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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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Zweiter Teil

1

Im Verlauf einer erfundenen Erzählung müssen zweifellos gewisse Eigentümlichkeiten beachtet werden, um die Klarheit und Wirkung zu verstärken. Ein Mann von Einbildungskraft, und sei er noch so unerfahren in der Erzählungskunst, wird sich von seinem Instinkt bei der Wahl der Worte und bei der Entwicklung der Handlung leiten lassen können. Ein Funke Talent entschuldigt viele Fehler. Doch dies ist kein Werk der Einbildungskraft; ich habe kein Talent. Meine Entschuldigung für dieses Unternehmen liegt nicht in seiner Kunst, sondern in seiner Kunstlosigkeit. Ich bin mir meiner Grenzen wohl bewußt, halte an meiner innerlichen Absicht fest und würde nie versuchen (selbst wenn ich dazu imstande wäre), irgend etwas zu erfinden. Meine Bedenken gehen so weit, daß ich nicht einmal einen Übergang erfinden wollte.

So lasse ich also Rasumoffs Erinnerungen an dem Punkt abbrechen, wo Rat Mikulins Frage »Wohin?« sich mit der Gewalt eines unlösbaren Problems aufdrängt, und stelle ganz einfach fest, daß ich die Bekanntschaft der beiden Damen ungefähr sechs Monate vorher gemacht hatte. Mit den »beiden Damen« meine ich natürlich die Mutter und die Schwester des unglücklichen Haldin.

Durch was für Vorstellungen er seine Mutter dazu gebracht hatte, ihr kleines Gut zu verkaufen und für unbestimmte Zeit außer Landes zu gehen, kann ich nicht genau angeben. Ich glaube nur, daß Frau Haldin auf den Wunsch ihres Sohnes ihr Haus auch angezündet hätte und nach dem Monde ausgewandert wäre, ohne irgendein Zeichen von Überraschung oder Bestürzung, und daß Fräulein Haldin – Natalie, mit dem Kosenamen Natalka – ihre Einwilligung dazu gegeben hätte.

Ihre zärtliche stolze Ergebenheit für den jungen Mann wurde mir nach sehr kurzer Zeit klar. Seinem Wunsche entsprechend, fuhren sie ohne Aufenthalt nach der Schweiz – nach Zürich – und blieben da ziemlich ein Jahr. Von Zürich aus, das ihnen nicht gefiel, kamen sie nach Genf. Einer meiner Freunde in Lausanne, der an der Universität Geschichte las (er hatte eine Russin geheiratet, eine entfernte Verwandte von Frau Haldin), forderte mich brieflich auf, den Damen einen Besuch zu machen. Es war ein sehr gut gemeinter, geschäftlicher Rat. Fräulein Haldin wünschte mit einem tüchtigen Lehrer die besten englischen Autoren durchzunehmen.

Frau Haldin empfing mich überaus freundlich. Ihr schlechtes Französisch, über das sie selbst lächelte, ließ gleich bei der ersten Unterredung keine Förmlichkeit aufkommen. Sie war eine schlanke Frau in schwarzem Seidenkleid; hochgeschwungene Brauen, regelmäßige Züge und fein geschnittene Lippen zeugten von ihrer früheren Schönheit. Sie saß gerade aufgerichtet in einem Armstuhl und erzählte mir mit ziemlich leiser, freundlicher Stimme, daß der Wissensdurst ihrer Natalka einfach unersättlich sei. Ihre mageren Hände hielt sie im Schoß, und die Unbeweglichkeit ihres Gesichtes gab ihr etwas fast Mönchisches. In Rußland, fuhr sie fort, sei alles Wissen mit Lüge durchsetzt. »Nicht Chemie und die ähnlichen Fächer, sondern die Erziehung im allgemeinen«, erklärte sie. Die Regierung fälsche den Lehrplan zugunsten ihrer eigenen Zwecke. Ihre beiden Kinder hätten das erfahren müssen. Ihre Natalka habe eine höhere Töchterschule absolviert, und ihr Sohn sei Student an der Petersburger Universität. Er sei äußerst intelligent, dabei vornehm und selbstlos von Charakter, und seine Kameraden hingen blind an ihm. Zu Beginn des nächsten Jahres würde er sie, so hoffte sie, hier abholen, und sie würden zusammen nach Italien gehen. In jedem anderen als in ihrem eigenen Lande wäre einem Mann von den glänzenden Fähigkeiten und dem reinen Charakter ihres Sohnes eine große Zukunft gewiß, in Rußland aber ...

Die junge Dame, die beim Fenster saß, wendete den Kopf und sagte,: »Ach, Mutter, sogar bei uns ändern sich die Dinge mit den Jahren.«

Ihre Stimme war tief, fast rauh und doch einschmeichelnd trotz ihrer Rauheit. Sie hatte eine dunkle Hautfarbe, rote Lippen und eine volle Figur und erweckte den Eindruck starker Lebenskraft. Die alte Dame seufzte.

»Ihr seid jung, ihr beide. Für euch ist es leicht, zu hoffen. Ich bin ja allerdings auch nicht hoffnungslos, wie könnte ich auch – mit einem solchen Sohne.«

Ich wandte mich an Fräulein Haldin und fragte sie, welche Autoren sie zu lesen wünschte. Sie richtete ihre grauen, von schwarzen Wimpern überschatteten Augen auf mich, und ich merkte trotz meiner Jahre, welche starke physische Anziehungskraft ihre Persönlichkeit auf einen Mann ausüben konnte, der imstande war, an einer Frau etwas mehr als die rein weibliche Grazie zu schätzen. Ihr Blick war gerade und offen, wie der eines jungen Mannes, dem die Schule des Lebens noch nichts anhaben konnte. Es sprach auch eine Furchtlosigkeit daraus, die aber nicht aggressiv wirkte; naive und doch gedankenvolle Sicherheit wäre ein besserer Ausdruck. Sie hatte schon nachgedacht (in Rußland beginnen die Jungen früh zu denken), doch hatte sie bisher die Enttäuschung nicht kennengelernt, da sie augenscheinlich noch keiner Leidenschaft erlegen war. Sie war, das lehrte ein Blick auf sie zur Genüge, wohl imstande, sich an einer Idee oder auch nur an einer Person zu begeistern. Wenigstens urteilte ich so, mit, wie ich glaube, ungetrübter Objektivität. Denn es lag auf der Hand, daß ich nicht die Person sein konnte – und meine Ideen erst! ...

Wir wurden gute Freunde im Verlaufe dieser Lesestunden. Es war sehr unterhaltend. Ohne Angst, ein Lächeln hervorzurufen, will ich gern gestehen, daß ich mich zu dem jungen Mädchen sehr hingezogen fühlte. Nach vier Monaten sagte ich ihr, daß sie nun recht gut für sich allein Englisch lesen könne. Für den Lehrer sei es Zeit, sich zurückzuziehen. Meine Schülerin schien unangenehm überrascht.

Frau Haldin, mit dem unbeweglichen Gesicht und dem gütigen Ausdruck in den Augen, sagte aus ihrem Lehnstuhl heraus in ihrem unsicheren Französisch: »Mais l'ami reviendra!« Und so wurde es abgemacht. Ich kam wieder – nicht viermal in der Woche wie früher, aber doch noch ziemlich häufig. Im Herbst machten wir zusammen und in Gesellschaft einiger anderer Russen ein paar kurze Ausflüge. Meine Freundschaft mit den beiden Damen gab mir in der russischen Kolonie eine Stellung, die ich sonst nicht erreicht hätte.

An dem Tage, an dem ich in den Zeitungen die Nachricht von der Ermordung des Herrn von P. gelesen hatte – es war ein Sonntag –, traf ich die beiden Damen auf der Straße und ging ein kurzes Stück mit ihnen. Frau Haldin trug einen schweren grauen Mantel über ihrem schwarzen Seidenkleid, daran erinnere ich mich noch, und ihre schönen Augen begegneten den meinen mit ganz ruhigem Ausdruck.

»Wir waren im zweiten Hochamt«, sagte sie. »Natalka kam mit mir; ihre Freundinnen, die Studentinnen hier, tun das natürlich nicht ... Bei uns in Rußland identifiziert man die Kirche so mit der Unterdrückung, daß es für einen, der in diesem Leben frei sein will, fast notwendig erscheint, auch jede Hoffnung auf ein ewiges Leben aufzugeben. Ich kann es aber nicht lassen, für meinen Sohn zu beten.«

Sie fügte mit einer steinernen Ruhe und leicht errötend auf französisch hinzu: »Ce n'est peut-être qu'une habitude« (es ist vielleicht nur eine Gewohnheit).

Fräulein Haldin trug das Gebetbuch. Sie sah ihre Mutter nicht an.

»Du und Viktor, ihr seid beide tief gläubig.«

Ich teilte ihnen die Neuigkeiten aus ihrem Lande mit, die ich eben in einem Café gelesen hatte. Eine volle Minute lang schritten wir nebeneinander, in recht plötzlichem Schweigen, dann murmelte Frau Haldin:

»Nun wird es noch mehr Aufregungen, noch mehr Verfolgungen deswegen geben. Vielleicht schließt man sogar die Universität. In Rußland gibt es für niemand Frieden und Ruhe, außer im Grabe.«

»Ja. Das ist hart«, ließ sich die Tochter hören und sah starr auf die schneebedeckten Juraketten, die wie eine weiße Mauer das Ende der Straße abschlossen. »Doch der Tag der Einigkeit ist nicht mehr so weit entfernt.«

»So denken meine Kinder«, bemerkte Frau Haldin mir zugewandt.

Ich konnte mich nicht enthalten zu sagen, daß es meiner Ansicht nach ein merkwürdiger Zeitpunkt sei, von Einigkeit zu sprechen. Natalie Haldin überraschte mich durch die Erwiderung, daß die Abendländer die Lage nicht verstünden. Sie schien über die Frage viel nachgedacht zu haben und war ganz ruhig und voll jugendlicher Überlegenheit. »Sie glauben, es ist ein Klassenstreit oder ein Interessenkampf, wie es eben die sozialen Kämpfe bei Ihnen in Europa sind. Es ist aber nichts der Art, sondern etwas ganz anderes.«

»Es ist sehr wohl möglich, daß ich es nicht verstehe«, gab ich zu. Diese Neigung, jedes Problem durch irgendeinen mystischen Ausdruck aus dem Gebiete des Verständlichen hinauszuheben, ist ganz russisch. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, wie sehr sie alle praktischen Formen politischer Freiheit verachtete, die in der westlichen Welt bekannt waren. Ich glaube, man muß Russe sein, um die russische Einfachheit zu verstehen. Eine furchtbar ätzende Einfachheit, wenn ich so sagen darf, bei der mystische Phrasen einen naiven und hoffnungslosen Zynismus verkleiden. Ich glaube mitunter, daß das psychologische Geheimnis der Grundverschiedenheit dieses Volkes darin liegt, daß sie das Leben verachten, das unverbesserliche Leben dieser Welt, wie es ist, während wir vom Westen es vielleicht in gleichem Maße lieben und dabei seine sentimentalen Werte in gleicher Weise überschätzen. Doch ich verliere den Faden ...

Ich half den Damen in die Straßenbahn, und sie forderten mich auf, sie nachmittags zu besuchen. Wenigstens Frau Haldin sprach die Einladung aus, während sie einstieg, und ihre Natalka lächelte von der rückwärtigen Plattform des abfahrenden Wagens nachsichtig auf den begriffsstutzigen Westeuropäer herunter. Das Licht des klaren Wintermorgens strahlte gedämpft aus ihren grauen Augen.

Rasumoffs Tagebuch erweckt in mir, wie das offene Buch des Schicksals, die Erinnerung an jenen Tag wieder, und wieder fühlte ich die furchtbare Grausamkeit, die in dem Ausbleiben jedes Vorzeichens lag. Viktor Haldin war noch unter den Lebenden, doch unter den Lebenden, deren einzige Berührung mit dem Leben die Erwartung des Todes bildet. Er durchlebte damals wohl schon die letzte seiner irdischen Heimsuchungen, die Stunden jenes hartnäckigen Schweigens, das ihn in die Ewigkeit hinüberführte ...

An jenem Nachmittag hatten die Damen eine große Anzahl ihrer Landsleute zu Gast – weit mehr, als sie sonst auf einmal zu empfangen pflegten –, und das Wohnzimmer im Erdgeschoß des großen Hauses im Boulevard des Philosophes war ziemlich überfüllt.

Ich blieb bis ganz zuletzt, und als ich mich erhob, stand auch Fräulein Haldin auf. Ich nahm ihre Hand und fühlte den Wunsch, das Gespräch, das wir am Morgen in der Straße gehabt hatten, wieder aufzunehmen.

»Zugegeben, daß wir westlichen Menschen den Charakter Ihres Volkes nicht verstehen ... «, begann ich.

Es war, als sei sie durch irgendeine geheimnisvolle Vorahnung auf meine Frage vorbereitet gewesen. Sie unterbrach mich freundlich.

»Seine Impulse – seine ... «, sie suchte nach dem richtigen Ausdruck und fand ihn, aber im Französischen ... »seine mouvements d'âme.« Ihre Stimme war nicht viel mehr als ein Flüstern.

»Ganz recht«, sagte ich, »aber dennoch sind wir Zeugen eines Konfliktes. Sie sagen, dieser Konflikt spielt nicht zwischen den Klassen oder Interessen. Nehmen wir an, ich gäbe das zu. Sind denn aber widerstreitende Ideen leichter zu versöhnen – kann man sie mit Blut und Gewalt zu der Einigkeit verschweißen, die, wie Sie behaupten, so nahe ist?«

Sie sah mich mit ihren klaren grauen Augen forschend an und antwortete nicht auf meine vernünftige Frage, die so klar gestellt und doch nicht zu beantworten war.

»Es ist unfaßbar«, fügte ich hinzu, mit einem Anflug von Ärger.

»Alles ist unfaßbar«, sagte sie. »Die ganze Welt ist dem streng logischen Denken unfaßbar, und doch besteht sie für unseren Sinn, und wir bestehen mit ihr. Es muß eine Notwendigkeit geben, die über unserem Begriffsvermögen steht. Es ist eine ganz elende und ganz verkehrte Sache, einfach zur Masse zu gehören. Wir Russen werden einmal eine würdigere Form nationaler Freiheit finden als den künstlichen Konflikt von Parteien – der falsch ist, weil er ein Konflikt, und verächtlich, weil er künstlich ist. Uns Russen ist es vorbehalten, einen besseren Weg zu finden.«

Frau Haldin hatte zum Fenster hinausgesehen. Nun wandte sie mir die fast leblose Schönheit ihres Gesichts und den belebten, gütigen Blick ihrer großen dunklen Augen zu.

»So denken meine Kinder«, erklärte sie.

»Ich vermute«, sagte ich zu Fräulein Haldin, »daß Sie empört sein werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht verstanden habe – nicht etwa ein einzelnes Wort. Ich habe alle Worte verstanden. … aber was Sie unter dieser erhofften Ära körperloser Einigkeit verstehen ... Das Leben ist eine Frage der Form. Es hat seine plastische Gestalt und seine scharf umrissenen begrifflichen Grenzen. Die idealsten Begriffe von Liebe und Verzeihung müssen erst Fleisch und Blut gewinnen, bevor sie verständlich werden.«

Ich verabschiedete mich von Frau Haldin, deren schöne Lippen reglos blieben. Sie lächelte nur mit den Augen. Natalie Haldin kam mit mir bis zur Tür und war sehr liebenswürdig.

»Mutter glaubt, daß ich das sklavische Echo meines Bruders Viktor bin. Das ist nicht so. Er versteht mich besser, als ich ihn verstehen kann. Wenn er hier zu uns kommt und Sie ihn kennenlernen, dann werden Sie sehen, was für ein Ausnahmemensch er ist.« Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Er ist kein starker Mann im landläufigen Sinn, sein Charakter aber ist fleckenlos.«

»Ich hoffe, daß es mir nicht schwerfallen soll, mit Ihrem Bruder Viktor Freund zu werden.«

»Erwarten Sie nicht, ihn ganz zu verstehen«, sagte sie ein wenig boshaft. »Er ist im Grunde ganz und gar nicht .... ganz und gar nicht ... westlich

Und nach dieser unnötigen Warnung verließ ich den Raum, mit einer zweiten Verbeugung, von der Türe aus, gegen Frau Haldin, die in ihrem Lehnstuhl beim Fenster saß. Die Autokratie hatte schon, ohne daß ich es bemerkt hatte, auf den Boulevard des Philosophes ihre Schatten geworfen, in der freien, unabhängigen und demokratischen Stadt Genf, deren einer Bezirk »La Petite Russie« heißt. Wo immer zwei Russen zusammenkommen, da ist der Schatten der Autokratie mit ihnen, färbt ihre Gedanken, ihre Ansichten, ihre eigensten Gefühle, ihr inneres Leben, ihr offizielles Auftreten – spukt bis in das Geheimnis ihres Schweigens hinein.

Was mir im Laufe der nächsten Woche auffiel, war das Schweigen der Damen. Ich pflegte sie beim Spazierengehen in den öffentlichen Gärten neben der Universität zu treffen. Sie begrüßten mich mit gewohnter Freundlichkeit, ich konnte aber nicht umhin, ihre Schweigsamkeit zu bemerken. Um diese Zeit war es ganz allgemein bekannt, daß der Mörder des Herrn von P. gefaßt, abgeurteilt und hingerichtet worden war. So viel war von Amts wegen den Telegraphenagenturen mitgeteilt worden.

Für die große Welt aber blieb sein Name ein Geheimnis. Die amtliche Verschwiegenheit enthielt ihn dem Publikum vor. Den Grund dafür kann ich mir allerdings nicht vorstellen.

Eines Tages traf ich Fräulein Haldin, die allein auf den Bastionen unter den entlaubten Bäumen spazierenging. »Mutter ist nicht ganz wohl«, erklärte sie mir.

Da Frau Haldin bisher, soviel ich wußte, nicht einen Tag lang krank gewesen war, so war dieses Unwohlsein beunruhigend. Es handelte sich aber um nichts Bestimmtes.

»Ich glaube, sie sorgt sich, weil wir schon sehr lange von meinem Bruder ohne Nachricht sind.«

»Keine Nachricht – gute Nachricht«, sagte ich aufmunternd, und wir begannen langsam nebeneinander herzugehen.

»Das gilt nicht für Rußland«, meinte sie so leise, daß ich kaum noch die Worte verstehen konnte. Ich sah sie aufmerksam an.

»Sind Sie auch in Angst?«

Sie gab es nach einem kurzen Zögern zu.

»Es ist wirklich schon sehr lange her, seit wir hörten ... «

Und bevor ich die in solchen Fällen angebrachten Trostworte finden konnte, vertraute sie sich mir an.

»Oh, es ist ja weit Schlimmeres als nur das. Ich habe nach Petersburg an eine bekannte Familie geschrieben. Sie hatten ihn mehr als einen Monat nicht gesehen und glaubten, er sei schon bei uns. Sie schienen sogar ein wenig beleidigt, daß er Petersburg verlassen haben sollte, ohne ihnen einen Abschiedsbesuch zu machen. Der Gemahl der Dame ging sofort in seine Wohnung. Viktor war ausgezogen, und die Leute wußten seine Adresse nicht.«

Ich erinnere mich noch, daß sie dabei recht bedrückt schien. Ihr Bruder war auch sehr lange nicht mehr in den Vorlesungen gesehen worden. Er kam nur dann und wann an das Tor der Universität und fragte den Portier nach Briefen, und der befreundete Herr erhielt die Auskunft, daß der Student·Haldin die beiden letzten Briefe nicht mehr geholt habe. Dagegen sei die Polizei erschienen, um nachzuforschen, ob der Student Haldin jemals an die Universität Post bekommen habe, und habe sie beschlagnahmt.

»Meine beiden letzten Briefe«, sagte sie.

Wir sahen einander an. Ein paar vereinzelte Schneeflocken tanzten in dem nackten Geäst. Der Himmel war dunkel.

»Was, glauben Sie, kann geschehen sein?« fragte ich.

Sie bewegte nur leise die Schultern.

»Das kann man gar nicht sagen – in Rußland.«

Da sah ich wieder den Schatten der Autokratie über dem russischen Leben liegen, ganz gleich, ob es in Ergebenheit oder Aufruhr verfloß. Ich sah, wie er das junge offene Gesicht des Mädchens verdunkelte, das aus dem großen Pelzkragen hervorsah, sah, wie er den Blick ihrer klaren Augen trübte. »Gehen wir weiter«, sagte sie. »Es ist heute zu kalt zum Stehen.«

Sie fröstelte leise und stampfte mit den kleinen Füßen. Wir gingen schnell bis zum Ende der Allee und zurück bis zum großen Tor des Gartens.

»Haben Sie es Ihrer Mutter gesagt?« fragte ich.

»Nein, noch nicht. Ich lief hier heraus, um den Eindruck dieses Briefes loszuwerden.«

Ich hörte ein Papier rascheln. Es kam aus ihrem Muff; sie hatte den Brief bei sich.

»Wovor fürchten Sie sich eigentlich?«

Uns Westeuropäern scheint jeder Gedanke an politische Verschwörungen kindisch, eine plumpe Erfindung für das Theater oder für eine Schauergeschichte. Ich wollte meine Fragen nicht genauer stellen.

»Für mich und besonders für meine Mutter gibt es nur eine Angst, die vor der Ungewißheit. Leute können verschwinden. Jawohl, sie verschwinden einfach. Ich überlasse es Ihnen, sich auszudenken, was das heißt. Die grausame Spannung der Wochen – Monate – Jahre. Der Freund, von dem ich Ihnen sagte, hat seine Nachforschungen eingestellt, sobald er hörte, daß die Polizei die Briefe beschlagnahmt habe. Ich vermute, er fürchtet, sich selbst zu kompromittieren. Er hat eine Frau und Kinder – und warum sollte er schließlich ... überdies hat er keine einflußreichen Verbindungen und ist nicht reich. Was konnte er tun ... Ja, ich fürchte das Schweigen – für meine arme Mutter. Sie wird es nicht ertragen können. Für meinen Bruder fürchte ich ... « – sie vollendete fast unhörbar – » ... alles ...«

Wir waren nun nahe an dem Tor, das dem Theater gegenüberliegt. Sie hob die Stimme.

»Aber sogar in Rußland tauchen verlorene Leute wieder auf. Wissen Sie, was meine letzte Hoffnung ist? Vielleicht kommt er dieser Tage einmal zu uns hereingeschneit.«

Ich zog den Hut, sie neigte leicht den Kopf und verließ den Garten, die Hände im Muff, wohl um den grausamen Petersburger Brief geschlossen. Aus ihrer Erscheinung sprach eine merkwürdige Mischung von Zartheit und Kraft.

Zu Hause angekommen, schlug ich die Zeitung auf, die mir aus London nachgeschickt wurde, überblickte die Nachrichten aus Rußland – nicht die Telegramme, sondern die Nachrichten –, und das erste, was mir dabei in die Augen fiel, war der Name Haldin. Herrn von P.s Tod war nicht mehr aktuell. Der unternehmungslustige Korrespondent war aber stolz darauf, über dieses Ereignis der Zeitgeschichte eine weitere Information aufgespürt zu haben. Er hatte Haldins Namen aufgeschnappt und desgleichen auch die Geschichte der Verhaftung um Mitternacht in der Straße. Die Sensation, vom journalistischen Gesichtspunkte aus, war aber schon reichlich abgeflaut. Er widmete der Sache nicht mehr als zwanzig Zeilen von einer ganzen Spalte. Doch genügte auch das, mir eine schlaflose Nacht zu verschaffen. Ich machte mir klar, daß es eine Art Verrat wäre, Fräulein Haldin unvorbereitet diese journalistische Entdeckung unter die Augen kommen zu lassen, denn zweifellos würde die Nachricht am nächsten Morgen in französischen und Schweizer Blättern nachgedruckt werden. Ich quälte mich damit bis zum Morgen, konnte vor nervöser Erregung nicht schlafen und hatte gleichzeitig das niederdrückende Gefühl, in irgendein theatralisches und krankhaftes Schicksal mit verwickelt zu sein. Die Erkenntnis, welche krasse Dissonanz dieser Vorfall in das Leben der beiden Frauen tragen mußte, peinigte mich die ganze Nacht und setzte sich in quälende Angstzustände um. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, daß ihnen vielleicht, um ihres überfeinerten Seelenlebens willen, das ganze Ereignis besser auf immer verborgen bliebe. Als ich am nächsten Morgen zu ganz unglaublich früher Stunde mich bei ihnen melden ließ, war mir, als stände ich im Begriff, einen Akt des Vandalismus zu begehen …

Das ältliche Dienstmädchen führte mich ins Wohnzimmer; auf einem Stuhl lag ein Wischlappen, und gegen den Mitteltisch lehnte ein Besen. Die Sonnenstäubchen wirbelten in der Luft,. Ich bedauerte es, daß ich nicht lieber einen Brief geschrieben hatte, anstatt selbst zu kommen, und genoß doch dankbar den schönen Tag. Fräulein Haldin kam, in einem einfachen schwarzen Kleid, mit leichten Schritten aus dem Zimmer ihrer Mutter, ein Lächeln ungewisser Erwartung auf den Lippen.

Ich zog die Zeitung aus der Tasche. Ich hätte nie gedacht, daß eine Nummer des »Standard« eine Wirkung hervorrufen könnte wie das Haupt der Medusa. In einem Augenblick wurde ihr ganzes Gesicht steinern – ihre Augen – ihre Glieder. Das gräßlichste dabei war, daß sie bei aller Erstarrung doch lebendig blieb. Man merkte deutlich, wie ihr Herz pochte. Ich hoffe, daß sie mir die Verzögerung verziehen hat, die durch meine plumpen vorbereitenden Worte bedingt wurde. Der Aufschub währte nicht lange; sie hätte ja auch nicht für länger als höchstens eine oder zwei Sekunden in solcher Reglosigkeit verharren können; dann hörte ich, wie sie Atem holte. Als ob der Schock ihre moralische Widerstandskraft gelähmt und die Festigkeit ihrer Muskeln gebrochen hätte, so schienen die Züge ihres Gesichtes zu verschwimmen. Sie war furchtbar verändert. Sie sah gealtert aus – zerstört. Doch nur einen Augenblick lang, dann sagte sie fest:

»Ich will es meiner Mutter sofort sagen.«

»Ist das rätlich, bei ihrem Zustand?« warf ich ein.

»Was kann schlimmer sein als der Zustand, in dem sie den letzten Monat über war. Wir haben darüber eine ganz andere Auffassung. Für uns ist nicht er der Verbrecher; glauben Sie aber nicht, daß ich ihn vor Ihnen verteidigen will.«

Sie ging auf die Tür des Schlafzimmers zu, kam aber nochmals zurück und flüsterte mir zu, ich sollte nicht früher weggehen, als bis sie wiedergekommen sei. Zwanzig endlose Minuten lang hörte ich keinen Laut. Schließlich trat Fräulein Haldin heraus und ging mit ihren raschen leichten Schritten durch das Zimmer. Bei dem Armstuhl angekommen, ließ sie sich schwer hineinfallen, als sei sie völlig erschöpft.

Frau Haldin, erzählte sie mir, habe keine Träne vergossen. Sie sei aufrecht im Bett gesessen, und ihre Reglosigkeit, ihr Schweigen, seien äußerst beunruhigend gewesen. Schließlich habe sie sich langsam zurücksinken lassen und ihrer Tochter zugewinkt, sie möchte gehen.

»Sie wird mich jeden Augenblick rufen«, fügte Fräulein Haldin hinzu, »ich habe ihr eine Glocke ans Bett gestellt.«

Ich gestehe, daß sich für meine aufrichtige, starke Sympathie doch kein richtiger Anhaltspunkt bot. Die Leser aus dem Westen, für die diese Geschichte geschrieben ist, werden verstehen, was ich meine. Mir fehlte, wenn ich so sagen darf, die Erfahrung. Der Tod ist ein unbarmherziger Räuber, und der Schmerz über einen unersetzlichen Verlust ist uns allen vertraut. Kein Leben ist so einsam, daß es gegen diese Erfahrung gefeit wäre. Der Schmerz aber, den ich den beiden Damen zugefügt, hatte grausame Begleiterscheinungen – Bomben und Galgen – eine grauenerregende russische Staffage, die keine rechte Basis für meine Sympathie bot.

Ich war Fräulein Haldin dankbar dafür, daß sie mich nicht durch irgendeinen heftigen Gefühlsausbruch in Verlegenheit setzte. Ich bewunderte sie um dieser unerhörten Selbstbeherrschung willen, wenn ich darüber auch ein wenig erschrocken war. Es war die Ruhe einer furchtbaren Spannung. Wie, wenn plötzlich die Auslösung kam? Selbst die Türe von Frau Haldins Zimmer, hinter der die alte Mutter allein sich befand, erweckte furchtbare Vorstellungen.

Natalie Haldin murmelte traurig:

»Ich glaube, Sie fragen sich, was wohl meine Gefühle sein mögen?«

Das war im Grunde richtig. Ebendiese erstaunte Frage war es, die mich begriffsstutzigen Abendländer in meiner Sympathie verwirrte. Mir fiel beim besten Willen nichts ein als ein paar banale Trostworte, ein paar jener durchsichtigen Phrasen, in denen sich so recht unsere Ohnmacht vor fremdem Schmerz zeigt. Ich murmelte etwas der Art, daß das Leben für die Jungen immer noch Hoffnungen und Belohnung berge. Auch Pflichten – doch war ich ganz gewiß, daß ich sie daran nicht zu erinnern brauchte.

Sie hielt ihr Taschentuch in der Hand und zerrte nervös daran. »Ich vergesse sicher meine Mutter nicht«, sagte sie. »Wir waren immer drei, solange ich denken kann. Nun sind wir zu zweit – zwei Frauen. Sie ist nicht sehr alt, sie kann noch recht lange leben. Worauf sollen wir unsere Zukunft aufbauen, auf welcher Hoffnung oder welchem Trost?«

»Sie müssen weiter schauen«, sagte ich entschlossen, aus der Überzeugung heraus, daß dies der Ton war, den man diesem Ausnahmegeschöpf gegenüber anschlagen mußte. Sie sah mich einen Augenblick lang unverwandt an, und dann strömten die Tränen, die sie niedergehalten hatte, ungehemmt hervor. Sie sprang auf, trat in die Fensternische und wandte mir den Rücken zu.

Ich ging fort, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, mich ihr zu nähern. Am nächsten Tag erfuhr ich an der Tür, daß es Frau Haldin besser ging. Das ältliche Dienstmädchen teilte mir mit, daß eine Menge Leute – Russen – vorgesprochen hätten, daß aber Fräulein Haldin niemand empfangen habe. Zwei Wochen später, als ich wie gewöhnlich Nachfrage hielt, wurde ich hereingebeten und fand Frau Haldin auf ihrem gewöhnlichen Platz beim Fenster sitzen.

Auf den ersten Blick hätte man glauben können, daß nichts verändert sei. Ich erblickte über das Zimmer weg das vertraute Profil, etwas scharf geworden und von einer tiefen Blässe überzogen, wie man sie bei einer Kranken erwarten möchte. Keine Krankheit aber hätte die Veränderung in ihren schwarzen Augen hervorrufen können, die nicht mehr in freundlicher Ironie lächelten. Sie hob den Blick, als sie mir die Hand gab. Ich bemerkte, daß die drei Wochen alte Nummer des »Standard« zusammengefaltet obenauf auf einem Stoß von Briefschaften aus Rußland lag, auf einem kleinen Tisch neben dem Lehnstuhl. Frau Haldins Stimme war erschreckend schwach und farblos. Ihr erstes Wort an mich war eine Frage.

»War noch irgend etwas darüber in Ihren Zeitungen?«

Ich ließ ihre lange, abgemagerte Hand los, schüttelte verneinend den Kopf und setzte mich nieder.

»Die englische Presse ist wunderbar. Ihr kann nichts verborgen bleiben, und die ganze Welt muß es erfahren. Nur unsere russischen Nachrichten sind nicht immer leicht zu verstehen. Nicht immer leicht ... Aber englische Mütter schauen ja auch nicht nach solchen Nachrichten aus ... «

Sie legte die Hand auf die Zeitung und zog sie wieder weg. Ich sagte:

»Auch wir hatten tragische Perioden in unserer Geschichte.«

»Vor längerer Zeit, vor sehr langer Zeit.«

»Ja.«

»Es gibt Nationen, die mit dem Schicksal einen Handel geschlossen haben«, sagte Fräulein Haldin, die zu uns getreten war. »Wir brauchen Sie nicht zu beneiden.«

»Warum diese Verachtung?« fragte ich freundlich. »Mag sein, daß unser Handel nicht sehr ruhmvoll war. Die Zugeständnisse aber, die Männer und Nationen vom Schicksal erwirken, werden durch den Preis geheiligt, der dafür zu zahlen ist.«

Frau Haldin wandte den Kopf und sah eine Weile zum Fenster hinaus, mit diesem neuen, düsteren, erloschenen Blick ihrer eingesunkenen Augen, der eine so ganz andere Frau aus ihr machte.

»Dieser Engländer, dieser Korrespondent«, fragte sie mich plötzlich, »halten Sie es für möglich, daß er meinen Sohn gekannt hat?«

Auf diese befremdliche Frage konnte ich ihr nur antworten, daß es natürlich möglich sei. Sie merkte mir die Überraschung an.

»Wenn man wüßte, was es für ein Mensch wäre, könnte man ihm vielleicht schreiben.«

»Mutter glaubt«, erklärte Fräulein Haldin, die zwischen uns stand, eine Hand auf die Lehne des Stuhles gestützt, »daß mein armer Bruder vielleicht nicht versuchte, sich zu retten.«

Ich sah in einiger Bestürzung zu Fräulein Haldin auf, doch sie blickte ruhig auf ihre Mutter hinunter, die eben fortfuhr.

»Wir kennen nicht die Adresse irgendeines seiner Freunde. Eigentlich wissen wir überhaupt nichts von seinen Petersburger Kameraden. Er hatte eine ganze Reihe junger Freunde, sprach aber niemals viel von ihnen. Man konnte nur erraten, daß sie sich als seine Schüler fühlten und ihn abgöttisch verehrten. Aber er war so bescheiden. Man sollte doch glauben, daß bei so viel Ergebenen ... «

Wieder wendete sie den Kopf ab und sah auf den Boulevard des Philosophes hinaus, der sich dürr und staubig hinzog und auf dem im Augenblick weiter nichts zu sehen war als zwei Hunde, ein kleines Mädchen in einer Umhangschürze, das auf einem Bein tanzte, und, ganz weit weg, ein radfahrender Arbeiter.

»Sogar unter den Aposteln Christi fand sich ein Judas«, flüsterte sie wie für sich, doch in der augenscheinlichen Absicht, von mir gehört zu werden.

Die russischen Besucher sammelten sich unterdessen in kleinen Gruppen und unterhielten sich untereinander in leisem Flüsterton und mit kurzen Seitenblicken auf uns. Es war ein scharfer Gegensatz zu der sonstigen lauten Fröhlichkeit dieser Zusammenkünfte. Fräulein Haldin begleitete mich in das Vorzimmer.

»Es werden noch mehr kommen«, sagte sie, »wir können ihnen nicht die Türe vor der Nase zumachen.«

Während ich meinen Überrock anzog, begann sie von ihrer Mutter zu sprechen. Die arme Frau Haldin sehnte sich nach genaueren Nachrichten. Sie wollte immer mehr über ihren unglücklichen Sohn hören. Sie konnte sich nicht entschließen, ihn dem großen Schweigen zu überantworten, das ihn umfangen hielt. Sie beharrte darauf, seinen Spuren dahin zu folgen, während all der langen Tage, die sie in stummer Unbeweglichkeit angesichts des leeren Boulevard des Philosophes zubrachte. Sie konnte es nicht verstehen, warum er nicht geflohen war –, wie so viele andere Revolutionäre und Verschwörer es fertig gebracht hatten, in anderen Fällen dieser Art. Es war tatsächlich unverständlich, daß die Mittel der geheimen revolutionären Organisationen gerade in diesem einen Fall so unverzeihlich versagt haben sollten, wo es sich darum gehandelt hätte, ihren Sohn zu retten. Was sie aber in Wirklichkeit am härtesten packte, das war nichts anderes als der Gedanke, daß der Tod sie selbst übergangen und mit so grausamer Härte nach jenem jungen und teuren Menschen gelangt hatte.

Fräulein Haldin übergab mir mechanisch und mit zerstreutem Blick meinen Hut. Ich entnahm aus ihren Worten, daß die arme Frau von der düsteren Vorstellung verfolgt wurde, ihr Sohn sei umgekommen, weil er nicht gerettet sein wollte. Es war unmöglich, daß er an der Zukunft seines Landes verzweifelt sein konnte. Das war ausgeschlossen. War es möglich, daß seine Mutter und seine Schwester sich sein Vertrauen nicht zu verdienen gewußt hatten und daß sich nach Vollbringung der Tat, zu der es ihn gedrängt, ein unerträglicher Zweifel über seine Seele gelegt und ein plötzliches Mißtrauen seinen Verstand verwirrt hatte?

Ich war über diese ganz eigenartige Auffassung sehr bestürzt.

»Das Leben von uns dreien war so ... « Dabei verschränkte Fräulein Haldin die Finger ihrer beiden Hände, trennte sie dann wieder langsam und sah mir starr ins Gesicht.

»Das ist es nun, was meine arme Mutter gefunden hat, um sich und mich durch alle die kommenden Jahre zu quälen«, fügte das merkwürdige Mädchen hinzu. In diesem Augenblick, unter dem doppelten Eindruck von Leidenschaft und Stoizismus, ging mir das volle Verständnis für ihren unbeschreiblichen Reiz auf. Ich versuchte mir auszumalen, wie sich wohl ihr Leben gestalten müßte an der Seite von Frau Haldin, die in furchtbarer Starrheit nur dieser einen fixen Idee lebte. Mein Mitgefühl blieb aber stumm, da ich ihre Gefühle ja so gar nicht kannte. Ein Unterschied in der Nationalität ist ein furchtbares Hindernis für uns komplizierte Menschen aus dem Westen. Fräulein Haldin war aber wohl zu einfach, um meine Verwirrung auch nur zu ahnen. Sie schien gar keine Äußerung von mir zu erwarten, fuhr aber, als hätte sie mir die Gedanken vom Gesicht gelesen, mutig fort:

»Im ersten Augenblick war meine arme Mutter wie betäubt; dann aber begann sie zu denken und wird jetzt weiter grübeln und·grübeln über diesen einen unglücklichen Punkt. Sie sehen selbst, wie hart das ist ... «

Nie in meinem Leben war es mir tieferer Ernst mit einem Gefühl, als da ich ihr nun zustimmte, daß es unsagbar traurig werden würde. Sie holte angstvoll Atem.

»Aber alle die merkwürdigen Umstände, die die englische Zeitung nennt«, rief sie plötzlich aus. »Was soll das alles nur heißen? Ich denke mir, daß sie wahr sind. Und ist es denn nicht entsetzlich, daß mein armer Bruder verhaftet worden sein soll, während er ganz allein durch die Straßen irrte, in der Nacht, wie verzweifelt ... «

Wir standen so nahe nebeneinander in dem dunklen Vorzimmer, daß ich sehen konnte, wie sie sich auf die Lippen biß, um ihr tränenloses Schluchzen zurückzuhalten. Nach einer kurzen Pause sagte sie:

»Ich legte meiner Mutter nahe, daß er vielleicht von einem falschen Freund oder einfach von irgendeinem Schuft verraten worden sein könnte. Vielleicht wird es ihr leichter, das zu glauben.«

Nun verstand ich, was die arme Frau von einem Judas geflüstert hatte.

»Es mag ihr leichter fallen«, gab ich zu und bewunderte im stillen die Denkschärfe und Feinfühligkeit des Mädchens. Sie nahm das Leben, wie es sich für sie aus den politischen Zuständen ihres Landes ergab. Sie nahm Stellung zu grausamen Wirklichkeiten, nicht zu krankhaften Ausgeburten ihrer eigenen Phantasie. Ich konnte ein Gefühl der Hochachtung nicht unterdrücken, als sie schlicht hinzufügte:

»Man sagt, daß die Zeit jede Bitterkeit mildern kann. Ich kann aber nicht glauben, daß sie über die Reue irgendeine Macht hat. Es ist besser für Mutter, zu glauben, daß irgendein Mensch an Viktors Tod Schuld trägt, als daß sie eine Schwäche ihres Sohnes vermuten oder sich selbst einer Unzulänglichkeit bezichtigen sollte.«

»Aber Sie, Sie selbst glauben doch nicht ... «, begann ich.

Sie preßte die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Sie hegte keine üblen Gedanken gegen irgend jemand, versicherte sie – und vielleicht war nichts von allem, was geschehen war, unnötig. Nach diesen leise gesprochenen Worten, die geheimnisvoll durch das Halbdunkel des Zimmers klangen, verabschiedeten wir uns mit einem vielsagenden, warmen Händedruck. Der Griff ihrer starken, festen Hand erweckte den Eindruck einer wunderbaren Freimütigkeit, wirkte im besten Sinn männlich. Ich weiß nicht, warum sie für mich irgendwelche freundschaftlichen Gefühle hätte haben sollen. Vielleicht glaubte sie, ich verstünde sie weit besser, als ich es tatsächlich imstande war. Selbst ihre klarsten Aussprüche schienen mir immer einen rätselhaften Doppelsinn zu haben, der irgendwie über meinen Horizont hinausging. Ich habe mich mit der Vermutung abgefunden, daß sie meine Aufmerksamkeit und mein Schweigen schätzte. Sie konnte selbst sehen, daß die Aufmerksamkeit echt war, und schloß den Gedanken aus, daß das Schweigen in Kälte seinen Grund haben könnte. Das schien sie zu befriedigen, und es muß bemerkt werden, daß sie, wenn sie sich mir anvertraute, es augenscheinlich nicht in der Erwartung tat, einen Rat zu erhalten, um den sie auch tatsächlich nie bat.

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