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Mit Motorboot und Schlitten in Grönland

Alfred Wegener: Mit Motorboot und Schlitten in Grönland - Kapitel 8
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authorAlfred Wegener
titleMit Motorboot und Schlitten in Grönland
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
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6. Kapitel. Hundeschlittenfahrten

Es war der 24. August, als Georgi, Johann und ich endlich von unseren Kameraden Abschied nahmen. Nun sollte es also doch noch eine richtige Hundeschlittenreise geben!

Freilich konnte unser Vorstoß nach Osten zur Erkundung der Route für das nächste Jahr nicht mehr sehr lang werden. Es standen uns nur noch 14 Tage zur Verfügung. Am 6. September abends sollten wir mit unseren Kameraden wieder auf »Scheideck« zusammentreffen.

Ich hatte Sorges Hunde übernommen. Das Gespann gehörte dem Grönländer Apraham aus Uvkusigsat und war mit neun Hunden das an Zahl stärkste, galt aber als das schwierigste. Der Leithund oder Baas war ziemlich bissig und ließ sich, solange er einen noch nicht kannte, gar nicht anfassen. Außerdem war eine läufige Hündin, die »schwarze Prinzessin«, im Gespann. Sie war von einer übermodernen Schlankheit, und die Art, wie sie sich aus jedem noch so engen Geschirr herauswand, hätte jeder Katze Ehre gemacht. Statt zu ziehen, pflegte sie daher ledig um das Gespann herumzutollen; und da die männlichen Hunde in ihrem jetzigen Zustande immer hinter ihr her waren, so kann man sich leicht ausmalen, bis zu welchem Grad sie imstande war, die Verzweiflung des unglücklichen Hundekutschers emporzutreiben! Der letzte Marsch bis zum Zeltplatz »Abschied« war denn auch für Sorge keine reine Freude gewesen.

Ju, iu!

Das mußte nun anders werden. Ich versuchte es zuerst noch einmal mit Engermachen des Geschirrs. Aber als sie beim nächsten Halt doch wieder entschlüpfte, sah ich ein, daß es so nicht ging. Johann hatte schon vorgeschlagen, wir sollten sie schlachten und aufessen. »Mamakrak!« (sie schmeckt gut!) Aber das leuchtete mir nicht ein. Ich wollte erst noch ein letztes Mittel versuchen: ich band ihr das Geschirr mit einem Bindfaden um den Unterleib herum fest. Versuchte sie jetzt, sich herauszuwinden, so schnürte ihr der Bindfaden den Leib zusammen. Und das half! Sie ist auf der ganzen Reise nicht ein einziges Mal wieder herausgeschlüpft und war einer der besten Ziehhunde!

Nun hatte ich wirklich das stärkste Gespann und zugleich den am leichtesten gleitenden norwegischen Schlitten. Wir ließen natürlich Johann vorfahren, dann kam ich und als letzter Georgi. Ich mußte immer nur bremsen, um zu verhindern, daß mein Gespann neben dem von Johann auflief. Infolgedessen änderten wir bald die Gewichtsverteilung so, daß ich das größte Gewicht hatte. Trotzdem war mein Gespann bis zuletzt dasjenige, das immer am stärksten vorwärtsdrängte, und es mußte auch wiederholt, wenn Johanns Hunde müde waren, die Führung übernehmen.

Im übrigen waren alle unsere Hunde durch die lange Arbeit auf dem Gletscher mehr oder weniger mitgenommen. Viele hatten blutende Pfoten, ja bei einigen waren die Pfoten bis zu den Knochen durchgelaufen. Diejenigen, die nur leicht beschädigt waren, erholten sich bald auf dem Schnee, aber viele andere bluteten weiter während der ganzen Reise. Besonders Johanns Hunde, die ja auf dem Gletscher immer am meisten hatten leisten müssen, waren in dieser Hinsicht die schlechtesten, was allerdings durch Johanns Qualitäten als Hundekutscher meist mehr als ausgeglichen wurde.

Georgis Gespann war zusammengewürfelt aus Hunden verschiedener Eigentümer. Das war natürlich besonders ungünstig, da Georgi Anfänger in der edlen Kunst des Hundeschlittenfahrens war und daher ein gut eingefahrenes Gespann besonders nötig gehabt hätte. Ich hätte dies gern geändert, aber es wäre nur so zu machen gewesen, daß er Loewes Gespann bekommen hätte, das gut eingefahren war. Vom Standpunkt der reinen Zweckmäßigkeit aus wäre dies das beste gewesen, aber ich mochte es Loewe nicht antun, zumal er und Sorge schon in anderer Hinsicht soviel ungünstiger gestellt waren als wir. Georgi mußte also wohl oder übel seine undisziplinierte Hundeschar behalten und sehen, wie er mit ihr zurecht kam. Und man muß sagen, daß er erstaunlich gut mit ihr fertig geworden ist. Aber er hatte infolgedessen auch viel mehr Arbeit und Schererei mit den Hunden als wir anderen.

– Am ersten Tage kamen wir erst spät fort, legten aber doch noch in 5 ¾ Stunden gegen Wind und Schneefegen 26 km zurück. Obwohl die Steigung noch merklich war, konnten wir doch etwa 2/3 des Weges auf den Schlitten sitzen.

Johann machte immer Halt, wenn er meinte, daß etwa eine Stunde verflossen sein müßte. Unser Meßrad (Hodometer), das an Georgis Schlitten angebunden war, zeigte, daß diese Strecken ungefähr 5 km entsprachen. Dann schloß die Karawane wieder auf, wir entwirrten die in der Zwischenzeit meist arg verflochtenen Zugleinen der Hunde und bauten einen Schneemann, der uns den Rückweg zeigen sollte.

Johann hatte allerdings keine Uhr, und so fielen die Zwischenstrecken etwas ungleich aus. Beim ersten Tagemarsch kamen z. B. unsere Schneemänner bei 4, 8½, 14½ und 20 km zu stehen. Aber das schadete ja nichts.

Da Johann auch den Kurs innehalten sollte, unterwiesen wir ihn im Gebrauch des Kompasses und gaben ihm bei jedem Halt die Richtung an. Während der Fahrt war der Kompaß freilich nicht zu gebrauchen. Da mußte Johann nach der Sonne fahren, oder wenn diese nicht sichtbar war, nach der Richtung der Schneewehen oder Sastrugi oder nach dem Wind. Das war mitunter nicht ganz leicht, und namentlich am ersten Tage hatten wir denn auch einen etwas zu nördlichen Kurs. Im ganzen wich aber unser Vorstoß doch nur wenig von der rein östlichen Richtung ab.

Der neue Zeltplatz, den wir »Bellevue« nannten, bot, obwohl er schon 67 km von »Scheideck« entfernt war, immer noch einen herrlichen Blick auf die Küstenberge. Südlich von unserer Route war noch der niedrig erscheinende Höhenrücken von Nugsuak erkennbar. Gerade hinter uns ragten die Zackengrate von Agpata und Rijoari über den Eishorizont empor, dann kam der von uns »Weißkugel« genannte höchste Firndom zwischen Ingnerit und Kangerdluarsuk-Fjord, daneben der Einschnitt des Kangerdluarsuk-Gletschers. Und nördlich davon eine lange Gipfelreihe, die im Raum zwischen Kangerdluarsuk und Kangerdluk liegen mußte und offenbar über 2000 m emporragte.

Aber wir hatten wenig Gelegenheit, diesen Blick zu genießen. Der Wind wuchs zum Sturm, der auch den nächsten Tag über anhielt und uns zum Liegenbleiben zwang. Das war recht ärgerlich, denn unsere ohnehin kurze Reise wurde dadurch natürlich noch weiter abgekürzt. In umgekehrter Richtung hätten wir fahren können, zumal nur etwa -5° C herrschten, aber gegen den Wind hätten die Augen der Hunde zu sehr durch das Schneefegen gelitten. Die Windgeschwindigkeit maß Georgi zu 13–14 m in der Sekunde.

»Wieder eine Geduldprobe«, schrieb ich in mein Tagebuch, »ja, ja, es ist immer das alte Lied: Geduld und Beharrlichkeit. Ich werde versuchen, vernünftig zu sein, und in den Schlafsack gehen. Und dabei scheint die Sonne so schön! –

Nun ist die Sonne wieder auf der Türseite unseres Zeltes angelangt und neigt sich zum Untergang. Und die weiße Wüste raucht! Eine glitzernde, spiegelnde Fläche, die das rote Sonnenlicht zurückwirft. So ein Liegetag ist schwer. Wie ich mich nach Haus sehne! Am liebsten würde ich sofort umkehren und nach Haus fahren, nach Europa, nach Graz. Aber ich weiß, es geht nicht. Ich will etwas schaffen, und damit es gut wird, muß ich Ausdauer haben. Und wenn erst wieder der Schlitten knirschend über den Schnee gleitet und all die Hundebeine ihr Tripp-Trapp machen, dann geht es auch wieder, dann läßt es sich ertragen, ja dann gibt es Zeiten, wo es mir leid tut, dies nicht meinen Lieben daheim zeigen zu können. Sie könnten so bequem auf dem Schlitten sitzen; wenn sie frieren, so brauchten sie nur abzuspringen und eine Weile hinterher zu laufen. Am besten angefaßt, um den Schlitten nicht zu verlieren, sonst kann man arg aus der Puste kommen. Denn Spaß macht es nun doch einmal, das Hundeschlittenfahren!«

Wir kamen also erst am 26. weiter, legten aber nun in 8 ½ Stunden 36 km zurück, obwohl Georgis Hunde vollständig versagten.

Unter ihnen befand sich einer, dem die Zugleinen besonders gut schmeckten und der jede Nacht – in manchen mehrmals – den Knoten auffraß, mit dem die Zugleinen des ganzen Gespanns zusammengebunden waren. Folge: das ganze Gespann war los und ging auf Raub aus; dies ging aber nicht ohne Beißerei und Lärm ab, so daß schließlich der unglückliche Georgi auf die Szene gerufen wurde und den Anfangszustand wiederherstellte. In der Nacht vor unserem Aufbruch passierte dies zweimal, und das Ziel der besagten Raubzüge war der Sack getrockneten Haifleisches, den wir vorsichtshalber ins Zelt genommen hatten, der aber an der Zeltwand stand und für eine draußen befindliche Hundenase herrlich roch. Die Folge dieser nächtlichen Abenteuer sahen wir erst am nächsten Morgen: ein meterlanges Loch in der Zeltwand, ein Loch im Sack und ein nun leicht erklärliches Defizit an Haifleisch.

Doch jede Schuld rächt sich auf Erden. Das zeigte sich auf dem Marsch. Während die braven Gespanne von Johann und mir mit erhobenen Schwänzen lustig vorwärtsdrängten, ließen Georgis Hunde die Schwänze hängen, blieben weit zurück, zitterten und konnten nicht ziehen, und schließlich bekam einer nach dem andern Muskelkrämpfe, fiel hin und konnte nicht wieder aufstehen! Bei den Stundenpausen mußten wir immer länger auf Georgi warten, das eine Mal 1 ½ Stunden! Als er endlich kam, hatte er die drei größten und schwersten Hunde seines Gespanns auf dem Schlitten liegen! Seine Hunde waren an Fischvergiftung erkrankt. Wir nahmen ihm alles Gepäck ab, so daß er nur noch seine eigenen Hunde zu transportieren hatte. Trotzdem wären wir wohl nicht so weit gekommen, wenn wir uns nicht mit der Kilometerzählung um 5 km versehen hätten. Wir bemerkten den Irrtum erst bei der Rückreise.

Später hörte ich näheres über diese Vergiftung durch Haifleisch. Bereits das frische Haifleisch besitzt dies Gift und hat auf die Hunde eine berauschende Wirkung. Sie werden aber, wenn sie es täglich bekommen, bis zu einem gewissen Grad daran gewöhnt, doch gilt allgemein die Regel, daß die Hunde nur dann Haifleisch haben dürfen, wenn keine Arbeit von ihnen verlangt wird. Anders ist es mit gut getrocknetem Haifleisch. Dies enthält keine Giftstoffe und ist auch ein sehr gutes Reise-Hundefutter. Nur ist der Haken der, daß die Grönländer stets zu dicke Streifen zum Trocknen aufhängen und daß daher so ziemlich alles »getrocknete« Haifleisch, was man erhalten kann, einen ungetrockneten Kern besitzt. Man kann es an der Farbe erkennen: das gut getrocknete Fleisch ist gelb geworden, der nicht getrocknete Kern ist noch weiß.

An dem neuen Zeltplatz, den wir »Hundelazarett« nannten, prüften wir unseren gesamten Vorrat an Haifleisch und vergruben etwa die Hälfte, die uns nicht genügend getrocknet erschien, im Schnee. Auch die andere Hälfte wagten wir jetzt nicht mehr vor Reisetagen zu verfüttern, sondern bewahrten sie auf für unseren Umkehrpunkt, wo wir beabsichtigten, einen Tag still zu liegen.

Auf dem Marsch war mir während des Baues eines Schneemanns die Peitsche gefressen worden. Einer der drei »schwarzen Brüder«, der hinreichend nahe am Tatort in verdächtiger Stellung angetroffen wurde, erhielt die darauf gesetzten Prügel, und ich glaube auch, er hatte sie verdient. Außerdem erhielt auch der Baas Prügel, weil er daneben stand. Er quittierte sie mit Knurren, um anzudeuten, daß er unschuldig war. Und vermutlich war er auch unschuldig. Er wird nur den anderen haben fressen sehen und in seiner Eigenschaft als Baas seine Prioritätsansprüche auf alles Freßbare angemeldet haben. Aber es kommt für die Kollektiv-Psyche des Gespanns gar nicht so sehr darauf an, wer die Prügel erhält. Es muß nur auf jede Missetat eine Strafe folgen.

Als Johann mir am nächsten Morgen eine neue Peitsche geschnitten hatte, waren wir aber doch so vorsichtig, alle Peitschenriemen durch Petroleum zu ziehen. Sie verloren dadurch wesentlich an Verführungskraft.

Der folgende Tag brachte uns nur 21 km weiter. Den neuen Zeltplatz, der nun schon 120 km östlich Scheideck lag, nannten wir »Hundeverlust«, weil wir auf dem Marsch dahin zwei Hunde meines Gespanns verloren. Der eine war vom Baas am Vorderbein so gebissen worden, daß er es gar nicht gebrauchen konnte. Bisher war er immer auf drei Beinen mitgehumpelt, wenn auch ohne zu ziehen. Jetzt konnte er nicht mehr und legte sich einfach auf den Schnee. Eine Zeitlang hatte ihn noch Georgi auf seinem Schlitten – der norwegische Schlitten eignete sich schlecht dazu – aber der Hund wehrte sich so dagegen, daß wir ihn schließlich laufen lassen mußten. Er blieb natürlich zurück, humpelte aber in der Spur weiter und wäre uns wohl zum Zeltplatz nachgekommen, wenn nicht kurz darauf noch ein zweiter Hund liegen geblieben wäre. Dieser hatte sich schon auf dem Gletscher beide Hinterpfoten bis auf die Knochen durchgelaufen. Wir banden ihm jeden Tag aufs neue »Kamikker« aus Sackleinwand um die wunden Füße, Die Kamikker müssen am Zeltplatz sofort abgenommen werden, damit die Hunde ihre Wunden lecken können. In der Regel sind sie schon von einem Marsch so verschlissen und vereist, daß sie weggeworfen werden müssen. und bisher hatte er sich auch mitschleppen können. Jetzt weigerte er sich aber gänzlich, weiterzugehen, und mußte zurückgelassen werden. Wir hätten ihn wohl töten sollen. Aber leider hatten wir unsere Pistole nicht mit, und Johann war nicht zu bewegen, ihn auf grönländische Art zu erdrosseln, vermutlich weil er wußte, daß wir genügend Hundefutter hatten und es deshalb nicht unbedingt nötig war. Ein Grönländer tötet natürlich nicht gern einen Schlittenhund. Am Ende unserer Reise gingen übrigens noch zwei Hunde auf andere Weise verloren, so daß wir insgesamt von 33 Hunden sechs einbüßten.

Bei diesem Tagemarsch verwendeten wir zum ersten Male als Wegmarkierung schwarze Papierfähnchen, die an ½ m langen Bambusstecken angeklebt waren. Wir steckten sie, ohne anzuhalten, vom fahrenden Schlitten aus in den Schnee, in Zwischenräumen von ungefähr einem Kilometer.

Der folgende Tag brachte uns wieder 31 km weiter bis zum Zeltplatz »Nebelheim«, bei dem wir Nebel und Neuschnee hatten.

Diese Märsche glichen einander wie ein Ei dem andern. Eine solche Reise auf dem Inlandeis ist ja von einer ungeheuren Gleichförmigkeit. Es herrscht dort ein fast vollkommener Mangel an Gegenständen. Außer denen, die man selbst mitbringt, gibt es überhaupt nur einen einzigen, der allerdings mehr als eine Million Quadratkilometer einnimmt: den Schnee. Und dennoch bietet diese aufs äußerste vereinfachte Natur dem Auge recht wechselnde Bilder. Schon das Detail der windziselierten Schneeoberfläche ist von einer bezaubernden Mannigfaltigkeit. Darüber hinweg fließt der Fegeschnee, in ständiger Bewegung und Veränderung, keinen Augenblick ruhend. Und dazu eine Beleuchtungsskala, gegen die die modernste Bühnenbeleuchtung ein Waisenkind ist, mit Effekten, die nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu unglaubwürdig und unwirklich sind. Nur solange man gegen den Wind reist, treten diese Reize immer nur für seltene Augenblicke ins Bewußtsein. Im allgemeinen herrscht doch der Eindruck, daß es glücklichere Gefilde gibt, stark vor. Die Temperatur hielt sich meist zwischen -10 und -16° C, die Windgeschwindigkeit zwischen 8 und 11 m in der Sekunde. Nun weiß ich ganz genau, was der Leser denkt: das ist doch gar nichts! Ein richtiger Polarforscher, etwa vom Schlage Amundsens, sagt allenfalls, wenn die Temperatur unter -50° C « sinkt: »Es fängt an, kühl zu werden!«

Nun, wenn wir -50° C gehabt hätten, so hätte ich das natürlich auch gesagt. Aber wir hatten nun einmal keine Rekordtemperaturen auf unserer Reise, und da will ich lieber in der Hoffnung, daß der Leser weiter keinen Gebrauch davon machen wird, eingestehen: Wir haben gefroren, wie wir da auf unseren Schlitten saßen, alle drei, gefroren wie die Schneider! Johann hat gefroren in seinem Renntier-Anorak, Georgi hat gefroren in seinem Hundepelz-Anorak, und ich habe erst recht gefroren in meinem Isländer mit Windanorak! Namentlich gegen Schluß des Tagemarsches, wenn die tiefer sinkende Sonne keine Kraft mehr hatte, kühlte mich der scharfe Wind bis auf die Knochen durch und erzeugte regelmäßig Zahnschmerzen, die erst wieder vergingen, wenn ich einige Zeit im Zelt gewesen war.

Und die Zahnschmerzen waren nicht das einzige Übel. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mein Tagebuch in diesen Tagen des Vormarsches eine wahre Jeremiade ist.

Es war ermüdend, Morgen für Morgen Schlitten, Hunde und Zelt erst durch langwierige Grabungen aus den großen, über Nacht entstandenen Schneewehen zu befreien. Durch den Wind litten auf dem Marsch nicht nur die Augen der Hunde, sondern auch unsere eigenen. Johann, der sich beim Vorausfahren am wenigsten schützen konnte, bekam auf dem rechten, dem Winde ausgesetzten Auge eine sehr schwere Augenentzündung und war mehrere Tage völlig blind auf dem betroffenen Auge. Und auch ich hatte eines Nachts so starke Augenschmerzen, daß ich die Mittel gegen Schneeblindheit aus unserer Apotheke heranziehen mußte. Georgi erfror sich den kleinen Finger der rechten Hand so stark, daß eine große Blase stehen blieb. Unsere Fingerspitzen bekamen wieder – genau wie auf der Handschlittenreise – tiefe, bis ins Fleisch hinabgehende Risse, mit denen man überall hängen blieb und die stark schmerzten. Johann wurde auch tagelang durch Rheumatismus im rechten Arm geplagt, infolge von Überanstrengung durch das fortwährende Peitschenschwingen, und ich hatte eines Morgens, gleichfalls infolge von Überanstrengung beim Schneemannbauen, heftigen Rheumatismus im rechten Unterschenkel, der allerdings sofort verschwand, als ich auf dem Schlitten saß.

Nein, es läßt sich nicht leugnen: Die Reise ins Innere durch die Windzone ist hart, unsäglich hart. Nur ein eiserner Wille ist imstande, sich hindurchzutrotzen! Es ist ein wilder Kampf, und wer nicht unter allen Umständen entschlossen ist, durchzukommen, auch wenn der Himmel einstürzt, der soll lieber zu Hause bleiben.

Am folgenden Tag legten wir, größtenteils im Nebel, 26 km zurück. Wir nannten den neuen Zeltplatz, den wir bei aufklarendem Himmel, –14° C und dem selbstverständlichen Schneefegen erreichten, »Halo«, weil wir hier eine prächtige Nebensonnen-Erscheinung, einen sogenannten Halo, beobachten konnten.

»Zahnschmerzen bis zum Zeltplatz. Schneemänner bei 5, 10, 15, 20 km. Bambusstange für Zuwachsmessung bei 15 km, mit Ringmarke in 1,50 m über dem Schnee. 18 oder 19 schwarze Fähnchen ausgesteckt. Nun haben wir uns bis 176 km durchgekämpft. Hoffentlich glückt es nun morgen, die 200 zu erreichen. Es ist eine sehr forcierte Reise. Wir führen ein Hundeleben, aber wir trotzen uns gegen den Wind durch. Auch für die Hunde ist die Reise anstrengend. Sie wimmern vor Kälte, ihr Winterpelz ist noch nicht fertig, und sie frieren sehr bei dem Wind.«

Der 30. August war unser letzter Vormarschtag. Er brachte uns, bei –16° C und Schneefegen, weitere 26 km vorwärts, so daß unsere Gesamt-Entfernung von Scheideck nunmehr 209 km betrug. Die barometrische Höhenmessung ergab 2500 m über dem Meere.

Es war ein himmlisches Gefühl am nächsten Morgen beim Aufwachen, daß der Großkampf zu Ende war und wir uns nicht mehr weiter gegen den Wind vorzuarbeiten brauchten. Unser Ziel war erreicht, wir hatten gesiegt! Unser Wille war stärker gewesen, als der Widerstand der Natur!

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Bei objektiver Betrachtung hätte ich es zweifellos viel besser haben können, wenn ich in Graz geblieben wäre und dort meine Vorlesungen abgehalten, Bücher geschrieben und zwischendurch schöne Erholungstouren in die Alpen mit Frau und Kindern gemacht hätte. Welcher Teufel hatte mich eigentlich geritten, daß ich all diese Herrlichkeiten freiwillig von mir schob und ohne jede zwingende Notwendigkeit in diese von allen guten Geistern verlassene Gegend zog, wo nur das widerliche Schneefegen herrscht? Das Sprichwort von dem Esel, dem es zu gut geht, und der deshalb auf das Eis (in diesem Falle Inlandeis) geht, paßte eigentlich in fataler Weise auf meinen Fall. Und dennoch fühlte ich keine Ernüchterung, sondern nur den Triumph, ja ein leises Bedauern, daß unsere Zeit es nicht zuließ, noch weiter zu gehen. Es war mir ordentlich feierlich zu Mute bei dem Gedanken, daß nun das letzte Ziel unserer Expedition erreicht war. Ich holte unsere deutsche Flagge heraus und befestigte sie an unserer letzten, hier als Zuwachs-Station aufzustellenden Bambusstange. Sie stand wie ein Brett in dem Wind und wirkte mit ihren frischen Farben belebend, fast aufreizend in dieser Umgebung. Nun hatten wir sie also doch schon halbwegs bis zur Mitte Grönlands getragen!

Wir verwendeten den Ruhetag, um eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung zu erhalten, eine Schneepyramide von 2 m Höhe zu errichten, eine Zuwachs-Station anzulegen, sowie durch eine Aufgrabung Dichte und Temperatur im Innern des Firns zu untersuchen.

Letztere Beobachtungen wurden allerdings durch das ständige starke Schneefegen, das unser Loch immer wieder zuschüttete, so behindert, daß wir uns mit einer Tiefe von 2 ½ m begnügen mußten. Die Temperatur des Firns nahm nach unten von –12° auf –16,7° C ab, und die Dichte, die an der Oberfläche bereits den sehr geringen Wert von 0,29 zeigte, nahm bis auf 0,32 zu. Die astronomische Ortsbestimmung zeigte, daß wir etwa 20 km nördlich vom genauen Ostkurs standen und daß unser Umkehrpunkt auf 45° 30' westlicher Länge lag, in guter Übereinstimmung mit den Angaben unseres Meßrades.

Am nächsten Morgen, am 1. September, begann unsere Rückreise nach Europa.

Ja, bitte nicht lachen. Es war wirklich die Rückreise nach Europa, die nun begann, und wir standen sehr stark unter diesem Eindruck. Für meine Person war jetzt Graz, Blumengasse 9, ausgesprochenes Reiseziel. Das Pendel der Expedition hatte sozusagen seinen größten Ausschlag erreicht. Alles, was nun folgte, war nur noch das Zurückstreben zur Ruhelage. So ein Reiseziel verleiht Siebenmeilenstiefel. Das sollten wir noch erfahren.

Es wehte wie nichts gutes, und es herrschte ein Schneefegen, daß wir nach Osten kaum hätten reisen können. Aber sobald wir auf den Schlitten saßen, war dem Wind durch unsere Eigenfahrt die Kraft genommen. Herrlich war es, sich so vom Winde treiben zu lassen. Die Hunde hatten kaum zu ziehen, so schob der Wind die Schlitten vor sich her. Ja, das war etwas anderes als auf der Herfahrt! Das konnte man sich gefallen lassen, das war die reine Genußfahrt!

Behaglich im warmen Sonnenschein auf dem Schlitten sitzend, gab ich mich der Betrachtung des Schneefegens hin. Wie schön es doch war! Es sah fast so aus, als ob die Schlitten durch seichtes, schnell strömendes Wasser fuhren; nur war die Strömungsgeschwindigkeit unwahrscheinlich groß. Blickte man mit dem Winde, so erschien die Bewegung des Schnees langsamer. Man konnte dann deutlich verfolgen, wie die niedrigen Schwaden sich teilten und wieder zusammenflossen. Blickte man aber rechtwinklig zum Winde, so kam die Geschwindigkeit des Fegeschnees voll zur Geltung. Dann sah man ein jagendes, hastendes, sich überstürzendes Heer, endlos vorübereilend, an jedem Hindernis sich aufbäumend und dann wieder geradlinig über ebene Flächen gleitend.

Hier konnte man die weiße Wüste bei ihrer Arbeit belauschen. Eine Sisyphus-Arbeit ist es freilich; das seine Muster, die zarten Windfurchen und -kanten der Schneeoberfläche werden fortwährend abgeändert. Hier wird abgebaut, dort angebaut. Hier ausgehöhlt, dort eingeebnet. Hier weggenommen, dort aufgetragen.

In Georgi taute der beim Hinmarsch etwas eingefrorene Photograph wieder auf. Eine Menge Platten und Filme mußten daran glauben. Auch ich bekam einmal die Kino-Kamera in die Hand gedrückt und mußte von meinem Schlitten aus Georgis Schlitten in der Fahrt aufnehmen. Eine Zeitlang tauschten wir die Schlitten, weil meine Hunde auch ohne Antreiben willig liefen, so daß Georgi auf meinem Schlitten ungestörter arbeiten konnte.

Ich war sehr darauf gespannt, zu sehen, wie sich unsere Wegmarkierung bewähren würde. Aber der erste Rückreisetag brachte hierüber noch keinen Aufschluß. Johann fuhr einfach auf der Spur und hätte weder Schneemänner noch schwarze Papierfahnen nötig gehabt. Es war aber doch lustig, an diesen kleinen flatternden Fähnchen vorbeizukommen. Die Hunde nahmen meist gerade Kurs auf sie, weil sie Freßbares vermuteten, aber wir jagten sie immer zur Seite, damit die Fähnchen nicht umgerissen würden. Natürlich war das sinnlos, denn sie hatten ja jetzt keine Bedeutung mehr, nicht einmal für das nächste Jahr, weil sie dann tief im Schnee begraben sein mußten. Aber man wird in solcher Umgebung leicht sentimental; wir brachten diese Gleichgültigkeit nicht auf.

Wir fuhren 31 km an diesem ersten Rückreisetag und schlugen Zelt beim ersten Schneemann westlich von »Halo«. Doch schon am zweiten Tag kam es anders. Als wir aufbrechen wollten, herrschte dichter Nebel bei fallendem Neuschnee. Ich ging hinaus, um mir die Sache anzusehen. Das Ergebnis war nicht gut. Die Spur war bei dem diffusen Licht vollkommen unsichtbar, zumal sie nun auch noch mit Neuschnee bedeckt war. Unsere Wegzeichen waren im Nebel vermutlich nicht auffindbar. Wir konnten natürlich nach dem Kompaß fahren, direkt mit Kurs auf »Scheideck«. Von Depots brauchten wir nur noch »Abschied« zu finden, und wenn wir es nicht fanden, so machte es auch nicht viel aus, denn dort standen nur die Apparate für Eisdickenmessung, die wir auf der Rückreise mitnehmen sollten. Wir konnten also schlimmstenfalls zuerst nach »Scheideck« fahren und von da aus nach »Abschied« zurück. Aber – dann würden wir voraussichtlich nichts über die Brauchbarkeit unserer Wegmarkierung erfahren. Wir blieben also vorläufig liegen.

Fritz Loewe

Gegen Mittag hob sich der Nebel vorübergehend ein wenig, und das genügte, um uns zum Aufbruch zu veranlassen. Einen Versuch mußten wir doch machen. Und es ging erstaunlich gut! Wir legten in 5 ½ Nachmittagsstunden noch die 20 km bis zum Zeltplatz »Nebelheim« zurück. Es war eine äußerst interessante, ja spannende Fahrt.

Der Anfang ging sehr gut. Kurz nachdem wir unseren Zeltplatz verlassen hatten, erblickten wir schon das erste schwarze Fähnchen und fanden dann von Fähnchen zu Fähnchen bis zum Schneemann durch, wo wir wieder aufschlossen und Zugleinen ordneten. Dann wurde es schwieriger. Der Nebel zog sich wieder zu. Die Spur, die uns immerhin etwas geholfen hatte, verloren wir, und lange Zeit fuhren wir nur nach Wind und Sastrugi, ohne eines unserer Wegzeichen zu sehen.

Ich wurde schon traurig und dachte: nun sind wir wohl endgültig aus unserer Reihe heraus und werden sie kaum wiederfinden, und überlegte, ob wir unter diesen Umständen überhaupt weiterfahren sollten, – da plötzlich tauchte, genau vor uns, wieder ein Fähnchen auf! Ich war diesem kleinen Papierfähnchen so dankbar, daß ich vom Schlitten sprang und es mitnahm, um es womöglich mit nach Hause zu nehmen. Leider habe ich es einige Tage später zusammen mit der Bernina-Schaufel verloren, als sich auf meinem Schlitten unbemerkt die Zurrung gelockert hatte. Dies Fähnchen blieb übrigens das einzige, das wir zwischen dem ersten und zweiten Schneemann fanden.

Das verwehte Hundegespann am Morgen. Die Hündin auf dem Schlitten

Auf der nächsten fünf Kilometer-Strecke wurde es noch schlimmer. Der Nebel wurde wieder ganz dicht, und man sah gar nichts mehr. Wir fuhren und fuhren. Die Hunde liefen dauernd im Trab, wir mußten also schnell vorwärts kommen. Wo blieben nur unsere Wegzeichen?

Ich fuhr immer dicht hinter Johann. Plötzlich stellten wir fest, daß Georgi fehlte. Also warteten wir. Es dauerte lange, bis Georgi im Nebel auftauchte und zu uns herankam. Er war von unserer Spur abgekommen und hatte uns aus dem Auge verloren. Er erklärte kategorisch, das sei »ajorpok« (schlecht). Das war nun nicht zu bezweifeln; denn wenn er im Ernst von uns abkam und sich im Nebel verirrte, so waren weder er noch wir in einer beneidenswerten Lage.

Die Not macht erfinderisch. Um eine Wiederholung zu vermeiden, spannten wir eine Schleppleine zwischen meinem Schlitten und seinem Hundegespann aus, so daß meine Hunde mit ihrem Kraftüberschuß seinen Schlitten mitziehen halfen. Das ging ausgezeichnet und hatte die Wirkung, daß wir von da an stets zusammenblieben. Zu meinem Bedauern habe ich später gehört, daß unsere Methode nicht patentfähig ist, weil sie allgemein bekannt und in Gebrauch sei. Für uns war sie aber eigene Erfindung.

Sonnenhöhenmessung am Zeltplatz »Umkehr«

In der Wartezeit hatte ich seitwärts von uns ein schwarzes Fähnchen entdeckt. Dies half uns zur Spur zurück, und da zugleich auch der Nebel sich wieder etwas hob, fanden wir programmäßig alle weiteren Wegzeichen bis zum Lager »Nebelheim«.

Dieser Tag war eine scharfe Probe auf die Brauchbarkeit unserer Wegzeichen gewesen! Die Schneemänner hatten uns gar nichts geholfen. Wir sahen sie bei dem diffusen Licht ungefähr erst dann, wenn wir mit der Nase gegen sie stießen. Aber das war uns nichts Neues, und wir wußten auch, daß sie bei Sonnenschein vorzüglich waren. Die schwarzen Fähnchen aber hatten sich besser bewährt, als wir zu hoffen gewagt hatten. Sogar im Nebel waren sie noch erstaunlich weit zu sehen, und das diffuse Licht verbesserte eher ihre Sichtbarkeit als daß es sie störte. Nur hätten sie etwas höher stehen sollen, um nicht durch das am Boden stets sehr dichte Schneefegen verdeckt zu werden. Auch hätten sie, um eine ganz zuverlässige Wegmarkierung zu gewährleisten, enger stehen müssen, etwa in ½ km Abstand. Aber auch so schon hatten sie uns zweimal auf die Spur zurückgebracht, und es wäre ohne sie nicht möglich gewesen, an diesem Tage zu reisen.

Zeltplatz im hintern Eis

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war strahlend schönes Wetter. Allerdings maß Georgi 10–11 Sekundenmeter, und es fegte heftig. Aber bei unserer jetzigen Marschrichtung konnte uns der Wind »gern haben«, um nicht stärkere klassische Aussprüche zu gebrauchen. Wenn nur die Sonne schien! Soviel war sicher, heute mußte es einen Rekordmarsch geben. Mit fabelhafter Schnelligkeit wurde die Zeltarbeit erledigt, und um 9 ½ Uhr setzten sich die Schlitten in Bewegung, Georgis Schlitten wieder im Schlepptau des meinigen.

Und es wurde eine Rekordfahrt! Als wir um 6 ¼ Uhr nachmittags Zelt schlugen, hatten wir mehr als 60 km zurückgelegt, in nur 8 ¾ Stunden! Die Hunde liefen dauernd im Trab, und wenn Georgis Gespann über solche ungewohnte Geschwindigkeit in Empörung geriet und einen Versuch machte, in Schritt zu verfallen, so glückte es mir stets rechtzeitig, meine eigenen Hunde auf Weißglut zu bringen, so daß sie Georgis Schlitten einfach mitrissen, und dann mußten auch seine Hunde mit, ob sie wollten oder nicht. Ja sobald es merklich bergab ging, wurde ein kleiner Galopp eingelegt, ohne Rücksicht auf das Mißfallen, das eine solche Maßnahme bei Georgis Hunden auslöste.

Georgi hatte bei dieser Jagd zweifellos die undankbarere Aufgabe. Auch kränkte ihn natürlich die Schleppleine etwas in seiner Ehre als Hundekutscher, doch davon ließ er sich im Interesse der allgemeinen Sache wenig merken. Es war aber auch wirklich schwierig, mit seinem Gespann fertig zu werden, das meist, zu einem hoffnungslosen Knoten verstrickt, halb ziehend und halb gezogen zwischen den beiden Schlitten einherrollte. Besonders ein junger, noch nicht eingefahrener Hund, der das Aussehen eines Affenpinschers hatte – er hieß »Lille Smule« (Kleinigkeit) – zeichnete sich dadurch aus, daß er grundsätzlich stets nach der verkehrten Richtung zog, d. h. also meist nach hinten. Nur einmal habe ich ihn aus Leibeskräften wie einen richtigen Schlittenhund nach vorn ziehen sehen, das war, als Georgi sich unter fortwährenden vergeblichen Haltesignalen unter Aufbietung aller Kräfte bemühte, seinen Schlitten zu bremsen! »Lille Smule« ist heute noch das Stichwort, auf welches Georgi sofort in Raserei gerät.

Lille Smule

Heute war nun der Tag, wo die Schneemänner zur Geltung kamen. Solange die schwarzen Fähnchen da waren, hatte es natürlich überhaupt keine Not. Aber die letzten 10 km lagen schon in dem Gebiet, wo nur Schneemänner standen (in 5 km Abstand). Johann versuchte immer noch, der Spur zu folgen, aber sie war so undeutlich, daß er trotz der guten Beleuchtung immer wieder davon abkam. Da waren es die Schneemänner, die uns wieder zu ihr zurückführten. Sie waren diesmal bester erhalten als bei der Handschlittenreise, hauptsächlich, weil wir sie jetzt, durch Schaden klug geworden, pyramidenförmig gebaut hatten.

Burgen aus Eis

Als wir am Zeltplatz »Hundelazarett« vorbeifuhren, sahen wir zum erstenmal Land vor uns. Es war einer der beiden höchsten Gipfel nördlich von unserer Aufstiegslinie, den wir hier aus 110 km Entfernung erblickten. Schon am Zeltplatz »Nebelheim« hatten wir einen großen Vogel gesehen, und jetzt auf dem Marsch flog er wieder so dicht über uns fort, daß die Hunde versuchten, Jagd auf ihn zu machen. Wir konnten jetzt erkennen, daß es ein Strandjäger (Lestris parasitica) war. Ich erinnere mich, daß wir diese Raubmöve auch bei J. P. Kochs Durchquerung erstaunlich tief im Innern beobachteten.

Am nächsten Tag überboten wir noch unseren Rekord: Wir fuhren 67 km und schlugen Zelt beim Depot »B.«. Es war eine prächtige Fahrt. Die Hunde wechselten nur ab zwischen Trab und Galopp. Wieder halfen uns die Schneemänner zur Spur zurück, wenn Johann sie verloren hatte. Eine Strecke weit waren wir so weit seitwärts abgekommen, daß wir darauf verzichteten, auf kürzestem Wege zu ihr zurückzukehren und lieber ein längeres Stück neben ihr blieben. Mit dem Fernglas, teilweise vom fahrenden Schlitten aus, konnten wir aber stets die Schneemänner neben uns erkennen.

Interessant war das Wiedersehen mit Zeltplatz »Abschied«. Es herrschte strichweise Schneefegen; weit vor uns lag ein glänzendes Feld mit Schneefegen, in dessen Mitte ein schwarzer Punkt sichtbar war. Mit dem Glas konnte ich vom fahrenden Schlitten aus erkennen, daß es eine künstliche, burgartig erscheinende Erhebung über das den Boden bedeckende Schneefegen sein mußte. Wir nahmen gerade Kurs darauf, und es zeigte sich, daß es Zeltplatz »Abschied« war, den wir aus etwa 12 km Entfernung gesehen hatten!

Genauer gesprochen: es war eine 2 in hohe riesige Schneewehe, die die von unseren Kameraden hier angelegte Ausgrabung und die Schutzmauer ihres Zeltes vollständig begraben hatte.

Du mein Himmel! Hatte sich die Wüste so aufgeregt über diese Fremdformen! Nun war die Wunde vernarbt, aber dafür stand nun diese 2 m hohe Beule in der Landschaft. Was hatten wir da angerichtet! Jahre mußten vergehen, bis unsere Verschandelung des Inlandeises endgültig ausgetilgt war.

Glücklicherweise fanden wir die Eisdicken-Instrumente nicht im Innern dieser Schneewehe, sondern auf und neben ihr. Und dabei einen Brief von Loewe und Sorge, in dem sie mitteilten, daß die Eisdickenmessung hier – zum erstenmal im Firngebiet – geglückt sei und die Rekord-Dicke von 1200 m ergeben habe.

Das war eine Freude!

Wir luden alles auf, was von Wert war, und fuhren gleich noch weiter bis zum Depot »B.«. Dem Sonnenuntergang und den blauen Küstenbergen entgegen, gab es eine herrliche Stimmungsfahrt, immer noch im Trab, trotz der jetzt schweren Last. Die Sonne war schon untergegangen, als wir unser Zelt aufschlugen. Es wehte 11½ Sekundenmeter, aber das Zelt hielt auch diese letzte Belastungsprobe gut aus. Am nächsten Tage wurde unserer Rekordjägerei das Handwerk gelegt und zwar aus Mangel an Kilometern. Es waren nur noch elende 26 km bis »Scheideck«. Wir kamen am 5. September abends dort an, einen ganzen Tag zu früh.

Es wäre freilich auch sonst nichts mit dem Rekord gewesen. Denn nun kamen wir durch die Randzone, und die war jetzt wie ein einziges Nadelkissen; sie wirkte verheerend auf die Hundepfoten. Als wir zu unserem ehemaligen Zeltplatz am Bach hinabfahren sollten, wo es noch einige Kleinigkeiten mitzunehmen gab, mußte Johann mich bitten, vorzufahren. Seine Hunde hinterließen bereits eine breite Blutspur und waren nicht mehr in Galopp zu bringen.

Jenseits dieses Zeltplatzes galt es dann, die Spaltenzone bis »Scheideck« zu durchqueren. Da mußte Johann wieder vorfahren. Wir wählten jetzt einen nördlicheren Weg und hatten den Erfolg, daß hier die Spalten später anfingen und dann unter besserem Winkel geschnitten wurden als auf dem Hinwege.

Wir passierten diese Strecke ohne jeden Zwischenfall. Viel trug dazu bei, daß die Schneebrücken jetzt hart gefroren waren und fast immer Hunde und Schlitten trugen. Nur einmal mußte ich abspringen und den Schlitten schnell herumdrehen, sonst wäre er in eine offene Spalte hineingefahren.

Georgi verlor hier bei einem heftigen Strauß mit »Lille Smule« sein Tagebuch. Er bemerkte den Verlust erst so spät, daß wir vorzogen, erst ganz bis »Scheideck« zu fahren. Dann fuhren Johann und er mit leerem Schlitten und meinen Hunden auf der Spur zurück und fanden es glücklicherweise wieder. Das Tagebuch zu verlieren ist fast das Schlimmste, was passieren kann!

Wir erwarteten unsere Kameraden am Nachmittag des nächsten Tages. Aber sie blieben aus. Als es dunkel wurde, gaben wir das Warten auf und gingen in unsere Schlafsäcke.

Bei mir meldete sich das Gewissen des Expeditionsleiters. War es nicht unverantwortlich gewesen, sie ohne Primus reisen zu lassen? Und war es überhaupt recht, daß ich meine Zustimmung zu dieser Reise in der Randzone gegeben hatte, die mit ihren zahllosen Spalten ebenso viele Gefahren birgt? Zwei Mann sind im Spaltengebiet zu wenig. Fällt wirklich einer hinein, so vermag der andere ihn im allgemeinen nicht herauszuziehen. Und wenn also nun ein Unglück passiert war, was konnten wir im Grunde tun, um zu helfen? Ich hatte zwar mit Loewe und Sorge gewisse Sicherungsmaßnahmen für den Fall ihres Ausbleibens verabredet, aber tatsächlich bedeuteten diese Maßnahmen nicht viel mehr als das Eingeständnis, daß wir überhaupt nichts für sie tun konnten.

In diesen wenig erfreulichen Gedankengängen wurde ich unterbrochen durch Stimmen und das knirschende Geräusch von Schlittenkufen. Gott sei Dank, da sind sie! Heraus aus dem Schlafsack, den Primus angezündet und dann hinaus und geholfen!

Ein Händeschütteln. Herjemine, wie sahen sie schwarz aus! »Aber wo haben sie denn ihre Hunde?«

Und nun ging es ans Erzählen!

Unsere Schlittenreise nach Norden

Von F. Loewe

»Z. P. 5 (Abschied), den 23. August 1929

An Loewe und Sorge

Ich bitte Sie, hier die Eisdickenmessung möglichst sorgfältig durchzuführen und sodann durch eine Hundeschlittenreise nach Norden und zurück nach »Scheideck« die Lage der Firngrenze und die topographischen Verhältnisse des Hinterlandes der nördlich von uns gelegenen Fjorde näher zu erkunden, und spätestens am 6. September abends wieder auf »Scheideck« einzutreffen. Sollten wir zu dieser Zeit noch nicht dort sein, so gehen Sie am 8. vormittags zur Kamarujuk-Bucht hinab unter Hinterlassung des Schlittens und warten auf der »Krabbe« bis zum 10. Sollten wir auch dann nicht eingetroffen sein, so bitte ich Sie, am 11. mit den vorhandenen Hunden wieder nach »Scheideck« hinaufzugehen und die Marschlinie bis hierher durch engere Anlage von Schneemännern und auf jede andere mögliche Weise auszubauen. Sollten wir bis zum 20. September nicht auf »Scheideck« eingetroffen sein, so bitte ich, die Rückreise nach Europa anzutreten, aber in Unmanak zu veranlassen, daß noch einmal im Herbst in der Kamarujuk-Bucht nachgesehen wird. Entsprechend werden wir, wenn Sie nicht eintreffen, am 11. eine Hilfs-Schlittenreise unternehmen, auf welcher wir die Route von »Scheideck« bis hierher durch Anlage weiterer Schneemänner und Hinterlegung von Proviant, Hundefutter und Brennstoff weiter ausbauen werden. – Ich bitte Sie, sich bei allen Entscheidungen kameradschaftlich zu einigen.

A. Wegener.«

Loewe geht auf Ski voraus

Dieses Schreiben hatte Wegener uns bei seinem Abmarsch nach Osten am 24. August übergeben; aber erst am 31. August nachmittags konnten Sorge und ich nach Norden aufbrechen. Die letzten Tage im Lager »Abschied« waren unangenehm gewesen. Die Schneemauer vor unserem Zweimannszelt bot keinen Schutz mehr gegen das ununterbrochene Schneefegen; jeden Morgen lag der Eingang tief vergraben. Schließlich zerriß auch das Dach unter dem Druck der Schneemassen. Kleidung und Zeltboden trieften vor Nässe; Schneefall und Schneefegen machten ein Trocknen unmöglich. Der einzige Primuskocher, den wir aufs Inlandeis mitgebracht hatten, war der Ostabteilung zugefallen. Unser Kocher, aus Konservenbüchsen und Wollstreifen als Docht hergestellt, verbreitete mehr Schmutz und Ruß als Hitze. Tagelang hatten wir von ein wenig Keks und Schokolade, von rohem Pemmikan und einem lauwarmen Aufguß roher Hafergrütze gelebt. Unter diesen Umständen waren wir froh, die Eisdickenmessung zu Ende gebracht zu haben. Der Schacht, den wir noch zur Untersuchung der Firnschichtung und der Temperaturverhältnisse zu bauen begannen, erreichte nur 3 m Tiefe, da an den Grabungstagen heftiges Schneefegen herrschte und die ausgehobene Grube in kurzer Zeit wieder mit lockerem Treibschnee füllte.

Die lahmen Hunde auf dem Nadeleis

Doch nun ging es vorwärts. Wir hatten ein Gespann von 6 Hunden, genug, um unseren Schlitten auf guter Bahn flott vorwärtszubringen, und überreichlich, für 15 Tage, Proviant für Mensch und Tier. Der Wind kam halb von hinten, die Sonne schien, die Hunde waren wohlgenährt und ausgeruht; schnell lassen wir die meterhohe langschwänzige Schneedüne an unserem Lagerplatz hinter uns. Da es uns an Geschicklichkeit fehlte, die Hunde allein durch Peitsche und Zuruf in der gewünschten Richtung und in flotter Gangart zu halten, pflegte der eine von uns, diesmal Sorge, voranzugehen. Ich folgte hinter dem Schlitten, dessen schmale Kufen im weichen Schnee der ersten Marschstunden tief versanken. Aus der Mulde beim Lager »Abschied«, über deren Rand die höchsten Küstenberge herüberblickten, kamen wir bald auf eine jener sanften Schwellen, die die Randzone des Inlandeises gliedern. Hinter dem glatten Eishorizont hob sich die Bergwelt der Küste empor. In der Ferne grüßte Nugsuaks Hochlandeis mattschimmernd herüber. Nach Süden blickten wir in eine weite Senke hinab, in die sich die Gletscher drängen, deren Kalbeis mit Millionen Kubikmetern täglich neu den Itivdliarsukfjord füllt. Die Riesenbrüche der Gletscher zeigten im Abendlichte das bläuliche Netzwerk gähnender Klüfte. Im Westen, gegen die niedrige Sonne, standen schroffe Gipfelzacken im Wechsel mit den runden Kuppen der Hochlandeise, überspielt von mattrotem Abendlicht. Im Nordwesten aber, nördlich der großen Gletschersenke am Kangerdluarsuk-Fjord, lockte das Unbekannte, eine Welt wilder Berge, gen Norden mit eisüberströmten Felswänden ertrinkend in den sanften Bögen der Hochlandeise. Nun brannten von der gesunkenen Sonne die Bänder der Abendwolken in roten Flammen, und düster glühender Widerschein ergoß sich über Berge und Eiswüste, bis fern im Osten über den ruhigen Flächen des Inlandeises das leichenfarbene Band des Erdschattens bedrückend heraufstieg und Jupiter als erster Stern am zartgrünen Abendhimmel funkelte.

Wind und Schneefegen hatten gegen Abend zugenommen. In den flachen Senken wogte die meterhohe Schneetrift wie weißer Abendnebel über den Wiesen der Heimat. Ein ziehendes Heer schneller Schneeschlangen schoß von hinten auf uns zu; mit leisem Pfeifen stob der Schnee unter Kufen und Fuß auf. Landspitzen schienen schattendunkel in der ungewissen Trübung vor uns aufzutauchen; beim Herankommen enthüllten sie sich als wenige Meter hohe Firnbuckel, die sich inselgleich aus dem Strom des Triftschnees emporhoben. Auf einem von ihnen schlugen wir unser erstes Lager »Windsbraut« auf, ein wenig erhaben über die Hauptmasse des Treibschnees, die sich vor dem Hindernis teilte und einen langen dunklen Streifen im Einerlei ihrer wogenden Wellen freigab, geschützt vor den kleinen Firnstücken, die mit weiten Sprüngen und dem Prasseln fernen Gewehrfeuers über die Fläche fetzten, aber in der vollen Gewalt des nächtlichen Sturmes. Neben dem Zelt der Schlitten und, zum Kreise gekrümmt, die Hunde, die, auf dem harten Firn ungeschützt liegend, Kopf und Pfoten sorgsam im warmen Pelze bargen.

Am nächsten Tage gingen wir bei mildem Wetter und bedecktem Himmel weiter nordwärts und umrundeten im Osten in etwa 1500 m Seehöhe die weite Senke hinter dem Kangerdluarsuk-Fjord. Ich ging ohne Skier, den Skistock in der Hand, auf glatter Schneebahn voran, als ich plötzlich den Boden unter mir nachgeben fühlte. Nun waren wir ja alle schon öfters in verdeckte Spalten getreten; und die Art, in der man die Spaltengebiete des Inlandeises zu begehen pflegt und manchmal aus Gründen der Reisetechnik zu begehen gezwungen ist, muß früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit zu solchen Unfällen führen. Diese Erwartung mag erklären, daß ich im Augenblick des Sturzes gar keinen Schreck verspürte, sondern nur das fast befriedigende Gefühl: »Jetzt ist es also soweit.« Ehe ich noch einen weiteren Gedanken fassen konnte, fand ich mich dann etwa einen halben Meter unter der Eisoberfläche an einem kleinen Vorsprung hängend, während die losgetretene Schneebrücke und einige Eisbrocken unter mir herunterprasselten. Sorge, der schnell heranlief, half mir heraus. Merkwürdige Menschenseele, in der die Freude des Rechtbehaltens selbst das elementare Gefühl der Todesfurcht im Augenblick fast völlig verdrängen kann! Ich zog es jedoch von nun an vor, auf Skiern weiterzugehen, die infolge ihrer Länge und der größeren Auflageflache einen gewissen Schutz gegen das Einbrechen bieten; zeitweilig ließ ich mich auch auf Skiern an einer Leine hinter dem Schlitten herziehen, was die Hunde kaum beschwerte.

Den ganzen Tag über standen die wunderbarsten Wolkengebilde am Westhimmel. Hoch über dem Inlandeis schwebten kleine lanzettförmige Wolkenfische mit einem Silbersaum, der sich leuchtend vom blauen Himmel abhob und über den im zartesten Farbenspiel rote, grüne und goldene Lichter huschten. Weiter draußen, über den ersten Randbergen, lasteten unbeweglich gewaltige Türme, weiß, in zahlreiche Stockwerke gegliedert, gleich dem Dach einer Pagode aus hellem Porzellan. Sie kennzeichnen den Föhnwind, in dem die Luft des Inlandeises sich stürmisch in die tiefgelegenen Fjorde hinabstürzt. Die höchsten Gipfel aber hatten die gekrümmten grauen Wimpel der Hinderniswolken aufgezogen, die sich, vom Föhnwind durchtobt, stundenlang an derselben Stelle nach Westen blähten. Am Abend konnten wir, schon am Nordrand der großen Gletschersenke, »im tiefen Schnee« unser Lager aufschlagen. Wir hatten unserem mühevoll gebauten Kocher den Abschied gegeben und kochten jetzt einfach mit petroleumgetränkten Holzspänen, zwar nicht sauber, aber weit sparsamer und schneller.

Der 2. September, der letzte Tag des Marsches nach Norden, brachte uns in schneller Fahrt auf blankem Firn gegen Abend an den Südrand einer gewaltigen Gletschermulde. Im Nordosten lag ein riesiges Bruchfeld, das in breiten Treppen zum Muldenboden abstieg. Unser Weg führte abwärts quer über zahllose Reihen mehrere Meter breiter Firnspalten. Aber da die Spalten auf dem schneefreien Firn deutlich sichtbar waren und die Schneepfropfen, die sie verschlossen, sich als haltbar erwiesen, wagten wir, den Hang schräg hinabzufahren. Wohl war es jedesmal ein spannender Augenblick, wenn am oberen Spaltenrand, wo der Schnee am dünnsten zu sein pflegt, die Hunde die leichte Schneebrücke durchtraten, bis sie mit dem Schlitten auf dem festen Schnee der Mitte Halt fanden; aber ein Gefühl von Kraft und Sicherheit erfüllte uns, wenn wir mühelos in vollem Lauf den Schlitten quer über die Spalten oder längs den festen Firnstreifen lenkten.

Drunten standen wir unvermittelt vor einer weithin von Ost nach West sich dehnenden Zone riesiger Türme. Wir fuhren in eine Bucht zwischen ihnen hinein, bis uns jeder Weiterweg gesperrt war und lagerten »im hinteren Eis« an einem kleinen Tümpel mit offenem Wasser, auf drei Seiten von hohen Eismauern umgeben und vor dem Schneefegen geschützt. Als das Zelt stand, sank gerade die Sonne und die Eistürme um uns glühten vor einem blaßgrünen Abendhimmel, als seien es gewaltige, ferne, von innerem Feuer strahlende Gipfel.

Wo aber waren wir? Wohin strömten die Eismassen, die sich in dieser großen Gletschermulde sammelten? Die Karte versagte hier; denn alles, was wir an Fels und Eis um uns sahen, lag etwa 20–40 km weiter östlich als die letzten auf der Karte verzeichneten Einzelheiten. Konnten wir schon im Hintergrunde von Rinks-Gletscher sein, der einer der produktivsten Gletscher Westgrönlands ist? Die Größe aller Erscheinungen sprach dafür; aber dann mußte der große Kangerdlugsuak-Fjord, dessen Begrenzung die Karte allerdings als unsicher angibt, wesentlich nördlicher liegen, da wir in wenigen Stunden aus seinem Sammelbecken in das jetzt vor uns liegende gelangt waren. Wir erhofften die Aufklärung von einer astronomischen Ortsbestimmung am nächsten Tage. Leider versagte auch sie, da der behelfsmäßige künstliche Horizont, den wir aus dem Deckel einer Konservenbüchse mit etwas Petroleum darauf herstellten, bei dem lebhaften Wind kein deutliches Spiegelbild der Sonne gab.

Nun stellten wir einen Ski als Wegweiser auf einem der Türme neben unserem Lager auf, ließen Zelt und Hunde zurück und brachen zu Fuß zu einer kurzen Erkundung der vor uns liegenden Bruchzone auf. Je weiter wir, bei wundervollem Sonnenschein, warmer Luft und schwachem Wind schlenderten, umso mehr wuchs unser Staunen. Wir gingen durch weite Täler, in denen Tümpel und Seen mit blaugrüner Eisdecke lagen, und über sanfte Schwellen aus weißem Firn. Um die Senken standen mächtige haushohe Türme und Mauern. Unähnlich den schmalen Säulen und Rippen tiefergelegener Gletscherbrüche, breite; wuchtige Gestalten mit horizontaler Schichtung, bald mit feiner Spitze, bald mit flacher Kuppe, aber stets festgewurzelt auf ihrer Firnunterlage stehend. Die meisten dieser Türme umzog auf der Windseite eine hohe Schneewächte; die tiefe Kehle zwischen ihr und dem Turm war von einem halbgefrorenen tiefblauen See umzogen. Hie und da ein mächtiges Tor, das Innere von gefrorenem Schmelzwasser vereist und in tiefem Blattgrün strahlend. Und durch diesen Zauberrahmen erblickten wir im Osten einen mächtigen, treppenförmig absteigenden Firnbruch, die »Orientalische Stadt«.

Vor einem Jahr war ich über Persiens Wüstenstädte hingeflogen, und die Erinnerung an Schiras, an Isfahan erwachte, als ich auf diese grellweißen Mauerreihen, auf die dunklen Gassen blickte, auf die Reihen runder Eistürme, die Bazargewölben glichen, auf schlanke Türme und runde Kuppeln, Minarett und Moschee. Totenstarr lagen dort die Städte unter der Glut der Sommersonne, schwarze Schatten und leuchtendes Weiß über dem Vordergrund hellgrauen Schuttes; totenstarr standen hier die Riesentürme aus Firn und Eis, schwarz und weiß über dem hellgrauen Gletscher. Wüste hier und dort, verschieden im Baustoff, verwandt in Form und Licht.

Plötzlich gähnte uns viele Meter tief ein frisch eingestürzter Riesentrichter entgegen. Noch umzog die Eiskante des einstigen Sees unter der Eisoberfläche als schmale Terrasse den mächtigen Einbruch; der Rest der Seedecke lag am Grunde des Kessels, und über sie hatten sich die vielen dicken Quadern der Kuppel aus massivem Firn gestürzt. Wie mögen diese gewaltigen Trichter entstanden sein; über wieviele solcher Riesendome sind wir nichtsahnend dahingegangen? Auffallend war, daß die ganze Turmzone keine größere Spalte zeigte, vielmehr in den zusammengestauchten Eisdecken kleinerer Seen auf überwiegenden Schub deutete. Es handelt sich hier wohl, auch nach dem Aussehen der Türme, um die Abschmelzzone des weiter oberhalb gelegenen Bruches der »Orientalischen Stadt«. Spalten traten erst wieder auf, als wir nach Querung des Turmgebietes auf den ebenen Gletscher hinaustraten. Hier, am nördlichsten Punkt unserer Reise, versuchten wir nochmals Klarheit zu gewinnen, wo wir eigentlich waren. Aber alles, was wir an Firn, Gletschern, Hochlandeisen und Felsenmauern sahen, ließ sich auf der Karte nicht wiederfinden, wenn auch sehr wahrscheinlich ist, daß wir das Hinterland von Rinks Gletscher in etwa 1350 m Seehöhe erreicht hatten.

Am Nachmittag begannen wir von unserem Lager aus den Rückmarsch und zwar etwas weiter westlich, in Richtung auf Lager »Scheideck«, um, wenn möglich, in die verwickelte Topographie der Inlandeisabflüsse zwischen Kangerdluk- und Kamarujuk-Fjord einen Einblick zu gewinnen. Wir hatten das Glück, auf blankem glattem Firn die große Spaltenzone der Südumrandung ohne Schwierigkeit zu passieren. Als es dunkelte, hatten wir die Höhe des Inlandseisrückens zwischen Rinks Gletscher und dem Hinterland des Kangerdlugsuak fast erreicht. Da auf der Höhe die Schneebedeckung zuzunehmen anfing und leichtes Schneefegen einsetzte, schlugen wir um 8 Uhr abends »auf dem blanken Firn« unser Lager auf.

Am nächsten Tag tauchten nach wenigen Stunden die bekannten Gipfel um den Kangerdluarsuk-Fjord wieder vor uns auf, und bald erblickten wir auch den »Schwarzen Nunatak«, auf den wir von nun an unseren Kurs richteten. Mit diesem Nunatak hatte es eine eigene Bewandtnis. Georgi und ich hatten ihn entdeckt, als wir vor zwei Monaten zum ersten Male auf dem Kamarujuk-Gletscher emporstiegen. Seitdem hatten wir seine auffallende Gestalt von verschiedenen Seiten erblickt, ohne bis vor kurzem seine Lage sicher feststellen zu können. Jetzt war er unser nächstes Ziel. Wir hofften, ihn noch am selben Abend in einem starken Marsche zu erreichen; aber als wir in die große hinter dem Kangerdluarsuk und Kangerdlugsuak liegende Senke hinabstiegen, kamen wir in ein ausgedehntes Spaltengebiet. Die Spalten folgten vielfach in wenigen Metern Abstand voneinander, sie waren breit und mit unzuverlässigen Schneebrücken geschlossen. Dazu wurde das Eis, je tiefer wir kamen, um so ungünstiger. Die auf ihm liegende Schneedecke war durch Schmelzen, Wiedergefrieren und Verdunsten in große, nadelspitze, fest ineinander verkettete Eiskristalle zerlegt. Auf ihnen wurden die Pfoten der Hunde zerschnitten und begannen zu bluten. Die Hunde versuchten hartnäckig, auf den mit weichem Schnee gefüllten Spalten entlang zu laufen. Hatte man sie glücklich quer zur Spalte getrieben, so blieben sie auf dem Eis am Spaltenrand stehen, und der Schlitten mit dem Lenker dahinter steckte auf der Spalte fest. Da man sich in dieser Lage zur Sicherung hinten am Schlitten festhalten mußte und die Hunde von dort aus nicht erreichen konnte, gab es bei fast jeder der zahllosen Spalten zeitraubenden und gefährlichen Aufenthalt. Noch mehr gefährdet war der Vorangehende, der ohne Sicherung alle diese Spalten überschreiten mußte. Es ist fast ein Wunder, daß diese Stunden ohne Unfall verliefen. Schließlich kamen wir jedoch von der Höhe nach Südosten hinunter und lagerten »im tiefen Loch«, einer Mulde mit Seeflächen zu Füßen eines großen Firnbruches.

Dem »Schwarzen Nunatak« waren wir nicht viel näher gekommen. Aber der letzte Tagemarsch hatte wenigstens zwei interessante Ergebnisse gehabt. Seit wir vor zwei Monaten zum ersten Male im Kangerdluarsuk-Fjord gewesen waren, hatten wir uns nicht erklären können, weshalb durch die breite, nur von niedrigem Hügelland erfüllte und von großen Tälern durchzogene Senke am Ende des Fjords kein Gletscher zum Meeresspiegel hinabreicht. Jetzt zeigte sich, daß das Eis der großen Gletscherbucht, in der wir uns befanden, durch einen nach Nordwest führenden Taltrog zum nördlicher gelegenen Kangerdlugsuak-Fjord hin abgezapft wird. Ferner fanden wir nahe unserem Lager gewaltige Einbruchsenken, noch weit größer als die im oberen Teil von Rinks Isbrae gefundenen. Da war eine langgestreckte Mulde, mehrere hundert Meter lang und wohl 50 m breit, in der die Eisoberfläche bis zu 10 m tief gesenkt war. Ungeheure Kräfte hatten die Eisdecke in viele Quadratmeter große Platten zerrissen. Am Rande des Bruchfeldes glichen sie, horizontal oder nur schwach gesenkt liegend, einem riesigen Straßenpflaster; am Abhang waren sie steil geneigt und am Grunde stellenweise zu mächtigen Haufen übereinandergeschoben. Bei anderen, kleineren, aber immer noch riesigen Feldern war auf mehr als 100 m Erstreckung und 30 m Breite die ganze Eisdecke eingestürzt. Gewaltige Eistrümmermassen bedeckten den Boden; zwischen ihren blauen Seitenflächen öffneten sich schwarzgähnende Schlünde. Am Rande des Kessels hingen die meterdicken Eisplatten in Kanten und Simsen mehrere Meter weit über. Und über diesem Spielplatz gewaltiger Kräfte, vielleicht Einbrüchen über Flußbetten unter dem Eis, glänzten in erhabener Ruhe die weißen Wände und dunklen Klüfte der Firnbrüche.

Storö

Wir konnten diese Senkungszone auf den Eisrücken zwischen den Mulden gut passieren. Als wir aber in die Mitte des Gletscherbeckens hinter dem Kangerdluarsuk kamen, lagen auf dem glatten Gletschereise wieder die glasharten schiefkantigen Kristalle des Nadelkisseneises. In den höheren Lagen bildeten sie eine ununterbrochene Decke, in der Tiefe der Mulde wechselten sie mit spiegelglatten Flächen frischgefrorenen Wassereises. Hier brachen unsere Hunde fast völlig zusammen. Allen bluteten nach einigen Minuten die Pfoten. Wir hätten von vornherein alle Pfoten durch Schuhe aus Stoff, sogenannte Hundekamikker, schützen sollen, aber einmal fehlte es uns an geeignetem Material und dann glaubten wir immer, diese noch nie angetroffene Eisbeschaffenheit könnte nicht allzulange anhalten. So warteten wir auf eine Besserung, bis es zu spät war. Nun blieb uns nur noch übrig, die Hunde mit Gewalt, mit Peitschenhieben und Stockschlägen anzutreiben und gleichzeitig von den Spalten fernzuhalten, deren weichem Schneekern sie, einmal in Bewegung, mit aller Kraft zustrebten. Nur schwer entschlossen wir uns zu dieser Tierquälerei, bei der der ganze Weg mit Blut gezeichnet war; aber wir mußten, wollten wir zur verabredeten Zeit bei Lager »Scheideck« eintreffen, das Äußerste aus unseren Hunden herausholen. Langsam, langsam kamen wir so durch die Gletschermulde und an ihrem Südwestrand aufwärts; allmählich näherten wir uns dem »Schwarzen Nunatak«, den wir heute wenigstens bestimmt erreichen wollten. Wir hatten kaum Augen für die prachtvolle Umgebung, für die weite Gletscherbucht im Westen, deren Nordwand mit ungebrochenen, senkrechten, dunklen Wänden von weißkuppigen Hochlandeisen abfällt, für die regelmäßigen Spaltenbögen, die den Abfluß nach Nordosten zum Kangerdlugsuak umzirken, für den unbeweglichen kühn aufragenden »Halbierten Nunatak«, dessen oben völlig senkrechter Nordabfall nach unten in wundervoll geschwungener Parabelform verläuft: für die blauen Eisspiegel der Seen drunten in der Tiefe des Gletscherbeckens. Auch unser Schlitten wurde durch den steten Wechsel glatter und rauher Bahn, durch die gewaltsamen Rucke beim Herausreißen aus den Spalten sehr mitgenommen; und als abends um ½9 Uhr auch die zweite Stange der zum Lenken dienenden Rückenlehne brach, machten wir »am Nunatak« halt, noch 1½ km von unserem Ziel entfernt. Die Hunde rührten sich selbst beim Füttern kaum.

Wir hatten geplant, die Hunde am nächsten Morgen, unserem letzten Marschtag, mit Gewalt bis zum Nunatak zu treiben und sie dort mit allen entbehrlichen Sachen liegen zu lassen. Aber schon wenige Schritte nach dem Aufbruch zeigte sich, daß selbst diese geringe Strecke für sie unmöglich war. Einige legten sich hin und waren selbst durch Schläge und Fußtritte nicht zum Weitergehen zu bewegen. Wir luden sie auf den Schlitten, um sie bis zum Nunatak zu fahren, aber bis auf die Hündin sprangen sie wieder herunter. So blieb uns nichts übrig, als sie auf dem Eis liegen zu lassen. Wir zogen selbst den beladenen Schlitten bis zum Nunatak und luden dort alles Entbehrliche ab.

Der Nunatak erregte mit seinen großartigen Formen unsere Bewunderung. Mit unnahbaren dunkelbraunen Wänden schießt eine wohl 80 m hohe schmale Rippe steil aus dem Eis empor. Von Osten brandet das Inlandeis in mächtiger Front gegen das Hindernis. Man sieht förmlich, wie es in unaufhaltsamem Vordringen den starren Fels zertrümmert und zerquetscht. Auf der Luvseite ist die Felsbastion vom riesigen Firnwall umzogen. Von außen hebt er sich langsam empor, nach innen stürzt er in senkrechter, wächtengekrönter, wohl 20 m hoher Wand zu einem schmalen, wassergefüllten Graben, der im Halbkreis den Fuß des Felsens umzieht. Eine kleine Gletscherzunge schirmt, tief eingeschnitten, die schroffe Leeseite. Eine gut verteidigte Festung! In großem Bogen zieht eine mächtige Moräne vom Nunatak gletscheraufwärts.

Von hier aus zogen wir den fast leeren Schlitten selbst weiter. Noch zwei Stunden ging es abwechselnd über spiegelblankes Wassereis und das Nadelkissen, das manchmal nur wie eine lose Decke auf dem Gletscher lag. Nun tauchte auf der Höhe des Hochlandeises die vertraute Landmarke des Spitzberges von Uvkusigsat vor uns auf und davor die schwarzen Felswände, die Lager »Scheideck« überragen. Gleichzeitig wurde mit dem Übertritt auf die Luvseite, wie so oft, die Schneebedeckung dichter und weicher. So kamen wir durch das harmlose Firnbecken des Kangerdluarsuk-Gletschers rasch voran. Die letzten Felswände seiner Nordumrandung waren uns jetzt zur Seite, bald im Rücken. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Noch ein letztes Rutschen und Stolpern auf der glatten, von Bachrinnen durchfurchten Umgebung von »Scheideck«, und schon um 9½ Uhr abends waren wir beim Lager, noch gerade rechtzeitig nach unserer Verabredung, wenn auch in etwas kläglichem Zustand, ohne Hunde, mit zerbrochenem Schlitten, geschwärzt vom rußenden Kochfeuer. Unsere Kameraden waren schon seit dem Vortage von ihrer Ostreise zur Stelle; und während wir am nächsten Tag plauderten und aßen, fuhr Johann mit den besten Hunden zum »Schwarzen Nunatak« zurück. Am Abend des 7. Septembers kam er zu meiner großen Erleichterung mit allen unseren Hunden wieder an. Sie hatten sich nicht vom Platz gerührt; und drei von ihnen waren so schwach, daß sie auch auf weichem Schnee nicht zu laufen vermochten. Aber wir hatten sie doch nicht im Stich lassen müssen!

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