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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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5

Es war fast zwei Wochen nach dem Begräbnis ihrer Mutter, als ich Natalie Haldin zum letzten Male sah.

In jenen stillen, dunklen Tagen waren die Türen der kleinen Wohnung am Boulevard des Philosophes für jedermann außer mir geschlossen. Ich stelle mir vor, daß ich irgendwie von Nutzen war. Und wenn auch nur deshalb, weil ich allein die ganze Lage bis in ihre unglaublichsten Winkel überschaute. Fräulein Haldin pflegte ihre Mutter allein bis zum letzten Augenblick. Wenn Rasumoffs Besuch irgend etwas mit Frau Haldins Ende zu tun hatte (und ich für meinen Teil bin überzeugt, daß er es wesentlich beschleunigte), so liegt es daran, daß der Mann, dem der unglückliche Viktor Haldin vorschnell sein Vertrauen geschenkt hatte, das der Mutter von Viktor Haldin nicht hatte gewinnen können. Welche Geschichte er ihr eigentlich erzählt hat, kann man nicht wissen – ich wenigstens weiß es nicht –, mir schien es aber, als stürbe sie an einer stillschweigend getragenen letzten Enttäuschung. Sie hatte ihm nicht geglaubt. Vielleicht konnte sie überhaupt niemand mehr glauben und hatte daher auch niemand etwas zu sagen – nicht einmal ihrer Tochter. Ich glaube, daß Fräulein Haldin die schwersten Stunden ihres Lebens an jenem stillen Sterbebett verbracht haben muß, und ich gestehe, daß ich eine gewisse Feindseligkeit gegen die gebrochene alte Frau empfand, die ihr hartnäckiges und stummes Mißtrauen gegen ihre Tochter mit hinübernahm.

Als alles vorbei war, half ich, so gut ich konnte. Fräulein Haldin war von ihren Landsleuten umgeben. Viele davon wohnten dem Begräbnis bei. Auch ich ging hin, hielt mich aber später von Fräulein Haldin fern, bis ich eine kurze Nachricht von ihr erhielt, die mich für meine Selbstverleugnung belohnte. »Es kommt nun, wie Sie es wollten. Ich gehe sofort nach Rußland zurück. Mein Entschluß steht fest. Kommen Sie mich besuchen.«

Ich empfand dies tatsächlich als Belohnung für meine Zurückhaltung und ging ohne Zögern hin.

Die kleine Wohnung am Boulevard des Philosophes wies die traurigen Zeichen eines baldigen Aufbruchs auf. Sie kam mir trostlos und fast schon verlassen vor.

Wir wechselten im Stehen einige Worte über ihr Befinden, über das meine, ein paar Bemerkungen über Angehörige der russischen Kolonie, und dann lud mich Natalie Haldin zum Sitzen ein und begann offen über ihre künftige Arbeit und ihre Pläne zu sprechen. Es sollte alles werden, wie ich es gewünscht hatte. Und es sollte fürs Leben sein. Wir wollten einander nie wiedersehen. Nie wieder.

Ich behielt jede Freude über meinen Erfolg für mich. Natalie Haldin schien gereift durch die äußerlichen und innerlichen Erfahrungen der letzten Tage. Sie schritt mit gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab und sprach langsam; ihre Brauen lagen glatt, ihr Gesicht zeigte Entschlossenheit. Sie bot mir einen ganz neuen Anblick. Und ich wunderte mich über den Ernst und die Gemessenheit in ihrer Stimme, ihren Bewegungen und ihrer Haltung. Aus alledem sprach vollendete und überdachte Unabhängigkeit. Die ganze Stärke ihrer Natur war zum Durchbruch gekommen, weil die dunklen Tiefen aufgerührt worden waren.

»Wir beide können jetzt darüber sprechen«, bemerkte sie nach einem kurzen Schweigen und trat dicht vor mich hin. »Haben Sie in letzter Zeit im Spital nachgefragt?«

»Ja, gewiß.« Und da sie mich fest ansah, fügte ich hinzu: »Er wird am Leben bleiben, sagen die Ärzte. Aber ich dachte, daß Thekla ... «

»Thekla war mehrere Tage nicht bei mir«, erklärte Fräulein Haldin rasch. »Da ich ihr niemals vorschlug, selbst ins Spital mitzugehen, so glaubt sie, ich hätte kein Herz. Ich habe sie enttäuscht.«

Fräulein Haldin lächelte leicht.

»Ja, sie sitzt bei ihm so lange und so oft, wie man es irgend erlaubt«, sagte ich. »Sie sagt, sie wolle ihn nie verlassen, nie, solange sie lebt. Er wird jemand brauchen – ein hoffnungsloser Krüppel und dabei stocktaub.«

»Stocktaub? Das wußte ich nicht«, murmelte Natalie Haldin.

»Es ist so. Es scheint merkwürdig. Man hat mir gesagt, daß am Kopfe keine äußeren Verletzungen wahrzunehmen waren. Man sagt auch, es sei nicht wahrscheinlich, daß er Thekla allzulange zur Last fallen würde.«

Fräulein Haldin schüttelte den Kopf.

»Solange es noch Reisende gibt, die am Wege niederbrechen, wird unsere Thekla nie müßig sein. Sie fühlt sich unwiderstehlich zur Samariterin berufen. Die Revolutionäre haben sie nicht verstanden. Stellen Sie sich doch vor, daß man ein ergebenes Geschöpf, wie sie, dazu gebraucht hat, Dokumente in ihre Kleider eingenäht herumzutragen oder nach Diktat zu schreiben.«

»Es gibt nicht viel Scharfblick in der Welt!«

Kaum hatte ich es ausgesprochen, da bereute ich diese Bemerkung. Natalie Haldin sah mich fest an und stimmte mit einem leichten Kopfneigen zu. Sie war nicht verletzt, wandte sich aber weg und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. Mir schien, als entfernte sie sich weiter und weiter von mir, ins Unerreichbare, ohne aber mit der zunehmenden Entfernung kleiner zu werden. Ich schwieg, da es mir hoffnungslos schien, meine Stimme noch zu erheben. Als ich die ihre nahe bei mir wieder hörte, fuhr ich leicht zusammen.

»Thekla sah ihn, als man ihn nach dem Unfall auflas. Die gute Seele hat mir nie erzählen wollen, wie es sich eigentlich zugetragen hat. Sie versichert, daß es eine geheime Vereinbarung zwischen ihnen gewesen sei – eine Art Pakt –, daß er in jeder bittern Not, in Unglück, Sorge oder Krankheit zu ihr kommen sollte.«

»War es so?« sagte ich. »Dann war es ein Glück für ihn. Er wird die ganze Ergebenheit der guten Samariterin nötig haben.«

Tatsache war, daß Thekla aus irgendeinem Grund um fünf Uhr morgens aus dem Fenster gesehen und Rasumoff im Park des Château Borel erblickt hatte, wie er stocksteif, mit bloßem Kopf, im Regen am Fuß der Terrasse stand. Sie hatte ihn laut beim Namen gerufen, um zu erfahren, was los sei. Er hatte nicht einmal den Kopf erhoben. Bis sie sich genügend angezogen hatte, um hinunterlaufen zu können, war er weg. Sie eilte ihm nach auf die Straße hinaus und kam gerade zu der stehengebliebenen Straßenbahn und der kleinen Gruppe von Leuten, die Rasumoff aufhoben. So viel hatte mir Thekla selbst erzählt, als wir uns eines Nachmittags zufällig an der Türe des Spitals getroffen hatten. Ich fühlte aber keinen Wunsch, über die geheimen Gründe dieses merkwürdigen Geschehnisses weiter nachzudenken.

»Ja, Natalia Viktorowna. Er wird jemand brauchen, wenn sie ihn auf Krücken und stocktaub aus dem Spital entlassen. Ich glaube aber nicht, daß er die Hilfe der guten Thekla verlangen wollte, als er wie ein entsprungener Irrer in den Park des Château Borel stürzte.«

»Nein«, sagte Natalie Haldin und blieb kurz vor mir stehen. »Vielleicht nicht.«

Sie setzte sich und stützte gedankenvoll den Kopf in die Hand. Das Schweigen währte mehrere Minuten. Ich erinnerte mich an den Abend seines furchtbaren Geständnisses – an die Klage, die sie scheinbar mit letzter Kraft hervorgestoßen hatte. »Man kann nicht unglücklicher sein ... « Die Erinnerung hätte mich schaudern gemacht, wäre ich nicht in Bewunderung vor ihrer Kraft und Ruhe versunken gewesen. Es gab nicht länger mehr eine Natalie Haldin, da sie gänzlich aufgehört hatte, an sich selbst zu denken. Es war ein großer Sieg, eine echt russische Selbstbezwingung.

Sie brachte mich wieder zu mir selbst, indem sie plötzlich aufsprang, wie jemand, der einen Entschluß gefaßt hat. Sie schritt zum Schreibtisch, der all der kleinen Dinge, die ihrem täglichen Gebrauch gedient hatten, beraubt und als ein totes Möbelstück dastand. Und doch enthielt er noch ein Stück Leben, denn sie entnahm einem Schubfach ein flaches Paket, das sie mir brachte.

»Es ist ein Buch«, sagte sie merkwürdig abgerissen, »es wurde mir in meinen Schleier eingewickelt zugesandt. Ich habe Ihnen seinerzeit nichts davon gesagt, nun aber habe ich mich entschlossen, es Ihnen zu übergeben. Ich habe ein Recht, das zu tun. Es wurde mir geschickt. Es gehört mir. Sie können es behalten oder vernichten, nachdem Sie es gelesen haben. Und während Sie es lesen, denken Sie, bitte, daran, daß ich wirklich wehrlos war. Und daß er ... «

»Wehrlos?« wiederholte ich überrascht und sah sie starr an. »Sie werden dieses selbe Wort darin geschrieben finden«, flüsterte sie. »Nun, es ist wahr! Ich war wehrlos. – Doch vielleicht haben Sie das selbst beobachtet.« Sie errötete und wurde gleich darauf totenbleich. »Ich will gerecht sein gegen den Mann, und darum bitte ich Sie, daran zu denken. O ich war es, ich war es!«

Ich erhob mich etwas taumelnd.

»Ich werde wohl schwerlich irgend etwas vergessen, was Sie mir bei diesem unserem letzten Zusammentreffen sagten.«

Sie faßte meine Hand.

»Es ist schwer zu glauben, daß wir uns für immer Lebewohl sagen müssen.«

Sie erwiderte meinen Druck, und unsere Hände trennten sich.

»Ja. Ich reise morgen von hier ab. Endlich sind meine Augen offen und meine Hände frei. Und im übrigen – wer von uns könnte sein Ohr dem erstickten Schrei unseres großen Schmerzes verschließen? Der großen Welt mag es vielleicht nichts ausmachen.«

»Die große Welt achtet mehr auf eure Uneinigkeit. Das ist ihre Art.«

»Ja.« Sie neigte zustimmend den Kopf und zögerte einen Augenblick. »Ich will Ihnen sagen, daß ich nie aufhören werde, auf den Tag zu hoffen, an dem jede Uneinigkeit zum Schweigen gebracht sein wird. Versuchen Sie, sich sein Dämmern auszumalen. Das Gewitter von Schlägen und Flüchen ist vorüber; alles ist ruhig. Die neue Sonne geht auf, da die müden Menschen, endlich vereint, fühlen, daß der Streit zu Ende ist; und sie werden ihres Sieges doch nicht ganz froh, weil so viele Ideen zugrunde gehen mußten, um des Triumphes der einen willen, weil so mancher Glaube sie haltlos verlassen hat. Sie fühlen sich allein auf der Welt und scharen sich eng zusammen. Ja, es muß viele bittere Stunden geben, doch endlich wird die Herzensangst ausgelöscht werden durch Liebe.«

Und nach diesem letzten Wort ihrer Weisheit, diesem Wort, das so süß, so bitter und manchmal so grausam sein kann, sagte ich Natalie Haldin Lebewohl. Es ist hart, denken zu müssen, daß ich nie wieder in die treuen Augen jenes Mädchens sehen soll. Sie hat sich einem unbesieglichen Glauben vermählt. Im Frühlenz einer Liebe, die wie eine Himmelsblume aus dieser Menschenerde gekeimt war, die mit Blut gedüngt, von Schmerzen durchpflügt, mit Tränen bewässert wird.

Ich möchte daran erinnern, daß ich zu jener Zeit nichts von dem Geständnis wußte, daß Rasumoff vor den versammelten Revolutionären abgelegt hatte. Natalie Haldin mochte erraten haben, was das »Eine« war, was ihm noch zu tun blieb; ich, mit den Augen des Westens, hatte es natürlich nicht gesehen.

Thekla, die gewesene Gesellschaftsdame der Madame de S., wich nicht von seinem Bett im Spital. Wir trafen uns ein oder zweimal vor jenem Gebäude, doch sie war bei dieser Gelegenheit nicht mitteilsam. Sie gab mir so kurz wie möglich Nachricht von Herrn Rasumoffs Befinden. Er erholte sich langsam und würde sein ganzes Leben ein hilfloser Krüppel bleiben. Persönlich suchte ich ihn nicht mehr auf: ich habe ihn nie wieder gesehen seit dem furchtbaren Abend, an dem ich als aufmerksamer, doch unbeachteter Zuschauer seinem Auftritt mit Fräulein Haldin beiwohnte. Er wurde zu seiner Zeit aus dem Spital entlassen, und seine »Verwandte« – so sagte man mir – habe ihn irgendwohin fortgebracht.

Fast zwei Jahre später erfuhr ich weitere Einzelheiten. Sicher hatte ich nicht danach geforscht; es war ein reiner Zufall, der mich im Hause eines hervorragenden russischen Edelmanns liberaler Gesinnung, der eine Zeitlang in Genf leben wollte, mit einer Frau zusammenführte, die sich in den revolutionären Kreisen hohen Ansehens erfreute.

Der Russe, von dem ich spreche, stellte einen von Peter Iwanowitsch durchaus verschiedenen Typus von Berühmtheit dar – ein dunkelhaariger Mann mit gütigen Augen, hochschultrig, höflich und von stillem, vorsichtigem Wesen. Er wählte einen Augenblick, wo niemand in der Nähe war, und trat in Begleitung einer grauhaarigen, lebhaften Dame in roter Bluse auf mich zu.

»Unsere Sofia Antonowna wünscht mit Ihnen bekannt zu werden«, sagte er mir in seiner verhaltenen Stimme, »und so lasse ich Sie allein, damit Sie sich aussprechen können.«

»Ich hätte mich nie in Ihre Nähe gedrängt«, begann die grauhaarige Dame sofort, »wenn ich nicht mit einer Botschaft für Sie beauftragt wäre.«

Die Botschaft waren ein paar freundliche Worte von Natalie Haldin. Sofia Antonowna war eben von einem geheimen Ausflug nach Rußland zurückgekehrt und hatte Fräulein Haldin gesehen. Sie lebte in einer Stadt »im Zentrum« und teilte ihr mildherziges Werk zwischen den Schrecken überfüllter Gefängnisse und dem herzbrechenden Jammer beraubter Heimstätten. Sofia Antonowna versicherte mir, daß sie ganz ohne Rücksicht auf sich selbst nur ihrer Arbeit lebe.

»Sie hat eine gläubige Seele, einen unbeugsamen Geist und einen unermüdlichen Körper.« So faßte die Revolutionärin ihr Urteil leicht enthusiastisch zusammen.

Eine so begonnene Unterhaltung konnte begreiflicherweise unmöglich an einem Mangel an Interesse von meiner Seite scheitern. Wir zogen uns in eine Ecke zurück, wo wir ungestört waren. Während unseres Gesprächs über Fräulein Haldin bemerkte Sofia Antonowna plötzlich:

»Ich glaube, Sie werden sich erinnern, mich früher gesehen zu haben? An jenem Abend, als Natalie Haldin zu Peter Iwanowitsch kam, um die Adresse eines gewissen Rasumoff zu erfragen, jenes jungen Mannes, der ... «

»Ich erinnere mich genau«, sagte ich. Als Sofia Antonowna erfuhr, daß ich durch Fräulein Haldin in den Besitz des Tagebuches jenes jungen Menschen gekommen sei, zeigte sie das lebhafteste Interesse und verbarg ihre Neugier nicht, das Dokument zu sehen. Ich erbot mich, es ihr zu zeigen, und sie willigte sofort ein, mich zu diesem Zweck am nächsten Tag zu besuchen. Sie las darin über eine Stunde und gab mir dann das Buch mit einem schwachen Seufzer zurück.

Auf ihren Wanderungen durch Rußland hatte sie auch Rasumoff gesehen. Er lebte nicht »im Zentrum«, sondern »im Süden«. Sie beschrieb mir ein kleines zweizimmeriges Holzhaus an der Grenze einer ganz kleinen Stadt, halbversteckt hinter dem hohen Plankenzaun eines Gartens, in dem Nesseln wucherten. Er war verkrüppelt, krank, wurde täglich schwächer, und Thekla, die Samariterin, pflegte ihn unermüdlich, mit der reinen Freude selbstloser Hingabe. Das war eine Aufgabe, die ihr keine Enttäuschung bereiten konnte.

Ich verbarg Sofia Antonowna meine Überraschung darüber nicht, daß sie Herrn Rasumoff besucht habe. Ich verstand den Beweggrund nicht. Doch sie teilte mir mit, daß sie nicht die einzige sei.

»Einige von uns besuchen ihn immer, wenn sie in der Nähe vorbeikommen. Er ist klug. Er hat Ideen ... Er spricht auch gut.«

Damals hörte ich zum erstenmal von Rasumoffs öffentlicher Beichte in Lasparas Haus. Sofia Antonowna gab mir eine genaue Schilderung der Vorfälle, die sich damals zugetragen hatten. Rasumoff selbst hatte ihr alles bis ins kleinste erzählt.

Dann sah sie mich mit ihren glänzend schwarzen Augen scharf an und sagte:

»Es gibt böse Augenblicke in jedem Leben. Eine falsche Vorstellung drängt sich in ein Hirn, und dann entsteht die Furcht – die Furcht vor sich selbst, die Furcht für sich selbst. Oder auch ein falscher Mut – wer weiß. Gut, nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber sagen Sie mir, wie viele würden sich nicht lieber mit offenen Augen ins Verderben stürzen (wie er selbst in jenem Buch sagt), als weiterleben, in ihren eigenen Augen insgeheim erniedrigt? Wie viele? … Und, bitte, beachten Sie eines – er war sicher, als er es tat. Es war gerade im Augenblick, als er sich selbst sicher glauben konnte und mehr –. unendlich viel mehr –, als ihm zum erstenmal die Möglichkeit dämmerte, jenes wunderbare Mädchen könnte ihn lieben. Da erkannte er, daß sein grimmigster Spott, die zügelloseste Bosheit, alle Teufeleien seines Hasses und Stolzes niemals die Schande des Lebens tilgen konnten, das vor ihm lag. Es liegt Charakter in einer solchen Erkenntnis.«

Ich nahm ihre Schlußworte schweigend auf. Wem würde es wohl einfallen, die Gründe für Vergebung oder Mitleid erforschen zu wollen? Immerhin stellte es sich später heraus, daß die Barmherzigkeit, die die revolutionäre Partei Rasumoff, dem Verräter, erwies, zum Teil vom bösen Gewissen diktiert war. Sofia Antonowna fuhr verlegen fort:

»Und dann, müssen Sie wissen, war er das Opfer einer Mißhandlung. Es geschah ohne Autorisation. Es war noch nichts darüber beschlossen worden, was mit ihm geschehen sollte. Er hatte freiwillig gestanden, und jener Nikita, der ihm absichtlich die Trommelfelle sprengte, draußen im Vorzimmer, wie von seiner Empörung fortgerissen – nun gut, dieser Nikita hat sich später als ein Schuft der schlimmsten Sorte entpuppt – selbst ein Verräter, ein Spion, ein Spitzel! Rasumoff sagte mir, er habe es ihm in einer Art Erleuchtung angesehen ... «

»Ich habe den Kerl nur ganz kurz gesehen«, sagte ich. »Aber wie irgend jemand unter Ihnen sich nur einen halben Tag lang täuschen lassen konnte, ist mir unverständlich.«

Sie unterbrach mich.

»Da! Da! Sprechen Sie nicht davon. Als ich ihn zum erstenmal sah, war auch ich erschreckt. Ich wurde niedergeschrien. Wir wiederholten uns untereinander ständig: ›Oh, Sie dürfen auf sein Aussehen nichts geben‹; und dann war er immer bereit zu töten. Darüber gab es keinen Zweifel. Er tötete – ja, in beiden Lagern. Der Feind ... «

Und nachdem Sofia Antonowna das ärgerliche Zittern ihrer Lippen überwunden hatte, erzählte sie mir eine ganz eigenartige Geschichte. Es ergab sich, daß Rat Mikulin (kurz nach Rasumoffs Verschwinden aus Genf) in Deutschland reiste und zufällig mit Peter Iwanowitsch in einem Eisenbahnwagen zusammentraf. Da sie beide in dem Abteil allein waren, sprachen sie die halbe Nacht zusammen, und da war es, daß Mikulin, der Polizeichef, dem revolutionären Führer über den wahren Charakter des berühmten Gendarmentöters einen Wink gab. Es hat den Anschein, als habe sich Mikulin dieses seines merkwürdigen Agenten entledigen wollen. Vielleicht war er seiner müde geworden oder hatte Angst vor ihm bekommen. Es muß auch gesagt werden, daß Mikulin den finsteren Nikita von seinem Amtsvorgänger übernommen hatte.

Und auch diese Geschichte nahm ich ohne Kommentar entgegen, da ich mir wohl bewußt war, lediglich ein stummer Zeuge von russischen Dingen zu sein, die ihre östliche Logik vor mir, unter den Augen des Westens ausbreiteten. Doch ich erlaubte mir eine Frage: »Sagen Sie mir, bitte, Sofia Antonowna, hat Madame de S. ihr ganzes Vermögen Peter Iwanowitsch vermacht?«

»Keinen Pfennig davon.« Die Revolutionärin zuckte angewidert die Schultern. »Sie starb ohne Testament. Eine Schar Neffen und Nichten kamen von St. Petersburg herunter, wie ein Geierschwarm, und rauften sich untereinander um ihr Geld. Lauter verwünschte Kammerherren und Ehrendamen – ekelhaftes Hofgezücht. Pfui!«

»Man hört jetzt nicht viel von Peter Iwanowitsch«, bemerkte ich nach einer Pause.

»Peter Iwanowitsch«, sagte Sofia Antonowna ernst, »hat sich mit einem Bauernmädchen verbunden.«

Ich war ehrlich erstaunt.

»Was! An der Riviera?«

»Unsinn! Natürlich nicht!«

Sofia Antonownas Ton klang etwas herb.

»Lebt er denn augenblicklich in Rußland? Das ist ein großes Wagnis, nicht?« rief ich aus. »Und alles einem Bauernmädchen zulieb! Glauben Sie nicht, daß das ganz verkehrt von ihm ist?«

Sofia Antonowna bewahrte eine Zeitlang ein geheimnisvolles Schweigen und äußerte dann sachlich: »Er betet sie einfach an.«

»Tut er das? Nun, dann hoffe ich, daß sie nicht zögern wird, ihn zu prügeln.«

Sofia Antonowna stand auf und verabschiedete sich von mir, als hätte sie kein Wort meines ruchlosen Wunsches gehört; als ich sie aber hinausbegleitete, wandte sie sich im Türrahmen um und erklärte mit fester Stimme:

»Peter Iwanowitsch ist ein erleuchteter Mann.«

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