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Mit den Augen des Westens

Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/conrad/augenwes/augenwes.xml
typefiction
authorJoseph Conrad
titleMit den Augen des Westens
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freissler
correctorreuters@abc.de
sendermeikrosihofmann@t-online.de
created20091119
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3

»Wollen Sie nicht für einen Augenblick hereinkommen?« fragte mich Natalie Haldin.

Ich zögerte wegen der späten Stunde. »Sie wissen doch, daß Mutter Sie sehr gern hat«, betonte sie.

»Ich will nur mitkommen, um zu hören, wie es Ihrer Mutter geht.«

Sie sagte wie zu sich selbst: »Ich weiß nicht einmal, ob sie glauben wird, daß ich Herrn Rasumoff nicht finden konnte, da sie es sich ja einmal in den Kopf gesetzt hat, daß ich etwas vor ihr verheimliche. Vielleicht können Sie sie überzeugen ... «

»Vielleicht traut Ihre Mutter auch mir nicht«, bemerkte ich.

»Ihnen! Warum? Was sollten Sie vor ihr zu verbergen haben? Sie sind kein Russe und kein Verschwörer.«

Ich fühlte tief, wie sehr ich als Europäer abseitsstand, und sagte nichts, entschloß mich aber, meine Rolle des hilflosen Zuschauers bis zu Ende durchzuführen. Das ferne Donnerrollen kam aus dem Rhônetal näher zu der schlafenden Stadt mit ihren prosaischen Tugenden und ihrer unbeschränkten Gastlichkeit. Wir überschritten die Straße gerade vor dem großen dunklen Eingangstor, und Fräulein Haldin läutete an der Wohnungstür. Sie wurde fast im Augenblick geöffnet, als ob die alte Magd im Vorzimmer auf unsere Rückkehr gewartet hätte. Ihr stumpfes Gesicht zeigte einen Ausdruck der Zufriedenheit. Der Herr sei hier, erklärte sie, während sie die Tür schloß.

Keiner von uns verstand sie. Fräulein Haldin wandte sich hastig an sie: »Wer?«

»Herr Rasumoff«, erklärte sie.

Sie hatte vor unserem Weggehen genug von unserer Unterhaltung verstanden, um zu wissen, warum ihre junge Herrin ausgegangen war. Als der Herr seinen Namen genannt hatte, hatte sie ihn sofort eingelassen.

»Niemand hätte das vorhersehen können«, murmelte Fräulein Haldin und sah mich mit ihren ernsten grauen Augen an. Ich mußte an den Gesichtsausdruck des jungen Menschen denken, der mir vor nicht viel mehr als vier Stunden aufgefallen war, und fühlte lebhaftes Staunen und einen leisen Schreck.

»Haben Sie meine Mutter zuerst gefragt?« fragte Fräulein Haldin die Magd.

»Nein. Ich habe den Herrn gemeldet«, gab sie zurück, augenscheinlich überrascht durch unsere bestürzten Gesichter.

»Immerhin«, sagte ich leise, »war Ihre Mutter vorbereitet.«

»Ja, aber er hat keine Idee ... «

Es schien mir, als ob sie an seinem Takt zweifelte. Auf ihre Frage, wie lange der Herr schon bei ihrer Mutter sei, antwortete uns die Magd, daß es kaum eine Viertelstunde her sei.

Sie wartete einen Augenblick und zog sich dann zurück, ein wenig verschreckt. Fräulein Haldin sah mich schweigend an.

»Es hat sich zufällig getroffen«, sagte ich, »daß Sie ganz genau wissen, was Ihres Bruders Freund Ihrer Mutter zu sagen hat. Und danach können Sie sicher ... «

»Ja«, sagte Natalie Haldin langsam. »Ich frage mich nur, ob es, da ich ja nicht hier war, als er kam, nicht vielleicht besser wäre, wenn ich jetzt nicht störte.«

Wir verharrten schweigend und strengten wohl beide unsere Ohren an, doch kein Laut drang durch die geschlossene Tür zu uns. In Fräulein Haldins Gesicht prägte sich eine peinliche Unentschlossenheit aus; sie machte eine Bewegung, als wollte sie hineingehen, blieb dann aber doch stehen. Sie hatte Schritte hinter der Tür gehört. Die Tür flog auf, und Rasumoff kam eilig in das Vorzimmer heraus. Die Anstrengungen dieses Tages und der Kampf mit sich selbst hatten ihn derartig verändert, daß es mir vielleicht schwer gefallen wäre, das Gesicht wiederzuerkennen, das wenige Stunden zuvor, als er mich vor dem Postgebäude angerannt hatte, wohl auch auffallend genug, doch gänzlich verschieden gewesen war. Damals war es nicht so leichenblaß gewesen und die Augen nicht so düster. Jetzt sahen sie zwar allerdings nicht mehr so irr drein, doch lag darin der Schatten einer bewußten Bosheit.

Ich erzähle das, weil sein Blick zunächst auf mich fiel, allerdings ohne die leiseste Spur von Erkennen oder Verständnis. Ich stand einfach zufällig in seinem Weg. Ich weiß nicht, ob er die Glocke gehört oder irgend jemand zu sehen erwartet hatte. Ich glaube, daß er einfach weggehen wollte und Fräulein Haldin nicht früher sah, als bis sie ein oder zwei Schritte auf ihn zutrat. Er übersah die Hand, die sie ihm entgegenstreckte.

»Sie sind's, Natalia Viktorowna... Sie sind vielleicht überrascht ... so spät. Aber, sehen Sie, ich erinnerte mich an unsere Gespräche in jenem Garten. Ich dachte wirklich, es sei Ihr Wunsch, daß ich – ohne Zeitversäumnis ... und so kam ich. Kein anderer Grund. Einfach um zu sagen ... «

Das Sprechen fiel ihm schwer. Ich bemerkte das und erinnerte mich, daß er dem Mann im Laden gesagt hatte, er ginge aus, weil er »Luft brauche«. Wenn das sein Zweck gewesen war, so lag es auf der Hand, daß er ihn ganz und gar nicht erreicht hatte. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Kopf strengte er sich an, den abgebrochenen Satz fortzusetzen.

»Zu erzählen, was ich selbst erst heute gehört habe – heute ... «

Durch die Tür, die er zu schließen vergessen hatte, konnte ich in das Wohnzimmer sehen. Es war nur von einer verhängten Lampe beleuchtet. – Frau Haldins Augen konnten weder Gas noch elektrisches Licht vertragen. Es war ein ziemlich großer Raum, und im Gegensatze zu dem hellerleuchteten Vorzimmer verloren sich seine Tiefen in einem düsteren Halbdunkel, hinter dem schwere Schatten lauerten; ganz im Hintergrund sah ich die regungslose Gestalt von Frau Haldin, leicht vorgebeugt, mit einer Hand auf der Armlehne des Stuhles.

Sie rührte sich nicht. Auch drückte ihre Stellung nicht mehr Erwartung aus. Die Vorhänge des Fensters waren herabgelassen. Dahinter war nur ein Nachthimmel, der eine Wetterwolke barg, und die Stadt,. gleichgültig und gastfrei, in ihrer kalten, fast verächtlichen Toleranz – eine ehrbare Stadt, für die alle diese Sorgen und Hoffnungen ein Nichts waren. Das weiße Haupt der Greisin war tief gebeugt.

Der Gedanke, daß das wirkliche Drama der Autokratie sich nicht auf der breiten politischen Bühne abspielt, kam mir, als ich, wieder als Zuschauer, diesen zweiten Blick hinter die Kulissen tat. Ich hatte die Gewißheit, daß diese Mutter sich im Innersten wehrte, ihren Sohn verloren zu geben. Das war mehr als Rachels untröstliche Trauer. Es war Tieferes und Unnahbareres in ihrer furchtbaren Ruhe. Wie ich ihre verschwommene Gestalt in dem kaum sichtbaren hochbeinigen Stuhl sitzen sah, schien es, als ob sie sich über ein liebes Haupt beugte, das in ihrem Schoße ruhte.

Diesen Blick hinter die Kulissen tat ich, und dann ging Fräulein Haldin an dem jungen Mann vorbei und schloß die Tür. Sie tat es nicht ohne Zögern. Einen Augenblick glaubte ich, sie würde zu ihrer Mutter gehen, sie warf aber nur einen ängstlichen Blick hinein. Vielleicht, wenn Frau Haldin sich geregt hätte ... doch nein. Die reglose Starrheit ihres blutleeren Gesichtes zeugte von unheilbarem Schmerz.

Inzwischen hatte der junge Mann mit niedergeschlagenem Blick dagestanden. Der Gedanke, daß er die Geschichte, die er eben erzählt hatte, würde wiederholen müssen, war ihm unerträglich. Er hatte erwartet, die beiden Frauen beisammen zu finden. Und dann, hatte er sich gesagt, würde es ein für allemal vorbei sein. »Ein Glück, daß ich an kein Jenseits glaube«, – hatte er zynisch gedacht.

Als er seinen Geheimbrief zur Post gebracht hatte und wieder in seinem Zimmer allein war, hatte Rasumoff einigermaßen seine Fassung wiedergewonnen, indem er in seinem geheimen Tagebuch schrieb. Er war sich der Gefahren dieser merkwürdigen Laune wohl bewußt; er erwähnt es auch selbst, daß er sich trotzdem nicht zurückhalten konnte. Es beruhigte ihn, söhnte ihn mit seinem Leben aus. Er saß beim Schein einer einzigen Kerze und schrieb, bis es ihm einfiel, daß er die Erklärung von Haldins Verhaftung, die er eben von Sofia Antonowna gehört hatte, wohl oder übel den Damen selbst mitteilen müsse. Sie würden die Geschichte ja zweifellos von sonst niemand erfahren, und dann mußte seine Zurückhaltung merkwürdig erscheinen, nicht nur der Mutter und Schwester von Haldin, sondern auch anderen Leuten.

Als er zu diesem Schluß gekommen war, entdeckte er dieser Notwendigkeit gegenüber keinen sonderlichen Widerwillen in sich, und sehr bald stellte sich in ihm der dringende Wunsch ein, die ganze Sache abzutun. Er sah nach der Uhr. Nein; es war nicht unbedingt zu spät.

Die Viertelstunde mit Frau Haldin schien die Rache des Unbekannten: das weiße Gesicht, die schwache deutliche Stimme; der Kopf, der sich ihm zunächst lebhaft zuwandte und dann nach einer Weile reglos niedersank; das trübe gedämpfte Licht des Zimmers, in dem seine Worte so merkwürdig laut widerhallten: alles hatte ihn wie eine ungeahnte Entdeckung verwirrt. Er fühlte in dem Kummer der Frau einen geheimen Starrsinn, irgend etwas Unverständliches. Jedenfalls etwas, was er nicht erwartet hatte. War es Feindseligkeit? Doch einerlei. Ihm konnte nun nichts mehr geschehen. In den Augen der Revolutionäre war seine Vergangenheit nun fleckenlos. Nun war er wirklich über Haldins Phantom weggeschritten. Es lag machtlos hinter ihm auf dem schneebedeckten Pflaster. Und da war die Mutter dieses Phantoms, aufgelöst in Schmerz und bleich wie ein Gespenst. Er hatte eine mitleidige Überraschung empfunden. Doch das hatte natürlich nichts zu sagen. Mütter hatten nichts zu sagen. Obwohl er sich des peinigenden Eindrucks dieser schweigsamen, weißhaarigen Frau nicht ganz erwehren konnte, fühlte er doch, wie eine gewisse Härte in ihm hochkam. Das waren die Folgen. Nun gut. Und was weiter? »Bin denn ich auf Rosen gebettet?« hatte er sich gefragt, während er aus einiger Entfernung den Blick auf die Kummergestalt vor ihm richtete. Er hatte ihr alles gesagt, was er zu sagen hatte, und als er fertig war, hatte sie kein Wort geäußert. Noch während er sprach, hatte sie den Kopf abgewandt. Das Schweigen, das nach seinen letzten Worten entstanden war, hatte fünf Minuten oder noch länger angehalten. Was bedeutete das? Während er noch über das Unverständliche darin nachdachte, fühlte er, wie eine Wut seine Härte durchbrach. Die alte Wut gegen Haldin, die durch den Anblick von Haldins Mutter wieder erweckt wurde. Ob es nicht vielleicht auch Neid war, Neid auf ein Vorrecht, das ihm allein unter allen Menschen versagt war? Der andere hatte es fertiggebracht, zur Ruhe zu kommen und doch weiterzuleben in der Liebe dieser alten trauernden Frau und in den Gedanken aller der Leute, die sich als Menschenfreunde ausgeben. Es war unmöglich, von ihm freizukommen. »Mich selbst habe ich der Vernichtung preisgegeben«, dachte er. »Er hat mich dazu gebracht, ich kann ihn nicht abschütteln.«

In der ersten Bestürzung über diese Erkenntnis sprang er auf und schritt aus dem stillen, halbdunklen Zimmer hinaus, in dem diese schweigsame alte Frau saß. Er sah nicht zurück. Es war eine Flucht. Als er aber die Tür geöffnet hatte, fand er den Rückzug abgeschnitten. Die Schwester war da. Er hatte die Schwester nie vergessen. Nur hatte er nicht erwartet, sie da – oder vielleicht überhaupt noch einmal zu sehen. Ihre Anwesenheit im Vorzimmer war genauso unvorhergesehen, wie es die Erscheinung ihres Bruders gewesen war. Rasumoff fuhr zusammen, als sei er in eine Falle geraten. Er versuchte zu lächeln, brachte es aber nicht fertig und schlug die Augen nieder. »Muß ich diese dumme Geschichte noch einmal erzählen?« fragte er sich und fühlte, wie sich ihm das Herz zusammenzog. Er hatte seit dem Tag vorher keinen Bissen über die Lippen gebracht, war aber nicht in der Verfassung, die Gründe seiner Schwäche zu erkennen. Er dachte seinen Hut zu nehmen und mit möglichst wenig Worten sich zu verabschieden. Doch sah er sich überrumpelt durch die rasche Bewegung, mit der Fräulein Haldin die Tür schloß. Er wandte sich halb nach ihr um, doch ohne den Blick zu heben, völlig passiv, wie eine Feder im Luftzug schwanken mag. Im nächsten Augenblick war sie an ihren früheren Platz zurückgekommen, und er wandte sich ihr wieder zu, so daß sie sich in derselben Stellung gegenüberstanden.

»Ja, ja«, sagte sie hastig, »ich bin Ihnen sehr dankbar, Kyrill Sidorowitsch, daß Sie gleich gekommen sind ... Nur wünschte ich, ich hätte ... Hat Ihnen Mutter gesagt?«

»Ich möchte gern wissen, was sie mir hätte sagen können, was ich nicht schon früher gewußt hätte«, sagte er, wie zu sich selbst, doch deutlich vernehmbar. »Denn ich wußte es immer«, fügte er lauter und wie verzweifelt hinzu.

Er ließ den Kopf hängen. Er empfand Natalie Haldins Gegenwart so stark, daß er fühlte, es müßte eine Erlösung sein, sie anzusehen. Sie war es, die ihn nun verfolgt hatte. Er hatte darunter gelitten, seit dem Augenblick, wo sie ihm in dem Park der Villa Borel entgegengetreten war, mit ausgestreckter Hand und den Namen ihres Bruders auf den Lippen ... Im Vorzimmer waren an der Wand neben der Außentür eine Reihe von Kleiderhaken angeschraubt. Gegenüber stand ein kleiner, schwarzer Tisch mit einem Stuhl. Die Tapete war weiß mit einem schwachen Dessin. Das Licht einer Glühbirne, die hoch oben unter der Decke hing, durchforschte den hellen, viereckigen Schacht bis in seine vier kahlen Winkel, hart, schattenlos – eine merkwürdige Bühne für ein düsteres Drama.

»Was meinen Sie?« fragte Fräulein Haldin. »Was ist es, das Sie immer wußten?«

Er hob sein Gesicht, das bleich war und von unausgesprochenem Schmerze zeugte. Jedoch der Ausdruck von dumpfem Starrsinn, der jedermann, der mit ihm sprach, überraschte, begann aus seinen Augen zu weichen. Es schien, als käme er zu sich selbst, in dem neu erwachten Bewußtsein der wunderbaren Harmonie von Zügen, Linien, Blicken, Stimme, die das Mädchen vor ihm zu einem so seltenen, eigenen Wesen machte, weit über dem durchschnittlichen Schönheitsbegriff. Er sah sie so lange an, daß sie leicht errötete.

»Was ist es, das Sie wußten?« wiederholte sie unsicher.

Diesmal brachte er es zu einem Lächeln.

»Wären nicht die ein oder zwei Begrüßungsworte, so müßte ich zweifeln, ob Ihre Mutter meine Anwesenheit überhaupt gemerkt hat. Verstehen Sie?«

Natalie Haldin nickte. Ihre herabhängenden Hände zuckten.

»Ja. Ist es nicht herzbrechend? Sie hat noch keine Träne vergossen - keine einzige Träne.«

»Nicht eine Träne! Und Sie, Natalia Viktorowna? Konnten Sie weinen?

»Ich konnte es. Und dann, Kyrill Sidorowitsch, ich bin jung genug, um an die Zukunft zu glauben. Wenn ich aber meine Mutter so furchtbar niedergeschlagen sehe, dann vergesse ich fast alles. Ich frage mich, ob man sich stolz fühlen sollte - oder nur resigniert. Es gab so viele Leute, die zu uns kamen. Völlig Fremde fragten schriftlich um die Erlaubnis an, ihre Hochachtung ausdrücken zu dürfen. Es war unmöglich, unsere Tür geschlossen zu halten … O ja, es gab viel echte Sympathie, doch es gab auch Leute, die offen über diesen Tod frohlockten. Und dann, wenn ich mit der armen Mutter allein war, schien dies alles so verkehrt, so gar nicht wert des Preises, den sie dafür zahlte. Sobald ich aber hörte, daß Sie in Genf seien, Kyrill Sidorowitsch, fühlte ich, daß Sie der einzige Mensch sein müssen, der ihr helfen könnte ... «

»Eine beraubte Mutter zu trösten? Ja!« fiel er ein, in einem Ton, der sie zwang, ihre ahnungslosen Augen aufzuschlagen. Hier fragte es sich aber, ob ich die Fähigkeit dazu habe. Haben Sie darüber nachgedacht?«

Die atemlose Hast, mit der er diese Worte hervorstieß, stand im grellen Widerspruch mit dem ungeheuerlichen Spott, der sich dahinter zu verbergen schien.

»Wie denn?« flüsterte Natalie Haldin weich. »Wer sollte besser dazu befähigt sein als Sie?«

Er unterdrückte mühsam eine impulsive Geste der Verzweiflung.

»Wirklich! Sobald Sie hörten, daß ich in Genf sei – ohne mich gesehen zu haben? Das ist ein neuerlicher Beweis dieses Vertrauens ... «

Plötzlich änderte er den Ton, sprach nachdrücklicher und freier.

»Männer sind arme Geschöpfe, Natalia Viktorowna. Ihnen fehlt das intuitive Verständnis für Gefühle. Um zu einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, die richtigen Worte zu finden, muß man selbst eine Mutter gekannt haben. Das ist bei mir nicht der Fall – wenn Sie schon die volle Wahrheit wissen müssen. Ihre Hoffnungen scheitern hier an ›einer Brust, die keine Zuneigung je erwärmte‹, wie der Dichter sagt ... Damit soll nicht gesagt sein, daß sie gefühllos wäre«, fügte er leise hinzu.

»Ich bin sicher, daß Ihr Herz nicht gefühllos ist«, sagte Fräulein Haldin sanft.

»Nein, es ist nicht hart wie Stein«, fuhr er in derselben nachdenklichen Weise fort und sah dabei aus, als läge sein Herz schwer wie ein Stein in der unerwärmten Brust, von der er gesprochen hatte. »Nein, nicht so hart. Um aber das fertigzubringen, was Sie von mir erwarten, oh – das ist eine andere Frage. Niemand hat je etwas Ähnliches von mir erwartet. Da war keiner, der nach meiner Zärtlichkeit irgendwie verlangt hätte. Und nun kommen Sie. Sie! Jetzt! Nein, Natalia Viktorowna, es ist zu spät. Sie kommen zu spät. Sie müssen nichts von mir erwarten.«

Sie wich ein wenig von ihm zurück, obwohl er keine Bewegung gemacht hatte; vielleicht hatte sie in seinem Gesicht irgendeinen Wechsel beobachtet, der seinen Worten den Stempel eines geheimen Gefühls aufdrückte, das ihnen beiden gemein war. Für mich, den schweigenden Zuschauer, schienen sie zwei Leute, denen der Zauber bewußt wird, unter dem sie seit dem ersten Augenblick standen. Hätte eines von ihnen damals nach mir gesehen, so hätte ich ruhig die Tür geöffnet und wäre hinausgegangen. Sie taten es aber nicht, und ich blieb: ich brauchte nicht zu fürchten, indiskret zu scheinen, da ich mir wohl bewußt war, wie ungeheuer fern ich den düsteren, russischen Problemen stand, die sie bewegten.

Fräulein Haldin, mutig und offenherzig wie immer, behielt trotz der Erregung ihre Stimme in der Gewalt.

»Was kann dies bedeuten?« fragte sie, als spräche sie zu sich selbst.

»Es mag bedeuten, daß Sie selbst sich an leere Traumbilder verloren haben, während ich es fertiggebracht habe, mitten in der Wahrheit der Dinge und den Wirklichkeiten unseres russischen Lebens, so wie es ist, stehenzubleiben.«

»Es ist grausam«, murmelte sie.

»Und widerwärtig. Vergessen Sie das nicht – und widerwärtig. Sehen Sie, wohin Sie wollen. Sehen Sie sich hier um, hier im Ausland, wo Sie sind, und dann sehen Sie zurück nach der Heimat, aus der Sie kommen.«

»Man muß über die Gegenwart hinaussehen.« In ihren Worten klang heiße Überzeugung.

»Das kann der Blinde am besten. Ich habe das Unglück gehabt, mit scharfen Augen zur Welt zu kommen. Und wenn Sie nur wüßten, was für merkwürdige Dinge ich gesehen habe, was für verblüffende und unerwartete Enthüllungen! ... Doch warum von alledem reden?«

»Im Gegenteil. Ich möchte von alledem mit Ihnen sprechen«, gab sie ernst zurück. Die düsteren Stimmungen von ihres Bruders Freund ließen sie unberührt, als wären seine Bitterkeit, der unterdrückte Ärger die Beweise einer empörten Geradheit. Sie sah wohl, daß er kein gewöhnlicher Mensch war, und vielleicht wollte sie ihn gar nicht anders, als er ihren gläubigen Augen erschien. »Jawohl, gerade mit Ihnen«, beharrte sie. »Mit Ihnen unter allen Russen der Welt ... « Ein leichtes Lächeln spielte einen Augenblick lang um ihre Lippen. »Ich bin in gewisser Art wie meine arme Mutter. Auch ich kann, scheint es, unseren geliebten Toten nicht aufgeben, der uns, vergessen Sie nicht, alles in allem war. Ich möchte Ihre Sympathie nicht mißbrauchen, doch müssen Sie verstehen, daß wir nur in Ihnen alles finden können, was von seiner edlen Seele geblieben ist.«

Ich sah nach ihm; keine Fiber seines Gesichtes rührte sich. Und doch hielt ich ihn selbst in diesem Augenblick nicht für unempfindlich. Er schien in tiefen Gedanken befangen. Dann fuhr er leicht zusammen.

»Sie wollen gehen, Kyrill Sidorowitsch?« fragte sie.

»Ich? Gehen? Wohin? O ja, doch ich muß Ihnen zuerst sagen ... « Seine Stimme klang erstickt, und er zwang sich mit sichtlichem Widerstreben zum Reden, als wäre das eine widerliche oder lebensgefährliche Sache. »Die Geschichte, wissen Sie, – die Geschichte, die ich heute nachmittag hörte ... «

»Ich kenne die Geschichte schon«, sagte sie traurig.

»Sie kennen sie! Haben auch Sie Korrespondenten in St. Petersburg?«

»Nein. Es ist Sofia Antonowna. Ich habe sie eben erst gesehen. Sie läßt Sie grüßen. Sie reist morgen ab.«

Er senkte endlich seinen starren Blick; auch sie sah zu Boden, und wie sie so in demselben Licht voreinander standen, zwischen den vier kahlen Wänden, schienen sie den endlos verschwimmenden östlichen Weiten entrückt und der Beobachtung meiner Augen, den Augen des Westens, grausam preisgegeben. Und ich beobachtete sie. Es gab nichts sonst zu tun. Die beiden schienen meine Anwesenheit völlig vergessen zu haben, daß ich es nicht wagte, mich zu rühren. Und ich dachte mir, daß sie ganz natürlich zusammenkommen müßten, die Schwester und der Freund des jungen Toten. Die Ideen, die Hoffnungen, Bestrebungen, die Sache der Freiheit, alles, was aus ihrer gemeinsamen Zuneigung für Viktor Haldin, jenes moralische Opfer der Autorität, sprach – alles das mußte sie übermächtig zueinander treiben. Ihre gänzliche Ahnungslosigkeit und seine Einsamkeit, auf die er so merkwürdig angespielt hatte, mußten mithelfen. Und ich sah, daß es tatsächlich schon geschehen war. Natürlich. Es lag auf der Hand, daß die beiden lange vor ihrem ersten Zusammentreffen aneinander gedacht haben mußten. Sie hatte den Brief des geliebten Bruders, der durch die ernsten Lobesworte über jenen einen Namen ihre Phantasie aufstachelte, und für ihn war es genug, dieses Ausnahmemädchen zu sehen. Das einzig Überraschende war seine düstere Verschlossenheit vor ihrer offen gezeigten Willkommensfreude. Doch er war jung und nicht blind, so rein und stark er auch seinen revolutionären Idealen ergeben sein mochte. Die Zeit der Zurückhaltung war vorbei. Er schien im Begriff, aus sich herauszutreten. Ich konnte die Bedeutung dieses späten Besuchs nicht mißverstehen, denn nichts von dem, was er zu sagen hatte, war unaufschiebbar dringend. Der wahre Grund dämmerte mir auf: er hatte erkannt, daß er sie brauchte – und sie wurde von dem gleichen Gefühl geleitet. Es war das zweitemal, daß ich sie zusammen sah, und ich wußte, daß ich bei ihrer nächsten Begegnung nicht gegenwärtig sein würde, weder erinnert noch vergessen. Ich würde einfach für diese beiden jungen Leute zu existieren aufgehört haben.

Diese Erkenntnis kam mir in ganz wenig Augenblicken. Inzwischen erzählte Natalie Haldin Rasumoff in kurzen Worten von unseren Wanderungen durch Genf von einem Ende zum andern. Während sie sprach, hob sie die Hand, um ihren Schleier loszubinden. Diese Bewegung verriet für einen Augenblick die ganze verführerische Anmut ihres jugendlichen Körpers in der einfachen Trauerkleidung. In dem leichten Schatten, den der Hutrand über ihr Gesicht warf, gewannen ihre grauen Augen einen berückenden Glanz. Ihre Stimme mit dem unweiblichen und doch reizvollen Timbre klang fest, und sie sprach rasch, frei und ungehemmt. Als sie ihre Handlungsweise mit dem Zustand ihrer Mutter entschuldigte, kam ein gequälter Ausdruck in ihr Gesicht. Ich bemerkte, daß er mit dem abgewandten Blick eher einer feinen Musik als bloßen Worten zu lauschen schien. Und als sie schwieg, verharrte er in derselben Stellung, regungslos lauschend, wie unter dem Bann der verführerischen Klänge. Dann kam er zu sich und murmelte:

»Ja, ja. Sie hat keine Träne vergossen. Sie schien nicht zu hören, was ich sagte. Ich hätte ihr irgend etwas sagen können. Es schien, als gehörte sie nicht länger dieser Welt an.«

Fräulein Haldin zeigte aufrichtige Betrübnis. Ihre Stimme schwankte. »Sie wissen nicht, wie hart ich es nun habe. Jetzt erwartet sie ihn zu sehen!« Der Schleier glitt ihr aus den Fingern, und sie schlug angstvoll die Hände zusammen. »Es wird damit enden, daß sie ihn sieht!«, rief sie.

Rasumoff hob scharf den Kopf und warf ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu.

»Hm. Das ist sehr möglich«, murmelte er in einem merkwürdigen Ton, als gäbe er ein sachliches Urteil über irgendein Ereignis ab. »Ich möchte nur wissen, was ... « Er unterbrach sich. »Das wäre das Ende. Dann wäre es mit ihrem Verstande vorbei, und ihre Seele würde folgen.«

Fräulein Haldin zog die Hände auseinander und ließ sie niedersinken.

»Glauben Sie das?« fragte er dumpf. Fräulein Haldins Lippen waren leicht geöffnet. Irgend etwas Unerwartetes und Unaussprechliches in dem Charakter des jungen Mannes hatte sie vom ersten Augenblick an gereizt. »Nein. Weder Wahrheit noch Trost ist von den Erscheinungen der Toten zu erwarten«, fügte er nach einer drückenden Pause hinzu. »Ich hätte ihr etwas Wahres sagen können; zum Beispiel, daß Ihr Bruder die Absicht hatte, sein Leben zu retten, zu fliehen. Darüber ist kein Zweifel möglich. Ich tat es aber nicht.«

»Sie taten es nicht! Warum denn nur?«

»Ich weiß nicht. Mir kamen andere Gedanken«, antwortete er. Mir schien es, als beobachte er sich selbst innerlich, als versuchte er, seine eigenen Herzschläge zu zählen, während seine Augen keinen Augenblick von dem Gesicht des Mädchens wichen. »Sie waren nicht da«, fuhr er fort. »Ich hatte mich entschlossen, Sie nie wiederzusehen.«

Dies schien sie einen Augenblick gänzlich außer Fassung zu bringen.

»Sie ... Wie ist das möglich?«

»Sie können gut fragen ... Immerhin glaube ich, daß ich mich durch Klugheit zurückhalten ließ, es Ihrer Mutter zu sagen. Ich hätte ihr versichern können, daß er in dem letzten Gespräch, das er als freier Mann führte, Sie beide erwähnte ... «

»Dieses letzte Gespräch hatte er mit Ihnen«, fiel sie mit ihrer tiefen, klingenden Stimme ein. »Eines Tages müssen Sie ... «

»Jawohl, mit mir. Von Ihnen sagte er, daß Sie treue Augen hätten. Und ich weiß nicht, warum ich nicht imstande war, diesen Ausspruch zu vergessen. Er meinte damit, daß in Ihnen kein Falsch ist, kein Mißtrauen, keine Lüge –, daß nichts in Ihrem Herzen ist, was Sie dazu bringen könnte, sich eine lebende, handelnde, sprechende Lüge zu denken, wenn sie Ihnen je begegnen sollte. Daß Sie ein vorbestimmtes Opfer sind ... O welch höllischer Gedanke!«

Der krampfhafte Klang der letzten Worte durchbrach die eiserne Beherrschung, die er über sich hatte. Er schien ein Mann, der auf einem hohen Grat seine eigene Schwindelfreiheit erproben will und plötzlich am Rande des Abgrundes taumelt. Fräulein Haldin preßte die Hand an die Brust. Der schwarze Schleier lag zwischen ihnen auf dem Boden. Ihre Bewegung beruhigte ihn. Er sah fest auf ihre Hand, bis sie langsam sank, und hob dann den Blick wieder zu ihrem Gesicht. Doch er ließ ihr keine Zeit zu sprechen.

»Nein? Sie verstehen nicht? Ganz recht.« Er hatte durch eine ans Wunderbare grenzende Willensanstrengung seine Ruhe wiedererlangt.

»So haben Sie mit Sofia Antonowna gesprochen?«

»Ja. Sofia Antonowna sagte mir ... « Fräulein Haldin brach ab, und ein Ausdruck des Staunens kam in ihre weit geöffneten Augen.

»Hm. Das ist die einzige Feindin, mit der zu rechnen ist«, murmelte er, als wäre er allein.

»Sie sprach in den denkbar freundlichsten Ausdrücken von Ihnen«, bemerkte Fräulein Haldin nach einem kurzen Warten.

»Haben Sie den Eindruck? Und dabei ist sie noch die Intelligenteste der ganzen Bande. Dann geht also alles so gut wie nur möglich. Alles scheint verschworen... O diese Verschwörer«, sagte er langsam und verächtlich. »Sie würden Sie im Handumdrehen an sich reißen. Wissen Sie, Natalia Viktorowna, daß ich die größte Mühe habe, mich vor dem Aberglauben an eine tätige Vorsehung zu retten. Es scheint unwiderstehlich ... Das Gegenstück dazu wäre natürlich der leibhaftige Teufel unserer schlichten Altvorderen. Wenn es aber so ist, dann hat er es zu toll getrieben – der alte Vater der Lüge – unser Nationalpatron – unser Hausgötze, den wir mit uns nehmen, wenn wir ins Ausland gehen. Er hat es zu weit getrieben. Es scheint, daß ich nicht schlecht genug bin ... Das ist es! Ich hätte wissen müssen ... und ich wußte es«, fügte er hinzu, im Ton eines so aufrichtigen Schmerzes, daß er mich damit aus meiner Verblüffung riß.

»Dieser Mann ist gestört«, sagte ich mir in hellem Schrecken.

Im nächsten Augenblick verhalf er mir zu einer ganz unerhörten Sensation, die außerhalb des Bereichs jeder gemeinhin denkbaren Definition liegt. Es war, als hätte er sich draußen irgendwo einen Dolchstoß beigebracht und sei nun hereingekommen, um es zu zeigen; und mehr noch – als drehte er das Messer in der Wunde um und wollte die Wirkung beobachten. Das war, ins Physische übersetzt, mein Eindruck. Mann konnte sich eines gewissen Mitleids nicht erwehren. Wegen Fräulein Haldin aber, die ohnedies schon in ihrem Innersten so angegriffen war, fühlte ich eine lebhafte Sorge. Ihre Haltung, ihr Gesicht zeigten einen Kampf zwischen Mitleid, Zweifel und Grauen.

»Was ist es, Kyrill Sidorowitsch?« Ein Schatten von Zärtlichkeit klang in diesem Aufschrei mit. Er sah sie nur starr an, mit dem gänzlichen Nachlassen aller Fähigkeiten, die bei einem glücklichen Liebhaber Ekstase zu nennen gewesen wäre.

»Warum sehen Sie mich so an, Kyrill Sidorowitsch? Ich bin Ihnen offen entgegengetreten. Ich muß diesmal klarsehen in mir selbst ... « Sie schwieg einen Augenblick, als wollte sie ihm die Möglichkeit lassen, wenigstens mit einem Wort ihr unbegrenztes Vertrauen in den Freund ihres Bruders zu rechtfertigen. Sein Schweigen war eindrucksvoll und schien einen augenblicklichen Entschluß zu verraten.

Endlich fuhr Fräulein Haldin beschwörend fort:

»Ich habe sehnsüchtig auf Sie gewartet. Nun aber, da Sie sich in Ihrer Güte entschlossen haben, zu uns zu kommen, erschrecken Sie mich. Sie sprechen unverständlich. Es scheint, als wollten Sie mir etwas verbergen.«

»Sagen Sie mir, Natalia Viktorowna«, brachte er schließlich mit merkwürdig klangloser Stimme hervor, »wen haben Sie an jenem Ort gesehen?«

Sie schien erschreckt und in ihren Erwartungen enttäuscht.

»Wo? Bei Peter Iwanowitsch? Herr Laspara war da und drei andere.«

»Oho! Die Avantgarde – die vernichtete Hoffnung des großen Coups«, dachte er; und dann laut: »Die Träger des Funkens, der eine Explosion herbeiführen und dadurch das Leben so und so vieler Millionen Menschen so gründlich ändern soll, daß Peter Iwanowitsch ein Staatsoberhaupt werden kann.«

»Sie machen sich über mich lustig«, sagte sie. »Der eine, der uns lieb war, sagte mir einmal, ich sollte nie vergessen, daß Menschen immer etwas Größerem dienen als nur sich selbst – der Idee.«

»Der eine, der uns lieb war«, wiederholte er langsam. In der Anstrengung, ruhig zu erscheinen, gingen seine ganzen seelischen Kräfte auf. Er stand vor ihr, als wäre kaum noch Leben in ihm. Seine Augen hatten wie in großem physischem Schmerz allen Glanz verloren. »Oh! Ihr Bruder ... Aber von Ihren Lippen, mit Ihrer Stimme klingt es … An Ihnen ist wirklich alles göttlich ... Ich wollte, ich könnte die verborgensten Tiefen Ihrer Gedanken, Ihrer Gefühle erfassen ... «

»Aber warum, Kyrill Sidorowitsch«, rief sie aus, halb erschreckt von diesen Worten, die von so befremdend leblosen Lippen kamen.

»Fürchten Sie nichts! Ich wünschte es nicht, um Sie zu verraten. Sie sind also dahin gegangen? … Und Sofia Antonowna, was hat sie Ihnen gesagt?«

»Sie hat nur ganz wenig gesagt. Sie wußte, daß ich alles von Ihnen erfahren würde. Sie hatte nicht Zeit für mehr als ein paar flüchtige Worte.«

Fräulein Haldin machte eine kurze Pause und fügte dann traurig hinzu: »Es scheint, daß der Mann sich das Leben genommen hat,«

»Sagen Sie mir, Natalia Viktorowna«, fragte er zögernd, »glauben Sie an Reue?«

»Was für eine Frage?«

»Was können Sie davon wissen«, murmelte er finster. »Das ist nichts für Ihresgleichen ... Ich wollte nur wissen, ob Sie an die Wirksamkeit der Reue glauben?«

Sie schwankte, als hätte sie nicht verstanden; dann erhellte sich ihr Gesicht.

»Ja«, sagte sie fest.

»So ist er freigesprochen. Überdies war jener Siemianitsch ein betrunkenes Vieh.«

Natalie Haldin erschauerte.

»Aber ein Mann aus dem Volk«, fuhr Rasumoff fort. »Aus dem Volke, dem sie, die Revolutionäre, die märchenhaftesten Hoffnungen aufbinden. Ja. Dem Volke muß verziehen werden ... Und Sie müssen auch nicht alles glauben, was Ihnen aus jener Quelle kam«, fügte er mit düsterem Widerstreben hinzu.

»Sie verbergen mir etwas!« rief sie aus.

»Glauben Sie, Natalia Viktorowna, an die Verpflichtung zur Rache?«

»Hören Sie, Kyrill Sidorowitsch. Ich glaube, daß die Zukunft uns allen gnädig sein wird. Revolutionär und Reaktionär, Opfer und Henker, Verräter und Verratener, sie alle werden in gleicher Weise Gnade finden, wenn einmal das Licht aus unserem dunklen Himmel bricht. Gnade und Vergessen; denn ohne das gäbe es keine Einigung und keine Liebe.«

»Ich höre. Es gibt also keine Rache für Sie? Niemals? Nicht im geringsten?« Ein bitteres Lächeln erschien auf seinen farblosen Lippen. »Sie selbst scheinen geradezu der Genius jener gnadenreichen Zukunft. Merkwürdig, daß sie dadurch nicht leichter wird ... Nein! Aber gesetzt den Fall, der wirkliche Verräter Ihres Bruders – Siemianitsch spielte auch eine Rolle dabei, doch gänzlich untergeordnet und unfreiwillig –, nehmen Sie an, daß der wirkliche Verräter ein junger Mann sei, gebildet, ein geistiger Arbeiter mit eigenen Gedanken, ein Mann, dem Ihr Bruder in einem gewissen Grade vertraut haben mag, aber doch – nehmen Sie an ... Aber das ist eine ganze Geschichte.«

»Und Sie kennen die Geschichte! Aber warum dann –«

»Ich habe sie gehört. Ein Treppenhaus kommt darin vor und sogar Gespenster. Aber das tut nichts zur Sache, wenn ein Mensch immer etwas Größerem dient als sich selbst – der Idee. Ich frage mich, wer das größte Opfer in dieser Geschichte ist.«

»In dieser Geschichte!« wiederholte Fräulein Haldin. Sie schien wie zu Stein erstarrt.

»Wissen Sie, warum ich zu Ihnen kam? Einfach, weil es niemand in der ganzen großen Welt gibt, zu dem ich hätte gehen können. Verstehen Sie, was ich sage. Niemand, zu dem ich hätte gehen können. Erfassen Sie die Trostlosigkeit des Gedankens –, niemand – zu dem – ich - hätte – gehen – können.«

Ihre eigene Auslegung von zwei Zeilen in dem Brief eines Phantasten, die eigene Furcht vor einsamen Tagen, die eigenen Sorgen, die ihr aus den täglichen Widerwärtigkeiten kamen, hatten sie so befangen gemacht, daß sie außerstande war, zu bemerken, wie sich ihm die Wahrheit auf die Lippen drängte. Sie fühlte nur dunkel, daß er litt. Schon war sie im Begriff, ihm in einer Aufwallung die Hand entgegenzustrecken, als er wieder zu sprechen anfing:

»Eine Stunde, nachdem ich Sie zum erstenmal gesehen hatte, wußte ich, wie es kommen würde. Die Schrecken der Reue, Rache, Wut, Haß, Furcht sind nichts gegen die grausame Versuchung, in die Sie mich führten, an dem Tage, an dem Sie vor mir erschienen, mit Ihrer Stimme, mit Ihrem Gesicht, in dem Park jener verfluchten Villa.«

Sie schien einen Augenblick erstaunt und ging dann mit einer Art verzweifelten Scharfblicks auf den brennenden Punkt los.

»Die Geschichte, Kyrill Sidorowitsch, die Geschichte!«

»Es ist nichts mehr zu sagen.« Er machte eine Bewegung nach vorwärts, und sie legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn wegzuhalten; doch die Kräfte verließen sie, und er blieb, wo er war, wenn er auch an allen Gliedern zitterte. »Sie endet hier – hier auf diesem Fleck.« Er stieß den Zeigefinger wie anklagend gegen die eigene Brust und versank in völlige Reglosigkeit.

Ich stürzte vor, riß einen Stuhl mit und kam gerade noch zurecht, um Fräulein Haldin aufzufangen und niederzulassen. Während sie sich in den Sessel sinken ließ, drehte sie sich in meinem Arm halb um und blieb von uns beiden abgewandt über die Lehne geneigt. Er stierte sie mit furchtbar ausdrucksloser Ruhe an. Mich beraubten eine Zeitlang Ungläubigkeit, die mit Erstaunen kämpfte, Wut und Ekel der Sprache. Dann wandte ich mich zu ihm und konnte nur flüstern vor Wut:

»Das ist ungeheuerlich. Worauf warten Sie noch! Lassen Sie sich nicht noch einmal vor ihr sehen. Gehen Sie! ... « Er rührte sich nicht. »Verstehen Sie denn nicht, daß Ihre Gegenwart unerträglich ist? Sogar mir? Wenn noch der leistete Rest von Schamgefühl in Ihnen ist ... «

Langsam wandten sich seine stieren Augen mir zu. »Wie ist dieser alte Mann hierhergekommen?« murmelte er verblüfft.

Plötzlich sprang Fräulein Haldin vom Stuhle auf, machte ein paar Schritte und schwankte. Ich vergaß meine Empörung und sogar den Menschen selbst und eilte ihr zu Hilfe. Ich faßte sie am Arm, und sie ließ sich von mir ins Wohnzimmer führen. Außerhalb des Lichtkreises der Lampe, in dem Halbdunkel der Fensternische, erschien das Profil von Frau Haldin, ihre Hände, ihre ganze Gestalt, mit der Regungslosigkeit eines dunkel getönten Gemäldes. Fräulein Haldin blieb stehen und wies traurig auf die trostlose Starrheit ihrer Mutter, die immer noch ein geliebtes Haupt, das in ihrem Schoße ruhte, zu betrachten schien.

Ihre Geste hatte eine unerhörte Ausdruckskraft. Und es sprach daraus eine so tiefe, menschliche Trauer, daß man nicht glauben konnte, sie wiese damit nur auf das ruchlose Werk politischer Einrichtungen. Nachdem ich Fräulein Haldin bis zum Sofa gebracht hatte, ging ich zurück, um die Tür zu schließen. In ihrem Rahmen gewahrte ich Rasumoff, der immer noch in dem grellen Licht des weißen Vorzimmers vor dem leeren Stuhl stand, als wäre er für ewig an den Ort seiner grausamen Beichte gebannt. Mich überkam Staunen, daß die geheimnisvolle Macht, die ihm das Geständnis entrissen, nicht auch sein Leben zerstört, seinen Körper zerschmettert hatte. Er stand unversehrt vor mir. Ich starrte auf die breite Linie seiner Schultern, seinen dunklen Kopf, die verblüffende Unbeweglichkeit seiner Glieder. In dem harten, weißen Licht hob sich der Schleier, den Fräulein Haldin zu seinen Füßen hatte niederfallen lassen, grell schwarz ab. Er sah wie verzaubert darauf hinab. Im nächsten Augenblick bückte er sich mit einer unglaublichen Heftigkeit, hob das Gewebe hoch und preßte es mit beiden Händen an sein Gesicht. Irgend etwas, vielleicht grenzenloses Staunen, trübte mir den Blick, so daß er mir entschwand, bevor er sich noch gerührt hatte.

Das Zuschlagen der Außentür gab mir die Sehschärfe zurück, und ich fuhr fort, den leeren Stuhl in dem leeren Vorzimmer zu betrachten. Plötzlich kam mir mit einem Ruck die Bedeutung dessen, was ich eben gesehen, zum Bewußtsein. Ich faßte Natalie Haldin bei der Schulter: »Der elende Schuft hat Ihren Schleier mit fortgenommen!« rief ich aus, erschreckt und halb von Sinnen durch die furchtbare Entdeckung. »Er ... «

Der Rest blieb ungesprochen. Ich trat zurück und sah in schweigendem Grauen auf sie hinunter. Ihre Hände lagen leblos, mit nach oben gekehrten Handflächen, in ihrem Schoß. Sie erhob langsam ihre grauen Augen. Schatten schienen darin zu kommen und zu gehen, als ob die ruhig brennende Flamme ihrer Seele nun doch zu flackern begonnen hätte in dem verspäteten Luftzug, der aus jener verderbten dunklen Unendlichkeit herschlug, zu der auch sie gehörte und wo sogar die Tugenden zum Verbrechen werden, in dem Zynismus, der aus Unterdrückung und Empörung geboren wird.

»Man kann nicht unglücklicher sein ... « Ihr leises Flüstern erfüllte mich mit Schmerz. »Es ist unmöglich ... Ich fühle, wie mein Herz zu Eis wird.«

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