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Moll Flanders

Daniel Defoe: Moll Flanders - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleMoll Flanders
authorDaniel Defoe
translatoranonymus
firstpub1722
year1919
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMoll Flanders
pages1-489
created20060719
sendergerd.bouillon
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Am nächsten Tage war meine Alte sehr eifrig beschäftigt diesen Herrn ausfindig zu machen. Die Beschreibung, die ich ihr von seiner Kleidung, seiner Person, seinem Aussehen machte, brachte sie auf die Spur; sie schwieg eine Weile, dann sagte sie, sie wolle hundert Pfund wetten, wenn es nicht der und der sei.

Es sollte mir leid tun, sprach ich, wenn die Sache ans Licht käme. Es ist ihm bereits Unrecht genug geschehen, ich möchte nicht die Ursache sein, daß ihm noch mehr widerführe.

Nein, nein, antwortete sie, ich will ihm nichts tun, aber laßt mir nur meinen Willen, wenn es der ist, den ich meine, so will ich ihn schon ausfindig machen.

Sie fing die Sache auf andere Art an, ohne mir etwas davon zu sagen, und war entschlossen, hinter das Geheimnis zu kommen. Danach begab sie sich zu einer Bekannten, die in dem Hause aus- und einging, auf das ihre Gedanken gerichtet waren, sagte ihr, sie hätte etwas Besonderes an den Herrn des Hauses zu bestellen, welcher ein Baron von vornehmer Herkunft war, wüßte aber nicht, wie sie es anstellen sollte, es wäre denn, daß sie von jemandem eingeführt würde. Die Freundin versprach ihr, daß sie es tun wolle, ging auch alsbald hin und erkundigte sich, ob der Herr in der Stadt sei.

Am folgenden Tage kam die Freundin zu meiner Hofmeisterin und brachte ihr Bescheid, der Herr Baron sei zu Hause, es sei ihm aber etwas Seltsames begegnet, und er befände sich so schlecht, daß ihn niemand sprechen könne.

Was ist ihm denn geschehen? fragte meine Alte. Nun, er ist in Hamstead gewesen und hat einen guten Freund besucht; auf dem Rückwege aber haben ihn die Straßenräuber in der Mache gehabt und ihm, da er zuviel getrunken, übel mitgespielt, so daß er nun sehr krank darniederläge.

Haben sie ihm auch etwas abgenommen? fragte die Alte.

Ach ja, sagte die andere, sie haben ihm eine goldene Uhr, eine goldene Tabaksdose, seine schöne Perücke und einen wertvollen Beutel mit Gold gestohlen, denn er hätte jederzeit eine stark gefüllte Börse bei sich.

Ach was, sagte die Alte spöttisch, ich will wetten, daß er betrunken gewesen ist und ein Frauenzimmer bei sich gehabt hat, die ihm die Taschen ausgeraubt hat. Nun kommt er nach Hause und macht der Frau weis, er sei beraubt worden; das ist das alte Lied, womit sich die armen Frauen heutzutage gar oft müssen abspeisen lassen.

Pfui, sagte die Freundin, es scheint wohl, daß ihr den Herrn Baron gar nicht kennt. Er ist ein tugendhafter Herr, und niemand in der ganzen Stadt ist so sittsam und zurückhaltend wie er. Vor solchen Dingen hat er einen Ekel, und wer ihn kennt, wird solches nicht von ihm denken.

Schon gut, sprach die Alte, es geht mich nichts an, die Mannsleute, welche vor den Leuten so züchtig sind, machen es oft nicht besser als andere, nur daß sie den Schein nach außen hin mehr wahren, oder besser, daß sie geschickter heucheln können.

Nein, nein, antwortete jene, ich kann euch versichern, der Herr Baron ist kein Heuchler, er ist wirklich ein ehrbarer, sittsamer Kavalier und ganz gewiß in den Händen der Straßenräuber gewesen.

Es mag wohl sein, sprach die Alte, was geht es mich an, ich wollte nur gern die Ehre haben, mit ihm von einer ganz anderen Sache zu reden.

Die Sache, sprach die andere, mag sein wie sie will, ihr könnt jetzt nicht mit ihm sprechen, denn er läßt sich nicht sehen, weil er gefallen und übel zugerichtet ist.

So muß er in schlimmen Händen gewesen sein, sagte die Alte. An welcher Stelle ist er denn verwundet worden?

Am Kopfe, sagte die Freundin, an der Hand und im Gesicht, sie sind barbarisch mit ihm umgegangen.

So muß ich wohl noch lange Geduld haben, bis es besser mit ihm geworden ist, hoffentlich wird es nicht allzu lange dauern.

Meine Hofmeisterin erzählte mir darauf, was vorgefallen war und wie sie meinen Galan entdeckt habe, der übel daran sei, wie sie aber in aller Welt nicht begreifen könne, was ich mit ihm gemacht hätte, zumal er fast tödlich verwundet darniederläge.

Ich war bestürzt und sagte, sie müsse sich in der Person irren, ich wüßte nichts von Wunden, ich hätte ihm keinerlei Übel zugefügt, sondern ihn bei gutem Wohlsein gelassen, obwohl er betrunken und in tiefem Schlaf gewesen sei. Das muß geschehen sein, nachdem ich von ihm weggegangen, denn bis dahin fehlte ihm noch nichts.

Etwa zehn Tage danach begab sich meine Hofmeisterin wieder zu ihrer Freundin, damit sie mit dem Herrn Baron sprechen könnte, und sie wurde auch, da es nunmehr besser mit ihm ging, an demselben Tage vorgelassen. Meine Alte wußte ihre Sache trefflich vorzubringen. Sie machte ihre Sache viel besser, als ich es beschreiben kann, denn sie hatte ein unvergleichliches Maulwerk. Sie sagte, sie käme als eine Unbekannte, um ihm einen Dienst zu erweisen, und er würde finden, daß sie keine andere Absicht dabei hätte. Sie gab ihm nach einigen Umschweifen zu verstehen, wie sie nämlich zufällig einige besondere Umstände von seiner letzten Geschichte erfahren hätte und zwar auf solche Art, daß niemand in der Welt davon wisse als er und sie, sogar nicht einmal die Person, die bei ihm gewesen sei.

Er wurde leichtlich böse und fragte: Welche Angelegenheit?

Sie sagte: Mein Herr Baron, die Begebenheit, als ihr von der Ritterbrücke, ich wollte sagen von Hamstead, gekommen und beraubt worden seid. Der Herr möge sich nicht wundern, aber sie könne ihm jeden Schritt sagen, den er an diesem Tage getan, nämlich von den Gärten in Smithfield nach dem Springgarten an der Ritterbrücke und von da nach . . . am Strand. Sie wüßte auch, wie ihn im Wagen der Schlaf überfallen habe und so weiter. Der Herr möge sich darüber nicht wundern, denn sie komme ja nicht, um etwas von ihm zu holen, sondern nur um ihm zu versichern, daß die Frauensperson, die bei ihm gewesen, nicht weiß, wer der Herr ist, und es auch nimmer wissen soll. Dessenungeachtet möchte sie ihm noch weiter dienen können, zumal sie nicht blos deswegen hergekommen, dem Herrn zu melden, daß sie um alle diese Dinge wisse und etwas dafür begehre, sondern sie vielmehr geheim halten wolle, und der Herr Baron möge versichert sein: was sie wisse, soll bei ihr begraben sein.

Er entsetzte sich hierüber und sagte ganz ernsthaft: Gute Frau, ihr seid mir unbekannt, aber es ist seltsam, daß gerade ihr die schlimmste Tat meines ganzen Lebens wissen solltet, weswegen ich mich genug schäme und bisher dabei den Trost gehabt habe, daß niemand als Gott und mein eigenes Gewissen Zeugen derselben gewesen sind.

Ich bitte euch, Herr Baron, sprach die Alte, seht das nicht als euer Unglück an, daß ich darum weiß. Ich glaube, ihr seid ganz unschuldigerweise dazu gekommen, und vielleicht hat die Frauensperson besondere Künste gebraucht, um euch anzufeuern. Dem sei nun wie ihm wolle, es soll den Herrn nimmer gereuen, daß die Sache mir kund geworden ist, sein eigener Mund kann nicht so verschwiegen sein, wie es der meine ist und auch bleiben soll.

Aber ich muß dem Frauenzimmer, sprach er, wer sie auch sein mag, zu ihrer Ehre nachsagen, daß sie gar keine Künste angewandt, sondern mich vielmehr von meinem Vorhaben abgehalten hat. Meine eigene Torheit und Schwäche haben mich dazu gebracht, ja sie ist selbst durch mich verführt worden; ich will ihr kein Unrecht tun. Was aber die Sachen betrifft, die sie mir weggenommen hat, so konnte ich mir bei meinem damaligen Zustande nichts anderes versehen, ja ich weiß bis zu dieser Stunde noch nicht, ob ich von ihr oder von dem Kutscher bestohlen worden bin. Hat sie es getan, so vergebe ich es ihr und denke dabei, so sollte es mit Recht allen Leuten ergehen, die sich auf solchen Weg begeben, allein ich bekümmere mich um etwas anderes mehr als um das, was sie mir entwendet hat.

Nunmehr kam meine Hofmeisterin völlig hinter die Sache, und sie sprach offen mit ihm. Sie gab ihm zu verstehen, es sei ihr lieb, daß er solch gerechte Gedanken über die Person hege, die bei ihm gewesen war. Sie versichere ihm, daß er es mit einer rechtschaffenen Frau und mit keiner Straßendirne zu tun gehabt hätte, welche, obwohl sie ihm zu Willen gewesen, doch kein Gewerbe daraus mache. Ihr habt, sprach sie, euch in große Gefahr begeben, aber, mein Herr Baron, wenn ihr deswegen bekümmert seid, so kann ich euch beteuern, daß die Person von keinem Manne berührt worden ist, seitdem sie Witwe ist, und das ist nun acht Jahre her.

Es schien wohl, daß dies die größte Ursache seines Kummers war. Deswegen wurde er froh, als die Alte ihm das ausredete, er sagte, er wolle den andern Verlust gern verschmerzen, wenn er nur hierüber beruhigt sein könnte. Denn die Versuchung war groß und die Person vielleicht arm und bedürftig. Aber wohl bekomme es ihr! Ich sage noch einmal, alle Kavaliere, die es so machen, sollten solchen Lohn empfangen, dann würden sie gewitzter werden. Ich bekümmere mich um weiter nichts als um diesen einen Punkt, den ihr genannt habt. Hierauf erzählte er der Alten umständlich, was zwischen uns vorgefallen war, und was ich nicht beschreiben mag. Er entdeckte ihr die Angst, in der er geschwebt, daß er seiner Frau etwas Schlimmes mit nach Hause gebracht hätte, fragte dabei, ob sie ihm keine Gelegenheit verschaffen könnte, mit mir zu sprechen.

Meine Alte versicherte ihm abermals, daß er von mir gar nichts zu befürchten hätte und meinetwegen so sicher sein könnte, als ob er bei seiner eigenen Frau gelegen hätte. Allein mich zu sprechen dürfte wohl gefährliche Folgen haben, dennoch wolle sie sich bei mir erkundigen und ihn meine Meinung wissen lassen, widerriet es ihm aber unter dem Vorwand, es könne ihm zu nichts dienen, da er doch einerseits hoffentlich keine Lust haben würde die Bekanntschaft fortzusetzen, und weil ich andererseits mein Leben dadurch in seine Hände gäbe.

Es wurde nun zunächst von den verlorenen Sachen gesprochen, wobei er besonders zu verstehen gab, daß er gern seine goldene Uhr wieder haben möchte mit dem Versprechen, daß er den Wert der Uhr gern bezahlen wolle, wenn er sie nur wiederbekäme.

Die Alte sagte, sie wolle sich bemühen, die Uhr zu bringen und ihm anheim stellen, sie so hoch zu schätzen, wie es ihm beliebte.

Dieser Verabredung zufolge brachte sie ihm die Uhr am andern Tage, und er gab ihr 30 Guineen dafür, das war mehr, als ich daraus gelöst hätte, obgleich sie mehr gekostet haben mochte. Er gedachte auch der Perücke, welche er, wie es schien, für 60 Guineen gekauft hatte, erwähnte auch dabei seine Tabaksdose. Die Alte brachte beides nach ein paar Tagen zu ihm und empfing nebst vielem Dank noch 30 Guineen. Kurz darauf schickte ich ihm den schönen Degen und das Spanische Rohr umsonst, ohne etwas dafür zu verlangen, hatte aber keine Lust ihn zu sehen, damit er nicht merken sollte, daß ich ihn kannte, was ihm wohl nicht angenehm gewesen wäre.

Danach kam er mit der Hofmeisterin in ein langes Gespräch und wollte wissen, woher sie alles erfahren hätte. Sie war nicht faul und erdichtete eine ganze Fabel, wie sie es dadurch zu wissen bekommen, daß ich mit einem Menschen darüber gesprochen hatte, um Abnehmer für die Sachen zu suchen. Dieser aber hätte ihr alles zugetragen, weil sie Geld auf Pfänder ausleihe. Da sie nun inzwischen von dem Unfall des Herrn Baron gehört habe, so sei ihr es gleich klar gewesen, die Sachen müßten ihm gehören, deshalb habe sie den Versuch machen wollen. Schließlich versicherte sie ihm abermals, daß sie reinen Mund halten und mir niemals sagen würde, wer er sei, allein dies war gelogen. Doch geschah ihm dadurch kein Eintrag, denn ich sagte es keinem Menschen weiter.

Es ging mir immer im Kopf herum, daß er mich zu sehen verlangt hatte, und es gereute mich fast, daß ich es abgeschlagen hatte. Ich dachte, wenn ich ihn sehen würde, würde es mir vielleicht zum Vorteil gereichen und mir vielleicht einen Unterhalt verschaffen, zumal wenn er merkte, daß ich ihn kenne. Obgleich auch diese Lebensart gottlos war, so schien sie mir doch lange nicht so gefährlich wie die Spitzbüberei. Doch blieb es für diesmal dabei, und ich ließ mir die Lust vergehen. Hingegen besuchte meine Hofmeisterin ihn oft, und er war ihr so gewogen, daß er sie fast jedesmal beschenkte, wenn sie zu ihm kam. Einmal fand sie ihn sehr aufgeräumt und dem Anschein nach ein wenig berauscht. Da fing er wieder davon an, sie möchte ihn doch die Person sehen lassen, die ihn damals in der Nacht so bezaubert hätte. Meine Alte, die von Anfang an nichts anderes gewünscht hatte, obgleich sie es sich nicht merken ließ, sagte endlich, da er so begierig danach sei, dürfte sie es ihm wohl nicht weiter versagen, wenn sie mich nur dazu bewegen könne. Sie fügte hinzu, wenn es ihm gefällig wäre, am Abend bei ihr vorzusprechen, so wollte sie ihr bestes tun, doch mit der wiederholten Versicherung, daß alles Vergangene vergessen und vergeben sein sollte.

Sie kam zu mir und erzählte mir, was vorgefallen war, brachte mich auch gar bald auf ihre Seite, obgleich ich ungern daran wollte. Ich bereitete mich darauf vor ihn zu empfangen, schmückte und putzte mich über alle Maßen und brauchte zum ersten Male Kunstmittel. Ich unterstreiche: zum ersten Male, denn bisher hatte ich mich nie geschminkt sondern mir eingebildet, ich hätte es nicht nötig.

Zur bestimmten Stunde stellte er sich ein, und es verhielt sich so, wie die Alte gesagt hatte: daß er ein wenig angeheitert war, indes nicht betrunken. Er freute sich mich zu sehen und fing ein langes Gespräch wegen der alten Geschichte mit mir an. Ich bat ihn öfters um Verzeihung, soweit ich Schuld hatte, beteuerte, daß ich bei unserer ersten Begegnung dergleichen nicht im Sinn gehabt hätte, und nicht mit ihm ausgefahren wäre, wenn ich ihn nicht für einen vornehmen Herrn gehalten hätte, der mir so viele Male versprochen, nichts Unanständiges mit mir vorzunehmen.

Der Wein diente ihm zur Entschuldigung, daß er selbst kaum gewußt, was er gemacht habe, sonst hätte er sich solche Freiheiten nicht mit mir erlaubt. Er schwur, daß er seit seiner Heirat kein Frauenzimmer außer mir berührt, und daß es ihn ganz plötzlich überkommen hätte, machte mir dabei ein Kompliment, daß es besonders angenehm gewesen sei und dergleichen. Er trieb es mit solchen Reden so weit, daß er neue Lust zu mir bekam. Allein ich wies ihn kurz ab und sagte, ich hätte keinen Mann auf mich kommen lassen, solange mein Witwenstand währte, also nun seit beinahe acht Jahren.

Er sagte, daß er gar nicht daran zweifele, und dies hätte ihm die Frau Hofmeisterin auch schon gesagt, deswegen sei er auch mit solch guter Meinung von mir hergekommen, er dächte aber, weil einmal die Bahn befahren und kein Unglück darauf geschehen sei, so dürften wir es wohl von neuem wagen. Kurz er ging soweit, als ich es erwartete, und tat das, was sich schlecht erzählen läßt.

Meine Alte hatte dieses ebenfalls vorausgesehen und ihn deshalb in ein Zimmer gebracht, in welchem kein Bett stand, es war aber eine Kammer nebenan, in welcher alles schon bereit war. Dahin zogen wir uns zurück und brachten das Werk zu Ende. Endlich legte er sich hin und schlief ein, während ich mich entfernte. Gegen Morgen, als er ausgeschlafen hatte, ging ich aller Kleidung bloß wieder zu ihm und lag ihm noch eine Weile bei.

Als er Abschied nahm, sagte ich, diesmal würde er ungerupft davonkommen.

Er meinte, daß er daran nicht zweifle, griff in seine Tasche und gab mir fünf Guineen, dies war das erste Geld, das ich seit langem auf diese Weise verdient hatte. Er machte mir danach noch öfter Besuche solcher Art, allein es kam nicht zu einem so beständigen Unterhalt, wie ich es wohl gewünscht hätte. Einmal fragte er mich, wie ich zurecht käme, und wovon ich lebte.

Meine Antwort hatte ich schon bereit und sagte, daß ich niemals den Weg gewandelt, auf den er mich geführt hätte, sondern ich hätte mich kümmerlich mit der Nadel ernährt, wobei ich es mir zuweilen hätte sauer werden lassen und mit schmaler Kost vorlieb nehmen müssen.

Er nahm es sich zu Herzen, daß er der erste gewesen, der mich zu einer solchen Lebensart verleitet, auf die ich von selbst niemals gekommen wäre, und daß er nicht nur die Ursache seiner eigenen Sünde, sondern auch der meinigen sei. Bisweilen stellte er sich selbst das Verbrechen und seine besonderen Umstände mit lebhaften Farben vor und beklagte, daß ihn der Wein verführt habe, worauf er über sich allemal selbst das Urteil fällte.

Wenn er diese Einfälle bekam, ging er fort und ließ sich bisweilen vier und mehr Wochen lang nicht blicken. Sobald aber die ernsthaften Gedanken nachließen, traten die leichtfertigen an ihre Stelle, und er kam in vollen Sprüngen zu mir. Das ging so eine Zeitlang fort, und obgleich er mich nicht unterhielt, so war er doch so freigebig, daß ich ohne Arbeit, und was noch besser war, ohne Stehlen ganz gut davon leben konnte.

Allein es nahm auch diese Freude ein Ende, denn nachdem sie etwa ein Jahr gedauert hatte, kam er nicht mehr so fleißig zu mir wie vorher, und blieb nach und nach ganz weg, ohne irgendwelches Mißvergnügen bezeigt zu haben und ohne Lebewohl zu sagen. Also war es mit diesem kurzen Abschnitt meines Lebens vorbei, wobei ich nicht viel gewonnen, sondern nur mehr Grund zur Reue bekommen hatte. Während dieser Zeit blieb ich fast immer zu Hause und ging noch ein Vierteljahr darauf nicht wieder auf Abenteuer aus, solange ich ziemlich zu leben hatte. Da es aber hieran fehlte, und ich mein Kapital anzugreifen Bedenken trug, so mußte mein altes Handwerk wieder heran, und ich betrat das Pflaster aufs neue, sah mich wacker in den Gassen um und hatte auch einen guten Verdienst.

Ich kleidete mich wie eine Bettlerin in die allerschlechtesten Lumpen, die nur zu finden waren, steckte die Nase überall hin, guckte durch alle Fenster und Türen, wohin ich kam. Es gefiel mir aber nicht, weil ich von Natur einen Abscheu vor Schmutz und Lumpen hatte. Meine Erziehung war reinlich gewesen, und das hing mir allenthalben an, deshalb fiel mir diese Verkleidung unter allen am schwersten. Ich dachte gleich bei mir: das wird nicht gut gehen, jeder hat eine Scheu vor den Bettlern und den Leuten graut es vor ihnen. Es kam mir auch so vor, als ob mich alle Leute ansähen und mich nicht nahe an sich herankommen lassen wollten, als möchten sie etwas Schlimmes von mir bekommen. Den ganzen Abend wanderte ich so herum, als ich das erstemal in solcher Verkleidung ausging, und brachte nichts nach Hause als nasse Knochen, schmutzige Kleider und müde Beine. Dennoch schreckte mich dies nicht ab, sondern ich versuchte es noch einmal am folgenden Abend, da ich einen Fang machte, der mich beinahe teuer zu stehen gekommen wäre. Ich stand bei einer Herberge, da kam ein Herr geritten und stieg ab. Weil er aber gern hineingehen wollte, rief er einen Hausknecht, der ihm das Pferd hielte. Der tat es auch, der Herr blieb aber etwas lange im Hause, so daß der Wirt den Knecht rief. Diesem war bange, sein Herr möchte böse werden, deswegen winkte er mir zu und sagte: Da, Frau, haltet das Pferd ein wenig, ich muß hineingehen, wenn der Herr kommt, wird er euch wohl etwas geben.

Gut, sagte ich, nahm das Pferd beim Zügel und schlenderte ganz ehrlich damit nach Hause zu meiner Hofmeisterin.

Für Leute, die sich darauf verstanden hätten, wäre dies wohl eine gute Beute gewesen, wir aber waren ratloser als je ein armer Dieb sein kann, der nicht weiß, was er mit der gestohlenen Sache anfangen solle.

Als ich zu Hause ankam, war meine Hofmeisterin ganz bestürzt, und keine von uns wußte, was wir mit dem Gaul machen sollten. Ihn in einen Stall zu bringen, wäre übel gewesen, denn wir konnten annehmen, daß man das Pferd in der Zeitung beschreiben würde und wir hätten nicht den Mut gehabt, es von dort wieder abzuholen.

Das einzige Mittel war, das Pferd nach einem Wirtshause zu bringen und einen Brief nach der Herberge zu senden mit der Nachricht, das Pferd, das dort verloren gegangen wäre, sei in dem besagten Wirtshause eingefangen worden und dort abzuholen. Die arme Frau hätte das Pferd nicht halten, noch weniger wieder an seinen Ort zurückführen können. Nun hätten wir zwar warten können, bis sich der Eigentümer des Pferdes gemeldet und eine Belohnung darauf ausgesetzt hätte, aber wir mochten es doch nicht wagen.

Dies war demnach ein Raub und auch kein Raub, denn es wurde wenig dabei gewonnen. Die Bettlertracht war mir auch zuwider, weil sie nichts einbrachte und noch dazu ein böses, unglückliches Zeichen war.

Zu der Zeit, als ich in Lumpen einherging, geriet ich in Gesellschaft eines Gesindels, das noch viel ärger war als alles andere, und nach deren Verhältnissen ich mich auch ein wenig erkundigte. Es waren die Kipper und Wipper oder Falschmünzer, die mir zwar etwas Einträgliches anboten, mir aber auch die allergefährlichste Arbeit dabei anwiesen. Wenn ich dabei ertappt worden wäre, hätte man mich lebendig verbrannt. Das wußte ich und ließ deswegen die Hände davon, obwohl sie mir als einer Bettlerin goldene Berge versprachen. Wäre ich eine wirkliche Bettlerin oder auch so verzweifelt wie anfangs gewesen, so hätten sie mich vielleicht dazu beredet, denn was fragt einer nach der Todesart, der nichts zum Leben hat. Aber jetzt war es mit mir anders bestellt und ich hielt von solchen entsetzlichen Dingen nichts, ja der Gedanke, lebendig verbrannt zu werden, erfüllte meine Seele mit Schrecken, das Blut erstarrte mir in den Adern, und der Angstschweiß brach mir aus, daß ich am ganzen Leibe zitterte.

Nach dieser Begebenheit warf ich die Bettlerkleider ab, denn obwohl mir der Vorschlag der Münzer mißfiel, sagte ich es ihnen doch nicht, sondern stellte mich, als ob ich ihn guthieße, und versprach, mich wieder bei ihnen einzufinden. Das aber durfte ich nicht wagen, denn wenn ich ihren Willen nicht getan hätte, so würden sie, ungeachtet aller versicherten Verschwiegenheit meinerseits, doch kurzen Prozeß mit mir gemacht und mir bald hinübergeholfen haben, um sicher und unverraten zu bleiben. Was dies für eine elende Sicherheit ist, mögen diejenigen beurteilen, die da wissen, wie solchen zumute ist, die ihrer eigenen Gefahr durch anderer Leute Mord entgehen.

Pferdestehlen und Geldmachen waren also zwei Dinge, die mir nicht gelingen oder anstehen wollten, ich ließ deshalb meine Finger davon. Meine Tätigkeit schien von einer anderen Art zu sein, denn obgleich auch Gefahr genug dabei war, so paßte die bisher gepflogene Art doch besser für mich, erforderte mehr Kunstgriffe und gab mehr Gelegenheit sich herauszuwickeln, wenn man einmal ertappt werden sollte.

Hierauf hatte ich ein Erlebnis, das von ganz anderer Art war als alle vorigen. Es fiel in einem Spielhause vor nahe beim Coventgarten.

Ich sah verschiedene Leute dort aus- und eingehen und stand eine Zeitlang im Torwege mit einer andern Frauensperson. Da ging ein Kavalier hinein, der etwas mehr bedeuten mußte als andere. Den fragte ich, ob es einer Frau erlaubt wäre da hineinzugehen.

Gewiß, Madame, sagte er, sogar spielen könnt ihr, wenn ihr nur wollt.

Das möchte ich gerade, sagte ich. Darauf erbot er sich mich einzuführen, wenn ich Lust hätte.

Ich folgte ihm bis an die Saaltür, wo er nur hineinsah und zu mir sprach: Seht, Madame, da sitzen die Spieler, und dort könnt ihr euch auch hinsetzen.

Ich guckte hinein und sprach zu meiner Gefährtin: Hier sind lauter Herren, ich mag es nicht wagen.

In diesem Augenblicke rief einer von den Anwesenden: Nur herein, Madame, hier sind lauter ehrliche Spieler, ihr sollt ihnen willkommen sein und könnt setzen, so hoch oder so niedrig ihr wollt.

Ich ging ein wenig näher und sah dem Spielen zu, dann brachte mir jemand einen Stuhl, auf welchen ich mich setzte und dem Würfeln zusah.

Bald darauf sagte ich zu meiner Gefährtin: wir wollen wieder gehen, die Herren spielen zu hoch für uns.

Jedermann zeigte sich höflich gegen uns, und einer unter ihnen machte mir Mut, indem er sich erbot, für alles Unglück, das ich haben sollte, einzustehen.

Ich hoffe, sagte ich, die Herren werden keine Frau betrügen, allein ich mag es doch nicht wagen. Inzwischen zog ich einen Beutel mit Gold hervor, damit sie sehen sollten, daß es mir daran nicht fehlte.

Hernach saß ich noch eine Zeitlang still, bis einer von ihnen scherzend zu mir sagte: Ich sehe wohl, Madame, daß ihr Furcht habt, für euch selbst zu setzen, aber mir hat allemal ein Frauenzimmer Glück gebracht. Ihr sollt nun für mich setzen, wenn ihr es für euch selbst nicht wagen wollt.

Ich erwiderte, daß es mir leid tun würde, wenn ich sein Geld verspielte, obwohl ich sonst wohl Glück zu haben pflegte, aber das Spiel sei zu hoch, daß ich mein Geld nicht daran wagen möchte.

Hier sind zehn Guineen, sagte der Kavalier, setzt sie für mich. Ich nahm das Geld und setzte es, er sah zu. Ich setzte nur einen oder zwei Guineen auf einmal, allein ich verlor allemal. Dann kamen die Würfel an meinen Nachbarn, der Kavalier gab mir noch zehn Guineen und wollte haben, ich sollte fünf auf einmal setzen, ich tat es auch und gewann sie für ihn. Dies gefiel ihm, und er verlangte, ich sollte nun selber Bank halten. Ich hatte Glück, und ich hielt so lange die Bank, bis ich ihm sein Geld wieder gewonnen und eine ganze Handvoll Guineen in meinem Schoß hatte.

Als es so weit geglückt war, bot ich dem Kavalier alles gewonnene Geld an, denn es kam ihm von Rechts wegen zu und war sein Gewinn. Ich verlangte, er solle nunmehr für sich spielen, weil ich das Spiel nicht zum besten verstünde.

Er lachte und sagte, wenn ich nur Glück hätte, käme es nicht darauf an, ob ich das Spiel verstünde oder nicht, ich sollte aber beileibe nicht aufhören. Indes nahm er doch die 15 Guineen des ersten Einsatzes heraus und hieß mich mit dem übrigen spielen. Ich wollte haben, er sollte den Rest zählen, allein er wollte es nicht, sondern sagte, er halte mich für ehrlich, und es bringe immer Unglück, wenn man seinen Besitz zählte, ich sollte nur weiterspielen.

Ich verstand das Spiel sehr gut, obgleich ich es mir nicht anmerken ließ, und ging vorsichtig zu Werke, damit ich einen guten Vorrat in meinem Schoß behalten möchte, von dem ich zuweilen einige Stücke heimlich in die Tasche steckte, doch so, daß es niemand sehen konnte.

Ich spielte lange und hatte viel Glück. Zuletzt, als der Wurf an mir war, setzten wir alle sehr hoch, und ich hielt so lange mit, bis ich beinahe 80 Guineen eingestrichen hatte, wovon ich aber mehr als die Hälfte beim letzten Wurf wieder einbüßte. Als das geschehen war, stand ich auf, denn mir war bange, daß ich alles verlieren könnte, und sagte zu meinem Kavalier, er sollte nun das Geld nehmen und selber spielen, denn ich hätte bis jetzt das meinige dazu beigetragen. Als ich ihm das Geld überreichte, zählte ich es und fand, daß es 63 Guineen waren. Ich würde über hundert gewonnen haben, wenn ich den letzten Wurf nicht getan hätte. Er wollte das Geld nicht eher nehmen, als bis ich mir nach meinem eigenen Gefallen etwas genommen hätte. Ich weigerte mich etwas zu nehmen und stellte es seinem Willen anheim, falls er mir davon etwas zuwenden wolle.

Als die übrigen Herren sahen, daß wir deswegen miteinander stritten, sprachen sie zu ihm, er sollte mir alles geben, aber das wollte ich durchaus nicht annehmen. Da sagte einer, er solle es mit mir teilen, man dürfe vor einer Frau keinen Vorzug haben. Dieser Rat war gut, ich bekam 30 Guineen, ohne die 43, die ich heimlich eingesteckt hatte, was mir jetzt leid tat, weil er sich so freigebig gegen mich bezeigt hatte.

Also nahm ich von ihnen Abschied und brachte 73 Guineen mit nach Hause, worüber sich meine Hofmeisterin wunderte, weil sie nicht gedacht hatte, daß ich soviel Glück im Spiel haben würde. Sie riet mir aber, ich sollte es nicht wieder wagen, und ich folgte ihrem Rat und ging nicht wieder hin. Denn es war mir sowohl wie ihr bekannt, daß man durch die Lust am Spielen leicht alles verlieren könne.

Das Glück hatte mir bisher so gelacht, und ich war samt meiner Alten, die allemal ihren Anteil bekam, so reich geworden, daß diese im Ernst meinte, wir müßten aufhören, wenn das Spiel am besten sei, und uns mit dem begnügen, was wir hätten. Aber ich weiß nicht, welcher Unstern mich führte, denn ich war nun ebenso lässig, diesem Wink zu folgen, wie sie es vormals gewesen war, als ich den Vorschlag machte. Wir ließen demnach zu unserm Unglück die guten Gedanken wieder fahren und wurden dagegen viel verwegener als vorhin, und mein Name wurde berühmter als der aller Spitzbuben, die vor mir gewesen waren.

Bisweilen machte ich einen Streich zweimal, obschon es gegen unsere Regeln verstieß, und dennoch glückte er mir. Allein ich nahm immer eine andere Gestalt an, so oft ich ausging, und befliß mich, immer in einer neuen Figur zu erscheinen.

Einmal, am ersten Weihnachtstage, ging ich meiner Gewohnheit nach gegen Abend aus, um zu sehen, was vorfallen möchte. Ich kam zu eines Goldschmieds Laden in der Foster Allee und sah solche Leckerbissen, denen ich nicht widerstehen konnte. Im Laden war niemand, und es lag sehr viel Silberzeug sowohl im Schaufenster als auch auf dem Stuhl des Gehilfen, welcher kurz vorher hinausgegangen sein mußte.

Ich ging frech hinein und wollte eben lange Finger machen, hätte auch alles fortnehmen und wegschaffen können, ehe jemand im Hause mich gewahr geworden wäre, allein ein dienstfertiger Kerl, der gegenüber wohnte, hatte mich hineingehen sehen und wohl gemerkt, daß niemand im Laden war. Er kam wie der Blitz über die Straße gerannt, ergriff mich, ohne zu fragen, wohin und woher, und rief die Leute im Hause zusammen.

Ich hatte noch nichts im Laden angerührt, sondern soviel Verstand bezeigt, als ich nur den Schatten eines Vorüberlaufenden sah, daß ich mit dem Fuß hart auf den Boden stieß und stampfte, ja eben rufen wollte, als mich der Kerl anpackte.

Mein Mut war allemal am größten, wenn es am gefährlichsten zuging, und ich gab alsobald vor, ich sei gekommen, um ein halbes Dutzend silberne Löffel zu kaufen.

Der Kerl, der mich angefaßt hatte, lachte darüber und brüstete sich mit dem Dienst, den er seinem Nachbarn geleistet hätte, behauptete deshalb kurz, ich sei nicht um zu kaufen sondern um zu stehlen in den Laden gekommen, und machte einen solchen Höllenlärm, daß die Leute aus allen Ecken zusammenliefen. Der Besitzer war indessen aus der Nachbarschaft geholt worden, und ich sagte, es diene zu nichts, solchen Lärm zu machen und hier zu streiten. Der Kerl da beschuldige mich, ich sei zum Stehlen gekommen, das müsse er vor dem Richter beweisen, wohin ich zu gehen verlangte, und wohin er mich begleiten müßte ohne Widerrede. Ich sah schon, daß ich mit dem Kerl fertig werden würde, der mich angegriffen hatte.

Der Herr und die Frau des Hauses waren in der Tat nicht so heftig gegen mich wie dieser Kerl. Der Goldschmied sagte, es könne wohl sein, daß ich ohne böse Absicht in den Laden gekommen wäre, allein es sei doch verdächtig, in einen Laden zu gehen, wenn niemand darin wäre, und er könnte nicht umhin, seinem Nachbarn von drüben Dank zu sagen, auch zu bekennen, daß sein Verfahren mit mir nicht ohne Grund gewesen sei. Dennoch, fügte er hinzu, kann ich nicht behaupten, daß ihr etwas habt fortnehmen wollen, und ich weiß wirklich nicht, was ich bei der Sache tun soll. Das waren ungefähr seine Worte, ich aber drang darauf, mit ihm zum Richter zu gehen, wo ich willig nachgeben wollte, sofern mir etwas bewiesen würde, andernfalls behielte ich mir die Schadenerstattung und mein Recht vor.

Wie sich dies gerade zutrug und eine Menge Menschen vor dem Hause standen, kam ein Richter dahergegangen, welchen der Goldschmied bat einzutreten, um die Sache zu entscheiden.

Das muß ich sagen, der Goldschmied brachte sein Anliegen mit aller Vernunft und Bescheidenheit vor, der Kerl aber, der herübergekommen war und mich angepackt hatte, redete in großem Eifer und mit vieler Hitze, was mir wohl zustatten kam. Nun war die Reihe an mir, und ich erzählte dem Herrn Richter ruhig, daß ich eine fremde Person sei, die neulich aus dem Norden von England nach London gekommen sei und da und da wohne. Ich sei durch diese Straße gegangen und hätte in diesem Goldwarenladen ein Dutzend silberne Löffel kaufen wollen – zum Glück hatte ich gerade einen in der Tasche, den ich herauszog – die zu meinem andern passen sollten, weshalb ich das Muster mitgebracht hätte. Als ich nun hereingekommen wäre und niemanden im Laden erblickt hätte, da hätte ich nicht nur sehr stark mit dem Fuß auf den Boden gestoßen, damit es die Leute im Hause hören sollten, sondern auch mit lauter Stimme gerufen. Es läge zwar sehr viel Silberzeug im Laden umher, aber niemand könne sagen, daß ich auch nur das geringste angerührt hätte. Inzwischen wäre ein Kerl von der Straße hereingekommen und hätte mich mit Gewalt angegriffen, wie ich gerade die Leute im Hause gerufen. Hätte dieser nun wirklich im Sinn gehabt, seinem Nachbarn einen Dienst zu erweisen, so hätte er ja von fern stehen bleiben und stillschweigend abwarten können, ob ich etwas anfassen würde, und hätte mich dann auf frischer Tat ertappen sollen.

Das ist wahr, sagte der Richter, wandte sich nach dem Kerl hin und fragte, ob es sich so verhielte, daß ich mit dem Fuß auf die Erde gestampft hätte.

Er sagte, ich hätte gestampft, aber das wäre wohl nur deswegen geschehen, weil ich ihn hätte kommen sehen.

Halt, sagte der Ratsherr, hier widersprecht ihr euch selbst, denn ihr habt bisher gesagt, daß sie im Laden gewesen, euch den Rücken zugewendet und euch nicht eher gesehen hätte, als bis ihr sie angegriffen.

Es verhielt sich nun zwar so, daß ich mich zum Teil mit dem Rücken nach der Straße gekehrt hatte, weil mein Geschäft es aber erforderte, die Augen allenthalben zu haben, so sah ich ihn wirklich, als er über die Gasse lief, doch hatte er das nicht gemerkt.

Nach einem völligen Verhör erklärte sich der Richter dahin, daß sich der Nachbar geirrt hätte und ich also unschuldig sei. Der Goldschmied gab sich hiermit zufrieden, ebenso seine Frau, und ich wurde entlassen.

Als ich weggehen wollte, rief mich der Richter wieder zurück mit den Worten: Einen Augenblick noch, Madame, wenn es eure Absicht gewesen ist Löffel zu kaufen, so hoffe ich, ihr werdet trotz dieses Irrtums meinem Freunde dennoch euer Geld gönnen.

Ich antwortete alsobald: Gerne, wohlweiser Herr, will ich die Löffel hier kaufen, wenn ich welche finde, die zu dem meinigen passen. Darauf zeigte mir der Goldschmied einige Löffel, die ebenso gemacht waren wie der meine. Ich ließ sie wiegen, und sie kamen auf 35 Schillinge.

Da zog ich meine Geldbörse hervor, um die Löffel zu bezahlen. Es waren darin etwa 20 Guineen, denn ich ging nie ohne eine solche Summe aus, weil ich nicht wissen konnte, was vorfallen möchte, und ich machte die Erfahrung, daß es sowohl in allen andern Fällen wie auch in diesem klug gehandelt war.

Als der Richter mein Geld sah, sagte er: Nun bin ich überzeugt, Madame, daß man euch zu nahe getreten ist, und eben um dieser Ursache willen ermunterte ich euch die Löffel zu kaufen und wollte abwarten, ob ihr sie auch bezahlen könntet, denn hättet ihr kein Geld gehabt, so wäre ich doch argwöhnisch geworden, ob ihr nicht doch des Stehlens wegen in den Laden gekommen wäret, zumal die Leute, die solches im Sinne haben, selten soviel Gold haben als ich bei euch sehe.

Ich lächelte und sagte, ich hätte also einen Teil seiner Gunst meinem Gelde zu verdanken, hoffte aber dennoch, daß er auch andere Ursachen finden möchte, seinen vorhin gegebenen gerechten Ausspruch aufrecht zu erhalten.

Er sagte, es wären freilich andere Ursachen vorhanden, allein diese habe ihn in seiner Meinung bestätigt, und er sei nun ganz gewiß überzeugt, daß mir Unrecht geschehen sei. So wickelte ich mich mit guter Art aus dieser garstigen Sache, die mich auf ein Haar den Hals gekostet hätte.

Es war drei Tage darauf, als ich wiederum etwas wagte, ohne im geringsten an meine vorige Gefahr zu denken, noch eine Warnung daraus zu nehmen. Ich sah eine Haustür offen, ging hinein und steckte zwei Stücke geblümte Seide, die man Brokat nennt und sehr wertvoll ist, zu mir, meinte auch nicht, daß es jemand gesehen haben könnte. Es war kein Laden, auch keines Kaufmanns Lager, sondern sah wie ein gewöhnliches Wohnhaus aus, darin dem Anschein nach ein Mann wohnen mußte, der Weberarbeit tat und sie an die Krämer verhandelte, oder der ein Makler oder Zwischenmeister war.

Um diese unglückliche Begebenheit kurz zu erzählen: es kriegten mich zwei Mägde zu fassen, schrien dabei wacker und zerrten mich in die Stube und verschlossen die Haustür. Ich wollte ihnen gute Worte geben, aber es half nichts. Zwei feurige Drachen hätten nicht giftiger sein können, sie rissen meine Kleider in Fetzen, drohten und schrien, als ob sie mich umbringen wollten. Die Hauswirtin und auch der Hausherr kamen und alle miteinander waren rasend und wütend.

Ich gab dem Herrn gute Worte, sagte, die Tür sei offen gewesen, die Sachen hätten mich in Versuchung geführt, ich sei arm und elend, der Mangel sei eine solche Plage, der nur wenige widerstehen könnten, ich bäte ihn deshalb unter Tränen, großmütig zu sein und Mitleid mit mir zu haben.

Die Frau wurde zur Barmherzigkeit bewegt und war geneigt mich loszulassen, hatte auch bereits ihren Mann dazu beredet, aber die garstigen Mägde liefen, ehe man ihnen dazu Auftrag gegeben hatte, und holten einen Wachtmeister. Als dieser ankam, sagte der Herr des Hauses zu mir, er könne nun nicht wieder zurück, ich müßte zum Richter gehen, seiner Frau aber gab er zu verstehen, wenn er mich losließe, so könnte er leicht selbst deswegen Ungelegenheiten bekommen.

Die Gegenwart des Wachtmeisters nahm mir allen Mut, und ich hätte in die Erde sinken mögen. Ich fiel in Ohnmacht, und jedermann dachte, ich würde den Geist aufgeben. Die Frau im Hause redete mir abermals das Wort und bat ihren Mann, mich doch gehen zu lassen, weil doch nichts gestohlen worden wäre. Ich erbot mich, die beiden Stücke Seide zu bezahlen, sie möchten kosten, was sie wollten, obgleich ich sie nicht bekommen hätte, stellte ihm auch vor, da er von seinen Waren nichts verloren hätte, so würde es eine Grausamkeit sein, meinen Tod zu verursachen und nach meinem Blute zu trachten eines bloßen Versuches wegen, den ich gemacht hätte. Ich führte dem Wachtmeister zu Gemüte, daß ich keine Türen erbrochen und nichts weggetragen hätte. Als ich zum Richter kam und dort diese Umstände vorbrachte, hätte mich dieser beinahe losgelassen, aber die erste freche Magd, die mich angepackt hatte, behauptete, daß ich mit den Waren schon hätte zum Hause hinauswollen, wenn sie mich nicht aufgehalten und zurückgezogen hätte. Dieser einzigen Sache wegen mußte ich daran glauben und nach Newgate wandern, in das entsetzliche Gefängnis, worüber mein Blut erstarrt, wenn ich nur daran denke oder den Namen nenne, nach dem Orte, wo meine Mutter soviel Elend ausgestanden hatte und wo ich zur Welt gekommen war, woraus es kein Entrinnen gab als durch einen schändlichen Tod, nach dem Orte, der meiner schon so lange wartete und dem ich nur durch große Kunst und Geschicklichkeit so lange entgangen war.

Hier saß ich nun fest, und der Schrecken meiner Seele läßt sich unmöglich beschreiben. Ich hielt mich selbst für verloren, dachte an nichts anderes als aus der Welt zu scheiden, und zwar auf die allerschmählichste Weise. Der höllische Lärm, das Geschrei, das Fluchen und Geplärre, der Gestank und der Unflat nebst andern greulichen jämmerlichen Dingen, die ich dort sah, ließen mir den Ort als ein Abbild der Hölle selbst erscheinen oder wenigstens wie der Eingang zu derselben.

Nun überdachte ich die vielfachen Warnungen, die ich oben erwähnt, die mir die gesunde Vernunft, mein reichliches Auskommen und die öftere Gefahr, in der ich geschwebt, an die Hand gegeben, und die mir geraten hatten aufzuhören, als das Spiel noch am besten stand. Ich verzieh mir nicht, daß ich diesem allem entgegengehandelt und mein Herz gegen alle Furcht verhärtet hatte; es kam mir vor, als ob mich ein unvermeidliches Schicksal in dieses Elend gestürzt hätte, daß ich nun alle meine Missetaten an dem Galgen büßen, daß ich jetzt mit meinem Blute der Gerechtigkeit Genüge leisten und zugleich mit der letzten Stunde meines Lebens auch die letzte meiner Gottlosigkeit erwarten müßte. Diese Gedanken machten mein Gemüt verwirrt und begruben mich mit Schwermut und Verzweiflung.

Nichts Entsetzlicheres könnte man sich vorstellen als diesen greulichen Ort, nichts war mir verhaßter als die dortige Gesellschaft. Da hätte man nur sehen sollen, wie die abgehärteten Bösewichter, die schon dort waren, über mich triumphierten.

Ei, sprachen sie, ist Moll Flanders nun endlich doch nach Newgate gekommen! Ja, auch die Molly hat es erwischt! Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, ich müßte den Teufel im Bunde gehabt haben, daß ich mich so lange hätte halten können, sie hätten mich schon seit etlichen Jahren erwartet, und nun sei ich endlich gekommen! Darauf höhnten sie mich, hießen mich willkommen, wünschten mir Glück zu meinem neuen Wohnort, hießen mich guten Mutes sein, vielleicht hätte es keine Not mit mir, und dergleichen. Endlich ließen sie Branntwein holen, tranken mir zu und stellten ihn auf meine Rechnung, denn sie sagten, ich wäre ein Neuankömmling in ihrer Versammlung und würde ganz gewiß Geld haben. Dabei sangen sie ein lustiges Diebeslied, das einer in Newgate verfaßt hatte.

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