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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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4

Es vergingen mehrere Tage, bevor ich Natalie Haldin wieder traf. Ich kreuzte eben den Platz vor dem Theater, als ich ihre schmiegsame Gestalt erblickte, wie sie zwischen die Torpfeiler der reizlosen öffentlichen Promenade auf den Bastionen einbog. Sie schritt von mir weg, aber ich wußte, daß wir uns treffen würden, wenn sie die Hauptallee zurückkam, außer sie ging nach Hause. In diesem Fall, glaube ich, hätte ich sie noch nicht besucht. Mein Wunsch, sie von jenen Leuten fernzuhalten, war so stark wie nur je, doch gab ich mich über die Macht meines Einflusses keiner Täuschung hin. Ich war ja nur ein Mensch aus dem Westen, und es lag auf der Hand, daß Fräulein Haldin meine Weisheit weder anhören wollte noch konnte; und was meine Sehnsucht betraf, ihre Stimme zu hören, so hielt ich es für besser, mir dieses Vergnügen nicht allzuoft zu gestatten. Nein, ich wäre nicht nach dem Boulevard des Philosophes gegangen. Als ich aber ungefähr in der Mitte der Hauptallee Fräulein Haldin auf mich zukommen sah, da war ich zu neugierig und vielleicht zu ehrlich, wegzulaufen.

Eine herbe Frühlingsstimmung lag in der Luft. Der Himmel war von hartem Blau, doch die jungen Blätter legten sich wie ein leichter Nebel über das kahle Geäst der Bäume, und die klare Sonne warf kleine goldene Punkte in Fräulein Haldins offene Augen, die sich mir mit freundlichem Grüßen zuwandten.

Ich erkundigte mich nach der Gesundheit ihrer Mutter. Sie antwortete nur mit einer leichten Bewegung der Schultern und mit einem kurzen, traurigen Seufzer.

»Aber, sehen Sie, ich habe mich doch zu einem Spaziergang aufgerafft ... ›for exercise‹, wie ihr Engländer sagt.«

Ich lächelte zustimmend, und sie fügte eine unerwartete Bemerkung hinzu:

»Es ist ein glorreicher Tag.«

In ihrer Stimme, die leicht rauh und männlich und doch unsagbar reizvoll, wie ein Vogelruf, klang, lag ehrliches Entzücken. Ich freute mich darüber. Es war, als wäre ihr ihre Jugend zum Bewußtsein gekommen – denn es war wenig lenzliche Pracht zu spüren in dem rechtwinklig eingefaßten Raum voll Gras und Bäume, rings von den regelmäßigen Häuserreihen dieser Stadt umstanden, die so hübsch war ohne Anmut und gastlich ohne Sympathie. Auch in der Luft lag wenig Wärme. Und der Himmel, dieser Himmel eines Landes ohne Horizonte, von den Aprilschauern reingewaschen, dehnte sich in grausamem, kaltem Blau, ohne Höhe, und plötzlich eingeengt von den häßlichen dunklen Mauern des Jura, auf denen da und dort noch ein paar kümmerliche Schneeflecken lagen. Die ganze Pracht der Jahreszeit mußte in ihr selbst liegen – und ich war froh, daß dieses Gefühl in ihr Leben getreten war, sei es auch nur für kurze Zeit.

»Ich freue mich, Sie das sagen zu hören.«

Sie warf mir einen raschen Blick zu, rasch, nicht verstohlen. Wenn es etwas gab, dessen sie absolut unfähig war, so war es Verstohlenheit. Sogar im Rhythmus ihres Ganges äußerte sich ihre Offenherzigkeit. Ich war es, der sie heimlich betrachtete, wenn ich so sagen kann. Ich wußte, wo sie gewesen war, wußte aber nicht, was sie in diesem Nest aristokratischer Verschwörer gehört oder gesehen hatte. Ich gebrauche das Wort »aristokratisch« in Ermangelung eines besseren Ausdruckes. Das Château Borel, unter den Bäumen und Büschen des verwilderten Parkes verborgen, hatte damals seinen Ruf, so wie ihn der Wohnsitz jener anderen gefährlichen und verbannten Frau, der Madame de Staël, zu Napoleons Zeiten gehabt hat. Nur war der Napoleonische Despotismus, der in Reiterstiefeln das Erbe der Revolution angetreten und jene kluge Frau für einen Feind gehalten hatte, der Mühe wert, beobachtet zu werden, etwas ganz anderes als die Autokratie in mystischen Gewändern, in der die Sklavenhalterinstinkte der tatarischen Eroberer nachlebten. Und Madame de S. war weit davon entfernt, der begabten Verfasserin von »Corinne« ähnlich zu sein. Sie machte viel Lärm darüber, daß sie verfolgt würde. Ich weiß nicht, ob man sie in gewissen Kreisen für gefährlich hielt. Und was die Überwachung anbelangt, so glaube ich, daß das Château Borel nur aus ziemlicher Entfernung beobachtet werden konnte. In seiner Abgeschlossenheit bot es einen idealen Unterschlupf für Verschwörungen aller Art, ob sie nun ernst oder nichtig waren. Doch alles das interessierte mich nicht. Ich wollte nur wissen, welche Wirkung seine ungewöhnlichen Bewohner und die ganz besondere Atmosphäre auf ein Mädchen wie Fräulein Haldin hervorgebracht hatten, das so wahr und ehrlich, doch auch so gefährlich unerfahren war. Ihr unbewußt erhabenes Nichtwissen um die niedrigen Instinkte der Menschheit überlieferte sie waffenlos ihren eigenen Impulsen. Und da war auch noch jener Freund ihres Bruders, der bedeutende Neuankömmling aus Rußland... Ich war neugierig zu wissen, ob sie es fertiggebracht hatte, ihn zu treffen.

Wir gingen eine Strecke Weges langsam und schweigend.

»Wissen Sie«, fing ich plötzlich an, »wenn Sie die Absicht hatten, mir nichts zu erzählen, dann sagen Sie mir das ganz unverblümt, und ich werde natürlich nicht weiter fragen. Ich will aber nicht den Delikaten spielen, und frage Sie ganz offen um alle Einzelheiten.«

Sie lächelte leicht über meinen drohenden Ton.

»Sie sind neugierig wie ein Kind.«

»Nein, ich bin nur ein besorgter alter Mann«, gab ich ernsthaft zurück.

Sie ließ ihren Blick auf mir ruhen, als wollte sie sich über den Grad meiner Besorgnis oder die Zahl meiner Jahre vergewissern. Mein Gesicht war niemals ausdrucksvoll, glaube ich. Und was meine Jahre angeht, so bin ich noch nicht alt genug, auffallend greisenhaft zu erscheinen. Ich habe keinen langen Bart wie der gute Eremit aus den romantischen Balladen, mein Gang ist nicht schlotternd, meine ganze Erscheinung nicht die eines abgeklärten, ehrwürdigen Weisen. Ich verfüge nicht über diese moralischen Vorzüge. Ich bin alt, leider Gottes, in eindeutiger und gewöhnlicher Art. Und mir schien es, als läge in Fräulein Haldins Blick etwas wie Mitleid. Sie schritt schneller aus.

»Sie fragen nach allen Einzelheiten. Lassen Sie mich nachdenken. Ich muß mich erst besinnen. Es war neu genug für ein – ein Landmädel wie mich.«

Nach einem kurzen Schweigen sagte sie zunächst, daß das Château Borel im Inneren fast ebenso vernachlässigt sei wie äußerlich. Das war nicht weiter verwunderlich. Wenn ich nicht irre, war ein Hamburger Bankier, der sich von den Geschäften zurückgezogen hatte, der Erbauer. Er hatte wohl gedacht, darin in Ruhe seine letzten Tage zu verbringen, im Angesicht dieses Sees, dessen klare, ruhige und wohltuende Schönheit auf die unromantische Phantasie eines Geschäftsmannes eine starke Anziehungskraft haben mochte. Doch er starb bald. Seine Frau fuhr auch ab (aber nur nach Italien), und dieser kostspielige Ruhesitz, ganz augenscheinlich unverkäuflich, hatte mehrere Jahre lang leergestanden. Man gelangte dahin auf einem bekiesten Fahrweg, der rund um einen großen ungepflegten Rasenplatz führte und einem alle Zeit ließ, den Verfall der stuckverzierten Fassade zu bemerken; Fräulein Haldin sagte, der Eindruck sei peinlich gewesen und habe sich verstärkt, als sie näher kam. Sie sah grüne Moosflecken auf der Stufe der Terrasse. Die Vordertür stand weit offen. Es war niemand zu sehen. Sie kam in eine weite, hohe und gänzlich leere Halle mit einer Unmenge Türen. Die Türen waren alle geschlossen. Ein breites, kahles steinernes Treppenhaus lag vor ihr, und das Ganze machte den Eindruck eines unbewohnten Hauses. Sie blieb still stehen, etwas verwirrt durch die Einsamkeit. Nach einer Zeit aber wurde sie inne, daß irgendwo eine Stimme unaufhörlich sprach.

»Sie wurden wahrscheinlich die ganze Zeit über beobachtet«, warf ich ein. »Ringsum waren wohl Augen ... «

»Ich wüßte nicht, wie das möglich gewesen wäre«, gab sie zurück. »Ich habe nicht einmal einen Vogel im Garten gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, das leiseste Zwitschern in den Bäumen gehört zu haben. Der ganze Ort schien völlig verödet, bis auf die Stimme.«

Sie konnte die Sprache nicht erkennen – Russisch, Französisch oder Deutsch. Niemand schien zu antworten. Sie hatte den Eindruck, als hätten die fortgezogenen Einwohner die Stimme zurückgelassen, um zu den kahlen Wänden zu sprechen. Die Stimme tönte fort, mit einer kleinen Pause dann und wann. Sie klang einsam und traurig. Die Zeit erschien Fräulein Haldin recht lang. Ein unbesieglicher Widerwille hielt sie ab, eine der Türen in der Halle zu öffnen. Es war so hoffnungslos; niemand würde kommen, die Stimme würde nie aufhören. Sie gestand mir, daß sie mit Mühe den Wunsch unterdrückte, sich umzudrehen und ungesehen, wie sie gekommen war, wegzugehen.

»Wirklich, hatten Sie den Wunsch?« rief ich voll Bedauern. »Wie schade, daß Sie ihm nicht nachgaben!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was für eine merkwürdige Erinnerung wäre das gewesen! Der verödete Garten, die leere Halle, die unpersönliche, geläufige Stimme und – niemand, nichts, keine Seele.«

Die Erinnerung wäre einzigartig und harmlos gewesen. Aber sie war nicht das Mädchen, vor dem einschüchternden Eindruck von Einsamkeit und Geheimnis davonzulaufen. »Nein, ich bin nicht weggelaufen. Ich blieb, wo ich war, und sah endlich eine Seele. Eine so merkwürdige Seele.«

Während sie noch das breite Stiegenhaus hinaufsah und feststellte, daß die Stimme irgendwoher von oben käme, hatte ein Rauschen von Kleidern ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie sah zurück und erblickte eine Frau, die die Halle durchschritt und augenscheinlich aus einer der vielen Türen gekommen war. Ihr Gesicht war abgewendet, so daß sie zunächst Fräulein Haldin nicht erblickt hatte.

Als sie sich umdrehte und eine Fremde erblickte, schien sie zunächst ungemein erschreckt. Nach ihrer schmächtigen Gestalt hätte sie Fräulein Haldin für ein junges Mädchen gehalten; doch wenn ihr Gesicht auch kindlich rund schien, so war es doch eingefallen und runzlig, mit dunklen Ringen unter den Augen. Ein dichter Schopf staubig-braunen Haares war nach Knabenart auf der Seite gescheitelt, und eine Haarwelle lag über der trockenen, gefurchten Stirn. Nach einem kurzen verständnislosen Anstarren hockte sie sich plötzlich auf den Boden nieder.

»Was meinen Sie mit dem Niederhocken«, fragte ich erstaunt. »Das ist ja ganz merkwürdig.«

Fräulein Haldin erklärte den Grund. Die Person hatte eine kleine Schüssel in der Hand getragen und hatte sich niedergekauert, um sie vor eine große Katze hinzusetzen, die hinter ihren Röcken auftauchte und gierig den Kopf in die Schüssel versenkte. Die Frau stand auf, kam auf Fräulein Haldin zu und fragte sie mit nervöser Schärfe:

»Was wollen Sie, wer sind Sie?«

Fräulein Haldin nannte ihren Namen und auch den von Peter Iwanowitsch. Die mädchenhafte ältliche Frau nickte und zwang ein kurzes Lächeln von Sympathie auf ihr Gesicht. Ihre schwarzseidene Bluse war alt und stellenweise sogar durchgewetzt. Der Rock von schwarzem Serge war kurz und abgetragen. Sie fuhr fort, sie aus nächster Nähe anzustarren; selbst ihre Wimpern und Augenbrauen schienen abgetragen. Fräulein Haldin sprach freundlich zu ihr, wie zu einem unglücklichen und überempfindlichen Wesen, und versuchte ihr klarzumachen, daß ihr Besuch für Madame de S. nicht so ganz unerwartet sein könne.

»Oh! Peter Iwanowitsch hat Ihnen eine Einladung überbracht? Wie hätte ich das wissen sollen? – Eine ›dame de compagnie‹ wird nicht um ihren Rat gefragt, wie Sie sich leicht denken können.« Die schäbige Frau lachte; ihre Zähne, die glänzend weiß und wunderbar ebenmäßig waren, schienen bei ihr ganz lächerlich und unangebracht, wie eine Perlenschnur etwa am Halse eines zerlumpten Landstreichers. »Peter Iwanowitsch ist vielleicht das größte Genie des Jahrhunderts, aber er ist auch der rücksichtsloseste Mann, der lebt. Wenn Sie also eine Verabredung mit ihm haben, so müssen Sie sich nicht wundern, wenn er vielleicht nicht hier ist.«

Fräulein Haldin erklärte, daß sie keine Verabredung mit Peter Iwanowitsch habe. Ihr Interesse für dieses merkwürdige Wesen war augenblicklich erwacht ..

»Warum sollte er sich in Unkosten stürzen für Sie oder sonst jemand? Oh, diese Genies! Wenn Sie nur wüßten! Jawohl! Und ihre Bücher – ich meine natürlich die Bücher, die die Welt bewundert, die von göttlichem Geiste beseelten Bücher. Aber Sie haben noch nicht hinter die Kulissen gesehen. Warten Sie, bis Sie einmal einen halben Tag vor einem Tisch sitzen müssen, mit einer Feder in der Hand. Er kann Stunden und Stunden in seinem Zimmer auf und ab gehen. Ich wurde gewöhnlich so steif und gefühllos, daß ich immer fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren und mit einem Mal vom Stuhl herunterzufallen.«

Sie hielt die Hände gefaltet vor sich hin, und ihre Augen, die auf Fräulein Haldins Gesicht gerichtet waren, verrieten keinerlei Erregung. Fräulein Haldin vermutete, daß die Dame, die sich selbst eine »dame de compagnie« nannte, stolz darauf war, Peter Iwanowitsch als Sekretärin gedient zu haben. Daher machte sie eine freundliche Bemerkung.

»Sie können sich keine aufreibendere Stellung denken«, erklärte das Fräulein. »Es ist eben ein anglo-amerikanischer Journalist da, der Madame de S. interviewt. Sonst würde ich Sie hinaufführen«, fuhr sie in verändertem Ton fort und sah zur Treppe hin. »Ich fungiere auch als Zeremonienmeisterin.«

Es stellte sich heraus, daß Madame de S. keine Schweizer Dienstboten um sich duldete. Und tatsächlich wollte auch kein Dienstbote lange im Château Borel bleiben. Es gab ewig Schwierigkeiten. Fräulein Haldin hatte schon bemerkt, daß die Halle trotz Marmor und Stuckverkleidung eher eine staubige Scheune schien, mit Spinnweben in allen Ecken und Schmutzspuren auf dem schwarz und weiß eingelegten Boden.

»Mir obliegt auch die Sorge für dieses Tier«, erzählte die Dame de compagnie weiter und richtete ihre trüben Augen auf die Katze. »Das macht mir nichts aus. Tiere haben ihr Recht; obwohl ich, genau genommen, nicht einsehe, warum sie nicht ebenso gut leiden sollten wie Menschen. Meinen Sie nicht? Aber natürlich leiden sie nicht so sehr. Das ist unmöglich. Nur fordert es in ihrem Fall mehr zu Mitleid heraus, weil sie sich nicht empören können. Ich war einmal eine Republikanerin. Ich vermute, Sie sind es auch?«

Fräulein Haldin gestand mir, daß ihr keine Antwort eingefallen sei. Sie habe nur leicht genickt und ihrerseits gefragt:

»Und Sie sind nicht mehr für die Republik?«

»Da ich mir nun zwei Jahre lang von Peter Iwanowitsch habe diktieren lassen, ist es schwer für mich, irgend etwas zu sein. Zunächst einmal müssen Sie völlig reglos dasitzen. Die leiseste Bewegung, die Sie machen, bringt Peter Iwanowitsch aus dem Konzept. Sie wagen kaum zu atmen. Und nun gar husten – Gott behüte! Peter Iwanowitsch stellte den Tisch um, gegen die Wand, weil ich mich anfangs nicht enthalten konnte, auf und zum Fenster hinauszusehen, während ich darauf wartete, daß er weiterdiktierte. Das war nicht erlaubt. Er sagte, ich gaffte so blöde. Desgleichen war es mir nicht erlaubt, mich über die Schulter nach ihm umzusehen. Da stampfte er sofort mit dem Fuß auf und brüllte: ›Sehen Sie auf das Papier hinunter.‹ Es scheint, daß mein Gesicht ihn verwirrte. Nun weiß ich ja, daß ich nicht schön bin und daß mein Ausdruck nicht hoffnungsfroh ist. Er sagte, daß diese dumme Erwartung ihn wütend mache. Das sind seine eigenen Worte.«

Fräulein Haldin war empört, gab mir aber doch zu, daß sie nicht eigentlich überrascht gewesen sei.

»Ist es möglich, daß Peter Iwanowitsch irgendeine Frau so roh behandeln sollte«, rief sie aus.

Die Dame de compagnie nickte wiederholt in diskreter Bejahung und versicherte dann, daß sie sich gar nichts daraus mache. Das Reizvolle dabei war, daß ihr das Geheimnis der Konzeption enthüllt wurde, daß sie sehen konnte, wie der berühmte Autor des revolutionären Evangeliums mühsam nach Worten suchte, als sei er im unklaren über das, was er eigentlich sagen wollte.

»Ich bin gern bereit, das blinde Werkzeug für höhere Zwecke abzugeben. Es hat nichts auf sich, sein Leben für die Sache hinzugeben. Nur – wenn man alle seine Illusionen zerstört sieht, so ist das fast mehr, als man tragen kann. Ich übertreibe wirklich nicht«, beharrte sie. »Mein innerster Glaube schien in mir einzufrieren – und das um so mehr, da Peter Iwanowitsch, wenn wir im Winter arbeiteten, bei seinem ewigen Auf- und Abgehen keine künstliche Heizung brauchte, um sich warm zu halten. Sogar wenn wir nach Südfrankreich reisen, gibt es bitter kalte Tage, besonders wenn man sechs Stunden hintereinander stillsitzen muß. Die Wände dieser Villen an der Riviera sind so papierdünn. Peter Iwanowitsch schien von alledem nichts zu merken. Es ist wahr, daß ich meine Frostschauer unterdrückte, aus Angst, ihn aus dem Konzept zu bringen. Gewöhnlich biß ich die Zähne zusammen, bis ich den Krampf in die Backen bekam. Wenn Peter Iwanowitsch sein Diktat unterbrach – und manchmal dauerten die Pausen sehr lange, oft nicht weniger als zwanzig Minuten –, da fühlte ich, während er hinter meinem Rücken auf und ab schritt und vor sich hin murmelte, wie ich Zoll um Zoll abstarb, versichere ich Ihnen. Vielleicht hätte Peter Iwanowitsch meine üble Lage bemerkt, wenn ich meine Zähne hätte klappern lassen. Doch hätte auch das keinen praktischen Erfolg gehabt, glaube ich. Er ist unglaublich filzig in diesen Sachen.«

Die Dame de compagnie sah weder in das Treppenhaus hinauf. Die große Katze war mit der Milch fertig und rieb nun ihr bärtiges Gesicht bettelnd am Kleide der Frau. Sie bückte sich, um das Tier vom Boden aufzunehmen.

»Geiz ist übrigens eher ein Vorzug als sonst etwas, müssen Sie wissen«, fuhr sie fort und hielt die Katze in beiden Armen. »Bei uns sind es die Geizigen, die Geld für edle Zwecke übrig haben – nicht die sogenannten großherzigen Naturen. Aber bitte glauben Sie nicht, daß ich eine Sybaritin bin. Mein Vater war Beamter im Finanzministerium, ohne jeden Einfluß. Daraus allein können Sie schon entnehmen, daß unser Heim alles eher als luxuriös war, wenn wir auch nicht buchstäblich unter der Kälte zu leiden hatten. Ich rannte meinen Eltern davon, sobald ich angefangen hatte, selbständig zu denken. Ein solches Denken ist nicht so leicht. Man muß dazu gezwungen und zur Wahrheit erweckt werden. Ich danke meine Errettung einer alten Äpfelfrau, die ihre Höhle unter dem Torweg des Hauses hatte, in dem wir wohnten. Sie hatte ein gütiges, runzliges Gesicht und die freundlichste Stimme, die sich denken läßt. Eines Tages sprachen wir zufällig über ein Kind, ein zerlumptes kleines Mädchen, das wir abends in der Straße Männer anbetteln gesehen hatten. Ein Wort gab das andere, und mir gingen nach und nach die Augen auf über die Schrecken, unter denen unschuldige Leute auf dieser Weit zu leiden haben, nur damit die Regierungen bestehen können. Sobald ich einmal das Verbrechen der oberen Klassen erkannt hatte, konnte ich nicht länger mehr bei meinen Eltern leben. Nicht ein einziges Wort des Mitleids war in unserem Heim zu hören, jahraus, jahrein; es wurde über nichts sonst gesprochen als über erbärmliche Bürointrigen, über Gehälter und Beförderung und wie man sich das Wohlwollen des Chefs erschleichen könnte. Der bloße Gedanke, eines Tages eben so einen Mann zu heiraten, wie mein Vater es war, machte mich schaudern. Ich sage nicht, daß irgend jemand da war, der mich hätte heiraten mögen; es war nicht die leiseste Aussicht dazu. War es aber nicht schon schändlich genug, von Regierungssold zu leben, während halb Rußland vor Hunger starb? Das Finanzministerium! Was für ein unsinniger Greuel ist es doch! Wozu braucht das verhungernde, unwissende Volk ein Finanzministerium? Ich küßte meine beiden alten Leute auf beide Backen und ging weg von ihnen, um in Kellern mit dem Proletariat zu leben. Ich versuchte, mich den gänzlich Hoffnungslosen nützlich zu machen. Ich vermute, Sie verstehen, was ich meine. Ich meine die Leute, die nichts in diesem Leben zu erwarten und keinen Fleck haben, wo sie hingehen können. Fühlen Sie nicht, wie entsetzlich das ist, nichts zu erwarten zu haben? Manchmal denke ich, daß es nur in Rußland solche Leute geben kann und ein so unerhörtes Maß von Elend. Ich also tauchte da hinein, und wissen Sie, man kann nicht viel dabei tun. Nein, wirklich nicht – wenigstens nicht, solange es Finanzministerien und ähnliche Greuel gibt, die im Wege stehen. Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, während ich dort versuchte, gegen die Pest anzukämpfen, hätte ich nicht einen Mann getroffen. Es war meine alte Freundin und Lehrmeisterin, das arme ehrwürdige Äpfelweib, das ihn ganz zufällig für mich entdeckte. Eines Abends kam sie in ihrer ruhigen Art und holte mich ab. Ich folgte ihr, wohin sie mich führte. Jener Teil meines Lebens lag ganz in ihren Händen, und ohne sie wäre mein Geist elend zugrunde gegangen. Der Mann war ein junger Arbeiter, ein Lithograph seines Zeichens, und er war in Schwierigkeiten gekommen, infolge jener Geschichte mit der Abstinenzpropaganda, Sie erinnern sich. Es wurden damals eine Menge Leute deswegen eingesperrt. Oh, das Finanzministerium! Was würde aus dem werden, wenn die Armen aufhören wollten, im Suff zu vertieren. Auf mein Wort, ich glaube fest, daß Finanzen und alles, was dazu gehört, eine Erfindung des Teufels sind; nur braucht man gar nicht an eine übernatürliche Quelle alles Bösen zu glauben. Menschen allein sind jeder Verruchtheit fähig. Oh, die Finanzen!«

Es klang nach Haß und Verachtung, wie sie das Wort »Finanzen« hervorzischte. Zu gleicher Zeit aber streichelte sie zärtlich die Katze, die in ihren Armen ruhte. Sie hob die Arme sogar ein wenig, neigte den Kopf und rieb ihre Wange gegen das Fell des Tieres, das die Liebkosung gänzlich unbeteiligt über sich ergehen ließ, wie es die Eigentümlichkeit seiner Art ist. Dann sah sie nach Fräulein Haldin und entschuldigte sich nochmals deswegen, daß sie sie nicht zu Madame de S. hinaufführe. Das Interview dürfe nicht unterbrochen werden. Der Journalist werde aber jeden Augenblick die Stufen herunterkommen. Es sei das Beste, in der Halle zu warten; und außerdem seien ja alle diese Zimmer (sie blickte im Kreise auf die vielen Türen), alle diese Zimmer im Erdgeschoß seien nicht eingerichtet.

»Es ist wirklich nicht einmal ein Stuhl da, den ich Ihnen anbieten könnte«, fuhr sie fort. »Wenn Sie aber Ihre eigenen Gedanken meinem Geschwätz vorziehen, so will ich mich hier auf die unterste Stufe setzen und mich still verhalten.«

Fräulein Haldin beeilte sich, ihr zu versichern, daß sie im Gegenteil an der Geschichte des Lithographengesellen regen Anteil nähme. Er sei doch natürlich ein Revolutionär gewesen.

»Ein Märtyrer, ein einfacher Mensch«, sagte die Dame de compagnie mit einem leisen Seufzer und sah verträumt durch die offene Eingangstür. Dann wandte sie ihre trüben Augen Fräulein Haldin zu.

»Ich habe vier Monate mit ihm gelebt. Es war wie ein böser Traum.«

Als Fräulein Haldin sie forschend ansah, begann sie das verfallene Gesicht des Mannes zu beschreiben, seine fleischlosen Glieder, seine Verkommenheit. Das Zimmer, in das sie die Äpfelfrau geführt hatte, war eine winzige Mansarde, ein elendes Loch unter dem Dach eines schmutzigen Hauses. Der Mörtel war von den Wänden gefallen und bedeckte den Boden, und als die Tür aufging, wehte eine Unmenge schwarzer Spinnweben im Luftzuge. Er war wenige Tage vorher freigelassen worden – aus dem Gefängnis auf die Straße geworfen –, und Fräulein Haldin schien es, als sehe sie zum ersten Male einen Namen und ein Gesicht auf dem Körper dieses leidenden Volkes, dessen hartes Schicksal das Thema für so viele Unterredungen zwischen ihr und ihrem Bruder gebildet hatte, im Garten ihres Landhauses.

Er war mit einem Haufen anderer Leute in der Geschichte mit dem lithographierten Abstinenzaufruf verhaftet worden. Da die Polizei eine Unmenge verdächtiger Personen festgenommen hatte, so kam sie unglückseligerweise auf den Gedanken, sie könnte aus einigen davon irgendwelche Geständnisse in bezug auf revolutionäre Propaganda erpressen.

»Sie prügelten ihn so unbarmherzig während der Untersuchung«, fuhr die Dame de compagnie fort, »daß sie ihm einen innerlichen Schaden zufügten. Als sie mit ihm fertig waren, war er ein Todgeweihter. Er konnte nichts für sich tun. Ich fand ihn auf einer hölzernen Bettstatt liegen, ohne irgendwelches Bettzeug, den Kopf auf einem Bündel schmutziger Lumpen, die ihm ein alter Lumpensammler, der im Keller desselben Hauses wohnte, aus Barmherzigkeit geliehen hatte. Da lag er, unbedeckt, glühend vor Fieber, und es gab nicht einmal einen Wasserkrug im Zimmer, aus dem er seinen Durst hätte stillen können. Es gab überhaupt nichts – nur die Bettstelle und den kahlen Boden.«

»Gab es gar niemand in der großen Stadt, unter den Liberalen und Revolutionären, der ihm eine hilfreiche Hand hätte bieten können?« fragte Fräulein Haldin empört.

»Ja. Aber Sie kennen nicht die furchtbarste Seite von jenes Mannes Elend. Hören Sie: wie es scheint, mißhandelte man ihn so grauenhaft, daß zuletzt seine Standhaftigkeit nachgab und er irgendwelche Enthüllungen machte. Arme Seele, das Fleisch ist schwach, Sie wissen ja. Was es war, sagte er mir nicht. Ein gebrochener Geist lebte in dem verstümmelten Körper. Nichts, was ich auch sagte, konnte ihn wieder aufrichten. Als sie ihn herausließen, kroch er in jenes Loch und trug in stoischer Ruhe seine Reue. Er wollte niemandem von seinen Bekannten in die Nähe kommen. Ich hätte gern irgendwo Hilfe für ihn gesucht, aber wo hätte ich damit anfangen können? Wo hätte ich irgend jemand finden sollen, der etwas übrig hatte oder überhaupt die Fähigkeit, zu helfen? Die Leute, die ringsum lebten, waren alle am Verhungern und betrunken, es waren die Opfer des Finanzministeriums. Fragen Sie mich nicht, wie wir lebten, ich könnte es Ihnen nicht sagen. Es war ein Wunder, daß wir dieses Elend durchhalten konnten. Ich hatte nichts zu verkaufen, und glauben Sie mir, meine Kleider waren in einem derartigen Zustande, daß ich unmöglich unter Tags ausgehen konnte. Es war einfach unanständig. Ich mußte warten, bis es dunkel war, bevor ich mich in die Straßen hinauswagte, um eine Brotkruste zu erbetteln, oder was ich sonst bekommen konnte, um ihn und mich am Leben zu erhalten. Oft bekam ich gar nichts, und dann kroch ich zurück und legte mich auf den Fußboden neben seinem Lager. Das ist nichts, und ich erzähle es Ihnen nur, damit Sie nicht glauben sollen, ich sei eine Sybaritin. Es war weit weniger grauenhaft als die Pflicht, Stunden um Stunden in einem kalten Arbeitszimmer vor einem Tisch zu sitzen und sich die Bücher von Peter Iwanowitsch diktieren zu lassen. Aber Sie werden ja selbst sehen, was das heißt, also brauche ich nichts weiter darüber zu sagen.«

»Es ist durchaus nicht gewiß, daß ich mir jemals von Peter Iwanowitsch werde diktieren lassen«, sagte Fräulein Haldin.

»Nicht«, rief die andere ungläubig, »nicht gewiß? Wollen Sie damit sagen, daß Sie sich noch nicht entschlossen haben?«

Als Fräulein Haldin ihr versicherte, daß zwischen ihr und Peter Iwanowitsch niemals die Rede davon gewesen sei, preßte die Frau mit der Katze einen Augenblick die Lippen fest zusammen.

»Oh, Sie werden sich vor dem Tisch wiederfinden, bevor Sie überhaupt wissen, daß Sie sich entschlossen haben. Geben Sie sich keinen Illusionen hin, es ist grausam enttäuschend, Peter Iwanowitsch diktieren zu hören, und doch liegt auch ein eigener Zauber darin. Er ist ein Genie. Ihr Gesicht wird ihn sicher nicht irritieren; vielleicht helfen Sie sogar seiner Inspiration, machen es ihm leichter, seine Botschaft auszusprechen. Wenn ich Sie ansehe, so fühle ich ganz genau, daß Sie die Art Frau sind, die schwerlich seinen Gedankenfluß hemmen wird.«

Fräulein Haldin hielt es für unnötig, allen diesen Vermutungen zu widersprechen.

»Aber dieser Mann, dieser Arbeiter – starb er unter Ihrer Pflege?« fragte sie nach einer kurzen Pause.

Die Dame de compagnie horchte nach dem Stiegenhaus hinauf, von wo jetzt zwei Stimmen leicht erregt durcheinander klangen, und gab eine Zeitlang keine Antwort. Als die laute Unterhaltung zu einem fast unhörbaren Murmeln herabgesunken war, wandte sie sich Fräulein Haldin zu.

»Ja, er starb, aber nicht geradezu in meinen Armen, wie Sie vielleicht glauben. Ich schlief nämlich gerade, als er seinen letzten Atemzug tat. So kann ich jetzt noch sagen, daß ich niemand sterben gesehen habe. Wenige Tage vor dem Ende fanden uns ein paar junge Leute in unserer bitteren Notlage auf. Es waren Revolutionäre, wie Sie wohl erraten haben. Er hätte sich ruhig auf seine politischen Freunde verlassen sollen, als er aus dem Gefängnis herauskam. Er war vorher beliebt und geachtet gewesen, und niemand wäre es im Traum eingefallen, ihm aus seiner Indiskretion vor der Polizei einen Vorwurf zu machen. Jedes Kind weiß, wie sie zu Werke gehen, und der stärkste Mann hat Anwandlungen von Schwäche bei körperlichem Schmerz. Es genügt ja Hunger allein, um einen auf merkwürdige Gedanken darüber zu bringen, was zu geschehen hat. Ein Arzt kam, und unser Los wurde erleichtert, soweit äußerliche Bequemlichkeiten in Betracht kamen, sonst aber war er nicht zu trösten, der arme Mann. Ich versichere Ihnen, Fräulein Haldin, daß er aller Liebe wert war, aber ich hatte nicht die Kraft, zu weinen. Ich war selbst halb tot. Doch es gab gütige Menschen, die sich meiner annahmen. Man gab mir ein Kleid, um meine Blöße zu bedecken – ich sagte Ihnen schon, daß ich nicht mehr anständig aussah –, und nach einiger Zeit brachten mich die Revolutionäre als Gouvernante in einer jüdischen Familie unter, die ins Ausland reiste. Natürlich konnte ich die Kinder unterrichten, ich hatte ja die sechste Klasse des Lyzeums absolviert. Aber der wahre Zweck war der, daß ich wichtige Papiere über die Grenze bringen sollte. Man vertraute mir ein Paket an, das ich an meinem Herzen trug. Die Gendarmen auf der Grenzstation hatten keinen Verdacht gegen die Gouvernante einer jüdischen Familie, die sich eifrig mit drei Kindern beschäftigte. Ich glaube nicht, daß die Juden wußten, was ich bei mir trug, denn ich war ihnen auf großen Umwegen durch Leute vorgestellt worden, die nicht der revolutionären Bewegung angehörten, und natürlich hatte man mir befohlen, mich mit einem sehr kleinen Gehalt zufriedenzugeben. Als wir Deutschland erreicht hatten, verließ ich diese Familie und übergab meine Papiere einem Revolutionär in Stuttgart. Hernach wurde ich in verschiedenen Angelegenheiten verwendet, aber das alles wollen Sie sicher nicht hören. Ich hatte nie das Gefühl, wirklich nütze zu sein, aber ich lebe in der Hoffnung, einmal alle Ministerien gestürzt zu sehen, Finanzen und alles. Es war die größte Freude meines Lebens, als ich hörte, was Ihr Bruder getan hat.«

Wieder wandte sie ihre runden Augen dem Sonnenschein draußen zu, während die Katze in ihren gefalteten Armen ruhte, in olympische Beschaulichkeit und sphinxhaftes Nachsinnen versunken.

»Ja, ich freute mich«, hob sie wieder an. »Für mich hat der bloße Name Haldin einen heroischen Klang. Sie müssen in ihren Ministerien vor Angst gezittert haben, alle diese Leute mit den feindseligen Herzen. Da stehe ich und spreche mit Ihnen, und wenn ich an alle die Grausamkeiten, Bedrückungen und Ungehörigkeiten denke, die in diesem Augenblick geschehen, dann dreht sich mir der Kopf. Ich habe aus nächster Nähe Dinge mit angesehen, die unfaßbar scheinen müßten, wenn man nicht gezwungen wäre, seinen eigenen Augen zu trauen. Ich habe Dinge mit angesehen, daß ich mich selbst für meine Hilflosigkeit haßte. Ich haßte meine Hand, die keine Kraft hatte, meine Stimme, die sich nicht Gehör verschaffen konnte, sogar meinen Verstand, weil er sich nicht umnachten wollte. Oh, ich habe Dinge gesehen! Und Sie?«

Fräulein Haldin war gerührt, sie schüttelte leicht den Kopf. »Nein, ich selbst habe noch nichts gesehen«, murmelte sie, »wir haben immer auf dem Lande gelebt, mein Bruder wünschte es so.«

»Das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, das zwischen Ihnen und mir«, fuhr die andere fort. »Glauben Sie an Zufall, Fräulein Haldin? Wie hätte ich erwarten können, Sie, seine Schwester, mit meinen eigenen Augen zu sehen? Wissen Sie, daß die Revolutionäre hier bis zum letzten Mann ganz gleich überrascht und erfreut waren, als die Nachricht hier eintraf? Niemand schien irgend etwas von Ihrem Bruder zu wissen. Peter Iwanowitsch selbst hatte nicht vorhergesehen, daß ein solcher Schlag geführt werden sollte. Ich glaube, Ihr Bruder hatte einfach den Geist über sich. Ich für meinen Teil glaube, daß solche Taten nur durch Inspiration zu vollbringen sind. Es ist ein großer Vorzug, die Inspiration zu haben, und die Möglichkeit War er Ihnen irgendwie ähnlich? Freuen Sie sich nicht, Fräulein Haldin?«

»Sie müssen nicht zuviel von mir erwarten«, sagte Fräulein Haldin und versuchte, eine Anwandlung zum Weinen zu unterdrücken, die sie plötzlich überkam. Als ihr das gelungen war, fügte sie ruhig hinzu: »An mir ist nichts Heldenhaftes.«

»Sie glauben vielleicht, daß Sie selbst nicht imstande gewesen wären, so etwas zu tun?«

»Ich weiß nicht; das darf ich mich nicht einmal fragen, bevor ich nicht länger gelebt, mehr gesehen habe ... «

Die andere bewegte zustimmend den Kopf. Das Schnurren der Katze erweckte in der leeren Halle einen lauten Widerhall. Von oben tönte kein Stimmenklang mehr. Fräulein Haldin brach das Schweigen.

»Können Sie mir eigentlich sagen, was die Leute hier über meinen Bruder sprachen? Sie sagen, sie seien überrascht gewesen. Ja, das glaube ich wohl; aber ist es ihnen nicht auch merkwürdig vorgekommen, daß es meinem Bruder nicht gelungen sein sollte, sich zu retten, nachdem der schwierigste Teil der Aufgabe – das ist, vom Tatort wegzukommen – gelungen war? Verschwörer sollten diese Sachen gut verstehen. Es ist meine aufrichtige Sorge, zu erfahren, wie es möglich war, daß die Flucht mißlang.«

Die Dame de compagnie war in die offene Eingangstür getreten und warf über die Schulter einen raschen Blick auf Fräulein Haldin, die in der Halle stehengeblieben war.

»Flucht mißlang«, wiederholte sie geistig abwesend. »Hatte er nicht sein Leben aufgeopfert? War er nicht einfach inspiriert? War es nicht ein Akt der Selbstverleugnung? Sind Sie dessen nicht gewiß?«

»Was ich ganz sicher weiß«, sagte Fräulein Haldin, »ist, daß es keine Verzweiflungstat war. Haben Sie gar keine Äußerungen über die kläglichen Umstände seiner Gefangennahme gehört?«

Die Dame de compagnie stand in der offenen Tür und schien zu grübeln. »Ob ich etwas gehört habe? Natürlich, hier wird ja alles besprochen. Hat nicht die ganze Welt über Ihren Bruder gesprochen? Ich für mein Teil gerate in eine Ekstase des Neides, sobald ich seine Heldentat auch nur erwähnen höre. Warum sollte ein Mann sich um sein Leben sorgen, dem die Unsterblichkeit gewiß ist?«

Sie hielt Fräulein Haldin den Rücken zugekehrt. Hinter einer großen, schmutzigen, weiß und goldenen Tür hervor, die man hinter der Balustrade des ersten Stockwerkes erblickte, hörte man jetzt eine tiefe Stimme dröhnen; es klang, als würden irgendwelche Aufzeichnungen verlesen. Die Stimme setzte mehrmals aus und brach endlich ab.

»Ich glaube, ich kann nun nicht länger bleiben«, sagte Fräulein Haldin, »ich kann ja an einem anderen Tag wiederkommen.«

Sie schien zu erwarten, daß ihr die Dame de compagnie den Ausgang freigebe; doch die Frau war augenscheinlich in die Betrachtung des Sonnenscheins und der Schatten versunken, die sich in die verlassene Öde des Parkes teilten. Sie verstellte Fräulein Haldin den Ausblick auf die Zufahrtsstraße. Plötzlich sagte sie:

»Das wird nicht nötig sein; da kommt eben Peter Iwanowitsch selbst. Aber er ist nicht allein; er ist selten allein jetzt.«

Als sie hörte, daß Peter Iwanowitsch komme, war Fräulein Haldin nicht ganz so erfreut, wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Sie hatte irgendwie den Wunsch verloren, den »heldenhaften Flüchtling« wie auch Madame de S. zu sehen, und der Grund für den leisen Widerwillen, der sie im letzten Augenblick befiel, mochte in dem Gefühl liegen, daß diese beiden Leute die Frau mit der Katze nicht gütig behandelt hatten.

»Wollen Sie mich vorbei lassen«, sagte Fräulein Haldin endlich und berührte die Dame de compagnie leicht an der Schulter.

Die andere aber preßte die Katze an die Brust und rührte sich nicht.

»Ich weiß, wer mit ihm ist«, sagte sie, ohne sich auch nur umzudrehen.

Noch stärker als zuvor fühlte Fräulein Haldin den unerklärlichen Wunsch, das Haus zu verlassen.

»Madame de S. wird ja vielleicht noch eine Zeit beschäftigt sein, und was ich Peter Iwanowitsch zu sagen habe, ist eine einfache Frage, die ich ebensogut vorbringen kann, wenn ich ihn beim Weggehen im Park treffe. Ich glaube wirklich, ich muß gehen. Ich habe mich ziemlich lange hier aufgehalten und möchte eiligst zu meiner Mutter zurück. Wollen Sie mich vorbei lassen?«

Die Dame de compagnie wandte endlich den Kopf.

»Ich habe nie vermutet, daß Sie wirklich Madame de S. zu sehen wünschten«, sagte sie mit unerwartetem Scharfblick, »keinen Augenblick lang.« Es lag etwas Vertrauliches und Geheimnisvolles in ihrem Ton. Sie ging, von Fräulein Haldin gefolgt, durch die Tür auf die Terrasse hinaus, und dann schritten sie nebeneinander die moosbewachsenen Steinstufen hinunter. Auf dem Teil der Zufahrtsstraße, der vom Hauseingang aus zu übersehen war, war niemand zu erblicken.

»Sie sind jetzt von den Bäumen da drüben verborgen«, erklärte Fräulein Haldins neue Bekanntschaft. »Aber Sie werden sie gleich sehen. Ich weiß nicht, wer der junge Mensch ist, für den Peter Iwanowitsch eine solche Vorliebe gefaßt hat. Er muß einer von uns sein, sonst würde er hier nicht zugelassen werden, wenn die anderen kommen. Sie wissen, wen ich mit ›den anderen› meine. Aber ich muß gestehen, daß er mir gar keine mystischen Neigungen zu besitzen scheint. Ich könnte nicht behaupten, daß ich ihn schon durchschaut habe, denn natürlich bin ich ja niemals lange im Wohnzimmer. Es gibt immer etwas für mich zu tun, obwohl der ganze Betrieb hier lange nicht so umständlich ist wie in der Villa an der Riviera. Aber doch gibt es eine ganze Reihe Möglichkeiten, mich nützlich zu machen.«

Von links hinter der efeuumwachsenen Ecke der Ställe hervor tauchten Peter Iwanowitsch und sein Begleiter auf. Sie gingen sehr langsam und schienen sich angeregt zu unterhalten. Sie blieben einen Augenblick stehen, und man sah Peter Iwanowitsch gestikulieren, während der junge Mann regungslos zuhörte, mit schlaff herabhängenden Armen und leicht gesenktem Kopf. Er trug einen dunkelbraunen Anzug und einen schwarzen Hut. Die runden Augen der Dame de compagnie waren auf die beiden Gestalten gerichtet, die ihren langsamen Gang wieder aufgenommen hatten.

»Ein ungemein höflicher junger Mann«, sagte sie. »Sie werden sehen, wie er sich verbeugen wird; und das wird gar nichts Ungewöhnliches sein. Er verbeugt sich ganz ebenso, wenn er mich allein in der Halle trifft.«

Sie stieg noch ein paar Stufen hinunter, Fräulein Haldin folgte ihr, und alles kam, wie sie es vorhergesagt hatte. Der junge Mann nahm seinen Hut ab, verbeugte sich tief und richtete sich wieder auf, während Peter Iwanowitsch rasch vortrat, die dicken schwarzen Arme herzlich ausgestreckt, Fräulein Haldins beide Hände faßte, sie schüttelte und sie hinter seinen schwarzen Brillengläsern anstarrte.

»Das ist recht, das ist recht«, rief er zweimal zustimmend aus, »Sie waren also in der Gesellschaft von ... « Er blickte mit leichtem Stirnrunzeln nach der Dame de compagnie, die immer noch die Katze liebkoste. »Ich schließe daraus, daß Eleanor, Madame de S., verhindert ist. Ich weiß, daß sie heute jemand erwartete. Der Zeitungsmensch hat also vorgesprochen, was? Sie ist beschäftigt?«

Als ganze Antwort wandte die Dame de compagnie den Kopf weg.

»Das ist sehr unglücklich – ganz und gar unglücklich. Ich bedaure unendlich, daß Sie so ... «, er senkte plötzlich die Stimme, »Aber wie ist das, Sie wollen doch nicht etwa schon weg, Natalia Viktorowna? Das Warten hat Sie gelangweilt, nicht wahr?« »Nicht im geringsten«, wehrte Fräulein Haldin ab. »Ich bin nur einige Zeit hier gewesen und möchte nun eiligst zu meiner Mutter.«

»Die Zeit ist Ihnen lang geworden, was? Ich fürchte, unsere würdige Freundin hier« (dabei machte Peter Iwanowitsch eine ruckweise Kopfbewegung nach rechts), »unsere würdige Freundin hier hat nicht die Gabe, jemand die Wartezeit abzukürzen. Nein, sie hat gewiß nicht die Gabe; und in diesem Falle nützt der gute Wille allein gar nichts.«

Die Dame de compagnie ließ die Arme sinken, und die Katze befand sich plötzlich auf dem Boden. Das Tier blieb nach dem Sprung ganz reglos stehen, das eine Hinterbein nach rückwärts ausgestreckt. Fräulein Haldin war über die Behandlung der Gesellschaftsdame ehrlich entrüstet.

»Glauben Sie mir, Peter Iwanowitsch, daß die Augenblicke, die ich in der Vorhalle dieses Hauses verbracht habe, wirklich lehrreich und alles eher als uninteressant waren. Sie sind denkwürdig. Ich bedaure das Warten nicht, aber ich sehe, daß ich den Zweck meines Besuches erreichen kann, ohne Madame de S.s Zeit in Anspruch zu nehmen.« –

Hier unterbrach ich Fräulein Haldin. Der obenstehende Bericht beruht auf ihrer Erzählung, an deren dramatischer Färbung ich weit weniger Anteil habe, als man glauben möchte. Sie hatte ungemein ausdrucksvoll und anschaulich fast die Sprechweise der Schülerin der alten Äpfelfrau wiedergegeben, mit ihrem unversöhnlichen Haß gegen Ministerien und der liebevollen Dienstwilligkeit für die Armen. Fräulein Haldins warme und zarte Menschlichkeit hatte sich empört aufgelehnt angesichts des unverdienten Schicksals ihrer neuen Bekannten, dieser Gesellschaftsdame oder Sekretärin oder was sie war. Ich für meinen Teil entdeckte darin mit Vergnügen ein neues Hindernis für irgendwelche Intimität mit Madame de S. Ich hatte den eindeutigsten Widerwillen gegen die bemalte, aufgeputzte, starräugige Egeria von Peter Iwanowitsch. Ich weiß nicht, wie sie sich den Unsichtbaren gegenüber benahm. Aber das weiß ich, daß sie sich in den Angelegenheiten dieser Welt geizig, habgierig und rücksichtslos zeigte. Ich wußte davon, daß sie in einem unsauberen und verzweifelten Rechtsstreit über Geldangelegenheiten mit der Familie ihres verstorbenen Gatten, des Diplomaten, unrecht behalten hatte. Einige sehr hochstehende Persönlichkeiten (die sie in ihrer Wut unbedingt in ihre Angelegenheiten auf die skandalöseste Art hatte verwickeln wollen) hatten sich ihren Haß zugezogen. Ich halte es für durchaus glaubhaft, daß man sie um ein Haar aus Staatsgründen in irgendeinem Maison de Santé unschädlich gemacht hätte, einer Art Irrenhaus, um den richtigen Namen zu gebrauchen. Es scheint aber wiederum, daß sich gewisse hochstehende Persönlichkeiten dem widersetzten, aus Gründen, die ...

Aber es hat keinen Zweck, auf Einzelheiten einzugehen.

Es mag wundernehmen, daß ein Mann in der Stellung eines Sprachlehrers über alles dies mit solcher Genauigkeit unterrichtet ist. Ein Schriftsteller sagt dies und das von seinen Personen, und wenn er es nur ernsthaft genug zu sagen versteht, so wird es niemand einfallen, ihn über die Gestalten seiner Phantasie zu fragen; sein eigener Glaube an sie spricht hinreichend aus irgendeinem beschreibenden Satz, einem poetischen Bild und aus der Gefühlsbetonung. Die Kunst ist groß! Ich aber habe keine Kunst, und da ich Madame de S. nicht erfunden habe, so fühle ich mich verpflichtet, zu erklären, wieso ich so viel über sie in Erfahrung bringen konnte.

Ich hatte mein Wissen von der russischen Frau eines meiner Freunde, des Professors an der Universität zu Lausanne, den ich schon erwähnte. Von ihr erfuhr ich auch die letzte Tatsache aus Madame de S.s Geschichte, mit der ich meine Leser zu belästigen gedenke. Sie erzählte mir mit großer Bestimmtheit, wie jemand, der sich auf seine Quellen verläßt, von dem Grund für Madame de S.s Flucht aus Rußland, einige Jahre zuvor. Es war nicht mehr und nicht weniger als dies: daß sie der Polizei in Verbindung mit der Ermordung des Kaisers Alexander verdächtig geworden war. Der Grund für diesen Verdacht war entweder irgendeine unbedachte Äußerung, die sie in Gesellschaft hatte fallenlassen, oder irgendein Gespräch, das in ihrem Salon belauscht worden war. Belauscht, wie wir glauben müssen, von einem Gast, von einem Freund vielleicht, der sich vermutlich beeilt hatte, den Angeber zu spielen. Wie dem auch sei – diese erlauschte Bemerkung schien es zu beweisen, daß sie vorher um das Ereignis gewußt hatte, und ich glaube, sie tat durchaus recht daran, die Untersuchung um einer solchen Anklage willen nicht abzuwarten. Einige meiner Leser mögen sich an ein kleines Buch aus ihrer Feder erinnern, das in Paris verlegt wurde, ein mystisches, giftiges, hohles und unglaublich zusammenhangloses Geschreibsel, worin sie ihr Vorwissen so gut wie zugibt, dessen übernatürliche Quelle unverhohlen andeutet und in gehässigen Andeutungen der Vermutung Ausdruck gibt, daß die Schuld für die Tat nicht den Terroristen, sondern einer Palastintrige beizumessen sei. Als ich meiner Freundin, der Professorsfrau, entgegenhielt, daß das Leben der Madame de S. mit seinen inoffiziellen Diplomatenstreichen, den Intrigen, Prozessen, mit Hofgunst, Ungnade und Landesverweisung, mit der ganzen Atmosphäre von Skandal, Okkultismus und Scharlatanismus weit eher in das achtzehnte Jahrhundert zu passen scheine als in den Rahmen unserer Zeit, da stimmte sie mir mit einem Lächeln bei, fügte aber kurz darauf nachdenklich hinzu: »Scharlatanismus? – Ja, in gewisser Beziehung; und doch, die Zeiten haben sich geändert. Es sind nun Kräfte am Werk, die es im achtzehnten Jahrhundert nicht gab. Ich sollte nicht überrascht sein, wenn sie gefährlicher wäre, als ein Engländer glauben möchte, und was mehr sagen will, sie wird als wirklich gefährlich angesehen, von gewissen Leuten – chez nous.«

»Chez nous« meinte in diesem Zusammenhang Rußland im allgemeinen und die russische politische Polizei im besonderen. – Ich habe den Bericht, den Fräulein Haldin mir in klaren Worten von ihrem Besuch auf dem Château Borel gab, unterbrochen, um diese Bemerkung meiner Freundin, der Professorsfrau, einzuflechten. Es lag mir daran, aus dem einfachen Grunde, weil ich das, was ich nun über Herrn Rasumoffs Besuch in Genf erzählen will, etwas glaubhaft machen wollte – denn dies ist eine russische Geschichte für Leser aus dem Westen, die, wie ich schon bemerkt habe, den Sinn für gewisse zynische grausame Färbungen und sogar in höherem Grade für moralisches Elend verloren haben, weil alles dies in unserem Teile von Europa schwerlich mehr anzutreffen ist. Ich stelle dies fest, um eine Entschuldigung dafür zu haben, daß ich die Erzählung an dem Punkt abbrach, wo Fräulein Haldin mit den beiden Herren und der Gesellschaftsdame auf der Terrasse des Château Borel stand.

Alle die angeführten Bemerkungen meiner Freundin waren mir lebhaft gegenwärtig, als ich, wie gesagt, Fräulein Haldin ins Wort fiel. Ich rief voll innerster Befriedigung aus: »Sie haben also Madame de S. schließlich gar nicht gesehen?«

Fräulein Haldin schüttelte den Kopf. Ich fühlte eine lebhafte Genugtuung. Sie hatte Madame de S. nicht gesehen! Das war ausgezeichnet, ausgezeichnet! Ich wiegte mich in der Zuversicht, daß sie nun Madame de S. überhaupt nicht kennenlernen würde. Ich hätte keinen anderen Grund für diese Zuversicht angeben können als den einen, daß Fräulein Haldin dem wunderbaren Freund ihres Bruders von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte. Als Begleiter und Führer dieses jungen Mädchens, das durch das elende Ende seines Bruders in seiner Unerfahrenheit hilflos dastand, schien er mir vor Madame de S. den Vorzug zu verdienen; denn, wie man es auch ansehen mochte, jenes nun vernichtete Leben war aufrichtig gewesen, von kühnen Gedanken getragen und von einem tiefen seelischen Leid durchsetzt, das in einem wahren Opfer sein Ende gefunden hatte. Nicht uns, die wir im Besitze einer hart erkämpften Freiheit satte Ruhe gefunden haben, nicht uns steht es an, ohne weitere Prüfung die Ausbrüche eines ungestillten Verlangens zu beurteilen.

Ich schäme mich nicht meines warmen Gefühles für Fräulein Haldin. Es war, wie man zugeben wird, ehrlich uneigennützig und trug seine Belohnung in sich selbst. Der tote Viktor Haldin erschien mir unter dem Einfluß dieses Gefühls nicht als ein finsterer Verschwörer, sondern als ein armer Enthusiast. Ich hatte wirklich nicht die Absicht, ihn zu verurteilen; die bloße Tatsache aber, daß er nicht entfloh, diese Tatsache, die seiner Mutter und seiner Schwester so viel Kummer machte, schien mir zu seinen Gunsten zu sprechen.

Und nun mußte ich fürchten, das Mädchen unter den Einfluß des revolutionären Feminismus geraten zu sehen, wie er im Château Borel gepflegt wurde, und setzte also doppelt gern meine ganze Hoffnung auf jenen Freund des toten Viktor Haldin. Er war für mich nicht mehr als ein Name, wird man einwenden. Gewiß! Ein Name! Und was mehr ist, der einzige Name; der einzige Name, der in dem Briefwechsel zwischen Bruder und Schwester zu finden war. Der junge Mann war hergekommen. Sie hatten einander getroffen und, durch einen glücklichen Zufall, ohne die direkte Vermittlung von Madame de S. Was wird daraus folgen? Was wird sie mir weiter erzählen? fragte ich mich.

Es war nur natürlich, daß meine Gedanken sich mit dem jungen Mann beschäftigten, der als der einzige in den phantastischen Gesprächen über eine glorreiche Zukunft, wie sie durch eine Revolution geschaffen werden sollte, Erwähnung gefunden hatte. Diese Gedanken drängten mir die Frage auf, warum der junge Mann bei den Damen nicht Besuch gemacht hatte. Er war schon mehrere Tage in Genf gewesen, bevor Fräulein Haldin zufällig in meiner Gegenwart durch Peter Iwanowitsch von ihm hörte. Es tat mir leid, daß dieser letztere bei ihrem Zusammentreffen zugegen gewesen war. Es wäre mir lieber gewesen, wenn es irgendwo außerhalb der Reichweite seiner Brillengläser stattgefunden hätte. Ich vermutete aber, daß er, da er die beiden jungen Leute gerade unter der Hand hatte, sie miteinander bekannt gemacht hatte.

Ich brach das Schweigen, um eine Frage hierüber anzubringen.

»Ich vermute, daß Peter Iwanowitsch ... «

Fräulein Haldin ließ ihrer Entrüstung freien Lauf. Unmittelbar, nachdem Peter Iwanowitsch ihre Antwort erhalten hatte, sei er in der unbarmherzigsten Weise über die Dame de compagnie hergefallen.

»Hergefallen?« fragte ich erstaunt. »Wieso? Warum?«

»Es war unerhört, es war schändlich«, fuhr Fräulein Haldin mit zornblitzenden Augen fort, »il lui a fait une scene – nur so, vor Fremden. Und weswegen? Sie würden nie darauf kommen. Wegen ein paar Eiern ... «

Ich war verblüfft. »Eier, sagten Sie?«

»Für Madame de S. Die Dame befolgt eine besondere Diät oder so etwas dergleichen. Es scheint, daß sie sich tags zuvor bei Peter Iwanowitsch beklagt hatte, daß die Eier nicht richtig zubereitet würden. Nun erinnerte sich Peter Iwanowitsch plötzlich daran und fiel über die arme Frau her. Es war einfach widerwärtig; ich stand wie versteinert.«

»Wollen Sie damit sagen, daß der große Feminist sich erlaubte, eine Frau zu beschimpfen?« fragte ich.

»Oh, nicht das! Sie können sich keinen Begriff davon machen, was es war. Es war eine einfach ekelhafte Szene. Denken Sie nur, er lüftete zunächst einmal den Hut und machte seine Stimme sanft und flehend. ›Ach, Sie sind nicht gütig zu uns, Sie wollen nicht geruhen, sich zu erinnern ...!‹ Mit solchen Worten und in diesem Ton. Das arme Geschöpf war ganz außer sich. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie wußte nicht, wohin sie sehen sollte. Ich weiß nicht, ob ihr nicht Schimpfworte oder sogar Schläge lieber gewesen wären.«

Ich unterdrückte die Bemerkung, daß sie höchstwahrscheinlich beides schon erlebt haben dürfte, wenn niemand sonst zugegen war. Fräulein Haldin schritt neben mir her und hatte in ärgerlichem Schweigen den Kopf hochgeworfen. »Große Männer haben ihre überraschenden Eigenheiten«, bemerkte ich, da ich nichts Besseres zu sagen wußte. »Ganz genau wie Männer, die nicht groß sind. Aber so etwas kann ja nicht lange dauern. Wie zog sich denn schließlich der große Feminist aus der so bezeichnenden Situation?«

Fräulein Haldin sagte mir, ohne mich anzusehen, daß die Szene durch das Erscheinen des Interviewers unterbrochen wurde, der bei Madame de S. gewesen war. Er war rasch und unbemerkt herausgekommen, grüßte flüchtig und sagte im Vorübergehen: »Die Baronin hat mir für den Fall, daß ich beim Hinausgehen eine Dame treffen sollte, aufgetragen, sie zu bitten, gleich zu ihr zu kommen.«

Dann hastete er die Zufahrtsstraße hinunter. Die Dame de compagnie eilte dem Hause zu, und Peter Iwanowitsch folgte ihr eilig und verlegen. Fräulein Haldin fand sich auf einmal allein mit dem jungen Mann, der ganz zweifellos der neue Ankömmling aus Rußland sein mußte. Sie war neugierig zu wissen, ob ihres Bruders Freund nicht schon erraten habe, wer sie sei.

Ich bin in der Lage festzustellen, daß er es tatsächlich erraten hatte. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß Peter Iwanowitsch aus irgendeinem Grund es unterlassen hatte, die Anwesenheit der beiden Damen in Genf zu erwähnen. Rasumoff hatte es erraten. »Das treue Mädel!« Jedes von Haldins Worten war in Rasumoffs Gedächtnis eingegraben. Sie verfolgten ihn wie gespenstische Schatten; er konnte sie nicht bannen. Am lebendigsten war das, was er über die Schwester gesagt hatte. Er hatte das Mädchen seither lebhaft vor sich gesehen, und doch erkannte er sie nicht sofort. Während er mit Peter Iwanowitsch näher kam, beobachtete er sie. Ihre Augen hatten sich sogar getroffen. Er hatte, wie es ja unwillkürlich jeder tun mußte, den starken harmonischen Reiz ihrer ganzen Erscheinung empfunden, ihre Kraft, ihre Anmut, ihre ruhige Offenheit – und hatte dann den Blick abgewendet. Er sagte sich, daß all dies nicht für ihn sei. Die Schönheit von Frauen und die Freundschaft von Männern waren nicht für ihn. Diese Erkenntnis machte er sich mit erzwungener Kälte nochmals klar und versuchte darüber hinwegzukommen. Erst als sie ihm die Hand entgegenstreckte. merkte er, wer sie war. In den Blättern seiner Beichte steht es verzeichnet, wie ihn dabei eine Aufwallung von Haß und Schmerz fast physisch im Halse würgte, als wäre ihre Erscheinung die Verkörperung eines gelungenen Verrats.

Er sah um sich. Die ziemlich hohe Vorderwand der Terrasse schützte sie vor den Blicken von Leuten, die sich vielleicht an der Haustüre herumtrieben; nicht einmal von den Fenstern des ersten Stockwerkes aus waren sie zu sehen. Durch die wuchernden Buschgruppen und die Kronen der Bäume, die die sanftgeneigten Rasenplätze umstanden, schimmerte da und dort kalt und ruhig ein Stückchen See. Ein glücklicher Zufall hatte den beiden Menschen zu einem ungestörten Alleinsein verholfen, und ich war neugierig zu erfahren, wie sie es ausgenützt hatten.

»Hatten Sie Zeit für mehr als ein paar Worte?« fragte ich.

Die Erregung, mit der sie mir von den anfänglichen Ergebnissen ihres Besuches erzählt hatte, war vollständig verschwunden. Sie ging nachlässig neben mir her und sah gerade vor sich hin. Ich bemerkte, daß sie leicht errötet war. Sie antwortete mir nicht.

Nach einer kurzen Pause bemerkte ich, es sei eigentlich nicht anzunehmen gewesen, daß man sie für längere Zeit vergessen würde, außer vielleicht die andern beiden hätten Madame de S. ohnmächtig vor Übermüdung angetroffen oder nervös überreizt nach dem langen Interview. In beiden Fällen wären ihre Dienste notwendig gewesen. Ich sah förmlich Peter Iwanowitsch vor mir, wie er, mit bloßem Kopfe vielleicht und fliegenden Armen, aus dem Hause schoß, quer über die Terrasse, während die schwarzen Rockschöße um die leichten grauen Hosenbeine flatterten. Ich gestehe, daß ich den Eindruck hatte, die beiden jungen Leute seien die wehrlose Beute des »heldenhaften Flüchtlings«,· und daß es ihnen unmöglich sein würde, sich freizumachen. Doch davon sagte ich Fräulein Haldin nichts, nur als sie verschlossen blieb, drang ich ein wenig in sie.

»Ja aber – Sie können mir doch wenigstens von Ihren Eindrücken erzählen?«

Sie sah mich an und wandte den Kopf wieder weg.

»Eindrücke?!« fragte sie leise, wie verträumt, und fügte dann rascher hinzu:

»Er kommt mir vor wie ein Mensch, der mehr unter seinen Gedanken zu leiden hat als unter einem harten Schicksal.«

»Unter seinen Gedanken, sagen Sie?«

»Und das ist natürlich genug bei einem Russen«, unterbrach sie mich, »bei einem jungen Russen! Viele unter ihnen sind unfähig zu einer Tat und doch auch unfähig, ruhig zu bleiben.«

»Und glauben Sie, er ist einer von diesen?«

»Nein, ich erlaube mir kein Urteil über ihn. Wie könnte ich das auch, so schnell? Sie haben mich nach meinem Eindruck gefragt. Ich erkläre meinen Eindruck. Ich – ich – kenne die Welt nicht, ebensowenig die Menschen darin; ich war zu einsam – ich bin zu jung, um mich auf mein Urteil verlassen zu können!«

»Verlassen Sie sich auf Ihren Instinkt!« rief ich. »Die meisten Frauen tun das und machen dabei nicht schlimmere Fehler als die Männer. In diesem Falle kann Ihnen ja der Brief Ihres Bruders zu Hilfe kommen.«

Sie holte tief Atem, daß es wie ein Seufzer klang.

»Fleckenlose, hochgesinnte und einsame Existenzen«, flüsterte sie, wie für sich selbst. Ich verstand die Worte aber doch deutlich.

»Ein hohes Lob«, gab ich leise zurück.

»Das höchste, das sich denken läßt.«

»So hoch, daß man eigentlich damit, wie mit der Glücklichpreisung, bis zum Lebensende warten soll. Immerhin steht aber fest, daß ein gewöhnlicher oder gar unwürdiger Mensch eine so übertriebene Anerkennung wohl schwerlich herausgefordert hätte ... «

»Oh«, unterbrach sie mich feurig, »und hätten Sie nur das Herz gekannt, aus dem dieses Urteil kam.«

Damit verstummte sie, und ich fand Zeit, über den Sinn der Worte nachzudenken, die, wie ich wohl spürte, die Gefühle des Mädchens für jenen jungen Mann günstig beeinflussen mußten. Sie klangen nicht wie eine zufällige Äußerung. Für mich mit meinem westeuropäischen Verstand und Begriffsvermögen schienen sie recht vage. Ich durfte aber nicht vergessen, daß ich neben Fräulein Haldin war wie ein Reisender in einem fremden Land. Es war mir ferner klargeworden, daß Fräulein Haldin nicht die Absicht hatte, auf den einzigen wesentlichen Teil ihres Besuches in Château Borel näher einzugehen. Ich war aber nicht verletzt, denn ich fühlte irgendwie, daß es nicht ein Mangel an Vertrauen war, was sie hemmte. Es war eine andere Hemmung, eine Hemmung, über die ich mir nicht klarwerden konnte. Und es lag wirklich gar keine Empfindlichkeit darin, als ich sagte:

»Ganz recht. Aber Sie müssen sich doch, wie jeder andere in der gleichen Lage, auf Grund dieses hohen Lobspruches, den ich durchaus nicht anfechten möchte, ein Bild von diesem ganz ausgezeichneten Freund gemacht haben. Und sagen Sie mir, bitte – waren Sie nicht enttäuscht?«

»Was meinen Sie? Seine persönliche Erscheinung?«

»Ich meine ja nicht gerade, ob er hübsch ist oder nicht ... «

Wir kehrten am Ende der Allee um und machten ein paar Schritte, ohne einander anzusehen.

»Seine Erscheinung ist nicht alltäglich«, sagte Fräulein Haldin endlich.

»Nein, das habe ich mir schon gedacht, nach dem, was Sie mir von Ihrem ersten Eindruck erzählt haben. Schließlich müssen wir ja doch wieder auf das Wort zurückgreifen: ›Eindruck‹. Was ich meine, ist dieses Unbeschreibliche, was Ihnen den Eindruck einer ›nicht alltäglichen Persönlichkeit‹ erweckte.«

Ich merkte, daß sie nicht zuhörte. Ihr Gesichtsausdruck war ganz eindeutig. Und wieder einmal hatte ich das Gefühl einer gänzlichen Verständnislosigkeit, die aber nicht durch mein Alter bedingt war, denn Alter sollte ja eher Einsicht mit sich bringen; es war mir einfach, als stünde ich auf einem anderen Planeten und könnte sie nur ganz von fern beobachten, und so verstummte ich und sah ihr zu, wie sie neben mir hinschritt.

»Nein«, rief sie plötzlich aus, »ein Mensch von so starken Gefühlen konnte mich nicht enttäuschen.«

»Aha, starke Gefühle«, murmelte ich und dachte dabei kritisch: »So plötzlich und unvermittelt!?«

»Was sagten Sie?« fragte Fräulein Haldin harmlos.

»Oh, nichts, ich bitte um Entschuldigung, ›Starke Gefühle‹. Ich bin nicht überrascht.«

»Und Sie wissen nicht, wie unhöflich ich mich gegen ihn benahm«, rief sie reuig aus.

Ich muß wohl förmlich verblüfft ausgesehen haben, denn sie errötete noch tiefer und sagte mir, sie schäme sich, zuzugeben, daß sie nicht genügend gefaßt gewesen sei; sie habe die Beherrschung über ihre Worte und Gesten nicht so behalten, wie die Situation es verlangt hätte. Sie habe die Festigkeit verloren, die beider Männer, des toten und des lebendigen, würdig gewesen wäre. Die Festigkeit, in deren Zeichen das Zusammentreffen von Viktor Haldins Schwester mit Viktor Haldins einzig bekanntem Freunde hätte stehen müssen. Er habe sie scharf angesehen, aber nichts gesagt, und sie war, wie sie zugab, von seinem Mangel an Verständnis peinlich berührt. Sie konnte nichts weiter herausbringen als: »Sie sind Herr Rasumoff.« Seine Stirn furchte sich leicht. Nach einer kurzen beängstigenden Pause machte er eine leichte zustimmende Verbeugung und wartete.

Bei dem Gedanken, daß da der Mann vor ihr stand, den ihr Bruder so hoch geschätzt hatte, der Mann, der seinen Wert erfaßt, mit ihm gesprochen, ihn verstanden, seinen Herzensergüssen gelauscht, ihn vielleicht ermutigt hatte – bei diesem Gedanken zitterten ihre Lippen, und Tränen schossen ihr in die Augen; sie machte einen Schritt auf ihn zu, streckte die Hände impulsiv aus und sagte, mühsam bestrebt, ihre Bewegung zu unterdrücken: »Können Sie nicht erraten, wer ich bin?« Er nahm die gebotene Hand nicht. Er wich sogar ein wenig zurück, und Fräulein Haldin glaubte, daß er die Situation unangenehm empfinde. Fräulein Haldin verstand und verzieh ihm das und richtete ihren Vorwurf gegen sich selbst. Sie hatte sich unwürdig benommen, wie ein rührseliges französisches Mädchen. Ein Gefühlsausbruch dieser Art konnte einem Mann von ruhigem, selbstbeherrschtem Wesen nicht sympathisch sein.

Ich dachte mir, daß er wirklich unglaublich ruhig sein mußte oder vielleicht sehr schüchtern Frauen gegenüber, da er auf das Entgegenkommen eines Mädchens wie Natalie Haldin keine herzlichere Antwort gefunden hatte. Diese hochgesinnten und einsamen Existenzen (die Worte fielen mir plötzlich ein) machen einen jungen Menschen scheu und einen alten wild – oft wenigstens.

»Nun?« fragte ich, um Fräulein Haldin zum Weitersprechen zu ermuntern.

Sie war mit sich selbst immer noch sehr unzufrieden. »Es wurde immer schlimmer mit mir«, sagte sie mit einem Ausdruck von Entmutigung, der mir an ihr ganz fremd war. »Ich benahm mich so rührselig wie nur möglich, gerade daß ich nicht in Tränen ausbrach. Ich bin nur froh, daß ich wenigstens das nicht tat. Aber ich konnte ganz lange Zeit kein Wort hervorbringen.«

Sie hatte vor ihm gestanden, sprachlos, bemüht, ein Schluchzen zu unterdrücken, und als sie endlich ein paar Worte herausstammeln konnte, da war es nur der Name ihres Bruders »Viktor – Viktor – Haldin«. Dann brach ihr abermals die Stimme.

»Natürlich«, bemerkte sie zu mir, »schmerzte ihn das. Er war ganz niedergeschlagen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er meiner Ansicht nach ein Mensch von tiefem Gefühl ist – es ist unmöglich, daran zu zweifeln. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen, Er schwankte, er lehnte sich an die Terrassenmauer. Ihre Freundschaft muß einfach eine Seelenverbrüderung gewesen sein. Ich war ihm dankbar für seine Rührung, da ich mich dadurch meines eigenen Mangels an Selbstbeherrschung weniger schämte. Und dann gewann ich dadurch auch wie mit einem Schlag die Sprache wieder, Dies alles währte nicht länger als ein paar Sekunden. ›Ich bin seine Schwester‹, sagte ich, ›vielleicht haben Sie von mir gehört.‹«

»Und hatte er das?« warf ich ein.

»Ich weiß nicht. Aber wie sollte er nicht? Und doch … aber was tut das zur Sache? Ich stand da vor ihm, zum Greifen nahe, und sah doch nicht wie eine Betrügerin aus, Ich weiß nur, daß er mir beide Hände entgegenstreckte, ich möchte fast sagen, mir sie entgegenschwang mit der denkbar größten Wärme und Herzlichkeit, und daß ich sie faßte und drückte mit dem freudigen Gefühl, wieder etwas von dem zurückgewonnen zu haben, was ich seit dem Tode meines Bruders für immer verloren glaubte – ein wenig von der Erinnerung, der Begeisterung und dem Rückhalt, den mir mein lieber Toter geboten hatte ... «

Ich verstand sehr wohl, was sie meinte. Wir schlenderten langsam weiter. Ich vermied es, sie anzusehen, und wie um auf meine eigenen Gedanken zu antworten, sagte ich:

»Es war zweifellos eine enge Freundschaft – wie Sie sagen. Und schließlich hat der junge Mann ja Ihren Namen sozusagen mit beiden Händen willkommen geheißen. Danach haben Sie sich wohl verstanden. Ja, Sie mußten einander rasch verstehen.«

Sie antwortete nicht gleich.

»Herr Rasumoff scheint ein Mann von wenig Worten zu sein, ein verschlossener Mann – selbst wenn er tief bewegt ist.«

Da ich den redseligen Baß von Peter Iwanowitsch, dieses Oberpatrons aller revolutionären Veranstaltungen, nicht vergessen oder auch nur verzeihen konnte, so hielt ich die Eigenschaft, die Fräulein Haldin Herrn Rasumoff zuschrieb, für einen durchaus erfreulichen Charakterzug, da sie meiner Ansicht nach auf Aufrichtigkeit schließen ließ.

»Und dann hatten wir auch nicht viel Zeit«, sagte sie.

»Nein, natürlich, die hatten Sie nicht.« Mein Mißtrauen, fast möchte ich sagen, meine Furcht vor dem Feministen und seiner Egeria war so unauslöschlich, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, in wirklicher Angst, wenn auch lächelnd, zu fragen:

»Sie sind aber doch glücklich entwischt?«

Sie verstand, und ich lächelte gleichfalls über meine Verlegenheit.

»O ja, ich bin entwischt, wenn Sie es so nennen wollen. Ich ging schnell weg. Es war nicht nötig, zu laufen. Ich bin weder verschreckt noch bezaubert, wie die arme Frau, die mich so merkwürdig empfing.«

»Und Herr – Herr Rasumoff ... «

»Er blieb natürlich da. Ich glaube, er ging ins Haus, nachdem ich ihn verlassen hatte. Sie erinnern sich, daß er mit einer warmen Empfehlung an Peter Iwanowitsch hierher kam – vielleicht mit wichtigen Nachrichten an ihn betraut.«

»Ach ja, von dem Priester, der ... «

»Vater Zosim, jawohl, oder auch von andern vielleicht.«

»Sie haben ihn also verlassen; aber haben Sie ihn seither gesehen, wenn ich fragen darf?«

Fräulein Haldin antwortete zunächst nicht auf diese so direkte Frage und sagte dann ruhig:

»Ich habe erwartet, ihn heute hier zu sehen.«

»Haben Sie? Sie treffen sich also in diesem Garten? Dann tue ich wohl am besten, wenn ich Sie sofort allein lasse?«

»Nein, warum denn? Und wir treffen uns nicht in diesem Garten. Ich habe Herrn Rasumoff seit jenem ersten Mal nicht wiedergesehen, nicht einmal. Ich habe ihn aber erwartet ... «

Sie machte eine Pause. Ich fragte mich erstaunt, warum der junge Revolutionär nicht mehr Eifer zeigte.

»Bevor wir uns trennten, sagte ich Herrn Rasumoff, daß ich täglich um diese Zeit eine Stunde hier spazierengehe. Ich konnte ihm nicht erklären, warum ich ihn nicht aufforderte, uns sofort zu besuchen. Mutter muß auf einen solchen Besuch vorbereitet werden, und dann, sehen Sie, weiß ich ja selbst nicht, was Herr Rasumoff uns zu sagen haben kann; auch muß ich ihm erst mitteilen, wie es mit meiner armen Mutter steht. So sagte ich ihm nur in Eile, daß ich einen Grund hätte, ihn nicht gleich zu uns zu bitten, daß ich aber täglich hier zu treffen sei ... Das ist ein öffentlicher Ort, es sind aber niemals viel Leute um diese Stunde hier. Ich dachte, es würde ganz gut passen, und dann ist es so nahe bei unserer Wohnung. Ich bin nicht gern weit von Mutter weg. Unser Mädchen weiß, wo ich bin, für den Fall, daß ich plötzlich gebraucht werden sollte.«

»Jawohl, von diesem Gesichtspunkt aus ist es durchaus passend«, stimmte ich bei.

Ich war tatsächlich der Ansicht, daß die Bastionen ein durchaus passender Ort seien, wenn das Mädchen es noch nicht für angebracht hielt, den jungen Mann ihrer Mutter vorzustellen. Ich sah ringsum auf die trostlos banalen Anlagen und dachte, daß hier also ihre Bekanntschaft beginnen und sich weiter entwickeln würde, unter dem Austausch edler Entrüstungen und hochgespannter Gefühle, zu hoch vielleicht, als daß ein nichtrussischer Verstand sie erfassen könnte. Achtzig Millionen ihrer Landsleute knirschten zwischen den mahlenden Mühlsteinen, und diese beiden Flüchtlinge würden hier unter diesen Bäumen eng aneinander hinschreiten. Ja, es war ein Platz, wie geschaffen zu Spaziergängen und Herzensergüssen. Während wir nochmals vor den großen eisernen Toren kehrtmachten, fiel mir sogar ein, daß die beiden, wenn sie müde wurden, reichlich Gelegenheit zum Ausruhen finden würden. Eine Unmenge von Tischen und Stühlen war zwischen dem Gartenrestaurant und dem Musikstand verteilt. Es sah aus wie eine Anhäufung von bemaltem Treibholz zwischen den Bäumen. Mitten darin bemerkte ich ein einsames Schweizer Liebespaar, dessen Geschick ganz zweifellos von der Wiege bis zum Grabe gesichert erschien, durch die vollkommen demokratischen Institutionen einer Republik, die man förmlich in einer Hand halten konnte. Der Mann, farblos und ungeschlacht, trank Bier aus einem glitzernden Glas, die Frau, ländlich und gemütsruhig, lehnte in ihrem groben Stuhl und sah müßig um sich.

Auf dieser Erde ist die Logik nun einmal selten zu finden. Nicht nur bei Gedanken, sondern auch bei Gefühlen. Zu meiner lebhaften Überraschung entdeckte ich in mir eine Abneigung gegen diesen unbekannten jungen Menschen. Es war eine Woche her, daß sie sich getroffen hatten. War er so unempfindlich oder schüchtern, oder ganz stumpf? Ich konnte es nicht herausbringen.

»Glauben Sie«, fragte ich Fräulein Haldin, nachdem wir wieder ein Stück in der großen Allee hinuntergegangen waren, »daß Herr Rasumoff Ihre Absicht verstanden hat?«

»Daß er verstanden hat, was ich meinte?« fragte sie erstaunt zurück. »Er war tief bewegt, das weiß ich; trotz meiner eigenen Erregung konnte ich es sehen. Aber ich sprach deutlich. Er hörte mich an; er schien sogar förmlich an meinen Lippen zu hängen ... « Unbewußt hatte sie den Schritt beschleunigt. Auch ihre Worte kamen schneller.

Ich wartete ein wenig, bevor ich nachdenklich bemerkte: » Und doch ließ er alle diese Tage vorübergehen.«

»Wie können wir wissen, was er hier zu tun hat? Er reist wirklich nicht zu seinem Vergnügen. Seine Zeit gehört vielleicht gar nicht ihm – nicht einmal seine Gedanken vielleicht.«

Sie ging plötzlich sehr langsam und fügte leise hinzu: »Oder sogar sein Leben.«

Dann verstummte sie und blieb stehen. »Ich halte es für durchaus möglich, daß er Genf am selben Tag, wo er mich gesehen hat, verlassen mußte.«

»Ohne Ihnen etwas zu sagen«, rief ich ungläubig aus.

»Ich ließ ihm keine Zeit dazu. Ich verabschiedete mich ganz plötzlich. Gegen Schluß benahm ich mich recht aufgeregt, das tut mir leid. Wenn ich ihm selbst die Gelegenheit zu irgendwelchen vertraulichen Mitteilungen gegeben hätte, so hätte er immer noch das Recht gehabt, mich für nicht ganz vertrauenswürdig zu halten. Ein aufgeregtes tränenreiches Mädchen erweckt nicht den Eindruck, als ob man ihr etwas anvertrauen könnte. Doch selbst wenn er Genf für eine Zeit verlassen haben sollte, so bin ich doch ganz sicher, daß wir uns wieder treffen werden.«

»Oh, Sie sind sicher ... das scheint wirklich so. Doch mit welchem Recht?«

»Weil ich ihm gesagt habe, daß ich irgend jemand brauchte, einen Landsmann, der meinen Glauben teilt und dem ich mich in einer bestimmten Sache anvertrauen könnte.«

»Ich verstehe. Ich frage Sie nicht, was er Ihnen geantwortet hat. Ich gestehe, daß Ihnen das ein Recht gibt, zu glauben, daß Herr Rasumoff nicht allzulange auf sich warten lassen wird. Heute ist er aber nicht gekommen?«

»Nein«, sagte sie ruhig. »Heute nicht.« Und wir standen eine Zeitlang nebeneinander, wie Leute, die sich nichts mehr zu sagen haben und ihre Gedanken weitab schweifen lassen, bevor sie selbst ihre eigenen Wege gehen. Fräulein Haldin sah auf die Uhr an ihrem Armband und machte eine brüske Bewegung. Sie war scheinbar schon über die Zeit ausgeblieben.

»Ich bin nicht gern von Mutter weg«, murmelte sie kopfschüttelnd. »Nicht, daß sie eben sehr krank wäre; aber wenn ich nicht bei ihr bin, so fühle ich mich merkwürdig beunruhigt.«

Frau Haldin hatte seit länger als einer Woche ihres Sohnes mit keinem Worte mehr gedacht. Sie saß wie gewöhnlich in dem Lehnstuhl beim Fenster und blickte schweigend auf den hoffnungslos langweiligen Boulevard des Philosophes hinaus. Wenn sie sprach, so waren es immer nur wenige teilnahmslose Worte über gleichgültige, alltägliche Dinge.

»Für jemand, der weiß, worüber die Ärmste grübelt, sind Gespräche dieser Art weit schmerzlicher noch als ihr Schweigen, obwohl das auch schlimm ist. Ich kann es kaum ertragen und wage es doch nicht zu brechen.«

Fräulein Haldin seufzte und schloß einen Knopf ihres Handschuhs, der aufgegangen war. Ich wußte recht gut, wie bitter sie unter diesen Zuständen leiden mußte. Die unerträgliche Lage, ihre Ursachen und ihre Begleitumstände hätten die Gesundheit eines westeuropäischen Mädchens untergraben. Aber russische Naturen haben eine ganz merkwürdige Widerstandskraft gegen die harten Prüfungen des Lebens. Wie das Mädchen da vor mir stand, aufrecht und geschmeidig, in einer kurzen Jacke über dem schwarzen Kleid, die ihre Gestalt noch schlanker und ihr frisches, doch farbloses Gesicht noch bleicher erscheinen ließ, erregte sie meine staunende Bewunderung.

»Ich kann keinen Augenblick länger bleiben! Sie sollten bald kommen und nach Mutter sehen. Sie wissen, daß sie Sie ›l'ami‹ nennt. Das ist ein ausgezeichneter Name, und sie meint ihn aufrichtig so. Und jetzt – au revoir – ich muß laufen.«

Sie sah flüchtig den breiten Gehweg hinunter – auf einmal aber legte sie mit einer hastigen Bewegung ihre Hand, die sie mir zum Gruß hingestreckt hatte, auf meine Schulter; ihre roten Lippen waren leicht geöffnet, doch nicht zu einem Lächeln, sondern eher in einem Ausdruck plötzlichen Vergnügens. Sie sah nach dem Eingangstor und stieß kurz hervor:

»Da! ich wußte es. Da kommt er!«

Ich wußte, daß sie nur Herrn Rasumoff meinen konnte. Ein junger Mann kam in Eile die Allee herauf. Sein Anzug war dunkelbraun, und er trug einen Stock. Als ich ihn zuerst erblickte, hatte er den Kopf auf die Brust gesenkt, wie in tiefen Gedanken. Während ich ihn noch ansah, hob er ihn mit einem scharfen Ruck und zögerte plötzlich. Ich bin sicher, daß er das tat, obwohl dieses Zögern kaum merklich war und sofort überwunden wurde. Dann kam er weiter auf uns zu und sah uns ruhig an. Fräulein Haldin machte mir ein Zeichen, dazubleiben, und ging ihm einige Schritte entgegen.

Ich wandte den Kopf, um ihre Begegnung nicht mit anzusehen, und sah auch nicht wieder hin, bis ich Fräulein Haldin bei der Vorstellung seinen Namen nennen hörte. Herr Rasumoff wurde in leisem, herzlichem Ton davon unterrichtet, daß ich nicht nur ein ausgezeichneter Lehrer, sondern auch ein fester Halt sei »in unserem Kummer und Schmerz«.

Natürlich blieb es auch nicht unerwähnt, daß ich Engländer sei. Fräulein Haldin sprach rascher, als ich sie je zuvor sprechen gehört hatte, und die Ruhe ihrer Augen wirkte durch den Gegensatz noch eindrucksvoller.

»Ich habe ihm mein Vertrauen geschenkt«, fügte sie hinzu und sah während der ganzen Zeit Herrn Rasumoff an. Dieser junge Mensch ließ zwar seinen Blick auf Fräulein Haldin ruhen, sah aber sicherlich nicht in ihre Augen, die doch auf ihn warteten. Hernach sah er uns abwechselnd an, während die schwache Andeutung eines erzwungenen Lächelns und ein leises Stirnrunzeln auf seinem Gesicht kamen und gingen; ich bemerkte es, obwohl jemand, der ihn nicht so angestrengt beobachtet hätte wie ich, beides entgangen wäre. Ich weiß nicht, ob es auch Natalie Haldin aufgefallen war, meiner Aufmerksamkeit aber konnten selbst die schattenhaftesten seiner Bewegungen nicht entgehen. Das versuchte Lächeln mißlang, das Stirnrunzeln wurde unterdrückt und das Gesicht zur Ausdruckslosigkeit gezwungen; und doch stellte ich mir vor, daß er bei sich dachte:

»Ihr Vertrauen! Diesem ältlichen Menschen – diesem Ausländer!«

Ich stellte mir das vor, weil auch er mir ausländisch genug vorkam. Im ganzen aber hatte ich einen günstigen Eindruck. Er sah intelligent aus und sogar gewissermaßen distinguiert und stach damit auffallend genug von dem Durchschnitt der Studenten und den sonstigen Bewohnern der »Petite Russie« ab. Seine Gesichtszüge waren durchgebildeter, als man es bei Russen gewöhnlich trifft. Seine Kinnlinie war scharf, seine Wangen glatt rasiert und bleich. Seine Nase sprang energisch vor. Er trug den Hut tief in die Augen gezogen, das dunkle Haar war im Nacken leicht gewellt. Unter dem schlecht sitzenden braunen Anzug erriet man kräftige Gliedmaßen. Bei einer leichten Beugung zeichneten sich breite Schultern ab. Im ganzen war ich nicht enttäuscht. Nachdenklich – kräftig – schüchtern ...

Bevor Fräulein Haldin noch zu sprechen aufgehört hatte, fühlte ich den Druck seiner Hand auf meiner, einen muskelfesten Druck, nur überraschend heiß und trocken. Kein Wort und nicht einmal ein Murmeln begleitete diesen kurzen Händedruck.

Ich gedachte, die beiden sich selbst zu überlassen, Fräulein Haldin aber berührte leicht meinen Vorderarm mit einem leisen Nachdruck, der mir eindeutig einen Wunsch verriet. Man mag darüber lächeln, aber ich war nur zu gern bereit, in Natalie Haldins Nähe zu bleiben, und schäme mich nicht einzugestehen, daß es für mich dabei nichts zu lächeln gab. Ich blieb. Nicht wie ein Jüngling es getan hätte, selig und von ihrer Nähe sozusagen berauscht; ich war nüchtern, stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden und war entschlossen, ihre Absicht zu ergründen. Sie hatte sich an Rasumoff gewendet.

»Gut, dies ist der Ort. Ja, ich hatte geahnt, daß Sie hierher kommen würden. Ich bin jeden Tag spazierengegangen ... Entschuldigen Sie sich nicht, ich verstehe. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie heute gekommen sind, aber trotzdem kann ich jetzt nicht bleiben. Es ist unmöglich. Ich muß ganz schnell nach Hause. Jawohl, obgleich Sie jetzt vor mir stehen, muß ich fort. Ich war zu lange weg ... Sie wissen, wie es ist?«

Diese letzten Worte waren an mich gerichtet. Ich bemerkte, daß Herr Rasumoff mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr, wie man es wohl im Fieber zu tun pflegt. Er nahm ihre schwarzbehandschuhte Hand, die sich über der seinen schloß und sie festhielt – sie für mich ganz merkbar festhielt, trotzdem er Miene machte, sie zurückzuziehen.

»Ich danke Ihnen nochmals dafür, daß Sie mich verstanden«, fuhr sie herzlich fort. Er unterbrach sie, wie mir schien, etwas barsch. Mir gefiel es nicht, daß er zu diesem freimütigen Geschöpf nur so unter dem Hutrand hervor sprach. Seine Stimme klang schwach und rasselnd, als wäre ihm die Kehle ausgetrocknet.

»Wofür haben Sie mir zu danken? Ich Sie verstehen? ... wieso habe ich Sie verstanden? ... merken Sie sich lieber gleich, daß ich gar nichts verstehe. Ich wußte nur, daß Sie mich in diesem Garten zu sehen wünschten. Ich konnte nicht früher kommen, ich war verhindert, und sogar heute, wie Sie sehen ... zu spät.«

Sie hielt immer noch seine Hand.

»Immerhin kann ich Ihnen dafür danken, daß Sie mich nicht gleich für ein schwaches und rührseliges Mädchen gehalten haben. Ich brauche zweifellos Halt, ich weiß so wenig. Aber man kann sich auf mich verlassen. Wirklich, man kann.«

»Sie wissen wenig«, wiederholte er nachdenklich. Er hatte den Kopf erhoben und sah nun gerade in ihr Gesicht, während sie seine Hand hielt. So standen sie eine ganze Weile. Dann ließ sie seine Hand los.

»Ja, Sie kamen spät. Es war nett von Ihnen, daß Sie überhaupt kamen und damit rechneten, ich könnte zufällig länger als gewöhnlich hiergeblieben sein. Ich habe mich mit diesem guten Freund hier unterhalten. Wir haben von Ihnen gesprochen. Jawohl, Kyrill Sidorowitsch, von Ihnen. Er war gerade bei mir, als ich zum ersten Male von Ihrer Anwesenheit in Genf hörte. Er kann Ihnen erzählen, wie tröstlich ich damals diese Nachricht empfand. Er weiß auch, daß ich mir vorgenommen hatte, Sie aufzusuchen. Aus diesem einzigen Grund habe ich auch die Einladung von Peter Iwanowitsch angenommen ... «

»Peter Iwanowitsch hat Ihnen von mir gesprochen«, unterbrach er sie mit dieser unsicheren, rauhen Stimme, die mir die Vorstellung einer ausgetrockneten Kehle erweckte.

»Nur ganz wenig. Er hat mir nur Ihren Namen gesagt, und daß Sie hier angekommen seien. Warum hätte ich weiter fragen sollen? Was hätte er mir mehr sagen können, das ich nicht schon aus meines Bruders Brief gewußt hätte? Drei Zeilen! Doch wieviel haben sie für mich bedeutet! Ich will sie Ihnen eines Tages zeigen, Kyrill Sidorowitsch. Doch jetzt muß ich gehen. Unser erstes Gespräch soll nicht nur fünf Minuten dauern, darum fangen wir besser gar nicht an ... «

Ich hatte ein wenig abseits gestanden und sie beide im Profil gesehen. In diesem Augenblick fiel es mir auf, daß Herrn Rasumoffs Gesicht älter erschien als seine Jahre.

Das Mädchen wandte sich plötzlich zu mir: »Wenn meine Mutter in meiner Abwesenheit aufwachte (ich bin ja heute viel länger weg als sonst), so würde sie mich vielleicht fragen. Sie scheint mich in letzter Zeit mehr zu vermissen. Sie würde wissen wollen, was mich aufgehalten hat, und sehen Sie, es wäre mir schmerzlich, es ihr verheimlichen zu müssen.«

Ich verstand sie recht gut. Und aus demselben Grunde wehrte sie auch ab, als Herr Rasumoff scheinbar Miene machte, sie zu begleiten.

»Nein, nein, ich gehe allein, aber Sie können mich hier treffen, sobald Sie wollen.« Dann sagte sie leiser und bedeutsam zu mir: »Mutter sitzt vielleicht eben jetzt beim Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Sie darf von Herrn Rasumoffs Gegenwart gar nichts erfahren, bis ein Punkt aufgeklärt ist.« Nach einer kurzen Pause fügte sie etwas lauter und doch immer noch zu mir gewendet hinzu: »Herr Rasumoff versteht meine Schwierigkeit nicht ganz, aber Sie wissen ja, was es ist.«

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