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Moderne Piraten

Hans Dominik: Moderne Piraten - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleModerne Piraten
publisherGebrüder Weiß
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
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2. Zurück nach Hamburg

In Port Said suchte Gransfeld den deutschen Konsul auf und besprach mit ihm die Vorfälle in Syut: das Fehlen der wertvollen Statuette, die Besuche des rätselhaften Griechen, die Todesursache seines Oheims, die Möglichkeit einer Vergiftung.

Der Konsul schüttelte den Kopf. »Das Gesindel der ganzen Welt ebenso wie die beste Gesellschaft der ganzen Welt kommen hierher. Sie wundern sich darüber, daß Ihr Oheim derartige Mengen von Rauschgift in seinem Besitz haben konnte? Verehrtester Herr Doktor, wenn Sie wüßten, wie dieser verbotene Handel hier blüht! In Alexandria und Kairo können Sie das Zeug beinahe offen auf der Straße kaufen. Läuft in Port Said oder Alexandria ein Dampfer von Europa ein, dann gibt es jedesmal einen Höhepunkt in diesem unsauberen Geschäft. Trotz allen Anstrengungen ist die ägyptische Polizei machtlos dagegen. Ich halte es auch für unmöglich, Herr Doktor, in Ihren Angelegenheiten mit Hilfe der Polizei etwas zu ermitteln. Wenn Sie irgendwelche Schritte unternehmen wollen, stehe ich Ihnen natürlich pflichtgemäß zur Verfügung. Doch, wie gesagt, nach meinen Erfahrungen im Orient wird dies zwecklos sein.«

Nach längerem Überlegen antwortete Gransfeld: »Ich muß mich Ihrer größeren Erfahrung fügen, Herr Konsul, obwohl mir der Entschluß nicht leicht fällt. Wenn Sie der bestimmten Meinung sind, daß ich hier nichts mehr für die Aufklärung dieser Vorfälle unternehmen kann, will ich lieber mit dem nächsten Dampfer wieder nach Deutschland zurückkehren.«

Der Konsul warf einen Blick auf die Schiffsliste an der Wand. »In drei Tagen geht die ›Warana‹ von Port Said ab, ein Achttausendtonner, der gut besetzt werden dürfte. Ich empfehle Ihnen, sich bei der Agentur sofort Ihre Überfahrt zu sichern.«

Gransfeld verabschiedete sich. Er stand im Begriff, über einen breiten Gang zur Treppe zu gehen, als sein Blick durch eine geöffnete Tür in einen Wirtschaftsraum fiel. Da drinnen machte sich jemand an Töpfen und Schüsseln zu schaffen. Viel zu weit war der weißleinene Anzug, der um die Glieder der Gestalt schlotterte. Aber das Gesicht, das hatte Gransfeld schon irgendwo gesehen, das kannte er doch! Wie aber war das möglich? Die »Usakama« mußte doch jetzt schon in Genua sein. Gransfeld trat näher. »Hallo, Rudi! Sind Sie's oder nicht?«

Der Angerufene zuckte zusammen und wandte das Gesicht voll der Tür zu.

Kein Zweifel mehr, es war Rudi. »Menschenskind, was haben Sie hier unter den Töpfen unseres Konsuls zu schaffen, während Ihr Schiff schon wer weiß wo steckt?«

Erst jetzt erkannte der Junge den Doktor, und ein heller Freudenschein flog über sein Gesicht. »Ja, Herr Doktor, ich bin's. Ich bin bei der Ausfahrt über Bord gefallen und wurde, als ich am Wegsacken war, von einem Lotsenkutter aufgefischt und hierher zu unserm Konsul gebracht. Der scheint mir das freilich nicht recht glauben zu wollen. Er denkt wohl, ich hätte dumme Streiche gemacht und sei absichtlich über Bord gesprungen, um von der ›Usakama‹ wegzukommen. Als ob ein Mensch, der seine fünf Sinne zusammen hat, freiwillig in das Haifischwasser springen würde!«

Mit wachsendem Interesse hörte Gransfeld die Erzählung des Jungen an, der dabei immer mehr aus sich herausging. Unklar blieb die Ursache des Sturzes. Einen Schlag gegen die Schläfen, der ihn betäubte und über Bord warf, wollte Rudi bekommen haben, ganz plötzlich und unvermutet, obwohl doch außer ihm niemand auf dem Achterdeck war. Gransfeld krauste die Stirn. Er dachte an all das, was er an Bord der »Usakama« und im Splendidhotel gesehen, was er in Syut erlebt hatte. Und jetzt dieser Fall hier! Alter Verdacht wurde von neuem in ihm rege.

Rudis Stimme drang an sein Ohr. »Unser Konsul will mich auf dem nächsten Dampfer nach Deutschland anmustern lassen. Wer weiß, ob ich da wieder als Steward ankomme! Vielleicht bloß als Kohlentrimmer; die können sie an Bord immer brauchen. Das wäre scheußlich.«

Gransfeld war zu einem Entschluß gekommen. »Warte hier auf mich, Rudi! Ich werde bald zurück sein.«

Der Konsul wunderte sich, als Gransfeld sich wieder bei ihm melden ließ. »Ah, Sie, Herr Doktor! Was verschafft mir die Ehre Ihres nochmaligen Besuches? Wollen Sie trotz meinem Abraten doch noch etwas unternehmen?«

»Nein, Herr Konsul, eine andere Sache führt mich zu Ihnen. Durch Zufall treffe ich da draußen den kleinen Steward von der ›Usakama‹. Er hat mir seine Geschichte erzählt. Was halten Sie davon?«

Der Konsul zuckte die Achseln. »Die Geschichte kann wahr sein, Herr Doktor; sie kann aber auch nicht wahr sein. Wir sind hier dicht bei Arabien, dem Lande der Märchenerzähler. Da darf man nicht alles glauben.«

»Herr Konsul, was sollte der Junge für einen Grund zum Schwindeln haben?«

»Weiß ich nicht, Herr Doktor. Offen gesagt, es interessiert mich auch nicht. Wenn Sie hier einmal ein Jahr lang auf meinem Stuhl gesessen hätten, wären Sie auch Skeptiker. Jeden Monat kommen Seeleute zu mir, die irgendwie ihr Schiff verpaßt oder sonstwie verloren haben, und beanspruchen meine Hilfe. Nachgerade kennt man die Sache und wird abgebrüht.«

»Was wollen Sie mit dem Jungen machen?«

»Ihn mit dem nächsten Dampfer nach Hause schicken. Weil er noch minderjährig ist, habe ich ihn bei mir in die Küche gesteckt. Da kann er sich nützlich machen.«

Armer Rudi, man scheint hier nicht viel Wert auf deine Anwesenheit zu legen! dachte Gransfeld bei sich. Laut fuhr er fort: »Ich wäre nicht abgeneigt, Herr Konsul, den Jungen in meine Dienste zu nehmen und würde ihn dann auch nach Deutschland bringen.«

Bereitwillig ging der Konsul auf diesen Vorschlag ein. Noch viel erfreuter aber war Rudi, als Gransfeld ihn ins Zimmer rief und ihm seinen Entschluß mitteilte. Hinaus aus der engen, heißen Küche, in der er sich seit Tagen so langweilte! Als Diener bei dem Doktor, der ihn von Anfang an so anständig behandelt hatte! Nur mit Mühe unterdrückte er in dem Amtszimmer einen Freudensprung. Um so ausgelassener waren seine Bewegungen nachher auf der Treppe.

Bis zur Haustür ließ Gransfeld ihn gewähren, dann rief er ihn zur Ordnung. »Sei vernünftig, Rudi! Jetzt ist's genug. Jetzt gehen wir erst einmal in einen Laden, daß du wieder passende Kleider auf den Leib bekommst. In der Kluft da kann ich mich mit dir im Splendidhotel nicht sehen lassen.«

Als Gransfeld eine Stunde später ins Hotel kam, befand sich in seiner Begleitung ein gut angezogener junger Mann, der sich, dem Range des Hotels angemessen, ruhig, sittsam und unauffällig benahm.

Die Plätze auf der »Warana« hatte Gransfeld belegt. Für die drei Tage, die sie bis zum Abgang des Schiffes noch in Port Said bleiben mußten, brachte er Rudi im obersten Stock des Hotels unter, in dem sich die Dienerzimmer befanden.

Als Doktor Gransfeld allein in seinem Zimmer saß, fragte er sich selbst, wie er zu dem plötzlichen Entschluß gekommen war, Rudi in seine Dienste zu nehmen. Irgendeine äußere Notwendigkeit lag nicht vor. Kaum, daß er ihm einigermaßen Beschäftigung geben konnte indem er ihm die Sorge für seine Kleidung und das Gepäck übertrug und ihn hie und da Gänge in die Stadt machen ließ. Dennoch hatte er dies plötzlich wie eine Notwendigkeit empfunden. Damals in der Küche des Konsuls war's, wo Rudi ihm seine Geschichte erzählte, seinen Sturz in die See. Als er von dem heimtückischen Schlag sprach und dabei Rasati, den Levantiner, erwähnte, da war es Gransfeld einen Augenblick lang gewesen, als ob er mit Hilfe des Jungen den Vorhang heben, die Gestalten, die dahinter ein dunkles Spiel trieben, entlarven könne.

Von einer Verbindung zwischen dem Levantiner und jenem Holländer, der Namen und Gestalt wechselte, hatte Rudi gesprochen. Den Holländer hatte er selbst mit dem Griechen zusammen gesehen. Der Grieche war der Letzte gewesen, der seinen Onkel lebend gesprochen hatte. Das war eine ganze Reihe von verdächtigen Personen und geheimnisvollen Zusammenhängen. Einen Augenblick glaubte er, sie zu übersehen, im nächsten war alles wieder unklar und verschwommen. Dennoch – schien es nicht wie eine Kette, die sich von Geheimnis zu Geheimnis spannte? Eine Kette, von der er nur wenige Glieder undeutlich geschaut hatte, deren Enden sich im Nebel verloren.

Gransfeld strich sich über die Stirn, als wolle er die drückenden Gedanken verscheuchen. Am Ende waren es nur Hirngespinste, leere Vermutungen, mit denen er sich grundlos plagte. Ah bah! Weg damit! Schließlich blieb's immer noch ein gutes Werk, wenn er den Jungen mit in die Heimat nahm. War ihm nicht eben erst unvermutet eine reiche Erbschaft zugefallen, die es ihm erlaubte, unbedenklich solche Werke zu tun?

Während Gransfeld diesen Gedanken nachhing, unterhielt sich Rudi auf seine Weise. Ein herrliches Leben war das mit achtzehn Jahren und wenig Dienst in einer schönen fremden Stadt! Schnell hatte er sich mit den andern Bewohnern seines Stockwerks angefreundet, und ganz besonders mit Bele Tarantola, dem Dolmetscher des Hotels. Das war auch ein Levantiner, aber von angenehmerer Art als Rudis verflossener Chef. Sooft er Gäste des Hotels durch Port Said zu führen hatte, nahm er Rudi mit, wobei dieser reichlich Gelegenheit fand, das Sprachgeschick seines neuen Freundes zu bewundern. In einem Dutzend verschiedener Mundarten, je nach der Nationalität der Reisenden, erklärte Tarantola die Sehenswürdigkeiten der Stadt, und schon am zweiten Tage glaubte Rudi sie in- und auswendig zu kennen. Mit einer Mischung von Staunen und Ehrfurcht aber betrachtete er die Trinkgelder, die diese Führertätigkeit dem sprachkundigen Levantiner eintrug.

Nach der Arbeit des Tages liebte Tarantola ein munteres Spielchen. Auch heute, am Abend des zweiten Tages, saß er in seinem Zimmer mit drei Genossen bei Wein und Karten. Rudi kiebitzte dabei. Könige und Asse flogen auf den Tisch, Geldstücke rollten hin und her, die Gläser wurden leer und ebenso oft wieder frisch gefüllt, bis der Stoff knapp wurde. Suchend sah sich Tarantola, der gerade ein neues Spiel in der Hand hielt, im Zimmer um. »He, Rudi, geh mal an meinen Schrank! Da drin müssen noch ein paar Flaschen Samos stehen. Bring sie her!«

Rudi tat, wie ihm befohlen. Der alte geräumige Schrank war mit allerlei Kleidern dicht vollgehängt. Bis zur Schulter mußte der Junge mit dem Arm zwischen die Kleidungsstücke fahren, um irgendwo im Hintergrunde die gewünschten Flaschen zu erfassen.

Jetzt fühlte er eine und zog sie heraus. Er steckte den Arm wieder zwischen die Kleider, um die andern zu suchen. Da spürten seine Finger etwas anderes – Leinwand – weich, nachgiebig, so eigenartig, als ob noch Gummistoff unter der Leinwand wäre. Augenblicklich kam ihm seine Entdeckung in der Kabine Rasatis in Erinnerung. Die Beutel damals unter der Kojendecke hatten sich auch so angefühlt. Er fuhr mit der Linken in den Schrank und brachte eine Flasche nach der andern zum Vorschein, während er mit der Rechten weitertastete. Kein Zweifel, da hielt er eben so einen Beutel, wie damals in der Kabine Rasatis. Jetzt fühlte er noch eine ganze Reihe gleichartiger Säckchen daneben.

»Go on, boy! Dépechez-vous, s'il vous plait! Avanti, mio caro! Ein bißchen fix, Rudi, wir verdursten hier!« traf ihn die Stimme Tarantolas.

Schnell holte er auch mit der Rechten noch eine Flasche heraus, schloß den Schrank und machte sich daran, die neue Batterie aufzubauen und zu entkorken.

Spiel und Trunk nahmen ihren Fortgang. Rudi hielt es für zweckmäßig, weiter in der Gesellschaft zu bleiben. Ein plötzlicher Aufbruch jetzt, sagte er sich, könnte möglicherweise irgendeinen Verdacht erwecken. Aber seine Gedanken waren nicht mehr bei dem Spiel. Seine Neugier war erregt. Die Beutel da in dem Schrank gingen ihm nicht aus dem Sinn. Irgendwie, das stand fest bei ihm, mußte er hinter dieses Geheimnis kommen. Noch als er sein Lager aufsuchte, verfolgte ihn dieser Gedanke.

Am folgenden Vormittag nahm Doktor Gransfeld Rudis Dienste stark in Anspruch. Die Koffer mußten fertiggepackt werden, denn schon gleich nach Tisch sollte sie das Hotelauto an Bord der »Warana« bringen. Mit Eifer war Rudi beim Packen und zeigte, was er auf diesem Gebiet gelernt hatte. Geschwind und geschickt legten seine Finger die Kleidungsstücke in die richtigen Falten und brachten sie in einem Mindestmaß von Raum unter. Bald konnte er die letzten Riemen zuschnallen und seinem Herrn die Kofferschlüssel übergeben. Dann fuhr er im Lift nach oben, um seine eigenen Habseligkeiten reisefertig zu machen.

Während er durch den Gang zu seinem Zimmer schritt, kamen ihm die Beutel in Tarantolas Schrank wieder in den Sinn. Die Gelegenheit war günstig. Der Dolmetscher war jetzt mit einer größeren Gesellschaft in der Stadt und würde kaum vor der Essenszeit zurückkommen. Fraglich war es nur, ob sein Zimmer offen oder verschlossen war. Rudi ging den Flur weiter bis zu der Tür. Sie stand halb offen, und er schlüpfte in das Zimmer. Ein wenig einladendes Bild bot sich ihm hier. Auf dem Tisch sah man noch die Spuren des gestrigen Gelages, benutzte Gläser, Weinflecke und Reste von Tabakasche. Vor dem Bett stand ein Eimer. Ein nasser Lappen lag daneben, ein Schrubber lehnte gegen das Bett.

Rudi übersah die Lage. Das Zimmermädchen, mit der Säuberung des Zimmers beschäftigt, war offenbar irgendwie abgerufen worden und konnte jeden Augenblick zurückkommen. Eile tat not. Schnell sprang er zu dem Schrank, öffnete die Tür und beugte sich tief hinein, um nach einem Beutel zu greifen.

Da hörte er Schritte auf dem Gang. Nur der eine Gedanke hatte in ihm Raum: sich hier nicht finden lassen! Der geräumige Schrank bot Platz. Er huschte hinein, zog die Tür hinter sich zu und zwängte sich in eine Ecke hinter die Kleidungsstücke. Kaum war dies geschehen, als ihm das Verkehrte seiner Handlungsweise klar wurde. Kam jetzt das Zimmermädchen zurück, dann konnte er hier mindestens eine halbe Stunde stecken, bis sie mit dem Aufräumen fertig war, und wenn sie nachher die Stubentür abschloß, saß er erst recht in der Falle.

Doch schon war es zu spät. Er hörte die Zimmertür aufgehen und vernahm Schritte auf der Diele, Schritte, die für ein Zimmermädchen viel zu schwer waren. Wer kam da? Das Herz schlug Rudi bis in den Hals. War es etwa Tarantola? Kam dieser doch schon früher zurück? Rudi begann sein Abenteuer zu verwünschen. So eng wie möglich schmiegte er sich an die Hinterwand des Schrankes und zog die vor ihm hängenden Kleider zusammen. Immer näher kam das Knarren der Dielen. Er hörte, wie jemand nach dem Schrankschlüssel griff, hörte – das Blut drohte ihm zu stocken – die Stimme Tarantolas, der vor sich hin schimpfte, weil der Schrank nicht verschlossen war.

Ein schwacher Lichtschein drang in Rudis Augen. Durch eine schmale Lücke zwischen den Kleidungsstücken konnte er beobachten, wie Tarantola sich bückte, in den Schrank griff und einen jener Beutel herausnahm. Ohne die Schranktür wieder zu schließen, ging er zurück und nahm aus der Tischschublade ein Dutzend kleiner Pappschachteln. Nun öffnete er den Beutel, füllte die Schachteln daraus mit einem weißen Pulver und ließ sie in seinen Taschen verschwinden. Sorgfältig schnürte er danach den Beutel wieder zu und stellte ihn in den Schrank zurück. Die Tür knarrte. Um Rudi wurde es wieder dunkel. Er hörte, wie der Schrankschlüssel im Schloß umgedreht wurde. Die Schritte entfernten sich und verklangen auf dem Flur.

Gefangen! Im Schrank eingeschlossen! Eine abscheuliche Geschichte! Langsam wurde Rudi seiner Aufregung Herr. Allmählich begann sein Herz wieder ruhiger zu schlagen. Gefangen? Ah bah! Er war nicht der Mann danach, sich in einem alten wackligen Schrank fangen zu lassen. Seine Rechte griff in die Hosentasche und holte ein kräftiges Messer heraus. Er schob sich durch die Kleidungsstücke nach vorn und öffnete die Klinge. Ein feiner Lichtstreif verriet ihm die Türspalte. Dicht unter dem Schloßriegel schob er die Klinge in den Spalt. Ein kurzer Ruck – krachend ging die Tür auf. Mit einem Satz sprang Rudi aus dem Schrank und warf die Tür zu.

Tief aufatmend stand er einen Augenblick im Zimmer und blickte sich nach allen Seiten um. Mechanisch klappte er das Messer wieder zu und ließ es in der Tasche verschwinden. Dann warf er einen Blick in den Flurgang. Weit und breit war niemand zu sehen. Sollte er jetzt unverrichteter Dinge abziehen, das Abenteuer aufgeben, nachdem das Schlimmste vorbei war? Nein, nun gerade nicht! Der Sicherheit halber drückte er die Zimmertür ins Schloß. Dann machte er den Schrank wieder auf und griff sich einen Beutel heraus. Nun tat er genau das, was er eben bei Tarantola gesehen hatte. Er holte sich auch eine Pappschachtel aus dem Tischkasten, füllte sie mit dem weißen Pulver und steckte sie in die Tasche. Dann band er den Beutel zu, stellte ihn zurück und schloß den Schrank.

Als er in sein Zimmer zurückkehrte, sah er am andern Ende des Flures das Stubenmädchen herankommen. Keine Minute zu früh, dachte er, als er das eben erbeutete Schächtelchen zusammen mit andern Dingen in seinen Koffer packte.

Seit drei Tagen war die »Warana« in See. Drei Tage zählen an Bord eines Schiffes soviel wie drei Monate auf dem Lande. Reisebekanntschaften waren geschlossen worden, und schon begannen die Fahrgäste sich wie eine große Familie zu fühlen. Gransfeld hatte in Doktor Krone, dem Arzt der »Warana«, einen Studienfreund aus seiner Tübinger Zeit getroffen, und die alte Bekanntschaft wurde wieder aufgefrischt.

Am Nachmittag schlug das Wetter um. Eine eisige Bora peitschte das Meer und machte den Aufenthalt auf Deck ungemütlich. Ein Teil der Fahrgäste verschwand mit spitzen Nasen und grünen Gesichtern in ihren Kabinen.

»Weißt du, Gransfeld«, meinte Doktor Krone, »das wird ein richtiges Grogwetter. Komm mit in meine Kabine! Dein Boy kann für das nötige heiße Wasser sorgen. Einen erstklassigen Rum und auch Zucker habe ich auf Lager. Da können wir gemütlich plaudern.«

Gransfeld nahm dankend an, und bald saßen die beiden im Gespräch hinter dampfenden Gläsern.

»Alle Wetter, Krone, du wohnst ja fürstlich! Außer deiner Kabine hast du noch den großen Raum hier mit der ganzen Einrichtung, einen Operationstisch und eine vollständige Bordapotheke. Mancher Kollege auf dem Lande könnte dich darum beneiden. Was hast du denn da noch? Das sieht ja ganz nach Laboratorium aus.«

Krone nickte. »Richtig geraten, alter Schwede. Das ist so ein kleiner Sport von mir. Manche Leute behaupten, daß ein Schiffsdoktor sich bloß auf Knochenbrüche zu verstehen brauche. Aber ich sage dir, gerade die Schiffspraxis zwischen drei Weltteilen bringt hochinteressante Fälle. Doch muß man natürlich mit den neuesten Errungenschaften vertraut sein, wenn man Gewinn daraus ziehen will. So muß man bei ansteckenden Krankheiten zum Beispiel Bakterienkulturen anlegen und mikroskopieren können. Sieh mal das neue Zeiß-Mikroskop! Das ist mein besonderer Stolz. Na, die Reederei weiß auch, was sie an mir hat! Ungeklärte Fälle und überflüssige Quarantänen gibt's bei mir nicht. Was vorkommt, wird richtig diagnostiziert und nach Möglichkeit geheilt.«

Gransfeld lachte. »Du bist doch immer noch der Alte! ›Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr‹, war ja schon in Tübingen dein Lieblingswort. Aber sage mal, der Glasschrank da an Backbord sieht so nach Chemie aus! Was hast du denn da drin?«

»Alles, mein Lieber, was ein moderner Schiffsarzt braucht, um die an Bord nötig werdenden Analysen selber vornehmen zu können.«

Gransfeld schwieg und rührte nachdenklich in seinem Grog herum.

»Warum bist du so schweigsam, Gransfeld? Denkst du, ich übertreibe?«

»Durchaus nicht, Krone. Mir fällt nur ein, du könntest mir mit diesen Hilfsmitteln einen Gefallen erweisen.«

»Aber gern, Gransfeld, wenn es in meinen Kräften steht.«

»Hm! Ich erzählte dir von meinem Onkel in Syut. Ein Betäubungsmittel soll bei seinem Tode eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben.« Er drückte auf den Klingelknopf. Rudi kam in den Raum. »Rudi, in meinem kleinen Kabinenkoffer unten links liegt eine blaue Pappschachtel. Bring' mir die einmal her!«

Rudi ging und kam mit dem Gewünschten zurück.

»Siehst du, Krone, diese Schachtel fand sich im Schlafzimmer meines Onkels. Von dem Zeug soll er zu viel genommen haben. Kannst du herausfinden, was das ist?«

Doktor Krone öffnete die Schachtel. Ihr Inhalt bestand aus kleinen weißen Tabletten. Er roch und leckte daran.

»Hm, sieht weiß aus, schmeckt bitter, ist fast geruchlos. Das ist irgend etwas aus der Hexenküche der Teerchemie. Hast du eine Vermutung, was es sein könnte?«

»Ich weiß nur, daß es ein schmerzlinderndes und in größerer Menge tödlich wirkendes Mittel sein soll.«

Doktor Krone schüttelte den Kopf. »Sehr erschöpfend ist deine Auskunft gerade nicht. Da bleibt uns die ganze ungeheure Menge der verschiedenen -ine, -ide und -xyle, die von der chemischen Industrie erzeugt werden. Wir müssen halt probieren.« Er ging mit der Schachtel zum Chemieschrank.

Gransfeld folgte ihm und sagte dabei: »Mir ist so, als ob der englische Kollege in Syut von ›Heroin‹ gesprochen habe.«

Krone pfiff durch die Zähne. »Warum sagst du das nicht gleich? Das kann die Sache ganz wesentlich vereinfachen.« Er nahm ein Reagenzglas, füllte es aus einer der Flaschen, schabte von einer der Tabletten ein wenig Pulver hinein und rührte mit einem Glasstab um. In wenigen Sekunden färbte sich die Flüssigkeit rot.

»›Sieh da, sieh da, Timotheus!‹ Ist heroinverdächtig. Noch eine zweite Probe, und wir werden es sicher wissen.«

Aus mehreren Flaschen stellte Doktor Krone mit Hilfe von Mensurgläsern eine neue Flüssigkeit zusammen und rührte sie gut durcheinander. »Sei so gut, Gransfeld, und halte das Glas! Und nun, gib acht!« Er griff nach der Tablette und dem Messer. »Wenn die Geschichte sich jetzt olivgrün färbt, dann ist's mit Sicherheit Heroin.«

Mit dem Messer begann er an der Tablette zu schaben, während Gransfeld mit dem Glasstäbchen umrührte. Fast augenblicklich färbte sich die Lösung grün. Prüfend hielt Krone sie gegen das Licht. »Jeder Zweifel ist ausgeschlossen, Gransfeld. Es ist bestimmt Heroin. Nebenbei bemerkt, reicht die Menge hier aus, um ein Dutzend Menschen ins Jenseits zu bringen. Irgendwelche vorschriftsmäßige Rezeptur oder Fabrikmarke ist auch nicht auf der Schachtel. Wie ist dein Oheim zu diesem Zeug gekommen?«

Gransfeld zuckte die Achseln. »Das möchte ich auch gerne wissen.«

Krone spülte seine Reagenzgläser aus und setzte sich wieder an den Tisch.

Rudi wurde hereingerufen und mußte dann die Gläser noch einmal füllen.

»Jetzt mimst du den Schweigsamen«, sagte Gransfeld. »Worüber denkst du denn nach?«

Krone nahm einen Schluck aus seinem Glase und begann dann zu sprechen: »Manchmal kommen mir Zweifel, Gransfeld, ob wir Ärzte noch ein Recht haben, uns Wohltäter der Menschheit zu nennen. Alle diese modernen Narkotika, Morphium, Kokain, Heroin und so weiter – in unsern Händen sind sie lindernde Mittel, die den Kranken unendliche Leiden ersparen: in den Händen von gewissenlosen Menschen – sagen wir ruhig von Verbrechern – drohen sie eine Geißel für die Menschheit zu werden. Was helfen die strengsten Vorschriften über den Verkehr mit diesen Mitteln, wenn habgierige Banden sich darüber hinwegsetzen und das Gift skrupellos unter die Leute bringen!«

Gransfeld unterbrach seinen Kollegen. »Du urteilst wohl zu schroff. Ich habe auch manches über den geheimen Rauschgifthandel gehört, aber du kannst uns Ärzte doch nicht dafür verantwortlich machen.«

»Vielleicht doch, Gransfeld. Nur allzu leicht gewöhnen sich die Patienten, denen wir damit Linderung verschaffen, an diese Mittel. Sind sie nachher unserer Obhut entzogen, dann können sie dem verderblichen Drange nicht widerstehen und fallen den Rauschgifthändlern in die Hände. Damit aber ist ihr Schicksal besiegelt, unaufhaltsamer körperlicher und geistiger Verfall ihr Los. Es klingt vielleicht hart, wenn ich es sage, aber dein Onkel hat nach meiner Meinung noch Glück gehabt, daß er solchem Ende durch einen plötzlichen Tod entgangen ist.«

»Du magst recht haben, Krone, aber auch hier muß der alte Satz gelten, daß der Mißbrauch den Gebrauch nicht ausschließt. Willst du etwa auf alle diese Mittel verzichten und deine Patienten unnötige Schmerzen erdulden lassen, nur weil gewissenlose Menschen mit diesen Mitteln Mißbrauch treiben?«

»Das nicht, aber ...« Krone stockte einen Augenblick und fuhr sich nachdenklich über die Stirn. »Wir müßten die Patienten noch während der Behandlung so gründlich von diesen Mitteln entwöhnen, daß sie später gar nicht mehr in Versuchung kommen können. Ich habe da gewisse Pläne, Gransfeld. Die Serumtherapie könnte uns, glaube ich, eine Möglichkeit geben, die Patienten gegen alle späteren Versuchungen gefeit zu machen. Der gegenwärtige Zustand ist jedenfalls unhaltbar. Weit mehr als die Hälfte alles erzeugten Morphiums wird nicht von der ordentlichen Heilkunde, sondern von Leuten verbraucht, die dem Gift verfallen sind. Noch schlimmer sieht es mit dem Kokain, dem Heroin und andern Mitteln.«

Die Dämmerung sank langsam herab, während die beiden Ärzte im Gespräch über diese für die Volksgesundheit so wichtige Frage zusammensaßen. Interessiert betrachtete Gransfeld das Zahlenmaterial, das Krone zur Unterstützung seiner Behauptungen herbeibrachte. Erstaunt hörte er an, was ihm dieser von dem internationalen Händlertum zu erzählen wußte. Gut organisierte, mit reichen Geldmitteln ausgestattete Banden sollten es sein, die sich die Gifte durch Bestechung, Diebstahl und andere ungesetzliche Mittel in großen Mengen verschafften, um sie mit ungeheurem Gewinn an die unglücklichen Opfer zu verschachern.

Erst als der Gong zum Diner rief, fand die Unterhaltung ein Ende. –

Öfter als einmal war Rudi während des Nachmittags in die Kabine von Doktor Krone gerufen worden und hatte auch die interessanten Experimente mit der roten und grünen Flüssigkeit mit angesehen. Was er dabei aufschnappte, war geeignet, seine niemals schlummernde Neugier mächtig zu erregen. Was hatten sich die beiden da drinnen erzählt? Es gab also Leute, die auf solche Tabletten und Pülverchen so versessen waren wie ein anderer Mensch etwa auf Schokolade oder auf ein gutes Glas Wein? Das war ja eine ganz merkwürdige Sache!

Noch während er das dachte, war Rudi aus der Koje geklettert und an seinen Koffer gegangen. Jetzt hielt er die Schachtel, die er damals dem Dragoman weggenommen hatte, offen in der Hand. Sollte er? Sollte er nicht? Ach was! Probieren geht über Studieren. Ein Löffel war nicht bei der Hand. Kurz entschlossen schüttete er sich aus der Schachtel eine Portion von dem Pulver auf die Zunge und begann darauf zu kauen und zu schlucken. Pfui Teufel, wie ekelhaft schmeckte das Zeug, gallebitter und sauer durcheinander! Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Er spuckte, griff nach der Karaffe und stürzte ein Glas Wasser hinunter. Immer noch blieb der niederträchtige Geschmack im Munde. Erst ein zweites Glas, das er in kleinen Schlucken trank, befreite ihn davon. Er schüttelte sich. Alle Wetter, war das ein Reinfall! Die Leute, die daran Geschmack fanden, konnten ihm leid tun. Ein ordentliches Stück Schokolade war doch eine viel bessere Sache. Er steckte die Schachtel wieder in seinen Koffer, kroch in die Koje und fiel fast augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. –

Die Vormittagssonne schien bereits durch das Bullauge, als die Stimme Gransfelds den Jungen in die Wirklichkeit zurückrief. »Rudi, was ist mit dir los? So die Zeit zu verschlafen! Sonst läßt du doch das Frühstück nicht aus!« Er sah Rudi, der sich schlaftrunken aufzurichten versuchte, schärfer an. Grüngelb sah dieser im Gesicht aus. »Junge, bist du seekrank?« Gransfeld warf einen Blick durch das Bullauge. »Unsinn, die See ist ja spiegelglatt! Menschenskind sprich endlich! Bist du krank?«

Mühsam kam Rudi mit dem Oberkörper in die Höhe. Ein wütender Kopfschmerz hämmerte in seinem Schädel. Jedes einzelne Haar tat ihm weh. Die ganze Welt schien sich um ihn zu drehen. Dazu verspürte er eine scheußliche Übelkeit. Er griff nach der Karaffe und nahm einen Schluck Wasser.

Inzwischen griff Gransfeld nach Rudis Puls. Er ging matt und unregelmäßig.

Lamentatio felium gigantea, stellte Gransfeld bei sich fest und fuhr den Jungen dann an: »Bengel, du hast einen überlebensgroßen Kater! Du mußt gestern abend schandbar getrunken haben. Mit wem hast du dich denn noch herumgetrieben?«

Bei den Vorwürfen Gransfelds sackte Rudi wieder wie ein Häuflein Elend in die Koje zurück und preßte die Hände gegen die schmerzenden Schläfen. Ein heulendes Elend überwältigte ihn. Stoßweise, von Schlucken und Schluchzen unterbrochen, kamen die Worte aus seinem Munde. »Herr Doktor – ich habe nichts getrunken – ich habe – von dem Pulver gekostet ...«

»Pulver? Von welchem Pulver?«

»Von dem Rauschpulver, Herr Doktor.«

Einen Augenblick dachte Gransfeld an seine Schachtel. Doch die befand sich ja unter sicherem Verschluß.

»Rauschpulver? Rauschpulver, Junge? Ich verstehe dich nicht. Wie kommst du an das Rauschpulver?«

»Im Splendidhotel – der Dragoman hatte welches. Da habe ich mir heimlich was – heimlich etwas genommen.«

Stück für Stück holte Gransfeld aus dem Jungen die Geschichte heraus und nahm das Schächtelchen an sich. »Bleibe vorläufig in deiner Koje, Rudi! Ich werde dir nachher ein Mittel gegen deinen Kater geben. Bis dahin bereue deine Sünden und versprich mir, nie wieder an solchem Teufelszeug zu lecken!«

»Niemals wieder, Herr Doktor, ganz gewiß: niemals wieder!« rief Rudi stöhnend, als Gransfeld aus der Kabine ging.

Dann saß dieser wieder mit Krone zusammen. Auch dieses Pulver hatte sich bei der Analyse als Heroin erwiesen.

»Du siehst, Gransfeld, wie die ganze Welt von den Rauschgiftpiraten verseucht wird. Der Dragoman eines großen Hotels, der im Laufe eines Jahres mit vielen wohlhabenden Gästen zu tun hat – einen besseren Mittelsmann für ihr unsauberes Geschäft können die Kerle nicht finden; der sieht es jedem schon an der Nasenspitze an, ob er als Kunde in Betracht kommt, und verkauft es ihm zu sündhaften Preisen.«

»Man müßte dem Burschen das Handwerk legen«, fuhr Gransfeld auf.

Krone zuckte die Achseln. »Hat wenig Zweck, Gransfeld. Wenn man nicht die ganze Organisation fassen und vor allen Dingen die Quellen verstopfen kann, aus denen die Bande ihre Ware bezieht, dann nutzt das wenig.« Er ging zu dem Apothekenschrank und kam mit einer Arznei zurück. »Hier dieses Mittelchen gib erst mal dem Jungen, damit ihm besser wird! Wir können später noch über die Sache sprechen.« –

Als Rudi am Nachmittag wieder erwachte, hatte das Mittel Krones seine Schuldigkeit getan. Er war imstande, aufzustehen und auf Deck zu kommen.

Gransfeld nahm ihn beiseite. »Laß dir das eine Lehre sein, Rudi! Gewissensbisse darüber, daß du dem Tarantola das Pulver weggenommen hast, brauchst du dir nicht zu machen. Der Kerl ist sicher ein großer Halunke. Für die Zukunft aber: Vorsicht, Rudi, und Verschwiegenheit! Nicht nur in der See gibt's Haifische, auch anderswo, zweibeinige Haifische, mein Junge! Eine Probe davon, wie gefährlich die sind, hast du auf der ›Usakama‹ bekommen. Halte die Augen offen! Wenn du etwas Verdächtiges entdeckst, vertraue es mir an, aber mir allein! Zu allen andern schweige darüber!«

Rudi versprach, was Gransfeld von ihm forderte.

*

Nach dem Lunch machte es sich Gransfeld in einem der Liegestühle auf Deck bequem. Aber jene behagliche Ausspannung, die sich sonst im Verlaufe einer mehrtägigen Seereise einzustellen pflegt, blieb ihm fern. Allzu sehr gingen ihm die Erlebnisse der letzten Woche durch den Kopf. Immer wieder mußte er an den Holländer und an den Griechen im Splendidhotel denken. Nicht ausgeschlossen, daß sie die Lieferanten des Dragomans waren. Höchstwahrscheinlich auch, daß der Ehrenmann Rasati mit ihnen unter einer Decke steckte. Morton, der lange Schotte, gehörte sicher zu der Bande. Eine erbauliche Reihe von Zeitgenossen war das ja!

Außer Zweifel stand für Gransfeld auch, daß der Grieche seinem Onkel das verhängnisvolle Narkotikum geliefert hatte. Doch wer hatte die Statuette des Sethos gestohlen? Der Grieche? Sooft ihm der Gedanke kam, verwarf ihn Gransfeld wieder. Zu wertvoll war dieses Kunstwerk. Wenn es irgendwo auf dem Markte auftauchte, mußte es Aufsehen erregen und Nachfragen nach der Person des Verkäufers veranlassen. Würde ein Mitglied der Bande etwas Derartiges wagen, ein Mensch, der das größte Interesse daran haben mußte, im Verborgenen zu bleiben? Das war unwahrscheinlich. Doch wer anders als Megastopoulos konnte die Statuette genommen haben? Nur der Grieche war bei seinem Onkel gewesen. Gransfeld griff sich an die Stirn. Blitzartig kam ihn ein Gedanke. Die Dummheit! Die große Dummheit, die jeder Verbrecher einmal macht – war es das? Hatte der Grieche gestohlen, trotzdem er dadurch die Gefahr einer Entdeckung heraufbeschwor?

Die Stimme Rudis riß ihn aus seinen Gedanken. »Was bringst du, Junge?«

Rudi beugte sich dicht zu ihm und sprach flüsternd: »Ich war mit dem Bootsmann im Laderaum. Die Koffer von Morton und dem Holländer auf der ›Usukama‹ sind wieder hier an Bord. Ich habe sie unten gesehen.«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Einbildung, Rudi! Ein moderner Koffer sieht aus wie der andere. Von solchen Koffern gibt's Tausende. Die werden nicht gerade für Morton und van Holsten eigens gemacht sein.«

Er hielt inne. Unwillkürlich kam ihm bei den Worten »eigens gemacht« ein neuer Verdacht. Eigens gemacht? Las man nicht oft genug in den Zeitungen, daß diese Händler sich Koffer mit doppelten Wänden und Böden anfertigen ließen, durchtriebene Machwerke, in denen sie die Rauschgifte von Land zu Land schmuggelten?

Rudi versicherte, daß er sich bestimmt nicht täusche. Er erzählte, daß ihm gerade diese Koffer schon auf früheren Fahrten aufgefallen seien, manchmal im Gepäck von Leuten, die nach Port Said fuhren, dann wieder im Gepäck von andern, die von Port Said zurückkamen.

Als der Junge geendet, fragte Gransfeld: »Weißt du denn überhaupt, zu wem die Koffer jetzt gehören?«

»Nein, Herr Doktor, sie liegen ganz unten zwischen dem Hamburger Gepäck. Ich konnte die Schilder nicht sehen.«

»Hamburger Gepäck?« Gransfeld sprang von seinem Stuhl auf. »Bist du ganz sicher, daß die Koffer nach Hamburg gehen?«

»Bestimmt, Herr Doktor. Das Gepäck ist im Laderaum nach den Häfen geordnet. Das für Genua liegt zuoberst, das für Hamburg ganz unten.«

»Hm, Rudi, wir gehen in Genua nicht an Land, wir fahren bis Hamburg weiter. Die Leute, zu denen die Koffer jetzt gehören, müssen an Bord sein. Sperr deine Augen auf, aber halte deinen Mund!«

Gransfeld begab sich zum Zahlmeister, um seine Fahrkarten bis Hamburg verlängern zu lassen. –

Durch Mittelmeer, Atlantik und Nordsee ging die Fahrt. In mancherlei afrikanischen und europäischen Häfen legte die »Warana« an. Als sie Rotterdam, den letzten Hafen vor Hamburg, verließ, lagerten die verdächtigen Koffer noch an ihrem Platze, aber trotz allen Anstrengungen war es Rudi nicht gelungen, etwas über ihre Eigentümer in Erfahrung zu bringen.

Gransfeld vertröstete ihn. »Während der Zollabfertigung in Hamburg müssen die Besitzer notgedrungen bei ihren Koffern sein. Da paß scharf auf, da können sie uns nicht entgehen!«

Im Morgengrauen passierte die »Warana« Cuxhaven und fuhr elbaufwärts. Am frühen Nachmittag lief sie mit halber Maschinenkraft in den Hamburger Hafen ein. Der Tender kam längsseit und übernahm die Reisenden und ihr Gepäck. Ein buntes Durcheinander herrschte auf dem kleinen Schiff. In dem Gewimmel vermißte Gransfeld plötzlich seinen Begleiter. Vergebens blickte er suchend nach allen Seiten.

Schon schob sich der Tender an den Zollkai heran. Wenige Minuten noch, dann würde die Landungsbrücke fallen. Da spürte Gransfeld ein Zupfen am Ärmel. Als er sich umdrehte, stand Rudi hinter ihm. »Ich hab's«, flüsterte er. »Eine Rumänin, Frau Helena Dimitriescu, reist mit den Koffern, die große, schlanke Dame da vorn an Backbord neben den beiden Matrosen.«

»Bravo, Junge! Wie hast du das so schnell herausbekommen?«

»War ein glücklicher Zufall, Herr Doktor. Ich hatte mich an die Koffer gemacht und eben den Namen gelesen, da kam eine Dame heran, gab einem der Matrosen ein Trinkgeld und zeigte dabei auf die beiden Koffer. Na, da war's ja sonnenklar!«

»Gut, Rudi. Bist du auch vorsichtig gewesen und nicht etwa irgendwie aufgefallen?«

»Keine Spur, Herr Doktor! Nahe dabei lagen unsere Koffer. Die habe ich einem andern Matrosen gezeigt und ihm ein Trinkgeld gegeben. So war die Sache doch ganz unauffällig.«

»Hoffen wir, mein Junge!« sagte Gransfeld.

Der Tender machte am Kai fest. Laufbrücken wurden auf das Deck geschoben, Reisende und Gepäck kamen in die große Zollhalle. In alphabetischer Reihenfolge nach den Namensschildern wurden die Gepäckstücke von den Trägern auf den langen Tischen ausgelegt. D ist von G nicht weit im Alphabet entfernt. So blieb Gransfeld in der Nähe der Dimitriescu, während Rudi draußen schon eine Autodroschke mit Beschlag belegte. Diese Vorsicht erwies sich als nützlich, denn die Rumänin wurde von einem Privatauto erwartet und fuhr unmittelbar nach der Zolldurchsicht ab.

»Folgen Sie dem Wagen vor uns!« befahl Gransfeld dem Lenker. »Wir wollen in dasselbe Hotel.« Das war verkehrt, wenn sie etwa gar nicht zu einem Hotel fährt, fuhr es ihm im gleichen Augenblick durch den Sinn.

Die Fahrt ging nach dem Viertel an der Binnenalster. Vor dem Kolumbiahotel hielt das Privatauto. Auch Gransfeld mit seinem Begleiter nahm dort Wohnung. Der Jagdeifer war in ihm erwacht. Unwillkürlich fühlte er, daß der Tip mit den Koffern ihn auf der einmal aufgenommenen Spur weiterbringen müsse, weiter, immer weiter – bis sich an ihrem letzten Ende vielleicht die Statuette des Serhos wiederfand. »Die Augen auf, Rudi!« mahnte er den Jungen. »Paß' auf wie ein Schießhund, aber sei vorsichtig! Der Zufall könnte es wollen, daß irgendwer da ist, der dich von früher her kennt.« –

Gransfeld war noch dabei, sich für das Abendessen umzukleiden, als Rudi zu ihm ins Zimmer zurückkam. »Herr Doktor, ich glaube, unten im Empfangszimmer den Holländer von der ›Usakama‹ gesehen zu haben.«

Gransfeld pfiff durch die Zähne, dann fragte er: »Den Holländer? Van Holsten? Meinst du etwa den?«

»Ja, ich glaube, er ist es«, entgegnete Rudi.

»Du glaubst? Na, Rudi, den Menschen mußt du doch genau kennen, von damals auf der ›Usakama‹ du weißt doch!«

»Ja, Herr Doktor, gerade darum. Ich denke, ich kenne ihn genau, aber der hier – sieht ihm zwar ähnlich und ist doch wieder verändert.«

Gransfeld schlug ihm lachend auf die Schulter. »Wenn er anders aussieht, dann ist er's bestimmt.«

Rudi starrte seinen Herrn verständnislos an.

Der sagte, immer noch lachend: »Das habe ich nämlich schon in Port Said herausbekommen, daß der Holländer Namen und Aussehen nach Belieben wechselt. Aber, mein Junge, er kennt dich sehr genau und hat dich bestimmt in keiner guten Erinnerung. Verschwinde auf dein Zimmer und laß dir da etwas zu essen geben! Vorläufig, Rudi, untertauchen, unsichtbar bleiben!«

Gransfeld selbst ging zum Abendessen in den Speisesaal. Seine Augen brauchten nicht lange zu suchen. Da saß die Rumänin und am selben Tisch mit ihr – gewiß, das war van Holsten oder van der Meeren oder wie er sonst heißen mochte. Er war's, wenn er Gransfeld heute auch wieder anders vorkam als bei den früheren Begegnungen. Er hatte eine andere Haartracht, andere Haarfarbe, veränderte Gestalt. Mynheer haben seit Port Said wieder etwas zugenommen, stellte Gransfeld fest.

Nach dem Abendessen saß der Doktor in der Vorhalle. Während er dem Rauch seiner Zigarette nachblickte, wanderten seine Gedanken. Was hatte die ägyptische Reise aus ihm gemacht? Anstatt auf kürzestem Wege zu seiner ärztlichen Praxis zurückzukehren, war er um halb Europa herumgegondelt. Warum? Um ein paar Koffern zu folgen, die ihn im Grunde nichts angingen. Und jetzt saß er hier wie ein Berufsdetektiv, um etwas über die Besitzer dieser Koffer zu ergründen. War's nicht Unsinn, daß er sich auf das Abenteuer eingelassen hatte?

Ein Hotelboy trat zu Gransfeld. »Herr Doktor, Sie werden am Haustelephon verlangt.«

Gransfeld ging zum Apparat und hörte die Stimme Rudis. »Herr Doktor, die beiden Koffer gehen eben mit dem Fahrstuhl nach unten. Wahrscheinlich werden sie weggebracht.«

»Es ist gut, Rudi. Bleibe auf deinem Zimmer! Ich werde das selbst besorgen.«

Er ließ sich von einem Pagen Hut und Mantel holen. Der Pförtner mußte ihm eine Autodroschke heranpfeifen, die vorläufig auf ihn warten sollte.

Wenige Minuten später brachte der Hausdiener die beiden Koffer durch die Halle zu einem Privatauto. Unmittelbar darauf stieg der Holländer mit der Dame in den Wagen.

»Folgen! Dem Wagen da vor uns folgen, bis er irgendwo hält!« befahl Gransfeld seinem Chauffeur.

»Jawohl, Herr Kommissar!« antwortete der Mann. Er glaubte einen Beamten der Hamburger Kriminalpolizei vor sich zu haben.

Der Wagen rückte an und kam in Fahrt. An der nächsten Straßenecke sprang eine Gestalt auf das Trittbrett, öffnete die Tür und schlüpfte zu Gransfeld in den Wagen.

»Rudi? Verflixter Bengel, was fällt dir denn ein? Du sollst doch auf deinem Zimmer bleiben!«

»Ach, Herr Doktor, jetzt ist's ja dunkel! Niemand hat mich gesehen. Ich konnte es auf dem Zimmer nicht mehr aushalten, ich muß mit dabei sein.«

Während Gransfeld noch brummte, spähte Rudi mit seinen scharfen Augen nach dem voranfahrenden Wagen, zog sein Notizbuch und warf einen Blick hinein.

»Dieselbe Nummer! Es ist derselbe Wagen, Herr Doktor, der die Koffer vom Hafen ins Hotel brachte.«

»Du hast dir die Nummer aufgeschrieben? Sehr verständig Rudi, für alle Fälle; man kann nicht wissen.«

Der Fall, den Gransfeld dabei im Sinn hatte, trat schneller ein, als er dachte. In dem Augenblick, als sie den Dammtorwall erreichten, wechselte das Licht der Verkehrsampel. Der fremde Wagen kam noch durch, der Gransfelds mußte halten. Es war nur ein. Aufenthalt von einer Minute, aber genug, um die Spur zu verlieren. Als die Menge der gestauten Autos wieder in Bewegung kam, war der Privatwagen verschwunden. Vergeblich blieben alle Versuche, ihn wieder zu entdecken. Nach einer Viertelstunde gaben sie das Unternehmen als zwecklos auf.

»Pech, Rudi, Künstlerpech! Der ist uns durch die Lappen gegangen, da hilft nichts mehr.«

»Aber wir haben doch die Nummer, Herr Doktor.«

»Die Nummer, Junge, ja, du hast recht.«

Gransfeld ließ den Chauffeur zur Polizeidirektion fahren. Die Auskunft, die er dort erhielt, war amtlich und nüchtern. Der Wagen gehörte einem Herrn Rasmussen in Harvestehude. Mehr als Namen und Adresse mitzuteilen, hielt der Beamte sich weder für verpflichtet noch für berechtigt. Gransfeld fuhr ins Hotel zurück und ließ sich das Adreßbuch geben. Auch dort fand er nur spärliche Auskunft: C. F. Rasmussen, Ein- und Ausfuhr, Rauchwaren und Chemikalien. – Chemikalien? Nachdenklich stellte Gransfeld das Buch wieder ins Fach zurück.

*

In seinem Arbeitszimmer saß C. F. Rasmussen mit zwei Gästen zusammen. Mynheer van Holsten von der einen, Helena Dimitriescu von der andern Seite sprachen auf den Hausherrn ein, der den Eindruck eines müden und kränkelnden Mannes machte.

»Nonsense, Rasmussen! Hochbetrieb! Das Geschäft blüht. Unsere Kunden verlangen die Ware. Sie müssen liefern!«

Der Hamburger griff nach der linken Brustseite, als ob er dort Schmerzen verspüre.

»Warum zögern Sie mit der Lieferung, Herr Rasmussen?« unterstützte die Rumänin ihren Begleiter. »Wir haben Nachricht, daß frische Ware in Gorla verfügbar ist. Sie dürfen uns nicht im Stich lassen.«

Rasmussen nahm einen Schluck Wasser und ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Ich bin leidend, Frau Dimitriescu. Die unaufhörlichen Aufregungen verschlechtern meinen Zustand. Ich bin es mir und meinem Kinde schuldig, auf meine Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Warum quälen Sie mich?«

»Quälen?« rief der Holländer. Ein höhnischer Zug spielte um seine Lippen. »Früher ist es Ihnen keine Qual gewesen, das Geschäft mit uns zu machen. Sie haben gut dabei verdient, vielleicht am besten von uns allen. Jetzt, wo Sie ein gemachter Mann sind, wollen Sie nicht mehr mittun und uns einfach sitzen lassen. Das gibt es nicht, Rasmussen! Wir haben unser Schäfchen noch nicht im Trocknen, und Sie müssen ...« Er warf einen Blick auf das Gesicht des Hausherrn und bekam einen Schreck. Wie alt und verfallen sah der Mann plötzlich aus! Unangenehm, sehr unangenehm, wenn der am Ende doch plötzlich zusammenbrach.

Der Holländer lenkte ein. »Nehmen Sie Vernunft an, Rasmussen! Es ist Ihr eigener Vorteil. Von uns allen wagen Sie am; wenigsten dabei. Diesmal müssen Sie noch mitmachen. Unsere Kunden warten. Wenn Sie wirklich krank sind, wird man später ein anderes Abkommen treffen können.«

Mit einem Seufzer erhob sich Rasmussen und ging zu einem Bücherschrank. Dort stand unter andern Klassikern eine vielbändige Goethe-Ausgabe. Er griff einen Band heraus und kam damit an den Tisch zurück. Das Buch war eine Attrappe. In seinem Hohlraum lagen verschiedene Schriftstücke. Mit einer matten Bewegung schob er seinen Besuchern einen Brief hin.

Die Rumänin beugte sich darüber. Ihre Augen blitzten, während sie langsam, wie buchstabierend, Zeile für Zeile zu lesen begann. Jetzt stockte sie, griff nach ihrer Handtasche und brachte ein winziges Notizbuch zum Vorschein. Es enthielt den Schlüssel für die Chiffre, in der der Brief geschrieben war. Während ihr rechter Zeigefinger langsam von Wort zu Wort über den Brief glitt, blickte sie hin und wieder in das Buch. »Sehr gut!« Sie schob den Brief beiseite und barg das Büchelchen wieder in der Tasche. »Vorzüglich, Herr Rasmussen! X. C. 17 schreibt, daß große Mengen greifbar sind.« Sie blickte auf die kraftlose Gestalt des Hamburgers und flüsterte van Holsten etwas ins Ohr.

Dieser nickte und wandte sich zu Rasmussen. »Ich glaube, daß Sie nicht imstande sind die Reise zu machen. Geben Sie uns die Einführung an X. C. 17, dann wollen wir es übernehmen.«

Eine Weile zögerte Rasmussen, dann holte er vom Schreibtisch ein Blatt weißes Papier; sein Füllfederhalter raschelte darüber hin. Einzelne Buchstabengruppen entstanden auf der weißen Fläche. Kein Sprachkundiger hätte ihren Sinn und Inhalt zu deuten vermocht. Demjenigen, der die Chiffre kannte, kündeten sie einen klaren Befehl.

Rasmussen löschte das Blatt und gab es van Holsten. Dieser ließ es in seiner Brieftasche verschwinden.

Ein kurzer Abschied, und Rasmussen war allein in seinem Zimmer. Er warf sich in seinen Sessel zurück und preßte die Hände an die Stirn. Über Jahre flogen seine Gedanken zurück. Wie war er in dies Netz verstrickt worden, aus dem er sich seit langem befreien wollte und doch nicht zu befreien vermochte? Damals in der großen Deflationskrise war's, als die angesehensten Häuser wankten. Kein Kapital war im Lande, kein Kunde wollte mehr kaufen. Auch er stand vor dem Ruin, als die Versucher an ihn herantraten, zu raunen und zu locken begannen. Jetzt ehrliche Geschäfte betreiben? Unmöglich! Rauschgifte ausführen, das ist noch ein Geschäft, das tausend Prozent Nutzen bringt. Für so etwas ist die ganze Welt ein guter Kunde. Er hatte gezögert, der Versuchung widerstanden. Aber unaufhaltsam rückte der Tag näher, an dem auch sein Haus stürzen mußte. Da begann er auf die Einflüsterungen zu hören.

Rauschgifte ausführen! Woher sollte man die Ware bekommen? Wie einfach war das, wenn man sich als Glied in die geheime Organisation einfügte, wenn man gehorsam die Weisungen der oberen Stellen ausführte, Weisungen, die scheinbar ganz harmlos waren, wenigstens nichts Ungesetzliches enthielten.

Wie merkwürdig war die erste Anordnung jener geheimen Zentrale, als er schließlich der Versuchung erlegen war! An einen Direktor der Gorla-Werke, den er von früher her kannte, hatte er einen Brief zu schreiben, dessen Text ihm fertig vorgelegt wurde. Es war eine einfache Empfehlung für einen Mann namens Henke, der durch die schlechte Arbeitslage brotlos geworden war und neue Stellung suchte. Er hatte den Brief geschrieben und nach kurzer Zeit die Mitteilung bekommen, daß seine Empfehlung erfolgreich war. Seitdem – ja, seitdem saß Henke in den Gorla-Werken und – hatte »Ware« greifbar.

Was in Gorla geschah, was dieser Henke dort im Dienste der Organisation trieb, das wußte Rasmussen nicht und wollte es auch nicht wissen.

Die ungesetzliche Ausfuhr hatte ihm in den folgenden Jahren reichen Gewinn gebracht und ihm aus allen geldlichen Schwierigkeiten geholfen. Chemikalienhandel? Ein bitterer Zug spielte um seinen Mund. Ein Chemikalienhandel war es; schon, aber ganz anders, als er sich das bei der Gründung seines Handels als ehrbarer Kaufmann gedacht hatte, ein Ausfuhrhandel, der Siechtum und Tod zu vielen Tausenden brachte, ein Handel, den das Gesetz mit den strengsten Strafen belegte. Rasmussen sprang auf. Er mußte sich endlich freimachen von dieser Kette. Er wollte, er mußte es. Sein altes Herzleiden meldete sich. Immer wieder griff seine Rechte an die Brust. Er wollte den Rest seines Lebens in Ruhe verbringen. Mochten die andern treiben, was sie wollten! Verraten wollte er sie nicht, aber freikommen aus dem gefährlichen Getriebe. Den ersten Schritt dazu hatte er heute mit der Erteilung der Vollmacht getan. Hoffentlich würde es ihm bald ganz gelingen.

*

Gransfeld saß im Lesezimmer des Hotels und blätterte zerstreut in den Zeitungen. Seine Stimmung war nicht die beste; ihn bedrückte der Mißerfolg von gestern. Zwar der Holländer und die Rumänin waren zurückgekommen und wohnten weiter hier, aber die verdächtigen Koffer waren verschwunden. Jagte er nicht am Ende nur einem Trugbild nach? Er griff nach einer andern Zeitung und faßte zufällig das »Journal de Genève«. Immer noch halb abwesend, ließ er seine Augen über die Spalten gleiten. – Da! Was stand da?

»Genève ... Musée des Arts. Wertvolles Angebot.«

Was war das? Eine ägyptische Statuette aus dem dritten Jahrtausend vor Christus war durch einen griechischen Kunsthändler angeboten worden.

Gransfeld packte die Zeitung mit beiden Händen und brachte sie dicht vor die Augen. Wort für Wort las er die Notiz noch einmal.

Dem Direktor des Museums war die Statuette von einem namhaften, seit Jahren auf dem internationalen Markte bekannten griechischen Altertumshändler zum Kaufe angeboten worden.

Nach allem, was Gransfeld von Herrn Megastopoulos wußte und ahnte, konnte er ihn sich schwer als einen angesehenen Kunsthändler vorstellen. Vielleicht war's die so oft erwähnte »Duplizität der Ereignisse«, die ihm hier eine Möglichkeit vorgaukelte. Schließlich gab es ja noch mehr ägyptische Statuetten aus dem dritten Jahrtausend. Doch immerhin, es war eine Möglichkeit. Da stand am Schlusse der Notiz noch eine Bemerkung, daß der Händler sein Angebot auf vierzehn Tage aufrecht erhalte.

Vierzehn Tage! Gransfeld überlegte. Zwei Wochen! Eine lange Zeit. Bis dahin mußten die Dinge hier jedenfalls irgendwie zu einem Ende kommen. Er beschloß, die Museumsangelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls selbst nach Genf zu fahren.

Auf seinem Zimmer erwartete ihn Rudi. »Etwas Neues, Herr Doktor! Die Rumänin will fort. Sie ist heute vormittag auf dem Reisebüro gewesen.«

»Woher weißt du das, Rudi?«

»Weil ich auch auf dem Büro war. Ich bin ihr vorsichtig nachgegangen und stand im Gedränge dicht hinter ihr, als sie sich eine Fahrkarte nach Gorla besorgte. Mit dem D-Zug morgen früh um neun Uhr dreißig will sie fahren.«

Gorla? Gransfeld warf sich in einen Klubsessel und schloß sekundenlang die Augen. Gorla, die Gorla-Werke! Das war einer der großen Konzerne, in dem sich tagein, tagaus die Wunder der modernen Chemie abspielten. Aus den Destillationserzeugnissen des unansehnlichen, übelriechenden Steinkohlenteers entstanden dort die leuchtenden Anilinfarben und die kostbaren Duftstoffe. Aber auch alle Arzneimittel der Neuzeit ließ die chemische Industrie dort aus dem Steinkohlenteer entstehen. Arzneimittel? Mit geschlossenen Augen glaubte Gransfeld die Spur zu erblicken. Undeutlich begann sie in Syut, führte über Port Said, immer klarer werdend, nach Hamburg und zog sich wie ein leuchtendes Band nach Gorla weiter. Sollte er ihr folgen? Kein Zweifel mehr, das richtige war es. Er sprang auf. Seine Gestalt reckte sich, sein Entschluß war gefaßt.

Verwundert hörte Rudi den sonst so gesetzten Doktor laut vor sich hin pfeifen; die Stelle aus Carmen war es: »Auf in den Kampf, Torero!« Jäh brach er ab. »Los, Rudi! Hier hast du Geld. Geh zum Büro und besorge zwei Plätze! Wir fahren morgen mit demselben Zug lach Gorla.« –

Am andern Morgen um 9 Uhr 30 verließ der D-Zug mit Gransfeld und Rudi den Hamburger Hauptbahnhof. Bei der Abfahrt hatten sie die Rumänin nicht zu Gesicht bekommen, aber nach den bestimmten Erkundigungen Rudis war es ja sicher, daß sie irgendwo in dem Zuge sein mußte. Eigentlich war es ganz gut so, wenn sie ihr vorläufig nicht vor die Augen kamen und jede Möglichkeit eines Verdachtes vermieden wurde. –

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