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Moderne Novellen

Theodor Birt: Moderne Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorTheodor Birt
titleModerne Novellen
publisherQuelle & Meyer Leipzig
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060411
projectid63540d62
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Damajanti.

Ein Quasi-Lustspiel.

»Es waren doch nette Tage mit Mama,« sagte Margot, noch halb verschlafen.

»Ja, ja! Wie lange war sie eigentlich da?« kam es langsam aus dem Munde ihres Gatten, indem er dabei in den frischen Semmel biß. Auch er schien noch etwas träge.

»Nun, doch sechs Wochen,« sagte Margot, und nach einer Pause mit einem Seufzerchen, indem sie den Kaffee eingoß: »Es ist doch recht still ohne sie.«

»Aber die Stille tut uns gut. Ich habe mich wieder trefflich mit meiner Schwiegermama vertragen; das dient zu ihrem Ruhm und zu meinem. Aber sie begreift nicht, daß ein Gelehrter wie ich auch seine Ruhe haben muß. Wie viele Gesellschaften haben wir für sie gegeben und mitgemacht! Übrigens, wie ist es, du meine Lerche? Ich hab' heut' ja eine andre Kaffeetasse als sonst?«

Eine wichtige Frage. Er schien die Tasse nicht benutzen zu wollen. Es war noch nicht 8 Uhr, als sie so beim Morgenbrot saßen, Edgar und Margot. Die Balkontür stand offen, und der linde Hauch des ersten Frühlings wehte herein und bewegte leicht die Gardine. Übrigens gab es damals zum Frühstück noch guten Bohnenkaffee und Butter in Fülle. Auch seinen Teller mit Buchweizengrütze bekam Edgar jeden Morgen. Er brauchte das.

»Die Tasse ist neu,« versetzte die kleine Frau. »Das bemerkst du zerstreuter Mensch erst jetzt? Trink nur. Echt chinesisches Porzellan; Drachenmuster. Ich hatte die schon lange für dich bestimmt.«

»Nun, meine alte Mundtasse war mir sehr lieb, aus meiner Junggesellenwirtschaft.«

»Aber blos Steingut, Edgar, und so roh bemalt, mit zwei grasgrünen Enten darauf.«

»Nun gut. Ich trink' ja schon, mein Engel.«

Da rasselte draußen die Schelle, und Ursel, die Köchin, die fast so alt war wie Margot und Edgar zusammengenommen, brachte die Post herein. »Ein Brief von Mama! ... Sie ist glücklich wieder in Dresden angekommen. Soll ich vorlesen?«

Edgar hörte schmunzelnd zu. Der Brief war voll Dank und Zufriedenheit; da stand: »Wie beruhigt es mich, daß Ihr so schmuck und gemütlich wohnt.« (»Na, na! Mama ist eben sehr anspruchslos«, warf Margot dazwischen.) »Und Euer Umgang. Universitätskreise! Solch Gelehrtentum ist doch zu anregend! Und Dein Fach, lieber Edgar, das Indische! wie imposant! Ich träume noch immer von weißen Elefanten. Wenn ich aber wiederkomme, Ihr Kinder, dann hoffe ich, es aus einem andern Anlaß zu tun.« Diese Worte hörte Edgar mit einem Extraschmunzeln und trat seinem Weibchen zärtlich auf den Fuß. Sie aber tat, als beachtete sie es gar nicht. Dann setzte er sich mit Wucht an seinen Schreibtisch, steckte sich seine große Zigarre an, so daß er gleich wie in einer Wolke saß (er rauchte morgens nur zweiter Güte, aber sehr viel, und Margot fand, daß dies für die Gardinen nicht zuträglich war), und seine Stimmung blieb dieselbe: »Ja, ja, die Alte sprach mit mir voll Sorge davon, und ich hab' sie vertröstet. Wir wollen schon sorgen, daß sie Großmutter wird.« Dann fegte er ein paar Bücher vom Schreibtisch, so daß sie über den nächsten Stuhl flogen, und riß einen dicken Quartband aus dem Fach, in wildem Eifer. Als er ihn auseinanderklappte, wäre beinah' auch das Tintenfaß vom Tisch gesaust.

Margot war indeß mit schleichendem Gang an ihm vorbei in die gute Stube geschlüpft (es war der größte Wohnraum mit den hellen Rosentapeten), trat vor den Spiegel und betupfte sich ihren Teint mit dem Taschentuch. Sie sah übrigens reizend aus in ihrer himmelblauen Morgenjacke mit den weit offenen Hängeärmeln; aber blaß und etwas schmal. Ihre braunen Augen standen groß und glänzend wie Antilopenaugen unter der schmalen, weißen Stirn. Sie rieb sich die Wangen, damit etwas Röte sich einstellte, und gähnte dabei etwas nervös, wobei ihr zart gerundetes, fein ziseliertes Kinn sich senkte und ihre Zähne frei wurden, die wie ein allerliebstes Perlengeschmeide hinter dem Korallenriff ihrer Lippen standen. Dann ging ein verstohlenes Lächeln über ihr Gesicht, als sie selbst diesen Vergleich zog. Der Vergleich stammte von ihrem jungen Gatten; der war ja Indologe, in der Südsee zu Hause und sprach gern von Korallen und Perlenmuscheln. Er kaufte sie leider nur nicht.

Die Mutter hatte ja auch zu ihr über jene Hoffnungen, die Edgar so heiter stimmten, gesprochen. Aber sie hatte gesagt: »Kleine Kinder, Mama? Das ist so unmodern, und ich sehne mich gar nicht danach. Lulu hat welche, und das genügt mir vorläufig.«

Lulu war ihre Freundin, die gleich ihr gegenüber wohnte.

»Freilich, freilich,« hatte die Mutter kopfschüttelnd erwiedert. »Du bist arg blaß, Kind, und brauchst noch etwas Schonung. Das ist wahr. Ihr habt im ersten Jahr eurer jungen Ehe so viel Trubel gehabt; Reisen und all die Geselligkeit. Das war das erste Einleben in die akademischen Kreise. Jetzt, hoff' ich, kommt ein recht ruhiges Jahr für dich.«

So dachte auch Edgar. Erst die offiziellen Visiten; dann die Einladungen. Die wichtigsten hatten sie erwiedert. Jetzt sollte Schluß sein.

Inzwischen wischte die junge Frau in der guten Stube mit dem Wischtuch gedankenverloren die Möbel ab, die Stuhllehnen, Fensterbänke und Börter, auch das marmorne Gesims über dem Heizkörper der Zentralheizung. Die Stube, auch Salon genannt, sah doch im Grunde recht langweilig aus. Alle Stühle egal, mit den steifen Lehnen, die Bilder, Stiche und Lithographien alle in dieselben Goldleisten gerahmt. Knaus' Madonna und der ewige Bismarck mit dem Schlapphut. Auf dem Klavier ein kleiner lackierter Mozartkopf. Ach Gott, ach Gott! Am Fenster die üblichen Kakteen und eine Palme mit 5 Blättern.

»Edgar!« rief sie. »Willst du die Pflanzen nicht begießen? Südländische Vegetation! Deinen indischen Park! Du tust es doch sonst!«

Er lachte, aber er kam nicht und rief nur hastig:. »Heute nicht, heute nicht, süße Damajanti. Zu dick in der Arbeit! Stör' mich nicht.« Seine Baßstimme klang schmelzend gutherzig, aber entschieden.

So war es. Sie wußte es ja. Er war mit seinen Arbeiten arg im Rückstand, und die Druckereien drängten. Er mußte die zwei Aufsätze erledigen über den Kalidasa und Sômadçva (auch Sômadçva war ein indischer Dichter; das hatte sie sich gemerkt) und dazu noch den schwierigen Textdruck in der Sanskritschrift. Welch scheußliche Mühe hatte sich ihr guter Mann damit aufgeladen, gerade dies Fach zu wählen, Sanskrit zu treiben! Aber die Gedanken, die er da findet, sind oft wundervoll und die Fabelwesen grotesk, zum Träumen; manches so, daß einem das Entsetzen kommt, und manches wieder so spaßig. So heißt es von den indischen Königen, daß sie, wenn sie einen guten Tag haben sollen, nach Anweisung ihres Hausgeistlichen (des Purohita-Priesters) morgens ihr Gesicht in flüssiger Butter spiegeln müssen: »Daher sorg' ich, daß auch Edgar jeden Morgen immer gute, frische Grasbutter hat. Er lebt so in seinen indischen Gedanken!«

Sie griff sich ein schlankes Buch aus dem Schrank, warf sich in die Sofaecke, auf den roten Plüsch, und streckte sich erst, die Arme über dem Blondkopf, die Augen halb geschlossen, lang aus, die kleinen Füße auf dem Atlaskissen. Dann öffnete sie das Bändchen und beugte sich vor, um zu lesen: »Nal und Damajanti«, das entzückende Götter- und Heldenmärchen. Sie las darin gleich mit völliger Versenkung. Denn Edgar wollte es so. Rückert hat die Dichtung in deutsche Verse gebracht und den honig-süßen Zucker seiner Reime darüber gestreut. Aber sie las noch kaum 5 Minuten, da meldete die alte Ursel mit ihrer grunzenden Stimme: ob sie Fisch zu Tisch wollten. »Ja Fisch! gewiß.« Gleich eilte die kleine Frau in die Küche, und die Hausstandssorgen begannen. Zum Fisch – Hecht! – sollte es flüssige Butter geben: »Da kann sich Edgar wirklich darin spiegeln, und er hat einen guten Tag wie jene Könige von Bengalen. Es ist doch spaßig, die Frau eines Gelehrten zu sein!«

Am Nachmittag, als Edgar abwesend (es war seine Kollegstunde), kam neue Post. Es war ein überraschender Brief von Onkel Oskar aus Bad Nauheim. Höchst wichtig! Sie war ganz aufgeregt. Es war der reiche Onkel aus Argentinien, und er schrieb: Zu »Eurer Hochzeit, liebe Margot, habe ich Euch leider kein Geschenk machen können, wie es sich für Deinen Patenonkel geziemte, weil ich damals, wie Du weißt, Euch so fern, in Buenos Ayres festsaß. Nun muß ich hier, dummerweise, herzleidend, wie ich bin, in Bad Nauheim mich auskurieren und kann nicht zu Euch reisen, überweise Dir aber heute nachträglich per Scheck 30 000 Mark, die Du von der Bank erheben kannst. Schaffe Dir dafür an, was Dir lieb ist, mein Kind, und denke freundlich Deines alten Onkels« u.s.f.

Herzleidend! der arme! Aber so viel Geld! Unglaublich, fabelhaft! Was würde Edgar sagen? Aber nein. Sie wollte ihm vorläufig den Brief gar nicht zeigen; erst sich überlegen, was sie wohl kostbares sich kaufen könnte.

Ja was?

»Was mir lieb ist.«

Was ist mir lieb?

Gedankenvoll schritt sie durch die vier Stuben. Am Abend sprach sie wenig. Ihr lieber Mann merkte es nicht. Er büffelte und hatte sonst genug im Kopfe. Sein Schädel dampfte. Gleich schrieb sie einen glühenden Dankbrief an den Onkel. Möchte es ihm doch bald besser gehen! In der Nacht aber schlief sie schlecht, zum ersten Mal seit langem. Folgenden Tags aber ging sie aus, Vormittags, Nachmittags, ging aus und kam nicht wieder. Edgar suchte sie in allen Stuben. »Wo warst du nur?« fragte er erstaunt, als sie endlich wieder auftauchte. Sie log, ganz unverlegen, mit Lulu, der Freundin, sei sie auf Besorgungen gewesen; die brauchte neue Blusen und einen Sommerhut. In Wirklichkeit hatte sie einen Althändler entdeckt und in Galanteriewaren- und Bijouteriegeschäften alles um und umgekehrt: Schnallen, und Dosen und Fächer und Hutnadeln, Fayencen, Majolika, Kristallschalen.

Schon am nächsten Morgen stand auf der Verkleidung des Heizkörpers ein hübsches Bronzerelief, darstellend einen Fackellauf griechischer Jünglinge; rechts und links daneben zwei neue Leuchter in strahlendem Kupfer. Sie waren als zwei Palmen geformt, in denen die kleinen elektrischen Birnen hingen. Triumphierend zeigte sie das dem Gatten; der fand das auch wunderhübsch, als sie sagte: »Wir müssen wirklich endlich etwas tun, damit es flotter bei uns aussieht.« Am nächsten Morgen führte sie ihn zum Klavier. Da war der Mozartkopf verschwunden, und eine große Lyra stand da, wieder in Bronze, antiker Form und herrlich geschwungen; die Hörner der Lyra liefen in Schwanenköpfe aus. »Was sagst du, Edgar?«

»Ach, den kleinen Mozart geb' ich ungern preis. Er blickte so biederschelmisch darein, wenn wir aus Figaros Hochzeit vierhändig spielten und immer aus dem Takt kamen. Aber kaufst du das alles vom Hausstandsgeld oder auf Rechnung? auf Rechnung? und ich soll zahlen?«

»Mein Geheimnis! Aber es ist alles billig, so billig! Beim Althändler. Man muß dafür Sinn haben, findig sein! Glaube mir, ich versteh's.« Sie merkte nicht, wie er, als er still für sich am Schreibtisch saß, den dicken Wollkopf schüttelte und vor sich hin grunzte: »Diese Weiber! diese Weiber! Nie zufrieden! Was ist in sie gefahren?«

Bald danach aber kam es schlimmer. Als er am Sonntag Morgen in die gute Stube trat, war da der große Pfeilerspiegel verschwunden, der freilich kein Prunkstück war und den üblichen Spiegeln in den Friseurgeschäften glich, und ein anderer, viel hübscherer, stand an dessen Stelle, zwar mit trübem Glas, das bläulich schimmerte, aber der Rahmen im Barockstil geschnitzt, wie ein goldener Kranz von geschwungenen Akanthusblättern, darin ein halbes Dutzend Amoretten saßen. Edgar pflegte da zur Sonntagsfeier seine Kravatte zu binden, seinen Schnurrbart hoch zu bürsten. Aber er schreckte bös zurück.

Margot stand zaghaft hinter ihm: »Umgetauscht, Liebster,« hauchte sie.

»Ohne mein Wissen? Wie konntest du? Und woher das alles? woher das Geld? Du hast gehörig zuzahlen müssen.«

Sie berichtete jetzt endlich: von Onkel Oskar kam das Geld, schon vor acht Tagen, und so viel! »Aber zu meiner freien Verfügung.«

Da gratulierte er ihr voller Staunen und höchstem Respekt und mit einem dröhnenden »Famos«, als hätte sie Geburtstag, und strahlte vor Vergnügen. Dann faßte er sie unterm Kinn und sagte zärtlich: »Aber du kannst doch eigentlich nicht wissen, ob es mir recht ist?« Er wies auf den Spiegel. »O! du verstehst so wenig davon,« begann sie schmeichelnd, »und hast ja auf solche Dinge nie acht. Dir war immer alles recht, die ganze Ausstattung, wie sie Mama damals anschaffte; nach der Schablone; Schema F: komplette Zimmerausstattung direkt vom Möbellager zu so und so viel tausend Mark, anständig, aber öde. Auch Mama, die gute, der Pelikan, verstand es nicht besser. Sie stammt noch aus der alten Zeit. Aber ich, nun ja, ich bin feiner organisiert.«

»Gewiß, kleine, das bist du. Ich habe so etwas Dickhäuternaturell. Aber das Spiegelglas ist trübe. Ich erkenne ja darin meine Kravatte kaum, sehe nicht, was daran Vorder- und Rückseite ist.«

»Darauf kommt es wirklich nicht an, sondern auf das Ornamentale, ob das Zierstück dem Zimmer gut steht. Halt' still. Ich will dir die Schleife binden helfen. Du hast dein Studierzimmer ganz indisch ausgestattet. Ich gönne es dir gern. Der schreckliche hölzerne Buddha, der da kreuzbeinig in der Ecke sitzt, und die Photos an der Wand mit all den verrückten Tempelbildern; der Glaskasten voll exotischer Riesen- Schmetterlinge, der noch ganz nach Kampfer riecht; der ausgestopfte Vampyr; dazu als Aschenbecher der klotzige Elefant mit ausgehöhltem Rücken, der die Zigarre im Rüssel trägt! und auf dem Jagdschrank der Tropenhelm, als wolltest du gleich morgen absegeln in die Heimat der Damajanti und der Singhalesen. Aber hier, hier, Edgar, dies ist der Salon, und da bin ich zu Hause. Du hast es ja gern, wenn ich mich modern kleide; der Salon aber muß zu meiner Toilette stimmen. So nun auch dies Bild über dem Sofa...«

»Da hast du recht,« fiel Edgar lebhaft ein. »Das Bild da, diese abgedroschene Madonna, kann auch ich nicht mehr ausstehen. Das wäre wenigstens gescheit, wenn du mir da ein besseres Bild hinhängtest; etwas Apartes und Würdiges. Aber mach' dich nun fertig. Es ist herrliches Wetter. Wir wollen doch unseren Sonntagsspaziergang machen.«

Spazieren? Sie tat es ja so gern, aber nur nicht grade Sonntags, wo Vormittags die Visiten kamen. Sie wäre lieber zu Hause geblieben. Aber sie sagte nichts und stand nach einem Stündlein mit Federhut, Boa und Sonnenschirm bereit.

Erst fuhren sie in der Elektrischen zum nächsten Vorort, wo dann der Weg bald in die Waldwiesen abbog. Und da wandelten sie einhellig im Grünen. Wie alles blüht! Welcher Friede! Friede außen und innen. Sie liebten sich ja so, und er war ganz verzaubert.

In der Schweiz hatten sie sich kennen gelernt. Nach Indien hatte er gewollt, die Studienreise dorthin zu machen, die für sein Fortkommen unerläßlich schien. Da verliebte er sich in sie, auf einer der Hochtouren, wo sie am selben Seil befestigt waren, um den Gletscher zu nehmen. Das Seil riß nicht und hielt sie für immer verbunden. In Interlaken geschah die Verlobung, und die große Reise unterblieb. Er war sonst eine starke Natur, von etwas eckigem Wesen. Aber sie erfuhr da gleich und von Anfang an, was sie über ihn vermochte. Nal und Damajanti! Übrigens sicherten ihm seine gediegenen literarischen Arbeiten trotzdem den Erfolg, und er wurde bald in die außerordentliche Professur berufen.

An all das dachten die Beiden eben jetzt und hielten sich vergnügt an den Händen. Wie schön, den Arbeitstisch, wie schön, den Hausstand zu vergessen! Hausstand und Arbeitstisch, es waren doch nur zwei enge Welten. Wozu lebt man eigentlich? Nur um sich lieb zu haben? Oder gibt es noch etwas darüber?

»Wozu fragen, mein Schatz? Es gibt ein Zukünftiges. In uns allen liegen die Keime der Zukunft. Aber man muß sie stille lassen. Wer sich redlich auslebt, erfüllt schon damit seinen Zweck wie die Tauben, die über uns wirbeln, und das blühende Schilf am Weiher; sich auslebt, sag' ich, in den Grenzen seines Wesens, das bei uns Menschen auf Erziehung beruht.«

Sie hatte bei aller Lebenslust manchmal etwas Grüblerisches, Fragendes, gerade in den Stunden überschwellender Seligkeitsstimmung. Als sie jetzt am Fluß gingen und sie im gelinden Wellenschlag ein Boot ziellos taumeln sah, dem das Steuer fehlte, dachte sie: so ziellos ist auch meine Sehnsucht. Das Leben ist ein Warten: Worauf?

Zu Fuß gingen sie heim durch die belebten Straßen, als sie an der Kaserne vorbeikamen, aus deren hundert Fenstern die Musketiere müßig herausschauten; vor dem Tor zog die Wache auf; die Gewehrkolben flogen; der Metallbeschlag blitzte an den Helmen. Den Edgar befiel, wie so oft, die Lust zu scherzen: »Was würde dazu ein Inder sagen? Solches Gebäude voll Helden ist bissig wie ein Tigerrachen voll Zähne! Ach, was gäbe ich um eine Tigerjagd! Du siehst, auch ich habe meine Sehnsüchte. Aber ein Seufzer genügt, und es ist vorbei.«

Ein Seufzer genügt?

Da rief Margot: »Sieh nur! Wer kommt da aus unserem Hause?«

Patent, im Visitenanzug, kam ihnen da der Dr. Walter entgegen.

»Doktorchen, schon hier?« rief Edgar.

»Wollte eben bei Ihnen Antrittsvisite machen.«

»Vortrefflich. Seit wann in Halle?«

»Nun, seit acht Tagen.«

»Schon Wohnung gefunden?«

»Für den Junggesellen provisorisch ganz erträglich.«

»Es ist unser neuer Kollege, für neuere Geschichte!« sagte Edgar vorstellend.

Ein zierlicher, munterer, rosiger Herr mit fliegenden Augen, behend' und jovial, stand vor ihr. Helle Hosen und Tuchgamaschen über den Lackschuhen. Das Schnurrbärtchen kurz geschnitten bis zur Unkenntlichkeit. Auf der feinen Nase hatte sich ein Kneifer festgebissen mit kreisrunden Gläsern, blank wie Diamantschliff.

»Ein scharfsichtiger Mensch!« dachte Margot und sah ihn mit Neugier an, als ihre behandschuhten Hände freundlich in einander ruhten. »Scharfsichtig und recht modern, glaube ich.«

»Mein Studiengenosse von Leipzig her,« ergänzte Edgar die Vorstellung. »Könnte längst Professor sein, wenn er nicht solch ein Kunstfex wäre. Das ist immer gefährlich. Nichts für ungut, lieber Freund. Erneuern Sie bald Ihren Besuch.«

Ein Abend wurde verabredet. Das Gespräch war nur kurz. Als der Herr zum Abschied den Zylinderhut lüftete, sah Margot, daß sein feines Vorderhaar schon stark gelichtet. Aber es schien eine geistvolle Stirn zu sein.

Zur verabredeten Zeit erschien das Doktorchen pünktlich; im Smoking, doch unauffällig gekleidet; eine bescheidene Perle in der schwarzen Schleife. Seine kleinen Hände versanken in riesigen Handmanschetten wie ein Käfer im Lilienkelch. Es war eine Gesellschaft zu nur fünf Personen. Das Philosophenpaar war auch noch da.

Dr. Walter saß neben der Hausfrau. Man aß recht gut zu Abend. Man sprach, wie so oft, über die Wohnungspreise, lachte über die alte Ursel, die, als echte Hüterin, wenn Gäste kamen, die Flurtür immer nur halb auftat und mit durchbohrendem Blick nachsah, ob etwa ein Einbrecher käme. Aber sie meinte es so gut mit ihrer jungen Herrschaft. Dann kamen die Jugenderinnerungen der gelehrten Herren. Edgar war als Student immer etwas Teutone gewesen; schon sein Schmiß auf der linken Backe bezeugte es; Dr. Walter dagegen der Ästhet. Im Sport fanden sich die beiden. »Aber wer konnte es mit Edgar aufnehmen? Beim Fußball dieser Weitsprung! Diese Muskulatur der Arme! Ja, mit einem Berufsathleten hat er sich einmal gemessen!«

Margot blickte stolz und fast erschreckt auf ihn, der, als der andere so redete, stumm vergnügt seine geballten Fäuste aufeinanderlegte mit den starken Nägeln. Gesund und fest war an ihm alles. Warum konnte er nicht durch die Dschungeln auf einem Elefanten reiten?

Der Philosoph, Professor Profundus (so nannte man ihn zum Scherz), wiegte hinhorchend immer nur den Kopf und sagte wenig. Er hatte gelernt, daß das Schweigen Sache des Weisen sei und das Sprechen nur unser Nichtwissen verrät. Sein Mund ein Portemonnaie, aus dem kein Groschen herausfällt, dachte Margot. An Dr. Walter aber fiel ihr auf, daß er, wenn es neue Teller gab, seinen Teller jedesmal umkehrte, um nach dem Fabrikstempel zu sehen. An seiner linken Hand entdeckte sie einen schweren Ring mit wertvollem Stein, aber es war kein Verlobungsring.

Hernach schlug der Philosoph das Klavier auf. Er stöhnte übermäßig, während er spielte, und Lulu, seine liebe Frau, sang schmetternd »Von ewiger Liebe« dazu. Während dessen musterte Dr. Walter erst die Bilder an den Wänden; er schien leider enttäuscht. Dann entdeckte er das neue Relief mit den Fackel tragenden Jünglingen über dem Heizkörper und befingerte es mit sichtlichem Wohlgefallen und fixierte endlich auch die Bronzeleier auf dem Klavier und zwar so eifrig, daß die Sängerin beinah aus dem Text kam. Sie konnte auch nicht ahnen, daß das Fixieren nur der Leier galt.

Als das Lied aus war, applaudierte er gar nicht, sondern sagte nur: »Und welch wundervoller Spiegel!« »Finden Sie?« Margot wurde rot vor Freude. »Woher?« Margot nannte das Geschäft. »Ich hab' ihn erst vorige Woche angeschafft. Meinem Mann gefällt er nicht.«

»O, er wird schon daran Gefallen finden. Dieser Schwung! diese Plastik und Phantastik! Ein Spiegel muß phantastisch gerahmt sein; denn das steigert die Illusion.«

»Hörst du, Edgar?« rief Margot fröhlich.

Der Gatte schüttelte nur den Kopf. »Schlechtes Glas«, sagte er kurz ab. Daß er morgens nie mehr vor den Spiegel trat, um seine Kravatte zu ordnen, wurde verschwiegen.

Die Frau Lulu begann, da man kein weiteres Lied von ihr verlangte, von ihren kleinen Kindern zu sprechen. Da war Edgar ganz Ohr. »Wie alt ist der älteste? drei Jahre?«

»Nein, 3 ¼.«

»Ist er schon nett unartig?« Und so ging es weiter. Der Philosoph hörte väterlich zu, und seine beiden Augen strahlten wie zwei Scheinwerfer, die das Auto vor sich herträgt. »Wie finden Sie sonst unsere Einrichtung, Herr Doktor?« fragte indeß Margot ihren Gast, der noch immer vor dem Spiegel stand. »Ich fürchte, etwas spießig, nicht wahr? Ich habe es längst heraus, daß Sie ein Mann von Geschmack sind. Die Stühle zum Beispiel. Man sieht es ihnen an, daß sie nur Fabrikware sind mit dem unseligen Muschelornament, das auch das Sofa zeigt. Es langweilt mich so: gerade so wie die Tapete, wo man in allen Ecken ewig dieselbe Rose mit den zwei Blättern sieht.«

»Wenn Sie mich fragen, Gnädigste, so kann ich nicht ganz widersprechen,« entgegnete er mit einem Ton, sanft wie Seide. »Ihr Edgar darf nicht böse sein.«

»O, er hört es nicht.«

»Mein Grundsatz ist, möglichst viel alte Stücke, aber erlesen. Daran klebt Vergangenheit, Erinnerung, Poesie. Nehmen Sie auch nur ein altes geschliffenes Sektglas, Spitzglas; darin ein paar Orchideen, oder auch nur ein paar Apfelblüten! Heruntergekommene Sachen, wie der Trödler sie liefert: aber sie erzählen, wenn man sie in verlorenen Stunden belauscht. Köstlicher wär's freilich, von den Großeltern ererbte alte Sachen zu haben, als sie vom Trödler zu nehmen. Wer weiß, wer früher aus dem Sektglas getrunken hat? Aber ein paar charaktervollere Sessel immerhin; und eine Kommode im Rokokostil. Ich sehe hier im Raum gar keine Kommode. Sie kann so graziös sein, und sie ist so jung von Natur.«

»Jung von Natur?« »Davon könnte man stundenlang schwatzen. Meinen Sie, daß der heilige Augustin oder Karl der Große schon eine Kommode gekannt hat? oder selbst Gustav Adolf? Gott bewahre.«

»Edgar, höre,« rief Margot. »Herr Walter will uns von der Geburt der Kommode erzählen.«

Alles gab acht; man saß um den Tisch und der Genannte hub an, indem er die kleinen Hände faltete, so daß seine großen, lilienkelchhaften Manschetten sich zu küssen schienen: »Zu Anfang war die Truhe. Die hatte etwas Zisternenhaftes; denn es fällt alles von oben hinein. Dazu ungegliedert wie ein Trog, aus dem die Kühe saufen. Hartnäckig von Natur. Jahrtausende wurde sie alt und änderte sich nicht. Der Renaissancestil machte freilich Kunstwerke daraus, mit Reliefschmuck und Intarsien, so wie die alten Römer ihre Särge schmückten. Aber sie blieb so klotzig und erdwurmhaft, wie sie immer gewesen. Da geschah der geniale Akt: sie wurde im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung endlich, endlich auf vier Füße gestellt, wie ein rechtes Lebewesen, das nicht am Boden kriecht, ihr Deckel zugenagelt, ihre Brust weit geöffnet, die sich in Schubfächer auflöste, so daß ein bewegtes Innenleben entstand, und sie wurde von Jahr zu Jahr immer leichter und frauenhaft-eleganter im Wuchs. Entgegenkommen ist ihre Pflicht; daher heißt sie auch Kommode, »die bequeme.« Zwar weiß sie jedes Geheimnis zu wahren, wenn man es fordert. Das hat sie von der alten Truhe geerbt. Aber ein Ruck, und sie öffnet ihre Seele. Und schon begannen sich auch ihre Konturen kokett zu biegen und zu schwingen und alle Starrheit abzuwerfen. Dazu der Goldbronzebeschlag wie ein Brautschmuck der Schönen: Louis-Seize-Geschmack. Das war der Gipfel ihrer jungen Existenz. Mochte man Louis-Seize selber köpfen; seine Möbel leben ewig. Der Empirestil hat hernach versucht, sie umzubauen, und neue Moden kamen. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Ich finde, die Kommode, dies liebe, jugendliche Geschöpf, wurde dadurch rasch alt und matronenhaft wie eine alte Schachtel.« Der Vortragende schien elegisch in Trauer zu versinken; dann fuhr er fort: »Übrigens bin ich gar nicht für die alberne Stilreinheit, die man gemeinhin predigt. Man stelle ruhig ein Stück von gotischem Chorgestühl neben einen modernen Klubsessel und ein Taburet aus den Salons der Madame Beauharnais: mir soll es recht sein.«

Eine andächtige Pause entstand. Der Redner fühlte den Beifall in den stillen Blicken. »Wie sind Sie selbst denn eingerichtet?« fragte Margot schüchtern. »Sie könnten mich neugierig machen.«

»O, ich habe ja nur eine provisorische Wohnung von drei Stuben; da ist vorläufig wenig zu sehen. Aber allerlei Qincaillerien, nette Kleinigkeiten, stehen bei mir herum. Die werde ich Ihnen gelegentlich zeigen, mitbringen, wenn ich kommen darf.«

»Wie gern. Es interessiert mich brennend.« Dr. Walter aber beugte sich zur Frau Lulu hinüber. Er hatte den Brillantring an ihrem Finger schon längst entdeckt. Jetzt hörte er, es sei ein altes Familienstück; der Kunstkenner geruhte ihn zu bewundern, und des Philosophen Äugen glühten wieder vor stiller Freude wie zwei Glühlichter in der Nacht.

Dann brach man auf.

»Ihnen hat es gewiß nicht gefallen in unseren schlichten Räumen?« sagte Margot besorgt.

»O, teure Frau Kollega, was denken Sie von mir? Wer gibt auf die Austerschale acht, wenn er die Auster hat? Nicht die Sachen machen das Wohlgefallen, sondern die Menschen, für die sie nur der Rahmen sind; d. h. die Frau des Hauses. Und es gibt Frauen, die keinen Rahmen brauchen.«

»Famos gesagt«, rief Edgar vergnügt.

Verbeugung. Handkuß. Man ging so früh, weil die Frau Lulu nach ihren Kleinen sehen wollte.

»Ein netter, netter Herr«, sagte Margot beim Schlafengehen: als sie ihr Haar löste.

Edgar lag schon unter der Decke.

»Für unseren Verkehr eine gute Acquisition. Findest du nicht auch?«

»Freut mich, wenn er dir gefällt«, kam mühsam das Echo aus den Bettkissen.

Margot schlief noch lange nicht ein, als ihr Mann schon in allen Tonarten schnarchte. Dies Schnarchen klang manchmal unheimlich wie ein Raubtierbrummen in den düsteren Dschungeln Indiens, von denen er gewiß eben träumte.

Am folgenden Tag saß sie auf ihren Stühlen herum, rastlos und unbefriedigt. Nal und Damajanti hatte sie zu Ende gelesen. Sollte sie nun auch noch die Fabelmär von der Sawitri lesen, von der jungen Frau, der grenzenlos opferfreudigen, die es fertig brachte, den braven Gatten, der schon gestorben, aus dem Tode zu erlösen? In all diesen Geschichten war es immer der Mann, der da tat, wozu er eben Lust hatte; die Frau gab sich immer nur hin in bedingungsloser Liebe. Wie wunderbar! Das war so recht in Edgars Sinn. Er war nicht zufällig Indologe geworden.

Die süße Damajanti war natürlich, wie es in dem Gedichtbuch steht, das bezauberndste aller Geschöpfe, die Perle unter den Frauen, wie Nala der Diamant unter den Männern. Wie glücklich war sie mit Nal, dem auserwählten! König und Königin in erster Jugend. Da kam aber der Neid der Götter, der gräßlich böse Geist, mit Namen Kali, der Gott der Mörder und Banditen; der nahm heimtückisch Wohnung in Nal's Eingeweiden, so daß er in schnöden Leichtsinn und böse Leidenschaften fiel und gar schließlich von ihr hinweglief, in die Weite der Welten. Damajanti aber machte sich auf, ihn zu suchen, durch Wildnisse und Meeresgrausen, von Not und Tod umgeben, bis sie nach tausend Qualen ihn gefunden und Kali, der Teufel, selbst Exbarmen fühlte und in Rauch aus Nala's Brust davonging. Das war ja rührend! Aber Margot schlief nun doch bei solchen Märchen ein. Gottlob, daß das Leben jetzt angeregter wurde! Schon in den nächsten Tagen kam Dr. Walter und brachte ein paar hübsche Sachen, Antiquitäten, die er ihr zeigte, wahre Bijou's. Und er kam öfter. Auch Bildwerke, bunte Blätter zur Geschichte der Frauentrachten, zeigte er ihr, unverdrossen. Wie fesselnd das alles! Er war in allen diesen Dingen zu Hause. Das war einmal etwas anderes als der ewige Mahabarata oder der König von Kânjakudscha, mit dem Edgar es eben jetzt zu tun hatte. Kânjakudscha! welch gräßlicher Name! Dazu die 1028 Hymnen des Rigveda, die Edgar augenscheinlich alle durchlas, der arme! Genug davon. Wie die Kühe, die auf die Weide ziehen, so suchen unsere Gedanken nach immer frischer Nahrung, und ob sie auch am Abgrund wächst.

Eines Tages waren im Salon von den Dutzend Stühlen zwei verschwunden. Statt ihrer sah Edgar zwei schlemmerhafte Polsterstühle stehen; rechter Louis-Seize-Stil, mit kokett gewundenen Beinen und Armlehnen in Vergoldung; der Bezug purpurrot, und darin die französischen Lilien.

Edgar hatte leider vorläufig kein Verständnis dafür. Er hatte heute Morgen ein wertvolles Buch verlegt, verkramt, verstellt und suchte danach verzweifelt: Winternitz' indische Literaturgeschichte; von der Berliner königlichen Bibliothek hatte er das Werk erst kürzlich entliehen. Wo steckte es nur? Und nun die Sessel! »Woher?«

Der Doktor hat sie entdeckt. Es macht mich glücklich.«

»Dich glücklich? Ach was! Das bleibt nicht so!«

Und er stürzte zurück, über seine Bücher, und schrie: »Winternitz, Winternitz!«

Tags darauf standen noch zwei weitere fremde Stühle da, diesmal braun gebeizt, mit schönem Schnitzwerk. Der Althändler hatte sie heute erst nachgeliefert. Edgar aber war noch übler gestimmt. Denn das Buch war immer noch nicht da. Er raufte sich die urwüchsigen Haare, griff dann in den Gewehrschrank und wollte aus Wut zur Jagd. Das Arbeiten ging heute doch nicht. Und nun wieder die Stühle! die Stühle! »Nein, hör' mal,« fuhr er los. »Das wird mir denn doch zu ungemütlich. Erst die Mundtasse, dann der Spiegel und nun diese Bescherung. Ich verbitt' es mir.«

»Aber Edgar!«

»Hast du gar keine Pietät?« sagte er milder. »Deine gute Mutter ...«

»Ach, Mama«!

»Jawohl, deine Mutter gab uns all die soliden biederen Sachen, wie sie unsren Verhältnissen gemäß sind. Kleine Vögel haben kleine Nester. Sie hat mir so gütig das Nest bereitet, dir und mir. Du aber ...«

»Ach, setz' dich doch nur einmal in den Armstuhl hier«, flehte sie. »Er ist alt, aber er kracht nicht; er hält. Ich bin so entzückt; ich hatte es mir so sehr gewünscht.« »Und ich? Zum Museum, zur Trödelbude machst du mir die Wohnung.«

»Ich hab' ja aber das Geld«, warf sie stolz dazwischen, »und soll mir dafür kaufen, was ich liebe, ich, ja, ich. Halt, Nala, du wirst dich daran gewöhnen. Du wirst deine Damajanti nicht kränken. Oder ist der böse Geist, der Kali, in dich gefahren?«

»Ich fürchte, er sitzt in deiner Brust«, gab Edgar kritisch zurück. »Ich sage dir nochmals: ich mag das nicht. Weiteres solches Stuhlwerk wünsche ich nicht zu sehen. Das merke dir. Viel wichtiger aber: du suchst mir mein Buch wieder.«

Und er stürmte davon, zur Jagd, ohne Zärtlichkeiten. Wie häßlich! Bei einem Gutsbesitzer in der Nähe mochte er Krähen schießen. Es war sonst nichts zu jagen da. Er würde nicht besserer Laune wiederkommen.

Indeß war Margot der Jagdhund. Sie suchte und suchte in allen Winkeln, bis sie das vermißte Buch wirklich fand. Es war in den tiefen Papierkorb gefallen; tausend Zettel darüber. Sie sprang vor Vergnügen. Am anderen Morgen legte sie es ihm auf den Frühstückstisch, und den Kaffee goß sie ihm schlau wieder in seine Junggesellentasse; freilich nur für heute. Da war er versöhnt, küßte sie mit einem mächtigen Kuß und strahlte. Aber was half es? Das liebliche Einvernehmen sollte nicht andauern.

Die Wochen vergingen; Pfingsten war schon vorüber. Edgar hatte selbst an den Festtagen nicht ausgespannt. Er hoffte immer noch auf die große Studienreise über Suez nach Osten, und er mußte es seiner Margot immer wieder sagen: »Möchtest du nicht mit nach Ceylon? nach Madras? Delhi? Wir reisen dann natürlich mit viel Geld und mit dem Boy zur Bedienung und lassen die Sorgen zu Haus. Denke nur! Wie herrlich, da zu landen in der Morgenfrühe, wenn das Meerwasser in allen Regenbogenfarben spielt; sich in den Rickscha zu setzen und so das Gebirge hinan, von Kulis geschoben, durch domgleiche Alleen von Kokospalmen, Phönix und Bananen, die im heißen Wind sich wiegen, die Stätte zu suchen, wo einst Buddha gen Himmel fuhr. Seine Fußspuren sind da noch erhalten; so sagen die Gläubigen; weiter zu den Tempeln mit den tausend Säulen zu pilgern, durch Reis- und Baumwollenfelder und grüne Matten, wo das stille Zebu und die Antilope grast und in den Lüften die Geier schweben, und die Priester mit den glattrasierten Köpfen zu sehen, die in ihren knallgelben Röcken mit Sonnenschirm und Fächer die Straße ziehen. Und die Kränze von Märchenblumen, die man den Göttern bringt! Was red' ich weiter? Wenn wir erst da sind – ich werde dort nicht nur hinter den alten, verjährten Büchern sitzen!«

In der Tat, schon wiederholt war Edgar im Dienst seiner Sache in London gewesen, hatte zu den dortigen Sanskritgelehrten nahe Beziehungen gewonnen. Auch eine seiner Arbeiten, die er eben jetzt schrieb, war für einen englischen Verlag bestimmt. Der Plan mußte gelingen. Zu zweien? Um so schöner. Aber eben deshalb mußte er sich jetzt seiner Frau entziehen und war im Grunde froh, daß sie in ihrer lebhaften Natur an Dr. Walter Unterhaltung und Zerstreuung fand. Aber, aber!

Die intensive Arbeit schadete ihm; seine starken Nerven hielten dem Hochdruck nicht stand, und der sonst immer so gleichmäßig heitere Mann wurde reizbarer.

Am Sonntag sollte Margot wieder zum Spaziergang bereit sein. Es war dies jetzt seine einzige Ausspannung. Da kam Dr. Walter, um seinen Besuch zu machen. Auch ihm paßten dazu gerade die Sonntagsvormittage besonders. Ein neues Buch brachte er mit, den Buddenbrockroman von Thomas Mann; er fand ihn maniriert wie auch die Sachen von Federer und wollte daraus vorlesen, um Kritik zu üben. Nun aber blieben die Bücher liegen, und sie mußten zu dreien spazieren gehen. Es war sehr warm, Ende Mai, und Edgar nahm einen Wagen. Aber es gefiel keinem der drei. Wie oft gilt der Satz:

Zu Drei'n sein
Ist Zweien zur Pein sein!

Edgar hätte eben gern mit seiner Damajanti allein geplaudert (da öffnete sich ihm immer das Herz so recht), und Margot hätte gern von den Büchern gehört und dem Doktor gelauscht. Der Doktor brachte seine eigene Atmosphäre mit, die sie anzog; warum? Sie wußte es selber nicht.

Am nächsten Sonntag, als der Hausfreund wieder kam, entschuldigte sich Margot bei Edgar; er möchte einmal allein gehen. Es war zu heiß, und sie war zu müde; auch war sie – ausnahmsweise – vorher in der Kirche gewesen. Das dritte Mal fragte Edgar gar nicht erst, sondern lief allein fort, und die üble Laune sammelte sich in ihm an, bis zum Grimm. Den ganzen Tag war er bärbeißig wortkarg, als wollte er den Taubstummen markieren. Auch am Abend. Welch Benehmen! Sie schwieg gleichfalls. Ihm schien das gleichgültig.

Beim Schlafengehen lösen sich immer die Zungen. »Was hast du?« fragt sie ihn da. Auch ihr Ton war jetzt unwillkürlich etwas frostig.

»Ich war dem Kerl immer gut,« knurrte er, und trat vor sie hin. »Aber er wird mir nachgerade unbequem. Ja, und du bist wohl gar verliebt in ihn?«

»Edgar!« Sie starrte ihn an, indem sie den Kamm aus ihren flutenden Haaren riß.

»Meinst du, ich merke es nicht? Ich kenne eure weiblichen Gebärden. Aber ich bin fähig zur Eifersucht und kann wild werden.«

»Aber ich bitte dich, Männchen«, rief sie erschreckt und versuchte zu schmeicheln. »Ich werde ihm ja sagen, daß er zu anderen Tageszeiten kommt.« Er sah: ihre ganze Figur bebte im losen Kleide. »Und Freundschaft! Gibt es keine Freundschaft? Er ist mein Freund geworden. Dein Freund ist er ja auch. Er schenkt mir seine kostbare Zeit, und ich bin ihm dankbar. Soll es zwischen Frauen und Männern keine harmlose Freundschaft geben können?«

»Solche wärmlichen Freundschaften überhitzen sich leicht, und es entsteht Feuersbrunst.«

»Pfui! Das sollst du nicht sagen.«

Er schwieg, riß sich den Kragen vom Hals. Dann sagte er: »Bin ich dir nicht Freund genug?«

»Frage nicht so. Du bist zu unmodern und kannst dir solch feine seelischen Beziehungen nicht denken, wie sie die Dichter jetzt so oft schildern. Du steckst nur in deinen alten Büchern und qualmst dazu und sitzt in deinen Tabaksqualm vergraben. Soll ich immer nur die Asche wegkehren, die du streust, und immer nur von den indischen Geschichten hören, wo die Frauen vor dem Gatten immer nur ehrfürchtig die Hände falten oder sich gar vor ihm auf den Boden werfen, um huldigend seine Füße zu streicheln? Ich bin kein Hinduweib, und du sagst ja selbst: der Mensch soll sich ausleben.«

So redete sie sich in heftige Erregung hinein bis zu Tränen. Im Bett lag sie und schluchzte. Er hörte es und legte die Hand unter ihr Haupt: »Sei nur ruhig. Es gleicht sich alles im Leben aus, und ich bin, will's Gott, kein solcher Berserker und Schlangenkönig, wie du denkst. Das solltest du doch wissen.«

Sie hörte nicht darauf, und ihre Gefühle steigerten sich unheimlich. Freundschaft? Wie war es denn damit in Wirklichkeit? Dieser Doktor Walter – Arnold hieß er, Arnold Walter –, er war so klug und vielseitig und so zutraulich. Man konnte ihm alles glauben und mußte ihm gut sein. Es war, als füllte er die Leere aus, die sie fühlte. Und doch, die Leere wuchs nur und wuchs. Daher dies immer sich steigernde Verlangen. Am anderen Morgen gestand sie sich, daß sie von ihm geträumt, sich seiner Nähe gefreut hatte. Das erschreckte sie tief. Aber dann mußte sie lachen, über Edgar und über sich. Solcher Unsinn! Sie hatte Hunger, aber gewiß nur Wissenshunger, und wollte sich nicht stören lassen, um satt zu werden.

Sie konnte sich's nicht verhehlen; sie freute sich auf heut' Abend, wo sie den neuen Freund in der Gesellschaft treffen würde. Gewiß, er würde ihr Tischherr werden. Und es kam auch wirklich so. Die Gesellschaft hatte offenbar schon bemerkt, daß er besonders für sie, nein, daß sie für ihn das feinere Verständnis hatte. Das machte sie stolz. Warum nicht?

Geistiges Verstehen! Was ist es nur damit? Wenn es tief geht, ist es wie wenn zwei Intelligenzen sich umarmen, zwar spröde wie Glas, kühl und blutlos, aber sie tauchen sich spiegelnd ineinander, in der Tat, wie zwei Spiegel, die sich gegenüber hängen und nicht aufhören können, sich ihre Bilder zuzuwerfen; aber sie brauchen Distance, um sich so geistig zu lieben.

So etwa glaubte sich die nachdenkliche kleine Frau ihre Gefühlslage klar zu machen. Ob es zutraf?

Bald darauf kam der öffentliche Vortrag, den Dr. Walter im größten Hörsaal der Universität halten wollte: über den Einfluß des französischen Geschmacks auf die Kultur Europas. Edgar kam natürlich nicht; Margot dagegen war prompt da, in ihrem hübschen Federbarett, und saß mit anderen Damen gleich in den vordersten Reihen; Lulu neben ihr. Studenten füllten den Saal; übrigens waren aus der sogen. Gesellschaft fast nur Damen zu sehen. Ein Vortrag mit Lichtbildern.

Mit bescheidenem Anstand trat der Redner auf, im schwarzen Samtjacket. Seine Verbeugung schien nur den Damen zu gelten. Die nahe elektrische Lampe illuminierte sein stilles, doch so geistvolles Gesicht. Funken schienen aus dem Kneifer zu sprühen. Indem er die hellen Handschuhe auszog, räusperte er sich dreimal. Dann gab es eine Fülle von Detail aus dem Kunstleben, durch Bilder belebt. Alle Sätze fein abgezirkelt und kokett zugespitzt wie Sinnsprüche und Epigramme. Etwas Feminines im Ton. Bisweilen machte er eine Pause und betrachtete sorgfältig seine rosigen Fingernägel, und eine besonders geistreiche Wendung folgte dann. »Nächstens saugt er sich die Weisheit aus den Fingern«, ulkte irgend ein Student im Hintergrund. Zum Glück merkte Margot das nicht und der Redner auch nicht.

Von der Stilmischung sprach er auch jetzt wieder. Er forderte Freiheit in allen Dingen der Kunst; Aufruhr und Empörung gegen die Geschmackstyrannei der Philister. Wie jeder Jahrgang am Rhein einen neuen Wein zeitigt, so jedes Jahrhundert einen neuen Kunststil. Wir sind die Erben und dürfen von jedem Jahrgang trinken; wir dürfen uns jedes Kunststils freuen, je nachdem wir durstig sind. Wozu den Reichtum verschütten? Gott Bacchus offenbart sich in den Weinsorten, der Geist der Schönheit, in den Künsten immer anders und immer neu. Dann aber kam ein deutliches Kompliment für Frau Margot selbst, und es schlug ihr wie ein Lichtschein durch die Seele: »Die Männer sind oft zu banausisch stumpf und wie mit Blindheit geschlagen; darum seien gepriesen die Frauen, die mit ihnen den Kampf, den täglichen Kleinkrieg wagen, um genial und spielend-heiter der freien Schönheit und dem modernen Geschmack zum Sieg zu verhelfen.«

Als der Redner schloß, zeigten die Studenten wenig Verständnis; umsomehr die Damen, Margot voran. Beim in die Hände klatschen sprangen die Nähte ihrer neuen Handschuhe; so sprang ihr auch gleichsam das Herz auf, und sie war eine der ersten, die den Redner umdrängten, um ihm die Hand zu drücken.

»Sind Sie mit mir zufrieden?« sagte er etwas überanstrengt, aber mit dem Blick intimen Verständnisses; ja, huldigend, so schien es ihr. Es ist nichts schöner als Geist, nicht nur Geist, nein, Geist, der mit den Schätzen der Gelehrsamkeit zu spielen weiß wie der Jongleur mit seinen bunten Kugeln.

Eine gesellige Vereinigung folgte auf den Vortrag. Die Honoratioren fanden sich da zusammen. Nach Verabredung kam auch Edgar dazu, wie immer, arg überarbeitet. Der Wein floß. Edgar sah Margots Begeisterung. Die Temperatur schien in ihr gestiegen; aber er sagte nichts, auch beim Nachhausegehen, und Damajanti entschlief, nachdem sie ihren Nala flüchtig geküßt und ihm die Stirn gestreichelt, ganz glückselig und ohne Sorgen.

Aber Edgar schlief nicht. Jetzt war für ihn die Zeit der schlaflosen Nächte gekommen. Denn in all diesen Zeiten stand er erst nach Mitternacht vom Schreibtisch auf, mit wüstem Schädel, und die Gedanken jagten sich, wenn er sich im Bett umwarf. Und Margot merkte das nicht einmal: sie lag in seligen Träumen neben ihm. So hatte er Tags und Nachts nichts von ihr, und dieser Hausfreund, der Tagedieb, konnte statt seiner ihre Anmut genießen und Stunden über Stunden mit ihr vertun. Wen sollte das nicht rabiat machen? Er fragte sich das täglich, aber er hatte beschlossen, sich zu beherrschen. Nichts läppischer als Eifersüchteleien.

An einem der nächsten Tage kam der junge Professor um 4 Uhr aus seiner Vorlesung, das Stengelsche Lehrbuch in der Hand. Er hatte mit den Schülern Sanskritgrammatik gepaukt. Eine saure Arbeit. In so schöner Sommerszeit wirkt der Hörsaal mit den leeren Bänken so öde! Einsam schwebte er wie ein krächzender Geier auf dem Katheder, unter sich auf der ersten Sitzbank nur die drei Schüler, nicht mehr, mit den über das Buch gebückten Köpfen. Er sah von ihnen nur die Haarbüschel, die sich sträubten vor Angst, wenn die Schwierigkeiten sich häuften. Ein Trost nur, daß es nicht die schlechtesten deutschen Jünglinge sind, die Sanskrit treiben!

So schlenderte er die Marktgasse entlang, als er an dem breiten Ladenfenster des Althändlers vorbeikam. Völlig zerstreut, den Kopf durchschwirrt von Verbalformen auf mi und mas, warf er einen Blick in den Laden. Da sah er Margot mit dem Hausfreund stehen. Sie betrachteten da zusammen alten schäbigen Goldbrokat und legten ihn sich gegenseitig über die Schultern. »Ei, sieh nur!« Sollte er zu ihnen hinein gehen? Aber wozu? Eben war auch Margots Blick auf die Straße geglitten, und sie fragte sich, ob Edgar sie wohl erkannt habe? Sie war ja so unschuldig an der Sache, und warum machte sie sich überhaupt Gedanken? Sie war allein im Laden gewesen; da war der Freund – er war ja der Freund – ohne ihr Vorwissen dazu gekommen.

Als sie nach Hause kam, sagte Edgar nichts. Er schien wie sonst. Um so besser. Sie zeigte ihm eine kleine Schildpattdose, die sie gekauft. Er fand das nett. Was wollte sie mehr?

Dann kam die Sache mit den Ohrringen.

Margot schmückte sich gern, trug aber bisher nur unscheinbare Knöpfe aus blasser Koralle im Ohr. Eines Tages brachte ihr Walter – in ihren Gedanken hieß er nur noch Arnold – eine Bildermappe, darin sie blätterten. Da waren auch alte Muster für Ohrgehänge. »Wie reizend! Wenn man so etwas haben könnte!« seufzte sie.

Er stand umblätternd hinter ihr, als sie die Zeichnungen besah, und betrachtete statt der Bilder ihre rosige kleine Ohrmuschel, die unter den weichen Locken hervorlauschte, aus nächster Nähe. »Sie haben Recht, liebe Freundin«, sagte er; »Sie brauchen solchen Schmuck unbedingt. Für einen so schlanken Hals wie Ihren gehören lange Ohrgehänge. Sie müßten auch nicht so hochgeschlossene Kragen tragen; das ist nicht vorteilhaft.«

Sie fühlte seinen Hauch am Ohr, als er so sprach; ihr war, als käme seine Hand ihrem Hals schon nah. Aber sie irrte sich. Seine Hand blieb auf ihrer Stuhllehne ruhen, als er fortfuhr: »Etwa diese Goldkugeln mit Filigrangehänge?«

»O ja«, sagte sie; »denn zu Brillantboutons und Perlen schwingen wir uns nicht auf. Wir sparen ja schon immer für die große Reise nach Indien.«

Sie seufzte wieder. Er lachte leicht auf. »Darf ich mich anbieten, Ihnen zu helfen? Am Rathausplatz das Juweliergeschäft; ich kenne es, und es hat eine reiche Auslage.«

Sie war einen Augenblick verlegen. Diesmal wäre es ein verabredetes Zusammentreffen, anders als das erste Mal. Aber warum nicht? »Mein Mann interessiert sich nun einmal nicht dafür«, warf sie hin, »und ich will ihn überraschen. Wie gütig von Ihnen! Sie wissen: Ihr Rat und Beifall ist mir so wertvoll.«

Wie genußreich ist's für den Schönheitsfreund, in Juweliergeschäften sich umzuschauen – und nun gar zu zweien –, wenn all die geheimnisvollen Futterale aufspringen und, elegant auf weißem Atlas oder blauem Sammet gebettet, die blinkenden Preziosen den Betrachter überrascht anstrahlen, als wachten sie eben aus tiefem Schlafe auf! Am schönsten bei künstlichem Licht, dem Schlaglicht der elektrischen Lampen. Aber die Wahl blieb unentschieden. Zwei Muster gefielen den beiden nach langem Suchen gleich sehr.

»Das beste wird sein, sie zu Hause anzuprobieren«, entschied Margot endlich.

»Bin ich zu verwegen«, sagte er, »wenn ich Sie bitte, auch dabei zugegen sein zu dürfen?«

Sollte sie nein sagen? Es war ja im Grunde reizend von ihm. Ihr Herz pochte, aber sie besann sich nicht. »Freundlich wie immer,« gab sie zurück; »also morgen, morgen, bitte, wenn Sie Zeit haben.«

Und er kam und betrat den Salon, als Edgar grad' nicht zu Haus war; es war Edgars Kollegstunde. War das Zufall? fragte sie sich. Warum kam er nicht zur Teestunde? Die alte Ursel knurrte boshaft: »Dieser Schleicher! Wie oft drückt er nun schon unsere Schelle! Ganz heiser hat sie sich schon gerasselt und versagt, glaub' ich, nächstens vor Wut. Und warum kommt er immer nur zur Frau Professor? Ich mache jedes Mal einen Strich an die Wand, wenn er da ist. Ist das Hundert voll, ruf ich den Herrn Edgar in die Küche, und er mag sich wundern.«

Frau Margot fühlte selbst: sie war in Erregung. Die Situation war zum ersten Mal beispiellos intim. Die kommende Stunde – wer weiß? – sie trug ein Erlebnis in ihrem Schoße. Sie hatte sich ganz in Weiß gekleidet, ihr zart gewebtes Lieblingskleid mit dem gestickten Einsatz und breiten Seidenbändern. Ihr lose gestecktes Haar duftete verführerisch. Es war noch immer die erste Jugend, die in ihr blühte.

Da stand er und schlug die kleinen Hände zusammen: »Welche Freude, Sie so zu sehen! weiß und duftig wie Jasmin.«

»Für meinen Mann. Er wird bald kommen«, warf sie hin. Sein Gesicht strahlte, aber er hatte ohne allen Affekt gesprochen. War es blos Kunstsinn, der ihn hertrieb? oder dreiste Neugier? oder Abenteuerlust? Sehnsucht nach ihrer jungen Schönheit? Sollte sie sagen: »Warten wir, bis Edgar kommt?« Aber das erforderte Geduld, Geduld, und sie wollte ja auch mit dem neuen Schmuck ihren Mann überraschen.

Er öffnete sogleich vorsichtig die beiden Schmuckfutterale, indes sie erst ihren Handspiegel aus dem Schlafgemach holte. Auch den nahm er gleich und putzte ihn mit dem Seidentuch. Dann stellte sie sich vor den großen Wandspiegel, um so mit beiden Spiegeln ihr Bild doppelt aufzufangen; der Wandspiegel aber war immer noch trübe und funktionierte schlecht. Um so nötiger war der Freund und sein Kennerblick. Ihre weiten Ärmel fielen zurück, als sie beide Hände zum rechten Ohr erhob. Im Spiegel sah sie, wie sein Auge an ihr hing; gewiß, er fand es reizend. Es galt erst die Korallenknöpfe aus den Ohren zu entfernen, und das war mühsam. Es gelang ihr nicht. Da half er. Er berührte ihr Ohrläppchen. Wie zart seine Hand, wie weich ihr Druck! Die Hand eines Engels, dachte sie, oder einer Kammerzofe!! Sie mußte lachen. »Mir scheint, Sie haben Übung!« scherzte sie.

»O ja, wozu habe ich all die Schwestern und Kusinen.«

»Und Freundinnen?«

»Ja, auch Freundinnen!«

»Aber immer noch keine Braut?«

»Braut? Wie sollte ich Armer? Ich bin nur mit der Freundschaft verlobt. Was ich liebe, fürchte ich, ist in festen Händen.«

Was wollte er damit sagen? »in festen Händen!« Meinte er sie, sie? Aber er »fürchtete«. Was sollte das heißen? Eine Pause entstand.

»Habe ich Ihnen weh getan?« flüsterte er. Sie schüttelte nur den Kopf, völlig sprachlos, und beeilte sich den neuen Schmuck einzuhängen; dabei fiel abermals ihr Ärmel zurück.

»Sind Sie einmal in Rom gewesen?« hörte sie ihn fragen.

»Ach nein! Warum das?«

»In Rom gibt es, in der Galleria Rospigliosi, ein Bild von Tizian; es heißt die Vanitá

»Vanita ? Das geht auf mich? Die Eitelkeit?«

»O lassen Sie sich nicht betrüben. Eine Schönheit hat da Tizian gemalt, die dabei ist, sich ebenso wie Sie jetzt zu schmücken, indem sie eine große Perle in ihr allerliebstes Ohr befestigt. Dabei öffnet sie leise den Mund mit gespannten Lippen, als wollte sie küssen, küssen! Entzückend! Das Bild wird mir jetzt lebendig. Es lebt vor mir. Das danke ich Ihnen, liebste Freundin!«

Sie errötete. Jetzt kam es! Sie fühlte ein leises Fiebern. Er war dreist, zu dreist, und es durfte so nicht weiter gehen. Aber sie lachte doch innerlich. Machen wir ein Ende! Kein Wort weiter! Sie biß die Zähne auf die Unterlippe. Aber sie hielt still; fast hingebend ließ sie sich von ihm wieder und wieder helfen, bis erst der eine, dann der andere neue Schmuck in ihren Ohren hing. Welcher stand ihr besser? Sie drängte auf Entscheidung. »Der letzte, der mit den goldenen Regentropfen«, entschied er langsam und feierlich. »Aber, Frau Margot, ich sagte schon: den engen Halsverschluß müßten Sie ändern.«

Sie schob den Handspiegel weg und warf sich in den Sessel. »Es war anstrengend«, hauchte sie, und ein müder, ein fast schmachtender Blick traf ihn. Aber er griff nach seinem Hut und schien auch jetzt wieder so merkwürdig kühl, kühl und wohlgemut! War es Täuschung? Wäre es möglich? Bin ich ihm nur ein Kunstwerk, dachte sie, weiter nichts? Eine Glut schoß ihr ins Gesicht. Waren es nur modische Galanterien, was er gesprochen? Ist er bloßer Ästhet? ein Dekorateur von Beruf, keiner Wallungen fähig? Wenn er jetzt den Arm um mich legte! Ich würde ihn abschütteln, aber ... Sie dachte den Gedanken nicht aus. Ihre Seele war entzündet und flackernd in ungewollter Abenteuerlust, während er ihr zum Abschied mit jenem Lächeln die Hand küßte, das sie schon kannte: fast zärtlich und doch gleichsam trieblos und seelenfern.

Der Stachel blieb in ihr zurück. Sie war ihm nur ein Bild gewesen, das bewundert zu haben genügte, und dabei war er der Verständige und sie die Törin. Ihre Erregung wuchs.

Da kam Edgar nach Haus. Die beiden Männer begegneten sich unten in der Haustür. Der Freund wollte stehen bleiben; aber Edgar ging kurz grüßend und stampfend wie ein Lastauto an ihm vorbei. Im Flur grinste ihn Ursel, die alte Köchin, höhnisch an und sagte nur: »Es war Besuch da« in dem Ton, als wollte sie sagen: »Sie wissen schon, wer.«

Dann sah er seine Frau. Sie stand seiner harrend am Klavier. Die Ohrringe taten ihr noch weh im Ohr, aber sie dachte: ich will ihm doch nun damit eine Freude machen. »Sieh nur Edgar!« sagte sie, drehte sich einmal um sich selbst und schüttelte das Köpfchen, daß die Ohrgehänge flogen. »Sieh nur! etwas Neues! Ich habe mich für dich geschmückt.«

»Für mich oder für den anderen? Er war ja hier.«

Sie erschrak über seinen Blick. Dann stammelte sie: »Jawohl. Er half mir. Es ist ja Spielerei in deinen Augen; aber ich dachte, es würde dich freuen.«

»Also er half dir. Ihr traft euch wieder in den Ladengeschäften? Ist es nicht so?« Sie dachte nicht daran, zu leugnen; sie war zu brav und zu stolz und erzählte ihm alles. »Du kennst ihn ja«, fügte sie hinzu. »Dieser Ästhet!« Sie wiederholte dabei, was sie vorhin zu sich selbst gesagt: »Er hat die Natur und die Geschäftigkeit des Dekorateurs und tut uns nichts zu leide.«

»Und du? Bist du auch zufrieden, daß er nichts weiter tut? Dein Seelenfreund schlägt hier Wurzeln. Ihr trefft euch, wenn ich nicht zu Hause, und dieser elende Zierkram ist der Vorwand.«

Er hätte das Wort gern zurückgenommen. »Schändlich«, rief sie und reckte zornfunkelnd ihr feines Näschen hoch; weiß Gott, sie sah reizend aus in der Leidenschaft. Ihre Augen sprühten wundervoll hexenhaft, und sie riß sich unter Schmerzen den Schmuck aus den Ohren und schleuderte ihn in den ersten besten Kasten.

»Bin ich zu weit gegangen?« sagte er in gedämpftem Tone.

»Es komme, was da kommt. Ich lasse mir diesen Freund nicht nehmen«, rief sie mit zitternder Stimme und eilte in ihr Toilettenzimmer, daß hinter ihr die Tür knallend zuflog.

Es war das erste große Zerwürfnis in ihrer jungen Ehe. Kali, der böse Teufel, war in das Herz Damajantis gefahren; nicht nur das, er sprang hin und her aus ihrem Herzen in das ihres Nal hinüber und wieder zurück, und die Erbitterung wuchs. Jetzt erst fühlte Margot, daß sie diesen Arnold liebte, ja, liebte. Die Erbitterung tat es.

Zu ihrem Staunen hörte sie am folgenden Tage, daß Dr. Walter abgereist sei. Edgar teilte ihr dies in einem Tone mit, der wie Hohn klang. Wohin? Nach Erfurt. Zu welchem Zweck? Man wußte es nicht.

Arnold war abgereist? Warum hatte er ihr gestern von der Absicht zu reisen nichts gesagt? Ihre Unruhe wuchs. War Edgar schuld? Edgar hatte ihn in der Haustür getroffen. Hatte Edgar ihn bedroht? zur Flucht veranlaßt? Ihre Phantasie fing an zu arbeiten, gegen Edgar aber wuchs ihr feindseliges Empfinden.

Es waren peinliche Tage, die folgten. Edgar panzerte sich in Mißbilligung und hatte, wie es Margot schien, einen geradezu bösen Blick, wenn er geruhte sie anzusehen. Er wartete, bis sie erklären würde, daß ihr an dem Seelenfreund nichts mehr liege. Um so mehr trotzte sie und stemmte Verlauntheit gegen Verlauntheit. Solche Stimmungen können sich festsetzen wie Schlamm und übles Spülwerk im Bach, das alle Strömung hemmt und das klare Wasser trübt, als sollte es zum Höllenpfuhl werden. Die Sache wurde auch nur erträglich und durchführbar, weil beide Beteiligten im hintersten Winkel ihres Herzens fühlten, das könne nicht so bleiben und ein lösender Durchbruch müsse kommen, sei es auch erst an Edgars Geburtstag. Das waren freilich noch gut drei Wochen: unausdenkbar lange. Die beiden sprachen also nichts mehr als ein knappes Ja und Nein, ein gekniffenes »Bitte« oder »Danke«, wenn sie sich die Schüssel hinschoben, und die alte Ursel machte große, besorgte Augen. Fließende Butter, darin Edgar sich spiegeln konnte, gab es nicht mehr.

Im übrigen waren beide so aushäusig wie möglich. Jagd gab es jetzt nicht; aber Edgar saß viel bei den Kollegen herum oder spielte gar Billard im Hotel mit den Hotelgästen; ein Werk der Verzweiflung. Und ihr ging es ganz ebenso. Sie hatte alle Kauflust verloren, aber nervös lief sie von einer Freundin zur anderen, die sich nicht genug wundern konnten; denn niemand erfuhr, was eigentlich los war. Oder sie behelligte ihre Schneiderin und Putzmacherin mit Änderung der Taille und des Korsetts und neuem Hutbesatz, nie zufrieden, ägriert und ungeduldig, wie eine reizende Wildkatze. Aus Versehen trafen sich beide Ehegatten dann zufällig im selben Hause, in der Wohnung des Professor Profundus, des Philosophen.

Margot saß da bei ihrer Freundin Lulu auf dem Roßhaarsofa und versuchte sich für die Kinderchen zu begeistern, die gerade ihren Milchbrei schlangen. Da hörte sie im Nebenzimmer Edgars dröhnende Stimme, der eben gleichzeitig den Philosophen heimsuchte. Sogleich bat Margot ihre Freundin um etwas Musik, und Lulu mußte die Aufforderung zum Tanz und den Höllengalopp von Offenbach spielen, damit sie Edgars Stimme nicht hörte.

Der Philosoph war natürlich wortkarg wie immer. Edgar wollte mit ihm hinabsteigen in die Abgründe der indischen Philosophie. Weltseele! Was ist das? Was ist überhaupt Seele? Der Philosoph holte aus, um nach einer Definition zu suchen: Seele ist Bewegung. Ist Bewegung sterblich? oder unsterblich? Welch Problem! Damit hing die Erlösungslehre der alten Brahmanen, auf die es Edgar ankam, zusammen: Erlösung der Seelen. »Erlösung durch Erkenntnis!« so lautete die Formel. Ach, wann fände er sie selbst, die Erlösung aus diesen vertrakten Stimmungen? Wann würde ihm und ihr die richtige Erkenntnis kommen?

Nie lasen die beiden jungen Ehegatten die Zeitung so eifrig wie jetzt, und gerade bei den Mahlzeiten, beim Abendbrot. Da hatte jeder ein großes Zeitungsblatt vor dem Gesicht, und, so verschanzt, brauchten sie sich nicht zu bemerken, nicht anzusehen. Ihm war manchmal zumute, als müßte er auf den Tisch hauen, daß die Schüsseln tanzten; ihr war zumute, als müßte sie schreien, schreien, um den verhaltenen Groll los zu werden. Welch ausgehöhltes Gefühl! Und das sollte noch wochenlang so weitergehen? Dann gähnte er plötzlich laut, und das wirkte leider auf sie ansteckend. Auch sie gähnte; sie wollte es verhindern; aber ihr ziertlicher Kiefer sank wider Willen herunter, und ihr kleiner Mund wurde groß und größer. Es war die einzige Sympathie in dieser antipathisch verbissenen Doppelexistenz: die [:O}de übertrug sich. Da lachte der böse Edgar grell auf; es klang wie Hohn, und sie ging aus der Stube, um ihn mit ihrem schlechten Klavierspiel zu ärgern. Das Klavier war so verstimmt wie sie. Ein galliger Geschmack war ihr im Munde. Ach, und wie schwer war jetzt das Einschlafen! Jeder von beiden lauschte auf den anderen, ob er sich noch im Bett umwarf, ob er vielleicht ein freundliches Wort fände. Aber es kam nicht.

Fünf Tage waren erst vergangen; da traf Margot den Dr. Walter auf der Straße. Er war eben aus einem Auto gesprungen. Das Auto hielt. Beide blieben stehen.

Nun?

Margot mußte sich fassen. Durch ihre Nerven ging es förmlich wie Sturm. Die Männer sind undankbar und verdienen nicht, daß man sich um sie grämt. »Nun, schon zurück?« wollte sie pikiert ihn fragen. Aber er unterbrach sie gleich, selig strahlend und mit einer Energie im Blick, wie sie ihn noch nie gesehen. »In Erfurt war ich, meine Teuerste. Es ging mir nach Wunsch; über Erwarten. Das Genauere einmal später. Jetzt nur das Eine. Der Geburtstag Ihres Gatten naht; er wünscht sich ein würdiges Bild anstelle der leidigen Madonna an der Hauptwand über Ihrem Sofa, und wir haben bisher vergebens nach einem solchen gesucht. Ich habe eins gefunden. Es ist ganz nach Ihrem Sinn; glauben Sie es mir. Vertrauen Sie mir. Kein Holländer. Ein Italiener. Kopie. Aber gut. Natürlich ganz nachgedunkelt; aber ich hab' es schon zum Auffrischen an einen Kunstmaler gegeben, der auch den Rahmen nachbessert ...« »Wie herrlich! wie gut!« stammelte sie.

»Das Bild kommt nächstens auf meine Wohnung. Ich werde Ihnen ein Billet schreiben. Dann können Sie es sich bei mir ansehen, ob es Ihnen wirklich gefällt. Am Geburtstagmorgen hängen wir es auf.«

»Was für ein Bild? welcher Gegenstand?«

»Sie werden es sehen. Ich bin in Eile.«

Sie drückten sich hastig die Hände. Er schien ihr größer geworden und wie auf dem Kothurn zu gehen, und er verschwand im Auto.

Hell-froh war sie nun, ihr Herz wie erlöst. Sie lachte ihren Mann triumphierend an. Er begriff es nicht und blieb kurz angebunden wie bisher. »Ganz recht,« dachte er; der Seelenfreund ist wieder da; sie hat gut lachen.«

Aber sie fiel in neue Erregung; vierzehn Tage vergingen noch; der Freund kam nicht, zeigte sich nicht; auch kein Billet von ihm.

Da endlich fand sie im Briefkasten, den sie täglich zwanzigmal öffnete, das verheißene Kuvert. Es war rosafarben und aus bestem Papier. Ganz er!

»Das Bild ist da«, las sie. »Wollen Sie mich aufsuchen, teure Freundin (die teure Freundin war stereotyp geworden), um es zu besichtigen? Vielleicht morgen Nachmittag vier Uhr. Ich erwarte Ihr Urteil mit Spannung und werde glücklich sein, Sie endlich einmal bei mir zu sehen. In aller Verehrung Ihr Arnold Walter.«

»Endlich einmal!« So schrieb er. »Endlich!« Da stand es. Also doch! Er empfand, er empfand! Dieser rätselhafte Mensch war doch entzündbar. Es gab für sie kein Zurück. Es komme, was da kommt! wiederholte sie sich immer wieder. Am anderen Tag war sie auf dem Weg zu ihm. Durch das Küchenfenster schaute ihr die alte Ursel nach; deren Blick war Unheil verkündend.

Sie hatte wieder dieselbe Toilette wie damals gewählt: weiß und duftig wie Jasmin, ja, auch die Ohrringe wieder aus dem Kasten genommen, die neuen Ohrringe. Arnold würde sich sonst wundern, wenn sie sie nicht trüge. Sie gefiel sich darin außerordentlich. Dazu den Hals offen, aber ein zartes Goldkettchen mit einem Rubin um den Hals; das Barett schräg auf dem Köpfchen. So schritt sie die Straßen entlang, anfangs hastig. Freundinnen begegneten ihr, Herren grüßten; sie sah sie nicht. Maréestraße Nr. 12, 2 Treppen. Marée! Schon der Name klang so erlesen künstlerisch. Aber je näher sie dem Ziel kam, je langsamer wurden ihre Schritte. Wie würde sie ihn treffen? wie er sie empfangen? Sie mit ihm allein! Es wäre doch ein Triumph, wenn sie merkte, daß diese so vorsichtig schüchterne Natur sich einmal in Leidenschaft verlöre. Ein Überspringen der Funken! Es ist schließlich Pflicht der jungen Frauen, die weiblich zaghaften Jünglinge, die da drohen, ewig Jünglinge zu bleiben, zu Männern zu erziehen. Nur freilich: er war eigentlich kein Jüngling mehr, diese Sphinx, der sie sich nahte.

Ihre Hochspannung wuchs, als sie vor dem Portal des Hauses stand: Nr. 12. Die elegante Treppe schritt sie mit Herzklopfen hinauf; immer langsamer, als zerrte sie ein Magnet zurück. Ihr Atem wollte ihr stocken; sie fühlte, wie sie glühte, als sie nach langem Zaudern wirklich mit dem Finger leise auf die elektrische Klingel stieß. Es war geschehen. Sie wiederholte sich immer dasselbe: es komme, was da komme.

Sie trat in den Flur. Eine Magd hatte geöffnet: »Ist der Herr Doktor zu Hause?«

»Noch nicht.«

Also zu früh! Sie zog die Uhr. War sie zu eilig gewesen? Da trat eine junge Dame aus der Küche, eine pikante Brünette, kräftig und hochgewachsen, vollbusig, mit energisch lebensfrischen Zügen. Ein Brett mit Kuchen trug sie auf der Hand und fragte kühl und nachlässig: »Sie wünschen?«

Margot zeigte ihre Karte.

»O! Sie sind es?« sagte die Dame da plötzlich ganz lebhaft und öffnete die Tür zur Wohnstube. »Bitte, bitte, treten Sie ein. Willkommen, gnädige Frau! Arnold wird sich kolossal freuen, liebe Frau Professor. Frau Margot darf ich sagen? Ich bin nämlich seine Braut.«

»Die Braut?«

»Arnolds Braut.«

Margot wandte das Gesicht weg, als suchte sie etwas. Es war ihr, als würde sie kreidebleich. Sie mußte sich am Stuhl halten. Ein Riß, der ihr mittendurch ging. Sie glaubte, umzufallen. Aber es war nur ein Moment. Dann lachte sie, wie erlöst; das ganze Gesicht ein Glückwunsch. Sie lachte laut auf. Er war verlobt! Es war, als fielen ihr plötzlich Bleiklumpen von den Füßen und sie stünde befreit, ja, befreit und federleicht auf ihren Sohlen und könnte über alle Tische springen, wie nichts. Was gibt es für wunderbare Geschichten! Ihre Glückwünsche waren die herzlichsten: »Seit wann verlobt? Ich wußte ja von nichts.«

»Nun, erst seit sechs Tagen. In Erfurt war's. Da trafen wir uns. Ich bin aus Eisenach. O, dieser Arnold! Er hatte so viele Freundinnen; sie wechselten periodisch. Ich könnte Ihnen davon erzählen. Da mußte ich endlich eingreifen. Ich telegraphierte: komm! Aber legen Sie doch ab und nehmen Sie Platz. Arnold muß gleich hier sein.«

»Kannten Sie sich schon lange?«

»Ei freilich. Ich bin ja eine von seinen Cousinen. Seine Freundinnen haben ihn arg verwöhnt, und er glaubte, ich möchte das nicht und ich hielte darum zu einem anderen. Aber mir riß die Geduld. Können Sie sich das nicht denken?«

Da kam er schon, der Bräutigam, höchst flott, und schwenkte sein Taschentuch wie eine Fahne, und Margot war auch gleich die unbefangenste Heiterkeit selbst, als hätte ihr dummes Herz nie gesprochen. Händeschütteln, Zunicken, harmlos lustige Freundschaftsversicherungen. Zum Kuchen kam die Schokolade. Man sprach so viel, daß Margot ganz vergaß, in der interessanten Wohnung sich umzusehen, bis Arnold schließlich sagte: »das Bild, das Bild!« Das große Bild stand in der Ecke an die Wand gelehnt. Arnold hob es hoch. Was war es? Eine Kopie nach Tizian's Vanitá ! die schöne Frau mit den Ohrringen!

»Köstlich, köstlich!« rief Margot gleich. »Welch glücklicher Fund. O wissen Sie noch?« Sie brach ab und errötete. Aber sie fand, dieser Arnold ist doch einer, um den es sich verlohnte sich zu grämen.

Bertha, so hieß die stattliche Braut, wollte eben zur Geige greifen (denn sie war Geigerin), da ging die Schelle. Ein wildes Klingeln. Die Tür ging auf. Edgar trat ein. Fuchswild blickte er darein, der Riesenkerl, mit geballten Fäusten, daß alles auflachte.

Er hatte zu Hause das Billet gefunden. Margot hatte es in ihrer Hast, vordem sie das Haus verließ, wegschließen wollen. Aber es glitt unter den Tisch. Sie gab nicht acht. Edgar fand es. »Ich werde glücklich sein, Sie endlich einmal bei mir zu sehen.« »Teuerste Freundin« und »endlich einmal«. Da hatte er es Schwarz auf Weiß. Um vier Uhr war das Rendezvous auf der Junggesellenwohnung? Er wollte es beiden eintränken. Er war nicht auf den Mund gefallen.

Aber Margot selbst trat ihm gleich lachend entgegen: »Gut, Edgar, daß du kommst. Eine Verlobungsfeier zu Dreien! Darf ich dich vorstellen: Arnolds Braut.«

Da ging es ihm wie ihr. Wie Pulverexplosion, und die ganze Ladung seines Zornes flog auf einmal wie Rauch in die Luft. Die Wände zitterten, so lachte er los. O heiliger Unsinn! Dieser Kerl, der Schleicher, der mit seiner Ästhetik hausieren ging! »Ich muß mich in seine Braut verlieben, die endlich auf ihn den Daumen setzte, den Schmetterling auf ihrer Nadel spießte. Sitzt die Nadel auch ordentlich fest, mein Fräulein? und ist es ihm durch und durch gedrungen?«

»Sie spießte mich, aber sie ist nicht spießig!« witzelte Arnold, holte Wein (das Bild hatte er rasch entfernt); die Gläser klangen. Glück hier. Glück dort. Der Bacchus wirkte; schließlich küßten sich Edgar und Margot, sie küßten sich vor Seligkeit. Sie hätten jauchzen mögen. Nal und Damajanti hatten sich wieder. »O wie dumm wir beiden!« flüsterten sie. Es war, als wären hier zwei Brautpaare versammelt; denn auch in ihnen war es wie jungbräutliches Gefühl, in ihm und in ihr, ein neues Lieben, das unsäglich viel tiefer in's Herz schlug als einst, da sie zuerst sich fanden.

Bertha nahm auf's neue die Geige und stand groß und stolz, im leichten Spiel sich wiegend, und schaute siegreich auf die anderen herab. Sie war ja eigentlich die Erlöserin. Aber sie ahnte nicht, was sie vollbracht.

»Ja, diese Bertha, das ist ein Weib!« sagte Edgar beim Nachhausegehen. »Die könnte ihren Arnold im Geigenkasten mit sich herumtragen.«

»O pfui! wie kannst du von ihm so schmählich reden?« »Ist er noch immer dein Seelenfreund?«

Sie preßte zärtlich seinen Arm. »Du weißt, Edgar, wie mir zu Mute ist.« Und er sah Tränen der Seligkeit in ihren Augen, die sie in süßer Sehnsucht zu ihm aufschlug.

Daß Edgars Geburtstag festlich verlief, werden wir glauben. Das Tizianbild hing richtig am bestimmten Platz. Der Kunstbarbar stand andächtig davor. Er hätte gewiß lieber eine Tigerjagd gehabt. Aber sein Verständnis wuchs. »Ein Mund zum Küssen«, sagte er. Warum lachte da Margot so? Dasselbe hatte ja auch Arnold gesagt. Aber sie verschwieg das. Das Bild war wie ein Denkmal ihrer Irrung. Mochte jeder dabei denken, was er wollte. Dann holte sie ein Buch hervor, das Buch von Nal und Damajanti. Was sagt da die junge Frau nach aller Irrung?

Ich weiß nicht mehr, was er je verbrach.
Kein böses Wort mehr, das er sprach,
Der edele, der huldige,
Der starke und geduldige.
Das Herz war' mir zerrissen
Vor Leid, müßt' ich ihn missen.

Ein Jahr verging. Da kam Margot's Mutter wieder angereist, und ein Kinderwagen wurde in's Haus geschafft. Der Althändler wurde in Ruhe gelassen. Ein Kinderwagen! Was nun aus der Reise nach Ceylon werden sollte? Vielleicht war es besser, zu Hause geduldig und still den Kinderwagen zu schieben. Aber es war eben damals auch die Zeit, wo die Feindschaft Englands gegen Deutschland begann, und schon darum wird es vielleicht nie zu der ersehnten Reise kommen, und der Tropenhelm bleibt unbenutzt. Dann kam die große Teuerung über Deutschland, auch die Butter wurde rar, und Margot sagte betrübt: »Dein Herz muß darben um meinetwillen, und du kannst dich nicht einmal mehr wie jene Könige, die nach Glück verlangten, in flüssiger Butter spiegeln.«

Er aber umschlang sie und sagte: »Nimm Hut und Mantel. Der Sonntag ist da. Laß uns wandeln zu zweien durch Gottes Natur, wie er sie uns hier im deutschen Vaterland gegeben: die Wiesenhänge hinauf, wo die Buchenwipfel rauschen.

Da ist mir's, als läg' ich tief im Traum,
Wie im Märchen, unterm Asôkabaum,
Dem blumenkelchgekrönten,
Waldvogelsangdurchtönten.

So ist's. Der Traum ist frei. Die Wirklichkeit ist ein Gefängnis. Wer kann uns die Liebe rauben und wer den Gottesglauben, so lange die Liebe währt? O meine Damajanti!«

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