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Moderne Frauen

Arthur Zapp: Moderne Frauen - Kapitel 1
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authorArthur Zapp
titleModerne Frauen
publisherHugo Steinitz Verlag
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I.

»Hier, meine Herrschaften, haben wir die beiden Typen des modernen Weibes: Nora, die Frau, die nicht die Puppe ihres Mannes sein will, sein Spielzeug in müßigen Stunden, sondern eine menschliche Individualität wie er, mit eigenem Willen, mit eigenen geistigen und seelischen Trieben – und Svava, das ebenso keusche wie geistig starke junge Mädchen, das von ihrem zukünftigen Gatten dieselbe sittliche Reinheit fordert, die von ihr selbst erwartet wird.«

Der Vortragende, der, je weiter er in seinem Vortrag vorgeschritten war, je mehr Pausen gemacht hatte, um der ermüdeten, etwas heiser klingenden Stimme Erholung zu gönnen, räusperte sich stark und griff zu dem Glase, das mit Wasser gefüllt, auf dem kleinen Tischchen vor ihm stand.

In dem kleinen Kreise der Anwesenden, besonders unter den Damen, erhob sich indessen ein lebhaftes Beifallsgemurmel, und in aller Mienen spiegelte sich deutlich die lebhafteste Zustimmung wieder. Nur ganz hinten in der letzten Reihe der Zuhörer saßen zwei Herren, in deren Gesichtsausdruck sich ein ironischer, mokanter Zug bemerkbar machte. Und in der That, sie hatten sich während des ganzen Vortrages damit amüsiert, einander allerlei boshafte Glossen zu den Worten des Sprechenden in die Ohren zu wispern.

Der ältere unter ihnen war Doktor Lohmann, ein wegen seines kurz angebundenen und sarkastischen Wesens nicht gerade beliebter Arzt, der seiner matten Praxis durch einen um so lebhafteren gesellschaftlichen Verkehr aufzuhelfen trachtete. Der andere war ein bei der Regierung beschäftigter Assessor Namens Dornau.

»Furchtbarer Unsinn!« konnte sich auch jetzt der Arzt nicht enthalten, seinem Nachbar zuzuraunen.

»Einfach lächerlich!« entgegnete dieser in dem Nasalton, den er – Lieutenant der Reserve – sich im Umgange mit Kameraden der Linie angeeignet hatte.

Der Vortragende, der von dieser ebenso kurzen und bündigen, wie vernichtenden Kritik seiner Ausführungen keine Ahnung hatte, begann den Schlußsatz: »Ja, meine Herrschaften, das ist das unvergängliche Verdienst Ibsens und Björnsons, daß sie in diesen beiden Frauengestalten zum ersten Mal das Ideal des modernen Weibes verkörpert haben, allen Frauen nicht nur ihres skandinavischen Vaterlandes, sondern der ganzen zivilisierten Welt zum Vorbilde. Darum, meine verehrten Damen – der Redende räusperte sich noch einmal, um seine Stimme für den Schlußsatz möglichst klar und eindringlich zu machen – eine Pause, die der boshafte Dr. Lohmann zu der Bemerkung benutzte: »Passen Sie auf, Dornau, jetzt kommt die Pointe!«

»Darum lege ich es Ihnen besonders ans Herz, daß Sie in Ihren Kreisen, soweit es in Ihren Kräften steht, für die unvergänglichen Werke der beiden großen norwegischen Dichter Propaganda machen. Sie werden damit nur für sich selbst wirken.«

Der Redende machte eine etwas linkisch ausfallende Verbeugung, damit das Ende seines Vortrages andeutend.

*

Das Auditorium, das aus ungefähr einem halben Dutzend Damen und ebensoviel Herren bestand, erhob sich, um zum Teil den Urheber des soeben gehabten litterarischen Genusses beglückwünschend zu umringen, zum Teil miteinander die Meinungen über das Gehörte auszutauschen. Am lebhaftesten und am meisten befriedigt äußerten sich, wie es sich bei dem behandelten Thema eigentlich von selbst verstand, die Damen. Vor allem aber war es die Herrin des Hauses, eine junge Frau von einigen zwanzig Jahren, die mit ausgestreckter Hand auf den sich wiederholt Verbeugenden zuschritt, während ihre geröteten Wangen und ihre leuchtenden Augen die tiefe Wirkung des Vortrages auf ihr empfängliches Gemüt überzeugend bekundeten.

»Sehr richtig, lieber Herr Doktor,« sprudelte sie lebhaft hervor – »mir ganz aus der Seele gesprochen.«

Und während sie sich mit dem Oberkörper nach den hinter ihr Stehenden halb herumwandte, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu: »Ich glaube im Sinne aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen für Ihren ebenso instruktiven wie interessanten Vortrag unser aller aufrichtigsten Dank ausspreche.«

Zustimmende Ausrufe erhoben sich von allen Seiten, während der also Gefeierte die ihm dargebotene Hand der Gastgeberin dankend an seine Lippen führte.

Nachdem in dieser Weise feierlich und offiziell der Vortrag zum Abschluß gebracht war, verteilte man sich in zwanglose Gruppen, die sitzend und stehend nun auch andere, weniger ernste Gesprächsthemata zur Erörterung brachten. Mancher Blick aber richtete sich insgeheim sehnsüchtig nach den Flügelthüren, die in das anstoßende Speisezimmer führten, in welchem die materielle Stärkung vorbereitet wurde, die den geistigen Genüssen der Vortragsabende regelmäßig folgte.

Heute aber machte Frau Mila Steinbach noch gar keine Anstalten, ihre Gäste zum Eintritt in das Eßzimmer aufzufordern, was den nicht geringen Verdruß Doktor Lohmanns und Assessor Dornaus erregte, die für den kulinarischen Teil der im Steinbachschen Hause stattfindenden Gesellschaftsabende eine viel ausgeprägtere Empfänglichkeit und Würdigung besaßen, als für den litterarischen.

Frau Mila erfreute sich trotz ihrer jungen Jahre einer gewissen Autorität unter ihren intimeren Bekannten. Man respektierte die ebenso anmutige wie geistig regsame junge Frau, die, seit sie sich mit einem der angesehensten Männer der Stadt, dem Direktor einer chemischen Fabrik, verheiratet, sich unermüdlich bemühte, ihren gesellschaftlichen Verkehrskreis, mehr als es bisher der Fall gewesen, für litterarische Interessen empfänglich zu machen. Mit wahrem Feuereifer beschäftigte sie sich mit derjenigen Litteratur, welche die der Frau innerhalb der modernen Gesellschaft gebührende Stellung erörterte, und vollends für die Werke Ibsens und Björnsons empfand sie eine an Schwärmerei grenzende Begeisterung. Diese Vorliebe für die norwegischen Dichterwerke erhielt noch neue Nahrung, ja, loderte zur hellen Flamme auf, als eines Tages der Berliner Schriftsteller Oswald Kramm in der Stadt erschien, um einen Cyklus von öffentlichen Vorträgen über die moderne Litteraturbewegung im allgemeinen und über skandinavische Dichtung im besonderen zu halten.

Oswald Kramm hatte sich als Übersetzer und Interpret Ibsen's einen Namen gemacht: er hatte Ibsen und andere skandinavische Dichter nicht nur durch mustergültige Übersetzungen, sondern auch durch eine große Anzahl von Essays dem deutschen Verständnis zugänglich gemacht. Ja, er hatte sogar eine eigene Zeitschrift gegründet: »Blätter für moderne Litteratur«, die seine Feinde und Neider bezeichnender Weise »Blätter für norwegische Litteratur« nannten, denn sie dienten ganz augenscheinlich in erster Linie dem Zwecke, für die von Oswald Kramm übersetzten ausländischen Dichtungen unter dem deutschen Publikum Freunde, d. h. Leser und Käufer, zu werben.

Seinen unermüdlichen Bemühungen war es zu danken, daß Ibsen in Berlin die Bühne erobert hatte und daß sich in der Hauptstadt des deutschen Reichs eine sich stetig vergrößernde und von einem blinden Enthusiasmus für ihren Meister beseelte Ibsen-Gemeinde bildete, die es förmlich für eine Ehrensache hielt, allen einheimischen dramatischen Produktionen mit einem geringschätzigen Mitleid zu begegnen.

Leider waren die materiellen Resultate, welche der rührige Ibsen-Apostel bisher erzielt hatte, nicht in gleicher Weise zufriedenstellend, wie seine litterarischen Erfolge. Für Übersetzungen gewährten die Verleger nun einmal keine glänzenden Honorare und die Tantièmen, welche aus den Aufführungen Ibsenscher, von Oswald übersetzter Dramen flossen, bewegten sich vorderhand noch in sehr bescheidenen Ziffern. Im Hinblick auf die große Menge der Theaterbesucher war und blieb Ibsen zum nicht geringen Schmerze des fleißigen Übersetzers doch nur »Kaviar fürs Volk«.

So kam es, daß Oswald Kramm den großen Entschluß faßte, sein Operationsfeld auch auf die Provinz auszudehnen und durch persönliche Bemühungen allenthalben der Schar der Verehrer norwegischer Litteratur neue Mitglieder zuzuführen.

Neben Frau Mila Steinbach waren es in erster Reihe zwei Freundinnen derselben, welche für den neuen nordischen Litteraturgott und seinen deutschen Propheten ebensoviel Bewunderung wie Dienstbeflissenheit an den Tag legten. Die eine, Martha Gründler, nahm im Steinbachschen Hause die Stellung einer »Stütze der Hausfrau« ein. Ihre Beziehungen zur Familie waren aber mehr die einer Freundin, als die einer für Kost und Lohn Angestellten. Frau Mila hatte das im Anfang der Dreißig stehende Fräulein von ihrem elterlichen Hause übernommen, in welchem dieselbe als Erzieherin und später als Gesellschafterin von Milas Mutter mehrere Jahre zugebracht hatte. –

Die dritte im Bunde war Else Willbrand, eine etwa zwanzigjährige junge Dame mit blitzenden dunklen Augen, schlanker Figur und einem lebhaften Temperament.

Während ihre Freundin Mila Ibsens »Nora« als ihre Lieblingsdichtung bezeichnete, interessierte sich Else Willbrand am meisten für Björnsons Schauspiel: »Der Handschuh«. –

Svava, die Heldin desselben, die sich von ihrem Verlobten in gerechter Entrüstung lossagt, da der Ahnungslosen plötzlich von dem wüsten Vorleben desselben Kunde wird, folgerte ihre höchste Sympathie heraus.

»Diese Svava«, rief das leicht erregbare Mädchen in naiver Begeisterung am Schluß des Vortrages aus, indem es sich an den neben ihm sitzenden Rechtsanwalt Linder wandte, »diese Svava, ich finde sie himmlisch!«

»Nun ja«, entgegnete der Angeredete, der seiner Braut zuliebe einer der regelmäßigsten Besucher der Krammschen Vorträge war, »sie ist ja ein ganz nettes Mädchen, aber doch ein wenig zu – «

»Nun?« unterbrach ihn Else stirnrunzelnd und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

»Ich meine: zu norwegisch. Wie die mit dem bedauernswerten Alf abfährt – ich danke! Wirft ihm den Handschuh ins Gesicht und setzt ihm ohne weiteres den Stuhl vor die Thür – der arme Teufel!«

Diese unbedachten Worte, die etwas gar zu offenherzig die Meinung des Sprechenden wiedergaben, erregten die lebhafteste Entrüstung der Svava-Bewunderin.

»Weißt Du, Kurt, daß ich es ganz abscheulich von Dir finde«, sprudelte sie lebhaft hervor, »diesen gewissenlosen, lüderlichen Patron noch zu vertheidigen?«

Der junge Rechtsanwalt sah zu seinem Schrecken, was er angerichtet, und wagte nur einen schwachen Protest – er war erst seit drei Monaten verlobt.

»Aber bedenke doch – «

Sie schnitt ihm jedes weitere Wort ab mit der niederschmetternden Bemerkung: »Ein jedes Mädchen, das etwas auf sich hält, würde in Svavas Lage ebenso handeln.«

Damit drehte sie ihrem Verlobten den Rücken und wandte sich der nächsten Gruppe zu.

Der also Abgetrumpfte blieb in nicht geringer Bestürzung zurück. Teufel, das klang ja unangenehm ernsthaft, fast drohend, und wenn er sich auch in den zwei Jahren, da er, von Berlin kommend, sich in der Provinzialhauptstadt niedergelassen, nichts vorzuwerfen hatte, so hatte doch in seiner Berliner Zeit sein rasch entzündbares Herz mehr als einmal an einem Paar flammender Mädchenaugen Feuer gefangen. Aber das waren tempi passati und Elses argloses, unschuldiges Herz würde durch das, was vergangen und vergessen, nie beunruhigt werden.

Wenn auch in diesem Bewußtsein etwas Tröstliches für ihn lag, so konnte sich der junge Rechtsanwalt doch nicht enthalten, mit einem Gefühl innerer Unruhe zum ersten Male allen Ernstes bei sich zu erwägen, ob es nicht unbedacht von ihm gewesen, der Vorliebe seiner Braut für diesen rücksichtslosen norwegischen Wahrheitsfanatiker noch Vorschub zu leisten.

Aus diesen nicht gerade angenehmen Betrachtungen riß ihn die Stimme seines Freundes, des Hausherrn, der eben an ihn herantrat.

Herr Steinbach war unzweifelhaft unter den anwesenden Männern die imposanteste Erscheinung, wenigstens überragte er sie alle an körperlicher Größe.

Ungleich seiner Gattin fand er an den Vorträgen Oswald Kramms keinen sonderlichen Gefallen, waren doch sogar die von Frau Mila arrangierten litterarischen Abende von seiner nicht selten sehr beißenden Ironie nicht verschont geblieben. »Ibsen-Bund« – so hatte er sarkastisch den litterarischen Zirkel getauft, und das Wort hatte alsbald die Runde in der Stadt gemacht und war allgemein mit schadenfrohem Lachen begrüßt worden.

»Warum so nachdenklich?« redete der Hausherr den grübelnden Rechtsanwalt an, ihm seine Hand freundschaftlich auf die Schulter legend. »Hat Dich etwa die Weisheit des Ibsen-Apostels zu tiefsinnigen Betrachtungen angeregt?«

»Ach Unsinn!« entgegnete Linder eifrig, froh, seine Gedanken mit jemandem, dem gegenüber er sich keine Zurückhaltung aufzuerlegen brauchte, austauschen zu können. »Else macht mir Sorgen. Sie enthusiasmiert sich jetzt für Svava in einer Weise – «

»Svava? – Ah so, die mit der Keuschheitsforderung.« Ein schalkhaftes Lächeln glitt über des Sprechenden Antlitz. »Da will ich ihr doch gleich von Deinen Junggesellenstreichen erzählen.«

Erschrocken faßte ihn der andere am Arm. »Mach doch keinen Unsinn, Arno!«

Dem Schelm Steinbach, der in seinem Bekanntenkreise wegen seines Hanges zur Ironie und Spottsucht und wegen seiner oft geradezu verblüffenden Offenherzigkeit berüchtigt war, wäre dergleichen schon zuzutrauen gewesen.

Der Angeredete aber lachte laut aus. »Du dachtest wirklich? Unbesorgt! Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.«

Und die beiden Freunde zwinkerten einander lächelnd mit den Augen zu, wie zwei römische Auguren.

Indes knüpfte man auch in einigen der andern Gruppen, die sich in dem Salon gebildet hatten, an das Thema des Vortrages an.

»Was mich betrifft, Doktor«, redete eine etwas stark gereifte Jungfrau den neben ihr stehenden Arzt an, »ich schwärme für Ibsen. Wissen Sie, er hat so ganz was Apartes, so was – was Unheimliches. Es gruselt einem immer so angenehm, wenn man seine Sachen liest; zum Beispiel »Gespenster« – hu!«

Die Sprechende schüttelte sich in der angenehm-schauerigen Erinnerung an die Lektüre dieses düstersten aller Ibsenschen Stücke.

»Das reine Gift für die Nerven«, warf Dr. Lohmann trocken ein.

»Aber doch so – so modern«, widersprach die Dame. Und nach Frauenart sogleich vom Sachlichen auf das Persönliche übergehend, setzte sie hinzu: »Doktorchen, ist es wahr, daß Ibsen schon ein alter Herr ist?«

Mit der kurzen Bejahung dieser Frage seitens des Arztes war aber die Wißbegierde der ältlichen Jungfrau noch nicht gestillt. Sie senkte ein wenig das Haupt, bemühte sich zu erröten und lispelte verschämt: »Ob er wohl verheiratet ist?«

»Bedaure, weiß wirklich nicht, ob er noch zu haben«, entgegnete der Doktor in seiner kurzangebundenen, satirischen Manier.

Assessor Dornau hatte sich der Gattin eines älteren Kollegen zugesellt, welch letzterer sich, soviel es irgend anging, den litterarischen Abenden fernhielt, da für ihn ein gemütlicher Skat am Stammtisch einen viel stärkeren Reiz hatte.

Die etwas ätherisch anzuschauende Dame, auf welche der Einfluß der Krammschen Vorlesungen augenscheinlich eine zehrende Wirkung ausübte, machte ebensowenig wie die übrigen Damen ein Hehl aus ihrem Ibsen-Enthusiasmus.

Sie liebte es überhaupt, den Schöngeist zu spielen und kokettierte gern, in litterarischer Hinsicht auf der Höhe der Zeit zu stehen.

»Ich habe mir alle seine Dramen angeschafft«, teilte sie dem Assessor mit.

»In der Übersetzung von Oswald Kramm?« warf dieser ein, während ein ironisches Zucken über sein Gesicht flog.

»Natürlich«, beeilte sich die Dame zu versichern – »in rotem Einband, mit Goldschnitt.«

Und ihrer von Natur sehr dünnen Stimme einen stärkeren Klang verleihend, damit auch die Nachbarschaft Kenntnis von ihrer Mitteilung nähme, erklärte sie: »Ich lese überhaupt nur noch norwegische und russische Sachen.«

Der Assessor zeigte eine bewunderungsvolle Miene. »Ja, das ist sehr modern.«

»Höchstens noch französische«, fügte die litteraturfreundliche Dame hinzu – »nur keine deutschen, pah!«

Und sie zuckte mit einer Miene unendlicher Geringschätzung die Achseln.

Diese letztere Bemerkung war nun allerdings auch dem Assessor aus der Seele gesprochen.

»Nicht wahr? Ganz mein Fall!« rief er aufrichtig beipflichtend aus. Aber er ging in seinem Verdammungsurteil der deutschen schönwissenschaftlichen Litteratur noch weiter: »Überhaupt die ganze Belletristik – ah! Höchstens daß ich mal 'n bischen in einer aktuellen Broschüre blättere: »Höllenbreughel als Erzieher« – »Deutschland im Jahr Zweitausend.« –

Frau Mila hatte wiederholt unruhige, erwartungsvolle Blicke nach der auf den Flur hinausführenden Thür geworfen. Sie hatte für ihre Gäste eine Überraschung vorbereitet, von der sie sich eine sensationelle Wirkung versprach. Schon vor einigen Tagen hatte der in der Stadt erscheinende »Tägliche Anzeiger« gemeldet, daß es der Direktion des Stadttheaters gelungen, Fräulein Lilly Adolfi, die berühmte Berliner Schauspielerin, die sich besonders durch ihre geniale Darstellung der »Nora« einen Namen gemacht, für ein Gastspiel zu gewinnen. Und zwar würde die bekannte Künstlerin in erster Linie als »Nora«, als »Frau vom Meere« und als »Hedda Gabler« auftreten.

Diese Zeitungsnotiz verfehlte nicht, die kunstliebenden Kreise der Stadt in Aufregung und erwartungsvolle Spannung zu versetzen. Frau Mila aber hatte eine kühne Idee gefaßt. Welch ein Triumph, wenn es ihr gelang, die Adolfi, noch bevor dieselbe in der Stadt öffentlich auftrat, an einem der litterarischen Abende ihren Gästen zu präsentieren!

Durch die Vermittelung Oswald Kramms, der mit der Künstlerin in geschäftlicher Verbindung stand und der überhaupt das Arrangement des Gastspiels veranlaßt hatte, war von seiten Frau Milas der Adolfi, die erst am Nachmittag in der Stadt eingetroffen, eine Einladung zugegangen.

Nun war aber schon die neunte Stunde vorüber und wenn man auch Fräulein Adolfi nicht zu dem Vortrag selbst erwartet hatte, so fing doch Frau Mila an, sich mit dem Zweifel zu quälen, ob nicht die sehnlichst Erwartete noch im letzten Augenblick durch einen Zwischenfall abgehalten worden ihrer bereitwillig gegebenen Zusage zu entsprechen.

Da ertönte plötzlich der schrille Klang der Flurglocke. Frau Mila sprang sogleich, wie von einem elektrischen Strom berührt, auf und eilte, während sich ihre Wangen vor Eifer röteten, zur Thür hinaus.

Die ahnungslosen Gäste aber, die entweder gar keine Notiz von diesem Vorfall nahmen oder höchstens die Ankunft eines verspäteten Gastes aus ihrem Bekanntenkreise vermuteten, ließen sich in ihrer mehr oder minder eifrigen Unterhaltung nicht stören. Nur der Hausherr lächelte still vergnügt vor sich hin bei dem Gedanken an die verblüfften Gesichter, die er in der nächsten Minute sehen würde.

Und in der That, als sich nun die Thür von neuem öffnete und Frau Mila, an der Hand eine höchst chic gekleidete Dame, die niemand kannte, in den Salon zurückkehrte, da verstummte wie auf Verabredung allseitig die Konversation und aller Augen hefteten sich voll Neugier auf die Fremde.

»Fräulein Lilly Adolfi aus Berlin«, stellte Frau Mila sie mit erhobener, triumphierend klingender Stimme vor. Allgemeines Staunen, das sich in »Ah's« und »Oh's« verschiedenster Tonarten ausdrückte. Alles drängte herzu, die berühmte Künstlerin in möglichst nahen Augenschein zu nehmen und ihr seine Reverenz zu machen. Nur Kurt Linder, der die Eintretende schreckensbleich, mit weit aufgerissenen Augen, als erschiene ihm ein Gespenst, anstarrte, zog sich unwillkürlich ein paar Schritte zurück, als wünsche er, so spät als möglich bemerkt zu werden.

Frau Mila aber begann unverzüglich die allgemeine Vorstellung und zuletzt kam auch die Reihe an den jungen Rechtsanwalt, der inzwischen mit Mühe seine Fassung zurückgewonnen hatte.

»Herr Rechtsanwalt Linder.«

Diesmal war es die Schauspielerin, welche bei dem Anblick des sich vor ihr verbeugenden jungen Mannes eine Gebärde des Erstaunens und einen leisen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken konnte.

»Ah! Sie kennen meinen Bräutigam?«

Else Willbrand, deren Aufmerksamkeit bis dahin wie die aller übrigen ausschließlich von der pikanten Erscheinung der Schauspielerin in Anspruch genommen worden, hatte diese Worte unwillkürlich ausgerufen, indem sie zugleich ihren Blick forschend auf ihren Verlobten heftete.

Mit der Gewandtheit der allen Situationen gewachsenen Komödiantin entgegnete die Adolfi, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern: »Nur ganz flüchtig, gnädiges Fräulein. Ich begegnete Herrn Referendar Linder vor Jahren in einer Gesellschaft. Ich hatte eben unter meinem wenig klangvollen Familiennamen Neumann mein erstes Debut auf einer der kleineren Berliner Bühnen gemacht. Der Herr Rechtsanwalt wird sich meiner kaum noch erinnern.«

Obwohl die Schauspielerin diese Worte mit der ernstesten Miene gesagt hatte, so schien es dem Angeredeten doch, als ob ein deutlich erkennbar ironischer Ton in dem Klang ihrer Stimme gelegen hatte. Den Anfall von Befangenheit, welchen ihm diese Wahrnehmung von neuem zuzog, bemühte er sich durch eine abermalige Verbeugung zu verdecken, während er höflich stammelte: »Oh doch – doch, gnädiges Fräulein.«

Die Aufforderung der Frau vom Hause, sich in das Speisezimmer zu begeben, beendete die für die Beteiligten immerhin peinliche Scene. Herr Steinbach bot der Künstlerin den Arm und führte sie zu dem Ehrenplatz oben an der Tafel.

Lilly Adolfis Aufmerksamkeit und Interesse richtete sich anfangs, wenn auch nur verstohlen, auf den jungen Rechtsanwalt und die neben ihm sitzende junge Dame, die sich selbst als dessen Braut bezeichnet hatte.

Ein überraschendes, unerwartetes Zusammentreffen: Sie hatte auch nicht die leiseste Ahnung gehabt, hier, außer Oswald Kramm, einen Bekannten aus früherer Zeit wiederzufinden, und noch dazu diesen Kurt Linder, dessen Anblick in ihr nicht gerade angenehme Erinnerungen wachrief.

Allmählich aber geriet sie doch mit ihrem Nachbar in ein immer lebhafter werdendes Gespräch. Die geistig bewegliche und zugleich zwanglose, natürliche Weise der Schauspielerin, welche sich so vorteilhaft von der immer etwas gespreizten, umständlichen Art der Damen der provinzialstädtischen Gesellschaft unterschied, regte Herrn Steinbach angenehm an und veranlaßte ihn, seine ganze Gabe der Konversation aufzubieten.

Auf der anderen Seite begann die launige, durch Witz und Sarkasmus gewürzte Unterhaltung ihres Nachbars Lilly Adolfi zu fesseln.

Das Gespräch bewegte sich vorzugsweise um Kramms Vortrag und das in Aussicht stehende Gastspiel der berühmten Nora-Darstellerin, welch letztere sich natürlich als eine überzeugte und entschiedene Anhängerin des berühmten Norwegers erklärte. Nicht nur den großen Dichter verehre sie in ihm, dessen Frauengestalten sie mit Vorliebe auf der Bühne verkörpere, sondern auch den kühnen Denker, den mutigen Vorkämpfer für die geistige Emanzipation der Frau.

Frau Mila, die an der andern Seite der Tafel saß, konnte sich nicht enthalten, der Schauspielerin begeistert zuzustimmen.

»Auch ich bewundere ihn, den großen Dichter, aus voller Seele«, gestand sie mit überquellender Begeisterung. »Alles Ringen und Sehnen der Frau, die aus tausendjähriger Bevormundung und Knechtschaft hinausstrebt nach eigener Verantwortlichkeit, hat er unübertrefflich in seiner Nora verkörpert.«

Oswald Kramm nahm die Gelegenheit wahr, in dem ihm zur Gewohnheit gewordenen dozierenden Ton sich über den Nora-Typus zu verbreiten, gleichsam in einem Nachtrag zu seinem vor einer Stunde gehaltenen Vortrag.

»Ich finde«, so schloß er, »daß dieser Drang nach Wahrheit, dieser Mut der Selbständigkeit, den Ibsens Nora an den Tag legt, auch bei einer Frau bewundernswerte, schöne Züge sind.«

Die etwas steifleinene, trockene Stimmung, in welche der Ibsen-Apostel die Tischgesellschaft versetzt hatte, schlug jäh in eine fröhliche Heiterkeit um, als Herr Steinbach mit scheinbar ernster Miene, während doch der Schalk ihm aus den Augen lachte, meinte, daß für ihn die schönsten Züge der Frau – ihre Gesichtszüge seien.

Nur einige der Damen widersprachen, am meisten grollte Frau Mila. »Abscheulich, Arno, daß man mit Dir über diese Dinge auch nicht ein ernstes Wort sprechen kann.«

»Erlaube, liebes Kind«, verteidigte sich der Angegriffene, »ich spreche durchaus ernst. In meinen Augen hat die Frau in erster Linie die Mission: schön zu sein. Und deshalb bin ich auch ein so entschiedener Gegner aller derjenigen Bestrebungen, die darauf abzielen, die Frau in immer größerem Maßstabe am Erwerbsleben teilnehmen zu lassen. Eine Frau, die arbeitet, bekommt schwielige, plumpe Hände, eine Frau, die rechnet und grübelt, kriegt vorzeitig Runzeln und Falten im Gesicht. Und das ist vom Übel, denn die Frau hat nur einen Beruf: die Liebe.«

Natürlich erregte diese Äußerung einen noch entschiedeneren Widerspruch bei den Damen und eine ziemlich erregte Diskussion über die moderne Frauenfrage entspann sich, der allerdings der sarkastische Gastgeber sehr bald die Spitze abbrach mit seiner Bemerkung, daß die Frauenfrage nach seiner Ansicht uralt sei, daß sie immer bestanden habe und sich kurz in den drei Worten formulieren lasse: »Liebst Du mich?«

Die Liebe sei nun einmal die wichtigste Angelegenheit im Leben der Frau.

Und als Martha Gründler mit altjüngferlicher Schärfe und Ironie entgegnete: »So? Und diejenigen Mädchen, die nicht das Glück hatten, von einem der Herren der Schöpfung zur Liebe und Ehe aufgefordert zu werden?« – da antwortete Herr Steinbach mit der ihm eignen offenen und kräftigen Entschiedenheit: »So sollen sie danach trachten, dieses Glück in Gestalt eines Mannes zu erjagen.«

Und auch diesmal wieder hatte er die Lacher auf seiner Seite.

So bewegte sich die Unterhaltung abwechselnd zwischen Ernst und Scherz. Nur der junge Rechtsanwalt fühlte sich inmitten der allgemeinen Gehobenheit und Fröhlichkeit sehr unbehaglich, denn es war ihm nicht entgangen, daß seine neben ihm sitzende Braut ihn heimlich beobachtete und ab und zu mit spürendem Mißtrauen zu Lilly Adolfi hinübersah. Er verwünschte im stillen seinen Einfall, sich an dem Ibsen-Kultus zu beteiligen. Er verwünschte den Ibsen-Apostel, der das Gastspiel der Adolfi vermittelt, und er verwünschte diese selbst, da sie ihren Fuß gerade in diese Stadt und in diese Gesellschaft setzen mußte, um so vielleicht eine Störerin seines Zukunftsglückes zu werden.

Den ganzen Abend über, auch nachdem die Tafel aufgehoben worden und man sich wieder in den Salon zurückbegeben hatte, um noch ein Stündchen in Gruppen plaudernd zusammenzubleiben, vermied er jede nähere Begegnung und jede direkte Konversation mit der Schauspielerin ängstlich, obgleich die letztere ihm gegenüber unverkennbar das Verlangen noch einer intimen Aussprache verriet.

Natürlich erkannte Lilly Adolfi sehr bald, daß es von seiten Linders Absichtlichkeit war, wenn alle ihre Bemühungen, sich mit ihm an irgend einem stillen Plätzchen des Salons zusammenzufinden, ohne Erfolg blieben. Und diese Wahrnehmung reizte und erbitterte sie, erregte in ihr die brennende Empfindung erlittener Demütigung, die sich rasch, während sie bei sich die Gegenwart mit der Vergangenheit in Parallele zog, in heftigen Unwillen, in nagenden Zorn verwandelte.

In dieser Stimmung befand sie sich, als Herr Steinbach sich ihr wieder zugesellte. Die Erbitterte konnte es nicht unterlassen, das Gespräch auf Linder und dessen Braut hinzulenken, und die Schärfe, mit der sie sich über den ersteren äußerte, sowie die Animosität, welche sie bei ihren Erkundigungen über die letztere verriet, erregten Steinbachs Aufmerksamkeit und veranlaßten ihn zu einigen diskret sondierenden Fragen. Und die Erzürnte ließ sich wirklich zu einigen näheren Mitteilungen hinreißen. Karl Linder habe einst als leichtsinniger und leichtlebiger junger Referendar gegen eine Freundin von ihr, ihre »beste Freundin«, schnöde gehandelt. Das arglose Vertrauen der Unerfahrenen habe er bitter getäuscht und die heiligsten Empfindungen des Menschenherzens habe er in ihr getödtet: Liebe, Treue, Glauben.

Diese delikaten Mitteilungen erregten das höchste Interesse des eifrig Zuhörenden, besonders wegen des ungekünstelt leidenschaftlichen Tones, in welchem sie gemacht wurden. Nur das hohle Pathos der Schlußworte verriet weniger die eigene Empfindung der Sprechenden, als den Deklamationston der Schauspielerin.

Leider war keine Gelegenheit mehr, den Freund selbst über diese delikate Angelegenheit auszuholen und so blieb Steinbachs Neugierde vorläufig unbefriedigt.

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