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Moderne Piraten

Hans Dominik: Moderne Piraten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleModerne Piraten
publisherGebrüder Weiß
yearo.J.
firstpub1929
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5. Auf dem Genfer See

Gransfeld saß im »Hotel du Lac« beim Frühstück. Schneeweißes, lockeres Brot, dazu die gute Schweizer Butter – hier läßt sich's wirklich leben, dachte er eben, als Rudi hereinkam. »Morgen, Rudi! Du siehst ja mächtig unternehmungslustig aus. Was hast du denn ausgeheckt?«

Rudi schmunzelte über das ganze Gesicht. »Herr Doktor, Sie sagten doch neulich, daß wir eine Segeltour machen wollten.«

»Stimmt, Rudi. Aber die Leute waren mir denn doch zu unverschämt. Für die Miete, die sie forderten, hätte man das Boot ja beinahe kaufen können.«

»Ja, Herr Doktor, aber jetzt habe ich einen entdeckt, der ist billig.«

»So? Was verlangt er denn für den Tag?«

»Bloß fünfundzwanzig Franken, Herr Doktor.«

»Fünfundzwanzig Franken? Na höre mal, Rudi, das wird wohl ein ziemlich trauriger Kahn sein!«

»Nein, Herr Doktor, eben nicht. Es ist ein schönes, großes Schwertboot. Es scheint noch fast neu zu sein.«

»Hm, Rudi, wenn das alles stimmt, dann könnte man ja der Sache nähertreten! Wer ist denn der Besitzer?«

»Ein gewisser Monsieur Bouton, kein Bootsverleiher von Beruf. Er hat einen kleinen Laden in der Rue Marilly. Ich glaube, er macht das Geschäft auch nur ausnahmsweise, um einmal etwas nebenbei zu verdienen.«

»Hast du ihm schon gesagt, daß wir gern allein segeln möchten? Ich habe keine große Lust, den ganzen Tag über einen fremden Menschen mit im Boot zu haben.«

»Jawohl, Herr Doktor, das habe ich ihm gesagt.«

»Und was meinte er?«

»Zuerst schien er nicht ganz einverstanden damit zu sein. Er hatte wohl Besorgnis, daß sein Boot in ungeschickte Hände kommen könnte. Aber dann habe ich ihm erzählt, daß Sie, Herr Doktor, ein vollendeter Segler sind.«

Lächelnd unterbrach ihn Gransfeld. »Rudi, du sollst nicht schwindeln!«

»Wieso, Herr Doktor? Sie können doch gut segeln; und dann habe ich ihm noch gesagt, daß ich selbst ein alter Seemann bin.«

Jetzt mußte Gransfeld laut lachen. »Rudi, Rudi, auf der ›Usakama‹ ein Beefsteak auftragen oder mit Klüver und Schot umgehen, sind sehr verschiedene Dinge.«

»Na ja, Herr Doktor, ich mußte den Mann doch überzeugen, daß sein Boot bei uns in den allerbesten Händen ist! Das hat er denn auch glücklich eingesehen. Wir können das Boot sofort haben.«

»Heute schon?« Gransfeld warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist erst halb neun. Das würde noch gehen.«

»Fein, Herr Doktor!« Rudi vollführte einen kleinen Freudensprung. »Einen Segelwind haben wir heute, einen steifen Nordost, der ist großartig!«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Wenn du ein alter Segler wärst, würdest du anders über den Fall denken, Rudi. Bei Nordost müssen wir auf dem Hinweg kreuzen. Wenn wir aber zurück mit glattem Wind nach Hause fahren wollen, bricht die übliche Flaute aus. Doch meinetwegen. ›Il faut prendre le temps, comme il vient‹, sagen sie hier in Genf. Besser Gegenwind als gar keinen Wind. Geh zu diesem Monsieur und mach die Sache mit ihm klar! Ich ziehe mich inzwischen um. In einer Viertelstunde kannst du mich abholen.«

Rudi hatte nicht zuviel versprochen. Das Boot, das sich am Rhonekai auf den Wellen wiegte – »Céleste Genève« stand in goldenen Buchstaben am Bug – machte in der Tat einen guten Eindruck. Monsieur Bouton, klein, schwarz und beweglich, der Typ des Südfranzosen, war bereit, es Monsieur le Docteur für eine Tagestour nach Yvoire ins Französische zu dein verabredeten Preis zu überlassen. Mit einem wasserfallartigen Wortschwall empfahl er größte Sorgfalt und Schonung, gab gute Tips für die Verpflegung in Yvoire und half schließlich noch das Großsegel hissen.

Gransfeld zog die Schot an, der Wind griff in die Leinwand, und dem Drucke des Steuers gehorchend fuhr die »Céleste« aus der Rhonemündung auf die weite Seefläche hinaus. Klatschend zerschnitt ihr Bug die von Nordost heranrollenden Wogen. Sobald sie aus dem Schutz der Kaianlagen heraus waren, begann der rassige Rumpf auf und ab zu tanzen.

»Aufpassen!« rief Gransfeld Rudi zu, der auf dem Schwertkasten saß. »Gleich werden wir über Stag gehen. Wenn ich rufe: ›Baum kommt‹, mußt du dich ducken. Dein Schädel mag ziemlich hart sein, aber der Segelbaum ist noch härter.«

Die »Céleste« war inzwischen an der Stadt vorbei bis dicht an das Ostufer des Sees gekommen.

»Achtung, Rudi! Baum kommt!« Rudi machte eine tiefe Verbeugung.

Gransfeld legte das Steuer um und holte das Großsegel nach Backbord herüber. Das Boot legte sich schräg und schoß im Nordkurs durch die Wellen.

»So! Setz dich nach Steuerbord hinüber, Rudi!« Gransfeld holte die Schot etwas an und beobachtete das Westufer.

»Ist das Schwert ganz herunter?«

Rudi prüfte die Schwertleine. »Jawohl, Herr Doktor.«

»Hm! Dichter kriege ich sie nicht an den Wind. Wir werden mit dem ersten Schlag bis Genthod kommen. Dann wieder über Stag ans Ostufer. Der dritte Schlag kann uns bis Céligny bringen. Mit dem vierten erreichen wir dann sicher Yvoire. Immerhin« – er blickte auf die Uhr – »jetzt ist's beinahe zehn. Vor zwei Uhr mittags können wir kaum in Yvoire sein.«

Rudi klatschte vergnügt in die Hände. »Fein, Herr Doktor! Vier Stunden segeln, knorke, knorkissimo, edelknorke!«

Gransfeld hielt sich die Hände an die Ohren, als ob sie ihn schmerzten. »Rudi, tu mir den Gefallen und verschone mich mit deinen Berliner Redensarten! Übrigens, mein Jungchen, vier Stunden sind eine gehörige Zeit. Ich kenne einen jungen Mann – ich will keinen ansehen oder nennen – der sich durch einen gesegneten Appetit auszeichnet. Dem wird der Magen dabei wohl allmählich bis in die Kniekehlen hängen.«

Rudi lachte und deutete auf zwei straff gefüllte Rucksäcke. »Keine Furcht, Herr Doktor! Ich habe ordentlich für Mundvorrat gesorgt. Brot, Butter, Wurst und Käse. Meinetwegen brauchen wir überhaupt nicht an Land zu gehen, sondern können gleich bis ans andere Ende von dem Wässerchen fahren.«

»Nettes Wässerchen, Rudi! Der Lac Léman ist rund hundert Kilometer lang. Da dürften die Lebensmittel doch knapp werden. Aber schön ist's auf dem Wasser. Bist doch ein Mordsbengel, daß du das gute, billige Boot entdeckt hast!«

Gransfeld machte die Schot, die er bisher in der Hand gehalten hatte, fest und setzte sich ebenfalls nach Steuerbord hinüber. »So, Rudi«, er holte eine Zigarre heraus, »wenn's jetzt noch gelingt, ein Streichholz anzuzünden, dann bin ich restlos zufrieden.« –

Schmunzelnd steckte der Küster von Yvoire das reiche Trinkgeld in die Tasche, das ihm der englische Tourist gegeben hatte. Eh bien, ein wenig spleenig, un peu fou waren sie ja alle, diese ausländischen Reisenden! Das war auch solch ein sonderbarer Gedanke, daß der lange Engländer und der andere kleinere Herr ausgerechnet aus der Glockenstube seines Turmes die Aussicht auf den See bewundern wollten. Wenn sie ein paar Kilometer landeinwärts in die Berge kletterten, hatten sie doch eine viel bessere Aussicht. Eh bien, ce sont des fous! Er schlug sich auf die Tasche, in der die silbernen fünf Frankstücke klimperten, und ging vergnügt zu seinem Häuschen.

In der Glockenstube des Kirchturms von Yvoire drehte der Engländer indessen eine Schraube in den Fensterbalken und befestigte ein gutes Fernrohr an der Schelle, die mit dieser Schraube verbunden war. Er drehte und richtete das Rohr auf das andere Ufer, bis die Häuser von Céligny im Gesichtsfeld erschienen. Dann richtete er weiter, bis sein Blick ein weißes Segel und einen schnittigen Bootsrumpf erfaßte.

»Da kommen sie, Megastopoulos.« Er ließ den Griechen an das Rohr treten. Dieser schaute lange hindurch.

»Die ›Céleste‹ scheint's zu sein, Morton. Zwei Leute sehe ich auch im Boot. Ob es die richtigen sind, läßt sich noch nicht erkennen.«

Morton schob ihn zur Seite, blickte durch das Rohr und sagte dabei: »Unnötige Sorge, Megastopoulos! Wer anders sollte in dem Boot sein? Bouton hat selber hierher telephoniert, daß der Doktor und der Junge mit der ›Celeste‹ losgefahren sind. Nur die können es sein. Ein halbes Stündchen noch, und wir werden den Empfang sehen, den man ihnen hier bereitet.«

»Oh, ein warmer Empfang wird das werden!« unterbrach ihn Megastopoulos. »Meine Freunde haben gut vorgesorgt. Ich bin sicher, daß die Zollbeamten da unten die ›Celeste‹ ebenso sehnsüchtig erwarten wie wir. Es wird ein großer Schlag, und es gibt eine hohe Belohnung für sie. Die verhungerten Teufel können's gebrauchen, sie werden vom Vater Staat schlecht genug bezahlt.«

Morton trat von dem Fernglas zurück. »Man kann jetzt schon sehen, daß ein Mann und ein Junge in dem Boot sind. In fünf Minuten, werden wir sie genau erkennen. Recht geschickt übrigens, wie Bouton den Bengel auf den Leim gelockt hat. Wenn die beiden ahnten, mit was für einer feinen Fracht sie auf die Tour geschickt worden sind! Jetzt müßte man auch ihre Gesichter erkennen können. Schade, der Junge sitzt hinter dem Segel. Aber der da am Steuer – wollen Sie selbst mal sehen?«

Der Grieche drückte sein Auge an das Okular. »Gransfeld er ist's, Morton! Jetzt haben wir den Burschen.«

»Und den andern auch, Megastopoulos.« –

Gransfeld ließ die Schot aus, der Winddruck im Segel schwand, und die Fahrt der »Céleste« verlangsamte sich. »Achtung, Rudi, Schwert hoch!«

Rudi holte das Schwert in den Kasten ein und ging am Mast vorbei bis zur Bootsspitze. Gransfeld warf das Steuer herum, das Boot schwenkte zum Landungssteg und glitt neben ihm entlang. Die Bugleine in der Rechten, sprang Rudi auf den Steg, zog es noch ein Stück näher an das Ufer und machte es fest. Auf einen Wink des Doktors kam er wieder in das Boot zurück, und gemeinsam ließen sie das Segel nieder.

»So, mein Junge, da wären wir auf französischem Boden! Jetzt wollen wir uns mal die Sehenswürdigkeiten von Yvoire beschauen.«

Rudi war Gransfeld beim Übertreten aus dem Boot auf den Steg behilflich und beugte sich dann zu den Rucksäcken. »Die wollen wir doch mit an Land nehmen, Herr Doktor?«

Gransfeld nickte. »Meinetwegen, ja, wir können sie mitnehmen.« Er wandte sich dem Boot zu, nahm die Säcke, die Rudi ihm herausreichte, in Empfang und stellte sie neben sich auf den Steg. Eben half er Rudi beim Heraustreten, als er hinter sich Stimmen hörte. Er wandte sich um.

Zwei Zollbeamte waren auf den Steg gekommen und standen unmittelbar vor ihm. »Die Herren kommen von Genf?«

»Jawohl, meine Herren.«

»Haben Sie in Ihrem Gepäck etwas zu verzollen?«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Nicht, daß ich wüßte; nur unsern Mundvorrat, außerdem einige schon gebrauchte Kleidungsstücke.«

»Keinen Tabak? Keinen Alkohol? Nichts Zollpflichtiges?«

Gransfeld griff in die Brusttasche und holte seine Zigarettentasche hervor. »Vier Zigarren und sechs Zigaretten, das ist unser Tabakvorrat; der dürfte wohl zollfrei sein.«

»Ist zollfrei«, bestätigte einer der Beamten, und Gransfeld steckte die Tasche wieder ein.

Der andere Zöllner war inzwischen neben die Rucksäcke getreten. »Wollen die Herren ihr Gepäck öffnen!«

Rudi kniete nieder, knotete die Schnüre auf und öffnete die beiden Säcke. Soweit es sich überblicken ließ, enthielten sie nur ein paar Mäntel und Decken und mehrere Pakete, in denen Rudi seine Eßvorräte verpackt hatte.

Tagein, tagaus kamen Boote vom schweizerischen zum französischen Ufer des Sees; im allgemeinen wurde die Zollkontrolle der Touristen nur als Formsache behandelt und möglichst schnell abgetan. Auch jetzt war zu erwarten, daß die Zollbeamten sich mit einem kurzen »Eh bien!« zufrieden geben und abziehen würden. Doch es kam anders. »Packen Sie die Säcke aus!«

Rudi warf Gransfeld einen verstohlenen Blick zu und begann kopfschüttelnd den Inhalt der beiden Rucksäcke auf den Planken des Bootssteges auszubreiten. Pakete mit Wurst, Pakete mit Brot, mit Butter, mit Käse, Tüten mit Apfelsinen und Päckchen mit Schokolade, zum Schluß die Decken und Mäntel, die auf dem Grund der Säcke gelegen waren, kamen zum Vorschein.

Mit Argusaugen verfolgten die Zollbeamten jede Bewegung Rudis, bis die letzten Decken herauskamen und die Säcke leer waren. Einer der beiden Zollbeamten nahm sie Rudi aus der Hand und kehrte sie um und um, als suche er etwas, wo doch offensichtlich nichts zu finden war. Mit einem leichten Kopfschütteln gab er sie dem Jungen zurück und begann die Mäntel und Decken auseinander zu falten. Auch hier eine peinlich genaue Untersuchung. Jede Tasche wurde umgedreht, jedes Kleidungsstück befühlt, als ob irgendwo etwas eingenäht sein könnte. Auch hier war das Ergebnis der Untersuchung nicht zu beanstanden.

Gemächlich packte Rudi die Kleidungsstücke wieder in die Rucksäcke. Als er die Hand nach den Lebensmittelpaketen ausstreckte, um mit ihnen das gleiche zu tun, geboten die Zollbeamten halt. »Öffnen Sie diese Pakete, jedes einzeln!«

Rudi tat, wie ihm geheißen wurde. Jetzt reichte er das Brot hin. Einer der Zollbeamten zog ein Messer und zerschnitt es kreuz und quer in vier Teile.

»Das geht reichlich weit, meine Herren«, legte sich Gransfeld ins Mittel.

Der Beamte zuckte die Achseln. »Bedauere sehr, mein Herr, Dienstvorschrift. Wir tun nur unsere Pflicht.«

Verärgert hielt ihm Gransfeld die Butter und den Käse hin. »Bitte, bedienen Sie sich! Schneiden Sie weiter, wenn Ihre Pflicht es verlangt!«

Das entschlossene Auftreten des Doktors schien zu wirken. »Nicht mehr notwendig, Monsieur. Sie können diese Sachen wieder zusammenpacken.«

Während Rudi das tat, fragte der Beamte weiter: »Haben Sie sonst noch etwas Verzollbares im Boot?«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Nein, wir haben überhaupt nichts mehr im Boot. Es ist leer. Wollen Sie sich, bitte, selbst überzeugen!«

Die Beamten schienen unschlüssig. Sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten eine Weile miteinander. Endlich sprach der eine: »Ich bedauere außerordentlich, mein Herr, doch unsere Pflicht, Sie verstehen – wir müssen auch das Boot untersuchen.«

»Bitte, meine Herren, tun Sie, was Sie nicht lassen können!«

Die Beamten sprangen in das Boot und fingen an, es Zoll für Zoll zu untersuchen. Sie krochen in das Kabelgatt im Vorderteil und steckten ihre Nasen in die Behälter unter den Segelbänken. Jede Planke und jedes Spant klopften sie ab, als ob es da verborgene Hohlräume geben könnte. Jetzt glaubten sie am Schwertkasten etwas entdeckt zu haben. Verdächtig hohl klang die Mahagoniverkleidung beim Klopfen. Wieder flüsterten sie zusammen und berieten sich.

Dann setzte der eine der Zollbeamten sein Messer in eine kaum sichtbare Fuge und drückte es mit Gewalt hinein.

»Sie beschädigen das Boot!« fuhr Gransfeld auf. »Wir haben es nur gemietet und müssen dem Eigentümer für alle Beschädigungen haften.«

Der Zollbeamte hörte nicht auf ihn. Mit Gewalt drehte er das Messer. Der Spalt verbreiterte sich. Eine größere Holzfläche begann sich um ein Scharnier zu drehen.

»Ah, ein Versteck! Da haben wir's!« Der Beamte griff mit der andern Hand zu und öffnete die Geheimtür vollständig. Ein Hohlraum wurde sichtbar, aber er war vollkommen leer. Enttäuscht blickten die Zöllner sich an, während ein spöttisches Lächeln über Gransfelds Züge huschte.

»Bitte, meine Herren, fahren Sie mit Ihren interessanten Forschungsarbeiten fort! Es ist ungemein anregend, Ihnen dabei zuzuschauen. Vermutlich dürfte die Verkleidung auf der andern Seite des Schwertkastens ebenso konstruiert sein. Da können Sie das Experiment wiederholen.«

Wie zwei Stoßvögel stürzten sich die Zollbeamten auf die angegebene Stelle. In der Tat fand sich hier die gleiche Geheimtür wie auf der andern Seite, doch das Ergebnis dieser Untersuchung war dasselbe. Ein vollkommen leerer Raum lag dahinter.

Gransfeld hatte sich eine Zigarre angezündet und sah dem Treiben der Beamten belustigt zu. »Wollen Sie es mich wissen lassen, meine Herren, wenn Sie mit Ihren Nachforschungen zu Ende sind! Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich nachgerade etwas Hunger verspüre. Das Restaurant des Hotels »Bellevue« wurde mir vom Eigentümer dieses Bootes als erstklassig empfohlen.«

Mit roten Köpfen krochen die Zollbeamten aus dem Boot. »Eh bien, Monsieur!« Mit einem Stück Kreide malte der eine Zöllner einen Schnörkel auf jeden Rucksack. »Sie können gehen, wohin es Ihnen beliebt.«

»Also gehen wir, Rudi! Auf Wiedersehen, meine Herren!«

»Au revoir, Monsieur, au revoir!«

Während Gransfeld und Rudi das Ufer betraten, guckten sich die Zollbeamten mit Gesichtern an, die alles andere als geistvoll waren.

In der Glockenstube packte Morton den Griechen am Arm, daß dieser aufschrie. »Was ist das, Megastopoulos? Die Zollbeamten stehen wie Hammel auf dem Steg. Die beiden andern gehen frei an Land. Was hat das zu bedeuten? Wir müssen hin, uns erkundigen, wie das möglich ist. Kommen Sie schnell!«

Der Grieche kochte vor Wut. »Unbegreiflich! Heillose Wirtschaft!«

»Kommen Sie, Morton! Wir wollen Monsieur Thibaut aufsuchen.«

Der Grieche führte seinen Begleiter durch gewundene Seitenstraßen zu einem ziemlich ärmlichen und baufälligen Anwesen und sprach eindringlich mit dessen Besitzer. Dieser gestikulierte und schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Monsieur! Die Beamten sind unbedingt zuverlässig. Ganz ausgeschlossen, was Sie denken! Ich will mich gleich erkundigen. Wollen Sie die Güte haben, hier zu warten!«

Der Franzose ging fort. Megastopoulos ließ sich auf einer Bank vor dem Hause nieder. Morton rannte wie ein gereizter Stier auf und ab und antwortete auf jeden Zuspruch seines Gefährten mit groben Verwünschungen.

Nach einer halben Stunde war Monsieur Thibaut wieder da. Verwirrung, Bedrücktheit, Ratlosigkeit waren aus seinen Mienen zu lesen.

Megastopoulos fragte erregt: »Was hat's gegeben?«

»O lala, Monsieur! Das ist eine böse Sache, eine sehr gefährliche Sache. Die Beamten sind wütend, très furieux, Monsieur, weil wir ihnen falsche Nachrichten gegeben haben. Nichts war in dem Gepäck, auch nichts im Boot. Gar nichts haben sie gefunden, obwohl sie alles mit größter Sorgfalt untersucht haben. Die Zollbeamten halten sich für gefoppt, Monsieur. Eine Anzeige wollen sie gegen diejenigen erstatten, die ihnen die Nachricht gegeben haben, wegen absichtlicher Irreführung der Zollbehörde. O Monsieur, eine ganz böse Sache wird das, wenn die Justiz uns auf den Hals kommt!« Monsieur Thibaut war vollkommen aus dem Häuschen. Er erging sich in einer wahren Flut von Unschuldsbeteuerungen und Klagen.

Morton zog den Griechen mit einem Ruck von der Bank auf. »Kommen Sie, Megastopoulos! Mit dem Narren ist nichts anzufangen. Aber« – er ballte die Fäuste, als ob er einen unsichtbaren Gegner zerreißen wollte – »ich werde die Sache auf andere Art zu Ende bringen.«

Megastopoulos sah, daß sein Gefährte vor Wut außer sich war, und versuchte, beschwichtigend auf ihn einzureden. »Ich bitte Sie, lieber Freund, keine Unüberlegtheiten!«

»Der Teufel ist Ihr lieber Freund!« knirschte Morton grimmig. »Einen sauberen Plan haben Sie ausgeheckt! Scheint griechische Manier zu sein, durch andere die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Ist ja auch bequemer, als die eigene Haut zu Markte zu tragen.«

Megastopoulos fuhr auf. »Sie werden beleidigend, Morton. Mäßigen Sie Ihre Sprache! Wir haben bei unserer letzten Beratung alles genau überlegt und meinen Plan als den besten angenommen.«

»Weil Sie uns beschwatzt haben. Jetzt habe ich's satt, jetzt wird's auf meine Weise gemacht.« Mit langen Schritten ging er nach dem Seeufer hin, so daß Megastopoulos ihm kaum zu folgen vermochte. –

Am Nachmittag gegen fünf Uhr kamen Gransfeld und Rudi zum Bootssteg zurück.

Prüfend blickte der Doktor nach dem Wetter. »Wollen hoffen, Rudi, daß der Wind sich hält.« Mit Hilfe des Jungen hißte er das Segel und brachte die »Céleste« vom Steg ab.

»Ist ja ein großartiger Segelwind, Herr Doktor!« meinte Rudi, als die Leinwand sich bauschte und das Boot unter starkem Druck auf das offene Wasser hinauslief.

»Vorläufig ja, Rudi, aber bis Genf sind's gut und gern dreißig Kilometer. Auch im besten Falle kommen wir erst bei voller Dunkelheit ans Ziel, immer vorausgesetzt, daß uns die Abendflaute keinen Strich durch die Rechnung macht.«

»Dann haben wir doch noch den Hilfsmotor, Herr Doktor.«

»Na ja, Rudi! Aber wenn wir nur auf den angewiesen sind, dann kann's noch viel später werden. Die Wolken da drüben nach Lausanne hin gefallen mir nicht. Hoffen wir das Beste!«

Die »Céleste« war inzwischen um das Kap von Yvoire herumgekommen und lief mit vollem Segeldruck nach Südwesten in der Richtung auf Genf über das Wasser.

Gransfeld winkte Rudi zu sich heran. »Höre mal, du alter, seebefahrener Mann, jetzt muß ich dir fünf Minuten Schot und Steuerpinne anvertrauen. Schmeiße mir, bitte, den Kahn nicht um, während ich den Klüver setze!«

Gransfeld ging nach vorn und hißte das dreieckige Klüversegel. Unter dem verstärkten Druck vergrößerte die »Céleste« alsbald ihre Fahrt. Befriedigt nahm er das Steuer wieder in die Hand. »Das Boot läuft gut, Junge. So macht das Segeln Spaß.« Er warf einen Blick auf Rudi, der sich an einem der Rucksäcke zu schaffen machte. »Menschenskind, hast du schon wieder Hunger? Na, ich gönne dir's! Wo wären wir jetzt vielleicht ohne deinen gesegneten Appetit?«

Rudi lachte über das ganze Gesicht. »Die beiden Zöllner in Yvoire heute mittag – ich habe mir beinahe die Zunge abgebissen, um nicht laut herauszuplatzen.«

Gransfeld schüttelte der Kopf. »Du hast gut lachen, Rudi. Die Sache war mächtig ernst. Ich bekam keinen schlechten Schreck, als du heute vormittag auf der Hinfahrt das Beutelchen aus dem Rucksack herausfischtest.«

Während Gransfeld dies sagte, flogen seine Gedanken zu den Ereignissen des Vormittags zurück. Verdankten sie es nicht einem glücklichen Zufall, daß sie hier frei über die Seefläche dahinsegelten? Wie anders wäre die Sache verlaufen, wenn Rudi sich nicht zwischen Genthod und Hermance über den Proviant hergemacht hätte!

»Hast wohl ein Loch im Magen, Junge, daß du jetzt schon wieder futtern mußt?« hatte ihn Gransfeld gefragt.

Aber Rudi hatte sich dadurch nicht stören lassen, sondern seine Schätze auf dem Schwertkasten ausgepackt, Pakete, Tüten, Päckchen, und dabei plötzlich ein Leinenbeutelchen in der Hand gehalten. »Nanu! Jetzt schlägt's aber dreizehn!«

»Was hast du, Rudi? Machst ja ein Gesicht wie die Katze, wenn's donnert.«

»Ja, sehen Sie bloß, Herr Doktor! Der Beutel hier, den habe ich nicht in den Sack getan. Das ist ja beinahe so ein Ding wie bei Tarantola in Port Said.«

»Zeig mal her, Rudi!«

Gransfeld hielt den Beutel in der Hand. »Du hast ihn nicht in den Sack getan?«

»Ausgeschlossen, Herr Doktor! Ich weiß doch, was ich eingepackt habe. Ich habe unsere Rucksäcke auf die ›Celeste‹ gebracht, dann bin ich ins Hotel zurückgekommen, um Sie abzuholen. Jemand anders muß uns das in der Zwischenzeit hineingesteckt haben.«

Bei Rudis letzten Worten ließ Gransfeld die Schot fahren. Während das Boot ohne Segeldruck auf dem Wasser schaukelte, untersuchte er den Inhalt des Beutels. Er enthielt ein weißes, bitteres Pulver. In weitem Bogen schleuderte Gransfeld das Ganze in den See. »Jetzt, Rudi, müssen wir erst mal die beiden Rucksäcke auf das genaueste untersuchen, ob sich da etwa noch mehr von der Sorte vorfindet.«

Bis auf den Grund hatten sie die beiden Säcke geleert, jede Decke, jedes Kleidungsstück ausgeschüttelt, und dabei waren noch drei andere Beutel über Bord geflogen. Während Rudi die Rucksäcke wieder einpackte, hielt Gransfeld das Boot dicht am Wind, daß es kaum noch Fahrt machte.

Er zweifelte keinen Augenblick, daß er es hier mit einem Anschlag der Bande zu tun hatte. Alle Achtung! An Gerissenheit ließ das Plänchen nichts zu wünschen übrig. Man hatte ihm Rauschgift ins Gepäck geschmuggelt und ihn auf diese Weise den französischen Behörden in die Hände spielen wollen. Nur durch einen glücklichen Zufall hatte er das entdeckt. Hätte die Bande ihm das Zeug nicht gerade in sein Gepäck, sondern irgendwo im Boot versteckt, so ... Ein neuer Verdacht kam ihm. »Rudi!« schrie er den Jungen an, der eben mit dem Packen der Rucksäcke fertig geworden war. »Rudi, wahrscheinlich ist noch mehr von dem Zeug im Boot versteckt. Wir müssen es sogleich ganz genau untersuchen.«

Dann hatten sie es durchsucht; mit einer Gründlichkeit, die derjenigen der Zollbeamten in Yvoire in nichts nachstand, waren sie in jeden Kasten und in jeden Winkel gekrochen. Während Rudi die »Céleste« dicht am Wind auf der Stelle halten mußte, hatte Gransfeld selbst jeden Quadratfuß abgeklopft und dabei auch die Geheimräume am Schwertkasten entdeckt.

Einige zwanzig Pfund der verschiedensten Narkotika waren dabei zum Vorschein gekommen und kurzerhand in den See geflogen. Die Herren Morton und Kompanie hatten sich ihren Anschlag etwas kosten lassen. Eine gute Stunde hatte die Suche gedauert, während die »Céleste« fast auf der Stelle trieb. Dann hatte sich Gransfeld wieder an das Steuer gesetzt.

Schwere Zweifel quälten ihn. Sollte er lieber sofort an das schweizerische Ufer zurückkehren oder sollte er die Tour so durchführen, wie sie geplant war? Einen zwingenden Grund für die Umkehr gab es eigentlich kaum noch. Von der gefährlichen Schmuggelware hatten sie die »Céleste« ja gründlich gereinigt.

Gransfeld versuchte sich ganz in den Plan der Gegner hineinzudenken. Schmuggelware, nur in den Hohlräumen des Bootes – die Insassen hätten behaupten können, daß sie nichts davon wüßten, das Boot, so wie es hier war, gemietet hätten. Auch ihr Gepäck mußte also »gesalzen« werden. Das war die Stärke und gleichzeitig auch die schwache Seite des Planes. Fanden die Zollbeamten Schmuggelware in den Rucksäcken, dann ging auch alles andere zu Gransfelds und Rudis Lasten, und sie waren hoffnungslos verloren. Aber die Möglichkeit bestand immerhin, daß sie diese Kuckuckseier entdeckten, und so weit war es nun in der Tat dank Rudis gutem Appetit auch gekommen.

Die Gefahr war restlos beseitigt. Aus dem Benehmen der Zollbeamten in Yvoire würde er ersehen können, ob seine Vermutungen stimmten. So hatte sich Gransfeld entschlossen, doch nach Yvoire zu fahren, und so hatte sich dort jene Szene abgespielt, die Morton zur Raserei brachte. –

Gransfelds Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sonnenbestrahlt lag der See vor ihm, und mit gutem Wind lief die »Céleste« über den südwestlichen Kurs. Für den Augenblick glaubte er, kaum etwas von der Bande fürchten zu müssen, und bald, so hoffte er, würde er zugreifen und wenigstens einem Teil der üblen Gesellschaft das Handwerk legen können. Kam der Grieche jetzt endlich nach Genf, hatte er wirklich die gestohlene Statuette bei sich, dann würde er diesen als den ersten hinter Schloß und Riegel setzen lassen und danach weitergreifend Glied für Glied der langen Kette fassen bis hin zu jenen des Mordversuches Verdächtigen im Gorla-Werk.

Die »Céleste« befand sich auf der Höhe von Coppet, als ein Wetterumschlag einsetzte. Der Wind ließ nach. Das Gewölk über Lausanne war heraufgekommen und verdeckte die Sonne. Die Wellen, die eben noch Schaumkronen zeigten, rollten flach und träge.

»Dumme Geschichte, jetzt kommen wir doch noch in die Flaute, Rudi!« Während Gransfeld dies sagte, sah er sich prüfend nach allen Seiten um. »Wenn's so weitergeht, können wir in einer halben Stunde Nebel und Regen haben.« Er bemühte sich, durch Auslassen der Schot so viel wie möglich von der schwachen Brise im Segel zu fangen, aber bald wollte auch das nichts mehr helfen. Der Wind schlief vollständig ein, die Ufer verschwammen in diesigem Dunst, und die ersten Tropfen begannen zu fallen. »Da haben wir den Salat! Die Regenmäntel her, Rudi, schnell! Oder wir werden auch noch naß bis auf die Haut.«

Er zog sich den Mantel über. »So, jetzt ist der Motor unsere letzte Rettung. Wir wollen versuchen, ihn in Gang zu bringen.«

Rudi war schon dabei. Er arbeitete an der Kurbel, bis ihm der Schweiß von der Stirn lief. »Das Biest will nicht anspringen, Herr Doktor.«

»Auch noch dieser Schmerz!«

Gransfeld überließ Schot und Steuerpinne sich selbst und kniete neben Rudi bei dem Motor nieder.

»Kompression ist da, Herr Doktor, und Betriebsstoff auch. Sehen Sie, der Vergaser tropft.«

»Dumme Geschichte, Rudi! Da kann es nur an der Zündung liegen. Wir müssen uns die einmal vornehmen. Hast du einen Schlüssel für die Kerzen?«

Gransfeld untersuchte noch einmal den Vergaser, während Rudi unter den Schraubenschlüsseln im Werkzeugkasten wühlte.

Ein Geräusch von draußen ließ ihn aufhorchen. »Ich glaube, ein Motorboot ist in der Nähe, Herr Doktor. Das könnte uns vielleicht ins Schlepp nehmen. Ich will mal sehen.«

Er griff nach dem Waschbord und richtete sich halb auf, sah, wollte schreien ... Da, ein ohrenbetäubendes Krachen und Splittern. In dem dichten Nebel hatte ein Motorboot in voller Fahrt die »Céleste« mittschiffs gerammt. Ein starkes Stahlboot mußte es sein, denn wie sprödes Glas brach der leichte Mahagonirumpf der »Céleste« durch den Anprall in zwei Teile. In schwerem Schwall stürzten die Wasser über Rudi und Gransfeld zusammen.

Die »Céleste« war zerschmettert, ihre Insassen waren in den Fluten begraben, das Boot, das den Unfall verschuldet hatte, war schon wieder im Nebel verschwunden, wie ausgelöscht von der Seefläche. Nur Rudi gelang es, sich zur Oberfläche emporzuarbeiten. Vergeblich schaute er sich nach Gransfeld um. War dieser, durch den Zusammenprall verletzt oder betäubt, untergegangen? Sie hatten beide im Hinterschiff bei dem Motor gekniet, als der verhängnisvolle Stoß die »Céleste« im vorderen Teil an der Stelle des Mastes zerschnitt.

Wenige Schritte von Rudi entfernt trieb das Hinterschiff kieloben auf dem Wasser. Mit kräftigen Stößen schwamm er darauf zu. Mit beiden Händen packte er die Kielleiste und versuchte, das Hinterschiff mit seinem ganzen Körpergewicht herumzuwerfen. Zweimal, dreimal mißlang es. Beim vierten Male glückte es ihm, das Wrackstück auf die Seite zu legen. Luft, die sich darin gefangen hatte, sprudelte heraus. Nicht mehr von ihr getragen, sackte das durch den schweren Motor belastete Wrackstück weg und verschwand in die Tiefe. Allerlei rissen die mit Gewalt aus dem Trümmerstück entweichenden Luftmassen mit nach oben. Einen Rucksack sah Rudi auf der Seefläche auftauchen, eine Mütze und dann – etwas Langes, Dunkles. Mit wenigen Stößen war er daneben. Seine Hände fühlten den Körper Gransfelds. War er tot, war er nur ohnmächtig? Rudi wußte es nicht.

Der Mast der »Céleste«, durch den Stoß aus dem Rumpf gebrochen, trieb dicht neben ihm. Dorthin zog er den regungslosen Körper und band ihn mit der Schot so auf das Holz, daß der Kopf über den Wellen war. Er versuchte dann, sich selber auf den Mast zu schwingen und rittlings drauf zu sitzen. Doch das Holz vermochte die doppelte Last nicht zu tragen. Gransfelds Kopf kam dabei unter Wasser. Rudi blieb nichts anderes übrig, als sich neben dem Mast treiben zu lassen und sich nur leicht an ihm festzuhalten.

Seine Gedanken wanderten rückwärts. Hatte er nicht schon einmal im Wasser gelegen, im offenen Meer vor Port Said, in einem Wasser, in dem es Haifische gab, wo die tückische Strömung ihn auf die hohe See zu treiben drohte? Und war er nicht doch glücklich davongekommen?

Diese Erinnerung gab ihm Hoffnung und Mut zurück. »Nur wer sich selbst aufgibt, der ist verloren.« Das alte Sprichwort ging ihm durch den Sinn. Einmal mußte ja schließlich der Nebel weichen, und dann – es war beinahe Vollmond – dann mußte Rettung möglich sein. Wenn er nur wüßte, wie es mit Doktor Gransfeld stünde! Er versuchte dessen Puls zu fassen, konnte aber keinen Pulsschlag fühlen.

Die Nacht kam herauf. Noch immer war der Himmel bezogen. Nur hin und wieder brach der Vollmond durch das Gewölk und übergoß den See und die Berge mit seinem Licht. Der Brust eines Schlafenden vergleichbar, hob und senkte sich die weite Seefläche in einer leichten Dünung.

Um 10 Uhr 30 verließ das letzte Dampfboot der Linie Lausanne – Genf die Brücke von Coppet. Mit Südkurs stieß es ab, um auf kürzestem Wege Genf zu erreichen. »Toute vapeur!« ging das Kommando von der Brücke in den Maschinenraum. Mit voller Kraft schlug die Schraube das Wasser. Vorn am Bug stand ein Bootsmann und hielt Ausguck. Plötzlich horchte er auf. Wie ein Ruf war's von fern an sein Ohr gedrungen.

»À moi, à moi!«

Er spähte in die Richtung, aus der der Ruf zu kommen schien, und lauschte.

»À moi, à moi!« klang es da wieder. Und nun – der Mond kam eben wieder durch die Wolken – glaubte er Backbord voraus etwas Dunkles treiben zu sehen. Jetzt schien es in dem trügerischen Licht zu verschwinden, jetzt war es wieder da.

Der Bootsmann lief auf die Brücke. »Eh, patron! Des naufragés!« Er wies mit der Hand die Richtung.

Der Schiffspatron blickte dorthin. Jetzt wieder ein Mondblick, auch der Patron glaubte, etwas auf der Wasserfläche zu sehen. Das Ruderrad in seiner Hand drehte sich, das Boot nahm leichten Linkskurs. Immer näher kam es der Stelle, und bald war kein Zweifel mehr möglich. Ein gebrochener Mast trieb auf dem Wasser. Zwei Gestalten klebten daran. Die eine hob den Arm, winkte, schwenkte etwas n der Hand und schrie: »À moi, à moi!«

»Stopp!« ging das Kommando von der Brücke in die Maschine, und die Schraube stellte ihr wirbelndes Spiel ein. Langsam glitt das Dampfschiff bis dicht an die Unfallstelle heran und setzte ein Boot aus.

»À moi!« Noch einmal stieß Rudi den Hilferuf aus. Dann, während kräftige Matrosenfäuste ihn ergriffen und ins Boot zogen, schwanden auch ihm die Sinne. Bewußtlos war auch der andere, den sie zuerst vom Mast losbinden mußten. Bis zum äußersten erschöpft und verklammt waren alle beide durch den stundenlangen Aufenthalt im kalten Wasser. Man brachte c.ie Schiffbrüchigen in eine Kabine und zog ihnen die triefenden Kleider vom Leibe. Während das Dampfboot seine Fahrt fortsetzte, wurden sie in wollene Decken gehüllt, gerieben und frottiert, bis die Erstarrung wich, bis ihr Blut wieder kräftig durch die Adern zu rollen begann und die Lebensgeister zurückkehrten.

Um zwölf Uhr nachts machte das Dampfboot am Rhonekai fest. Außer andern Fahrgästen verließen zwei etwas abenteuerliche Gestalten das Schiff. Ihre groben Matrosenanzüge waren bestimmt nicht nach Maß gemacht. Ein nasses Bündel, das der Jüngere über dem Arm trug, zeugte vom überstandenen Schiffbruch. –

Es ging schon stark auf Mittag, als Gransfeld am nächsten Tage aus dem Bett sprang. Ein langer, wohltuender Schlaf hatte seiner kräftigen Natur geholfen, die üblen Folgen des nassen Abenteuers zu überwinden. Er dehnte die Glieder, reckte und streckte sich. Alles heil. Bei dem Zusammenprall war er mit der Schläfe gegen den Motor der »Céleste« geschleudert worden und hatte durch den schweren Stoß die Besinnung verloren. Aber Gott sei Dank – er betastete sich von allen Seiten – bis auf ein paar blaue Flecke und Beulen war er gut davongekommen.

Was war's mit jenem Unfall? In schwerem Nebel hatte sie ein Motorboot gerammt. Es konnte ein unglücklicher Zufall sein. Doch warum hatte das andere Boot nicht sofort abgestoppt, warum hatte es nichts zu ihrer Rettung unternommen? War es bei dem Zusammenstoß ebenfalls stark beschädigt worden? War es vielleicht manövrierunfähig, womöglich sogar gesunken? Oder hatte es nach ihnen gesucht und sie im Nebel nicht finden können? Das alles war möglich, aber es wurde Gransfeld schwer, an diese Möglichkeiten zu glauben. War es dies aber nicht, dann konnte es nur ein neuer Streich der Bande sein, die sich seiner um jeden Preis zu entledigen versuchte. Dann war es am Ende nicht gut, noch länger in Genf zu bleiben.

Während Gransfeld sich den Rock überzog, klopfte es, und Rudi, einen Matrosenanzug unter dem Arm, kam herein. Ihm war von dem kalten Bad überhaupt nichts mehr anzumerken, und munter schwatzte er darauf los. »Ich möchte zum Kai gehen, Herr Doktor, und die geliehenen Sachen zurückbringen. Das Dampfschiff geht um ein Uhr mittags wieder ab.«

Gransfeld warf einen Blick auf die Uhr. »Da hast du noch anderthalb Stunden Zeit, Rudi. Das eilt doch nicht. Erzähle mir lieber, was du von der gestrigen Sache hältst! Du gucktest doch gerade über den Bordrand, als der Zusammenstoß erfolgte. Hast du nichts von den Leuten in dem andern Boot gesehen?«

»Es ging alles so schnell, Herr Doktor. Als ich den Kopf hochbrachte, war das Motorboot schon heran und rammte im nächsten Augenblick die ›Céleste‹. Ich glaube zwar etwas gesehen zu haben, aber behaupten kann ich es nicht.«

»Ist auch nicht nötig. Sage mir nur genau, was du gesehen hast oder gesehen zu haben glaubst! Konntest du zum Beispiel erkennen, wer das Boot steuerte?«

»Nein, Herr Doktor, das nicht. Der Mann am Steuer war nicht zu erkennen. Aber neben ihm habe ich im letzten Augenblick, als der Bug des Bootes schon in die Seitenwand der ›Céleste‹ rannte, einen andern Mann gesehen. Er hatte ein schmales, gelbes Gesicht mit einem dunkeln Spitzbart und schwarzen Augen. Hu, Herr Doktor, es waren eklige Augen, schwarz und brennend! Die habe ich ganz bestimmt gesehen und die werde ich auch so leicht nicht wieder vergessen können.«

Gransfeld fühlte sein Herz einen Augenblick schneller schlagen. Ein schmales, gelbes Gesicht, dunkle Augen und ein dunkler Spitzbart? Die Beschreibung konnte auf den Griechen passen, aber ebensogut auch auf viele andere. Die Leute hier waren fast ausnahmslos brünett, Angehörige einer dunkelhaarigen romanischen Rasse. Auch der spitze Kinnbart wurde noch von vielen getragen. Einen sicheren Anhalt vermochte ihm das, was Rudi gesehen haben wollte, nicht zu geben, aber es war geeignet, einen schon vorhandenen Verdacht zu nähren.

»Es ist gut, Rudi, wir wollen später noch einmal darüber sprechen. Wenn du schon gefrühstückt hast, kannst du die Kleider auf das Schiff zurückbringen.« Er nahm einen Matrosenanzug, der aus grobem blauen Loden gefertigt war, vom Stuhl und gab ihn Rudi. »Einen feinen Eindruck müssen wir in der Kluft gemacht haben, Junge! Wundert mich, daß uns der Pförtner damit ins Hotel gelassen hat. Na, wir wollen nicht undankbar sein; das Zeug hat uns gute Dienste geleistet. Vergiß nicht, dem Patron eine schöne Empfehlung von mir auszurichten und dich nochmals zu bedanken!«

Nachdem Rudi verschwunden war, vollendete Gransfeld seine Toilette und ging in den Frühstückssaal. Um diese späte Stunde war er der einzige Gast. Mit gutem Appetit machte er sich über seine Portion Spiegeleier auf Schinken her, als eine junge Dame in den Saal kam und an einem der Tische Platz nahm. Gransfeld blickte auf. Er erkannte sie und merkte, daß auch sie ihn wiedererkannte. So trat er an ihren Tisch, um sie zu begrüßen. »Gnädiges Fräulein, ich freue mich, Sie wohl und gesund wiederzusehen. Ist alles glücklich überstanden?«

Susanne Rasmussen reichte ihm die Hand. »Ja, Herr Doktor, ich bin wieder wohlauf. Alles allright, wie wir in Hamburg sagen. Ich konnte schon vor einigen Tagen aufstehen. Gestern morgen haben wir das Hotel de Montagne verlassen und sind hierher gekommen. Aber ich störe Sie offenbar bei Ihrem Frühstück, wie ich sehe.«

»O bitte sehr, durchaus nicht, gnädiges Fräulein!«

»Doch, Herr Doktor, Spiegeleier auf Schinken wollen warm gegessen werden. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich bei Ihnen Platz. Ich muß meinem Retter in der Not doch noch meinen Dank aussprechen. Auch mein Vater wird sich freuen, Sie kennenzulernen.«

Während Gransfeld sie zu seinem Tisch geleitete, sprach er weiter: »Sie müssen einem Langschläfer und sehr Erholungsbedürftigen das späte Frühstück zugute halten. Wir hatten gestern ein feuchtes Abenteuer, das um ein Haar schief abgelaufen wäre.«

»Oh, Herr Doktor, was ist das gewesen? – Aber dort kommt mein Vater. Gestatten Sie!« Sie eilte zu Rasmussen und brachte ihn an den Tisch. »Erlaube, Väterchen, daß ich dich mit Herrn Doktor Gransfeld bekannt mache. Es ist der Herr, der mir bei dem Skiunfall so liebenswürdig Hilfe leistete.«

Während Rasmussen Platz nahm, fühlte er, wie ihm die Kehle trocken wurde. Da saß er am gleichen Tisch zusammen mit dem Mann, auf dessen Spur die Organisation ihn gehetzt hatte, dessen Unschädlichmachung um jeden Preis ihm befohlen war. Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme Susannes. »Wir sind dem Herrn Doktor zu großem Dank verpflichtet, liebes Väterchen. Wer weiß, wie das mit meinem Fuß abgegangen wäre, wenn Herr Doktor Gransfeld nicht gleich gekühlt und alles Nötige veranlaßt hätte!«

Verlegen versuchte Gransfeld die Dankesworte abzuwehren. »Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein, das war doch nur Menschenpflicht, in diesem Falle auch noch meine Pflicht als Arzt. Ich bin glücklich, daß meine Hilfe erfolgreich war.«

Rasmussen riß sich zusammen. Er sprach Worte, die seinen Dank ausdrücken sollten, ohne zu wissen, was er sagte. Er drückte Gransfelds Rechte, während seine Gedanken ganz anderswo weilten.

Susanne nahm die Unterhaltung wieder auf. »Sie sprachen von einem Abenteuer, als mein Vater kam. Was war das, Herr Doktor?«

»Oh, eine reichlich unangenehme, feuchte Sache, Fräulein Rasmussen! Ich habe die Erfahrung machen müssen, daß man nicht nur in den Bergen, sondern auch auf dem Wasser zu Schaden kommen kann.«

»Auf dem Wasser«, wiederholte Rasmussen mechanisch. Hatte da schon die Organisation ihre Hand im Spiel? War da etwas versucht worden und mißlungen?

Gransfeld erzählte, wie sie im Nebel von einem Motorboot gerammt worden waren, wie sie stundenlang im Wasser trieben, bis ein Dampfboot sie zufällig entdeckte und aufnahm. Immer ernster war er geworden, während er sprach. »Wir sind zwar glücklich davongekommen, aber es ist doch dicht am Tode vorbeigegangen. Wenn uns das Dampfboot nicht in letzter Stunde gefunden hätte, wäre es aus mit uns gewesen. Unbegreiflich bleibt es mir, daß sich das Boot, das den Unfall verschuldete, so gar nicht um uns gekümmert hat.«

Susanne war seinen Worten in steigender Erregung gefolgt. »In der Tat, Herr Doktor, das ist unbegreiflich. Es wäre doch das mindeste gewesen, was die Schuldigen tun mußten. Haben Sie den Vorfall schon zur Anzeige gebracht?«

»Ich halte es für zwecklos, Fräulein Rasmussen. Wir haben ja nicht die geringsten Anhaltspunkte. Das Unglück war geschehen, und wir lagen im Wasser, bevor wir überhaupt etwas gesehen hatten.«

Ein Page kam in den Raum und trat zu Gransfeld. »Herr Doktor, es ist ein Herr draußen, ein Herr Bouton, der Sie wegen seines Bootes zu sprechen wünscht. Der Herr scheint sehr aufgeregt zu sein.«

»Bitten Sie Monsieur Bouton, einen Augenblick zu warten! Ich werde gleich kommen.« Er wandte sich an Susanne. »Jetzt kommt die Kehrseite der Medaille, gnädiges Fräulein, ›la douloureuse‹, wie man hierzulande die Rechnung nennt. Ich fürchte, der Besitzer des Bootes wird uns eine ziemlich beträchtliche Rechnung aufmachen, und schließlich kann man es ihm nicht einmal verdenken. Ich bitte die Herrschaften, mich zu entschuldigen.«

Er verabschiedete sich von Rasmussen, der zu der ganzen Unterhaltung kaum ein paar Worte beigesteuert hatte, und von Susanne, die der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen Ausdruck gab.

Ein merkwürdig zugeknöpfter Herr, dieser Rasmussen aus Hamburg, dachte Gransfeld, während er nach dem Schreibsaal ging, um mit Monsieur Bouton zu verhandeln. –

»Warst du schon lange mit dem Doktor zusammen, als ich kam?« fragte Rasmussen seine Tochter, sobald Gransfeld aus dem Saal war.

»Nur eine Viertelstunde, Väterchen. Er war ganz allein hier im Frühstückssaal; da ging es kaum anders, als daß ich mich zu ihm setzte. Wir sind ihm doch für seine Hilfe auch wirklich zu großem Dank verpflichtet.«

Rasmussens Miene wurde abweisend. »Gewiß, zweifellos, aber du hörtest ja selbst, wie er das Ganze als eine Selbstverständlichkeit abtat. Worüber habt ihr euch denn unterhalten?«

Susanne lachte. »Über tausenderlei, Väterchen. Der Doktor ist viel in der Welt herumgekommen und kann sehr interessant erzählen. Wir sprachen von seiner Seereise. Dann kam die Rede auf Hamburg, das er genau kennt. Ich habe ihn gebeten, uns zu besuchen, wenn ihn sein Weg einmal dorthin führt.«

Rasmussen zerknüllte nervös den Rand des Tischtuches. »Wie konntest du das tun, Susanne! Man lädt doch einen fremden Menschen nicht so ohne weiteres zu sich ins Haus.«

»Aber Väterchen, Doktor Gransfeld ist doch für uns kein fremder Mensch! Du weißt doch, wie er mir geholfen hat.«

Rasmussen schüttelte den Kopf. »Hilfe hin, Hilfe her. Das geht zu weit, mein Kind. Hoffentlich sieht der Mann das selber ein und verschont uns mit seinem Besuch. Umgangsformen und Takt scheint er ja zu besitzen; das habe ich aus der Art und Weise gesehen, wie er deinen etwas allzu überschwenglichen Dank ablehnte.«

Susanne war rot geworden! »Aber Väterchen, ich verstehe dich wirklich nicht! Er hat uns doch ...«

Rasmussen fiel ihr unwillig ins Wort. »Was hat er denn schon Großes getan? Aus einem ziemlich harmlosen Unfall machst du eine romantische Geschichte, in der dieser Gransfeld schließlich die dankbare Rolle des Lebensretters spielt. Tu mir den Gefallen und ziehe endlich einen Strich darunter!«

Verstimmt ließ er Susanne zurück und ging auf sein Zimmer. Schon während er die Treppen hinaufstieg, taten ihm seine heftigen Worte leid, und mit neuer Gewalt kamen die quälenden Gedanken über ihn. Ruhelos wanderte er im Zimmer hin und her. Was für eine Art von Mensch war dieser Arzt? Nach den Berichten der Organisation eine verdächtige, gefährliche Persönlichkeit, die mit allen Mitteln unschädlich zu machen war. So hatte auch er ihn sich vorgestellt, bis er ihn jetzt persönlich kennenlernte. Nun fand er einen liebenswürdigen jungen Mann, gebildet, taktvoll, hilfsbereit. So erschien er ihm jetzt und so – er hielt in seiner Wanderung inne und stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne – ebenso erschien er auch unzweifelhaft seiner Tochter.

Rasmussen ließ den Stuhl los und strich sich mit den Händen über die Stirn. Unter andern Verhältnissen, wie natürlich, wie selbstverständlich wäre es da gewesen, daß der junge Arzt zu ihm ins Haus kam, daß vielleicht ... Er preßte die Hände vor die Augen. Sollten die dunklen Bindungen, von denen er nicht freikommen konnte, schließlich auch dem Glück seines Kindes im Wege stehen? Nein, das durfte nicht geschehen. So oder so! Jede Rücksicht mußte jetzt aufhören. Um jeden Preis wollte er sich jetzt freimachen.

Rasmussen setzte sich und begann an Mac Andrew in Glasgow einen Brief zu schreiben, daß sein Gesundheitszustand ihn zwinge, sofort nach Paris zu fahren, um einen Facharzt zu befragen, daß er die Aufgabe hier in Genf deshalb andern überlassen müsse, daß sein Rücktritt vom »Geschäft« eine beschlossene Sache sei.

*

Im »Hotel des Etrangers« klopfte der Kellner an eine Zimmertür.

»Come in!«

Der Kellner trat ein.

»Es ist ein Herr da namens Bouton, der die Herrschaften dringend zu sprechen wünscht. Der Herr scheint etwas aufgeregt zu sein.«

»Ah, Monsieur Bouton?« Megastopoulos sagte es und warf Morton einen fragenden Blick zu. Dieser knurrte wie eine gereizte Dogge. Der Grieche wandte sich zu dem Kellner: »Führen Sie den Herrn hierher.«

Monsieur Bouton kam ins Zimmer und schloß sorgfältig die Tür hinter sich. Megastopoulos bot ihm einen Stuhl an, aber der kleine, quecksilbrige Franzose schien zum Stillsitzen zu aufgeregt zu sein. In endlosem Wortschwall begann er sofort über den Verlust seines schönen Bootes zu jammern. »Oh, ein schönes Boot, Messieurs, ein prachtvolles Boot! Viertausend Franken ist es zum mindesten wert. Parole d'honneur, Messieurs, viertausend Franken ist billig! Halb geschenkt ist es dafür.« Er hielt einen Augenblick inne und schaute die beiden fragend an.

Der Grieche zuckte die Achseln. Morton ließ ein dumpfes, gefährliches Knurren hören.

Als Monsieur Bouton ohne Antwort blieb, ging er unmittelbar auf sein Ziel los. Die Herren hätten ihm sein schönes Boot zerstört. »Détruit totalement.« Die Herren müßten es ihm ersetzen. Viertausend Franken koste es nur, das sei äußerst billig. Aber weil man sich kenne, weil man seit langem gut Freund sei ...

Megastopoulos unterbrach ihn. »Wir sollen Ihr Boot zerstört haben, Monsieur Bouton? Wie kommen Sie zu dieser unerhörten Beschuldigung?«

Die kühle Ablehnung des Griechen brachte Monsieur Bouton erst recht in Harnisch. »Gewiß haben Sie's zerstört! Natürlich haben Sie's zerstört! Oh, ich weiß, was ich weiß! Mit dem ›Diomède‹, dem schweren Motorboot, haben sie meine schöne ›Céleste‹ zerbrochen. Wenn Sie mich nicht sofort genügend entschädigen, und zwar voll entschädigen, Messieurs, werde ich hingehen und Sie verklagen.«

Mit einem Sprung war Morton auf den Beinen, als das Wort »verklagen« fiel. Mit einem zweiten Sprung hatte er den Franzosen bei den Rockaufschlägen gepackt und schüttelte ihn hin und her wie ein Bund Flicken. »Du Hund! Verklagen willst du uns? Du – da – da!« Ein paar kräftige Boxerhiebe trafen Monsieur Bouton und schleuderten ihn auf den Teppich.

Vergebens bemühte sich der Grieche, seinen Kumpan zu beruhigen. Mit Gewalt brach bei diesem die Wut aus. Alles, was in den letzten vierundzwanzig Stunden an ihm genagt und gefressen hatte, der erste mißlungene Plan, der zweite ebenfalls erfolglose Versuch, alles das schaffte sich jetzt Luft. Mit ein paar Fußtritten brachte er den vor ihm Liegenden wieder auf die Beine. »Ich schlage dich tot, wenn du noch einmal ...« Wieder ein paar kräftige Fußtritte dazwischen. »He, du, willst du uns noch verklagen?«

Der unglückliche Bouton versuchte sich hinter Megastopoulos zu flüchten; er wollte sich rechtfertigen. Aber da hatte ihn Morton schon wieder gepackt, und, außer sich vor Wut, schüttelte er ihn, daß der Rock in allen Nähten krachte. »Lumpenhund, willst du ...?«

Als Monsieur Bouton die blutunterlaufenen Augen und das verzerrte Gesicht Mortons so dicht und drohend vor sich sah, verließen ihn die letzten Reste seines Mutes. »Non, Monsieur, mais non!«

Mit einem Ruck schleuderte ihn Morton auf einen Diwan. »Dein Glück, daß du Vernunft annimmst! – Ah!« Er dehnte und reckte beide Arme bis zur Zimmerdecke. Der körperliche Ausbruch hatte ihm Erleichterung verschafft. Etwas ruhiger wandte er sich an Megastopoulos. »Kommt der Kerl hierher, will sein Boot von uns noch einmal bezahlt haben, nachdem er dem andern da drüben im »Hotel du Lac« heute mittag schon sechstausend Franken dafür abgepreßt hat – Hüte dich, du!« Er wandte sich wieder an Bouton. »Mit dir mache ich kurzen Prozeß. Pack dich! Laß dich hier nicht wieder sehen!«

Monsieur Bouton war es inzwischen gelungen, die Tür zu erreichen. Erst am andern Ende des Flurganges blieb er stehen, um Kleidung und Frisur in Ordnung zu bringen. Einen bitterbösen Blick warf er zurück, als er die Treppe hinabging. Scham, Wut, Rachsucht waren darin zu lesen.

Im Zimmer stand inzwischen Megastopoulos vor dem langen Schotten. »Es war unklug, Morton, den Mann so zu mißhandeln. Bei nächster Gelegenheit wird er uns sicherlich dafür einen Streich spielen.«

Morton besah sich befriedigt seine beiden Fäuste. »Falls er's versucht, Megastopoulos, drehe ich dem Schuft das Genick um. Wenn ich nicht so genau wüßte, daß er dem andern schon sechstausend Franken abgenommen hat! Erst vor zwei Stunden hat es mir die Dimitriescu erzählt. Sie hat den ganzen Vorfall mit angesehen. Da hat er dasselbe Theater gemacht wie hier und auch mit der Polizei gedroht. Der Esel, der Gransfeld, ist darauf reingefallen. Mit baren sechstausend Franken konnte der Kerl da abziehen.«

Während Morton sprach, spiegelten sich die verschiedensten Empfindungen auf dem Gesicht des Griechen wider, Interesse, Erstaunen, Neid, Bewunderung. Jetzt unterbrach er Morton. »Ein Genie ist der Mann, ein Finanzgenie, Morton!«

Sein Kumpan sah ihn verständnislos an. »Wieso ist er das, Megastopoulos?«

»Genial ist das, Morton, sich ein und dieselbe Sache dreimal bezahlen zu lassen.«

»Dreimal?« Morton schüttelte verständnislos den Kopf.

»Ja, dreimal wollte er das Boot bezahlt haben, Morton. Es ist Eigentum der Organisation, die ihm natürlich ein neues stellen wird. Das zweite Mal hat er's von Gransfeld bezahlt bekommen, und das dritte Mal wollte er's hier ...«

Morton knurrte dazwischen. »Ich zweifle, ob die Bezahlung hier so ganz nach seinem Geschmack gewesen ist.« –

Die Dimitriescu war es gewesen, die Monsieur Bouton mit dem Auftrage zu Gransfeld geschickt hatte, Ersatz für sein zerstörtes Boot zu verlangen. Wenn nämlich Bouton das tat, wenn er bei der Verhandlung recht deutlich und eindringlich auf die Verantwortlichkeit Gransfelds hinwies und womöglich mit Polizei und Gericht drohte, dann mußte natürlich jeder Verdacht zerstreut werden, den der Doktor unter Umständen haben konnte.

Von Gransfeld unbeobachtet, hatte sie von einem gedeckten Platz aus die ganze Verhandlung im Schreibzimmer mit angehört und den Erfolg Morton brühwarm berichtet. Sie konnte nicht voraussehen, daß Bouton dabei Geschmack an dem Geschäft gewinnen und es an anderer Stelle noch einmal versuchen würde. Boutons persönliches Pech war es, daß er dabei an den schon bis zum Explodieren geladenen Morton geriet und statt der erhofften Tausendfrankscheine unliebsame Boxerhiebe und Fußtritte in Kauf nehmen mußte.

Die Rumänin war erst am Morgen nach dem Bootsunfall in das »Hotel du Lac« übergesiedelt. Gransfeld hatte sie während seiner Verhandlung mit Monsieur Bouton nicht bemerkt. Rudi aber hatte sie bereits am Vormittag in der Vorhalle des Hotels gesehen. Da Gransfeld durch Rasmussen und danach durch Monsieur Bouton in Anspruch genommen war, hatte Rudi ihm seine Entdeckung noch nicht mitteilen können. Doch wie ein Jagdhund hatte er sich sofort auf die Spur der Rumänin gesetzt und beobachtet, wie sie vor kurzem aus dem »Hotel des Etrangers« zurückgekehrt und in ihr Zimmer gegangen war. Jezt trieb er sich auf dem Flur davor umher, begierig, weiteres über ihr Tun und Treiben in Erfahrung zu bringen.

Ein Glockenzeichen ließ ihn plötzlich aufmerken. Er eilte sofort zu der Klingeltafel, die sich am entgegengesetzten Ende des Ganges befand. Eine Nummernscheibe war gefallen. Es war die Zimmernummer der Dimitriescu. Rudi stellte sich an einen Blumentisch.

Während er mit angelegentlichem Interesse die verstaubten Blattpflanzen betrachtete, kam ein Hotelpage die Treppe herauf und verschwand in dem Zimmer der Dimitriescu. Kurz darauf kam er wieder heraus, ein Brett mit benutztem Geschirr in den Händen. Rudi zuckte die Achseln. Die Entdeckung, daß die Rumänin den Tee auf ihrem Zimmer genommen hatte, war die aufgewandte Mühe nicht wert. Die Hände in die Hosentaschen versenkt, schlenderte er mißmutig hinter dem Pagen her. Da öffnete sich eine andere Tür, ein Gast kam heraus und sprach mit dem Boy. Dieser zauderte und sah sich wie hilfesuchend um.

Inzwischen war Rudi hinzugekommen. Jetzt, in nächster Nähe, sah er, daß auch einige Briefe auf dem Tablett lagen, und hörte gleichzeitig, wie der Hotelgast englisch auf den Boy einredete. Offensichtlich war dieser des Englischen nicht mächtig.

»Gestatten Sie, mein Herr, daß ich dem Boy Ihren Wunsch verständlich mache!« wandte Rudi sich auf englisch an den Gast und sprach dann französisch zu dem Pagen weiter: »Der Herr wünscht etwas heißes Wasser zum Rasieren.«

Unschlüssig blickte der Boy bald auf das Brett in seinen Händen, bald auf Rudi. »Ich soll diese Briefe gleich zur Post bringen. Was soll ich da machen?«

Rudi griff nach dem Brett. »Sie dürfen den Herrn nicht warten lassen. Ich werde das Brett so lange halten. Holen Sie schnell das Wasser! Danach können Sie die Briefe zur Post bringen.«

Der Boy sprang davon, um das Gewünschte zu besorgen. Rudi blieb zurück. Starr blickte er auf die Adressen der fünf Briefe. Gleichmäßig bewegten sich seine Lippen, als ob er eine Schulaufgabe auswendig zu lernen hätte. –

Tief in Gedanken versunken, saß Gransfeld in seinem Zimmer. Dieser zweite Besuch! Ohne Anmeldung war Monsieur Bouton zu ihm ins Zimmer gestürmt, verstört, wie außer sich. Er hatte in höchster Erregung Dinge herausgesprudelt. Gransfeld griff sich zweifelnd an den Kopf, wenn er daran dachte. War auch nur die Hälfte davon wahr, dann war die Bande viel, viel gefährlicher, als er jemals gedacht und geahnt hatte.

Die Tür wurde aufgerissen. Rudi kam herein, lief, ohne von der Anwesenheit des Doktors Notiz zu nehmen, zum Schreibtisch und griff nach Bleistift und Papier.

Gransfeld wollte auffahren. Was sollte dieses formlose Benehmen? Etwas Derartiges war er von Rudi bisher nicht gewohnt. Da sah er, wie der Junge zu schreiben begann und gleichzeitig laut vor sich hinsprach:

»Mr. Mac Andrew, Glasgow, Victoria-Street,
Mr. X., London, Picadilly-Street,
Mr. Y., Paris,
Signor Z., Rom,
X. C. 17, postlagernd Gorla.«

Bei dem Worte Gorla war Gransfeld aufgesprungen.

»So!« Rudi warf den Bleistift hin. »Das sind sie.«

»Was soll das heißen, Rudi?«

»Entschuldigen Sie, Herr Doktor, daß ich so ohne weiteres hereinkam! Ich mußte die Adressen gleich aufschreiben, sonst hätte ich sie vergessen.«

»Was sind das für Adressen? Woher hast du sie? Was soll das Ganze überhaupt bedeuten?«

»Adressen von Briefen, Herr Doktor. Die Dimitriescu hat sie auf ihrem Zimmer geschrieben und läßt sie eben zur Post bringen.«

»Die Dimitriescu? Ist denn alles verdreht, Junge? Die soll hier im Hotel sein?«

»Ein Stockwerk über uns, Herr Doktor. Ich sah sie schon heute morgen, konnte es Ihnen leider bis jetzt nur nicht mitteilen.«

Gransfelds Blicke wanderten auf das Papier und blieben an der letzten Zeile haften. »X. C. 17, postlagernd Gorla. – Die Briefe gehen eben zur Post.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist gleich neun Uhr. Der Brief nach Gorla kommt mit dem Abendzug nicht mehr mit. – Fix, Rudi, packen! Sofort packen! Wir werden nach ... Halt, nein!«

Er warf sich in einen Sessel und schloß die Augen. Abwartend stand Rudi am Tisch. In halblautem Selbstgespräch bewegten sich Gransfelds Lippen. »Zu gefährlich, die Bande! Jeder Schritt, den wir tun, wird überwacht, verraten. Unmöglich so. – Doch so – ja, so vielleicht.« Er öffnete die Augen. »Ja, Rudi, mach unser Gepäck noch heute reisefertig!« –

Es ging bereits stark auf zehn, als Frau Elena Dimitriescu durch eine laute Unterhaltung vor ihrem Zimmer gestört wurde. Schon wollte sie auf den Flur treten, um Ruhe zu verlangen, als sie stockte. Sie glaubte Wagners Stimme zu erkennen. Worüber hatte der verdächtige Bengel sich da draußen mit einem Hotelboy zu unterhalten? Sie legte das Ohr an die Tür, lauschte und hörte, wie Rudi seinen neuen Freund, den Hotelpagen, sehr gründlich über alle Einzelheiten einer Tour nach Chamonix und dem Arvegletscher ausfragte. Schon um fünf Uhr morgens sollte es am nächsten Tage losgehen. In vier Tagen wollten sie wieder zurück sein. In Frage und Antwort ging das Gespräch weiter. Der Hotelboy war aus der Gegend von Chamonix und konnte gute Auskunft geben. Trotzdem dauerte es geraume Zeit, bis Rudis Wissensdurst gestillt war. –

Eine halbe Stunde später war die Dimitriescu bei Megastopoulos und Morton im »Hotel des Etrangers«.

Der Grieche rieb sich die Hände. »Ausgezeichnet! Das Mer de glace ist eine hervorragend geeignete Gegend. Da sind Gletscherspalten, in die man ...«

»Lassen Sie Ihre Finger davon!« unterbrach ihn Morton. »Alles, was Sie anfassen, mißglückt.«

Der Grieche versuchte zu widersprechen, doch der Schotte strich mit den Fäusten über den Tisch, als wollte er alle Einwände beiseite schieben. »Nonsense, Megastopoulos! Sie werden hier bleiben. Diesmal mache ich's allein. Will mich hängen lassen, wenn ich die Burschen nicht zur Strecke bringe! Sie würden mir mehr hinderlich sein als nützlich. Basta!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Der Grieche mußte sich dem überlegenen Willen seines Genossen beugen. Seinen Mienen konnte man es nicht ansehen, ob er es gern oder ungern tat. –

In der öden, langen Halle des Genfer Bahnhofes kämpften die elektrischen Lampen noch mit dem allmählich stärker werdenden Morgenlicht, als sich die ersten Reisenden für den Frühzug nach Cluses einfanden. Es waren nicht allzu viele, die in so früher Stunde auf die Reise gingen.

Von einer Nische her beobachtete Morton die Ankommenden. In der Hauptsache waren es Einheimische und nur wenige Touristen darunter.

Es blieben bloß noch fünf Minuten bis zum Abgang des Zuges. Ungeduldig trat Morton von einem Fuß auf den andern. Seine Faust umklammerte den schweren Bergstock. War das Ganze etwa eine bewußte Täuschung? Hatte dieser Doktor, der mit dem Satan im Bunde zu sein schien, sie wieder einmal zum Narren gehalten? Wenn die jetzt nicht kamen, wenn er unverrichteter Dinge zurückkehren mußte? Fast greifbar glaubte er das niederträchtige Grinsen zu sehen, mit dem Megastopoulos ihn empfangen würde.

Doch da kamen sie ja, der Doktor und der Junge, beide mit Rucksäcken, Seilen und Bergstöcken ausgerüstet, gut vorbereitet für eine größere Tour. Morton sah, wie sie in ein Abteil zweiter Klasse stiegen. Schon schickte sich der Stationsvorsteher an, das Abfahrtzeichen zu geben, als Morton schnell in ein anderes, einige Wagen davon entferntes Abteil sprang.

Ein Pfiff, ein Signalzeichen – der Zug verließ die Halle und rollte durch das Arvetal. Es war ein Personenzug, der keine der vielen Stationen und Haltestellen ausließ. Auf jeder von ihnen gab es ein Drängen und Hasten. Reisende verließen den Zug, andere, vielfach mit Kiepen und Körben beladen, stiegen dafür ein. Rasselnd setzte er sich wieder in Bewegung.

Gransfeld und Rudi hatten in dem nur schwach besetzten Zug ein Abteil für sich allein erwischt. Während der Doktor sein Gepäck ablegte, preßte Rudi die Nase gegen das Fenster. Als der Zug eben anfuhr, um den Genfer Bahnhof zu verlassen, drehte er sich jäh um. »Das war er, Herr Doktor!«

»Wer? – Wo? – Was?« Gransfeld sprang zum Fenster.

»Ist nicht mehr zu sehen. Er ist zwei Wagen vor uns eingestiegen.«

»Wer denn, in Teufels Namen, Junge?«

»Mister Morton, Herr Doktor. Ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Im letzten Augenblick kam er hinter einer Säule hervor und sprang in den Zug.«

»Morton allein?«

»Ich habe niemand anders bemerkt. Aber wir sind ja selbst erst in der letzten Minute gekommen. Vielleicht sind die andern schon früher eingestiegen.«

»Hm, Rudi, das könnte sein. Es wäre immerhin möglich, daß mehrere Mitglieder der Bande im Zuge verteilt sind. Jedenfalls müssen wir so handeln, als ob sie da wären.«

Gransfeld stand auf und schnallte sich den Rucksack wieder an. Er bedeutete Rudi, das gleiche zu tun.

Jetzt verlangsamte der Zug seine Fahrt, die Bremsen knirschten, er hielt. »Carouge!« riefen die Schaffner die Station aus.

Gransfeld öffnete die dem Bahnsteig abgewandte Wagentür. Da stand unmittelbar neben ihnen auf dem Nachbargleis ein Güterzug, ein Wagen mit offener Schiebetür gerade vor ihrem Abteil. »Rüber, Junge, schnell!«

Mit einem mächtigen Satz war Rudi in dem Güterwagen. Auf dem Trittbrett stehend, schlug Gransfeld die Abteiltür zu und sprang ihm nach. Er faßte ihn und zog ihn schleunigst von der Schiebetür fort in eine dunkle Wagenecke. »So, Rudi, das hat geklappt. Ich glaube nicht, daß uns einer von der Bande dabei gesehen hat.«

»Das haben Sie fein gemacht, Herr Doktor«, stimmte Rudi vergnügt bei. »Da pfeift es schon; gleich wird Mister Morton allein weiterreisen. Bon voyage, Monsieur Morton! Bon plaisir à Cluses! – Nanu? Wir fahren ja selbst!«

Der Pfiff, den Rudi gehört hatte, war von der Lokomotive des Güterzuges gekommen. Langsam setzte der schwere Zug sich in Bewegung und rollte in der Richtung nach Genf weiter.

»Großartig, Rudi! Da haben wir ja die beste Verbindung, die wir uns denken können. So erreichen wir sogar noch den Frühzug nach Deutschland.«

Zur gleichen Zeit fuhr auch der Zug nach Cluses wieder an und dann weiter das Arvetal hinauf.

Bei jedem Halt spähte Morton von seinem Fensterplatz aus in das Getümmel, obwohl – bei jeder Station sagte er sich's von neuem – obwohl es eigentlich eine unnötige Mühe war. Die Dimitriescu hatte ja selbst die Fahrkarten bis Cluses gesehen, die Gransfeld sich gestern abend noch besorgen ließ.

Es war doch nicht so einfach, munter zu bleiben, wenn man bis zwölf Uhr nachts bei Whisky und Soda gesessen hatte und um vier Uhr morgens schon wieder aus den Federn gekrochen war. Morton fühlte, wie ihm die Lider schwer wurden. Das Knirschen der Bremsen ließ ihn emporfahren. »Cluses!« hörte er rufen. Der Zug hatte seine Endstation erreicht.

Eine reichliche Stunde hatte Morton in seiner Wagenecke fest und traumlos geschlafen. Er raffte seine Sachen zusammen und mischte sich in das Gedränge. Vergebens suchte er die beiden, um derentwegen er die Reise unternommen hatte. Weder am Bahnhof noch bei der Kraftpost, die bald nach dem Eintreffen des Zuges die Arve aufwärts weiter nach Chamonix fuhr, waren sie zu finden. Morton hatte die Spur von Gransfeld und Rudi verloren.

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