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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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4

Rasumoff schritt auf dem nassen, glitzernden Pflaster geradenwegs nach Hause. Ein heftiger Regenschauer ging über ihn nieder; gegen die schwarzen Umrisse der Häuser, die sich mit geschlossenen Läden die ganze Länge der Rue de Carouge hinzogen, spielten schwache Blitze. Dann und wann folgte auf den bleichen Schein ein leises, schläfriges Grollen; die Hauptmacht des Gewitters aber blieb unten im Rhônetal versammelt, wie zum Angriff auf die ehrbare und leidenschaftslose Hochburg demokratischer Freiheit bereit. Diese ernsthafte Stadt mit ihren öden Hotels, die Touristen aller Nationen und internationalen Verschwörern jeden Glaubens dieselbe gleichgültige Gastfreundschaft bietet.

Der Ladeninhaber wollte eben schließen, als Rasumoff eintrat und ohne ein Wort die Hand nach seinem Zimmerschlüssel ausstreckte. Der Mann kam ihm jedoch zuvor und holte ihn von einem Sims herab. Dazu wollte er ein Scherzwort anbringen, über das Luftschnappen bei einem Gewitter; nachdem er aber seinem Mieter ins Gesicht gesehen hatte, bemerkte er, um nur überhaupt etwas zu sagen:

»Sie sind ordentlich naß geworden.«

»Ja. Ich bin reingewaschen«, murmelte er, der von Kopf bis zu Fuß triefte, und ging durch die Innentür dem Stiegenhaus zu, das zu seiner Wohnung führte.

Er wechselte die Kleider nicht, sondern zündete eine Kerze an, nahm die Uhr mit Kette aus der Tasche, legte sie vor sich auf den Tisch und setzte sich sofort zum Schreiben hin. Sein schwer belastendes Tagebuch verwahrte er in einer versperrten Schublade, die er nun heftig aufriß, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie wieder zuzuschieben.

Diese merkwürdige Pedanterie eines Menschen, der immer mit der Feder in der Hand gelesen, gedacht, gelebt hatte, sprach für die Aufrichtigkeit des Versuchs, sich auf dem gewohnten Wege zu einer tieferen Erkenntnis durchzuringen. Nach einigen Stellen, die bereits zum Aufbau dieser Erzählung benützt worden oder für die psychologische Seite des Falles bedeutungslos sind (in dieser letzten Eintragung kommt sogar noch eine Anspielung auf die Silberne Medaille vor), folgen anderthalb Seiten zusammenhangloser Aufzeichnungen, weil seine Ausdrucksmöglichkeiten zu versagen schienen vor der geheimnisvollen Neuheit jener Seite unseres Gefühlslebens, die ihm bei seinem einsamen Leben verschlossen geblieben war. Da erst beginnt er sich unmittelbar an die Leserin zu wenden, an die er die ganze Zeit über gedacht hatte, und versucht, in abgebrochenen Sätzen voll Staunen und Grauen die souveräne (er gebraucht dieses selbe Wort) Macht ihrer Persönlichkeit über seine Einbildungskraft zu schildern, in der die Saat von ihres Bruders Worten schlummerte.

»... Die treuesten Augen in der Welt – so sagte Ihr Bruder von Ihnen, als er schon so gut wie ein toter Mann war, Und als Sie vor mir standen, mit ausgestreckter Hand, da hörte ich förmlich nochmals seine Stimme, sah in Ihre Augen – und das war genug. Ich wußte, daß irgend etwas geschehen war, aber ich wußte damals nicht, was ... Doch täuschen Sie sich nicht, Natalia Viktorowna. Ich glaubte, in meiner Brust wäre nichts als ein unerschöpflicher Bodensatz von Wut und Haß gegen Sie beide. Ich erinnerte mich, daß er die Hoffnung ausgesprochen hatte, seine Seherseele würde in Ihnen weiterleben. Er, dieser Mensch, der mich um mein Leben voll harter Arbeit und guter Vorsätze gebracht hatte. Auch ich hatte meine führende Idee; und vergessen Sie nicht, daß es bei uns schwerer ist, ein Leben voll Arbeit und Selbstverleugnung zu führen, als auf die Straße hinauszugehen und zu töten. Doch genug davon. Haß oder nicht Haß, ich fühlte auf einmal, daß ich Ihr Bild nicht aus mir verbannen konnte, wenn ich auch Ihren Anblick mied. Oft wandte ich mich an jenen Toten mit der Frage: ›Ist das die Art, in der du mich verfolgen willst?‹ Erst viel später verstand ich – erst heute, vor ein paar Stunden erst. Was hätte ich denn wissen sollen von der Kraft, die mich in Stücke riß und mir das, was ewig verborgen bleiben sollte, auf die Lippen zerrte! Sie waren berufen, das Böse zu vernichten, indem Sie mich zwangen, mich selbst zu verraten, zurück in Wahrheit und Frieden. Sie! Und Sie haben es auf dieselbe Art getan, auf die er mich ruiniert hat: indem Sie mir Ihr Vertrauen aufzwangen. Nur schien mir das, wofür ich ihn verachtet hatte, bei Ihnen edel und erhaben. Doch ich wiederhole: täuschen Sie sich nicht. Ich war dem Bösen ergeben. Ich jubelte darüber, daß ich jenen harmlosen Narren dazu gebracht hatte, seines Vaters Geld zu stehlen. Er war ein Narr, aber kein Dieb. Ich habe ihn dazu gemacht. Es war nötig. Ich mußte in mir selbst die Verachtung und den Haß stärken für alles, was ich verriet. An meinem Herzen haben genau ebensoviele Vipern genagt wie an dem irgendeines dieser Umstürzler: Eitelkeit, Ehrgeiz, Eifersucht, schamlose Wünsche, die bösen Leidenschaften Neid und Rache. Meine Sicherheit war mir gestohlen worden, Jahre guter Arbeit, meine besten Hoffnungen. Hören Sie – nun kommt die wahre Beichte. Das andere war nichts. Um mich zu retten, mußten Ihre treuen Augen mich bis an den Rand des schwärzesten Verrates bringen. Ich fühlte ständig Ihren Blick auf mir, aus dem das Vertrauen Ihres reinen Herzens sprach, dem alles Böse ferngeblieben war. Viktor Haldin hat mir, der ich sonst nichts auf der Welt hatte, die Wahrheit meines Lebens gestohlen und rühmte sich, er würde in Ihnen auf dieser Erde weiterleben, wo ich keinen Fleck hatte, mein Haupt hinzulegen. ›Sie wird eines Tages heiraten‹, hatte er gesagt – und daß Ihre Augen treu seien. Und wissen Sie, was ich mir vornahm? Ich will seiner Schwester die Seele stehlen. – Als wir uns an jenem ersten Morgen in den Gärten trafen und Sie aus Ihrer Großmut heraus vertraulich zu mir sprachen, da dachte ich: ›Ja, er selbst hat sie in meine Hand gegeben, als er mir von ihren treuen Augen sprach!‹ Hätten Sie damals in mein Herz sehen können, Sie würden laut aufgeschrien haben vor Schreck und Ekel. Vielleicht wird niemand an die Möglichkeit einer so niedrigen Absicht glauben. Sicher ist, daß ich mich daran ergötzte, nachdem wir uns an jenem Morgen getrennt hatten. Ich versuchte den besten Weg auszuklügeln. Der alte Mann, dem Sie mich vorgestellt hatten, bestand darauf, mit mir zu gehen. Ich weiß nicht, wer er ist. Er sprach von Ihnen, von Ihrer verlassenen, hilflosen Lage, und jedes Wort, das dieser Ihr Freund mit mir sprach, trieb mich weiter in den unverzeihlich sündhaften Vorsatz hinein, Ihre Seele zu stehlen. Konnte er der leibhafte Teufel in der Gestalt eines alten Engländers sein? Natalia Viktorowna, ich war besessen! Ich kehrte jeden Tag zurück, um Sie zu sehen und mich in Ihrer Gegenwart an dem Gift meines ruchlosen Vorhabens zu berauschen. Doch ich sah Schwierigkeiten voraus. Dann tauchte Sofia Antonowna, an die ich nicht gedacht hatte – ich hatte ihre Existenz vergessen –, mit jener Geschichte aus St. Petersburg auf ... Das einzige, was noch zu meiner Sicherheit fehlte. – Nun war ich für alle Zukunft des Vertrauens der Revolutionäre sicher.

Es war, als hätte sich Siemianitsch erhängt, um mir zu weiteren Verbrechen zu helfen. Die Macht der Lüge schien unwiderstehlich. Die Leute waren wie blind in ihrer eignen Narrheit, – da sie ja selbst die Sklaven von Lügen sind. Natalia Viktorowna, ich betete die Macht der Lüge an, ich frohlockte darüber – ich ergab mich ihr für eine Zeit. Wer hätte widerstehen können! Sie selbst waren der Preis. Ich saß allein in meinem Zimmer und malte mir mein Leben aus; bei dem bloßen Gedanken daran schaudere ich heute, wie ein Gläubiger, der in der Versuchung war, eine grauenhafte Gotteslästerung zu begehen. Damals aber dachte ich unablässig über ferne Möglichkeiten nach. Das einzige war nur, daß es in dieser Zukunft keine Luft zu geben schien. Und dann fürchtete ich mich auch vor Ihrer Mutter. Die meine habe ich nie gekannt. Nie habe ich irgendeine Art von Liebe kennengelernt. In dem bloßen Wort liegt etwas ... Vor Ihnen fühlte ich keine Furcht –, verzeihen Sie, daß ich Ihnen das sage. Nein, nicht vor Ihnen. Sie waren die Wahrheit selbst. Sie konnten mich nicht verdammen. Was nun Ihre Mutter anlangt, so fürchteten Sie selbst schon, daß ihr Verstand sich durch den Kummer verwirrt habe. Wer konnte irgend etwas gegen mich glauben? Hatte sich nicht Siemianitsch aus Reue selbst erhängt? Ich sagte mir: ›Machen wir noch eine letzte Belastungsprobe, und dann soll es ein für allemal vorbei sein.‹ Ich zitterte, als ich in Ihre Wohnung kam; Ihre Mutter aber hörte kaum auf das, was ich ihr sagte, und schien nach einer kurzen Weile meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben. Ich saß da und sah sie an. Nichts stand länger zwischen Ihnen und mir. Sie waren wehrlos – und bald, sehr bald würden Sie allein sein ... So dachte ich. Wehrlos. Tagelang haben Sie mit mir gesprochen und mir Ihr Herz ausgeschüttet ... Ich erinnerte mich an den Schatten Ihrer Wimpern über Ihren grauen, treuen Augen und an Ihre reine Stirne. Sie ist niedrig wie die Stirn von Statuen, ruhig und fleckenlos. Es war, als ob von Ihren reinen Augen ein Licht ausginge, das in mich drang, mein Herz durchstrahlte und mich vor Schmach und vor der letzten Schande rettete. Und auch Sie hat es gerettet. Verzeihen Sie meine Anmaßung. Doch es lag etwas in Ihrem Blick, das mir zu verraten schien, daß Sie ... Ihr Licht! Ihre Wahrheit! Ich fühlte, ich mußte Ihnen sagen, daß ich dahin gekommen war, Sie zu lieben. – Und um Ihnen das sagen zu können, muß ich erst beichten. Beichten, gehen – und verderben.

Plötzlich standen Sie vor mir! Sie allein in der ganzen Welt, der ich beichten muß. Sie berückten mich – Sie haben die Blindheit von Wut und Haß von mir genommen – die Wahrheit, die aus Ihren Augen strahlte, trieb die Wahrheit aus mir empor. Nun habe ich es getan; und während ich Ihnen nun schreibe, bin ich wohl in den Tiefen des Schmerzes, doch es ist Luft zum Atmen da – Luft! Und während ich noch zu Ihnen sprach, sprang jener alte Mann von irgendwo hervor und tobte gegen mich wie ein enttäuschter Teufel. Ich leide furchtbar, doch bin ich nicht verzweifelt. Für mich gibt es nur mehr eines zu tun. Danach – wenn sie mich lassen – will ich weggehen und mich in dunklem Elend verbergen. Dadurch, daß ich Viktor Haldin anzeigte, habe ich schließlich mich selbst in der schmählichsten Weise verraten. Sie müssen glauben, was ich nun sage, Sie können sich nicht wehren, dies zu glauben. In der schmählichsten Weise. Durch Sie erst bin ich dazu gekommen, dies alles so tief zu empfinden. Schließlich sind sie es und nicht ich, auf deren Seite das Recht ist! – Hinter ihnen stehen unsichtbare Mächte. So mag es sein. Doch täuschen Sie sich nicht, Natalia Viktorowna, ich bin nicht bekehrt. Habe ich denn eine Sklavenseele? Nein! Ich bin unabhängig – und darum ist Verderben mein Los.«

Nach diesen Worten hörte er zu schreiben auf, schloß das Buch und wickelte es in den schwarzen Schleier, den er mit sich genommen hatte. Dann durchsuchte er die Schublade nach Papier und Bindfaden, machte ein Paket, das er an Fräulein Haldin Boulevard des Philosophes adressierte, und schleuderte dann die Feder weit von sich in einen fernen Winkel.

Dann blieb er mit der Uhr vor sich ruhig sitzen. Er hätte gleich ausgehen können, doch die Stunde hatte noch nicht geschlagen. Die Stunde sollte Mitternacht sein. Es gab keinen anderen Grund für diesen Wunsch außer dem einen, daß die Ereignisse und Worte eines gewissen Abends in seiner Vergangenheit seine gegenwärtigen Handlungen in ihrem Zeitpunkt bestimmten. Die plötzliche Gewalt, die Natalie Haldin über ihn erlangt hatte, schrieb er derselben Ursache zu. »Man schreitet nicht ungestraft über die Brust eines Phantoms«, hörte er sich murmeln. »So rettet er mich«, dachte er plötzlich. »Er selbst, der Verratene.« Das lebendige Bild von Fräulein Haldin schien neben ihm zu stehen und ihn unablässig zu beobachten. Sie erschreckte ihn nicht. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen und bemühte sich, selbst in ihrer Gegenwart seine Gedanken ruhig in der Gewalt zu behalten. Nun erstreckte sich seine Verachtung auf sich selbst. »Ich war weder einfach, noch mutig, noch selbstbeherrscht genug, um einen Schuft abgeben zu können oder einen ausnahmsweise befähigten Menschen. Denn wer könnte bei uns in Rußland einen Schuft von einem ausnahmsweise befähigten Mann unterscheiden ...?«

Es schien, als sei er zum Spielzeug seiner Vergangenheit geworden, denn mit dem Schlag Mitternacht sprang er auf und rannte hastig über die Stiegen hinunter, als sei er fest überzeugt, daß die Macht des Schicksals vor der unerläßlichen Notwendigkeit dieser seiner Irrfahrt die Haustür aufspringen lassen würde. Und tatsächlich wurde das Tor gerade, als er am Fuß der Treppe angekommen war, für ihn geöffnet, von ein paar Leuten aus dem Haus, die spät heimkamen: zwei Männern und einer Frau. Er stürzte zwischen ihnen durch hinaus auf die Straße, durch die heulend der Wind fegte. Die Leute waren natürlich sehr erschreckt. Im Schein eines Blitzes konnten sie sehen, wie er rasch dahinging. Einer der Männer schrie und wollte sich zur Verfolgung aufmachen. Doch die Frau hatte ihn erkannt. »Es ist alles in Ordnung. Es ist nur der junge Russe aus dem dritten Stock.« Die Dunkelheit brach wieder ein, mit einem einzelnen Donnerschlag; es klang, als würde ein Kanonenschuß abgefeuert, der seine Flucht aus dem Gefängnis der Lüge anzeigte.

Er mußte irgendwann einmal gehört und sich nun daran erinnert haben, daß an jenem Abend eine Zusammenkunft der Revolutionäre im Hause von Julius Laspara stattfinden sollte. Jedenfalls ging er gerade auf das Haus von Laspara los und war durchaus nicht überrascht, als er sich plötzlich davor fand und an der Straßentür läutete, die natürlich geschlossen war. Das Gewitter hatte eben mit Macht eingesetzt. In den Gassen der Straße strömte das Wasser. Der dichte Platzregen umhüllte ihn im Schein der Blitze wie ein leuchtender Schleier. Er war vollständig ruhig und lauschte zwischen den Donnerschlägen aufmerksam auf das helle Klingeln der Torglocke irgendwo weit drinnen im Hause.

Es gab einige Schwierigkeiten, bevor er eingelassen wurde. Er war dem einen der Gäste, der sich freiwillig erboten hatte, hinunter nachsehen zu gehen, persönlich nicht bekannt. Rasumoff verhandelte geduldig mit ihm. Es könne nichts auf sich haben, wenn man einen Besucher einließ. Er habe der Gesellschaft oben etwas mitzuteilen.

»Etwas Wichtiges?«

»Darüber werden die Hörer zu entscheiden haben.«

»Dringend?«

»Ohne jeden Aufschub.«

Inzwischen war eine der Töchter Lasparas über die Stiegen heruntergekommen, eine kleine Lampe in der Hand; sie trug ein schmutziges, zerknittertes Kleid, das wie durch ein Wunder an ihr zu hängen schien, und sah mehr als je einer alten Puppe gleich, mit einer staubigen braunen Perücke, unter irgendeinem Sofa hervorgezogen. Sie erkannte Rasumoff sofort.

»Wie geht es Ihnen? Natürlich können Sie hereinkommen.«

Rasumoff folgte dem Licht, das sie trug, und erstieg zwei Stockwerke. Sie stellte die Lampe auf ein Wandbrettchen im Vorzimmer, öffnete eine Tür und trat mit dem mißtrauischen Gast ein. Rasumoff ging als letzter. Er schloß die Türe hinter sich, trat zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

Die drei kleinen ineinandergehenden Zimmer waren mit Leuten vollgepfropft; die Decken waren niedrig und verräuchert; die Beleuchtung bestand aus Petroleumlampen. Überall schienen lebhafte Gespräche im Gang, und überall standen Teegläser halbvoll und leer herum, sogar auf dem Boden. Die zweite Lasparatochter saß, unordentlich und träge wie immer, hinter einem ungeheuren Samowar. Im Rahmen einer der Innentüren bemerkte Rasumoff flüchtig einen machtvoll vorspringenden Bauch, der ihm bekannt vorkam. Ganz nahe bei ihm kletterte Julius Laspara eilig von seinem hohen Stuhl herunter.

Das Erscheinen des mitternächtlichen Besuches verursachte keine geringe Aufregung. Laspara pflegte die Ereignisse jener Nacht sehr kurz zusammenzufassen. Nach einigen Begrüßungsworten, die Rasumoff nicht beachtete, sagte Laspara irgend etwas von Artikelschreiben (dabei übersah er absichtlich den verregneten Aufzug seines Gastes und seine ganz merkwürdige Art, sich einzuführen), bald aber wurde er verlegen, und Rasumoff schien geistesabwesend. »Ich habe schon alles geschrieben, was ich je schreiben werde«, sagte er schließlich mit einem kurzen Lachen.

Die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft konzentrierte sich auf den Neuangekommenen, der von Nässe triefend und totenbleich an der Wand stand. Rasumoff schob Laspara freundlich zur Seite, als wollte er vom Kopf zu Fuß von jedermann gesehen werden. Der Stimmenlärm war gänzlich verstummt, bis in die fernsten Winkel hinein. Der Türrahmen gegenüber Rasumoff füllte sich mit Männern und Frauen, die die Hälse reckten und ganz augenscheinlich ein aufregendes Geschehnis erwarteten.

Aus der Gruppe ertönte eine freche, mit kreischender Stimme hingeworfene Bemerkung.

»Ich kenne dieses lächerlich eingebildete Individuum.«

»Welches Individuum?« fragte Rasumoff, hob den gesenkten Kopf und spähte mit seinen Augen in all die andern, die auf ihn gerichtet waren. Eine Zeitlang herrschte überraschtes Schweigen. »Wenn ich es bin ... « Er brach ab, überlegte die Form, in die er sein Geständnis fassen sollte, und fand sie plötzlich, von der übermächtigen Erinnerung an den schicksalsschwersten Abend seines Lebens geleitet.

»Ich bin hierher gekommen«, begann er mit klarer Stimme, »um von einem Menschen namens Siemianitsch zu reden. Sofia Antonowna hat mir mitgeteilt, daß sie einen gewissen Brief aus St. Petersburg veröffentlichen wolle ... «

»Sofia Antonowna hat uns früh am Abend verlassen«, sagte Laspara. »Es ist ganz richtig, jedermann hier hat gehört ... «

»Ganz recht«, unterbrach ihn Rasumoff mit leiser Ungeduld, denn sein Herz schlug hart. Dann meisterte er seine Stimme so weit, daß sogar ein Schimmer von Ironie in seinen klar abgesetzten Worten mitklang.

»Um jenem Menschen, dem vielgeschmähten Bauern Siemianitsch, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, erkläre ich hiermit feierlich, daß die Behauptungen jenes Briefes einen Mann aus dem Volk verleumden – eine frohe russische Seele. Siemianitsch hat mit Viktor Haldins Verhaftung tatsächlich nichts zu tun.«

Rasumoff legte einen schweren Nachdruck auf den Namen und wartete dann, bis das schwache schmerzliche Murmeln, das ihm folgte, erstorben war.

»Viktor Viktorowitsch Haldin«, begann er von neuem, »suchte in zweifellos großherziger Unklugheit bei einem gewissen Studenten Zuflucht, von dessen Meinung er nicht mehr wußte, als was ihm die Illusionen seines eigenen edlen Herzens eingaben. Es war ein durchaus unangebrachtes Vertrauen. Doch ich bin nicht hier, um Viktor Haldins Handlungen zu beurteilen. Soll ich euch von den Gefühlen jenes Studenten erzählen, der in seiner verlassenen Einsamkeit aufgesucht und durch die aufgezwungene Mitwisserschaft bedroht wurde? Soll ich euch sagen, was er tat? Es ist eine recht verwickelte Geschichte. Schließlich ging der Student zu General T. persönlich und sagte: ›Ich habe den Menschen, der von P. getötet hat, in meinem Zimmer eingeschlossen; es ist Viktor Haldin – ein Student wie ich selbst.‹«

Ein großes Getöse brach los, und Rasumoff erhob die Stimme.

»Vergessen Sie nicht – daß jener Mann gewisse ehrenhafte Ideale vor Augen hatte. Aber ich bin nicht hergekommen, um ihn zu verteidigen.«

»Nein. Aber Sie werden zu erklären haben, wieso Sie von alledem wissen«, klang es düster irgendwoher.

»Ein elender Schuft!« Der Schrei schrillte auf. »Seinen Namen!« brüllten andere Stimmen.

»Was lärmt ihr?« fragte Rasumoff verächtlich in das tiefe Schweigen hinein, das er durch eine Handbewegung hergestellt hatte. »Habt ihr nicht alle verstanden, daß ich der Mann bin?«

Laspara trat unvermittelt von ihm weg und kletterte auf seinen Stuhl. In dem ersten Ansturm der Leute gegen ihn erwartete Rasumoff, in Stücke gerissen zu werden. Doch alle wichen zurück, ohne ihn anzurühren, und es blieb bei dem Lärm. Ganz erstaunlich. Sein Kopf schmerzte furchtbar. Aus dem wirren Durcheinanderschreien hörte er mehrmals den Namen von Peter Iwanowitsch heraus, das Wort »Urteil« und den Satz »Aber das ist ja ein Geständnis«, den irgend jemand in Fisteltönen hinauskreischte. Während des Tumultes trat ein junger Mann, jünger als er selbst, mit blitzenden Augen vor ihn hin.

»Ich muß Sie bitten«, sagte er mit giftiger Höflichkeit, »sich freundlichst nicht von diesem Fleck zu rühren, bis man Ihnen gesagt hat, was Sie zu tun haben.«

Rasumoff zuckte die Schultern.

»Ich bin freiwillig hergekommen.«

»Ganz einerlei. Aber Sie werden nicht hinausgehen, bevor man es Ihnen erlaubt«, gab der andere zurück.

Er winkte mit der Hand und rief: »Louisa, bitte, kommen Sie her«; sofort tauchte eine der Lasparatöchter auf (sie hatten beide hinter dem Samowar hervor Rasumoff angestarrt); sie schleifte einen Stuhl hinter sich her, setzte ihn vor die Tür und ließ sich mit gekreuzten Beinen darauf nieder. Der junge Mann dankte ihr verbindlich und gesellte sich zu einer Gruppe, die halblaut ein angeregtes Gespräch führte.

Rasumoffs Spannkraft ließ einen Augenblick nach.

Eine krächzende Stimme ertönte: »Geständnis hin oder her – Sie sind ein Polizeispitzel.« Der Revolutionär Nikita hatte sich bis zu Rasumoff vorgedrängt und stand ihm nun gegenüber, mit seinen großen, bleichen Wangen, seinem schweren Hängebauch, dem Stiernacken und den ungeheuren Händen. Rasumoff sah den berüchtigten Gendarmentöter mit schweigender Verachtung an.

»Und was sind Sie?« fragte er ganz leise, schloß dann die Augen und lehnte den Hinterkopf an die Wand.

»Es wäre besser für Sie, jetzt zu gehen.« Rasumoff hörte eine sanfte, traurige Stimme und schlug die Augen auf. Der freundliche Sprecher war ein älterer Mann, dessen offenes, kluges Gesicht reiches, weißes Haar wie silberner Heiligenschein umrahmte.

»Peter Iwanowitsch wird von Ihrem Geständnis in Kenntnis gesetzt werden, und Sie werden die Weisung erhalten ... « Dann wandte er sich an Nikita mit dem Beinamen Nekator, der daneben stand, und fragte ihn flüsternd: »Was können wir sonst tun? Nach diesem Beweis von Aufrichtigkeit kann er nicht länger mehr gefährlich sein.«

Der andere murrte. »Wir wollen uns lieber dessen vergewissern, bevor wir ihn gehenlassen. Überlassen Sie mir das. Ich weiß mit solchen Herren umzugehen.«

Er wechselte bedeutsame Blicke mit zwei oder drei Leuten, die ihm leicht zunickten; dann fuhr er Rasumoff barsch an: »Haben Sie gehört? Sie werden hier nicht gewünscht. Warum gehen Sie nicht?«

Die Lasparatochter, die Wache hielt, erhob sich und schob gleichmütig den Stuhl aus dem Weg. Sie sah Rasumoff schläfrig an. Er blickte noch einmal durch das Zimmer und ging dann langsam an ihr vorbei, als sei ihm ein plötzlicher Gedanke gekommen.

»Ich bitte Sie alle, zu beachten«, sagte er, schon vom Vorraum aus,. »daß ich nur hätte zu schweigen brauchen. Heute konnte ich mich zum erstenmal, seitdem ich unter euch bin, wahrhaft gesichert fühlen. Gerade heute habe ich mich freigemacht von der Lüge, von der Reue – und unabhängig von jedem einzelnen menschlichen Wesen auf der Welt.«

Er wandte dem Zimmer den Rücken und ging dem Treppenhaus zu. Als er aber hinter sich die Türe heftig zuschlagen hörte, sah er über die Schultern zurück und bemerkte, daß ihm Nikita mit drei anderen gefolgt war.

»Nun werden sie mich doch umbringen«, dachte er.

Bevor er noch Zeit hatte, sich umzuwenden und· ihnen entgegenzutreten, fielen sie über ihn her. Er wurde gegen die Wand gedrängt. »Ich möchte nur wissen, wie«, dachte er weiter. Nikita schrie ihm mit einem grellen Auflachen ins Gesicht: »Wir werden dich unschädlich machen, warte nur einen Augenblick.«

Rasumoff wehrte sich nicht. Die drei Leute hielten ihn wie festgenagelt an die Wand, während Nikita ein wenig zur Seite trat und bedächtig mit seinem ungeheueren Arm ausholte. Rasumoff spähte nach einem Messer in seiner Hand, sah sie aber offen unbewaffnet auf sich zukommen und erhielt einen furchtbaren Schlag auf den Kopf, gerade über dem Ohr. Im gleichen Augenblick hörte er eine schwache dumpfe Detonation, als ob jemand auf der anderen Seite der Mauer eine Pistole abgefeuert hätte. Eine rasende Wut wallte in ihm auf bei der rohen Mißhandlung. Die Leute in Lasparas Wohnung hielten den Atem an und lauschten auf das verzweifelte Ringen von vier Leuten durch das ganze Vorzimmer. Stöße gegen die Wand, ein derber Anprall gegen die Tür selbst, dann stürzten sie alle miteinander hinunter, mit einer Gewalt, daß das ganze Haus davon zu zittern schien. Rasumoff brach überwältigt und atemlos unter dem Gewicht seiner Angreifer zusammen, sah, wie sich der ungeheure Nikita neben seinem Kopf auf die Knie niederließ, während die anderen ihn am Boden festhielten – auf seiner Brust knieten, seine Kehle umklammerten, über seinen Beinen lagen.

»Dreht sein Gesicht anders herum!« krächzte der schmerbäuchige Terrorist.

Rasumoff konnte sich nicht länger wehren. Er war erschöpft. Er mußte untätig zusehen, wie die wuchtige offene Hand des Rohlings nochmals auf sein anderes Ohr niedersauste. Er glaubte, der Kopf sei ihm zersprungen, und mit einmal verstummten die Leute, die ihn hielten, vollständig, wurden lautlos wie Schatten. Stillschweigend rissen sie ihn roh empor, eilten lautlos mit ihm die Treppen vollends hinunter, rissen die Türe auf und warfen ihn auf die Straße hinaus.

Er fiel nach vorne, überschlug sich sofort hilflos und stürzte mit dem Strom des Regenwassers den kurzen Abhang hinunter. Als er wieder zu sich kam, lag er in der Gosse der Nebenstraße auf dem Rücken. Gerade über ihm zerriß ein Blitz den Himmel, ein greller, langer Blitz, der ihn völlig blendete. Er raffte sich auf und legte den Arm über die Augen, um die Sehkraft wieder zu erlangen. Kein Laut drang zu ihm. Er begann zu gehen und taumelte eine lange, leere Straße hinunter. Rings um ihn zuckten und bebten die stillen Flammen der Blitze, die Wasser des Wolkenbruches stürzten nieder, sammelten sich, fluteten los wie Nebeltreiben. In dieser überirdischen Ruhe tönten auch seine Schritte auf dem Pflaster nicht wider. Der Sturm trieb ihn vor sich hin wie einen Sterblichen, der sich in eine Geisterwelt verloren hatte, darin ein unhörbares Gewitter wütete. Gott allein weiß, wohin ihn seine lautlosen Füße in jener Nacht trugen, dahin und dorthin und wieder zurück, ohne Rast. Wir erfuhren später wenigstens von einem Ort, wohin sie ihn geführt hatten; früh am nächsten Morgen sah der Führer der ersten Elektrischen nach dem Südufer einen Menschen in schmutzigen, durchweichten Kleidern, ohne Hut, unbeholfen und mit gesenktem Kopfe die Straße hinabtaumeln. Der Führer läutete verzweifelt mit seiner Glocke, der Mann aber trat gerade vor den Wagen und wurde überfahren.

Als man ihn mit gebrochenen Beinen und einer schweren Brustwunde aufhob, hatte Rasumoff nicht das Bewußtsein verloren. Ihm war, als sei er durch seinen Unglücksfall ins Land der Stummen geraten. Schweigende Männer mit lautlosen Bewegungen hoben ihn hoch, legten ihn auf dem Bürgersteig nieder und gaben nur durch Gesten rings um ihn ihren Schreck und ihr Mitleid zu erkennen. Ein rotes Gesicht mit großem Schnurrbart beugte sich nahe über ihn, die Lippen bewegten sich, die Augen rollten. Rasumoff strengte sich an, den Sinn dieses stummen Schauspiels zu begreifen. Den Umstehenden schien es, als drückte sich auf dem Gesicht dieses schwerverletzten Fremden nichts als ein angestrengtes Nachdenken aus. Später erst sandte er ihnen einen furchtsamen Blick zu und schloß langsam die Augen. Man starrte ihn an. Rasumoff versuchte krampfhaft, sich an ein paar französische Worte zu erinnern.

»Je suis sourd«, hatte er noch Zeit zu flüstern, bevor er in Ohnmacht fiel. »Er ist taub«, riefen die anderen einander zu. »Darum hat er den Wagen nicht gehört.«

Man schaffte ihn in demselben Wagen fort. Bevor er sich in Bewegung setzte, klammerte sich eine Frau in schäbigem, schwarzem Kleide, die aus dem eisernen Tor irgendeines Privatgrundstückes an der Straße herausgestürzt war, an die rückwärtige Plattform und wollte sich nicht abschütteln lassen.

»Ich bin eine Verwandte«, wiederholte sie immer wieder in gebrochenem Französisch. »Dieser junge Mann ist ein Russe, und ich bin seine Verwandte.« Daraufhin ließ man sie gewähren. Sie setzte sich ruhig nieder und nahm seinen Kopf in den Schoß. Ihre verschreckten blassen Augen vermieden es, sein leichenhaftes Gesicht anzusehen. An einer Straßenecke am anderen Ende der Stadt kam eine Bahre dem Wagen entgegen. Die Frau folgte ihr bis zur Tür des Hospitals, wo man ihr erlaubte, mit hineinzugehen und zuzusehen, wie er zu Bett gebracht wurde. Rasumoffs neu entdeckte Verwandte vergoß keine Träne. Doch konnten die Beamten sie nur mit Mühe dazu bringen, wegzugehen. Der Pförtner sah sie lange Zeit auf der anderen Seite der Straße warten. Plötzlich lief sie davon, als sei ihr etwas eingefallen.

Die erbitterte Feindin aller Finanzministerien, die Sklavin von Madame de S., hatte sich entschlossen, auf ihre Stellung als Gesellschaftsdame bei der Egeria von Peter Iwanowitsch zu verzichten. Sie hatte ein Werk nach ihrem eigenen Herzen gefunden.

Stunden zuvor aber, während das nächtliche Gewitter noch tobte, hatte es bei Julius Laspara eine große Sensation gegeben. Der furchtbare Nikita war aus dem Vorzimmer zurückgekommen und hatte seine heisere Stimme bis zum äußersten angestrengt, um in die Gesellschaft hineinzurufen:

»Rasumoff! Herr Rasumoff! Der wunderbare Rasumoff! Der wird keinem mehr als Spitzel irgendwie nützen können. Er wird nicht schwätzen, weil·er in seinem Leben nichts mehr hören wird – keinen Ton mehr! Ich habe ihm die Trommelfelle gesprengt. Oh, ihr könnt euch auf mich verlassen. Ich kenne den Trick. Haha! Haha! Haha! Ich kenne den Trick.«

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