszubrechen, ich weiß aber nicht, wie es zugegangen ist, habe auch nichts weiter davon erfahren können als folgendes: er war des Morgens um drei Uhr nach seinem Hause gegangen, hatte die übriggebliebenen Waren zu einem Hehler bringen und den Laden schließen lassen. Aus diesen Waren hatte er so viel Geld wie möglich zusammengebracht und war dann nach Frankreich gegangen, von wo er mir ein paarmal geschrieben, mehr habe ich von ihm nicht mehr gehört.

Er war noch so höflich gegen mich – denn er war eben ein Kavalier –, daß er mir in seinem ersten Briefe schrieb, er habe bei einem 20 Stücke seiner holländischer Leinwand für 30 Pfund versetzt, die aber über 90 Pfund wert wären. Er legte auch den Pfandschein mit ein, mit dem ich die Stücke gegen Hinterlegung des Pfandgeldes wieder einlösen könnte. Ich tat es auch und bekam nach und nach 100 Pfund dafür, da ich Zeit genug hatte, die Leinwand ellenweise, je nach Gelegenheit an verschiedene Leute zu verhandeln. Trotz allem diesem und mit dem, was ich vorher in Sicherheit gebracht hatte, war doch, als ich Rechnung machte, mein Kapital ziemlich zusammengeschmolzen. Denn wenn ich die holländische Leinwand und eine Partie Nesseltuch, das ich vorher eingepackt hatte, samt einigem Silbergeschirr und einigen anderen Sachen mitrechnete, so konnte ich doch kaum 500 Pfund zusammenbringen. Dabei war meine Lage sehr merkwürdig, denn obwohl ich kein Kind hatte – das einzige, das ich von dem Leinwandkavalier hatte, war bereits verstorben –, so war ich doch eine behexte Witwe, ich hatte einen Mann und dann auch wieder keinen, durfte also nicht wieder heiraten, obwohl ich wußte, daß mein Mann England nicht wieder betreten würde, wenn er auch noch 50 Jahre leben sollte. Also war mir das Heiraten verboten, es mochte sich mir auch etwas noch so Vorteilhaftes bieten. Außerdem hatte ich nicht einen einzigen Freund, der mir in meiner Lage mit Rat und Tat beigestanden hätte, wenigstens war niemand da, dem ich das Geheimnis meiner Sachen hätte anvertrauen können, denn sobald die Gläubiger Wind bekommen hätten, wo ich anzutreffen wäre, so würden sie alles daran gesetzt haben, mir das, was ich beiseite gebracht, wieder fortzunehmen.

Das erste, was ich nun vornahm, war, daß ich meine ganze bisherige Bekanntschaft mied und mir einen andern Namen beilegte. Ich ging ins Münzviertel, suchte mir dort eine abgelegene Wohnung, kleidete mich wie eine Witwe und ließ mich zum ersten Male Frau Flanders nennen.

Hier lebte ich ziemlich versteckt, doch bekam ich bald Gesellschaft genug, obwohl mich keiner kannte und niemand von mir wußte, woher ich käme. Es mag nun sein, daß bei den Leuten, die dortherum wohnen, Frauenzimmer ein etwas seltenerer Artikel sind als an andern Orten, oder daß bei ihnen wegen ihres Elends mehr Trost erfordert wird als bei andern, kurz eine angenehme Frau war diesen Leuten äußerst willkommen, und es waren solche unter ihnen, die ihren Gläubigern kaum eine halbe Krone statt eines Pfundes bezahlen konnten, auch in dem Gasthause ihr Essen noch schuldeten, die trotzdem immer soviel Geld aufzutreiben wußten, um einer angenehmen Frau einen Abendschmaus zu geben. Es kam mir wunderlich vor, daß Leute in einem so armseligen Zustande, die schon mehr als ruiniert waren und deren Angehörige zu ihrem Schrecken zum Bettelstab greifen mußten, dennoch, solange ein Heller vorhanden, ja wenn auch keiner mehr da war, ihre Sorgen in Gottlosigkeit zu vergraben trachteten, indem sie sich stets befleißigten, Schulden auf Schulden zu häufen, die Vergangenheit zu vergessen und die gegenwärtigen Sünden als ein Mittel gegen die früheren zu brauchen.

Doch ich habe nicht die Gabe zu predigen. Diese Leute waren allzu leichtsinnig, sogar für mich, es war etwas Abscheuliches und Abstoßendes um ihre Sünden, denn sie mußten sich selbst dazu zwingen. Sie handelten nicht nur gegen ihr Gewissen, sondern sogar gegen die Natur, und es war nichts Gemeineres als die Seufzer bei ihrem Singen zu hören, und die blasse Farbe bei ihrem Lachen zu sehen. Bisweilen brachen sie in laute Klagen aus, wenn sie ihr Geld mit losen Weibern verpraßt hatten. Manchmal wandte sich einer ab, stieß einen tiefen Seufzer aus und rief: Was bin ich doch für ein Lumpenhund! Dennoch muß ich auf deine Gesundheit trinken, mein liebes Weib – diese hatte vielleicht keinen halben Taler im Vermögen und drei oder vier Kinder. Am folgenden Morgen kam dann die Reue wieder und vielleicht auch die Frau, um ihm unter Tränen die Nachricht zu bringen, was die Gläubiger wieder fortgenommen hätten, wie Frau und Kinder zu Hause hinausgejagt worden wären, und dergleichen schreckliche Dinge mehr. Hat er nun lange genug darüber getrauert und soviel überlegt, daß er fast von Sinnen gekommen war, so nimmt er wieder das alte Hilfsmittel zur Hand, will sein Herzeleid versaufen und verhuren, kommt dabei in Gesellschaft von Leuten, die ebenso sind wie er, und wiederholt beständig das letzte Verbrechen, indem er täglich einen Schritt näher zu seinem Untergange macht.

Ich war noch nicht ruchlos genug für dergleichen Leute, sondern betrachtete nun ganz ernsthaft, was ich tun sollte, denn das wenige, was mir geblieben war, nahm sichtbar ab. Wenn das nun verbraucht war, so sah ich nichts als Hunger und Not vor mir. Da die Dinge nun so lagen, und mir der Ort meiner Wohnung abscheulich vorkam, nahm ich mir vor, meine Wohnung zu verändern.

Ich hatte mit einer stillen Frau Bekanntschaft geschlossen, die ebenfalls Witwe war, aber mehr durchgemacht hatte als ich. Ihr Mann war Schiffskapitän gewesen, hatte aber das Unglück gehabt, auf der Rückreise von Westindien Schiffbruch zu erleiden, darauf hatte die Witwe aus Furcht vor den Gläubigern im Münzviertel Schutz gesucht. Mit Hilfe guter Freunde brachte sie ihre Sachen bald in Sicherheit und sich selbst in Freiheit. Als sie nun merkte, daß ich mich an besagtem Orte, mehr um versteckt als geschützt zu sein, aufhielt, auch denselben Abscheu wie sie vor der dortigen Lebensweise empfand, lud sie mich in ihr Haus ein, bis ich Gelegenheit hätte, mich nach meinem Sinn irgendwo einzurichten. Sie wollte auch zehn gegen eins wetten, daß der eine oder andere Schiffskapitän an dem Teile der Stadt, wo sie wohnte, Lust bekommen würde um mich zu freien.

Ich nahm ihr Anerbieten an und war ein halbes Jahr bei ihr, wäre auch länger bei ihr geblieben, wenn sie nicht das gefunden hätte, was sie mit mir im Sinn hatte, nämlich daß sie eine vorteilhafte Heirat machte und mich zurückließ.

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