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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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3

Eine Zeitlang sahen wir uns schweigend an.

»Wissen Sie, wer er ist?«

Fräulein Haldin kam auf mich zu und richtete diese Frage auf englisch an mich.

Ich nahm die dargebotene Hand.

»Jedermann weiß das. Er ist ein revolutionärer Feminist, ein großer Schriftsteller, wenn Sie wollen, und, wie soll ich sagen, der – der – Stammgast in Madame de S.s mystisch-revolutionärem Salon.«

Fräulein Haldin strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Sie müssen wissen, er war über eine Stunde bei mir, bevor Sie hereinkamen. Ich war so froh, daß Mutter sich niedergelegt hatte. Sie schläft oft ganze Nächte nicht und ruht dann manchmal mitten am Tag ein paar Stunden. Es ist offensichtlich Erschöpfung – und doch bin ich dankbar ... wenn diese Pausen nicht wären ... «

Sie sah mich an mit jenem Ausdruck rücksichtsloser Einsicht, der mich an ihr immer so verwirrte, und schüttelte den Kopf.

»Nein, sie würde nicht irrsinnig werden.«

»Mein liebes Fräulein«, rief ich abwehrend aus und war doppelt erschreckt, weil ich in meinem Innersten weit davon entfernt war, Frau Haldin für ganz normal zu halten.

»Sie wissen nicht, was für einen scharfen und durchdringenden Verstand meine Mutter hatte«, fuhr Natalie fort, mit der ruhigen, verständigen Einfachheit, die mir immer wie eine Art Heroismus vorkam.

»Ich bin sicher ... «, murmelte ich.

»Ich verdunkelte Mutters Zimmer und kam hier heraus. Ich hatte es mir so lange gewünscht, ruhig nachdenken zu können.«

Sie unterbrach sich und fügte dann ohne irgendein Zeichen von Trauer hinzu: »Es ist sehr schwer.« Dabei sah sie mich seltsam starr an, als erwartete sie irgendeine Äußerung der Zustimmung oder Überraschung. Ich äußerte keines von beiden. Ich fühlte mich unwiderstehlich gedrängt, zu sagen:

»Der Besuch jenes Herrn hat es um nichts leichter gemacht, fürchte ich.«

Fräulein Haldin stand vor mir mit einem eigentümlichen Ausdruck in den Augen.

»Ich will nicht behaupten, daß ich Peter Iwanowitsch vollständig verstehe. Man muß irgendeine Führung haben, wenn man ihm auch nicht die Oberaufsicht über sein ganzes Leben in die Hand gibt, Ich bin ein unerfahrenes Mädchen, aber ich bin keine Sklavennatur. Davon haben wir in Rußland zu viele gehabt. Warum sollte ich nicht auf ihn hören? Es kann nicht schlimm sein, wenn man seine Gedanken leiten läßt. Aber ich will Ihnen gestehen, daß ich Peter Iwanowitsch gegenüber nicht ganz unbefangen bin. Ich weiß nicht recht, was mich im Augenblick hindert ... «

Sie ging plötzlich von mir weg in eine entfernte Ecke des Zimmers. Sie öffnete rasch eine Schublade, schob sie wieder zu und kam mit einem Stück Papier in der Hand zurück. Es war dünn und mit engen Schriftzügen bedeckt. Augenscheinlich ein Brief.

»Ich wollte es Ihnen wörtlich vorlesen«, sagte sie. »Es ist einer der Briefe meines armen Bruders. Er zweifelte nie. Wie konnte er zweifeln? Sie sind ja nur eine kleine Handvoll Leute, die Unterdrücker, gegen den einmütigen Willen unseres Volkes.«

»Ihr Bruder glaubte daran, daß der Wille eines Volkes alles erreichen könne?«

»Es war seine Religion«, erklärte Fräulein Haldin.

Ich sah auf ihr ruhiges Gesicht und ihre belebten Augen.

»Natürlich muß der Wille geweckt werden, gesammelt und aufgestachelt«, fuhr sie fort. »Das ist die wahre Aufgabe richtiger Agitatoren. Man muß sein ganzes Leben daran setzen. Die Erniedrigung, die Knechtschaft, die absolutistischen Lügen müssen entwurzelt und fortgeschwemmt werden. Eine Reform ist unmöglich. Es gibt nichts zu reformieren. Wir haben keine Gesetze, keine Institutionen, wir haben nur eigenmächtige Entscheidungen; nur eine Handvoll grausame, vielleicht blinde Beamte stehen gegen ein Volk.«

Der Brief raschelte leise in ihrer Hand. Ich sah auf die bekritzelten Blätter herunter, deren Handschrift allein schon kabbalistisch schien, unverständlich für das westliche Europa.

»Wenn man es so darstellt«, gab ich zu, »so erscheint das Problem recht einfach. Ich fürchte aber, daß ich seine Lösung nicht erleben werde. Wenn Sie nach Rußland zurückgehen, dann weiß ich, daß ich Sie nie wiedersehen werde; und doch sage ich nochmals: Gehen Sie zurück! Glauben Sie nicht, daß ich nur auf Ihre Erhaltung bedacht bin. Nein, ich weiß, daß eine Rückkehr Sie die persönliche Sicherheit kosten würde. Doch ich will Sie mir weit lieber dort in Gefahr vorstellen, als dem ausgesetzt, was hier vielleicht an Sie herantreten möchte.«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, sagte Fräulein Haldin mit kurzer Überlegung. »Ich glaube, Sie hassen die Revolution. Sie halten sie nicht für anständig. Sie gehören einem Volke an, das einen Pakt mit dem Schicksal abgeschlossen hat und nun nicht dagegen verstoßen möchte. Wir aber haben keinen Pakt geschlossen. Es hat sich uns nie die Gelegenheit dazu geboten – so viel Freiheit für so viel bare Münze. Sie schrecken vor dem Gedanken zurück, daß irgend jemand, von dem Sie etwas halten, sich revolutionär betätigen könnte, als wäre das – wie soll ich sagen – etwas Unehrenhaftes.«

Ich senkte den Kopf.

»Sie haben ganz recht«, sagte ich. »Ich halte sehr viel von Ihnen.«

»Glauben Sie nicht, daß ich das nicht weiß«, fiel sie hastig ein. »Ihre Freundschaft war mir von höchstem Wert.«

»Ich habe wenig mehr getan, als zugesehen.«

Sie errötete ganz leicht unter den Augen.

»Es gibt eine Art zuzusehen, die wertvoll ist. Ich habe mich dadurch weniger einsam gefühlt. Es ist schwer zu erklären.«

»Wirklich? Nun, auch ich habe mich weniger einsam gefühlt. Und das ist leicht zu erklären. Aber ich will nicht weiter darüber sprechen. Nur eines möchte ich Ihnen noch sagen: in einer wirklichen Revolution – nicht einem einfachen Dynastiewechsel oder einer Reform der staatlichen Grundlagen –, in einer wirklichen Revolution kommen die besten Charaktere nicht obenauf. Eine heftige Revolution fällt zunächst einmal engsichtigen Fanatikern und tyrannischen Heuchlern in die Hände. Dann kommt die Reihe an alle die anspruchsvollen, intellektuellen Bankerotteure der Zeit. Das sind die Häupter und Führer. Sie werden bemerken, daß ich die einfachen Schurken nicht mitgenannt habe. – Die gründlichen und gerechten, die edlen, menschlichen und hingebungsvollen Naturen, die Selbstlosen und Intelligenten mögen eine Bewegung beginnen – sie gleitet ihnen aber aus der Hand. sie sind nicht die Führer einer Revolution –, sie sind ihre Opfer: Opfer des Abscheus, der Enttäuschung – oft der Reue. Schmählich verratene Hoffnungen, verzerrte Ideale, das ist die Definition revolutionären Erfolges. Bei jeder Revolution sind Herzen gebrochen an solchen Erfolgen. Doch genug davon. Ich will nur sagen, daß ich nicht wünsche, daß Sie ein Opfer werden möchten.«

»Selbst wenn ich alles glauben könnte, was Sie gesagt haben, so wollte ich doch immer noch nicht an mich selbst denken«, wehrte Fräulein Haldin ab. »Ich würde Freiheit aus jeder Hand nehmen, wie ein Hungriger nach einem Stück Brot greift. Der wahre Fortschritt muß nachher einsetzen, und dafür werden sich die rechten Leute finden lassen. Sie sind schon unter uns. Man trifft sie da und dort in ihrer Abgeschiedenheit und Namenlosigkeit, wie sie sich vorbereiten ... «

Sie breitete den Brief aus, den sie die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte, wiederholte mit einem Blick darauf: »Ja! man trifft solche Leute«, und las dann laut die Worte vor: »Fleckenlose, hochgesinnte und einsame Existenzen.«

Sie faltete den Brief zusammen und erklärte, während ich sie fragend ansah:

»Das sind die Worte, in denen mein Bruder von einem jungen Mann spricht, den er in Petersburg kennengelernt hat. Ein vertrauter Freund, vermute ich. Es muß so sein. Sein Name ist der einzige, den mein Bruder in seiner ganzen Korrespondenz mit mir erwähnt. Durchaus der einzige, und – würden Sie es glauben – der Mann ist hier. Er kam kürzlich in Genf an.«

»Haben Sie ihn gesehen?« forschte ich. »Aber natürlich müssen Sie ihn gesehen haben.«

»Nein, nein, das habe ich nicht, ich wußte nicht, daß er hier ist. Peter Iwanowitsch selbst hat es mir gesagt. Sie haben es ja auch gehört, wie er einen neuen Ankömmling aus St. Petersburg erwähnte ... Nun gut, das ist der Mann mit der ›fleckenlosen, hochgesinnten und einsamen Existenz‹. Meines Bruders Freund!«

»Politisch kompromittiert, vermute ich«, warf ich ein.

»Das weiß ich nicht. Ja, es muß wohl so sein. Wer weiß. Vielleicht war es ebendiese Freundschaft mit meinem Bruder ... aber nein, das ist kaum möglich. Ich weiß eigentlich nichts weiter von ihm, als was Peter Iwanowitsch mir gesagt hat. Er hat ein Empfehlungsschreiben von Vater Zosim gebracht. – Sie kennen ihn doch, den priesterlichen Demokraten; Sie haben von Vater Zosim gehört?«

»O ja, der berühmte Vater Zosim war vor ungefähr einem Jahr etwas über zwei Monate hier in Genf«, sagte ich. »Nach seiner Abreise von hier scheint er verschwunden zu sein.«

»Es hat den Anschein, daß er wieder in Rußland an der Arbeit ist. Irgendwo im Zentrum«, sagte Fräulein Haldin lebhaft. »Aber bitte, erwähnen Sie das zu niemand, lassen Sie ja nichts davon verlauten, denn wenn etwas davon in die Zeitungen käme, so wäre es für ihn gefährlich.«

»Sie sind natürlich begierig, diesen Freund Ihres Bruders kennenzulernen?« fragte ich.

Fräulein Haldin steckte den Brief in die Tasche. Ihre Augen wanderten über mich weg nach der Tür von ihrer Mutter Zimmer.

»Nicht hier«, murmelte sie, »nicht zum ersten Male wenigstens.«

Nach einem kurzen Schweigen empfahl ich mich, doch Fräulein Haldin folgte mir in das Vorzimmer und schloß behutsam die Tür hinter uns.

»Sie vermuten wohl schon, wo ich morgen hingehen will?«

Sie haben sich entschlossen, bei Madame de S. Besuch zu machen.«

»Ja. Ich gehe ins Chateau Borel. Ich muß.«

»Was, glauben Sie, werden Sie dort hören?« fragte ich leise.

Ich vermutete, daß sie sich mit irgendeiner unerfüllbaren Hoffnung trug. Es war aber nicht das.

»Denken Sie nur – so ein Freund. Der einzige Mann, den er in seinen Briefen nannte. Er muß mir etwas zu geben haben, und seien es auch nur ein paar arme Worte. Vielleicht etwas, was er in jenen letzten Tagen gesagt oder gedacht hat. Können Sie wollen, daß ich allem, was von meinem armen Bruder übrig ist, den Rücken kehre – einem Freunde?«

»Gewiß nicht«, sagte ich. »Ich verstehe Ihre pietätvolle Neugier durchaus.«

»Fleckenlose, hochgesinnte und einsame Existenzen«, murmelte sie vor sich hin. »Es gibt welche! Es gibt welche! Nun gut, lassen Sie mich eine davon über den geliebten Toten befragen.«

»Wie wissen Sie aber, daß Sie ihn dort treffen werden? Wohnt er als Gast im Schloß, glauben Sie?«

»Ich kann es wirklich nicht sagen«, gab sie zu. »Er brachte ein Empfehlungsschreiben von Vater Zosim, der, wie es scheint, ebenfalls ein Freund von Madame de S. ist. Schließlich muß sie doch keine gar so wertlose Frau sein.«

»Eine Zeitlang waren über Vater Zosim selbst alle möglichen Gerüchte im Umlauf«, bemerkte ich.

Sie zuckte die Schultern.

»Auch Verleumdung ist eine Waffe unserer Regierung, das ist gut bekannt. O ja, es ist Tatsache, daß Vater Zosim die Protektion des Gouverneurs einer gewissen Provinz genoß. Ich sprach darüber mit meinem Bruder vor ungefähr zwei Jahren, wie ich mich erinnere. Aber seine Arbeit war gut. Und jetzt ist er proskribiert. Kann man einen besseren Beweis verlangen? Doch einerlei, was der Priester war oder ist. Alles das hat mit dem Freunde meines Bruders nichts zu tun. Wenn ich ihn dort nicht treffe, dann werde ich die Leute nach seiner Adresse fragen, und natürlich muß ihn meine Mutter später auch kennenlernen. Er kann uns vielleicht alles mögliche zu sagen haben. Es wäre eine Wohltat, wenn Mutter etwas beruhigt werden könnte. Sie wissen ja, was sie sich vorstellt. Vielleicht kann man eine Erklärung finden – oder erfinden sogar; es wäre keine Sünde.«

»Gewiß«, sagte ich, »es wäre keine Sünde, nur – nur – ein Fehler vielleicht.«

»Ich möchte nur, daß sie einen Teil ihrer alten geistigen Frische zurück gewinnt. Solange sie so ist wie jetzt, kann ich nichts in Ruhe überdenken.«

»Denken Sie daran, irgendeinen frommen Betrug zum Wohl Ihrer Mutter zu ersinnen?« fragte ich.

»Warum Betrug? Ein solcher Freund muß unbedingt etwas über die letzten Tage meines Bruders wissen. Er könnte uns sagen ... Es ist irgend etwas in den Tatsachen, was mir keine Ruhe läßt. Ich bin sicher, daß er uns hier ins Ausland nachkommen wollte – daß er irgendwelche Pläne hatte, irgendeine große patriotische Tat im Auge; nicht nur für sich allein, sondern für uns beide. Ich glaubte daran; ich erwartete freudig die Zeit, oh, mit so viel Hoffnung und Ungeduld ... Ich hätte helfen können. Und jetzt plötzlich dieser Anschein von Rücksichtslosigkeit – als wäre ihm nichts daran gelegen gewesen ...«

Sie schwieg eine Zeit und schloß dann eigensinnig: »Ich will wissen ... «

Als ich später langsam den Boulevard des Philosophes hinunterschritt, überdachte ich das Gespräch und fragte mich selbst, was es denn im Grunde sein könnte, was sie wissen wollte. Ich wußte genug von ihrer Geschichte, um einen Anhaltspunkt zu finden. In der Höheren Töchterschule, in der Fräulein Haldin ihre Studien beendet hatte, war sie mit recht mißgünstigen Augen betrachtet worden. Man hatte sie im Verdacht, daß sie eigene Ansichten habe über Fragen, die im offiziellen Lehrplan gelöst schienen. Als später die beiden Damen sich auf ihr Landgut zurückzogen, hatten beide, Mutter und Tochter, bei offiziellen Zusammenkünften ihre Meinung geäußert und sich dabei in den Ruf von Liberalismus gebracht. Das Dreigespann des Polizeikapitäns des Distriktes wurde immer häufiger in ihrem Dorfe gesehen. »Ich muß die Bauern im Auge behalten«, so erklärte er seine Besuche oben im Herrenhaus. »Nach zwei alleinstehenden Damen muß man sich ein bißchen umsehen.« Er inspizierte dann die Wände, als wollte er sie mit den Augen durchdringen, sah die Photographien an, drehte nachlässig die Bücher im Wohnzimmer um und verabschiedete sich nach der üblichen Erfrischung. Eines Abends aber kam der alte Priester aus dem Dorf in der größten Betrübnis und Aufregung und berichtete, daß er, der Priester, den Auftrag erhalten habe, alles, was in dem Hause vorging, scharf zu überwachen, auch auf andere Weise (so zum Beispiel unter Ausnützung seines geistlichen Einflusses auf die Dienerschaft), ganz besonders aber auf Besuche zu achten, die die Damen erhielten, wer es war, wie lange sie blieben, ob manche davon in der Gegend fremd waren, und so weiter. Der einfache alte Mann war aufs tiefste erniedrigt und erschreckt. »Ich bin gekommen, um Sie zu warnen. Seien Sie vorsichtig in Ihrer Lebensweise, um der Liebe Gottes willen. Ich schäme mich zu Tode. Aber für mich gibt es kein Entrinnen. Ich werde ihnen sagen müssen, was ich sehe, denn täte ich es nicht, so ist da mein Diakonus. Der ist zu allem imstande, wenn es sich darum handelt, sich in Gunst zu setzen. Und dann mein Schwiegersohn, der Mann meiner Parascha, der Schreiber im kaiserlichen Domänenamt ist; sie würden ihn schnell hinauswerfen – und vielleicht irgendwohin weit wegschicken.« Der alte Mann jammerte über die harten Zeiten, »wenn die Leute irgendwie mißfallen«, und trocknete sich die Augen. Er wünschte nicht, seinen Lebensabend mit kahlgeschorenem Kopf in der Büßerzelle irgendeines Klosters zu verbringen – der ganzen Strenge der kirchlichen Strafen unterworfen, »denn die würden kein Mitleid haben mit einem alten Mann«, stöhnte er. Er bekam förmlich einen Weinkrampf, und die beiden Damen versuchten, voller Mitleid und so gut es ging, ihn zu trösten, bevor sie ihn in sein Dorf zurückgehen ließen. Übrigens bekamen sie tatsächlich wenig Besuch. Die Nachbarn, darunter ein paar alte Freunde, begannen sich fernzuhalten. Einige aus Ängstlichkeit, andere mit deutlicher Verachtung – das waren große Leute, die nur für den Sommer kamen, erklärte mir Fräulein Haldin, Aristokraten, Reaktionäre, Es war ein einsames Leben für ein junges Mädchen. Ihre Beziehungen zu ihrer Mutter waren von der zärtlichsten und offenherzigsten Art; doch Frau Haldin hatte sich die Erfahrungen ihrer Zeit zu eigen gemacht. Ihre Leiden, ihre Enttäuschungen. ihre Apostasien; ihre Zuneigung zu ihren Kindern äußerte sich darin, daß sie jedes Anzeichen von Angst unterdrückte. Sie behielt eine heldenhafte Zurückhaltung bei. Der einzige sichtbare Vertreter der geächteten Freiheit war für Natalie Haldin ihr Bruder, mit seinem Petersburger Leben, das zwar durchaus nicht rätselhaft (denn über seine Gefühle und Gedanken konnte kein Zweifel bestehen), aber in gewissen Einzelheiten in Geheimnis gehüllt war. Das innerste Wesen der Freiheit, ihre zahllosen Versprechungen lebten in ihren langen Gesprächen auf, die die kühnsten Tathoffnungen und den Glauben an Erfolg atmeten. Dann plötzlich kamen die Taten und die Hoffnungen zu einem Ende infolge der Einzelheiten, die ein englischer Journalist herausgebracht hatte. Die konkrete Tatsache, die Tatsache seines Todes blieb bestehen. Ihre tieferen Gründe aber schienen unerfindlich. Sie fühlte sich verlassen, ohne Aufklärung, und doch hatte sie keinen Verdacht gegen ihn. Ihr einziger Wunsch war, jetzt um jeden Preis zu erfahren, wie sie seinem abgeschiedenen Geist die Treue wahren könne.

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