Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Birt >

Moderne Novellen

Theodor Birt: Moderne Novellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorTheodor Birt
titleModerne Novellen
publisherQuelle & Meyer Leipzig
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060411
projectid63540d62
Schließen

Navigation:

In der Schankstube

Eine Traumnovelle

Als Knabe schon war ich ein Träumer, ja, mehr als jetzt. Ich gedenke noch gern des Lampenschirms aus rosigem Seidenpapier, der mir das grelle Licht abblendete, wenn ich studierte und meine Primaneraufsätze schrieb. So rosig umflort, von Märchengespinnsten umhangen war auch meine Seele. Je nüchterner für einen Hamburger Bürgerssohn der Tag verlief, je tiefer versank ich in die Dämmerung, und das Halblicht wurde beredt. Die Sterne sprachen, es sprachen die Blumen auf den Gartenbeeten, wenn sie im Abendwind sich zueinander neigten. Aber es mußte tiefste Stille sein, sonst hörte ich sie nicht. So auch in den Ferientagen, wenn ich die Einsamkeit suchte und fand. Auf der Oberelbe, wo keine Dampfer gingen, ließ ich mit eingezogenen Riemen mich treiben. Wenn ich ins Wasser starrte und das Boot glitt so leise dahin, als läge es im Schlafe, da war ein Schnalzen und Lachen in den Wellen, unter dem Schilf, und ich lauschte mit Gier, bis ich die Geschichten verstand, die sie sich heimlich erzählten. Dann murrten die Ruder, die den Schwung gewohnt sind, ungeduldig wie das Rassepferd vor dem Ausritt; und ging es dann Schlag um Schlag klatschend durch das Wasser, immer im gleichen Takt wie die Versfüße in den Gedichten, da wußte ich, daß auch sie, die Ruder, märchenblanke Erinnerungen tauschten wie zwei wandernde Poeten und Träumer, die traulich zusammen die Straße ziehn.

Nichts liebte ich so sehr wie unsre alte Schrankstube oben in der Mansarde, die neben meiner Schlafstube lag. Es war schon mehr Rumpelkammer, aber weitgeräumig, und außer den Schränken stand auch noch viel andrer alter Hausrat darin, der aus den Jugendzeiten der Großeltern stammte, das ist aus den Zeiten Napoleons; allein schon die alte Guitarre mit den zerrissenen Saiten, die am Pflock über der Tür hing. Ich wußte, daß auch all diese Stücke viel, viel auf dem Herzen hatten und an tausenderlei Vergangenes zurückdachten. Sie lebten nicht in der Gegenwart.

Da stand der riesige Leinenschrank breitbrüstig, hochgeschultert und ernst mit verschränkten Armen. Viel altes Leinen, auch vergilbte Seidenstoffe lagen darin, und wenn sein altmodisches Schloß aufging (ich habe das nur selten erlebt), spürte ich seinen starken Odem, wenn der Wäschegeruch so eigen mir entgegenströmte: ein altmodischer Aristokrat. Ihm gegenüber der schlankgebaute Tassenschrank im Empirestil mit den geschnitzten Säulen und wohlerhaltenen Glasscheiben; nur die grünseidenen Vorhänge waren arg zerschlissen, und durch die Spalten des Stoffes konnte man die alten vergoldeten Tassen mit den großen Henkeln, Sätze von Tellern und das alte Familientaufbecken deutlich erkennen. Aber wie selten wurden die Schränke aufgeschlossen (die Schlüssel waren abgezogen), nur an Geburtstagen oder wenn seltene Gäste kamen! Das war immer ein Fest. Aber da war auch noch der Mahagoninähtisch und der Kartentisch; auf dem Konsol die goldene Standuhr, die auf vier Elfenbeinfüßen stand; trotz dieser Füße aber ging sie nicht mehr, seit langem, und schaute stimmlos, blaß und verschlafen in das Leben. Auf der Kommode die zwei Girandolen (altmodische Armleuchter) und die Geldkassette mit dem zerbrochenen Riegel; die sah mürrisch und mißtrauisch darein, und niemand von uns wußte, was sie enthielt. Neben ihr die große Gießkanne und der ausgestopfte Vogel, dem die schwarzen Glasperlenaugen aus dem Kopfe hingen. Sein Schnabel aber stand halb offen. In der Ecke der ehrwürdige Krückstock unseres Urgroßvaters Lebrecht Schröder.

Es war Abend, die Eltern verreist. Mein Bruder John ging schon zu Bett und gähnte laut. Ich nicht. Es trieb mich, ohne Licht hinüber in die Schrankstube zu schleichen. Wach war ich, aber warum so taub? Warum konnte ich nichts erlauschen, Geheimnisse der Vergangenheit? So hölzern verschlossen standen sie da, die einst die Augenzeugen jungen Lebens waren!

In der Stube, die nur einbreites Fenster hatte, stand in der Mitte ein Billard, das den Tisch vertrat; sein grünes Tuch war arg zerstoßen; von den Kugeln war nur noch die rote Karoline vorhanden. Traumsüchtig legte ich mich auf das Billard, schob mir unter den Schädel ein Kissen, von dem ich wußte, meine Großtante Luise hatte es einst gestickt (blasse Lilien und Rosen waren darauf), lag ganz regungslos still mit weit aufgerissenen Augen im Dunkeln und horchte in die abgrundtiefe Stille hinein, in sehnsüchtiger Neugier, mit pochendem Herzen. Aber die Stille wurde nur noch stiller. Die Straßenlaternen warfen von draußen aus der Tiefe der Straße flackerndes Licht in die dunkle Stube herauf, so daß die Schatten sprangen. Nur in dem halbblinden Rokokospiegel schaukelte dauernd ein mattgelber Lichtreflex. Da schloß ich die Augen fest zu, um besser zu horchen. Dünne Lichtstrahlen, wie schwirrende Fäden, fuhren mir noch durchs Auge; dann verschwanden auch sie. Es war tiefste Nacht: als es in meinen Ohren leise zu rauschen begann, und die Uhr schlug, kein Irrtum; die alte Standuhr, die seit Ewigkeit nicht mehr ging, schlug deutlich elf Schläge, glockenrein und hell. Dann stoßende Geräusche, ein Krächzen und Summen, und jetzt? Ein Räuspern kam, ja es kam, glaub' ich, aus dem Leinenschrank.

»Seid ihr wach? Wir stehen hier wie die Vergessenen, aber wir selbst vergessen nicht. Wenn die Menschen schlafen und sich niederlegen, ist unsere Stunde. Denkt ihr noch an den Kanonendonner, als es hieß: der Feind in der Stadt!? und das Liebesgeflüster? Wir trauern immer noch um Luise. Ja, ja, wir erleben hier nichts mehr, aber wir haben viel, viel erlebt.«

Aus der Tiefe des Schrankes kam so die Baßstimme immer deutlicher. Eine heiße Blutwelle stieg mir in das Gehirn, vor Aufregung. Was würde folgen? Der ganze Raum war auf einmal magisch hell, und ich sah den Vogel – es war eine ausgestopfte Silbermöve – beifällig mit dem Kopfe nicken.

»Ja, wißt ihr noch? Agnes und Luise!« ging es weiter. »Wie lange ist es wohl her? Wir haben seitdem doch wohl schon hundert Winter überstanden. Gottlob, wir sind abgehärtet. Ofen gab es nie in unserer Nähe; aber das ließ uns kalt, und wir sind leidlich gesund geblieben.

Im alten großen Hause am Jungfernstieg, da standen wir auf der großen Diele, wir zwei Schränke; das war ein guter Beobachtungsposten; denn auf die Diele mündeten alle Stuben und Gänge, und die großen Flurfenster gaben Licht, und nachts half die Ampel. In den großen Saal führte die Glastür. Hinter dem Saal lag gleich der Garten. Das wissen wir von den Orangenbäumen, die in den Kübeln standen und im Winter aus dem Garten immer zu uns kamen, um nicht zu erfrieren, und das war eigentlich unsere schönste Zeit; denn ihre weißen Blüten rochen wundervoll, zum Schwärmen schön. Die Orangerie, wo ist sie geblieben? Und Luise!«

Das Gespräch wurde jetzt allgemein. »Auch mein Standort war auf der Diele,« sagte der Krückstock (wenn er sprach, schwoll ihm gleichsam immer die Kehle). »Und ich war stolz, denn auf mich stützte sich der alte Herr Lebrecht, wenn er zur Börse ging und auf die Kontore der Kaufherrn im Zuckerhandel. Denn er war ja Zuckermakler, der Monsieur Lebrecht. Das ging lange gut. Dann kam die Kriegszeit, die Kriegsdepeschen Jahr für Jahr: der Feind über den Rhein, im Thüringerland! Die Frauen aber machten sich noch keine Sorgen. Thüringen lag fern.«

»Agnes und Luise,« sagte der glitzernde Tassenschrank hierauf. »Wir alle liebten sie. Sie waren noch so jung. Wie reizend, wenn sie vor mir hinknieten und sich zum Frühstück die Tassen holten, um nachher alles wieder wegzustellen, in größter Ordnung! und so sauber! Die Teller immer so, daß ein weiches Deckchen zwischen Teller und Teller lag, und dabei kicherten sie und waren so vergnügt.

In der Mitte des Flures stand vor mir der große kreisrunde Tisch mit den Delphinfüßen. Wißt ihr noch? Darauf lagen oft die Zuckerproben, die unser Monsieur Lebrecht vom Kontor mit nach Haus brachte. Dann kamen die beiden Fräuleins und naschten davon, und die beiden Buben, ihre kleinen Brüder, erst recht, einerlei, ob die Mutter schalt, die gute Madame Nanette.«

Da kam es dumpf, aber doch freundlich aus der Gießkanne: »Ja, und so zärtlich waren die Schwestern zusammen und küßten sich im Garten zwischen den Blumenstauden wie die jungen Tauben vor lauter Liebe. Agnes war blond und kaum 17 Jahre, mit dem Grübchen im Kinn, und so klein und zierlich, und lachte immer neckisch und, ich glaube, halb verliebt. Sie wußte nur noch nicht, wen sie lieben sollte. Wenn sie lief, waren ihre Füßchen in den blanken Lederschuhen wie die Vögel, die da hüpfen, wenn sie noch nicht fliegen können. Sie schäkerte gern mit liebkosender Zärtlichkeit in ihren Blicken und spitzte den Mund wie zum Küssen und wie bei einem guten Witz, wenn der Otto ihr einmal ein Kompliment machte. Denn Otto war der junge Hausfreund, der für Blond und blaue Augen schwärmte. Das stellte sich aber erst später heraus.«

Die Gießkanne verstummte. Da hörte ich schon eine andre Stimme, etwas lispelnd und affektiert und im gebrochenen Deutsch. Das war der Rokokospiegel. Der sagte: »Ich hielt unsere Gießkanne für dumm; aber sie hat ganz recht; so war die Demoiselle. Luise dagegen war mir noch lieber; denn sie liebte mich, den Spiegel, wie ihr Gewissen, und ich gab gar zu gern ihr schönes Bild zurück mit den schwärmenden Augen voll tiefer Seele. Sie war brünett und hoch toupiert, und weich gerollte Locken, die sie sorgsam am Stock aufwickelte, rahmten ihr die Schläfen und Wangen ein. Die Locken bebten und zitterten mit ihr vor Erregung, und sie war oft erregt. 19 Jahre zählte sie schon, und man sagte, der gute Johannes, der in des Herrn Lebrecht Geschäft war, sollte sie heiraten. Die schwatzhaften Tanten Henriette und Jenny kamen auch schon einmal, um zur Verlobung zu gratulieren; aber das war zu früh. Mir, ihrem Spiegel, hat sie selbst das alles anvertraut. Hochgewachsen war sie, hatte etwas Schmachtendes und ein Paar Augen, die rasch aufglühten. Wißt ihr noch? Sie trug gern Goldschmuck, während Agnes mehr die Perlen liebte, und trug auch gern eine dunkelrote Sammetschleife im Haar und einen Gurt von gleicher Farbe. Dabei parlierten sie viel französisch, und das taten alle im Haus; denn lange Zeit war eine französische Gouvernante da. Davon haben auch wir schließlich allerlei Französisch verstehen gelernt. Wenn aber Luise grollte und schalt, dann kam immer gleich Agnes, die kleine Schmeichelkatze, und küßte die Schwester so zärtlich, daß ein großes Lachen entstand, und es war gleich wie Sonnenschein im Raum.«

»Ja, ja, das waren noch die sorglosen Zeiten,« fielen da schon die anderen Stimmen ein. »Die Menschlein waren glücklich und wir mit ihnen. Wir selbst atmen ja freilich immer nur Stubenluft und sehen voll Neid, wenn die Herrn und die Damen auf die Straße gehen. Sind aber die Fenster auf, da streicht der frische Hauch herein; das Stubenmädchen fegt dann, und die Staubwolken fliegen um uns auf. Reinigung! Unsre Lungen sind dann wie befreit, und aller Mißmut schwindet. So ist es heute; so war es damals.

Alle Sonntage kamen der Johannes und der Otto als junge Hausfreunde zu Tisch, und dann gab es oft, wenn auch Toni, die Freundin, und andre dazukamen, auf unsrer Diele ein Jagen und Jachtern und Springen, hast du nicht gesehen? um den Tisch herum. Welch unschuldig fröhliches Leben! bis sie den Tisch ganz wegschoben. ›Platz da!,‹ hieß es, und das Menuetttanzen begann. Die Demoiselles sangen dazu allerliebst. Das Menuett! o dieser Tanz! so gravitätisch und fein! Könnten wir das nachmachen, wir schweren Schränke! Aber unsre Glieder sind zu steif geworden vom langen Stehen. Beneidenswert die Menschen, die sich einmal setzen können!

Damals war es auch, daß eines Tages Luise ein Bild mit ins Haus brachte. Die Brüderchen Emil und Fränzchen jubelten gleich: »Napoleon!« Jawohl, so hieß damals ein französischer Kaiser, der überall siegte und herrschte, nur noch in Hamburg nicht. Alles schwärmte für ihn, auch unsre Demoiselles. »Das große Genie! Man muß ihn anbeten,« hieß es. Und natürlich wurde das Bild auf der Diele neben dem Tassenschrank aufgehängt.

In diesem Augenblick sprang der Krückstock zornig aus seiner Ecke hervor und stellte sich anklagend steil vor den Tassenschrank hin: »Natürlich, du äffst ja selbst den Empirestil nach und warst immer französisch und revolutionär gesonnen; warst auch nie mit den guten alten Familientassen zufrieden; immer das Modernste mußte für dich angeschafft werden. Unser Herr Lebrecht aber dachte anders, und er haßte das Bild.

Da kam der Tag des Verhängnisses. Großes Geschrei vor der Haustüre. Die Buben stürzten herein und meldeten: »Hamburg besetzt; die Franzosen sind da. Der Feldmarschall sitzt schon im Rathaus als Herr; alle Gasthäuser und Trinkstuben voll Musketiere!« Den Buben machte das den hellsten Spaß: »Seht nur die bunten Uniformen!« Und auch die Mädel reckten die Hälse und guckten voll Neugier hinaus, wo schon die Säbel auf dem Pflaster rasselten. Grenadiere! Chasseure! Husaren hoch zu Roß!

Am nächsten Morgen, als der Gemüsemann kam und der Honigmann und Luise und Agnes Bohnen oder Rosenkohl und den Honig in Scheiben kauften, da plauderten sie auf der Haustreppe endlos mit den Händlern, bloß um möglichst lange die Straße entlang zu spähen, ob nicht wieder elegante Offiziere daherkämen, bis Frau Nanette sie ängstlich hereinrief. Der Vater aber wetterte gehörig, als er davon hörte: »Der Franzmann ist Landesfeind, und eine sittsame Bürgerstochter hält sich im Hause.«

Des Vaters Grimm und Ärger aber wuchs noch, als nun ins Haus die Zwangseinquartierung kam. Welch Lärm und Getrampel und wüstes Treiben in Stall und Küche, und welch Schmutz dazu! Die Fräuleins wurden möglichst abgesperrt. Das herrschaftliche Haus war zur Kaserne geworden.

Aber das blieb nicht so (setzte eine andre Stimme ein). Zwei Offiziere, elegante und schöne Herren, kamen ins Haus. Das war ein Ereignis. Strahlend höflich; vom Kürassierregiment: Epauletten; feinstes farbiges Tuch; weiße Lederaufschläge; bunte Kokarden; den blitzenden Helm in der Hand. Sie machten feierlich Visite und brachten eine Invitation. So war es. Es gab Redoute, Offiziersball im Kasino. Die Demoiselles wurden zum Empfang der Herren zwar nicht aus ihren Stuben heruntergeholt, aber die Einladung angenommen. Es war das erstemal, daß der Vater nachgab. Denn das Benehmen der französischen Herren war tadellos, und sie versprachen überdies sofort, daß die lästige Einquartierung aufhörte. Und sie hörte auf. Es war wie Erlösung.

Weiß der Spiegel noch, wie da zum Ball die Damen sich kleideten? »O gewiß,« lachte der eitle Spiegel. »Aber Ihr groben Naturen versteht doch nichts davon. Agnes in weißem Mousselin mit blauen Streifen, Luise in Mohnrot; um den Ausschnitt die feinsten Spitzen. Der Fächer aus Perlmutter, den die kleine Agnes trug, ist noch erhalten; er liegt dort im Bauch der Kassette. Aber die mürrisch verschlossene Kassette sperrt das Maul nicht auf; sie gibt ihn nicht her.

In Pelzen huschten die Damen hinaus (so hörte ich weiter. Man weiß, wie es in Träumen geht: die Stimmen gingen immer rascher durcheinander und flossen für mich schon fast zusammen; auch schoß alles traumhaft rasch durch mein Hirn, was ich hier langsam nachzuerzählen versuche). In Pelzen also und im Schlitten ging's, unter Schellengeläut' zum Ball; der alte Sebastian kutschierte. Ob Otto eifersüchtig wurde? Er ließ es sich nicht merken.

Anders Johannes. Warum blieb Luise nicht zu Hause? So dachte er. Johannes selbst tanzte leider gar nicht. Er war so brav und auch kerngesund, aber wohl etwas zu dick für sein Alter: große, stille Augen im runden Kopf; kirschrote Lippen; auf der Oberlippe keimte der erste Schimmer des Bartes, und wir hatten ihn alle gern. Er hatte etwas Verschlossenes ganz so wie wir Schränke, und er putzte sich immer so sorgsam die Füße ab, ehe er eintrat, ganz anders als die französischen Herren, über die sich die Kathrin so oft beklagt hat. Kathrin, das war die alte Scheuerfrau mit den robusten Armen.

Während des Balls tollten die unbeaufsichtigten Buben, Emil und Fränzchen, auf der Diele herum und machten schon gleich die französischen Soldaten nach, mit Epauletten und Säbeln und Tschako und Kokarden, ein Heidenspektakel, und so war denn das ganze alte Patrizierhaus rasch völlig verwandelt und napoleonfromm geworden. Ein gründlicher Umschwung. Es war nichts Gutes; denn wir wissen alle, was folgte.

Der Leinenschrankwar es, der mit dunklem Ton so sprach: »Ich habe meinen Kollegen, den Tassenschrank, nie begriffen. Denn ich bin aus gutem deutschen Holz. Diese Anbeterei! Wenn solch Franzosenmensch nur oh ma, chère, oh ma charmante sagte, da weinte gleich alles vor Entzücken.«

So sprach der Schrank nicht ohne Erbitterung. Da erschrak ich; ich hörte eine schnarrende Stimme; sie klang fast keifend. Ein Bildstand bisher umgekehrt an die Wand gelehnt; jetzt drehte das Bild sich um, und es war Napoleon selber, der zornig aus seinem Rahmen trat und brüsk dareinschrie: »Dumm, dumm, dumm sind alle Deutschen, und die deutschen Schränke erst recht; beschränkt sind die Schränke; danach heißen sie. Es ist schon schlimm, wenn Mobilien Politik treiben, sie sind fast so dumm wie die deutschen Fürsten. Dem deutschen Volk aber wird es eingehämmert, daß ich sein Erlöser bin.«

Alles verstummte hiernach vor Schreck. Es wurde völlig nachtdunkel um mich, und ich hörte und sah eine Weile nichts mehr. Aber es war nur eine Pause. Dann tauchten die Gegenstände wieder sichtbar für mich aus dem Grau, und eine zarte weibliche Stimme flüsterte: »Gaston und Theophile! So hießen die beiden Offiziere.« Es war der Nähtisch, der so sprach.

Diese Kavaliere! Die Einquartierung war man los; fünf, sechs Offiziere rasselten statt dessen jetzt jeden lieben Sonntag ins Haus, zum Diner, und Frau Nanette tischte mit Begeisterung auf.«

»Ganz recht!« bestätigte die Standuhr mit ihrer Silberstimme. »Ich kann es bezeugen. Es schmeckte den Herren köstlich, und ich schlug die Stunden immer umsonst. Auch eine Uhr kann einmal ungeduldig werden. Das Malchen, die Köchin, kochte süperb (Hamburger Küche!). Wir hatten immer nur den Geruch davon: das Muschelragout, die Jülienne, die Lachsforellen, der Maraskinopudding. Nur englischen Käse, den Stilton, gab es zum Nachtisch nicht mehr. Englische Waren waren verpönt. Abends baten dann die Töchter Agnes und Luise so lange, bis der Vater auch noch einen Bischof oder gar einen Kardinal braute in der großen runden Terrine. Gaston und Theophile aber wurden Hausfreunde und kamen auch sonst immer häufiger,

immer galant,
eine Blume in der Hand.

Ja, wir lernten erst da, wie man es macht, galant zu sein. Johannes sah erstaunt dem zu: diese Komplimente und Handküsse und dieses Lächeln und diese Blicke! ›Ravissant,‹ flüsterten sich die Mädel zu, und die beiden Buben, Emil und Fränzchen, machten große Augen.

Auch unser biederer Herr Lebrecht sah sich zu vollkommener Höflichkeit gezwungen; der heuchlerischen Weltsitte unterwarf sich auch er. Im Geheimen aber trug er seinen Grimm mit sich herum, und hinterrücks nörgelte er immer, so daß Luise ganz blaß wurde, wenn sie das hörte. Schon wenn er am Kleiderhaken die Militärkäppis hängen sah, gab es ihm einen Stich: »sie sind schon wieder im Haus!« und sein eng gebundener Zopf wackelte ihm im Nacken. Ich glaube, er ärgerte sich auch, daß es keinen Stilton mehr gab.

»Was ihr nur schwatzt! Der Grund lag tiefer,« fiel hier der Krückstock des Herrn Lebrecht heftig ein. »Ich weiß Bescheid. Es waren Geschäftssorgen; denn es gab keine Zuckereinfuhr mehr; alle englische Zufuhr abgeschnitten; Handelssperre, Continentalsperre. Der alte Herr stöhnte oft; alle englischen Waren wurden in jenen Tagen von der französischen Polizei aus den Kaufgeschäften weggenommen, konfisziert, geraubt, und der Rundtisch auf unserer Diele sah nun auch gar keine Zuckerproben mehr, zum Naschen für die Kinder. Das Geschäft lag tot; die Preise stiegen und stiegen. Der Herr mußte sein Kapital angreifen. Auch die Damen merkten den Schaden. Frau Nanette wollte ein neues Kleid haben aus englischem Mousselin, aber sie mußte sich mit französischem Batist begnügen.«

Da tönte ein Vogelschrei. Die Silbermöve drehte den Kopf, darin die Glasaugen wieder fest saßen, und alles wurde still, als sie sagte: »Ihr redet und redet und wißt doch vom Leben nichts. Anders ich. Was kümmern mich die Alten? Ich hatte vielmehr immer auf die Jugend, auf die jungen Männer, auf Otto und Johannes, acht. Im großen Saal stand ich ja, hoch auf dem Wandbort, und konnte da alles trefflich übersehen. Der Otto zwar ließ sich durch die fremde Gesellschaft nicht einschüchtern, ein echter junger Hanseat, der auch im Meeressturm kalt lächelnd und seelenruhig bleibt; so blieb er schlicht und vornehm zurückhaltend, beobachtete die fremden Herren scharf und freute sich sogar, ohne doch mitzutun, wenn seine Freundin, die kleine Agnes, ihr Vergnügen hatte. Anders Johannes: wenn alles jubelte, stand er abgewandt im Hintergrund des Saales und tat so, als läse er in den Büchern, die da lagen und die die Menschen auf- und zuschlagen, als wären es Austerschalen, aus denen man sich die Nahrung holt, und niemand sah, wie ihm über die Wange die Tränen rollten; Aber ich sah es. Wir Vögel sind wunderbar scharfsichtig. Er hatte so rote Backen; aber er wurde jeden Tag bleicher und bleicher.« Die Mövenstimme wurde ganz weich bei diesen Worten, und wer sollte da nicht auch Mitleid haben?

»Wer kann den Theophile beschreiben?« hieß es da. »Er war wie ein Jagdhund, einer der besseren Jagdhunde Napoleons: elegante Taille; das lockige Haar kurz gehalten; flott, springfidel und dreist; beim Gang sich in den Hüften wiegend; einen impertinenten Zug um den Mund und doch so, daß man ihm gut war.«

Ja, dreist und erzlustig! Die Gießkanne war es, die jetzt wieder zu erzählen wußte: »Ich begoß, wie stets, mit Fräulein Agnes die Rabatten im Garten. Das wählte solange, bis Agnes zum Teich kam. Da wurde ich weggeworfen; denn der Theophile war da, und er wollte sie fangen, als sie davonlief. Sie war flink, aber verfing sich im Rock mit ihren hohen Hacken. Ob er sie griff? Es war Abend; die Nachtigall schlug. Ob sie zusammen der Nachtigall lauschten? Als sie schließlich ins Haus lief, schalt die Mutter sehr. Folgenden Morgens fand Frau Nanette mich, die Gießkanne, weggeworfen im Gebüsch. Sie fragte entrüstet, wie ich dahin käme? Aber ich verriet nichts. Und bald gab es ein Liebesgeflüster in allen Winkeln. O weh!«

Die Stimme der Gießkanne klang unheimlich hohl, als schon der Nähtisch zu schwatzen begann: »Ja wohl, ja wohl! Hört nur weiter. Wenn die Agnes ihre Seidenstickereien machte, setzte der Mensch sich auch mit zu mir, ganz nah, auf dem Tabouret. »Sie haben Talent zur Französin,« sagte er schmeichelnd zu Agnes und ähnliche lose Reden mehr, die ihr sehr gut gefielen. Sie wollte ins Theater, wo es eine Tragödie gab; »Emilie« hieß das Stück; darin hatte ein Weib zwei Liebhaber. »Gehen Sie nicht hin« sagte Theophile; »zwei Liebhaber, das wäre nichts für Sie. Finden Sie nicht auch?«

Eine Fliege setzte sich auf ihr Busentuch. Da seufzte er nun gar: »O wäre ich die Fliege, meine Teure!«

»Das glaube ich,« gab Agnes klug zurück; »die fliegt so rasch davon, wie sie gekommen.«

»Pardon! so meinte ich es nicht. Wenn man liebt, mein Fräulein, liebt man nicht für zwei Tage, sondern für die Ewigkeit, und Sie, Sie sind das Ideal meines Herzens.«

»Das klingt schon besser,« lachte die Kleine, und ihre Stickerei flog zur Erde, weil sie in die Hände klatschte. »So steht es auch immer in den Romanen. Sie haben es prachtvoll auswendig gelernt.«

Theophile aber war sichtlich verliebt. Als ihr Geburtstag kam, brachte er ihr richtig einen Amor vom Zuckerbäcker. Agnes biß ihm gleich vergnügt ein Bein ab und sagte dann tadelnd: »Zu süß, mein Herr. Wir wollen den Rest zum Zuckerwasser verwenden.« Aber sie ließ sich doch gern die Hand küssen, und er hielt die Hand fest, der Jagdhund. In diesem Augenblick trat Otto ein. »Bitte lassen Sie sich nicht stören,« sagte Otto in größter Ruhe und setzte sich. Agnes sah ihn betroffen an und stand auf. Dann erst erhob sich Otto, um ihr zum Geburtstag in geziemenden Worten zu gratulieren. »Ach ja, die Hände! Wenn ich nur wüßte,« brummte tiefsinnig der Schrank, »weshalb die Menschen sich immer die Hände pressen, wenn sie lieben? Und dazu das Lieben selbst. Es kommt doch schließlich nur, wenn ich recht achtgegeben, auf Menschenvermehrung hinaus. Wir Mobilien haben keine Hände, und wir vermehren uns doch auch. Genau besehen steht es mit uns ebenso wie mit ihnen; denn auch der alte Schrank geht schließlich ein; die Nachkommen leben, und auch unsre Geburt ist schmerzhaft genug. Monatelang wird auch an uns gesägt, gehämmert und poliert, ehe wir aus der engen Werkstatt das Licht der Welt erblicken. Dann stehen wir freilich auf festen Füßen und tun unsre Pflicht; aber die Hände fehlen. Wie gern hätte ich sonst der süßen Agnes nur ein einziges Mal die Hand gedrückt! Einmal riß die Begierde mich hin, und ich klemmte ihre Hand in meine Tür; aber da schrie sie nur bitterlich und erriet meine innige Liebe nicht.«

Ich mußte hell auflachen, als ich den Eichenschrank so philosophieren hörte, und über dem Lachen wachte ich auf.

Es war wieder stockdunkel im Raum. Aus der Nachbarstube hörte ich ein Schnarchen; da schlief mein Bruder John den Schlaf des Gerechten. Ich aber hatte noch keine Lust, in mein Bett zu kriechen, und blieb auf meinem Billard liegen. Denn mein Träumen konnte noch nicht zu Ende sein. Was würde aus Agnes und Luise werden? Diese Agnes war ja niemand anders als meine Großmutter, deren reizendes Mädchenbild unten in unsrer besten Stube hing. Ich liebte es schwärmerisch. Und Luise war meine Großtante, und auch ihr Bild hing daneben, mit dem sehnsuchtsvoll geneigtem Haupte, fesselnd anzusehen, ein romantisches Rätsel.

Schon hörte ich mehr. Man war mitten dabei, von den Schwestern zu erzählen, die einmal wieder auf dem Dielentisch das Frühstücksgeschirr spülten.

»Du bist in Gaston verliebt,« sagte Agnes zu Luise.

»Warum nicht? Du hast ja auch deinen Theophile.«

»Ach, das ist etwas so anderes. Du hast eine Flamme, ich hab' nur ein Flämmchen. Den Gaston könnte ich fürchten. Er ist so wie ein Ritter aus der Tragödie oder wie ein Schauspieler, der den Ritter spielt: wie der Cid auf der Bühne; mir unheimlich.«

»Nein, er ist wundervoll, hinreißend. Das verstehst du nicht. Die Narbe in seinem Gesicht! von dem Säbelhieb! Wie viele Schlachten hat er schon erlebt! Wenn er erzählt – seine Stimme geht mir durchs Herz; seine Auge brennt. Und diese Melancholie in den bleichen Zügen!«

»Otto durchschaut ihn; Otto sagt: das ist eine kokette Traurigkeit. Du aber, Luise, bist, wie du immer bist: erst Leidenschaft, dann Reue.«

Da stampfte Luise ganz wütig mit den Füßen, und der Teller fiel aus ihrer Hand und zerbrach klirrend auf den Fliesen.

Es war in der Tat ein blasser Mensch, der Gaston, von einer gelblichen Blässe (so ging die Erzählung weiter); mit musterhafter Tournüre; das tiefschwarze, blank glänzende Haar glatt gescheitelt. Wenn er eintrat, wurde gleich alles still; so imponierte er; die Mutter legte immer gleich ihr Strickzeug weg. Den Kopf stützte er gern in die Hände, als wäre er ihm zu schwer, und wenn er dann aufsah, flammte das schwarze Auge in seinen Höhlen. Er konnte mächtige Blicke werfen, und es war mehr Begierde darin als Zärtlichkeit.

Mit dem Musizieren, glaub' ich, begann es, zur Abendstunde. Wir sahen und hörten alles durch die Glastür, die zudem oftmals auch offen stand. Die Wandlichter brannten, und auf das Spinett wurde eine der Girandolen gestellt. Die Girandole ist ja hier, und sie kann selbst alles berichten.

Die Girandole gehorchte, verneigte sich aber zuvor wie auf der Bühne: »Freilich, zur Musik gab ich immer das Licht. Die Demoiselle Agnes spielte so behende auf den Tasten, Stücke von Rameau und Salieri, und das Spinett klang wie ein silbernes Saitenspiel. Dann stellte aber Luise die Singnoten auf und sang mit Leidenschaft und in tiefem Stimmklang, natürlich französisch, zuerst ein Tanzlied:

Sautez, fillettes et garçons
Unisez vos joyeux sons
Dansons, dansons

Gaston trat herzu und forderte ein ernsteres Lied; da sang sie:

Jeune fille, ou vas-tu si tard?
Tu portes tes pas au hasard?

Schon fiel Gaston mit ein; hinreißend klang es und schmelzend schön, wie im Zwiegesang sich ihre Stimmen vermählten. Sie verstummten; da begann er allein und zärtlich:

Vierge aux yeux noirs, pourquoi pencher la tête?
»Was neigst du so dein Haupt, schwarzäugige Maid?
Wer schuf dir solches Herzeleid?«

Wie erhaben, rührend melancholisch! Waren es nur Schauer der Bewunderung, die Luise überströmten? Schon hielten sie zusammen das Notenblatt, das in ihren Händen zitterte, und ihre Finger suchten sich, und Luise wechselte die Farbe, ihre Nerven bebten. Dann begegneten sich ihre Blicke: pourquoi pencher la tête ? Es war um unsre Luise geschehen.

Johannes war da; er stand wieder kläglich abseits im Schatten und starrte aus dem Fenster, wo im schwarzen Laub das bleiche Mondlicht dämmerte. Gewiß, er liebte Luise heiß, aber es ging ihm in der Liebe wie beim Fangspiel: er war der Unbeholfene und überließ allemal andern die Beute. Luisen aber war es genug, daß der Johannes ihr gehorsam blieb, und er tat knabenhaft gutherzig alles, was er sollte. Sie sollte nicht merken, daß er sich quälte. Jetzt eben rief sie ihn mit Namen. Er schnellte empor. Was wollte sie? Sein Auge strahlte. Sie bat ihn nur um ein Glas Wasser. Er brachte es wortlos und trat zurück. Das war alles.

Pourquoi pencherla tête? Luise vergaß die Melodie nicht, und wir alle lernten sie damals auswendig. Wenn sie vor ihren Spiegel trat, summte sie sie und neigte dazu jetzt mit Absicht das Haupt, dem Liebe zu Gefallen und ganz versonnen. »Ja, sie war fortan ganz verändert,« bestätigte der Spiegel im allergefühlvollsten Ton; »aber sie war noch schöner als früher, trug gern ihr mattgrünes Seidenkleid, weil Gaston das liebte, im Schnitt ganz wie die Madame Recamier oder wie die schöne preußische Königin Luise, der sie ja auch im Namen glich. Ihr Teint war so rein; trotzdem schminkte sie sich jetzt mit Poudre-de-ris und rouge vegetal, und die Puderquaste ruhte nicht. Und dazu die Parfüms! Ein vergoldetes Flakon hatte Gaston ihr geschenkt, und sie ging wie in einer Duftwolke umher. Agnes roch es voll Neid, Frau Nanette voll Hochachtung, der Vater voll Wut und Johannes voll Gram. Er verging vollends vor Sehnsucht, der Johannes. Luise war eine schwüle Schönheit, und zur Liebe kam bei ihm jetzt zehrende Eifersucht. Und er hatte Grund, obschon Gaston sich wohl hütete, von Liebe zu sprechen; wer weiß auch, wie viel Freundinnen er im Geheimen sonst noch hatte? Er machte überhaupt wenig Worte, hielt sich ganz in den Formen der Courtoisie und bat nur um Freundschaft und nicht mehr. Das machte den besten Eindruck. Die Menschen sind eben schlechte Beobachter, weil sie nie vollkommen ruhig stehen wie wir Standmöbel. Wir hören alles und blicken tiefer. So war es damals.

Gartenfeste gab es mit Lampions; aber da geschah nichts Auffälliges. Kam die Familie abends aus der Komödie nach Hause, war Gaston natürlich bei Luise in der Loge gewesen; aber warum sollte er nicht? und die Madame Nanette sagte tausendmal: ›welch vollendeter Kavalier! Das ist die Pariser Politur. Es lebt sich gut mit diesen Franzosen.‹

Schon aber begannen die Liebesbilletts, und niemand merkte es. Tief in die große chinesische Vase warfen beide heimlich ihre zarten Briefe. Wie oft griff Luise fiebernd hinein! Papierne Liebesschwüre? Wir zweifelten nicht. Der kluge Mensch warf nun doch seine Angel nach dem Goldfisch, und nicht vergebens.

Bei dem Wort »Goldfisch« zuckte die Silbermöve zusammen. Es erregte sie, von Fischen zu hören.

Sie wollten sich heimlich treffen; wo anders als im Garten in der Laube beim Teich? Es war Sommernacht. Fränzchen, das Brüderchen, aber lief gerade noch schnell mit der Handlaterne in den Garten, um nach seiner verlorenen Peitsche zu suchen. Die Laterne fiel hin und erlosch. Da hörte er in der Laube ein Wispern und schlich sich heran; denn er war nicht bange. »Wer da?« schrie er. »O, o! Luise mit dem Mossiö! Was macht ihr hier? Sie sitzt auf seinem Schoße. Ich erzähl' es gleich dem Papa.«

Zu Tod erschrocken war da Luise und kniete vor ihrem Bruder nieder und flehte tausendmal: »François , lieber Kleiner, nichts sagen, nichts sagen! Wenn du schweigst: der Mossiö bringt dir das schönste Konfekt vom Kuchenbäcker.«

»Wie viel Kuchen?« sagte der Schelm da frech. »Bitte sehr, nicht nur für mich, sondern ebenso viel auch für Emil. Sonst schwatzt der Emil es weiter; denn dem muß ich doch gleich alles erzählen.«

Wirklich raunte er auf unserer Diele dem Bruder im Dunkeln die ungeheure Entdeckung zu: »Auf dem Schoß saß sie.« Aber beide schwiegen hernach artig wie das Grab, und der Vater erfuhr nichts. Denn sie hatten rechtzeitig den allerschönsten Kuchen bekommen.«

Ein großes Stillschweigen entstand jetzt. Mir war, als ob ich aus meinem Traum auffahren sollte; so bange war mir um die Luise geworden, als die Reden schon weiter gingen.

»Dann geschah es, daß der gute Johannes das Haus verließ. Uns allen ging es zu Herzen, wie er zum letztenmal nach dem wohlbekannten Hut mit der breiten Krempe griff und des Herrn Lebrecht Hand faßte: »Haben Sie Dank für all Ihre Güte. Sie waren mir alle Zeit wie ein zweiter Vater.«

Der Alte stutzte und zog die Brauen: »Warum so feierlich, Johannes?«

»Ich kann nicht wiederkommen,« sagte er mit zitternden Lippen. »Ich kann nicht. Darf ich es sagen? Ich hoffte auf Luise, aber ich habe von diesem Gaston gelernt.‹

»Was ist mit dem?«

»Ich habe gehört, wie Gaston einmal spottend sagte: Bescheidene Liebe ist halbe Liebe.«

»Zu wem? zu Luisen?«

»Jawohl. Bescheidene Liebe ist halbe Liebe: das ging auf mich. Er selbst freilich macht es anders.«

Der Alte fuhr heftig auf; dann aber lachte er: »Haben Sie Geduld, Junge. Luise mit dem Welschen? Welche Albernheit! Liebe? Unsinn. Es ist nur diese verfluchte Manier des Schöntuns. Meine Tochter ist viel zu klug; sie weiß, eine Ehe würde ich nie dulden. Nie, sag' ich.«

Aber Johannes schüttelte nur den Kopf, sagte nichts mehr und ging. Er wandte sich noch einmal zurück und küßte dem Alten die Hand. Dann klingelte die Haustürschelle. Er war draußen. Erst nach drei Jahren haben wir ihn wiedergesehen. Luise hat im Laufe der Tage wohl öfter nach ihm gefragt; sie vermißte ihren Johannes doch, als ob sie ihren Schatten vermißte. Aber sie tröstete sich. Sie wandelte in der Blendung und brauchte keinen Schatten.

Dann kam die Wagenfahrt. »Die Wagenfahrt!« Bei dem Wort war es, als wiegte der Leinenschrank seine breite Stirn vor Kummer. »Die Sache war klug ausgedacht. Luise besuchte ihre Freundin Toni, die auf den »Großen Bleichen« wohnte. Warum sollte sie sie nicht besuchen? Die Freundin selbst begünstigte die Sache. Zu verabredeter Stunde, 3 Uhr (wir erfuhren bald alles), verließ Luise dort das Haus; ein geschlossener Mietswagen fuhr vor. Gaston saß verborgen darin, und so fuhren sie zusammen flott zum Stadttor hinaus. Wohin? Einerlei. Sie waren allein, niemand sah sie, und Gaston hatte, was er wollte. Um 7 Uhr war sie rechtzeitig wieder im Haus ihrer Freundin, wo die Frau Nanette sie alsbald persönlich abholte. Es wurde nichts bemerkt; aber Luise hatte ihren Ridicule, worin ihr Spiegelchen, ihre Muschel mit Nähnadeln und ihr kleines Portefeuille mit dem violetten Sammtdeckel steckte, im Wagen liegen lassen; der Lohnkutscher kam und brachte es, und alles wurde entdeckt.

Das war ein Schrecken und Aufruhr. Das ganze Haus stand auf dem Kopfe. Luise, in ihrer Bestürzung, blieb wortlos und starr, barg das Gesicht in ihren Händen und verschloß sich in ihrem Zimmer. Gaston betrat ahnungslos das Haus. Herr Lebrecht aber ließ ihn nicht in die Stube. Spreizbeinig stellte er sich vor ihn hin, die Daumen in den Ärmellöchern, und donnerte ihn an: »Was wollen Sie hier, mein Herr? Diese Wagenfahrt! Wir wissen alles. Es ist zu Ende.«

»Sie wissen?«

»Ich weiß, daß hier für Sie kein Raum ist.«

Der Franzose verstand nur halb: »Hören Sie ruhig, mon cher , bei unsrer Freundschaft...«

»Sie haben unsre Freundschaft uns übel gedankt.«

»Nicht nur Freundschaft. Verstehen Sie mich. Luise liebt mich; sie liebt mich. Es mußte so kommen.« »Und Sie?«

»Eh bien, wir lieben uns. Ich liebe den deutschen Walzer; warum soll ich nicht auch ein deutsches Mädchen lieben?«

Der Alte griff, zur Seite springend, nach seinem Stock, und der Zopf bebte ihm im Nacken: »So so! Sie haben an unserer Tochter Geschmack gefunden. Für wie lange?«

»Parole d'honneur, es ist Ernst. Fragen Sie Ihr Fräulein Tochter. Ich werde sie heiraten. Luise will es.«

»Luise will es? Aber nicht ich. Gott bewahre mich! (Des Alten Herz tat sich weit, weit auf). Keinem Feinde geb' ich mein Kind. Wir kennen euch. Wortbrüchig und leichtfertig, so wart Ihr immer. Wissen Sie nicht, daß ein deutsches Bürgerhaus auf Anstand und Ehre hält?«

»Ehre!?« Gaston fuhr nach dem Degen.

Des Alten Zornader aber schwoll: »Ja, Ehre. Ein Schrei geht durch unsre ganze Stadt, geht durch alle deutschen Städte und Dörfer. Ihr raubt unser Geld und unsere Töchter. Kein Wunder! Ein Räuberhauptmann ist es, den ihr euren Kaiser nennt.«

»Majestätsbeleidigung! Sie beschimpfen unseren erhabenen Kaiser! Sie werden von mir hören.« Es klang wie Gebrüll. In Gastons Hand zuckte die nackte Klinge. Er war bleich wie Wachs; nur seine Narbe glühte. »Sie werden von mir hören!«

Frau Nanette warf sich händeringend dazwischen. Aber Gaston wandte sich plötzlich, ohne Gruß. Die Haustür fiel krachend zu. Er war gegangen, und der Herr Lebrecht stand mit aufgerissenem Munde da. Den Stock schmiß er in die Ecke und ballte die Fäuste. Er hatte seinem Herzen endlich Luft gemacht; das tat wohl. Aber was nun?

Gaston fort. Auch Theophile würde nicht wiederkommen. Das ganze Haus lag auf einmal wie im Fieber. Auch wir selbst, wir fieberten mit. Was nun? Das Essen erschien und kam wieder ungegessen vom Tisch. Nur ein unstetes Gelaufe hin und her. Türen und Fenster sprangen auf, und ein grausiger Luftzug ging durchs Haus, daß die Gardinen flogen. Auch Agnes lachte nicht mehr. Das Abenteuer, das ihr anfangs so interessant schien, ging übel aus. ›Majestätsbeleidigung! Höllenangst! Vater! Vater! Sie haben Napoleon, den allmächtigen Kaiser beschimpft. Die Gendarmen kommen. Man wird Sie verhaften, erschießen.‹

Der Alte sank wie betäubt in seinen Stuhl. ›Ich hatte doch Recht‹ knurrte er; ›aber, aber...‹

Otto kam. Er hörte alles, warf einen festen Blick auf Agnes; dann ging er wieder. Er konnte hier nicht helfen. Auch die Domestiken drängten in die gute Stube, um zu hören, und ächzten und zeterten durcheinander ach, ach! Die Köchin ließ das Abendessen anbrennen, und durch das ganze Haus roch es nach Unglück. Was sie da redeten – es war endlos, aber immer dasselbe. Das Ende war, daß folgenden Tages unser Herr völlig geknickt auf den Wunsch der Seinen zum Herrn Gaston fuhr, um regelrechte Abbitte zu leisten. Ja, er ging, er tat es. Einen Brief Luisens nahm er mit. Der gerade Mann mußte sich krümmen. Er mußte. Es half nichts. Welch Bangen und Zagen! Was würde er bringen, wenn er von diesem schweren Gang zurückkam?

»O über die menschlichen Leidenschaften!« kam es brummend aus dem Leinenschrank. »Wir haben, so lange wir leben und den Menschen in ihren vier Wänden zusehen, viel erlebt, aber solchen Aufruhr nie wieder. Welch Glück, daß wir selbst solide Naturen und so blutlos und ohne Wallung sind! Was würde auch sonst aus den Hausständen, wenn wir auch noch durcheinander klagten und jagten? ›Mobilien‹ heißen wir, die ›beweglichen‹? Welcher Unsinn! Je lauter die Leute, je stiller sind wir. Die Menschen sind die Mobilien; sie sind den Fliegen gleich, die am Fensterglas auf- und abrasen, weil sie nicht wissen, wohin?«

Ich ärgerte mich auf meinem Billard über diese überflüssigen Betrachtungen. Mobilien oder nicht! Nur weiter, weiter! Schon zuckte es mir in den Augenlidern, als sollte ich aufwachen. Ins Leere, Traumlose glitt ich schon wieder hinüber, hörte schon wieder deutlich das leidige Schnarchen meines Bruders John. Wie spät war es nur? Vielleicht schon bald Mitternacht? Aber ich wich nicht von der Stelle. O Dämmer! o Sehnsucht nach Versunkenheit!

Schon hob in meinen Ohren wieder das Rauschen an, und ich hörte wieder deutlich Gastons Namen. Den Krückstock hört' ich jetzt eben sprechen. Er sagte: »Ich war doch froh, daß ich nicht losschlug und so ruhig blieb. Die Selbstbeherrschung ist doch das beste.

Jetzt waren sie ausgesprochene Verlobte, Luise und er, und die Tanten Henriette und Jenny, die Freundin Toni und viele andre konnten kommen und gratulieren. Ob ihn, den Gaston, nur die gute Krippe lockte? Er spielte jetzt hoheitsvoll den Gnädigen und war wie Herr im Haus. Herr Lebrecht hieß jetzt der Père. Der Père war freilich wenig zärtlich und verhielt sich steif und verkniffen genug, aber er mußte doch still halten, wenn der Herr Schwiegersohn ihn huldvoll auf die Wangen küßte, und Luise und Gaston, beide dozierten jetzt abwechselnd; ›Was heißt deutsch? was heißt französisch? Alles ist eins – Verbrüderung der Völker. Ganz Europa ein Kaiserreich. Die Grenzen sind gefallen. Kompatrioten sind wir alle, Bürger und Untertanen des einen großen Völkerbefreiers. Darum haben wir uns gefunden.‹

Herr Lebrecht aber knurrte vor sich hin, wenn er über die Straße ging: ›Die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende; der Zar von Rußland lebt noch, und der Weg nach Moskau ist weit. Warten wir, ob dem großen Räuberhauptmann nicht dort, draußen noch einmal die Ohren erfrieren. Wenn mir nur nicht auch noch Agnes, der kleine Racker, Sorge machte! Luise war immer ihr Ein und All, und das Beispiel ist mächtig.‹ Auf der Börse, in den Kontoren hatte der Père allerlei unsichere Gerüchte über Spanien, über Rußland gehört. »Es war doch schön,« hört' ich den Krückstock sagen, »daß wir beide so eines Sinnes waren, beide gut teutonisch, ich und mein Herr. Darum hielten wir auch immer gut Schritt zusammen, und seine Sorgen waren meine Sorgen.«

Geschwätz! Wie würde es der Agnes gehen? Da hörte ich schon andere Stimmen berichten.

Luise trat zu ihrer Schwester: ›Ich verstehe dich nicht. Du bist jetzt so anders zu Theophile. Wir können stolz sein, solche Männer zu finden, die der Ruhm umstrahlt, und Theophiles Verhalten ist tadellos.‹

Agnes setzte eben Blumen in die kleine Schale: ›Er ist nett und amüsiert mich,‹ sagte sie. ›Mehr will ich nicht. Nein, wirklich. Mache nicht solch feierliches Gesicht. Nur nicht Ernst machen, bitte! Ich habe Angst davor, und ich sag' dir auch offen: ich kann Ottos kalte Miene nicht ertragen.‹

›Ottos kalte Miene?‹

›Er kommt immer noch treu zu uns ins Haus, obgleich ihm andre Häuser genug offen stehen; aber er tut so, als sei ihm alles gleichgültig, was er hier sieht.‹

›Und das reizt meine kleine Agnes?‹

Nun freilich. Otto liebt mich nicht; aber er sollte mich doch auch noch ein bißchen lieb haben, so wie früher....‹

›Also zwei Liebhaber? Ein kindischer Ehrgeiz.‹ So sagte Luise und gähnte (sie hatte etwas Träges bekommen und tat schon gar nichts mehr im Hausstand). Wir aber glauben, es war nicht Ehrgeiz, es war etwas Besseres. In Agnes erwachte das deutsche Herz. Welch Glück, daß es noch einen Otto gab! Aber sie wußte selbst nicht, was in ihr vorging. Es war die mystische Dämmerung der ersten Liebe.

Wir haben alle aufgemerkt und acht gegeben. Theophile war immer noch derselbe. Wurde er aber zu schwärmerisch, da rief Agnes zum Schutz jetzt immer gleich Otto herbei, begünstigte ihn auffallend beim Pfänderspiel, schob ihm bei Tisch rasch den Leckerbissen zu, auf den Theophile sich spitzte, und Otto blickte jetzt stolz und dankbar, aber immer noch in unerschütterlicher Seelenruhe darein wie der Fischer, der in derselben grenzenlosen Ruhe mit seiner Angelrute am Ufer steht und voll listiger Geduld harrt, bis der liebe Hecht anbeißt.

Wer sprach da? Ich glaube, es war die Silbermöve, die allein etwas von Fischen verstand.

Der neue Krieg kam. Großer Rumor im Rathaus, in den Kasernements, in allen Häusern. Davoust, der böse General, rüstete den Ausmarsch aus Hamburg, so auch das Kürassierregiment. Auch Theophile mußte mit ins Feld. In seiner Erregung hatte Theophile den letzten Abend unter Kameraden zechend verbracht und dachte noch an ein Abenteuer; er stahl sich in unsren Garten und versuchte, am festen Weinstaket zu Agnes' Fenster hinaufklettern. Sie ahnte nichts, hörte im Holzwerk das Knacken und goß dem unheimlichen Gast eine Kanne warmes Wasser über den Kopf. Sie hatte gerade ein Fußbad nehmen wollen. Es war aber zum Glück kein Seifenwasser. Wie da der Otto lachte, als er das hörte! Theophile aber war begossen, für immer.

Beide, Theophile und Gaston, ritten mit in den großen russischen Krieg hinaus: Napoleon gegen den Zaren. Der Sommer verging; der Winter kam; ein grausiger Winter. Die Spannung wuchs. Die Kriegsnachrichten kamen immer spärlicher. Es war so kalt, daß auf unsrer Diele fünf der schönsten Orangenbäume erfroren. Wir trauerten tief um sie, als wären sie unsre Brüder; denn Bäume sind Bäume und wir Holzschränke doch gleichsam Holz von ihrem Holz. Es war ein böses Vorzeichen. Theophile kam in der Tat nie wieder. Dreimal schrieb er noch dankbare Zeilen; denn er war im Grunde eine gute und seine Seele. Dann war er verschollen.

Gaston kam siech von der Beresina zurück. Kläglich zermalmt war Napoleons Heer; aber Davoust, der General, kam dann doch wieder nach Hamburg, und die Stadt blieb immer noch französisch. Im Lazarett wurde Gaston gepflegt. Fieberkrank lag er und abgezehrt. Luise durfte ihn nicht besuchen; er erhielt nur ihre Briefe. Aber er genas; er betrat wirklich unser Haus wieder. Sein Gesicht war noch bleicher, es war noch fesselnder. Ein schwarzer Bart umkränzte jetzt in zartem Schwung seine schmalen Wangen. Aber er war nicht mehr der Sieger, der Abgott Napoleon eine fragliche Größe, die Zukunft dunkel. Sollte es doch noch zur Heirat kommen?

Wir wissen alle noch das Gespräch, das alles entschied. Es war die Zeit, als Davoust die Stadt nun doch endgültig räumen mußte, Hamburg wirklich seiner Befreiung entgegensah. Auch Gaston mußte fort. Keine fremden Säbel sollten mehr rasseln auf unsrer alten Diele.

Der Vater nahm feierlich, ernst und gütig Luisens Hand. Er trug den Zopf jetzt nicht mehr, sondern das greise Haar hing ihm lose im Nacken; um den weichen Hemdkragen die große Schleife; eine hellseidene Weste unter dem langschößigen dunkelblauen Tuchrock. Es war der Rock, in dem er zur Kirche zu fahren pflegte.

»Hast du Vertrauen? willst du ins Land der Franzosen, die uns gepeinigt haben und uns hassen? willst du dem Herrn Gaston Viallard folgen? uns preisgeben, Kind – sieh dich um, die wir hier stehen –, deine Heimatstadt preisgeben, das Land, wo die deutsche Zunge klingt? das Land Luthers und Goethes? Ich schenkte dir »des Knaben Wunderhorn«. Darin sind tausend Heimatklänge. Können sie dich nicht festhalten? Frage nicht nur deine Schwester Agnes. Wir alle bangen um dich. Glaube mir, in der Fremde wird es dir übel gehen. Gebärdet sich Gaston nicht immer noch als der Grandseigneur, der vornehmer ist als wir und im Grunde verdiente, über die ganze Welt zu herrschen? wie ein Löwe, der die Insekten großmütig in seiner Mähne spielen läßt? Es ist Gnade, daß er sein Wort nicht brach und sich bereit erklärte, dich zur Frau zu nehmen. Die Treue aber ist in Frankreich seltene Ware, und eine deutsche Hausfrau hat es schwer in den Salons, die ein Beaumarchais und Diderot uns schildert. Es kostet uns nur ein Wort, und er geht, und ihm wird darum das Herz nicht brechen.

Schluchzend fiel da die kleine Agnes der Schwester in die Arme: »Luise, Luise! soll es wahr werden?« Es war ein Küssen und Streicheln unter den Schwestern, wie sie es lange nicht mehr getan, die schrankenlose Zärtlichkeit aus der Kinderzeit. Auch Mutter Nanette weinte lange Tränen auf ihren Busen und sagte: »Kind, Kind, vergiß auch nicht, daß hier immer noch ein treues Herz für dich schlägt. Denke an Johannes, den braven. Wir hatten gewähnt, ja, wir mußten glauben, unser Hamburg werde für immer französisch bleiben und dein geliebter Gaston würde sich dauernd mit dir in unsrer Stadt niederlassen. Jawohl, so dachten wir. Nun ist alles so anders, so anders!«

Luise sank im Kanapee zusammen und grub ihr heißes Gesicht in die Polster: »Eure Worte gehen mir wie ein kaltes Eisen durch meine Brust. Vater! ich weiß es' seit langem, daß Sie mir grollten, und ich verdiene Ihre Güte nicht. Ja, ich sehe, ich muß, ich will verzichten. Gott möge mir helfen. Aber redet mir nicht von Johannes.«

»Sorge dich nicht,« fuhr die Mutter fort. »Gewiß, der gütige Gott hilft. Hörtest du unsre Uhr nicht eben schlagen? Du sollst sie so schlagen hören dein Leben lang. In Gottes Hand liegt die Zukunft, und alles geht vorüber wie dieser Stundenschlag. So lauten ja auch die Verse, die Ihr gesungen habt.«

»Lassen Sie, Mama! Ich singe nicht mehr.«

»O doch, du sollst sie uns oft noch singen:

L'avenir n'est à personne.
L'avenir est à Dieu.
A chaque fois que l'heure sonne,
Tout ici-bas nous dit adieu.«

»A chaque fois que l'heure sonne, tout ici-bas nous dit adieu!« Luise wiederholte die Worte mechanisch, und ihre Tränen flossen im Kampf zwischen Trotz und Ergebung.

Da klang draußen die Schelle; Sporen klirrten; die Glastür sprang auf, und Gaston, der Genesene, trat ein mit der Miene, als wäre er sehnlichst erwartet, im Militärrock wie immer, ritterlich stolz, voll männlicher Grazie und selbstgewiß. Der linke Arm in der Binde. Wenn er grüßte und sprach, geschah es mit jenem Ausdruck melancholischer Mattigkeit, der so berückend wirkte. Aber er sprach nicht viel; sein Blick fuhr suchend umher und traf Luise, herrisch und sengend zugleich. Himmel und Hölle glühte darin. Da war es entschieden. Sie stürzte zu ihm, zog ihn neben sich: »Mein Gaston, mein Gaston!« und alle warnenden Worte waren vergebens gewesen.

»Mein Gaston, du meine Zukunft,« wiederholte sie. »Ich weiß, weshalb du kommst.« Sie schien einer Ohnmacht nahe.

Er legte den Arm um sie: »Was ist meiner Luise geschehen? Vierge aux yeux noirs, pourquoi pencher la tête?« flüsterte er mit engelhafter Stimme. Dann befahl er: »Das Flakon! Eau de vie und ein Glas starken Wein! Ist nicht noch der alte Burgunder im Haus?«

Er befahl, und alles lief und gehorchte.

Luise erholte sich rasch genug, und nun ging er gleich auf die Sache los, und zur Hochzeit wurde alles verabredet. Es war der Schicksalstag. Das Geschäftliche lag ihm sehr am Herzen; der Père mußte sich fügen; Gaston trat fordernd vor ihn. »Bescheidene Liebe ist verschwendete Liebe« war sein Motto. Er wußte zu fordern.

»Genug, genug!« sagte grimmig der alte Leinenschrank. »Laßt uns schweigen und daran nicht denken. Ich bin des Erzählens müde. Herr Lebrecht bewilligte die nötigen Summen, um in Paris die Ausstattung zu kaufen. Aber auch mir und meinen Kollegen wurde zu Leibe gegangen; es schmerzte sehr, als man mir in meine Eingeweide fuhr. Und dann...«

Das Gespräch brach plötzlich ab, als versagte dem treuherzigen Erzähler die Stimme. Ich lauschte umsonst. Erst nach einer Pause ging es weiter:

»Laßt uns auch von der Hochzeit nicht reden. Der Sekt floß, und alle guten Schüsseln wurden von den Gestellen genommen und bis oben gefüllt, damit die Gäste satt wurden: die hungrigen französischen Offiziere; es war das letztenmal, daß wir sie fütterten. Aber die Stimmung blieb fremd und gedrückt. Alle Lichter brannten, aber die Sorge warf ihren grauen Schatten über den Tisch. Gaston voll Ungeduld; Luise, jetzt Madame Viallard genannt, im Brautschmuck doppelt schön und stolz und doch zu reiner, siegreicher Freude unfähig, da sie in des Vaters gealterten Zügen den stillen Vorwurf, den Gram und die Mißbilligung las. Eine verlorene Stimme rief: fillettes et garçons, dansons, dansons! Die Tische schob man weg, aber niemand mochte tanzen.

Die Kutsche fuhr vor; der alte Sebastian in weißen Handschuhen auf dem Bock; er wischte sich die Augen. Auf der Diele großer Abschied. Der Wagenschlag knallte zu; der Kutscher schnalzte; die Gäule zogen an. Das Brautpaar war in der Nacht verschwunden. Der Hufschlag hallte und verhallte.

Agnes stand noch lange allein auf der Treppe, winkte mit dem Spitzentuch noch lange in das Dunkel hinaus. Wir hörten ihr lautes Schluchzen, bis Otto, ja Otto, der Freund, sie hereinholte. Da umschlang sie ihn, umfing sie ihn, legte das Haupt an ihn. Das Herz ging ihm auf; die beiden hatten sich gefunden, und in die große Traurigkeit fiel jauchzend und erlösend auf einmal der helle Lichtstrahl einer jungen Glückseligkeit.« – Hiernach verstummte alles. Niemand wollte mehr reden. Mich selbst hatte eine große Rührung erfaßt, und ich sprang' entschlossen von meinem Billard. Dieser Otto, was wäre ich ohne ihn? Er war ja, wie schon gesagt, mein eigener Großvater, der Vater meiner teuren Mutter, und Agnes mein kleines liebes Großmütterchen, die zärtliche, die mich als Knaben so verzog und die jetzt als Witwe in Wandsbeck phantastisch einsam mit Topsi, ihrem frechen Hündchen, in ihrem großen Hause lebte. Luise aber, meine Großtante, was war aus ihr geworden? Sie war uns immer ein Geheimnis. Ich hatte sie nie mit Augen gesehen. Man sprach nur gelegentlich von ihr wie von einer Romanfigur. Briefe von ihr kamen schon lange nicht mehr aus Frankreich. Wohl aber wußten wir, daß sie katholisch geworden, aber, getrennt von ihrem Gatten, vereinsamt lebte.

Die Menschen aus Edelmetall sind selten. Für Gaston war das Ganze nur ein Abenteuer gewesen. Zweimal forderte und erhielt er noch Geldsendungen aus Hamburg; dann blieben sie aus. So hatte er seine Beziehungen in der Pariser Damenwelt sehr bald wieder aufgenommen und die deutsche Person schnöde verlassen. Kinderlos, ein Fremdling unter Fremden, lebte Frau Luise im Kloster in Biarritz bei Pau, am Fuß der Pyrenäen, ihrer Familie trotzig abgewandt (denn sie war ganz zur Französin geworden), ein Opfer ihrer Liebe, in leidenschaftlicher Frömmigkeit, ein gescheitertes, müßiges Leben, das nur noch auf das Jenseits rechnete, da sie das Diesseits betrogen. Es ist schön und groß, freiwillig sich seinem Schicksal zu opfern. Sie hatte es getan; aber das Schicksal ist launisch, und der Ausgang...

Aber der Faden meiner Gedanken riß ab. Eben hatte ich den dunklen Raum verlassen wollen, um endlich mein Bett aufzusuchen, als ich leise Musikklänge hörte. Kamen sie von der Straße? Nein. Das Fenster war ja auch geschlossen. Welch Mirakel! Die alte Guitarre, die über der Tür hing und bisher ganz still gewesen, fing auf einmal leise an zu klingen, und den Mahagonikartentisch, der gleichfalls bisher geschwiegen, hörte ich vernehmlich seufzen: »Dansons, dansons! Ach, könnten wir tanzen, ja tanzen! Es waren damals doch schöne Zeiten, an Abwechslung und Erleben reich. Das Menuett möcht' ich noch einmal tanzen, das Menuett, das nicht an Luisens, nein, an Agnes' Hochzeit von den Gästen getanzt wurde und das uns damals durch alle Glieder fuhr. Unsre Glieder sind freilich schwer und steif geworden, aber wer weiß? Die Sehnsucht hilft uns. Man sagt: wer fliegen will, dem wachsen schließlich Flügel.«

Die Mobilien wollen tanzen? Welche Albernheit! dachte ich; nun ist es Zeit, mich zu drücken; machte Licht, sah alle Möbel noch einmal staunend an (sie standen so ruhig!) und ging ins Schlafzimmer hinüber. Mein Bruder John fuhr wütend auf: »Mach' das Licht aus: 12 Uhr nachts! Bist du verrückt geworden?« Doch er sank dann gleich wieder in seinen gesunden Schlaf zurück. Übermüdet und betäubt fiel ich in mein Bett und streckte mich, streckte die Glieder seelenruhig, selig und dankbar. Wie viel besser schlief sich's doch im trauten Bett als auf einem Billard! O ihr weichen Kissen! Die Decke über die Ohren! Das Unterbett federt so angenehm.

Schlief ich wirklich? oder war ich doch immer noch wach? Hörte ich nur das melodische Schnarchen meines vortrefflichen Bruders, ein Knacken und mildes Sägen und Rasseln? Nein! Es war zu deutlich. Im Nebenzimmer rauschte wieder die Guitarre, als führe jemand über die Saiten, eine langsam wiegende Tanzmelodie. Welch' seltsamer Zustand! heimlich, unheimlich! Geht der Zauber noch weiter?

Die Zimmerwand wurde durchsichtig wie Glas, und ich sah das Erstaunlichste. Das Billard stellte sich wie ein dressiertes Zirkuspferd auf seine Hinterfüße und trat mit einer Verbeugung zurück, um Platz zu machen. Der Kartentisch als sein Vis-a-vis tat ebenso und verbeugte sich noch graziöser, und auch der großmächtige Eichenschrank erhob bärenhaft langsam die dicken Füße, machte richtig einen Pas und noch einen Pas und schritt, majestätisch sich wiegend, vor; der behendere Tassenschrank fing gar an zu hüpfen, und das Menuett war schon im Gange: ein Verbeugen, Drehen und Wenden, Chassieren, en avant, en retour, à droite, à gauche, aber geisterhaft leise wie auf Gummisohlen, ein Schleifen und Wiegen in wohliger Genußsucht. Nur bisweilen war es, als knackte es in dem alten Holz. Mit wachsendem Staunen sah ich alles. Ja, die Flügeltüren der Schränke entfalteten sich langsam, als wollten sie sich umarmen, und auch die Silbermöve begann in Sehnsucht ihre Flügel zu dehnen und zu wippen auf ihren Schwimmfüßen, und die zwei Girandolen, die auf der Kommode standen, verneigten sich altmodisch und sein und umschlangen sich feierlich zum Tanz mit ihren glitzernden Armen, so daß die Ketten leise klirrten, die an ihnen hingen, und auch der Spazierstock sprang energisch aus seiner Ecke, und wie ein Korkenzieher, den eine unsichtbare Hand bewegt, drehte er sich närrisch um sich selbst, ohne umzufallen. O ihr lieben alten Möbeln! macht ihr es öfter so? und hab' ich euch endlich ertappt in eurem unheimlichen Treiben? Wenn nur eure Füße nicht brechen und die Tassen heil bleiben und die Wäsche nicht durcheinanderstürzt, die da so sorglich in den Börtern liegt! Was würde sonst meine Mutter sagen?

Da rührte sich in der alten Uhr das Schlagwerk mit seinem Silberton, das ich schon einmal gehört hatte, und es schlug 1 Uhr. Dann hörte und sah ich nichts mehr, und traumloser Schlaf umfing mich.

Mit brennender Neugier riß ich am anderen Morgen die Tür zur Schrankstube auf. Aber alles stand reglos da, wie es immer gewesen, und das Billard, die Schränke und alle Beteiligten taten, als sei nichts passiert. Diese Heuchler! Nur schien es mir, als hätte der Eichenschrank, der Riese, sich doch den Fuß vertreten; er neigte etwas schiefer als sonst nach der einen Seite, und der Spazierstock stand in der falschen Ecke. War es wirklich so? oder irrte ich mich?

Nun sage mir einer, der diese Geschichte erfährt, daß ich nicht ein Träumer bin. Als ich aber in den nächsten Tagen zu meinem Großmütterchen eilte (sie saß grade an ihrem Flügel und phantasierte, und die kleinen Finger griffen ganz tapfer zu), als ich »Großmutter!« rief und ihr von meinem Traum erzählte – sie war immer noch wie einst des Lachens froh –, da lachte sie nicht, sondern die Tränen rannen aus ihren hellen Augen. »Luise so fern! Tout ici-pas nous dit adieu. O könnte ich sie noch einmal küssen, meine Schwester!« Ihr Mund zuckte; das Haupt in die Hand gestützt, trocknete sie mit dem Spitzentuch ihre Tränen, die immer noch flossen, und sagte nichts. Was gibt es Schöneres, Rührenderes als Schwesternliebe? Dann kam ihre Hand, und sie, streichelte mir liebkosend die Wangen, wie sie es oft getan, da ich Knabe war, und lachte schon wieder ganz vergnügt, als ich sie mit kräftigem Ungestüm auf den Mund küßte. Sie hatte ihren Charme behalten und war immer noch so jugendlich wie ihre Töchter. Es muß reizend gewesen sein, ihr Geliebter zu sein.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.