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Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
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Die erste Nacht wurden wir unter Verdeck eingeschlossen und waren so eingeengt, daß ich aus Mangel an Luft zu ersticken vermeinte. Am folgenden Morgen wurden die Anker gelichtet, und wir fuhren den Fluß hinunter, und damit war uns die Gelegenheit zum Entwischen genommen. Als wir nun dort lagen, gab man uns die Freiheit, auf Deck, doch nicht auf das Hinterteil des Schiffes zu kommen, da dieses für den Kapitän und die Passagiere allein bestimmt war.

Als ich aus dem Geschrei der Matrosen und aus der Bewegung des Schiffes wahrnahm, daß wir unter Segel waren, wurde mir schon angst, daß wir wirklich die Reise antreten müßten und nicht das Vergnügen haben sollten, von unsern alten Freunden Abschied zu nehmen. Allein ich gab mich bald darauf wieder zufrieden, als ich merkte, daß sie Anker warfen und einige von den Bootsleuten uns sagten, wir sollten am folgenden Tage Erlaubnis haben, auf Deck zu kommen und unsere Freunde zu sehen.

Diese Nacht lag ich auf dem Boden wie die andern Gefangenen, später wurden uns kleine Kojen angewiesen, wohinein diejenigen ihr Bett legen konnten, die eines hatten. Dies muß ich wohl dazusetzen, denn einige hatten weder Hemd noch Halstuch, weder Leinen noch Wolle, nur was sie am Leibe trugen, ja sogar auch keinen Heller Geld, womit sie sich hätten helfen können. Trotzdem fand ich nicht, daß es ihnen im Schiffe an etwas gebrach, besonders nicht den Weibern, die für die Matrosen wuschen und Geld von ihnen dafür bekamen, was zu ihrer Notdurft schon ausreichte.

Als wir nun am folgenden Morgen auf das Verdeck kamen, fragte ich einen von den Offizieren, ob ich nicht einen Brief an Land senden und meinen Freunden mitteilen könnte, an welchem Orte wir lägen, damit sie mir einige notwendige Sachen schicken könnten. Dies war der Oberbootsmann, ein höflicher, umgänglicher Mann, welcher mir sagte, ich sollte alle verlangte Freiheit genießen, die er mir verstatten könnte.

Ich sagte, daß ich keine andere Freiheit als diese begehrte, und er antwortete: es würde das Schiffsboot bei der nächsten Flut hinauf nach London gehen, da wolle er meinen Brief mitschicken.

Als nun das Boot abstoßen wollte, kam der Oberbootsmann und sagte mir, er ginge selbst mit und wolle meinen Brief bestellen lassen, falls ich ihn fertig hätte. Ich war schon vorher auf Schreibzeug bedacht gewesen, und mein Brief an die Hofmeisterin lag fertig, in welchen ein anderer an den Gefährten meiner Gefangenschaft eingeschlossen war, von dem ich ihr aber beileibe nichts gesagt hatte, daß er mein Mann sei. In dem Schreiben teilte ich ihr mit, wo das Schiff läge, und bat sie inständigst mir die Sachen zu schicken, die sie zu meiner Reise angeschafft hätte.

Bei Überreichung des Briefes gab ich dem Oberbootsmann einige Schillinge mit der Bitte, sie demjenigen geben zu wollen, der den Brief hinbringen würde, und es, sobald als er ankäme, zu erledigen, damit ich eine Antwort erhalten und wissen könnte, wie es um meine Sachen stünde; denn wenn ich sie nicht bekäme, ehe das Schiff absegelte, wäre es um mich geschehen.

Ich war so schlau, als ich ihm das Geld gab, daß ich ihn zugleich merken ließ, ich hätte etwas mehr bei mir als die übrigen Gefangenen, nämlich einen Beutel mit einem guten Stück Geld, und ich fand, daß der bloße Anblick des Geldes mir auch schon eine bessere Behandlung verschaffte, als ich sonst gehabt haben würde. Denn obgleich der Bootsmann schon vorher sehr höflich war und Mitleid mit mir als einer unglücklichen Frau hatte, so wurde er dadurch noch viel verbindlicher und half dazu, daß es mir auf dem Schiffe besser erging als allen andern, worüber ich bald noch reden werde.

Er brachte meinen Brief zu meiner Hofmeisterin und ihre Antwort zu mir, bei deren Überreichung er mir mein Geld wiedergab und sagte, er hätte den Brief selbst besorgt.

Ich wußte nicht, was ich hierauf antworten sollte, sagte aber endlich, es sei allzugütig gehandelt, denn da er den Brief selbst besorgt hätte, so hätte er sich doch wenigstens einen Wagen nehmen sollen.

Nein, sagte er, ich bin reichlich bezahlt worden. Was ist das für eine Frau, zu welcher ihr mich gesandt habt? Ist sie etwa eure Schwester?

Nein, sprach ich, sie ist keine Verwandte, sondern die einzige wahre Freundin, die ich in der Welt habe.

Es gibt wenige solcher Freunde, sagte er, sie weinte und heulte über euch wie ein Kind.

Ja, sprach ich, sie gäbe wohl 100 Pfund, wenn sie mich damit befreien könnte.

Ist das wahr? sagte er. Für das halbe Geld wollte ich euch wohl einen Weg weisen, wie ihr loskommen könntet – das aber brachte er so leise vor, daß es niemand als nur ich hören konnte.

Ich erwiderte darauf, das würde wohl eine solche Befreiung sein, die mir den Hals kosten würde, wenn man mich dabei ertappte.

Er sagte, das könne er nicht wissen, denn wenn ich einmal vom Schiffe wäre, müßte ich für mich selbst sorgen. Hiermit endigte für diesmal unser Gespräch.

Inzwischen hatte die getreue Hofmeisterin Mittel gefunden, den Brief, der in dem ihrigen eingeschlossen war, an die richtige Adresse zu befördern und eine Antwort darauf zu erhalten.

Am nächsten Tage kam sie selbst und brachte mir zunächst ein Seebett samt allem Zubehör, dann eine Seekiste, worin alles war, was die Matrosen auf See nötig haben, ja fast alles, was ich nur verlangen konnte. In einer Ecke dieser Kiste, wo eine verborgene Schublade war, hatte sie mir meine Bank eingerichtet, worin soviel Geld war, als ich mir vorgenommen hatte mitzunehmen. Einen Teil meines Kapitals aber ließ ich zurück, dafür sollte sie Güter und Waren einkaufen, wie ich ihr schreiben würde, sobald ich angekommen wäre, zumal in Virginien das Geld keinen Wert hat, weil man alles für Tabak kaufen kann und man sogar Verluste hat, wenn man Bargeld hinüberbringt.

Ich lag inzwischen ganze drei Wochen auf dem Schiff in der größten Ungewißheit, ob ich meinen Mann mitbekommen würde oder nicht. Endlich aber nach vieler Mühe kam er, ja sogar mit allen Formalitäten eines Verurteilten und Verwiesenen, der er doch gar nicht war, weil man ihn nicht einmal verhört hatte, und das ging ihm besonders nahe. Er wurde an Bord gebracht, wir waren nun beieinander und sollten wirklich nach Virginien segeln in der schimpflichen Eigenschaft als landesverwiesene Übeltäter, zum Verkauf als Sklaven bestimmt, ich auf fünf Jahre, er durfte auf Lebenszeit nicht wieder nach England kommen. Das verdroß ihn über die Maßen und schlug ihn gänzlich nieder, daß er als Gefangener an Bord gebracht werden sollte, obzwar ihm vorher gesagt worden war, er sollte als freier Reisender hinübergehen. Soviel hatte er voraus, er sollte nicht wie ich und die andern bei unserer Ankunft verkauft werden, dafür aber mußte er dem Kapitän die Fracht bezahlen, was wir nicht brauchten. Im übrigen war er wie ein Kind in allem, was er tat, man mußte ihn alles heißen und ihm alles vorsagen.

Als er nach Ablauf der drei Wochen an Bord kam, sah er grimmig und verzweifelt aus, sein Herz war voll Wut und Hochmut, weil er von drei Gefangenwärtern aus Newgate wie ein überführter Missetäter an Bord gebracht wurde, obgleich er doch nicht einmal vor Gericht gewesen war. Seine Freunde mußten sich deshalb öffentlich beschweren, man wies sie aber ab mit dem Bemerken, daß ihm schon Gnade genug widerfahren sei, denn es wären seit der Erlaubnis zur Verschickung solche Dinge von ihm eingelaufen, daß er sich nur glücklich schätzen sollte, einem weiteren Verfahren entgangen zu sein.

Diese Antwort beruhigte ihn, denn er wußte gar wohl, was daraus entstehen, und daß er zuletzt nichts Gutes zu erwarten haben würde. Nun fand er, wie gut der Rat gewesen, den ich ihm zur Überfahrt gegeben hatte, und als sich sein Unmut etwas gelegt hatte, sah er viel freundlicher und lustiger drein.

Ich bezeigte ihm meine Freude, als ich ihn nun zum zweiten Male aus den Klauen der Häscher erlöst sah, und er nahm mich in die Arme, dankte mir von Herzen mit der größten Zärtlichkeit für meinen guten Rat.

Mein Schatz, sagte er, du hast mir zweimal das Leben gerettet, hinfort soll es nur zu deinen Diensten angewendet werden, und ich will deinem Rate allemal folgen.

Das erste, was wir vornahmen, war unser Kapital zu vergleichen. Er war sehr aufrichtig und sagte mir, sein Vorrat sei ziemlich groß gewesen, als er zuerst in Newgate angekommen sei, allein er habe als Kavalier gelebt, und auch die Freunde, die er gebraucht hätte, um seine Sache zu fördern, hätten ihn nicht wenig gekostet. Kurz, was er noch übrig hätte, beliefe sich auf 108 Pfund, die er in Gold bei sich hätte.

Ich entdeckte ihm ebenso treulich, was ich bei mir hatte, denn ich war entschlossen, das, was ich zurückgelassen hatte, für mich zu behalten, weil ich nicht wissen konnte, wie die Sache ausgehen würde. Sollte ich sterben, so war dies genug für ihn, und was meine Hofmeisterin in Händen hatte, würde alsdann ihr eigen sein, was sie auch wirklich um mich verdient hatte.

Mein Kapital, das ich mit mir nahm, bestand aus 246 Pfund und einigen Schillingen, so daß wir zusammen 350 Pfund hatten, aber niemals ist Geld zusammengekommen, das auf so üble Art erworben worden war wie dieses.

Außerdem hatte ich auch einige Kostbarkeiten bei mir, nämlich zwei goldene Uhren, etwas Silbergerät und einige Ringe, alles gestohlenes Gut. Mit diesem Schatz fuhr ich im 61. Jahre meines übelgeführten Lebens in eine neue Welt hinein als eine arme Verurteilte, die dem Galgen entkommen ist. Meine Kleider waren schlecht und gering, jedoch nicht zerrissen oder besudelt, und niemand im ganzen Schiffe wußte, daß ich etwas von Wert bei mir hatte.

Das Schiff war nun bald voll, es kamen auch verschiedene Reisende an Bord, die nichts verbrochen hatten und doch nach Virginien wollten. Diesen wurden allerlei Bequemlichkeiten in der großen Kajüte und anderswo angewiesen, während wir armen Verurteilten hinunter sollten, ich weiß nicht wohin. Als aber mein Mann an Bord kam, redete ich mit dem Oberbootsmann, der mir früher gefällig gewesen war. Ich sagte ihm, er habe mir viel Freundschaft gezeigt, und ich hätte ihm noch nicht dafür gedankt, dabei steckte ich ihm eine Guinee zu. Ich sagte weiter, mein Mann sei an Bord gekommen, und obgleich wir beide jetzt ins Unglück geraten wären, so wären wir doch ganz andere Leute als unsere Gefährten. Deswegen möchte ich gern wissen, ob der Kapitän nicht dahin zu bringen wäre, daß er uns einige Bequemlichkeit im Schiff vergönnte, wofür wir nicht nur das Gebührliche bezahlen würden, sondern uns auch gegen ihn selbst, wenn er uns dazu verhilfe, erkenntlich zeigen wollten. Er nahm zuerst die Guinee, wie ich merkte, mit großem Vergnügen an und versprach mir seinen Beistand.

Bald darauf sagte er, es sei kein Zweifel, daß sich der Kapitän, ein gütiger Mann, dazu bereden lassen würde, uns alle mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen, denn er finde ein besonderes Vergnügen daran, sich gütig und liebreich erweisen zu können, besonders gegen Unglückliche. Zunächst zeigte er mir verschiedene kleine Kabinen, die teils in der großen Kajüte, teils außer derselben abgeteilt waren, alle aber in die große Kajüte führten zur Bequemlichkeit der Reisenden; von diesen ließ er mich auswählen, welche ich haben wollte. Ich wählte eine, die nahe am Steuer lag, wo genug Raum war, unsere Kisten und Kasten und einen Tisch hinzustellen.

Dies war mir eine große Annehmlichkeit nach so viel erlittener Drangsal und dem Herzeleid. Ich bedankte mich auf das beste und ging zu meinem Manne, um ihn aufzumuntern, und erfreute ihn mit dieser Nachricht nicht wenig, so daß er ein ganz anderer Mensch wurde und neuen Mut bekam, da er bisher den ihm zugefügten Schimpf noch nicht vergessen hatte. Es ist sehr wahr, daß die größten Geister, wenn sie vom Kummer übermannt werden, der größten Kleinmütigkeit fähig sind.

In solcher Verfassung gingen wir freudigen Herzens unter Segel. Wir liefen nirgends an und erreichten nach 42 Tagen die virginische Küste.

Als wir an Land kamen, rief mich der Kapitän zu sich und sagte, er habe wohl aus meinen Reden entnommen, daß ich Verwandte im Lande hätte und früher schon dort gewesen wäre, deshalb meinte er, würde ich wohl den Brauch kennen, wie man mit den verschickten Gefangenen zu verfahren pflege.

Ich verneinte dies und sagte, ich würde mich, solange ich Gefangene wäre, keinem meiner Verwandten zu erkennen geben, übrigens unterwürfen wir uns ganz und gar seinem Willen in der Hoffnung, er werde uns beistehen, was er auch versprach.

Darauf gab er mir zu verstehen, ich müsse jemanden aus dem Lande bringen, der käme und mich als seine Magd kaufte und für mich beim Gouverneur einstünde, wenn dieser nach mir fragen sollte.

Ich sagte, wir würden tun, was er für gut fände. Er brachte darauf einen Pflanzer aufs Schiff, mit welchem er verhandelte, und verkaufte mich als Magd an ihn. Mein Mann aber brauchte diese Form nicht, denn er war frei und durfte nicht verkauft werden, mit mir dagegen wurde der Handel abgeschlossen, und der Pflanzer führte mich mit sich an Land.

Der Kapitän ging auch mit und brachte uns in ein Haus am Strande; ob es ein Wirtshaus war, weiß ich nicht mehr, aber wir tranken dort einen Rumpunsch und waren sehr lustig. Nach einiger Zeit gab mir der Pflanzer den Abschied und ein Zeugnis, daß ich ihm treu und redlich fünf Jahre gedient hätte, also war ich am folgenden Morgen von ihm los und konnte gehen, wohin ich wollte.

Für diesen Dienst forderte der Kapitän von mir 6000 Pfund Tabak, wovon er seinem Berichte nach Zoll und Fracht bezahlen mußte. Wir kauften ihm den Tabak und schenkten ihm noch 20 Guineen, womit er überaus zufrieden war.

Es geht aus gewissen Ursachen nicht an, daß ich den Ort und die Gegend Virginiens bei Namen nenne, wo wir uns niederließen, wir wollten uns zuerst am Potomack, wohin auch das Schiff bestimmt gewesen war, niederlassen, wurden aber dann andern Sinnes.

Als ich meine Güter und Sachen an Land geschafft und in einem Packraum, den wir nebst einigen Kammern gemietet hatten, verwahrte hatte, fragte ich sogleich nach meiner Mutter und nach meinem Bruder, mit welchem ich ehemals so unglücklich verheiratet gewesen war, und fand heraus, daß meine Mutter schon das Zeitliche gesegnet hatte, mein Bruder aber noch lebte und sich von der alten Plantage etwas entfernt zu einem seiner Söhne, nahe dem Orte, wo wir landeten, begeben und sich dort ein Haus gemietet hatte.

Dies machte mich ein wenig stutzig, doch dachte ich, er würde mich wohl nicht mehr erkennen, und wollte ihn gern sehen, ohne von ihm gesehen zu werden. Deshalb forschte ich die Pflanzung aus, wo er wohnte, kriegte eine alte Frau heran, die mit mir gehen mußte, als ob ich mir die Gegend ansehen und das Land zeigen lassen wollte. und so kamen wir alsbald so in die Nähe, daß ich meines Bruders Haus erblicken konnte.

Ich fragte meine Führerin, wem die Pflanzung gehöre, worauf sie mir den Namen nannte, sich ein bischen umsah und zu mir sprach: Seht, da ist der Herr selbst mit seinem Vater.

Der Leser mag wohl erraten, welches Gemisch von Freude und Furcht sich bei mir einstellte, als ich sie erblickte, denn ich erkannte alsbald, daß dies mein eigener Sohn war. Dann zeigte sie mir seinen Vater, der mein Bruder war. Ich hatte keinen Schleier, bedeckte aber das Gesicht mit einer Kapuze, so daß ich sicher war, er würde mich nicht erkennen, zumal ich länger als zwanzig Jahre fortgewesen, und er mich auch nicht in Virginien vermuten konnte. Allein es bedurfte dieser Vorsicht nicht, denn eine Krankheit hatte sich bei ihm auf die Augen gelegt, und er konnte nur so viel sehen, daß er beim Gehen an keinen Baum stieß oder in keinen Graben fiel. Ich wurde dadurch so sicher, daß ich meine Kapuze zurückschlug und die beiden vorübergehen ließ. Es war etwas Trauriges, daß eine Mutter ihrem Sohne so nahe sein mußte, einem schönen, ansehnlichen jungen Manne von blühendem Aussehen, und sich ihm doch nicht zu erkennen geben durfte, noch sich das geringste gegen ihn merken lassen. Wenn eine Mutter, die Kinder hat, dieses liest, so wollte ich wohl, daß sie eine Betrachtung darüber anstellen und nachdenken möchte, wie mir dabei zumute war.

Ich erkundigte mich bei der Frau, meiner Führerin, nach allen Einzelheiten und fand, daß meine Geschichte überall bekannt war. Dies lag mir Nacht und Tag schwer auf dem Herzen, ich konnte weder schlafen noch recht mit den Leuten umgehen. Mein Mann merkte es, wunderte sich darüber und tat sein möglichstes mich aufzuheitern, aber es war alles umsonst. Als er mich nach dem Grund fragte, erdichtete ich endlich eine Fabel, die eine Wahrheit zum Grunde hatte. Ich sagte ihm, es ginge mir nahe, daß wir unsere Wohnung würden verändern müssen, da man mich an diesem Orte bald erkennen würde, wenn wir länger dablieben. Nachdem meine Mutter verstorben, hätten verschiedene meiner Anverwandten sich hier niedergelassen und ihnen müßte ich mich entweder entdecken, was sich in unserm gegenwärtigen Zustande wohl nicht schicken würde, oder wir müßten uns bequemen einen andern Aufenthaltsort zu suchen. Nun wüßte ich nicht, welches von beidem ich tun sollte, und darüber sei ich allzeit so tief in Gedanken.

Er war soweit mit mir einig, daß es sich nicht schickte, uns jemandem in diesem Zustande zu entdecken, viel lieber wollte er sich an einem andern Orte des Landes, ja in welchem Lande ich nur wollte, niederlassen. Das war gut, aber nun stand mir dies bei unserer Entfernung im Wege, daß ich mich nicht genugsam wegen meiner mütterlichen Hinterlassenschaft erkundigen konnte. Außerdem durfte ich meinem jetzigen Manne das Geheimnis meiner vorigen Heirat nicht entdecken, es war eine Geschichte, die sich nicht so leicht erzählen ließ, und ich konnte nicht wissen, was daraus erfolgen würde. So war auch dies unmöglich, sofern ich mich nicht im ganzen Lande ruchbar und zugleich bekannt machen wollte. Nach solchen Betrachtungen trieb ich meinen Mann an, die Gegend am Potomack zu verlassen, wo man uns gar zu bald erkennen würde, während wir an einem andern Orte ebenso in Ehren leben könnten wie die andern Pflanzer. Weil es den Leuten auch allzeit angenehm ist, Ankömmlinge und Nachbarn zu haben, die Geld und Gut mit sich bringen, so könnten wir gewiß sein, daß man uns an allen Orten willkommen heißen wurde, wo es auch noch unmöglich sein würde, etwas von unserm früheren Zustande zu entdecken.

Ich sagte ihm auch, daß ich verschiedene Verwandte an dem Orte hätte, wo wir jetzt wären, und mich ihnen nicht zu erkennen geben wollte, da sie dann bald hinter das Geheimnis kommen und uns beschimpfen würden. Ich hatte auch Ursache, fügte ich hinzu, zu glauben, daß mir meine verstorbene Mutter etwas und zwar gar nicht wenig hinterlassen hätte, so daß es sich der Mühe lohnen würde, einmal danach anzufragen, was aber nicht geschehen könne, ohne uns öffentlich bloßzustellen, solange wir dort wären. Daher sei es am besten, diesen Ort zu verlassen und uns anderswo niederzulassen, von wo ich hernach kommen, meinen Bruder und meinem Neffen besuchen und mich ihnen offenbaren könnte, um nach dem meinigen zu forschen und es mit Ehren und Recht zu erhalten. Täte ich dies nicht, so wäre für mich ohne Ungelegenheiten wenig zu erhoffen, und ich müßte es mit Gewalt suchen, um es mit Fluch, Schimpf und Schande zu empfangen, was ich nicht ertragen könnte. Wenn ich auch gerichtliche Beweise zu bringen genötigt wäre, daß ich wirklich die Person sei, für die ich mich ausgäbe, so dürfte es mir wohl daran fehlen, und ich würde erst nach England deswegen schreiben müssen, und zuletzt doch nichts bekommen. Mit diesen Gründen brachte ich meinen Mann dazu, daß er mit mir den Entschluß faßte, uns an einem andern Orte niederzulassen, und dachten zuerst an Carolina.

Danach erkundigten wir uns nach Schiffen, die dorthin segelten, und bekamen bald Nachricht, daß sich eines jenseits der Rheede in Maryland befinde, welches von Carolina mit Reis und andern Gütern angekommen sei und wieder dorthin zurückgehen wolle. Auf diese Nachricht hin mieteten wir eine Schaluppe, in die wir alle unsere Sachen luden, nahmen vom Potomackfluß Abschied und fuhren mit der ganzen Ladung nach Maryland hinüber.

Fünf Tage segelten wir, bis wir an das Vorgebirge Philippi kamen, aber das Schiff war seit drei Tagen fort. Das war ein garstiger Streich, da ich mich aber so leicht nicht abschrecken ließ, sprach ich meinem Manne Mut zu und meinte, da wir nun nicht nach Carolina kommen könnten, und uns außerdem das Land, wo wir waren, fruchtbar und gut schien, so wollten wir sehen, ob wir hier nichts nach unserm Gefallen finden und unsere Hütten aufschlagen könnten.

Wir gingen an Land, fanden aber dort keinen geeigneten Platz, uns niederzulassen oder unsere Sachen in Verwahrung zu bringen. Indes ein ehrlicher Quäker gab uns den Rat, etwa 60 Meilen weiter ostwärts, nämlich näher an den Meerbusen zu fahren, wo er selbst wohnte und wo wir gute Gelegenheit finden würden, uns entweder dort neben ihm anzupflanzen oder uns in der Nähe dort einen besseren Ort auszusuchen. Er nötigte uns mit solcher Freundlichkeit, daß wir den Vorschlag annahmen, zumal er selber mit uns ging.

Hier kauften wir uns zwei Sklaven, nämlich eine englische Magd, die soeben von Liverpool angekommen war, und einen Neger, denn dies ist notwendig für die Leute, die dort im Lande etwas anfangen wollen. Der Quäker war uns sehr behilflich, und als wir an dem vorgeschlagenen Ort ankamen, verschaffte er uns sogleich einen bequemen Packraum für unsere Güter und Unterkunft für uns und unsere Sklaven. Nachdem ein paar Monate verflossen waren, erhandelten wir von der Obrigkeit des Landes ein großes Stück Land, um eine Pflanzung daraus zu machen, dagegen gaben wir den Gedanken, nach Carolina zu gehen, gänzlich auf, weil wir uns hier gut einrichten, Land genug bebauen und Material zum Hausbau anschaffen konnten, was wir alles unter der Anleitung des Quäkers ausführten. In einem Jahre machten wir beinahe 500 Morgen Land urbar, wovon ein Teil umzäunt und der andere schon mit Tabak, wenn auch nicht dicht, bepflanzt war. Hier hatten wir auch bald Gartenland und Korn nebst Früchten, Gemüse und Brot für unsere Leute.

Nun beredete ich meinen Mann, daß er mich wieder hinübergehen und nach meinen Verwandten erkundigen lassen möchte. Er war um so bereitwilliger dazu, als er jetzt alle Hände voll zu tun hatte und sich daneben mit der Flinte manches Vergnügen schaffte. Wir sahen uns beide oft mit großem Wohlgefallen an und betrachteten, wieviel besser dieses Leben doch sei, nicht nur als in Newgate zu sitzen sondern auch als die glücklichsten Zeiten, die wir beide jemals während unseres gottlosen Lebenswandels verlebt hatten.

Ich reiste also hinüber zu meinem Bruder und war entschlossen, ohne weiteren Aufenthalt geradewegs in sein Haus zu gehen und ihm zu sagen, wer ich sei. Aber da ich nicht wissen konnte, in welcher Laune ich ihn finden würde, oder vielmehr in welchen Unmut ihn ein so plötzlicher Besuch setzen könnte, besann ich mich und schrieb ihm einen Brief, in dem ich mich ihm entdeckte und sagte, ich sei nicht gekommen, ihm wegen der alten Sachen, die nun hoffentlich vergessen seien, die geringste Ungelegenheit zu machen, sondern blos um mich als seine Schwester an ihn zu wenden und um das in Empfang zu nehmen, was meine Mutter für mich hinterlassen hätte, wobei ich an seiner Aufrichtigkeit nicht zweifelte, besonders, wenn er betrachte, daß ich deswegen die weite Reise gemacht hätte.

Ich ließ einige zärtliche Worte betreffs seines Sohnes mit einfließen, welcher doch mein eigenes Kind wäre, und den ich sehnlichst zu sprechen verlangte, in der Hoffnung, er werde es mir erlauben, da wir doch beide an der verbotenen Ehe unschuldig gewesen wären. Ich könnte die mütterlichen Gefühle für mein Kind nicht unterdrücken, obgleich es mich weder auf die eine noch auf die andere Art kenne.

Das war der Inhalt meines Briefes. Ich stellte mir nun vor, daß er ihn gleich seinem Sohne zu lesen geben würde, da doch seine Augen so schwach waren, daß er ihn selber nicht lesen konnte. Allein es kam noch besser, als ich gedacht hatte, denn er hatte seinem Sohne schon lange erlaubt, alle an ihn gerichteten Briefe zu öffnen, und als der meine ankam, war der Vater eben nicht zu Hause, so daß mein Sohn den Brief selbst in Empfang nahm und ihn las.

Er rief den Boten zu sich und fragte ihn, wo die Person sei, die ihm den Brief gegeben habe. Der Bote deutete ihm den Ort an, der ungefähr sieben Meilen von dort lag. Er ließ ihn warten, sattelte sein Pferd und ritt mit zwei Knechten und dem Boten zu mir hin. Nun kann man sich denken, wie ich mich entsetzte, als mein Bote wiederkam und sagte, der alte Herr sei nicht zu Hause gewesen, der Sohn aber sei mit ihm gekommen und stünde vor der Tür. Ich wurde ganz verwirrt, denn ich wußte nicht, ob das Frieden oder Krieg bedeuten, und wie ich mich dabei benehmen sollte. Doch ich hatte nur wenig Zeit darüber nachzudenken, denn mein Sohn folgte dem Boten auf dem Fuße nach und trat in meine Stube, fragte aber den Boten an der Tür etwas, vermutlich, ob ich die Person sei, die ihn gesandt habe, denn der Bote antwortete: Da ist sie selbst, mein Herr!

Hierauf kam er auf mich zu, küßte mich und nahm mich in die Arme, ich fühlte sein Herz klopfen wie bei einem kleinen Kinde, das vor Seufzen und Schluchzen nicht weinen kann. Wir weinten eine Weile laut vor Freude.

Nachdem wir uns etwas erholt hatten und imstande waren zu reden, erzählte er mir, wie alles gekommen sei. Er habe seinem Vater meinen Brief nicht gezeigt, noch etwas davon gesagt. Was seine Großmutter mir hinterlassen, habe er in Händen und wolle mir völlig Genüge leisten. Sein Vater sei alt und schwach, sowohl geistig wie körperlich, wunderlich, störrisch, mürrisch, fast blind und zu nichts mehr nutze, ja es wäre zweifelhaft, ob er wissen würde, sich in einer so heiklen Sache wie diese zu benehmen; darum sei er selbst hergekommen, sowohl um das Vergnügen zu genießen mich persönlich zu sehen, als auch um mir anheimzustellen, ob es, nachdem ich alles wohl überlegt hätte, ratsam sei, mich seinem Vater zu entdecken.

Dies war alles so klug und vernünftig angefangen, daß ich meines Sohnes Verstand bewundern mußte und nicht nötig hatte, ihm Unterricht zu geben. Ich sagte ihm, es wundere mich nicht, daß sein Vater so sei, wie er ihn beschrieben habe, zumal er schon damals nicht ganz richtig im Kopfe gewesen wäre, als ich ihn verlassen hätte, seine Hauptkrankheit sei darüber ausgebrochen, weil ich nicht ferner bei ihm bleiben wollte, als ich erfahren hatte, daß er mein Bruder sei. Da nun aber mein Sohn jetzt besser wissen müsse, wie es mit ihm beschaffen sei, so wollte ich mich nach seinem Willen richten, es wäre mir auch gleich, ob ich den Vater sähe oder nicht, da ich doch den Sohn gesehen hätte. Es wäre mir sehr angenehm, daß mein mütterlicher Nachlaß in seinen Händen sei, den er mir nun, da er mich als seine Mutter anerkenne, nicht vorenthalten wolle. Ich fragte hierauf, wie lange meine Mutter schon tot sei, und wo sie gestorben. Nebenbei sagte ich ihm noch so viele besondere Umstände von unserer Familie, daß er nicht den geringsten Zweifel an meiner Person hegen konnte.

Mein Sohn fragte mich, wo ich mich aufhielte und wie ich lebte. Ich sagte ihm, mein Aufenthalt sei jenseits des Meerbusens in Maryland auf der Plantage eines besonders guten Freundes, der mit mir auf demselben Schiffe aus England herübergekommen wäre. Er sagte mir, ich sollte mit ihm nach Hause gehen und bei ihm leben, solange es mir gefiele. Sein Vater könne niemanden mehr erkennen und würde gar nicht auf mich kommen.

Ich überlegte ein wenig und sagte endlich, obgleich es mir kein geringes Herzeleid machte, so weit entfernt von ihm zu wohnen, ich könnte es doch nicht für gut halten, mit ihm in einem Hause zu sein und den unglücklichen Gegenstand allemal vor Augen zu haben, wodurch meine Ruhe ehemals so jämmerlich gestört worden wäre. Seine Gesellschaft würde zwar für mich die angenehmste von der Welt sein, allein ich würde mich doch stets zwingen müssen, damit ich mich in meinen Reden nicht verriete, ja es wäre fast unmöglich, im Umgange mit ihm so vorsichtig zu sein, ohne daß ein paar Worte mit unterlaufen könnten, wodurch die Sache ans Licht käme und noch viel ärger würde.

Er gab zu, daß ich hierin recht hätte, aber er sagte: Meine herzliebe Mutter, wenn du nicht bei mir bleibst, so sollst du mir doch so nahe wie möglich sein. Darauf setzte er mich vor sich auf das Pferd und brachte mich nach einer Pflanzung, die nahe an der seinen lag, wo ich so gut bewirtet wurde, als wenn ich in seinem Hause gewesen wäre. Hier ließ er mich, ging nach Hause und versprach, mir am nächsten Tage Rechnung zu legen. Er nannte mich vor den Leuten Frau Base und befahl ihnen, es waren dem Anschein nach seine Pächtersleute, mir mit aller Hochachtung und Diensteifrigkeit zu begegnen. Etwa zwei Stunden nach seinem Abschied sandte er mir eine Dienstmagd und einen Negerjungen, die mir aufwarten mußten und die auch mein Abendessen völlig zubereitet mitbrachten. So war ich sozusagen in eine neue Welt gekommen und wünschte fast, ich hätte meinen Mann aus Lancashire gar nicht aus England mitgebracht.

Doch war es mir mit diesem Wunsche nicht recht ernst, denn ich liebte diesen Mann von ganzer Seele noch wie im Anfange, und er verdiente es auch, wenn es überhaupt einer in der Welt verdiente. Doch dies sei nur nebenbei gesagt.

Am folgenden Tage besuchte mich mein Sohn ganz früh, als ich kaum aufgestanden war. Nach einem kleinen Gespräch zog er einen hirschledernen Beutel hervor und gab mir ihn. Es waren 55 spanische Pistolen darin, und er sagte, das sollten meine Reisekosten von England sein, denn obwohl es sich für ihn nicht schicke danach zu fragen, so könnte er sich doch denken, daß ich nicht viel Geld mitgebracht hätte, zumal es auch nicht Brauch sei, ein Vermögen nach Amerika zu bringen. Zunächst zeigte er mir das Testament seiner Großmutter und las es mir vor.

Es ging daraus hervor, daß sie mir eine Pflanzung am Yorckfluß samt allen dazugehörigen Knechten, Mägden, Vieh usw. vermacht und die Verwaltung meinem Sohne aufgetragen hatte, falls etwa Nachricht von mir, meinen Erben und anderweitigen Kindern einlaufen sollte, in deren Ermangelung aber sollte mir freistehen, solche Erben zu ernennen, wie es mir gefällig wäre. Das Einkommen von dieser Pflanzung dagegen sollte mein genannter Sohn so lange genießen, bis ich mich melden würde, und im Falle ich nicht lebte, hätten er und seine Erben das Gut als ihr Eigentum anzusehen.

Obwohl diese Pflanzung weit von hier lag, hatte mein Sohn sie doch nicht verpachtet, sondern hielt dort einen Verwalter wie auch auf einer andern nahe dabei gelegenen Pflanzung, die seinem Vater gehörte, und reiste etwa drei- bis viermal im Jahre hinüber, um Abrechnung zu halten. Da er nun merkte, daß ich mich lieber jenseits des Meerbusens niederlassen wollte, oder vielleicht Lust hätte wieder nach England zu gehen, so erbot er sich, mein Verwalter zu sein und die Pflanzung so ordentlich zu halten, wie er es bisher für sich selbst getan, dabei meinte er, ich könnte wohl durchschnittlich das Jahr für 100 Pfund Tabak und bisweilen mehr daraus ziehen.

Ich sagte ihm, was die Erbschaft beträfe, so hätte ich kein Kind in der Welt als ihn, und sei nun in einem solchen Alter, daß ich keines mehr bekommen würde, wenn ich auch wieder heiraten sollte, bat ihn deshalb, daß er ein Schriftstück ausfertigen lassen möchte, worin ich ihn und seine Nachkommenschaft zu Erben der Pflanzung nach meinem Tode einsetzte, fragte ihn auch zugleich lächelnd, warum er so lange unverheiratet geblieben sei.

Seine Antwort war, es fänden sich in Virginien die Frauen nicht in solcher Menge wie in England, doch da ich wieder dorthin wollte, so bäte er mich, ihm eine gute Frau auszusuchen.

Ich blieb hier über fünf Wochen und hatte viel Mühe, um wieder wegzukommen. Ich mußte in seiner eigenen Schaluppe, welche als Jacht gebaut war, hinüberfahren. Dies nahm ich an und nach vielen Versicherungen beiderseitiger Liebe und Treue reiste ich ab. Ich erzählte meinem Manne alle Umstände dieser Reise, nur daß ich meinen Sohn einen Vetter nannte.

Im zweiten Jahre unseres Aufenthalts an diesem Orte schrieb ich an meine alte Hofmeisterin und erzählte ihr von unserer Freude und unserm Glück, trug ihr dabei auf, wie sie die übrigen bei ihr stehenden 250 Pfund anlegen und uns gewisse Waren dafür herübersenden sollte, was sie auch mit aller Bereitwilligkeit und Treue ausführte.

Die ganze Ladung kam in gutem Zustande an und mit ihr drei Mägde, starke frische Menschen, die mir meine alte Hofmeisterin ausgesucht hatte und die recht geschickt zur Arbeit waren. Die eine hatte sich unterwegs von einem Matrosen schwängern lassen, noch ehe sie bis Gravesend gekommen war, wie sie mir nachher gestand und brachte etwa sieben Monate nach der Landung einen kräftigen Jungen zur Welt.

Man kann sich leicht denken, daß sich mein Mann nicht wenig über die Ankunft der Ladung aus England verwunderte, worüber er mich auch eines Tages befragte: Mein Schatz, sagte er, wo will das hinaus? Ich fürchte, du wirst uns tief in Schulden bringen. Wann werden wir soviel Vermögen haben, das alles zu bezahlen?

Ich lachte und versicherte ihm, das sei schon alles bezahlt, gab ihm auch zu verstehen, daß ich in Anbetracht dessen, was uns auf der Reise begegnen konnte, und anderer Umstände wegen nicht mein ganzes Kapital mit mir genommen, sondern einen großen Teil davon in guten Händen gelassen hätte, und das hätte ich mir nun, da wir glücklich angelangt wären und uns einigermaßen eingerichtet hätten, auf diese Weise wie er sehe, kommen lassen.

Er stutzte und zählte an den Fingern: erstlich am Daumen 246 Pfund an Geld, dann an dem Zeigefinger zwei goldene Uhren, Diamantringe und Silbergerät, dann am Mittelfinger eine Plantage am Yorckfluß mit einem jährlichen Einkommen von 100 Pfund, an dem Goldfinger 150 Pfund in barem Gelde, an dem kleinen Finger eine Ladung, die in England 250 Pfund kostet und hier zweimal soviel wert ist. Ich will denjenigen sehen, der da sagen kann, ich sei betrogen worden, als ich mich in Lancashire verheiratete; ich bin der Meinung, daß ich damals eine reiche, ja eine sehr reiche Partie gemacht habe.

Nachdem ich mich ein Jahr still zu Hause gehalten hatte, ging ich abermals über den Meerbusen, meinen Sohn zu besuchen und die Einkäufe des verflossenen Jahres abzuheben, wo ich gleich bei meiner Landung vernahm, daß mein Bruder und ehemaliger Mann verstorben und etwa vierzehn Tage zuvor begraben worden war. Dies war mir, ich muß bekennen, keine unangenehme Nachricht, denn nun konnte ich mich als eine verheiratete Person sehen lassen.

Ich muß noch bemerken, daß ich meinem Manne, sobald mein Bruder tot war, offenherzig die ganze Sache erzählte und auch den Vetter, wofür ich ihn erst ausgegeben hatte, als meinen Sohn anerkannte. Mein Mann machte sich nichts daraus, sondern sagte, er wäre auch zufrieden gewesen, wenn der Alte noch am Leben geblieben wäre, denn, sprach er, es war weder deine noch seine Schuld, es war ein Irrtum, für den keines etwas konnte. Auf solche Art lief es endlich ganz gut mit allen Schwierigkeiten ab, und wir lebten miteinander in der erdenklichsten Zuneigung und im höchsten Glücke bis ins späte Alter hinein.

Nachdem wir uns noch länger in Virginien aufgehalten hatten, als die mir vorgeschriebene Frist erforderte, und wir ungeachtet aller beschwerlichen Reisen, auch sonstigen vielen Ungemachs und Jammers beide noch ziemlich rüstig und gesund waren, stand uns der Sinn doch zuletzt wieder nach Europa, und zwar eigentlich nach Irland, woher mein Mann stammte. Er war 68 und ich 70 Jahre alt, als wir uns entschlossen, unsere Angelegenheiten in Virginien in solchen Zustand zu bringen, daß wir ein ansehnliches Kapital daraus schlagen und uns damit auf die Reise begeben konnten.

Wir verkauften unsere Ländereien und segelten ohne einigen Aufenthalt nach Kinsale in Irland, wo wir glücklich an Land kamen und uns nach der Stadt Gallway begaben, wo mein Mann geboren war. Hier kauften wir uns einige Ländereien und lebten noch zwei Jahre in aller Ehrbarkeit und Glückseligkeit zusammen. Nach deren Ablauf wollte es das Schicksal, daß mir mein Mann – dessen eigentlicher Name Patrick Carrol war – durch den Tod entrissen und ich zum letzten Male eine betrübte Witwe wurde.

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